Es ist erstaunlich, wie offen Gerhard Wegner, der Leiter des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD, als Mitglied des EKD-Beirates für die KMU V die starke Gemeindeorientierung der Kirchenglieder einräumt (vgl. DPfBl 1/2016, 20f). Bereits im Juni 2014 hatte er die hohe Bedeutung von Ortsgemeinden und PastorInnen als zentrales KMU-Ergebnis betont. Andere EKD-Interpreten waren da noch entschieden gemeinde- und pastorenkritisch unterwegs – abgesehen von Thies Gundlach, der als Geschäftsführer der EKD schon März 2014 die alleinige Wahrnehmung der »Vor-Ort-Kirche« festhielt (bei gleichzeitiger »Unsichtbarkeit« der aufwändig inszenierten »Kirchenkreis-Kirche«).


Fiktion einer Großstadt-Kirche

Seit Dezember 2015 sind – nach zweijähriger Geheimniskrämerei – endlich alle Befragungsdaten öffentlich. Nun wird sichtbar: die Gemeinde- und PastorInnen-Orientierung der Evangelischen ist sehr wahrscheinlich viel ausgeprägter, als die KMU V erkennen kann. Denn sie hat eine »Großstadt-Stichprobe« interviewt, die ja wesentlich gemeinde- und pastorenferner votiert als Befragte im dörflich-kleinstädtischen Raum. Nahezu 80% der befragten Kirchenglieder sind Großstädter (s. KMU-V-Bericht, 2015, 526).



Ganz anders als die repräsentative KMU IV von 2002 basiert die KMU V von 2012 auf einer monströsen Großstadt-Dominanz, die sich umgekehrt proportional zur realen Bevölkerungsverteilung mit ihrem ländlich-kleinstädtischen Übergewicht verhält – und darum die Repräsentativität dieser Erhebung zerstört: 78% der ev. Befragten wohnen in Großstädten, obwohl dort gerade einmal 31% der Bevölkerung lebt (in Niedersachsen sogar nur 17%). Nur 22% der befragten Evangelischen stammen aus dem ländlich-kleinstädtischen Raum mit einem Bevölkerungsanteil von 68% (Niedersachsen: 83%)! Lediglich 9% der evang. Stichprobe kommen aus dem ländlichen Bereich (Bevölkerungsanteil: 41%; Niedersachsen 47%)! Allein schon diese Zahlen zeigen übrigens, wie absurd es ist, sich kirchlich »aus der Fläche zurückzuziehen«, wie oft so (un-)schön gesagt!


Kirchengemeinden – bisher »blinde Flecken« für Kirchensoziologen

Jeder neutrale Beobachter fragt sich natürlich erschrocken: Warum macht »man« so etwas? Will da jemand nur sein Wunschbild einer gemeinde- und pastorenkritischen, auf übergemeindliche Dienste fixierten Großstadt-Kirche bestätigen? Ähnliches hatte jedenfalls ein Superintendent erlebt: Zur Begutachtung seiner mitgliederstabilen Gemeinden lud er immer wieder Soziologen ein. Doch die kamen nie. Sie verweigerten beharrlich, was Wegner so nachdrücklich anmahnt: »Forschung über erfolgreiche Kirchengemeinden«. Offensichtlich wollten sie ihr vorgefasstes Kirchenbild nicht stören lassen! Wer jedoch so irrational handelt, riskiert letztlich seine Existenz, wie VW oder Deutsche Bank dies zurzeit erleiden! Es ist darum sehr plausibel, wenn Wegner diesen »argen Realitätsverlust« kirchensoziologischer Gemeindeleugnung mit der »Tradition der KMU« erklärt, in der »Kirchengemeinden … als im Kern bornierte, milieuverengte, überalterte und sozial letztendlich marginalisierte Restbestände des volkskirchlichen Christentums« galten.


Raffinierte Fragestrategie vermindert Umfragewerte für Gemeinden und Gemeinde-PastorInnen

Leider ist auch die KMU V nicht frei von solchem irrationalen Verhalten: Ihre fast vollständige Ausblendung ländlich-kleinstädtischer Orte, in denen pastorale Gemeindearbeit noch viel stärker erfahrbar wird als in Großstädten, senkt zwangsläufig die Umfragewerte für parochiale und pastorale Verbundenheit erheblich. Die seinerzeit noch repräsentative KMU IV von 2002 erfuhr z.B., dass von 53% (!) der Evangelischen, die ihren Gemeindepastor gesprochen hatten, dieses Gespräch 92% als sehr gut und gut, 7% als weniger gut, 0% als schlecht beurteilten (s. KMU-IV-Bericht von 2006, 451).

Eine raffinierte Fragestellung vervollständigt diese gezielte Gemeinde- und Pastorenausblendung. Obwohl Kirchenglieder vorrangig die vielfältige Gemeinde-Präsenz erleben, erheben die Fragen 10a und 10b zuerst – ohne die Ortsgemeinde zu erwähnen – den Verbundenheitsgrad mit der – übrigens sprachlich wie rechtlich inkorrekt benannten – »evangelischen Kirche« (s. S. 468). Vermutlich beziehen viele Befragte ihre Verbundenheits-Angaben ganz arglos auf ihre Gemeinde, ohne den Trick zu durchschauen, dass hier gerade nicht nach der »naheliegenden« Ortsgemeinde gefragt wird.

Die bewusst nachgeordnete Frage 11 versteckt die (ungeliebte) Ortsgemeinde dann völlig unsachgemäß unter andere »Bereiche kirchlicher Arbeit« wie evang. Schulen, Kitas, Krankenhäuser, Pflegeheime. Unvoreingenommene Forscher hätten hier in einer gemeinsamen Frage die Verbundenheit mit EKD, Landeskirche und Ortsgemeinde erhoben. Doch dieser allein aussagekräftige Direktvergleich wurde offenbar gescheut. Er hätte mit Sicherheit eine noch höhere Gemeindeverbundenheit ergeben, worauf die deutlich niedrigeren Verbundenheitswerte mit der Landeskirche hindeuten (s. ebd., 469).


Angemessene Wahrnehmung der PastorInnen erschwert

In ähnlicher Weise wird auch die angemessene Wahrnehmung der PastorInnen mehrfach erschwert: So liegt den Befragten die wichtige pastorale Aufgabenliste nicht mehr vor, obwohl (oder vielleicht weil) sie in der KMU IV noch ungewöhnlich hohe Umfragewerte erbrachte: Kasualien (6,25 in einer 7-gliedrigen Skala), Seelsorge (6,21), Kümmern »um Probleme von Menschen in sozialen Notlagen« (6,11), Verkündigung (5,95), Gottesdienst (5,86). Stattdessen werden nun diese genuin pastoralen Arbeitsfelder als »allgemein-kirchliche Aufgaben« erfragt und damit bewusst von den Pfarrpersonen getrennt!

Zudem werden »PastorInnen« oft in der Gruppe der »kirchlich Mitarbeitenden« versteckt – die wohl folgenschwerste »Pastoren-Entsorgung«! Denn natürlich sinkt damit die Bedeutung dieser ominösen »Mitarbeitenden« für die religiöse Sozialisation auf 33,9%. Dabei hatte die repräsentative KMU IV von 2002 noch ergeben, dass nach Eltern (81%) und Großeltern (70%) für 60% der Evangelischen die PastorInnen die wichtigsten religiösen Einflusspersonen sind – weit vor Lehrern (33%), kirchlichen Repräsentanten (10%) oder gar dem Internet (1%). Eine derartige Zustimmung für PastorInnen sollte in der KMU V einfach unterbleiben!

Noch listiger wird die sonst gewiss viel stärkere Wahrnehmung von PastorInnen bei der neu eingeführten Frage nach einer Assoziationsperson für die »evangelische Kirche« verhindert. Die bewusst im Singular formulierte Frage nach nur einer Person legt die Nennung bekannter kirchlicher Persönlichkeiten wie z.B. Luther nahe und wehrt die – zumindest häufigere – Nennung von Pastoren ab. Im Plural gefragt, hätte es dagegen weitaus öfter als Antwort »Pastoren« geheißen. Interessanterweise zitieren die EKD-Interpreten diese Frage stets sprachlich inkorrekt im Plural! Im Übrigen hätte die Frage nach einer Assoziationsperson für die Ortsgemeinde viel näher gelegen. Aber die dann zu erwartende Antwort wollte man wohl keinesfalls hören!


Plädoyer für eine gemeindlich-pastorale Begleitungskirche

Doch all diese Tricks haben letztlich nichts gefruchtet: Weder die abstrus großstadt-lastige Befragten-Auswahl noch die suggestive Befragungsstrategie oder die gemeinde- und pastorenkritischen Umdeutungsversuche von 2014 konnten verhindern, dass sogar die KMU V gleichsam »wider Willen« feststellen muss: Gemeinde-PastorInnen gelten für die Evangelischen weiterhin als kirchlich zentrale Schlüsselpersonen, als Hauptrepräsentanten der Gemeinden und Hauptadressaten der Kirchengliedererwartungen auf gemeindlich-pastorale Arbeit.

Zudem bleiben aus der Sicht der Kirchenglieder, was gewiss nicht nur Gerhard Wegner erkennbar überrascht, »die Ortsgemeinden eindeutig die Basis der Arbeit der evangelischen Kirche«. Sie sind »die mit Abstand wichtigste Drehscheibe der Kirchenmitgliedschaft«. Dabei ist diese Gemeinde-Verbundenheit gerade »nicht auf bestimmte soziale Milieus oder biographische Verhältnisse beschränkt«, wie auch Jan Hermelink und Gerald Kretzschmar vom Wissenschaftlichen Beirat der EKD anerkennen.


Ortsgemeinden mitverantwortlich für kirchlichen Verfall?

Beinahe etwas pflichtschuldig äußert Wegner auch Kritik an den Kirchengemeinden: Sie bekämen ja mindestens zwei Drittel aller kirchlichen Ressourcen und seien deshalb – auch wegen durchaus fraglicher Qualität – mitverantwortlich »für die offenkundigen Verfallserscheinungen kirchlicher Performanz«.

Dem ist aus gemeindlicher Sicht Dreierlei zu entgegnen:

1. In der hannoverschen Landeskirche erhielten Kirchengemeinden 2015 nur ca. 40% der kirchlichen Geldmittel. Nach offiziellen Angaben wurden 2015 den Kirchenkreisen und Kirchengemeinden 224,8 Mio. €. direkt zugewiesen – bei 544,1 Mio. € Gesamteinnahmen. Mit indirekten Zuwendungen ergeben sich ca. 290 Mio. €. an Kirchenkreise und Kirchengemeinden. Davon bekommen die Kirchenkreise 25%, die Kirchengemeinden aber nur 75% (= 217,5 Mio. €)! Aus anderen Landeskirchen wird Ähnliches berichtet.

2. Gerade die von Wegner anschaulich beschriebene jahrzehntelange Gemeindemissachtung der Kirchensoziologen verführte Kirchenleitungen und Synoden seit etwa 1995 zu zahlreichen gemeindeschädigenden »Reformen«. Und nun – nach zahllosen Pfarrstellenstreichungen, Regionalisierungen, Geld- und Geltungsentzügen bei gleichzeitiger Aufblähung von Kirchenkreisen und gemeindefernen Diensten – ausgerechnet die bös beschädigten Gemeinden auch noch mitverantwortlich zu machen für den in der Tat verheerenden Kirchenverfall, das ähnelt dem Vorwurf an Beinamputierte, warum sie nicht schneller und leichtfüßiger laufen. Zwar bewahrt gemeindlich-pastorale Arbeit trotz vielfacher Behinderung immer noch ihre erstaunlich hohe Qualität. Dennoch sind Pfarrbezirke mit 3000 und mehr Gemeindegliedern auf Dauer pastoral nicht verantwortbar, wie aus Wegners informativem Referat zur Netzwerkanalyse in der KMU V selbst hervorgeht: Danach kann allein schon aufgrund »physischer Kommunikationsgrenzen« eine PastorIn nur mit max. 100 Personen intensiv kommunizieren und dadurch bis zu 600-700 weitere Personen zur wechselseitigen Kommunikation anregen. Diese Zahlen entsprechen in etwa den Verbundenheitsanteilen in der KMU V (45%). Folglich darf ein pastoral verantwortbarer Pfarrbezirk max. ca. 1800 Gemeindeglieder umfassen, die übrigens 2014 mit ihrem Kirchensteueranteil von ca. 356.000 € mühelos auch eine Pfarrstelle finanzieren können!

3. Gemeindeschädigende Reformen führen zu enorm hohen Mitgliederverlusten: Verlor die hannoversche Landeskirche zu Reformbeginn (1995-2003) »nur« 5,5% ihrer Mitglieder, so schnellte dieser Verlust während der Reform-Hochzeit (2007-2015) auf 10,9%! Im Reformzeitraum 1995-2015 verlor die Landeskirche 18,6% (= 614.528) ihrer Mitglieder! Sehr reformeifrige Kirchenkreise, die ihre gewaltigen Gestaltungsräume besonders extensiv nutzten, erlitten dabei mit 20%, 29%, ja sogar mit 33% und 36% (!) noch extremere Verluste. Doch Kirchenkreise und Gemeinden mit hinreichend pastoraler Versorgung verloren deutlich weniger Mitglieder wie z.B. der Kirchenkreis Aurich: »nur« 4,7%; der pastoral sehr engagierte Kirchenkreis Rhauderfehn gewann sogar 1,4% Mitglieder hinzu. Und im scharfen Kontrast zu ihrem Stadtverband, der 28,5% Mitglieder verlor, büßte eine pastoral gut begleitete Innenstadt-Gemeinde in Hannover nur 10,6% ein, also 63% weniger! Schon diese wenigen Beispiele belegen: die schwerwiegenden Mitgliederverluste kann niemand allein durch Demographie wegerklären. Wir müssen schon Mitverantwortung für diese Verluste übernehmen. Wir verlieren Kirchenmitglieder (2012: 36.415) vor allem durch selbstverschuldete Austritte (2012: 16.400) und durch den auch im Vergleich zur Geburtenrate in Niedersachsen überproportionalen Rückgang der Kindertaufen (2012: 4000). Und hier wirken pastoral gut aufgestellte Kirchenkreise und Gemeinden eben weitaus erfolgreicher als pastoral ausgedünnte Gebiete. So lag z.B. die »Taufquote« der o.g. Innenstadtgemeinde mit 2775 Gemeindegliedern seit 1995 mit ca. 40 Taufen jährlich weit über dem landeskirchlichen Durchschnitt.


Die Gemeindeorientierung der Evangelischen endlich ernst nehmen

Trotz der »Beinahe-Revision« der KMU-Auslegung durch den KMU-V-Bericht von 2015 ist weiterhin ernst zu nehmen, was Reinhold Bingener befürchtet: »Dass es in Teilen der Führung der evangelische Kirche keine Scheu gibt, hartnäckig an den empirischen Erkenntnissen vorbeizuarbeiten.« (s. FAZ vom 9.3.2014) Leider bestätigen die »Perspektiven für die kirchenleitende Praxis« des EKD-Beirates (s. KMU-V-Bericht 2015, 450f) diese Gefahr. Obwohl die vorrangige Gemeinde-Orientierung der Kirchenglieder nun vielfach erwiesen ist, fordert der EKD-Beirat dennoch ein gleichrangiges Nebeneinander von Ortsgemeinden mit den »Gemeinden auf Zeit« – und verlangt ohne empirische Belege die konsequente Förderung einer »polyzentrischen Entwicklung« bei striktem Bestandsschutz der vielen kostspieligen Sondereinrichtungen, die offenbar sehr geschätzt, aber nie evaluiert werden.

Dabei muss jede verantwortliche Beratung die Kirchenleitung eher darauf verweisen, dass die Gemeinde- (und Pastoren-)Orientierung der Evangelischen noch viel stärker ist, als dies die KMU V aufzeigt, und dass darum jede »Erneuerung der Kirche«, die Wegner zurecht einklagt, heute die »Reform der Reform« bedeutet – nämlich Ortsgemeinden endlich wieder ihre personellen und finanziellen Mittel zurückzugeben, die sie für ihre zentrale kirchliche Arbeit dringend benötigen. Andernfalls verlieren wir noch mehr Kirchenglieder!


Herbert Dieckmann

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 3/2016

1 Kommentar zu diesem Artikel
22.07.2016 Ein Kommentar von Joachim Gorsolke Ich danke Herbert Dieckmann für diesen Beitrag, den ich mit großer Zustimmung gelesen habe. Er untermauert - nun auch anhand der neuesten KMU - einen Eindruck, den viele meiner Mitgeschwister im Pfarramt und ich selbst schon seit geraumer Zeit gehabt haben: dass das Anwachsen der übergemeindlichen Strukturen auf Kosten und zu Ungut der parochialen Gemeinden geschieht. Was bisher mehr ein "mulmuiges Gefühl" war, das hat nun eine statistische Basis erhalten. Wer aber lange genug im Pfarramt gearbeitet hat, für den ist die Erkenntnis, dass "die Struktur des Himmelreichs die Person ist" (Bischöf Wölber, ehemals Hamburg) tägliche Erfahrung und keine Theorie mehr. Unsere Landeskirchen sollten sich wirklich besser beraten lassen und eine - bisher eher ideologisch orientierte - Einschätzung der Motive für die Kirchengliedschaft zugunsten der Realität revidieren. Man darf gespannt sein, ob Dieckmanns Ruf nach einer "Reform der Reform" tatsächlich in den entscheidenden Gremien gehört wird und ob diese Erkenntnisse überhaupt dorthin transportiert werden. Pastor Joachim Gorsolke, Uetersen (Nordkirche)
Kommentieren Sie diesen Artikel
Pflichtfelder sind mit * markiert.
Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.
Spamschutz: dieses Feld bitte nicht ausfüllen.