Man muß nicht in die Hände spucken, ehe man sie faltet. (Franz Kafka)
In Luther brennt ein Feuer. Seine Leidenschaft besitzt einen Glutkern. Darüber müssen wir reden: über das, was für Luther selber wichtiger war als alles andere, wichtiger als er sich selbst. Wir verfehlen sonst den Aufruf zur Buße, der von ihm ausgeht. Gerade der aber ist Grund nicht nur zum Reformations-Gedenken, sondern zur Reformations-Feier. Natürlich soll Luther nicht in jeder Hinsicht verteidigt, aber gerade in dem, worin er uns ernsthaft zusetzt, ernst genommen werden. Sonst hält man sich bei Selbstverständlichkeiten auf, bei seinem Widerstand gegen allerhand (inzwischen weitgehend abgestellte) »Missbräuche« zum Beispiel.Nahezu ausschließlich hingegen wird in den gegenwärtigen Debatten der Luther-Dekade die Frage nach Luthers Moderne-Tauglichkeit gestellt – bei Apologeten und bei Kritikern. Immer nur geht es um Autonomie und Selbstbestimmung des Einzelnen, um Demokratie, Freiheitsrechte und Toleranz, um Aufklärung und Pluralismus. Ist er nicht, sagen etwa die Kritiker (doch in demselben gedanklichen Schema), »dem Mittelalter verhaftet« geblieben, »vormodern« – und das heißt: gegenwarts-untauglich? Nur Gegenstand historischer Forschung. Hinter den Horizont des heute Relevanten gefallen. Der Folklore und dem Tourismus zu überlassen.
Wie selbstverständlich wird unterstellt, die Reformation werde dann zu Recht gefeiert, wenn sie »Vorläufer« sei und »Wegbereiter«, wenn sie »Impulse«, »Weichenstellungen« und irgendwelche »Vorbereitungen« geliefert habe und mit ihr die Neuzeit schon heraufdämmere. Stillschweigend gilt dabei die Voraussetzung, wir Gegenwärtigen, Gipfel und Ziel der Geschichte, hätten es denn doch »so herrlich weit gebracht« – so dass darum die »Schrittmacher« ein wenig teilhaben dürften am Glanz der Errungenschaften des modernen Fortschritts. Darf Luther das beanspruchen? Luther – im Fortschrittszwang? Nein, die Perspektive ist falsch.
Die Grausamkeiten der Moderne
Der als Wegbereiter Gefeierte – partizipiert er dann aber auch am »Aufklärungspotential« der modernen Waffenentwicklung, am »Fortschritt von der Steinschleuder zur Megatonnenbombe« (Adorno), dem Geist der immer mörderischen Waffengenerationen der Vernichtungstechnologie (das gut genährte Vieh ist erst siebzig Jahre alt, hat aber schon hundert Generationen hervorgetrieben)? Die Waffentechnologie, die atomare, bakterielle, bio- und gen-, cyber- und drohnenwaffenförmige Vernichtungsmaschinerie, wissen wir mittlerweile, lernt wie der Teufel und scheint unaufhaltsam. Man kann ihr auch »ethische«, mindestens »nachdenkliche« Augen einsetzen. Durch die Moderne brennt sich die Grausamkeit ihrer Waffen. Reiß-Zähne setzen wir uns ein, bis wir ersticken. Die intelligentesten, teuersten Maschinen, über die die Menschheit heute verfügt, sind Höllenmaschinen. Die fortgeschrittenste, heutigste Technologie dient der Überwachung. »Die Zeiten sind hart, aber modern.« Schnell erweitert sich der »Undenkbarkeitshorizont«. Bessere Zeiten waren das, als ein »atomarer Winter«, das Erlöschen des Lebens auf der Erde, noch undenkbar waren. Vorläufer Luther? Nein.
Schon wahr, er redet immer wieder vom Teufel und von den Dämonen. Ja, darin mischt sich zweifellos Aberglaube. Wenn wir aber vom »Bösen« redeten statt vom »Teufel«? Gemeint ist dasselbe. Das Böse des 20. und des 21. Jh. Die Hölle auf Erden in Flüchtlingsströmen, islamistischem Terror, Weltkriegen und Vernichtungslagern. Eben in Waffenarsenalen, in unzertrennlicher Einheit mit ihrer Wissenschaft, ist die moderne Welt unheimlich zu Hause. Unbedingt behält sie sich die scharfgemachte, militärische, zuletzt vernichtungsförmige »ultima ratio« vor – und exekutiert sie häufig genug, unbelehrt von deren ja vielfach bereits eingetretenem Scheitern. Der Zugang zu dieser »ratio« öffnet sich mühelos wie eine angelehnte Tür, eine Hadespforte, die schon dem Druck einer Fingerspitze nachgibt. Auf der einen Seite die Flut des höllisch durchvollzogenen Bösen – und auf der anderen, neuzeitlich verklärt, die illusorischen, ideologischen Träume vom Heilen und Ganzen und mit sich Identischen und Authentischen des (meint der Moderne) lediglich mit Fehlern und Schwächen behafteten, im Grunde integren, es doch eigentlich gut meinenden Menschen. Angeleitet von Paulus redet Luther – unerbaulicherweise – vom abgrundtief Bösen, das im Menschen wohnt. Die Wahrheit richtet sich nicht danach, ob wir sie aushalten können. Genügt es zu befinden, Luther sei eben ein »pessimistischer Charakter«?
Nicht im einzelnen, doch im Grundsatz vorhersehbar ist der vielfältig mögliche, unter Umständen verheerende »Missbrauch« des riesigen modernen Macht- und Waffenpotentials. Er wird auch nicht auf sich warten lassen. Seine Möglichkeit (oder Wahrscheinlichkeit oder Unabwendbarkeit) wird von uns Modernen jedoch in Kauf genommen, vielleicht mit Gesten der Nachdenklichkeit, doch meist achselzuckend (»Es wird schon irgendwie gutgehen!«). Weil es keine Alternative zur Nötigung zu geben scheint, die gewaltige Technikfront in weitester Linie zu bedienen. Dabei sind neuzeitliche Wissenschaft und Rüstungsforschung als eineiige Zwillinge geboren. Wütend ineinander verzahnt, zu einem Kontinuum verschmolzen, finden sich Wissenschafts- und Technik- und Waffentechnik- und Katastrophengeschichte. Die Waffe ist die böse, aber absolut treue Geliebte der modernen Technik.
Luther als Nothelfer gegen die Verrücktheit der Moderne
Luther – Wegbereiter und Geburtshelfer und Ahnherr? Unter Fortschrittszwang? Im Gegenteil. Man kann ihn gegen die Verrücktheit der Zeit zu Hilfe rufen.
Luthers Bedeutung liegt nicht im Vorläufertum. Eine ungleich fundamentalere Widerständigkeit und Provokation geht von ihm aus. Die widerspricht allerdings so ziemlich allen Selbstverständlichkeiten des modernen Geistes. Ganz und gar nicht ist er anschlussfähig oder vorzeigbar. In Wahrheit ist dieser Theologe – eben gerade als christlicher, paulinisch bestimmter Theologe »von weither« – ein unvergleichlich scharfer, das Heraufkommen des Unheils antizipierender Kritiker der Moderne. Sehr vereinzelt nur hat die Luther-Forschung das gesehen.
In seiner Theologie – nicht als einer gesellschaftlichen Konsens-, sondern als einer Konfliktwissenschaft – ist Luther er selbst, in seiner Rechtfertigungslehre. »Dass der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben« (Röm. 3,28), kann als ihr Grundsatz gelten. Von den Dingen, die die Welt heute beschäftigen, scheint das sehr weit weg. So scheint es aber nur. Gerade von dorther kann nämlich der Weg der Moderne und ihr Richtungssinn begreiflich gemacht werden. Denn die wahnhaft hochgerüstete Neuzeit stürzt anscheinend zu Beginn des 21. Jh. in ihre von Luther bereits im Grundsatz erkannten Konsequenzen. Sie verfängt sich alternativlos – unbußfertig – in dem Gesetz, nach dem sie angetreten. Ihre Bewegungsform lässt sich aber, jedenfalls in wesentlichen Zügen, rechtfertigungstheologisch aufklären.
Die spätmittelalterliche Welt, wird man im Rückgriff auf Luthers Einsichten sagen können, enthält bereits die Grundwelle zur Neuzeit in sich. Wenn Luther sie kritisch dem Evangelium von Jesus Christus aussetzt, trifft diese Konfrontation überraschend die Moderne mit. Die Auseinandersetzung greift auf diese Weise in unabsehbare geschichtliche Weite aus. Sie gegenwärtig geltend zu machen, braucht es allerdings Konfliktbereitschaft und -fähigkeit.
Die Welt des Täter-Menschen
Ein kleiner theologiegeschichtlicher Exkurs wäre angebracht. Nur so viel dazu: Immer größere Dignität gewinnt in der spätmittelalterlichen »Gnadenlehre« die Aktivität des Menschen (die »guten Werke«). Sehr konkret setzt sich diese Theologie in kirchliche Praxis um. »Gott« kommt vor allem in Betracht als Urheber von Mobilisierungen im Interesse gesteigerter Handlungsfähigkeit. Das Handeln wird überhöht. Zur Hauptsache und wesentlich ist der Mensch Täter.
Von Grund auf sucht Luther diese tendenziell aktivistische, ethizistische Theorie und Praxis zu überwinden und an ihrer Stelle, von den biblischen Texten geleitet, eine Theologie des göttlichen Handelns aufzufinden, in der der Mensch primär als Gegenstand und nicht als Akteur der Veränderung in Betracht kommt. Zunächst widerspricht er damit dem Geist seiner Zeit, aber insofern bereits im Voraus, vorsorglich, dem sich dann einprägenden und einfressenden und sich selber unwiderstehlich machenden neuzeitlichen ideologischen Machertum – dem säkularen, zutiefst »werkgerechten« Dogmatismus der Akteure und Agenten und Aktionäre und Aktivisten.
Denn der so umschriebene praktizistische Geist wird neuzeitlich nicht nur kontinuierlich Raum gewinnen, sondern sich noch einmal – bewaffnet mit dem Totschlagwort »Unaufhaltsamkeit« – gewaltig aufwerfen: Bereich um Bereich für sich reklamieren, grundsätzlich werden und geschichtsbestimmende Kraft gewinnen. Im Zuge dessen wird die Welt zum Entworfenen, Gemachten, Künstlichen. Möglichst vollständig soll sie sich in eine Zeitigung des Menschen verwandeln und damit endgültig bezwungen werden.
Die Neuzeit meint, ihr gehöre die Welt. Sie will es zu einer Welt bringen, in der »wir« Götter sind. Immer differenzierter und organischer, also höchst effizient, wächst sich damit die Werk-Ideologie in alle Bereiche der Lebenswelt ein. Der Täter-Mensch trägt wie Atlas – in Gesamtverantwortung prinzipiell für alles – das Gewicht der Welt. »Gott« – das Wort dann bald gesprochen mit tödlichem Unterton (Nietzsche) – kann verschwinden. Freilich geht in entscheidenden Punkten die Rechnung nicht auf. Je größere Effizienz, desto furchtbarere Gefahren (wer sie benennt, gerät allerdings in schalltoten Raum, wird unweigerlich sofort zum »Unheilspropheten«).
Werte als Werke
Aber – die Werte? Ethiker mit Wertebaukästen? Sind »Werte« all dem entgegenzustellen? Gelten sie irgendwie »absolut«? Nein. Auch Sinnzusammenhänge und Werte werden gemacht, gesetzt, verabredet, aufgeworfen oder abgewertet (»sozialistische Werte« z.B. über Nacht aufgekündigt). Zwischen »wertem« und »unwertem« Leben ist zu unterscheiden. Interessenlage schlägt Wertesystem. So gut wie immer. Auch Werte erscheinen als menschliche Werke. Das Denken in Werten ist in den Willen zur Macht tief eingefaltet. Der Lebenssinn erwächst für den Einzelnen wiederum aus seinem Handeln. Er muss ihn sich selbst tätig setzen, sich selbst das Gesetz geben, sich vor allem vor sich selbst verantworten. In jedem Fall scheint der Mensch die alles tragende Bejahung des Seins selber leisten zu müssen. Das geht freilich über seine Verhältnisse. Der Teufel führt den modernen Menschen auf einen hohen Berg und sagt nur kurz: »Bete dich selbst an!«
Die strikteste Konsequenz aber waltet von der neuzeitlichen Werk- und Täter-Religion zur Gewalt. Der sich aus seinen Ermächtigungen versprechende Mensch bricht folgerichtig immer schamloser in die aggressive Tat aus, in unmittelbare, strukturelle oder prozedurale Gewalt. Als Gewalttäter dekuvriert sich der Täter: als allzu zugänglich, wie wir täglich erfahren, dem kriegerischen Appell. Gewalt oder legitime Gegengewalt scheinen ihm immer an der Zeit. Die beispiellosen Exzesse der Gewalt, die wir inzwischen sehen, stammen aus der immer besser gelingenden, immer bedenkenloseren Entschränkung des Handelns. Eine götzenhafte Entfesselung menschlicher Täterschaft liegt mittlerweile vor – der mit anderer, alternativer Täterschaft zu begegnen freilich lediglich bedeuten würde, sie mit sich selbst zu steigern, allenfalls ihr Gebiet, aber nicht ihren Sinn zu wechseln. Die harte Schraube der Gewalt: »Will man ihn durchprügeln, so muß man es in diesem Sommer tun, im nächsten prügelt er schon selbst«, schreibt Kafka.
Knien vor dem selbstgesetzten Heiligen
Wichtig dabei ist festzuhalten, dass solche Zeitanalyse ihre Erklärungskraft aus der vermeintlich abseitigen Rechtfertigungslehre gewinnt. Der aufkommende und sich dann heillos ver-steigende Praktizismus des Spätmittelalters und in der Folge der gottlose Machbarkeits- und Herstellbarkeitskult der Neuzeit erscheint ihr gemäß als eine der bösen Varianten des Versuchs der Rechtfertigung aus Werken. Umfassend orientiert sich der Mensch nur noch an sich selbst – in alternativlosem Vertrauen auf sein »gestaltendes«, »besserndes«, »optimierendes« Handeln. Das Böse nur wenigstens einzudämmen – was ja schon sehr viel wäre – scheint dem Optimierungswahn lächerlich wenig. »Es rettet uns kein höh’res Wesen, kein Gott, kein Kaiser noch Tribun. Uns aus dem Elend zu erlösen können wir nur selber tun!«, heißt es in der »Internationale«. Unverhohlenen Ausdruck gibt sich damit die Täter-Religion. Dabei agiert ausgerechnet meist derjenige am wirksamsten – wie die Ideologiegeschichte der Neuzeit zeigt –, in dem sich das geistig Bedeutungslose durch starken Willen überhöht.
Der große neuweltliche Aufbruch erwächst dem »Gotteskomplex« des Menschen, genauer: einer absurden Gottesfeindschaft. Sie wirft die kalten Funktionalisierungen aus, den bedingungslosen Willen zur Macht, zum Können, zum Potential, folglich all die nur noch religiös zu verstehenden, weil sich unverzichtbar gebenden Setzungen und Manipulationen, die Steuerungen, Konditionierungen, Justierungen und Sinn- und Werte- und Religionskonstitutionen dessen, der alles macht. »Schaffen wollt ihr noch die Welt, vor der ihr knien könnt: so ist es eure letzte Hoffnung und Trunkenheit«, fasst Nietzsche in unüberbietbarer Prägnanz zusammen. Man kniet dann vor dem wiederum selbstgesetzten »Heiligen«.
Demgegenüber kann für Luther der Mensch als ein Wesen zutage kommen, dem Sein und Sinn und Bestimmung, vor allem Handeln und Herstellen, um Jesu Christi willen bereits zukommt, der sich, hineingenommen in das Sein seines Retters, bereits verwirklicht findet, wenn auch sein Leben noch mit Christus verborgen ist in Gott (Kol. 3,4). Im Glauben kann er das wahrnehmen und zu einer Freiheit gelangen, die jene Feindschaft wie auch die religiöse Überbeauftragung jedes Tuns hinter sich hat. Der Glaube rechtfertigt, nicht die Taten. »Ich glaube, dass Jesus Christus, wahrhaftiger Gott, vom Vater in Ewigkeit geboren, und auch wahrhaftiger Mensch, von der Jungfrau Maria geboren, sei mein Herr... etc.« (so Luther im schönsten Satz der deutschen Sprache).
An Einfaches ist zu erinnern: Gott – über dem Menschen, der Schöpfer, der Allmächtige: der nämlich souverän vorgibt, was gut und böse ist. Gehalten werden will das Erste Gebot: Gott selbst, der Vater Jesu Christi, ist Gott. Nicht der Mensch, auch nicht die Gattung, setzt oder kreiert oder vereinbart, was Verbindlichkeit und Würde und Selbstbestimmung heißen darf. Entsetzlich in ihren Folgen: die neuzeitliche »Vergottung des Menschen« (Dietrich Bonhoeffer in dem so gut wie nie zitierten Text »Erbe und Verfall«), die verwerfliche Selbstanbetung dessen, der doch »Unrecht trinkt wie Wasser« (Hiob 15,16), der sich immer einmal wieder als »homo rapiens« erweist, als das raubende, reißende Tier, dessen Herz »sich überhebt, als wäre es eines Gottes Herz« (Hes. 28,2.6.), der Gott fressen will, um selber Gott zu sein. Die absolutistische Neuzeit ist im Kern der todtraurige Fall der Verachtung des Ersten Gebotes. Die jedesmal konfliktgezeichnete, Einhalt gebietende Vertikale Gottes ist es, die den christlichen Glauben zu einem »harten« Thema macht – die insofern aber gerade bewahrt, was groß und herrlich ist am Menschen. Denn mit jener Einhaltung vollzieht sich der Bruch jeder Anmaßung auf Unaufhaltsamkeit, Unverzichtbarkeit, Zwangsläufigkeit, umso mehr jener modernen (nur von panischen Anfällen dann und wann unterbrochenen) Selbstherrlichkeit, die de facto die Schwelle zum Katastrophalen Zug um Zug niedriger legt.
Ruf zur Buße
Die Anklagen oder Rettungen hinsichtlich der Moderne-Tauglichkeit Luthers gehen in die Irre. Stattdessen tritt uns in Trotz und Trost seine Theologie entgegen, deren Ruf zur Buße. Eine weit über den Tag hinaus gehende, nämlich aufs genaueste auf die Bedingungen der Moderne zielende Buße – das ist heute eine notwendige Vollzugsform jener von Luther angemahnten täglichen Buße. »Verworrener Quark«, so Goethe, sei das alles. »Unter uns gesagt, ist an der ganzen Sache nichts interessant als Luthers Charakter und es ist auch das Einzige, was der Menge eigentlich imponiert.« Mag sein. Aber was der Menge imponiert, hat sie morgen vergessen. Und es gibt auch die dunkle Seite der »Menge«. Es zeigt sich, dass gerade die Bedrohungen und bösen Träume der Zeit, es notwendig machen, sich auf die Grundlagen des christlichen Glaubens zu besinnen: auch auf das Böse, die verteufelte Substanz, aber umso mehr auf die Offenbarung Gottes in Jesus Christus, die daraus folgende Absage an die Absolutheiten der Zeit, auf die Heiligung des Namens Gottes als der wahren ultima ratio.
In selbstverständlich erscheinende Worte des Glaubens können Ferne und Fremdheit Eingang finden. In Wahrheit handelt es sich ja um Ungeheuerlichkeiten. Sie könnten neue, unnachgiebige Aufmerksamkeit finden, z.B.: kein Vertrauen auf eigene Macht und Vernunft (»Mit unserer Macht ist nichts getan«), Gewaltlosigkeit, ernstliches Gebet, Gottesfurcht – die Deutlichkeit Jesu Christi.
Die Täter-Religion? Nein. Stattdessen Umstellung auf Offensive: »Wir wollen nicht mehr sagen zu den Werken unserer Hände: ‚Ihr seid unser Gott‘!« (Hos. 14,4). Das kann das erste sein – wenn wir eingestehen, dass wir Hilfe brauchen von weither, aus Ferne und Fremdheit: gegen die ungerührte, waffenstarrende, katastrophenträchtige Überheblichkeit, die gefährlichste der bisherigen Geschichte.
▸ Michael Trowitzsch
Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 7/2015

