Die Wahrnehmung von Religion in Deutschland hat sich in den letzten Jahren bei vielen Menschen dramatisch verändert: hin zu einer weitgehend undifferenzierten negativen Wahrnehmung. Ruth Gütter nimmt dies zum Anlass, Bonhoeffers religions- und kirchen­kritische Akzente auf eine Kirche hin anzuwenden, die für eine offene und tolerante ­Gesellschaft eintritt.


Antireligiöse Reflexe

»Gott ist doof. Warum Berlin überhaupt keine Religion braucht« – so titelt die Berliner Zeitschrift »Zitty«. Nimmt man Gespräche im Alltagsleben oder in Debatten der Talkshows aufmerksam wahr, dann stellt man fest, dass Religion von sehr vielen Menschen in Deutschland schon seit geraumer Zeit überwiegend als rückständig, fundamentalistisch, nicht mehr zeitgemäß und gewaltbefördernd verstanden wird. Dazu zwei persönliche Erfahrungen, die das unterstreichen: Eine evangelische Bildungseinrichtung lädt in einem evangelischen Gemeindehaus zur Lesung einer ägyptischen Menschenrechtlerin über ihre Unterdrückungserfahrungen als moderne Frau in Ägypten ein. In der anschließenden Debatte schaukeln sich die Emotionen hoch und gipfeln in der Forderung, man müsse nicht nur in Ägypten, sondern möglichst auch in Deutschland alle Religion verbieten, weil man ja sehe, was Religion anrichte. Die Hinweise einer kleinen Minderheit darauf, dass Religion sehr unterschiedliche Gesichter haben kann, die friedliche Revolution in der DDR doch immerhin in den Kirchen begonnen habe und der Veranstalter der Lesung ein religiöser sei und mit dieser Veranstaltung den Missbrauch von Religion selbst thematisiere, bringt nur wenige ins Nachdenken.

Bei einer privaten Urlaubsreise bin ich Teil einer kleinen zufällig zusammengewürfelten Gruppe, die für eine Woche an einem Skilanglaufkurs in Österreich teilnimmt. Die Teilnehmer sind alle aus Deutschland zwischen 45 und 60 Jahren, aus der gehobenen Mittelsicht und verschiedenen Berufsgruppen zugehörig. Man stellt sich einander vor und unterhält sich an den Abenden. Schon die Tatsache, dass ich Pfarrerin bin und bei der Kirche arbeite, führt bei der Mehrheit zu deutlichen Abgrenzungen von und negativen Urteilen über die Kirche und den christlichen Glauben. Diese reflexhaften Argumente sind mir zwar aus anderen Gesprächen längst vertraut, in dieser Massivität habe ich sie bisher jedoch noch nicht erlebt.

Die negative Wahrnehmung von Religion ist sicher auch der aktuellen Lage im Nahen Osten und der religiösen Instrumentalisierung der dortigen vielschichtigen Konflikte sowie der Zunahme islamistisch motivierter Terrorakte geschuldet, aber nicht nur. »Wir gehen einer völlig religionslosen Zeit entgegen« – diese Prognose Dietrich Bonhoeffers aus dem Jahr 1945 (Widerstand und Ergebung, DBW 8, 403) wurde lange Zeit bezweifelt. Verwiesen wurde dabei nicht nur auf die starke Renaissance von Religion in anderen Erdteilen – insbesondere in Afrika und dem Nahen Osten. Die »Wiederkehr der Religion« wurde auch für Europa postuliert. Trotz steigender Kirchenaustrittszahlen wurde selbst noch vor wenigen Jahren in EKD Texten die These vertreten, dass es auch bei uns in Deutschland eine wachsende Sehnsucht nach Religion gebe, die jedoch nur unzureichend von den Kirchen erfüllt würde und deshalb leider zunehmend außerhalb der Kirche ausgelebt werde (so z.B. Kirche der Freiheit. Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert. Ein Impulspapier des Rates der EKD, 2007, 14-15).

Die aktuelle Mitgliedschaftsstudie der EKD »Engagement und Indifferenz«, die 2012 durchgeführt und deren Ergebnisse 2014 veröffentlicht wurden, bringt diese These deutlich ins Wanken. Danach stellt erstmals die Gruppe der Konfessionslosen mit ca. 35% die zahlenmäßig größte Gruppe in Deutschland (vgl. Studie Engagement und Indifferenz, V. Erhebung über Kirchenmitgliedschaft, 80), danach folgen die Mitglieder der katholischen Kirche mit ca. 30%, die der evangelischen Kirchen mit ca. 29%, die Muslime mit ca. 5%. Noch 1972 lag die Zahl der Konfessionslosen in Westdeutschland bei 3,7% (!). Die Zahl stieg bis 1987 auf 11,4% und nach der Wende in Gesamtdeutschland auf 22,4% an. Erst nach der Wende wird die Gruppe der Konfessionslosen von der Mitgliedschaftsstudie der EKD wahrgenommen und eigens befragt.


Gott vergessen

Die Ergebnisse der Befragung dieser Gruppe in der Studie ist insofern bemerkenswert, weil hier erstmals deutlich wird, dass die Konfessionslosen mehrheitlich sagen, dass sie nicht nur keine Kirche für ihr Leben brauchen, sondern auch keine Religion. Sie sind also mehrheitlich keine – wie man lange annahm – kirchendistanzierten, aber dennoch religiösen Menschen. Sie sind auch mehrheitlich keine bekennenden Atheisten, sondern sie stellen die Frage nach Gott gar nicht mehr. Sie haben – um es mit Karl Rahner zu sagen – nicht nur Gott vergessen, sondern »vergessen, dass sie Gott vergessen haben«. Religion spielt in ihrem Leben gar keine Rolle mehr, sie brauchen sie nicht für ihr Leben. Sie sind – wie es der Titel eines aktuellen Buches sagt – »Konfessionslos glücklich« (H.-M. Barth, Konfessionslos glücklich. Auf dem Weg zu einem religionstranszendenten Christsein, 2013).

Konfessionslosigkeit ist – so die EKD-Studie weiter – gegenüber früheren Jahren ein in der Gesellschaft nicht mehr begründungspflichtiger »Normalzustand« (12) geworden. »Konfessionslose sehen ihre gewählte Lebensoption nicht mehr als defizitär an und können selbstbewusst an eine öffentliche Kommunikationsstruktur anschließen, welche moderne Gesellschaften weitgehend als säkular betrachtet und der Religion … eher Randbereiche im öffentlichen Leben zuweist« (81).

Die Ergebnisse der Mitgliedschaftsstudie haben viele in den Kirchen aufgeschreckt. Intensiv werden sie auf verschiedenen Ebenen diskutiert. Ich nehme dabei unterschiedliche Reaktionen wahr. Von einigen wird der Relevanzverlust von Glauben und Kirche bestritten und auf die noch vorhandene öffentliche Wirksamkeit und Bedeutung der Kirchen verwiesen. Mehrheitlich werden die Ergebnisse jedoch sehr ernst genommen. Es wird selbstkritisch nach den Ursachen dieser Entwicklung geforscht. Hinsichtlich möglicher Strategien im Umgang mit der Situation herrscht eine gewisse Ratlosigkeit. Die Konfessionslosen noch zu erreichen, erscheint vielen als aussichtslos und möglicherweise auch als übergriffig. Vielmehr müsse – so die einen – die Begleitung religiöser Erziehung und Bildung in den Familien, in den Schulen und Gemeinden gestärkt werden. Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen müsse intensiviert werden, neue Formen und Modelle von Verkündigung und Mission müssten gefunden werden – so fordern es andere.

Die Ergebnisse der Untersuchung erzeugen auch Enttäuschung und Depression. Viele Pfarrer und Pfarrerinnen leiden psychisch wie auch spirituell darunter, dass die Zahl der Gemeindemitglieder und Gottesdienstbesucher trotz ihres engagierten und überzeugten Einsatz stetig abnimmt und sie für eine Institution arbeiten, die an Relevanz verliert. Wobei man fairerweise festhalten muss, dass die Kirchen die meisten Mitglieder durch den demographischen Wandel verlieren, der sich auch mit gesteigertem Engagement nicht aufhalten lässt. Dass inzwischen fast alle Kirchen in Deutschland Probleme haben, ausreichend Nachwuchs für den Pfarrberuf zu gewinnen, hat zuerst mit der Demographie zu tun, dann aber auch mit dieser veränderten religiösen Landschaft und mit der wachsenden religiösen Indifferenz.

Als Christin und als eine, die seit kurzer Zeit in ihrer Landeskirche – der Evang. Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW) – Leitungsverantwortung trägt, treibt auch mich diese Entwicklung um und schmerzt mich. Weit weg von dem Anspruch, dazu eine Lösung präsentieren zu können oder zu wollen, kommt mir schon seit längerem Bonhoeffers Plädoyer für eine »Kirche für andere« und für ein religionsloses Christentum in den Sinn. Ich bin überzeugt, dass sich in Bonhoeffers Gedanken aus seinen bekannten Haftbriefen in »Widerstand und Ergebung«, die er 1945 leider nur noch skizzenhaft niederschreiben konnte, wichtige und weiterführende Impulse für den Umgang mit der wachsenden Religionslosigkeit in Europa und für eine Entwicklung eines religionslosen Christentums finden lassen. Hans-Martin Barth hat in seinem wegweisenden Buch »Konfessionslos glücklich« fundierte und umfangreiche Analysen zu dem Phänomen selbst, aber auch wichtige Gedanken zu Strategien des Umgangs mit den Konfessionslosen, besonders zur Entwicklung einer nichtreligiösen Sprache niedergelegt. Ich möchte ergänzend dazu vier Impulse entfalten.


Die Mündigkeit der Religionslosen anerkennen

Bonhoeffer ging es darum, die Mündigkeit der Religionslosen anzuerkennen und Weltlichkeit nicht als etwas Negatives zu betrachten, sondern sie im Gegenteil theologisch zu würdigen. »Der Mensch hat gelernt, in allen wichtigen Fragen mit sich selbst fertig zu werden ohne die Zuhilfenahme der ›Arbeitshypothese Gott‹ … es zeigt sich, dass alles auch ohne ›Gott‹ geht und zwar ebenso wie vorher« (DBW 8, 477). Christliche Apologetik versuche dagegen zu beweisen, dass es ohne Gott nicht geht. Gott werde hier als der Problemlöser und Lückenbüßer, als »deus ex machina« verstanden. Dazu würden die »letzten Fragen« nach Tod und Schuld bemüht. Diese Versuche, Raum für Gott zu verteidigen, seien jedoch sinnlos und unchristlich (478f). Es gelte vielmehr, in der Welt zu leben »etsi deus non daretur« – als ob es Gott nicht gäbe. Dies ergibt sich bei Bonhoeffer aus seinem radikal christologisch begründeten Gottesverständnis. Gott, wie er sich in Christus geoffenbart hat, sei der Gott, der uns verlässt, der sich aus der Welt hinausdrängen lässt und »gerade und nur so ist er bei uns und hilft uns« (534). Religion weist den Menschen an den mächtigen Gott, an den »deus ex machina«. Der christliche Glaube weist den Menschen an die Ohnmacht und das Leiden Gottes. Insofern öffne die Entwicklung zur Mündigkeit der Welt erst den Blick für den Gott der Bibel, weil sie von den religiösen Gottesvorstellungen befreie.

Mir helfen diese religionskritischen Gedanken Bonhoeffers, mit der aktuellen Religionslosigkeit gelassener umzugehen. Vielleicht ist die Lage nicht so hoffnungslos wie sie scheint, sondern wir werden vor eine Herausforderung gestellt, in der wir als Christinnen und Christen spirituell etwas lernen können und sollen. Bonhoeffers religionskritischer Ansatz ist möglicherweise ein sehr befreiender Ansatz – gerade angesichts der Gottesbilder in den aktuell stark an Zulauf gewinnenden fundamentalistischen Strömungen in vielen Religionen, die Gott einseitig als den Herrschenden und Mächtigen sehen, den es zu verteidigen gilt und in dessen Namen vermeintlich Religionskriege geführt werden müssen. Ich bin überzeugt, dass diese religiösen Bilder eines allmächtigen und zu rächenden Gottes anfälliger sind für die religiöse Legitimierung von Gewalt und Vernichtung von Leben. Es ist gut, wenn diese Gottesbilder heute in Deutschland und Europa nicht mehr überzeugen. Demgegenüber ginge es darum, Gott neu bei den Schwachen und Leidenden zu suchen und zu finden, nicht in den Zentren der Macht sondern an den Rändern der Gesellschaften. Es ginge darum, den Glauben an den Gott zu verkünden, der nicht herrscht und dafür Leben vernichtet, sondern das Leben stärken will, indem er mit den Schwachen mitleidet und »für andere da ist«.

Interessanterweise begründet ein neues Dokument des Ökumenischen Rates der Kirchen das Verständnis von Mission genau in dieser Richtung als »Mission von den Rändern her« (Gemeinsam für das Leben: Mission und Evangelisation in einer sich verwandelnden Welt, 2013). Diese Mission will nicht Gott vom Himmel zu den Menschen bringen, auch nicht von einem wo auch immer lokalisierten »Zentrum« an die Ränder, sondern diese Mission geht davon aus, dass Gott schon längst bei den Menschen ist, besonders bei den Leidenden, an den Rändern, und er sich dort finden lässt. Es ist nicht länger die Mission der Kirchen, sondern die »missio Dei«, die Mission Gottes, an der die Kirchen allenfalls teilnehmen sollen.


»Kirche für andere«

Bonhoeffers scharfe Religionskritik impliziert bekanntermaßen auch eine deutliche Kirchenkritik. Schon 1938 mitten im sog. »Kirchenkampf« stellt Bonhoeffer auch gegenüber der Bekennenden Kirche kritisch fest, dass die Sorge der Kirche um sich selbst »zu einer furchtbaren Macht geworden ist« (DBW 15, 427). Später in seinen Haftbriefen heißt es knapp: »Kirche in der Selbstverteidigung. Kein Wagnis für andere« (DBW 8, 558).

Diese Kritik ist nicht nur als eine moralisch-ethische Kritik an dem mangelnden Mut der Bekennenden Kirche zu verstehen, sich nicht genug für andere – insbesondere für die verfolgten Juden – eingesetzt zu haben. Sie trifft vielmehr den Kern der christlichen Existenz. Das Dasein für andere ist für Bonhoeffer eine fundamental-ontologische und ekklesiologische Bestimmung, die sich aus seinem Gottesverständnis ergibt. Aus dem Da-sein Gottes für andere in dem Menschen Jesus Christus folgt nach Bonhoeffer das Dasein der Kirche für andere. »Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist« (DBW 8, 560).

Diese Definition von Kirche hat in ihrer Unbedingtheit (»Kirche ist nur Kirche, wenn …«) viel Zustimmung aber auch Kritik erfahren. Das Kirchenverständnis vieler Christen in den 70er und 80er Jahren – auch mein Kirchenverständnis – wurde hierdurch maßgeblich geprägt. Der konziliare Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung leitet sich u.a. aus einem solchen Kirchenverständnis ab.

Die materiellen Konsequenzen, die sich daraus nach Bonhoeffers Vorstellungen für die äußere Gestalt der Kirche ergeben, sind nicht weniger radikal: »Um einen Anfang zu machen, muss sie alles Eigentum den Notleidenden schenken. Die Pfarrer müssen ausschließlich von den freiwilligen Gaben der Gemeinden leben, eventuell einen weltlichen Beruf ausüben. Sie muss an den weltlichen Aufgaben des menschlichen Gemeinschaftslebens teilnehmen, nicht herrschend, sondern helfend und dienend« (560).

Diese radikalen materiellen Schlussfolgerungen wurden bei aller Sympathie für eine »Kirche für andere« nach dem Krieg von keiner evangelischen Landeskirche aufgenommen. Sehr schnell gewannen die Kirchen wieder an Größe und Einfluss, wurden zu etablierten Volkskirchen. Über einige Jahrzehnte bis heute partizipieren sie finanziell und ökonomisch am allgemeinen Wirtschaftswachstum. Mit ihren finanziellen Mitteln, ihrer pastoralen, diakonischen und entwicklungspolitischen Arbeit wie auch mit ihrem gesellschaftlichen Einfluss haben sie zweifellos für viele Menschen – auch an den Rändern der Gesellschaft – Heilsames und Segensreiches bewirken können. Auch wenn sie heute aufgrund zurückgehender Mitgliederzahlen nicht mehr Volkskirchen im Sinne einer »Kirche des Volkes« sind, kann man sie m.E. durchaus berechtigterweise als Volkskirche im Sinne einer »Kirche für das Volk« bezeichnen.

Allerdings hat die sehr starke Orientierung am gesellschaftlich vorherrschenden Wachstumsparadigma die Kirchen selbst insofern geprägt, als sie sich zum Teil zu sehr über ihre Größe und materielle Potenz definiert haben. Das macht es heute für sie schwer, glaubwürdig für mehr Nachhaltigkeit und für eine »Ethik des Genug« einzutreten. Bei allem erfreulichen und guten Engagement z.B. für Klimagerechtigkeit, wird der Kirche durchaus mit einem gewissen Recht die eigene Verflechtung in ein auf Wachstum ausgerichtetes Gesellschaftssystem vorgehalten. Für viele in den Kirchen und erst recht in der Diakonie, die m.E. noch mehr in einen ökonomischen Markt eingebunden ist, ist es eine bedrohliche Vorstellung, dass eine Kirche auch kleiner und ärmer werden kann. »Wachsen gegen den Trend« war noch 2007 die kämpferische und trotzige Devise der EKD-Reformschrift »Kirche der Freiheit«. Dort wird sogar Bonhoeffers Kirchenverständnis einer »Kirche für andere« als Argument benutzt, warum die Kirche weiter wachsen muss und nicht schrumpfen darf (21). Mehr kann man Bonhoeffer kaum missverstehen!

Meine Erfahrungen aus der weltweiten Ökumene sagen mir etwas anderes. In der Regel sind die Kirchen in den meisten Ländern kleine Minderheitenkirchen mit freikirchlicher Struktur, oftmals sogar eingeschränkt in ihrer Religionsausübung. Aber dennoch – trotz dieser schlechten Rahmenbedingungen – gelingt es vielen von ihnen, Menschen spirituell anzusprechen und in ihrem Umfeld erfolgreich sozialdiakonisch aktiv zu sein. Auch wenn sie klein und arm sind, können sie doch »Kirche für das Volk«, »Kirche für andere« sein. Vielleicht sogar gerade weil sie so klein und arm sind, weil sie nahe bei den Menschen sind. Das sollte den zwar schrumpfenden, aber dennoch privilegierten Kirchen in Europa Mut machen, »mit Zuversicht kleiner zu werden« (so Prälatin Marita Natt in ihrem Synodenbericht 2013 vor der Synode der EKKW). Das Dasein der Kirchen für andere hängt auf jeden Fall nicht an ihrer Größe und an ihrem Reichtum!

Mit Sorge nehme ich wahr, wie viel Energien in den Kirchen zur Zeit in interne Anpassungs- und Umstrukturierungsprozesse fließen, welche Kräfte von der Wahrnehmung des Auftrages abgezogen werden, zu dem Kirche doch eigentlich berufen ist: für die Kommunikation des Evangeliums und das Da-sein für andere. Das wiederum vermittelt nach außen den Eindruck, dass die Kirchen sich weitgehend mit sich selbst beschäftigen und beschleunigt den ohnehin vorhandenen Relevanzverlust von Kirche. Da, wo Kirchen sich jedoch trotz ihrer eigenen Anpassungsprobleme für die Schwachen in der Gesellschaft – aktuell etwa für Flüchtlinge und Migranten – einsetzen, sich in aktuelle politische Debatten einklinken wie etwa in die Debatten um Fremdenfeindlichkeit und Islamisierung, gewinnt sie nach meiner Erfahrung nicht nur an neuer Ausstrahlung, sondern auch an neuer Kraft und Identität.


Die friedensstiftende Stärke der christlichen Botschaft

Angesichts der zunehmend einseitigen negativen gesellschaftlichen Wahrnehmung von Religion halte ich es für sehr wichtig, dass die Kirchen die friedensstiftende Kraft von Religion noch viel stärker als bisher ins Bewusstsein bringen. Insbesondere müssten sie ihre eigene christliche Friedensbotschaft klarer formulieren, Rüstungsproduktion und Rüstungsexporte deutlicher hinterfragen, die Methoden ziviler Konfliktbearbeitung und den interreligiösen Dialog mehr fördern. Leider sind in diesen Fragen die Kirchen – insbesondere die EKD – nicht immer sehr klar, sondern weichen in Krisensituationen – wie z.B. der aktuellen Lage im Irak – von ihren eigenen in Denkschriften festgehaltenen Grundüberzeugungen ab und bestätigen oft nur noch das, was die Politik als alternativlos vorgibt. Mir scheint, dass auch hier die zu geringe gesunde kritische Distanz zur Regierungspolitik wie auch die zu der auf Wachstum ausgerichteten Wirtschaft den Kirchen schadet und sie manchmal daran hindert, ihre eigene Botschaft zu finden und klar zu formulieren.

Die Hauptaufgabe der Kirchen in den gegenwärtig zunehmenden globalen gewalttätigen Konflikten und Kriegen besteht m.E. darin, Beispiele zu entwickeln und vorzuleben, wie sich Konflikte – auch zwischenstaatliche – ohne Gewalt lösen lassen. Markus Weingardt hat in seinem Buch »Was Frieden schafft – Religiöse Friedensarbeit« eine Fülle solcher beeindruckender Beispiele aus vielen Ländern und Religionen zusammengetragen. Dafür gibt es leider kaum eine Öffentlichkeit und ein mediales Interesse. Es ginge darum, dass die Religionen Alternativen zu gegenwärtigen Gewaltspiralen entwickeln und sie selbst leben. Und es ginge auch um die Problematisierung von fragwürdigen Gottesbildern und die Enttarnung und Transformierung von gewaltverherrlichenden Mächten, wie Walter Wink sie in seiner »Theologie der Gewaltfreiheit« beschreibt.

Das wiederum könnte eine zentrale Fragestellung für den interreligiösen Dialog werden. Der vom Ökumenischen Rat der Kirchen ausgerufene Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens ist eine gute Möglichkeit, dass die Kirchen ihr Friedenspotential und ihre Friedensbotschaft wieder mehr zum Leuchten bringen und auch so eine Kirche für andere und mit anderen werden. Dass viele Landeskirchen – so auch die EKKW und die Evang. Kirche in Hessen-Nassau – den Pilgerweg zu einem Schwerpunktthema ihrer Ökumenearbeit für die nächsten Jahre erklärt haben, macht Hoffnung, dass das friedensfördernde Potential der Religionen mehr zum Leuchten kommt.


»Kirche mit anderen« – gemeinsam für das Leben

Bonhoeffers Plädoyer für eine »Kirche für andere« ist in der Bonhoefferforschung nicht nur positiv, sondern auch kritisch kommentiert worden. Dieses Kirchenverständnis sei rein funktional bestimmt und idealisiere ein »depressives Beziehungsmuster«, es sei zu paternalistisch und zementiere ein asymmetrisches Verhältnis, wonach die Kirche die einseitig Gebende ist und »die anderen« – wer auch immer sie seien mögen – die einseitig Empfangenden sind (s. Bobert-Stützel, Kirche für andere oder Spielraum der Freiheit, Ev. Theol. 1995). »Kirche für andere« müsse deshalb weiterentwickelt werden zu einer »Kirche mit anderen« – so z.B. die These von Theo Sundermeier in seinem Konzept der »Konvivenz«. Das Konzept der »Konvivenz« bedeutet, dass aus dem konkreten Zusammenleben mit anderen sich neue Impulse für die Verkündigung und das Handeln der Kirche entwickeln, dass auch Kirche sich verändert durch das Zusammenleben mit anderen. Es bedeutet darüber hinaus, dass die Kirchen in ihrem Eintreten für Gerechtigkeit und Frieden mit allen denen zusammenarbeiten, die ähnliche Ziele verfolgen, dass sie noch kooperationsfähiger und bündnisfähiger werden.

Aktuell wird »Kirche mit anderen« auch so gedeutet, dass Kirche die Konfessionslosen und Angehörige anderer Religionen integriere. »Kirche mit anderen« wird so zur ekklesiologischen Begründung für die sog. »Interkulturelle Öffnung der Kirche« herangezogen. Das halte ich aus mehreren Gründen für fragwürdig. Es verwischt m.E. auf theologisch-ekklesiologischer Ebene die Identitäten, führt den interreligiösen Dialog ad absurdum und ist den Konfessionslosen gegenüber, die nach Aussagen der EKD-Mitgliedschaftsstudie mehrheitlich keine Kirche und keine Religion wollen und brauchen, eine fragwürdige Vereinnahmung und Bevormundung. Dieses Bild von einer »Kirche mit anderen« wird vor allem für die Diakonie herangezogen, die Mühe hat, für ihre diakonischen Einrichtungen noch genügend Mitarbeiter zu finden, die Kirchenmitglieder sind. Aus meiner Sicht ist das eine fragwürdige Instrumentalisierung von Theologie zur Lösung ökonomischer Zwänge und Dilemmata.

Bonhoeffer ermutigt zu einem religionslosen Christentum, zu einem Leben in der vollen Diesseitigkeit (DBW 8, 501), zur dienenden Teilhabe am weltlichen Leben; das ist für ihn christlicher Glaube als »Lebensakt. Jesus ruft nicht zu einer neuen Religion sondern zum Leben« (DBW 8, 537). Aktuelle Beispiele einer solchen Teilhabe, einer »Kirche mit anderen« gibt es, Gott sei Dank, sehr viele: z.B. im Einsatz für Flüchtlinge und Migranten, für Klimagerechtigkeit, für Gerechtigkeit und Frieden im lokalen wie im globalen Kontext. Ich freue mich, dass die Kirchen aktuell in vielen Städten im Bündnis mit vielen anderen gesellschaftlichen Gruppen zahlenmäßig stark und unmissverständlich für eine offene und tolerante Gesellschaft und gegen Ausgrenzung und Fremdenhass eintreten. Was ich bei den »Montagsdemonstrationen« in meiner Heimatstadt und in vielen anderen Städten erlebe, ist ein schönes Bild einer »Kirche mit anderen« und auch eine eindrückliche Erfahrung des multireligiösen Einsatzes für Frieden und Versöhnung.

Von diesen Beispielen einer »Kirche mit anderen« erhoffe ich eine verändernde Kraft, die dem Leben dient – nicht nur in den vielen aktuellen politischen Konflikten, sondern auch für die Kirchen selbst. »Gemeinsam für das Leben« – das ist die hoffnungsvolle »Mission« einer »Kirche mit anderen«.


 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrerin Dr. Ruth Gütter, Oberlandeskirchenrätin und Dezernentin für Ökumene, Weltmission und Entwicklungspolitik der Evang. Kirche von Kurhessen-Waldeck.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 6/2015

1 Kommentar zu diesem Artikel
25.06.2015 Ein Kommentar von Dr, Heiner Süselbeck Inzwischen pensioniert und seit 1972 Mitglied in der ibg ( vormals ibk)habe ich mich sehr über Ihren Text gefreut, weil er nicht nur den Anliegen Bonhoeffers nahe kommt, sondern für die jetzige Situation in Kirche und Gemeinde wegweisend und ermutigend ist. Herzlichen Dank für die Mühen, die sie an ihren Text gewandt haben. Heiner Süselbeck
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