Quantitative empirische Untersuchungen bestätigen das hohe Maß an Zufriedenheit von Pfarrerinnen und Pfarrern im Blick auf ihren Beruf. Doch dürfen diese Ergebnisse nicht über das wachsende Krisenpotential des Pfarrberufs hinwegtäuschen. Ulrike Wagner-Rau untersucht Licht- und Schattenseiten und plädiert an die mittlere Ebene, Pfarrerinnen und Pfarrer bei der Bearbeitung und Lösung berufsinhärenter Probleme nicht alleine zu lassen.1


1. Zur Einführung

Der Pfarrberuf mit seiner Freiheit und in seiner Vielfalt der Tätigkeiten und Begegnungen ist attraktiv. Das kann ich aus persönlicher Erfahrung und Überzeugung unterstreichen. Das zeigen aber auch die quantitativen empirischen Studien zum Pfarrberuf, die in den letzten Jahren einhellig ein hohes Maß an Zufriedenheit der Pfarrerinnen und Pfarrer mit ihrem Beruf dokumentiert haben. Rund drei Viertel der Befragten z.B. in der Untersuchung »Pastorin und Pastor im Norden«, die im Frühjahr 2010 durchgeführt wurde, gaben an, mit ihrem Beruf zufrieden oder sogar sehr zufrieden zu sein.2 Diese Aussage erstaunt umso mehr, als zu diesem Zeitpunkt die drei norddeutschen Kirchen – Nordelbien, Mecklenburg und Pommern – mitten in dem konfliktreichen Prozess der Fusion steckten, die Nordelbische Kirche zudem bereits seit den 90er Jahren tiefgreifende Strukturreformen hinter sich hatte. Freilich differenziert sich das Bild, wenn unterschiedliche Aspekte der Einstellung zum Beruf in den Blick genommen werden. So ist z.B. die Zufriedenheit hoch im Blick auf das Arbeitsklima und die Zusammenarbeit im kollegialen Umfeld, extrem niedrig aber im Blick auf die kirchlichen Strukturveränderungen und die Möglichkeiten einer Laufbahnplanung.3

Der positive Blick auf den eigenen Beruf ist in der Pfarrerschaft also vorhanden, aber – das ist nicht überraschend – es gibt auch deutliche Schattenseiten. Insofern ist es nötig, die Ambivalenzen in den Blick zu nehmen: Ich werde zunächst einige Aspekte der Attraktivität des Berufs mit ihren Schattenseiten konfrontieren. Im zweiten Teil werde ich diesen ambivalenten Befund auf unterschiedliche Krisen des Berufes zurückführen – Krisen auch hier in ihrer doppelten Funktion gesehen als Gefährdungen auf der einen, als Veränderungsimpulse auf der anderen Seite. Drittens werde ich die Überlegungen auf wesentliche Aspekte im Wandel des Berufsbildes hin zuspitzen, um schließlich einige Anregungen für das Handeln der mittleren Ebene in der Kirche zu formulieren.


2. Die Attraktivität des Pfarrberufs und seine Schattenseiten

Attraktivität und Schattenseiten des Pfarrberufs lassen sich in fünf Spannungsfeldern konkretisieren.


2.1. Ein hohes Maß an Freiheit

Die erste Spannung habe ich ausführlich in meinem Buch »Auf der Schwelle« dargelegt.4 Das hohe Maß an Freiheit im Pfarrberuf, das häufig in den Aussagen von Pfarrerinnen und Pfarrern als wesentliches Qualitätsmerkmal genannt wird, beruht auf der weitgehenden Strukturlosigkeit des beruflichen Alltags in der Ortsgemeinde. Was wie und mit welcher Intensität getan wird, ist abhängig von der – möglichst in Absprache mit dem Kirchenvorstand – gut begründeten Wahl der Amtsinhaberinnen und Amtsinhaber. Dazu gehört auch die Fähigkeit, Grenzen zu setzen oder etwas nicht zu tun, obwohl es durchaus sinnvoll wäre, wenn Zeit und Kraft an anderer Stelle gebraucht werden. Der Pfarrberuf erfordert durchgehend selbstständiges Handeln, das aus einem Zusammenspiel von aufmerksamer Wahrnehmung der Situation, theologischer Reflexion und einem realistischen Einschätzen der eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten erwächst.5

Man kann eine solche offene Struktur des Arbeitsfeldes schätzen. Man kann dadurch auch überfordert werden. Bei vielen Pfarrern und Pfarrerinnen ist vermutlich immer wieder beides der Fall. M.E. ist dieses Grundproblem des Pfarrberufs nicht durch die Rede von der Konzentration auf die Kernaufgaben zu lösen, sondern es erfordert die je eigenständige Fähigkeit zum konzeptionellen – ebenso theoriegeleiteten wie selbstreflexiven – Denken. Man muss, nachdem man das Gespräch mit anderen gesucht und die eigene Perspektive darin erweitert und geschärft hat, entscheiden und plausibel begründen, wofür man seine Fähigkeiten und Kräfte einsetzen will und warum. Und man muss dies verständlich und nachvollziehbar in der Gemeinde kommunizieren.


2.2. Pfarrer/Pfarrerin sein aus Überzeugung

Attraktiv ist der Pfarrberuf vor allem, weil er ein Beruf ist, den man aus Überzeugung ausübt. Bereits im Studium ist das ein Anziehungspunkt für die Studierenden: Es ist bei der Auseinandersetzung mit theologischer Theorie in all ihren Spielarten zwangsläufig die Frage mit im Spiel, was jene für die eigenen Überzeugungen und den eigenen Glauben bedeutet. In der beruflichen Praxis bleibt diese Auseinandersetzung ein beständiges Thema: Der Pfarrberuf ist kein Job, sondern er ist eng an die Person und ihre Haltung zum Leben gebunden. Zwar ist diese Dimension in den evangelischen Kirchen insofern gemildert, als der Pfarrberuf im Kontext des Priestertums aller Getauften keine geistliche Sonderrolle hat. Im Glauben haben der Pfarrer und die Pfarrerin den anderen nichts voraus, sondern sie sind im Gegenteil angewiesen auf die Resonanz, die Korrektur und die geistliche Begleitung durch die Gemeinde. Aber dennoch zwingt der Beruf beständig dazu, sich mit dem eigenen Christsein und dem damit verbundenen Auftrag auseinanderzusetzen. Das theologische Nachdenken hört nicht auf. Ebenso wenig schweigen der Zweifel und die Fragen.

Die gesellschaftliche Auseinandersetzung um Glauben und Theologie, die Vielfalt religiöser Orientierungen in der spätmodernen Gesellschaft spiegeln sich als innere Konflikte der Pfarrerschaft wieder. Denn die theologischen Anfragen der Moderne sind nicht nur interessante intellektuelle Probleme, sondern zugleich liegen sie als eine gewisse Last auf dem Pfarrberuf. Pfarrerinnen und Pfarrer sollen etwas zu anspruchsvollen Fragen zu sagen haben, deren Reflexion spätestens seit der Aufklärung Bibliotheken füllt und die existenziell herausfordern.

Zudem sind sie nicht selten beunruhigt durch die Frage, ob denn ihre Überzeugung die Lebenspraxis auf angemessene Weise präge. Dies gilt, obwohl die dem Pfarrer oder der Pfarrerin »angesonnene Vorbildlichkeit« (Volker Drehsen) in der Gegenwart offenbar in den Ansprüchen der Amtsträger an sich selbst drängender ist als in der Gemeinde. Diese hat sich – glaubt man den Ergebnissen einer kleinen qualitativ-empirischen Umfrage der Nordkirche6 – eingestellt darauf, dass auch im Pfarrhaus manche Konflikte und Unvollkommenheiten zu finden sind.


2.3. Ein öffentliches Amt

Reizvoll ist es sodann, mit dem Pfarrberuf ein öffentliches Amt zu haben. Es ist eine selbstverständliche Erwartung, dass Pfarrer und Pfarrerin öffentlich reden, sich öffentlich zeigen, öffentliche Aufmerksamkeit genießen. Der Beruf befriedigt das Bedürfnis, nicht nur im Stillenwirksam zu sein, sondern gesehen zu werden. Es ist der Auftrag des Pfarrers und der Pfarrerin, die Wirklichkeit vor anderen und für andere in christlicher Perspektive – im Licht des Evangeliums – zu deuten, zu zeigen, wie das Evangelium im Blick auf die Lebensgeschichten der Einzelnen und die Themen des Sozialwesens konkret wird. Wilhelm Gräb hat diese Dimension des Pfarrberufs mit dem Bild des »Musterprotestanten« versehen7: Die exemplarische protestantische Existenz der Pfarrer und Pfarrerinnen ist nicht dazu da, von anderen imitiert zu werden, wohl aber soll sie Anstoß dazu geben, die je eigene religiöse Existenz in Auseinandersetzung mit diesem Muster auszubilden.

Der Pfarrberuf bietet – wenn man es psychologisch ausdrückt –wohltuende narzisstische Befriedigung. Seine Schattenseite aber ist dementsprechend ein umfassender Anspruch an die eigene Person, er fördert unter Umständen überhöhte Selbstideale und damit auch ein gerüttelt Maß an Kränkungs­potenzial.


2.4. Verschränkung von Privat- und Arbeitsleben

Ebenfalls attraktive Aspekte hat die Tatsache, dass Privat- und Arbeitsleben im Pfarrberuf nicht klar getrennt sind: Vormoderne Reste einer noch nicht vollzogenen Differenzierung in dieser Hinsicht haben für den Alltag mancherlei reizvolle Auswirkungen: Wohnen und Arbeiten liegen nahe beieinander. Partner oder Partnerin wie eventuelle Kinder erleben mit, wie Vater oder Mutter ihren Beruf gestalten, sind mehr oder weniger stark in eine Lebensform einbezogen. Ein Hauch von ganzheitlichem Leben verbindet sich nach wie vor mit diesem Beruf, der die strukturelle Ausdifferenzierung der Spätmoderne unterläuft. Aber ganz schnell kommen auch Schattenseiten in den Blick: Wenn Arbeit und Privates schlecht zu unterscheiden sind, kann die Arbeit ungehindert ins Private hineinwuchern und grenzenlos werden. Die Freizeit schwindet. Übergriffe auf Intimität, Familie oder Lebenspartner liegen nahe.


2.5. In beamtenrechtliche Struktur gefasst

Last not least: In seiner beamtenrechtlichen Struktur bietet der Pfarrberuf ein hohes Maß an beruflicher Sicherheit. Man kann ein regelmäßiges Gehalt und schließlich eine Pension erwarten, ebenso problemlose Auszeiten und Wiedereinstiege im Fall der Geburt von Kindern, gute Fortbildungsmöglichkeiten, Sabbatzeiten usw. Zugleich aber stellt der Beruf bzw. die Kirche als Dienstherrin Ansprüche an Lebensform und Lebensart. Partner oder Partnerin sollen evangelisch, müssen christlich sein – von Ausnahmen abgesehen.8 Nicht nur die Präsenz- und Residenzpflicht, sondern die Dienstwohnungspflicht ist für die Überzahl der Gemeindepfarrstellen selbstverständlich. Das wirft in der Gegenwart durchaus Schatten.


3. Krisenphänomene mit unterschiedlichem Hintergrund

3.1. Strukturwandel des Pfarrberufs

Uta Pohl-Patalong hat die Pastoraltheologie als eine Krisenwissenschaft bezeichnet9: Als solche gewinnt sie ihre Themen und ist zur Reflexion herausgefordert, seitdem in den Ausdifferenzierungen der modernen Welt die Gestalt des Pfarrberufs diffuser geworden ist. D.h.: manche Probleme sind nicht neu, sondern werden in der Pastoraltheologie seit dem 19. Jh. regelmäßig thematisiert, so vor allem die Frage, welche Aufgaben denn dem Pfarrberuf primär zuzuordnen seien. Mit der Industrialisierung und der Verstädterung ist das Feld, auf das sich der Pfarrberuf richtet, unübersichtlich geworden. Neben die traditionellen Tätigkeiten des Gottesdienstes und der Amtshandlungen, der Predigt, der Seelsorge und Besuche, des Unterrichtes sind vielfältige andere mögliche Aufgaben getreten. Auch die traditionellen Aufgaben sind seither anspruchsvoller, inhaltlich und methodisch differenzierter geworden. Mit der Installierung der Gemeindehäuser und der vereinskirchlichen Aktivitäten am Ende des 19. Jh. hat dieser Prozess eingesetzt, der sich mit der Einrichtung der Funktionspfarrämter seit dem Ende der 60er Jahre des 20. Jh. beschleunigte.

In der Gegenwart zeigt sich die Krise besonders deutlich, weil weniger Pfarrer und Pfarrerinnen ein immer komplexer werdendes Feld bestellen. Allein aus Gründen des nicht in ausreichender Zahl vorhandenen Nachwuchses wird sich diese Situation nicht verbessern, sondern es ist im Gegenteil mit einer Phase wachsenden Pfarrermangels zu rechnen. Insofern ist eine Stärkung der Fähigkeit, die eigene Arbeit zu strukturieren, unabdingbar. Ob das über Arbeitsplatzbeschreibungen wirkungsvoll zu fördern ist, erscheint mir angesichts des diffusen und komplexen Aufgabenfeldes in einer Kirchengemeinde zweifelhaft. Die Bildung einer Persönlichkeit, die in einer gewissen Unabhängigkeit – nicht zu verwechseln mit Kontaktlosigkeit – ihren Beruf individuell zu gestalten vermag, erscheint mir als unverzichtbares Ziel der Ausbildung und der Fortbildung. Aber auch das kirchenleitende Handeln ist gefordert; denn eine solche Selbstständigkeit braucht strukturelle Unterstützung, um der Gefahr einer Überforderung und Selbstausbeutung zu entgehen. Die theologische Überzeugung von der Begrenztheit des menschlichen Vermögens ist nicht nur individuell durchzubuchstabieren, sondern erfordert organisatorische Stützen, beratende Kommunikation und Solidarität der Vorgesetzten, die von außen helfen.


3.2. Struktureller Wandel der Gemeinden

Eine weitere Krise ist durch den strukturellen Wandel in der Gegenwart hervorgerufen. Das parochiale Netz ist mancherorts überdehnt. Die einzelne Gemeinde muss mit geringeren personellen Ressourcen auskommen. Diese Krise ist in einer Perspektive, die ausschließlich die eigene Gemeinde im Blick hat, nicht zu lösen. Pfarrer und Pfarrerinnen wie auch die Gemeinden müssen sich umorientieren, die Pfarrpersonen aber sind es, die diesen Wandel primär betreiben müssen. D.h.: die Identifikation des Pfarrers mit »seiner« Gemeinde, das alleinige Wirken der Pfarrerin für die Interessen »ihrer« Gemeinde muss der professionellen Anforderung weichen, sich so weit von den Menschen vor Ort unterscheiden zu können, dass die Orientierung die parochialen Grenzen transzendiert. Nur so können konzeptionell auch die Bedürfnisse und Ressourcen der Region in den Blick kommen.

Dass dies möglich ist und auch durchaus ebenso belebende wie entlastende Effekte haben kann, zeigen jüngst die Beispiele regionaler Gottesdienstkonzepte, die bei der Vergabe des Gottesdienstpreises der Karl-Bernhard-Ritter-Stiftung öffentlich wurden und mittlerweile auch in der Zeitschrift »Pastoraltheologie« nachzulesen sind.10 Vor allem in den ländlichen Räumen sind sie in manchen Landeskirchen aus der Personalnot und der Last der vielen Kirchen geboren. Aber auch in den Städten stellt sich zunehmend die Frage, ob es sinnvoll ist, in vielen Kirchen zur gleichen Zeit ein mehr oder weniger identisches Angebot für oft wenige Menschen bereit zu halten. In Köthen und Hanau plant nicht mehr jede Parochie für sich allein das gottesdienstliche Leben, sondern dies geschieht in gut überlegter Absprache mit anderen Gemeinden. Die Beispiele zeigen, wie eine genaue Wahrnehmung der Situation in der Region, ein phantasievoller Umgang mit den vorhandenen Ressourcen und vor allem eine aufmerksame gemeindepädagogische Begleitung auch die kerngemeindlich Orientierten mitgehen lässt, wenn sich die gottesdienstliche Praxis verändert. Jedenfalls hat sich in Köthen und Umgebung die Befürchtung, dass die Menschen nur in ihrer eigenen Kirche zum Gottesdienst kommen, nicht bewahrheitet. Man feiert dort jetzt weniger Gottesdienste an unterschiedlichen Orten. Trotzdem ist der Kirchgang insgesamt erstaunlicherweise mit diesem Prozess nicht zurückgegangen, sondern sogar leicht gestiegen.

Voraussetzung für solche Initiativen ist es, dass die Pfarrer und Pfarrerinnen nicht nur auf die Beziehungen vor Ort konzentriert sind. Sie müssen Bezugsgruppen und Kooperationspartner in der Region finden, die sie über das Netz und auch die nicht seltene Einsamkeit des parochialen Pfarramtes hinausführen. Wechselseitige Besuche und Gespräche zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen in der Region können dafür ein Medium sein. Aber es können sich auch Intervisionsgruppen bilden, theologische Arbeitskreise, Konzeptionsgruppen usw. Veränderung braucht Zeit. Wenn der Blick auf die Region gestärkt werden soll, muss dafür Zeit eingeräumt werden, die an anderer Stelle nicht mehr da ist. Ebenso scheint es mir entscheidend zu sein, die engagierten Gemeindeglieder offen und genau über die realen Bedingungen und abzusehenden Entwicklungen zu informieren, um sie damit zu einer Übernahme von Verantwortung zu befähigen. Sonst macht sich in den Gemeinden das Gefühl breit, der Willkür kirchenleitender Maßnahmen ausgesetzt zu sein, gegen die man nur protestieren kann.


3.3. Religionskultureller Wandel der Gegenwart

Eine weitere Krise des Pfarrberufs hat ihre Ursache im religionskulturellen Wandel der Gegenwart. Spätestens mit der 5. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung, auch wenn ihre Deutung noch diskutiert wird11, ist deutlich geworden, dass die religiöse Sozialisation wegbricht oder bereits weggebrochen ist. Menschen mit selbstverständlicher Christlichkeit werden – vor allem in der jüngeren Generation – weniger. Es gibt mehr Indifferenz gegenüber der Kirche. Ob das gegenüber religiösen Fragen überhaupt gilt, ist zu prüfen. Jedenfalls wirkt sich der Befund als eine Kränkung aus bei allen, denen die Kirche lieb ist, und nicht zuletzt bei Pfarrerinnen und Pfarrern. Er macht in mancher Hinsicht ratlos. Vor allem aber zeigt sich darin eine wachsende Herausforderung für die religiöse Sprach- und Darstellungsfähigkeit. Pfarrer und Pfarrerinnen benötigen theologische, kommunikative und ästhetische Kompetenz für die Kommunikation des Evangeliums.12 Es besteht wenig voraussetzungsloses Einverständnis im Gebrauch und Verstehen christlicher Grundworte wie Gnade, Auferstehung, Erlösung oder Heil. Eine plausible Hermeneutik der Gehalte des christlichen Glaubens und seiner Tradition für die Gegenwart ist nicht einfach vorhanden, sondern sie muss erarbeitet werden.

In dem Film »Pfarrer«13 über Vikarinnen und Vikare des Predigerseminars Wittenberg sagt eine Vikarin über das religiöse Leben und die theologischen Themen im Seminar: »Hier drinnen ist es Wahrheit, draußen ist es Wahnsinn.« Im ersten Moment mag man erschrecken angesichts dieses Satzes. Aber sie bringt damit auf den Punkt, dass das Wort Gottes in vielen Situationen im wahrsten Sinne des Wortes verrückt wirkt im Verhältnis zum gesellschaftlich Gültigen, zum alltäglich Wesentlichen. Die Kommunikation des Evangeliums führt in Sackgassen, trifft auf Unverständnis oder Widerstand. Man muss danach suchen, wie Leben und christlicher Glaube zusammenstimmen. Ich finde diese Aufgabe attraktiv und im positiven Sinn herausfordernd. Die Bibel und ihre zentralen Botschaften sind in der Geschichte ihrer Rezeption ja immer wieder neu in sich wandelnde historische und kulturelle Kontexte hinein wirksam geworden. Die Theologie spiegelt diese fortwährende Auseinandersetzung, und – wie Gert Theißen formuliert hat – der Wert religiöser Texte und Botschaften liegt gerade in ihrer Vieldeutigkeit, die verschiedene Lesarten ermöglicht.14 Aber es ist nicht zu verhehlen, dass die theologische Hermeneutik und das Finden und Erfinden angemessener Darstellungsformen für die Gegenwart eine inhaltlich wie kommunikativ komplexe Aufgabe in der Arbeit von Pfarrern und Pfarrerinnen darstellt.

Auch die Adressierung des kirchlichen Handelns insgesamt muss sich im religiösen Wandel verschieben. Wenn die an der Kirche selbstverständlich Interessierten weniger werden, wächst das Bewusstsein, auf andere angewiesen zu sein und von ihnen etwas gewinnen zu können. M.E. ist es produktiv für kirchliche Arbeit, sich bewusst nicht selbstbezogen, sondern als Teil eines öffentlichen Netzwerkes vor Ort zu verstehen. Über existenzielle Fragen und Themen ist die Kirche ja mit anderen Akteuren vor Ort potenziell verbunden. Ich denke z.B. an ein Feld wie Tod, Sterben und Trauer. Es gibt mittlerweile unterschiedliche Agenten (Hospizvereine, Palliativmediziner und andere Ärzte, Pflegeeinrichtungen und -teams, Bestattungsunternehmen, Therapeutische Professionelle usw.), die ebenso wie Pfarrer und Pfarrerinnen in diesem Feld handeln. Sich mit ihnen zu vernetzen, ist die Aufgabe. Netzwerkkompetenz heißt, potenzielle Verbindungen wahrzunehmen und aktiv zu fördern.15 Dafür tritt das Interesse, Einfluss für die eigene Organisation und Überzeugung zu gewinnen, zurück. Es ginge darum, wahrzunehmen, wer mit je eigener Kompetenz und Verantwortung einem lebensdienlichen Umgang mit dem Sterben und dem Tod im Sozialwesen dient und sich damit für eine Netzwerkbildung anbietet. Es könnte sein, dass Kirchengemeinden in solchem kooperativen Austausch lernen könnten, ihren spezifischen Beitrag klarer zu identifizieren und ihn passgenauer zur Geltung zu bringen. Jedenfalls scheint es mir in die richtige Richtung zu gehen, wenn auf der Homepage einer Kirchengemeinde zu lesen ist: »Wir stehen als Kirchengemeinde in einem Verbund von vielen Initiativen und Einrichtungen in den Stadtteilen. Mit ihnen kooperieren wir und verstehen uns als Teil eines größeren Netzwerkes.«16


3.4. Wandel in Lebensformen und Geschlechterverhältnissen

Schließlich ist der Pfarrberuf in einer Veränderungskrise durch den nunmehr schon mehrere Jahrzehnte anhaltenden Wandel in Lebensformen und Geschlechterverhältnissen.17 Die traditionelle Pfarrfamilie hat ihre Rolle als normierendes Modell verloren. Wer die Situation in den Pfarrhäusern zur Kenntnis nimmt, kann nicht darüber hinwegsehen, dass die hohen Ideale, die zum Beispiel in den EKD-Empfehlungen zum Pfarrhaus von 2002 der symbolischen Bedeutung dieses Hauses und des Lebens in ihm zugeschrieben werden18, nicht mehr von der Pfarrerschaft geteilt werden.19 Auch in den Gemeinden – soweit man darüber Bescheid weiß – werden offenbar deutlich bescheidenere Ansprüche an die Pfarrfamilie gestellt.20 In den Interviews, die Katrin Hildenbrand mit Pfarrerinnen und Pfarrern über das Wohnen im Pfarrhaus geführt hat, wird durchgehend herausgestellt, dass bei den Kolleginnen und Kollegen durchaus die Bereitschaft vorhanden ist, die Verknüpfung von Amt und Person, Beruf und privatem Leben, die zwangsläufig vor allem mit der Tätigkeit in der Gemeinde verbunden sind, anzunehmen und verantwortlich zu gestalten. Zugleich aber wird deutlich, dass dafür flexible Lösungen angemahnt werden und die modernen Pfarrfamilien in ihrer vielfältigen Gestalt nicht mehr dem einheitlichen Modell der Vergangenheit folgen wollen und können.


4. Veränderungen im Berufsbild

Auf unterschiedlichen Ebenen also lassen sich Veränderungen im Berufsbild des Pfarrers und der Pfarrerin konstatieren.


4.1. Ausweitung der Zuständigkeitsbereiche

Die Ausweitung der Zuständigkeitsbereiche erfordert es, die parochiale Zuordnung von Pfarrern und Gemeinde flexibler als bisher zu gestalten. Erforderlich ist eine Stärkung des konzeptionellen Denkens, das über die eigene Gemeinde hinausreicht, ebenso die Fähigkeit zu Kooperation mit den anderen kirchlichen Berufen, mit ehrenamtlich Tätigen und mit lokalen Akteuren jenseits der Kirchengemeinde. Die Metapher »Auf der Schwelle«, mit der ich im Titel meiner Pastoraltheologie den Pfarrberuf gekennzeichnet habe, meint u.a. diese vermittelnden und vernetzenden Aspekte des Berufes, will die Öffentlichkeit des Auftrags zur Kommunikation des Evangeliums betonen in bewusstem Unterschied zur ausschließlichen Orientierung an den Bedürfnissen der hochidentifizierten kirchlichen Ingroups.21 Eine solche Perspektive ist bei Pfarrerinnen und Pfarrern sicher umstritten. Ich vermute aber, dass der weitere Horizont und die Orientierung an den wesentlichen Fragen des Gemeinwesens Anregungen und neue Erfahrungen von Wirksamkeit ermöglichen.


4.2. Kollegialer Austausch

Die Veränderung der religiösen Landschaft braucht Raum für die Lust am theologischen Denken und für die Arbeit am theologischen Sprachspiel. Dieser Aspekt ist für viele Pfarrerinnen und Pfarrer ein wichtiger Teil der Attraktivität ihres Berufes. Wenn ich immer häufiger höre, dass Pfarrer und Pfarrerinnen keine Zeit für die Vorbereitung ihrer Predigten und Gottesdienste zu haben meinen, dann kommt es mir so vor, als stimme etwas nicht. Das theologische Nachdenken und der Austausch über inhaltliche Fragen mit Kollegen und Kolleginnen brauchen einen regelmäßigen und gesicherten Ort. Wenn dieser Ort verloren zu gehen droht, hat das – so meine Vermutung – nicht nur etwas zu tun mit der real vorhandenen Belastung (an der sich dann etwas ändern muss), sondern auch mit einer inhaltlichen Verunsicherung und Überforderung, mit der der einzelne Pfarrer, die einzelne Pfarrerin allein nicht gut zurechtkommt. Spätestens im Predigerseminar sollten unterschiedliche Modelle von Intervision und kollegialer Beratung, gemeinsamem Nachdenken und Lesen nachhaltig initiiert werden, sodass die Einsamkeit der Pfarrerinnen und Pfarrer und das Fehlen einer qualifizierten inhaltlichen Resonanz im Pfarralltag gemildert werden. Es ist ja offenkundig, dass viele gute Gedanken aus der Wissenschaft und aus einzelnen Orten kirchlicher Praxis oft nicht bei denen ankommen, die sie gebrauchen könnten.


4.3. Mehr Raum für spirituelle Praxis

Überraschend finde ich, dass – den Umfragen gemäß – viele Pfarrerinnen und Pfarrer sich mehr Raum für eine spirituelle Praxis wünschen.22 Dies scheint mir nicht zuerst eine Frage der zeitlichen Belastung zu sein. Vielmehr ist das Ausdruck der Schwierigkeit, sich die traditionellen geistlichen Praxisformen des Pfarrberufs – die Auslegung der Bibel, das Gebet, den Gottesdienst mit den ästhetischen Ausdrucksformen des Evangeliums – so anzuverwandeln, dass damit die spirituelle Sehnsucht gestillt werden kann. Insgesamt haben hier Pfarrer und Pfarrerinnen offenkundig Teil an der Suche nach Formen der Glaubenspraxis, die in die Situation unserer Zeit und ihre Bedürfnisse unmittelbarer hineinsprechen. Sie sind selbst eingebunden in einen Prozess des Zerbrechens oder Verstummens traditioneller Formen und der Suche nach ihrer Erneuerung. Wie diese Teilhabe an einem zeitgeschichtlichen Vorgang sich aus der Klage über mangelnde Spiritualität zu einem produktiven gemeinsamen Prozess entwickeln könnte, wäre näher zu bedenken.

4.4. Profession und Macht

In den letzten Jahren hat der kluge pastoraltheologische Entwurf von Isolde Karle eine breite Resonanz gefunden.23 Ich meine, in mancher Hinsicht zu Recht: Dass es tatsächlich eine anspruchsvolle professionelle Aufgabe darstellt, die religiösen Fragen auf unterschiedliche, immer aber auch persönlich verantwortete Art und Weise in Kirche und Gesellschaft zu kommunizieren, dürfte unbestritten sein. Diese Aufgabe erfordert Bildung, kommunikative Kompetenz, Vertrauenswürdigkeit. Sie erfordert auch das Bewusstsein, mit dieser Aufgabe als Person nicht allein zu stehen, sie nicht nur durch eigene Fähigkeiten bewältigen zu müssen, sondern eingebunden zu sein in einen Professionszusammenhang, der Fähigkeiten und Haltungen anbietet, in denen die Person sich verorten kann und der sie unterstützt. Dieses Wissen um die professionellen Regeln, Codes und Fähigkeiten trägt neben der grundlegenden theologischen Überzeugung, dass der Erfolg des eigenen Wirkens letztlich nicht an den Bemühungen der Person hängt. So weit bin ich völlig einverstanden.

Kritisch aber sehe ich es, dass Isolde Karle ihr eigenes Professionsverständnis in keiner Weise machttheoretisch reflektiert. Stammt doch die Kontur der klassischen Professionen aus der bürgerlichen Kultur des 19. Jh., in der die Arbeitsteilung der Geschlechter selbstverständlich vorausgesetzt war. Und waren doch mit diesem bürgerlichen Professionsverständnis immer ständische Interessen verbunden, die dem Schutz der eigenen Rechte und der eigenen Bedeutung dienten.24 Wenn in der Soziologie über Professionen gesprochen wird, ist darum das Bild heute differenzierter als das von Karle angebotene. Zum einen wird bedacht, dass Professionalisierung im Sinne eines persönlich verantworteten Handelns in komplexen Aufgabenbereichen in vielen Berufsfeldern selbstverständlich geworden ist. Zum anderen zeigt sich mit der Pluralisierung der Lebensformen und Lebensentwürfe, dass eine lebenslange Vollinklusion in den Beruf in vielen Fällen nicht mehr den Bedürfnissen und der Realität entspricht. Insofern muss man m.E. daran denken, dass Deprofessionalisierungsprozesse nicht nur problematisch sein müssen, sondern dass flexiblere Modelle der Berufstätigkeit (wie z.B. Teildienstverhältnisse) ein nicht mehr auszulöschendes Merkmal moderner Berufstätigkeit darstellen.


4.5. Pfarrberuf und andere kirchliche Dienste

Ebenso ist gründlich zu bedenken, in welchem Verhältnis der Pfarrberuf zu anderen kirchlichen Berufen steht, wie Haupt- und Ehrenamtliche, Ordinierte und Nichtordinierte im Aufgabenfeld der Kirche einander zuzuordnen sind und welche spezifischen Aufgaben darin den Pfarrerinnen und Pfarrern zukommen.25 Hier geht es u.a. um die Frage, wie die Teamfähigkeit der Pfarrerinnen und Pfarrer zu stärken ist, auf welche Weise sie ihre Tätigkeit entsprechend ihrer aufwändigen theologischen und religiösen Bildung besser konzentrieren könnten (hier sollte man einmal genau hinschauen und reflektieren, ob die Aufgabenverteilung in anderen Kirchen, z.B. in der Schweiz, produktive Anregungen gibt). Schließlich: Wie könnten Pfarrer und Pfarrerinnen besser lernen, anderen für eine selbstständige Tätigkeit Raum zu geben und dafür eine angemessene, die Kompetenzen der Ehrenamtlichen würdigende, Art der Unterstützung anzubieten?


4.6. Leben im Pfarrhaus und Dienstwohnungspflicht

Nicht zuletzt sind das Leben im Pfarrhaus und die Dienstwohnungspflicht zu reflektieren. Faktisch ist diese Pflicht (nicht zu verwechseln mit der Residenz- bzw. der Präsenzpflicht) an vielen Stellen bereits durchbrochen, so durch übergemeindliche Pfarrstellen, stellenteilende Ehepaare, Verkauf von Pfarrhäusern usw. Angesichts der eher geringen Zahlen an nachwachsenden Pfarrerinnen und Pfarrern, die in unterschiedlichen Lebens- und Familienkonstellationen stehen, haben einige Kirchen bereits die Entscheidung getroffen, nicht in jedem Fall am Pfarrhaus als selbstverständlicher Dienstwohnung festzuhalten. Sie suchen Lösungen, die den Gegebenheiten und Notwendigkeiten der jeweiligen lokalen Situation und den jeweiligen Bedürfnissen der Pfarrer und Pfarrerinnen flexibler Rechnung tragen.26 In einer gesellschaftlichen Lage, in der es aus gutem Grund für fast keine Berufsgruppe mehr eine Dienstwohnungspflicht gibt – Kommunikation wird nur selten dadurch gesucht, dass man jemanden ungefragt in seinem Haus aufsucht –, wird man gegenüber dem eigenen Nachwuchs die zwingende Notwendigkeit einer strikten Dienstwohnungspflicht nur noch schwer vermitteln können.


5. Aufgaben und Instrumente der mittleren Ebene

Was sind nun in diesem Zusammenhang die Themen und Aufgaben der mittleren Ebene, in der sich die Probleme in besonderer Weise konzentrieren? Ich möchte dazu am Schluss nur wenige Impulse geben.

Zunächst einmal ist es nötig, sich der Grenzen der eigenen Einflussmöglichkeiten bewusst zu sein. Pfarrer und Pfarrerinnen sind selbstständige und manchmal auch widerspenstige Menschen. Ich denke, das hat durchaus Vorteile. Sie warten nicht darauf, dass ihre Vorgesetzten ihnen sagen, was sie tun und lassen sollen. Und meist reagieren sie sehr schnell (und eben widerstrebend), wenn sie Leitungshandeln als übergriffig empfinden. Insofern muss notwendig die Frage im Vordergrund stehen: Wie kann ich die Pfarrer und Pfarrerinnen durch das Dekanat so unterstützen, dass sie ihre Fähigkeiten möglichst gut entfalten und ihre Intentionen umsetzen können? Dazu ist vielleicht auch eine kritische Selbstbefragung hilfreich: Wie schaue ich auf »meine« Pfarrer und Pfarrerinnen? Eher skeptisch oder eher anerkennend? Eher fordernd oder eher bestimmt von der Frage: Wie kann ich meine Möglichkeiten einsetzen, um das zu fördern, was gut läuft? Ein ressourcenorientierter Blick auf den eigenen Verantwortungsbereich sollte fragen: Was funktioniert und läuft? Warum ist das so? Was können wir daraus lernen? Wie können wir diese positiven Impulse stärken und eventuell auch gegen Widerstände oder Neid verteidigen? Oft geht es nicht darum, neue Programme zu machen, sondern nur genauer wahrzunehmen, was schon da und zu stärken ist.

Eine zentrale Aufgabe scheint es mir zu sein, Kooperations- und Lernmöglichkeiten anzuregen und diese ideell und auch finanziell zu unterstützen. Dabei sind verschiedene Angebote für unterschiedliche Typen von Pfarrern und Pfarrerinnen nötig. Denn es sollten möglichst viele mit ihren jeweiligen Schwerpunkten und Fähigkeiten eingebunden sein – und zwingen zur Kooperation kann man niemanden. Es geht auch hier darum, Netzwerke aller Art zu fördern. Vielfalt ist nicht problematisch, sondern anregend. Nicht nur in die eigene Gemeinde und das eigene Arbeitsfeld eingebunden zu sein, sondern sie auch aus der Distanz gemeinsam mit anderen – es müssen nicht immer nur andere Pfarrerinnen und Pfarrer sein – anzuschauen und zu bedenken, wirkt unterstützend und haltend und ist zugleich ein Quellort kreativer Impulse. Mehr Kooperation wäre heilsam für die Pfarrerinnen und Pfarrer und ebenso gut für die Kirche. Aber sie braucht Zeit und Geld. Man muss ihre Förderung wollen. Und etwas anderes dafür lassen.

Aus psychoanalytischer Perspektive sage ich: Es geht darum, »mit der Abwehr« – also nicht gegen sie – zu gehen. Leitungshandeln kommt nicht ohne Konfrontation aus. Aber Verständnis für solche Konfrontation erreicht nur, wer erkennbar Belastungen und Ängste wahrnimmt, Interesse an den Personen und ihrer Arbeit und Anerkennung für sie zeigt. Das ist eigentlich selbstverständlich. Aber in Zeiten wachsenden Drucks gerät das leicht aus dem Blick. Dann wird Druck weitergegeben, wo Verständnis, Anerkennung und Freiraum nötiger wären. Uta Pohl-Patalong und Eberhard Hauschildt sprechen von der Kirche als einer lernenden Organisation, und zwar einer langsam lernenden Organisation.27 Lernen wird gefördert, wenn der organisatorische Rahmen dafür stimmt. Aber zugleich ist – nicht zuletzt aus theologischer Sicht – zu berücksichtigen, dass Lernprozesse nur begrenzt zu steuern sind. Menschen haben ihr Geheimnis. Neue Einsichten und verändertes Handeln entstehen auch ohne intentional angestrebt worden zu sein. Gute Intentionen haben nicht immer gute Wirkungen. Beides zu durchdringen und zu verstehen braucht Zeit. Insofern ist es zum einen unvermeidlich, mit Grenzen und Fehlern zu rechnen und in der Reaktion darauf zwischen Person und Werk zu unterscheiden. Zum anderen ist die Langsamkeit der Veränderungen in der Kirche nicht nur ein Grund zum Seufzen, sondern Langsamkeit gibt auch die Chance, aus Fehlern zu lernen. Die Langsamkeit als Wert zu schätzen, verringert Druck.

Kirchenleitendes Handeln, so Jan Hermelink, bestehe nicht primär im Vorgeben von Leitbildern und Visionen, sondern vor allem in der Irritation der impliziten und expliziten Leitbilder des kirchlichen Handelns im Licht des Evangeliums.28 In vielen Situationen wird Menschen, die Kirche leiten, sicher anderes abverlangt. Aber ich denke doch, dass diese Sicht dazu verhilft, selbst immer wieder Abstand zu nehmen, die Grenzen der eigenen Möglichkeiten zu ihrem Recht kommen zu lassen. Im Wissen, dass wir Angewiesene sind und bleiben, wurzeln die Zuversicht und die Freiheit jenes Glaubens, der die Zukunft offen hält. Dieser Sicht auf das Leben immer wieder zu ihrem Recht zu verhelfen, darin liegt die eigentliche Attraktivität und Verheißung des Pfarrberufs, auf welcher Ebene man ihn auch ausübt.


Anmerkungen:

1 Vortrag auf der Dekanekonferenz der Evang. Landeskirche in Baden, Bad Herrenalb, 29.9.2014.

2 Vgl. Gothart Magaard/Wolfgang Nethöfel (Hg.): Pastor und Pastorin im Norden, Berlin 2011, 20.

3 Vgl. ebd.

4 Vgl. Ulrike Wagner-Rau: Auf der Schwelle. Das Pfarramt im Prozess kirchlichen Wandels, Stuttgart 2012, 22-33.

5 Vgl. dazu auch dies.: Zwischen Innen und Außen. Orientierende Perspektiven für den Pfarrberuf, in: Praktische Theologie 48 (2013), 140-146.

6 Vgl. Christian Hartmann/Gunther Schendel: In der Kirche ist es kalt, im Pfarrhaus ist es warm. Das evangelische Pfarrhaus in seiner öffentlichen Bedeutung, in: Evangelische Stimmen. Forum für kirchliche Zeitfragen in Norddeutschland 12/2013, 16-25.

7 Vgl. Wilhelm Gräb: Der Pfarrer als Musterprotestant, in: Friedrich Wilhelm Graf/Klaus Tanner (Hg.): Protestantische Identität heute, Gütersloh 1991, 246-255.

8 Vgl. Kirchengesetz zur Regelung der Dienstverhältnisse der Pfarrerinnen und Pfarrer in der Evangelischen Kirche in Deutschland (Pfarrdienstgesetz der EKD – PfDG.EKD) vom 10. November 2010, §39,2: »Pfarrerinnen und Pfarrer sollen sich bewusst sein, dass die Entscheidung für eine Ehepartnerin oder einen Ehepartner Auswirkungen auf ihren Dienst haben kann. Ehepartnerinnen und Ehepartner sollen evangelisch sein. Sie müssen einer christlichen Kirche angehören; im Einzelfall kann eine Ausnahme zugelassen werden, wenn zu erwarten ist, dass die Wahrnehmung des Dienstes nicht beeinträchtigt wird.«

9 Uta Pohl-Patalong, Pastoraltheologie, in: Christian Grethlein/Helmut Schwier (Hg.): Praktische Theologie. Eine Theorie- und Problemgeschichte, Leipzig 2007, 515-574, hier: 515.

10 Vgl. die Beiträge zum Thema in Heft 3, Pastoraltheologie 103 (2014), 98-127.

11 Vgl. Jan Hermelink/Birgit Weyel/Eberhard Hauschildt, Keine Herde von Gleichgültigen. Einige Ergebnisse der 5. Mitgliedschaftsuntersuchung werden missverstanden, in: Zeitzeichen 15 (2014), Heft 6, 12-15.

12 Vgl. auch David Plüss. Der Pfarrberuf zwischen Zeitgeist und Zeitgenossenschaft, in: ThZ 68 (2012), 355-376.

13 Vgl. Pfarrer, Dokumentarfilm, Deutschland 2014, Regie: Chris Wright/Stefan Kolbe.

14 Vgl. Gerd Theißen, Zeichensprache des Glaubens. Chancen der Predigt heute, Gütersloh 1994, 54.

15 Vgl. dazu u.a. Claudia Schulz, Wie das Evangelium sich Raum schafft. Sozialraumorientierung als Paradigma für religionspädagogisches Handeln, in: PTh 102 (2013), 442-458.

16 Vgl. Kraack, Kai, Herzlich Willkommen, in: Hompage der Ev.-luth. Kirchengemeinde St. Georg-­Borgefelde, abrufbar unter www.stgeorg-borgfelde.de, letzter Zugriff: 2.11.2014.

17 Vgl. Simone Mantei/Regina Sommer/Ulrike Wagner-Rau (Hg.): Geschlechterverhältnisse und Pfarrberuf im Wandel, Stuttgart 2012.

18 Vgl. EKD (Hg.), Empfehlung zu Fragen des Pfarrhauses, in: Hompage der EKD, abrufbar unter www.ekd.de/EKD-Texte/pfarrhaus_2002.html, letzter Zugriff: 2.11.2014.

19 Vgl. Katrin Hildenbrand, Leben in Pfarrhäusern. Zur Transformation einer protestantischen Lebensform, Diss. Marburg 2014.

20 Vgl. Hartmann/Schendel, a.a.O.

21 Vgl. Wagner-Rau, a.a.O.

22 Vgl. Magaard/Nethöfel, a.a.O., 3: 74% der Befragten wünschen sich mehr Zeit für die Pflege des eigenen geistlichen Lebens.

23 Vgl. Isolde Karle, Pfarrberuf als Profession. Eine Berufstheorie im Kontext der modernen Gesellschaft, Gütersloh 20113.

24 Vgl. Anke Wiedekind, Berufs- und Lebensperspektiven von jungen Theologinnen und Theologen, 181-201, in: Mantei/Sommer/Wagner-Rau, Geschlechterverhältnisse und Pfarrberuf im Wandel.

25 Eine Systematisierung der verschiedenen Mitarbeitenden versucht Eberhard Hauschildt: Allgemeines Priestertum und ordiniertes Amt, Ehrenamtliche und Berufstätige. Ein Vorschlag zur Strukturierung verwickelter Debatten, in: PTh 102 (2013), 388-407.

26 Vgl. die Darstellung des Pfarrhaus-Prozesses der Evang.-luth. Landeskirche Hannovers in: Hildenbrand, a.a.O., 121-125.

27 Vgl. Eberhard Hauschildt/Uta Pohl-Patalong, Kirche, Gütersloh 2012, 400-407.

28 Jan Hermelink, Kirchliche Organisation und das Jenseits des Glaubens. Eine praktisch-theologische Theorie der evangelischen Kirche, Gütersloh 2011, 293f.

 

Über die Autorin / den Autor:

Prof. Dr. Ulrike Wagner-Rau, seit 2002 Professorin für Praktische Theologie an der Philipps-Universität Marburg; Forschungsschwerpunkte: Kasualtheorie, Pastoraltheologie, Seelsorge, Genderfragen in der Prakt. Theologie.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 2/2015

1 Kommentar zu diesem Artikel
02.03.2015 Ein Kommentar von Pfarrerin Kerstin Janott Als Pfarrerin in einer Region der EKHN, in der wir nun im dritten Jahr die Kooperation von 5 Kirchengemeinden mit 7 Predigtstätten auf einer Fläche von 86 Quadratkilometern erproben, kann ich nur sagen: Es lohnt sich. Wir haben aus der Not einer Vakanz mit sich abzeichnender Pfarrstellenreduktion eine Tugend gemacht und die Zusammenarbeit in vielen Bereichen gewagt. Wir sind seit diesem Jahr nur noch 3 Pfarrerinnen (gegenüber vorher 3,5 Pfarrstellen) und haben durch unsere Kooperation bei den Gottesdiensten, in der Konfirmandenarbeit und in der Öffentlichkeitsarbeit große Synergieeffekte erziehlt. Zur Zeit erproben wir die Kooperation im Verwaltungsbereich um uns gegenseitig zu entlasten. Ein Mal im Monat feiern wir in Kooperation mit den örtlichen Vereinen einen gemeinsamen Gottesdienst immer an einem anderen Ort (zu unseren 5 Kirchengemeinden gehören insgesamt 26 Orte, allerdings sind nur an 7 davon offizielle Predigtstätten zu finden), zu dem alle eingeladen sind - und erstaunlicherweise auch kommen! Kooperation hat viel damit zu tun, das Licht leuchten zu lassen - und zwar auch das der Anderen, und nicht damit beschäftigt zu sein, am eigenen Ort auch das ganze erfolgreiche Angebot der anderen Kirchengemeinden abzubilden. Menschen auch mal frei zu lassen, wo anders hinzugehen, das lohnt sich. Ich könnte noch seitenweise weiter erzählen, belasse es aber mal bei diesen Eindrücken. Am meisten hilft es, selbst tätig zu werden, Ideen zu entwickeln, die vor Ort funktionieren könnten. Gute Anregungen gibt es, sie müssten nur mal gesammelt zur Verfügung gestellt werden. Das Wichtigste ist für mich, über den Tellerrand der eigenen Kirchengemeinde zu schauen, die Menschen sind sowieso weit über die Ortsgrenzen hinaus vernetzt.
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