»Es gibt in dieser Welt Geld wie Dreck – es ist nur in den Händen der falschen Leute.« – Mit diesem Spitzensatz übte Heiner Geißler in seinem Hauptvortrag beim 73. Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrertag in Worms deutliche Kritik an einem völlig aus den Fugen geratenen kapitalistischen Wirtschaftssystem, das jede Verbindung mit der Realwirtschaft, aber auch mit den Bedürfnissen der Menschheit verloren hat. Geißler zeigte in seinem Vortrag die gigantischen Finanzströme auf, die virtuell um den Globus rasen und sich in Millisekunden vermehren, und konterkarierte diese Kapitalanhäufung mit dem fehlenden Geld im Sozialwesen, in Bildungseinrichtungen, Krankenhäusern und Diakoniestationen. Das eigentliche Problem ist – wie so oft – das der Verteilung. Würde man – so Geißler – die Finanztransaktionssteuer einführen, so ließe sich bei einer Besteuerung mit 0,05 % weltweit ein Volumen von 300 Mrd. Dollar erzielen. Die UN benötigte zur Realisierung ihrer Milleniums-Ziele 100 Mrd. Dollar.

Bei Geißlers Beschreibung des fiktiven, aber zugleich so machtvollen Buchgeldes fühlte man sich an Äußerungen des Schweizer Ökonomen Christoph Binswanger erinnert, der mit Blick auf die Kapitalsummen, die lediglich als virtuelle Kredite gehandelt werden, von einer menschlichen Nachäffung der göttlichen creatio ex nihilo spricht. Dazu Geißler: »Wenn man aus einer Kasse, in der nichts drin ist, 1000 Euro herausnimmt, muss man erst einmal 1000 Euro wieder hineinlegen, damit die Kasse leer ist.«

In den Mittelpunkt seines Referats zum Tagungsthema »Hier stehe ich, ich kann nicht anders – manchmal musst du Nein sagen!« stellte Geißler jedoch das biblische Menschenbild. Vom Evangelium her lasse sich keine der Klassifizierungen und Diskriminierungen rechtfertigen, die die Geschichte der Menschheit so unrühmlich begleiten: für Jesus, so Geißler, zählen nicht die Klassenzugehörigkeit, nicht Rasse, Nation, Religion oder Geschlecht, sondern einzig und allein »der Mensch, wie er geht und steht«. In eindrucksvoller Weise leitete Geißler dies aus dem Gleichnis vom sog. »barmherzigen Samariter« her, wobei für ihn die gängige Überschrift schon in die falsche Richtung zielt, weil es in dieser Geschichte nicht um Barmherzigkeit, sondern um die Pflicht zur Nächstenliebe gehe. Das Doppelgebot der Liebe sei der Kern des Evangeliums und dies müsse auch politisch ausgelegt werden. Gottesdienst und Diakonie, gleichwertig nebeneinander – das sei die Aufgabe der Kirche und ihrer Amtsträger in der Nachfolge Jesu.

Doch der Furor des zornigen alten Mannes erfuhr im Tagungshaus »Wormser« zumindest dort selbst ein Nein, wo Geißler in fast marcionitischer Weise versuchte, die Bibel auseinanderzureißen, um das NT gegen das AT zu retten. Im Blick auf das AT sprach Geißler von einem »Mischmasch«. Da überrascht dann doch das mangelhafte Bemühen um hermeneutische Differenzierung bei einem Mann seiner Bildung. In der Tat vergibt Geißler auf diese Weise die Chance, das atl. Zinsverbot, den Umgang mit den Fremden im AT, die prophetische Finanz- und Gesellschaftskritik und manches mehr gewinnbringend zu rezipieren. Doch dies nur am Rande.

Die Anspielung des Tagungsthemas auf die Lutherstadt Worms und das tapfere Nein des Reformators gegenüber Kaiser und Reich nahm Geißler übrigens gleich zu Beginn seines Vortrags auf, indem er auf den frühkapitalistischen Ablasshandel und die kirchlichen Kredite beim Bankenhaus Fugger verwies. Und im Wesentlichen blieb es in Geißlers Vortrag auch bei diesem Nein zu Kapitalismus und internationalem Finanzkartell – freilich nicht nur um die Blasen des globalen Finanzmarkts und die herrschenden Ungerechtigkeiten zu geißeln, sondern um den Protest der versammelten Protestanten herauszufordern.

Von solchen und anderen »Neins!« mehr in dieser und in künftigen Ausgaben des Deutschen Pfarrerblatts.

Herzlich grüßt Sie Ihr

Peter Haigis

PS.: Bei der Mitgliederversammlung des Verbandes wurde am 22.9.2014 Pfarrer Frank Ilgen, Vorsitzender des Pfarrvereins in Kurhessen-Waldeck, zum stellvertretenden Vorsitzenden des Verbandes evangelischer Pfarrerinnen und Pfarrer in Deutschland gewählt.

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 10/2014

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