Terrorismusbekämpfung ist zu einem Totschlagargument für die Legitimierung antidemokratischer Maßnahmen geworden. Doch was ist Terror und was ist Terrorismus? Welche ­religiösen Motive und welche Strategien verfolgt der islamistische Terrorismus? Und wie kann ihm politisch wirksam begegnet werden? Dierk Schäfer versucht in seinem Essay, ­darauf Antworten zu geben.

 

Vorbemerkung

Der nachfolgende Essay fußt auf meiner Präsentation in einem kriminologischen Seminar der Universität Tübingen. Er behandelt weniger die mit dem Thema verbundenen juristischen Fragen, sondern das grundsätzliche Phänomen von Terror und Terrorismus, wie es sich in der Behauptung bzw. Bestreitung von Legimität ausdrückt. Damit sind alle »höherwertigen« Motive angesprochen, die Terror und Terrorismus von üblicher Kriminalität, auch von Staatskriminalität unterscheiden. Diese Motive liefern Terror und Terrorismus eine mehr oder weniger explizite religiöse Grundlage. Wenn wir von psychopathologischen Fällen fehlender Empathie absehen, ist die religiöse Komponente die Bedingung dafür, Verbrechen mit gutem Gewissen, mit einer unerträglichen Reinheit der Herzen zu begehen.

Wegen der Aktualität liegt ein besonderer Aspekt dieses Essays auf der Erscheinungsform des islamistisch begründeten Terrorismus. Doch sei betont, dass diese spezielle Form der religiösen Legitimierung nur beispielhaft für wohl alle anderen steht und uns an Zeiten erinnert, die wir überwunden glaubten.


Begriffe, Ähnlichkeiten, Abgrenzungen

Fast täglich informieren uns die Medien über terroristische Anschläge in aller Welt, so dass wir zu wissen meinen, was Terrorismus ist, nämlich ein gewalttätiger Anschlag auf Personen oder Einrichtungen, verbunden mit einer politischen Botschaft. So in etwa stimmt das auch. Erst bei näherem Hinsehen wird das semantische Feld vielfältiger und unübersichtlicher. Der norwegische Attentäter Breivik – ist er ein Terrorist, ein Amokläufer oder »nur« ein Massenmörder? Wie steht es wirklich mit seiner Zurechnungs- und damit Schuldfähigkeit? Er selbst hält sich für einen Helden, was er mit vielen Aktivisten gemein hat, von deren Anschlägen die Medien berichten. Schließlich gibt es auch Personen, die als »Terroristen« gestartet sind, aber dann Staatslenker wurden oder gar den Friedensnobelpreis erhielten. Und warum der »-ismus«? Reicht der Begriff Terror nicht?1

Terrorismus umfasst kriminelle, also strafbare Handlungen. Doch was hebt ihn ab von bloßer Bereicherungskriminalität, von Beziehungstaten, Sexualstraftaten, Affekttaten oder jugend-typischen Gewalttaten? Der wesentliche Unterschied ist in dem Anspruch zu sehen, dass für diese Art von Gewalthandlungen »höhere« Ziele beansprucht werden, politische oder weltanschaulich-religiöse. Oft hat man den Eindruck, dass Übergriffe auf andere Bevölkerungsgruppen nur politisch, ethnisch oder religiös kaschiert werden, aber eigentlich profane Kämpfe um Besitz, Macht und Einfluss sind. Juden dienten zuweilen in Epidemiezeiten geradezu reflexhaft als Sündenbock. Doch die Pogrome sind auch das historische Beispiel, das zur nächsten Abgrenzungsfrage führt: Sind gewalttätige Übergriffe aus einer gesellschaftlichen oder politischen Machtposition heraus dasselbe wie Anschläge auf diese Positionen?

Werfen wir einen Blick auf die ursprüngliche Wortbedeutung: »Terror« heißt Schrecken und meint zunächst den durch Feinde von außen, aber auch erschreckende Naturereignisse und die Nachricht davon, aber noch nicht den instrumentell eingesetzten Schrecken. Doch um den geht es hier. Der Sachverhalt hat eine längere Tradition als der Begriff. So wird Caligula als charakterisierendes Motto seiner Herrschaft das oderint dum metuant (Mögen sie mich hassen, wenn sie mich nur fürchten) zugeschrieben und er war bestimmt nicht der erste, der im öffentlichen oder auch privaten Rahmen mit Schrecken regierte. Terror als Herrschaftsmittel gab es eindeutig früher als den Terrorismus. Dies gilt für alle Herrschaftsverhältnisse, auch für private. In der Regel jedoch wurde dieses Herrschaftsmittel nicht explizit gerechtfertigt oder gar religiös überhöht.

Doch es erscheint sinnvoll, erst mit der Phase der Schreckensherrschaft der französischen Revolution einzusetzen.2 Mit dem Begriff terreur wurde der Schrecken als gezieltes Herrschaftsmittel bezeichnet, und explizit »auf die Tagesordnung« gesetzt. J.-P. Marat erklärte terreur für heilsam und unerlässlich zur Durchsetzung der Maximen der Aufklärungsphilosophie, besonders der Freiheit.3 Der terroristische Imperativ wird in klassischer Weise in einer Petition vom Dezember 1793 an den Konvent formuliert: »Par pitié, par amour pour l’humanité soyez inhumains«.4, [1]5 Dieser historische Rückgriff zeigt die ideologischen Grundlinien auch der heutigen Erscheinungsformen von Terror und Terrorismus: Beide gerieren sich als »notwendige« Mittel auf dem Weg zum Heil, wie auch immer es definiert wird. Dies unterscheidet den terreur der Französischen Revolution von anderen Volksaufständen, die es bereits früher gab, auch wenn z.B. im Bauernkrieg durchaus nicht nur die Macht, sondern auch die Legitimität der Fürsten angegriffen wurde.6


Die Entwicklung von Terror und Terrorismus

Bauernaufstände

Der Bauernkrieg kann jedoch als eine wichtige Wegmarke in der Entwicklung zum Terrorismus gesehen werden. Darum doch noch ein kleiner Schritt in die weitere Vergangenheit. Was war neu? Herrschaft musste sich bis dahin selten sonderlich rechtfertigen, selbst bei »himmelschreiendem« Herrschaftsmissbrauch. Die Menschen wurden in ein Herrschaftssystem hineingeboren, nahmen es als gottgegeben hin und vermittelten diese Weltsicht an ihre Kinder. Max Weber benennt als wichtigste Formen der Legitimation von Herrschaft Tradition, Glauben und Satzung.7 In diesem Ordnungssystem leisteten die Menschen Anspann-, Fron- und Kriegsdienste, tolerierten sexuelle Übergriffe und bekamen dafür Schutz vor Räubern und anderen Herrschaften. War die Herrschaft schwach, errangen Städte und Landstände Privilegien, die bei Gelegenheit wieder einkassiert wurden.8

Das soll hier nicht im Detail ausgeführt werden. Neu bei den Bauernkriegen war nicht nur die Reformation, eine Revolution gesellschaftlicher Weltanschauung, sondern auch ein Kommunikationsmittel, das Gleichbedrängte und Gleichgesinnte zur Aktion zusammenführte: der Buchdruck und das Flugblatt. Die Rolle der Medien wird die Entwicklung des Terrorismus begleiten, ja, die terroristische Aktion wird zum Medium selber werden. Das Letztgenannte galt schon für den Bauernkrieg. Die Bauern in X haben …, also können wir auch. Doch Dreschflegel, umgeschmiedete Sensen und mangelnde Disziplin waren den gut ausgerüsteten und geordnet kämpfenden Soldaten der Herrschaften nicht gewachsen. Geschlagen ziehen wir nach Haus. Und die Enkel? Nicht die der Bauern, aber die Fürsten in der zweiten Reihe entwickelten die Gedanken der Aufklärung und der Freiheit des Menschen. Als Louis XVI. das kunstvoll geknüpfte Netz seines Großvaters nicht mehr beherrschen konnte,9 Staatsüberschuldung und neue Ideen hinzukamen, fiel das absolutistische, auf Gottesgnadentum gegründete Feudalsystem den empörten Massen und ihren Ideengebern zum Opfer.

 

Das französische Schreckensregime

Ob es sich beim terreur der Revolution um Terror oder um Terrorismus handelt, ist nicht eindeutig zuzuordnen. Es ist sinnvoll, unter Terror den »von oben«, zur Machterhaltung, und unter Terrorismus den »von unten«, den Angriff auf die Machthaber, zu verstehen. Doch le terreur scheint mir ein neues Phänomen in der europäischen Geschichte zu sein – Historiker mögen mich korrigieren. Hier hat das Volk die Macht ergriffen, das Militär zur Unterstützung gewonnen, seine Anführer setzten Gewalt zur totalitären Umsetzung ihrer Freiheitsideen ein – und meuchelten sich gegenseitig. Terror oder Terrorismus? Auf jeden Fall ein Kampf um die Macht und ihre Legitimation. Die Unsicherheit, ob etwas Terror oder Terrorismus ist, prägt die weitere Entwicklung. Terrorist ist immer nur, wer keinen Erfolg hat. Mancher Terrorist wurde zum Staatsmann und konnte sogar den Friedensnobelpreis erhalten.10 Und dank des Internationalen Strafgerichtshofes wird mancher Staatsmann, der mit Terror regiert hat, nun als Verbrecher verfolgt.

 

Anarchistischer Terrorismus

Davon waren die russischen Revolutionäre noch weit entfernt. David C. Rapoport rechnet sie zur ersten, der anarchistischen Welle des modernen Terrorismus.11 Sie kann als sozial-revolutionäre Welle verstanden werden. Die Anarchisten griffen die Ideen der Französischen Revolution auf. Es handelt sich somit um den idealistischen Versuch einer politischen Umwälzung. Mit Agitation unter Intellektuellen und Arbeitern, aber auch mit Attentaten und Aufständen sollte die Revolution in Gang kommen. Die Attentate hatten zeichenhaften Charakter und waren explizit die Antwort auf staatlichen Terror. Der Terrorismus führte zur russischen Revolution und brachte mehr als nur ein fürchterliches Terrorregime hervor.

Idealismus also, die Idee von Freiheit und sozialer Gerechtigkeit, wurde ein Motor auch zukünftiger gewalttätiger politischer Auseinandersetzungen.12 Unterstützt wurden die Aktionen der Anarchisten durch neue Entwicklungen von Waffen und Medien. Waren bisher gewalttätige politische Auseinandersetzungen nur als Krieg bekannt, Krieg zwischen Staaten oder als Bürgerkrieg, so konnten nunmehr dank der Erfindung des Dynamits sich auch kleine revolutionäre Gruppen daran beteiligen und versuchen, ihre Ideen auf die Tagesordnung zu setzen.13 Dies unterscheidet die terroristischen Attentate von politischen Mordanschlägen auf Cäsaren jeder Art, auch von Palastrevolutionen. Die terroristischen Attentate waren medienwirksam, das war vielleicht das wichtigste Motiv für die Anschläge. Die Erfindung des Telegraphen und die täglich erscheinenden Zeitungen sorgten für die Verbreitung auch der Ideen. Die Eisenbahnen schließlich verschafften den Revolutionären und ihrer Agitation eine bis dahin nicht gekannte Mobilität.14

 

Antikolonialistische Kämpfe

Mit den Zarenattentätern waren die Terroristen »reinen Herzens« auf den Plan getreten.15 Durch edle Ziele und bewusste Selbstaufopferung wollten sie sich von gewöhnlichen Verbrechern unterscheiden. Sie suchten sorgfältig die Zielpersonen aus und verzichteten auf günstige Gelegenheiten, um nicht auch zugleich Unschuldige zu treffen.

Die zweite, die antikolonialistische Welle, schreibt Rapoport, war ethnisch-nationalistisch. Ausgelöst wurde sie durch Hoffnungen, geknüpft an die Versailler Verträge zum Abschluss des Ersten Weltkrieges. Die Freiheitskämpfer dieser Welle (so Menachem Begin, Terrorist und Staatsmann) genossen eine breitere Zustimmung als die der ersten und finanzierten sich nicht im gleichen Maße über Bankraube, wohl auch, weil sie teilweise aus ihrer jeweiligen Diaspora unterstützt wurden. So kämpften sie erfolgreich gegen den »Terror« der Kolonialmächte und bereiteten den Weg für eine Kompradorenbourgeoisie in den ehemaligen Kolonien. Auch Regierungen ihrerseits erkannten den politischen Wert einer angemessenen Sprache und bezeichneten alle gewalttätigen ­Rebellen als Terroristen.16

 

Marxistisch geprägte Rebellion

Die dritte Welle, Rapoport nennt sie die »Neue Linke«, war marxistisch geprägt. Sie trat in vielen Ländern in Erscheinung; bei uns war es die RAF. Ihre »Diaspora-Unterstützung« fanden solche Gruppierungen in Zeiten des Kalten Krieges in der Sowjetunion und ihren Satellitenstaaten. Ausgehend von den Protesten gegen den US-amerikanischen Aggressor in Vietnam und den Schah kam es in Deutschland bei der Anti-Schah-Demonstration zum Zündfunken mit der Tötung von Benno Ohnesorg.17 Für unser Thema ist die Metamorphose der Aktivisten interessant. Aus idealistisch motivierten jungen Menschen wurden eiskalte Killer, die generalstabsmäßig die Ermordung von Zielpersonen des »Systems« planten, sich über Bankraube finanzierten, sich abschotteten und damit unter sich einen erbarmungslosen Gruppendruck erzeugten. Durch ihre Aktionen erhielten sie Nachwuchs, nicht zuletzt auch durch ihre Propagierung des »Leidens der Gerechten« in Hochsicherheitstrakten.

Eine neue Komponente war die Internationalisierung des Terrorismus durch die Kooperation terroristischer Gruppen unterschiedlicher Nationalität. Sie ging über ideelle Gemeinsamkeiten oder auch Unterschiede hinaus und umfasste fallweise logistische Unterstützung durch Ausbildungslager, Rückzugsräume und flankierende terroristische Aktivitäten. Hervorzuheben ist hier die Rolle der PLO, deren Hauptgegner nach Israel die USA waren.18

 

Religiös motivierte Anschläge

Dieser Hauptgegner steht auch als Ziel der vierten, der religiösen Welle im Vordergrund, doch generell geht es, wie der Name der nordnigerianischen Bewegung Boko Haram19 belegt, gegen die westliche Lebensart mit ihrer bildungsbedingten, modernen Gottesferne auf dem Hintergrund von Aufklärung und Säkularisierung. Übergroß und zeichenhaft steht dafür der Angriff auf das World Trade Center am 11. September 2001.20 Er hat sich als terroristischer Angriff schlechthin tief ins Gedächtnis eingeprägt. Man könnte fast von einer faszinierenden Ikone der Zerstörung sprechen.21 Es war ein Meisterstück des Terrorismus, denn den Terroristen gelang es, die lang anhaltende Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit zu gewinnen, einen Krieg zu entfachen und ihre Botschaft auf der Tagesordnung der Welt zu halten, eine – wenn auch böse – Meisterleistung an Planung und Durchführung.


Der islamistische Terrorismus

Es geht hier nicht um eine Verstärkung der Vorstellungen vom Kampf der Kulturen à la Huntington. Die weitaus große Mehrzahl der Muslime in westlichen Staaten sind gesetzestreue Bürger und lehnen terroristische Anschläge ab. Wir haben es mit einer kleinen Gruppe zu tun, die sich einer fundamentalistischen Spielart des Islam, dem Salafismus angeschlossen hat und zudem gewaltbereit ist. Darüber hinaus dürfen wir nicht die blutige Geschichte des »christlichen« Abendlandes und seiner Kirche(n) außer Acht lassen. Terroristische Anschläge mit religiösem Hintergrund waren zwar eher selten (so der Gunpowder Plot), dafür aber gab es mit religiösen Motiven befeuerte Kriege und Bürgerkriege. Und Jahrhunderte lang wurden die Menschen in Angst und Schrecken vor dem Fegefeuer gehalten. Die Terrorisierung von Albigensern, Hugenotten, die Inquisition mit Hexen- und Ketzerverbrennungen, nicht zuletzt die Pogrome gegen die »perfiden« Juden – all das belegt die Systematik von Terror, wie wir im Rückblick sagen können. Kein Grund also zu kultureller Überheblichkeit.

Der islamistische Terrorismus hat seinen Nährboden in einem Konglomerat geschichtlicher Ereignisse. Da ist zunächst die Kränkung der muslimischen Gemeinschaft zu nennen. Die islamische Welt hatte mit der westlichen Zivilisation nicht Schritt halten können. Die großen Eroberungen und die großartige, vielfältige Kultur des Islam waren nur noch vergangener Glanz. Hinzu kam und kommt die Abhängigkeit vom Westen durch alte und neue Formen des Kolonialismus. Diese Vorherrschaft der »Ungläubigen« steht im Widerspruch zum religiösen Selbstbewusstsein.

»Der Westen« hat diese Weltsicht bestärkt, nicht zuletzt durch die Bezeichnung US-amerikanischer kriegerischer Unternehmungen als crusades. Dieser Begriff ist angesichts der Säkularisierung des Westens unzeitgemäß und verdeckt seine Schwäche gegenüber einer vitalen Religion, deren Anhänger in großer Zahl in westlichen Staaten leben. Harm de Blij nennt in seinem Buch »Power of Place« locals und mobals22. Mobals sind die Einwanderer in die europäischen Staaten. Sie bringen von ihrem lokalen, heimatlichen Hintergrund einen starken Glauben mit nach Europa, in dessen Ländern der Glaube weithin an Kraft verloren hat. Die politisch korrekte Rücksichtnahme auf fremde Religionen könne in deren Gemeinschaften Führungspersönlichkeiten hervorbringen, die ihre Gefolgschaft von der europäischen Gesellschaft isolieren. Sie erstarken, indem sie interne Vielfalt hemmen und höchst unflexible, rückwärtsgewandte Eigenschaften ihres Glaubens aus ihren Heimatländern nach Europa übertragen. So machen sie eingliederungswillige mobals wieder zu untertänigen locals.23

Also doch ein clash of cultures? Nur bedingt. Es bleibt die Tatsache, dass die meisten im Westen lebenden Muslime zwar weiterhin Muslime sind, aber ansonsten sich an diese Gesellschaft angepasst verhalten. Zudem gibt es auch im Westen zahlreiche Personen, die sich vom säkularisierenden Gedankengut der Aufklärung fernhalten. Man schaue sich beispielsweise einmal bei Google das Angebot für Karma-Arbeit an, um nur eine Ausprägung unter vielen anderen zu nennen. Die »Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen« widersteht dem Fortschrittsanspruch24 und unsere Kirchen sind auch dabei, wie die Beschneidungsdebatte gezeigt hat.


Islamistischer Terrorismus in Deutschland

Islamistischer Terrorismus wird hauptsächlich den Salafisten zugeschrieben. Sie sind der fundamentalistische Teil des Islam und als solche nicht problematischer als die Fundamentalisten anderer Provenienz, soweit sie nicht offen oder verdeckt Gewalttätigkeit fördern. Als die Salafisten von »Die wahre Religion«25 begannen, den Koran kostenlos in deutschen Fußgängerzonen zu verteilen, war die mediale Aufregung groß und bestätigte ihre Unterstützer nicht nur in ihrer Wahrnehmung, von dieser Gesellschaft ausgeschlossen zu sein, sondern auch in ihrem Glaubensmut.

Wie funktionieren der Abbau von Integrationsbereitschaft und die Isolierung der mobals von der europäischen Gesellschaft oder gar die Gewinnung von Einzelnen ohne jeden Migrationshintergrund? Um diese Frage zu beantworten, sollten wir zwei Ebenen unterscheiden, einmal die Strategen26 und dann das »Fußvolk«.

 

Die Strategen

Oft sind die Strategen als zornige junge Männer mit Idealen gestartet. Führungsambitionen müssen nicht am Beginn ihres Weges gestanden haben. Sie leiden an der Machtlosigkeit der muslimischen Welt, finden die Erklärung des Misserfolgs im »Abfall« vom »wahren« Islam, wollen ihn wieder leben und allgemein durchsetzen. Der Islam ist ihre legitimatorische Basis. Sie verfügen zudem über Einfluss, Ausbildung, Geld, Waffen, Beziehungen. Ihre Gegner sind alle religiösen Abweichler (Schiiten, Sufis, Bahai etc., nicht zuletzt die arabischen Regime, die mit dem verteufelten Westen paktieren). Sie betreiben den Aufbau einer Logistik für den Dschihad, den Glaubenskrieg: Propaganda, Vernetzung, Waffen, Rekrutierung, Schulung, Tarnung, Anschläge. Dabei nutzen die »Dschihadisten den Gerechtigkeitssinn aus, der gerade bei Jugendlichen in der Pubertät stark ausgeprägt ist und zeichnen in Bildern und Videos eine Welt, in der Muslime immer die Opfer des Westens sind.«27

Ob hinter der Idee/Ideologie, die sie propagieren, noch andere Motive und Interessen stecken, darf gefragt werden. Solange die Lebensführung dieser Personen stimmig ist oder erscheint, haben sie die erforderliche Legitimität für ihre Aktionen, die sie öffentlich verantworten und ausführen lassen. Zu dieser Ebene mag man auch den logistischen Hintergrund rechnen, das »Stammpersonal«, das die Rekrutierung für die operative Ebene organisiert. Das sind im Falle des islamistischen Terrorismus Anwerber in deutschen Moscheen.

 

Das »Fußvolk«

Damit komme ich zur zweiten Ebene, dem »Fußvolk«. Das Vorgehen der Werber folgt einem Filtermodell28: Personen mit einem diffusen Interesse für den Islam und den Koran werden freundlich angesprochen. Oft sind es orientierungslose oder sonst irgendwie enttäuschte junge Leute ohne Perspektive, oft mit islamischem Migrationshintergrund. Sie sehen einen Ausweg aus ihren Problemen in bedingungsloser Hinwendung zu einem rückwärtsgewandten Islam, der ihnen ein klares Weltbild, Gemeinschaftsgefühl und Zugehörigkeit vermittelt. Schließlich kommen sie in Kontakt mit radikalen Predigern, die ihnen den Weg zum Dschihad weisen. Märtyrer zu werden ist das höchste Glück, denn es ist das Tor zum Paradies. »Nicht nur war ich akzeptiert, ich war plötzlich exklusiv. Ich bin Teil von etwas Größerem – wir gehen ins Paradies. Wir haben gedacht, dass sich alle anderen geirrt haben. Wir sind herumgesessen, wir haben geplant, wie wir dieses und jenes in die Luft sprengen werden. Es ging um das Gefühl von Macht.«29 Psychologisch gesehen könnte die Identifikation mit einer Religion, die »ungerechterweise« zum Verlierer geworden ist, erklärbar sein mit der Wahrnehmung der persönlichen Lage, »ungerechterweise« ein Verlierer zu sein.

Das geweckte Interesse am Koran führt bei einigen zum Wunsch, ihn auf Arabisch lesen zu können und damit zum Lernen der Sprache. Dafür gibt es Sprachschulen im arabischen Raum. Der Lehrplan ist neutral auf Sprachunterricht ausgerichtet, doch es gibt Kontaktpersonen, die den Adepten »abtasten«, um zu sehen, ob er bereit wäre für den Dschihad und dafür ein militärisches Ausbildungslager besuchen würde. Ist er das, dann baut man ihm keine goldenen Brücken dorthin. Im Gegenteil: Alles muss er selbst organisieren und finanzieren, auch den Rückweg nach einer körperlich harten Ausbildung. Erst wenn er sich auf dieser Durststrecke bewährt hat und einen Auftrag bekommt, wird er zum aktiven Glaubenskämpfer, zum Terroristen oder geht als »Schläfer« in Wartestellung.


Auf eine neue Weltanschauung programmiert

Dieses Filtersystem erinnert frappierend an die »Jugendreligionen« der 70er Jahre. Auch dort waren es ungefestigte junge Leute, die durch das ersehnte Gemeinschaftserlebnis und durch Indoktrinierung von ihrem bisherigen Umkreis isoliert wurden, so dass sie alle Brücken abbrachen, ein neues Leben, das »eigentliche« begannen und sich beliebig einsetzen ließen im Interesse der Organisation. Für die Rückkehr ins bürgerliche Leben mussten die Eltern zuweilen Deprogrammiertechniken anwenden.

Was man auch immer davon halten mag: Vorausgegangen waren eine Gehirnwäsche und die Programmierung auf die neue Weltanschauung. Die Jugendreligionen nahmen den Jugendlichen zwar Lebenszeit, aber nicht das Leben. Hier hingegen korrespondieren Methoden der Kriegführung mit einer vielleicht schon latent vorhandenen oder auch indoktrinierten Todes- und Paradies-Sehnsucht.30 »Aufzeichnungen der Todespiloten von New York und Washington deuten darauf hin, dass diese sich mit radikal-islamistischen Einstellungen wie dieser identifizierten: »Für niemanden gibt es etwas Besseres, als die Verse des Korans zu lesen, wo Gott gesagt hat, daß man das, was man im jetzigen Leben hat, für ein anderes, besseres Leben im Himmel aufgeben solle.«31 »Bin Laden selbst dürfte in gewissen Phasen seines Lebens davon überzeugt gewesen sein, daß gerade im Dschihad zu Tode gekommene muslimische Märtyrer von Allah mit dem unmittelbaren Zugang zum Paradies belohnt würden.«32 »Abu Safiyyas deutsche Ehefrau [eine ehemalige Beamtin] präsentiert sich schwarz verhüllt und sagt: ›Ich sage dies voller Stolz: Mein Mann ließ für die Ummah und alle Muslime die diesseitige Welt und den trügerischen Luxus in Deutschland hinter sich‹. Stattdessen habe er sich mit Frau und Tochter für das Leben in ›Freiheit, im Dschihad entschieden‹«.33 Abu Safiyya kam im Dschihad ums Leben. Andere wurden vor ihrem Einsatz gefasst und lieferten wichtige Einblicke in ihren Werdegang und ihr Denken.

»Eines hatten die vier Angeklagten im Sauerlandprozess gemeinsam: Irgendwann sind sie aus ihrer Lebensbahn gekippt, haben den Halt in ihrem Leben verloren. In dieser Lebensphase gerieten sie in die Hände islamistisch orientierter Menschen. Der strenge Islam bot ihnen ein geschlossenes System, in dem sie eine neue Lebensorientierung fanden. Die Sauerlandgruppe, aber auch schon der im Dezember 2008 verurteilte Kofferbomber machten deutlich, daß sie sich nach ihrer Lebensmetamorphose[34] als Werkzeuge Allahs betrachteten: Allah sei verantwortlich für den Weg, den sie eingeschlagen haben, er habe sie in den Heiligen Krieg geführt, er habe sie die Anschläge in Deutschland planen lassen, er habe aber letztlich auch dafür gesorgt, daß diese Pläne nie ­umgesetzt worden sind«.35


Die besondere Rolle religiöser Motivation

Die religiöse Motivation verleiht dem Terrorismus in unseren Augen besondere Brisanz. Auf der einen Seite hängt dies mit unserem Unverständnis zusammen. Die Selbstverständlichkeit, mit der die Täter leichtfertig und reinen Herzens »über Leichen« gehen, wirkt verstörend, weil es eben keine dumpf-brutale Gewalt ist wie bei Hooligans. Auf der anderen Seite erschreckt uns die Opferbereitschaft der »Märtyrer«, die sich einen Bombengürtel umschnallen und am Auslöser ziehen. Der angeblich süße Tod fürs Vaterland ist schon lange in Misskredit geraten. Aber die Selbstmordattentäter finden Nachahmer und wir sehen Väter, Mütter und Ehefrauen, die stolz darauf sind, wenn ihre Söhne und Männer im Glaubenskrieg fallen. Bereits Kinder werden auf diese Rollen geprägt.

Schauen wir uns in unserer Geschichte um, so werden wir ähnliche Phänomene entdecken. Da ist die Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst für höhere Zwecke: »Und so dich dein Auge ärgert, reiß es aus und wirf’s von dir. Es ist dir besser, daß du einäugig zum Leben eingehest, denn daß du zwei Augen habest und wirst in das höllische Feuer geworfen« (Mt. 8,9). Auch das Alles-auf-eine-Karte-Setzen des Kaufmanns für die köstliche Perle gehört in diesen Zusammenhang: er »ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie« (Mt. 13,46). Dann die Blutzeugen; sie hatten sich nicht zum Martyrium gedrängt, aber doch aus Standhaftigkeit ihr irdisches Leben geopfert und wurden zum Vorbild, süß und ehrenvoll sind sie für das ewige Vaterland gestorben. Für die irdisch-patriotischen Opfer ist festzuhalten, dass bei diesen so etwas wie Gemeinsinn unterstellt wird, wie man auf manchen Kriegerdenkmälern lesen kann: »Niemand hat größere Liebe als der, der sein Leben hingibt für seine Freunde« (Joh. 15,13). Zur passiven Opferbereitschaft tritt auch eine aktive, nämlich andere um ihres Seelenheils willen zu opfern: Hexen, Ketzer, auch die Schwarze Pädagogik christlicher »Rettungshäuser«.

Wenn wir auf diesen Teil unserer Tradition schauen, erscheint uns die Bereitschaft der jungen Muslime, sich und andere zu opfern, nicht mehr ganz so fremd, sondern »nur« unzeitgemäß und wir entdecken unbequeme Gemeinsamkeiten. Erlösungsreligionen geht es um Erlösung. Wird diese im Jenseits erwartet, gerät das Diesseits in Gefahr, entwertet zu werden mit allen Konsequenzen. Die Ausmalung von Paradies und Hölle lässt dem ernsthaften Heilssucher keine Wahl. Dasselbe gilt bzw. galt auch für irdische ­Zukunfts­para­diese.

Generell gesprochen geht es um religiöse oder sonstige weltanschauliche Überzeugungen ohne Respekt vor den allgemeinen Menschenrechten und ohne Anerkennung von Gewaltenteilung. Menschenrechte und Gewaltenteilung sind Prinzipien, die den Kirchen mühsam abgerungen werden mussten. Man mag es für eine Ironie der Geschichte halten, dass eine säkular gebändigte, zivilisierte Religion sich nun einer anderen gegenüber sieht, die diesen Prozess (bisher) abwehren konnte und deren Anhänger, soweit sie sich radikalisieren (lassen), auf einem religiösen Fundament fußen, dessen Behauptung die europäischen Konfessionen »alt« aussehen lässt. Die Vitalität dieser Religion ist generell beeindruckend und in den Fällen erschreckend, in denen sie zu terroristischen Attacken führt.


Terrorismusbekämpfung und Demokratie

Die Ablehnung unseres Staates durch die islamistischen Gruppen ist nicht nur eine theoretische Frage nach der Legitimität des Staates, wenn auch allein die schon den Staatsschutz auf den Plan ruft. Es geht letztlich um mehr. Auf dem Prüfstand stehen auch seine Werte und damit die Werte einer offenen Gesellschaft. Terroristische Gruppen stellen mit ihrem Drohpotential und ihrer Öffentlichkeitswirkung Staat und Gesellschaft vor die Frage, ob und wie viele bürgerliche Freiheiten aus Sicherheitsgründen preiszugeben sind mit der Gefahr, dass einmal geduldete Kontrollrechte des Staates sich über den Zeitpunkt ihrer Notwendigkeit hinaus als dauerhaft erweisen könnten. Bei dieser Frage ist zu berücksichtigen, dass Menschen wie auch Gesellschaften aus aktuellem Schutzbedürfnis auch zu rigorosen Lösungen neigen, ohne an die ferner liegenden Folgen zu denken.

Die Aktualität des Schutzbedürfnisses muss auf dem Hintergrund der Medienberichterstattung gesehen werden. Es geht hier nicht um billige Schuldzuweisungen, sondern um eine Problembeschreibung. Kriminalitätsfurcht und die daraus erwachsene Punitivität haben oft nichts mit der objektiven Gefahrenlage zu tun, sondern mit der Präsenz der Gefahren in den Medien. Es liegt nicht nur an den Medien, dass sie spektakulären Ereignissen besonders viel Raum geben, sondern es liegt auch an der Erwartungshaltung der Medienkonsumenten, die daran mehr interessiert sind als an seriösen, komplexen Hintergrundberichten. Das verzerrt die Wahrnehmung. Die meisten Leute wissen nicht, dass die Zahl der Terroris­mus­opfer in den islamischen Staaten deutlich höher ist als in den westlichen.

Nüchtern betrachtet kann es also nicht um wesentliche Ausweitung staatlicher Eingriffsrechte gehen, sondern um ausgewogene Strategien gegen Terror und Terrorismus. Die Prinzipien von Good Governance als Abwehr gegen staatlichen Terror sollen hier nicht dargestellt werden, müssen aber Grundlage bleiben bei allen rechtsstaatlichen Planungen und Maßnahmen gegen den Terrorismus. Wer undifferenziert zum war on terror aufruft, betreibt Alarmismus und untergräbt den Rechtsstaat.36


Freiheit gegen Sicherheit?

Wie können wir mit den beschriebenen Bedrohungen umgehen, ohne die freiheitlichen Bürgerrechte zugunsten eines »starken Staates« zu opfern? Auf die Spitze gebracht: Wollen wir Freiheit gegen Sicherheit eintauschen? Nehmen wir die Meinungsfreiheit als Beispiel. Leuprecht u.a.37 sprechen von einem »Global Dschihad Narrativ« und unterscheiden vier eigenständige Erzählstränge, wie sie von Terroristen gebraucht werden können:38

(1) Neutrale Muslime akzeptieren kein Element des »Global Dschihad Narrativs«.

(2) Sympathisanten stimmen der Aussage zu: »Der Islam wird von westlichen Kreuzrittern unter Führung der USA angegriffen.«

(3) Die Rechtfertiger sagen: »Dschihadis verteidigen sich gegen diesen Angriff. Das ist angemessen, gerecht und geheiligt.«

(4) Der moralische Appell: »Darum ist es die Pflicht guter Muslime, solche Aktionen zu unterstützen.«

Ab welcher Stufe wollen wir, dass der Staat verdächtige Personen und auch ihre eher zufälligen Kontaktpersonen observiert, ihre Meinungsäußerungen aktenmäßig registriert, sie öffentlich missbilligt oder gar strafrechtlich eingreift?

Vier Gruppen zählen Leuprecht u.a. auch für die Klimax bis zur terroristischen Handlung:

(1) Die einen bleiben politisch untätig, was sie auch meinen oder empfinden mögen.

(2) Die Aktiven beteiligen sich an legalen und gewaltfreien Aktionen.

(3) Die Radikalen beteiligen an illegalen Aktionen, u.U. mit Gewalt.

(4) Die Terroristen sind Radikale, die Gewalt zur Erreichung ihrer politischen Ziele einsetzen.

Wollen wir, dass der Staat bereits ab Stufe zwei tätig wird? Die Medien reagierten immerhin sehr nervös, als Salafisten den Koran kostenlos in den Fußgängerzonen verteilten, als täten diese etwas Verbotenes, auf jeden Fall Gefährliches.39 Die derzeitige Diskussion um die Dateien der Verfassungsschutzämter offenbart nach dem Fiasko der Nichterkennung rechtsterroristischer Aktivitäten, die schon länger geäußerten Befürchtungen derer, die unseren freiheitlichen Staat erhalten wissen wollen. Der Guerillakämpfer besetzt das Land, der Terrorist besetzt das Denken, schrieb Heribert Prantl in der »Süddeutschen Zeitung«. Der Terrorist okkupiert nämlich die Schaltzentralen der Legislative und der Exekutive, er verseucht den Geist der Gesetze und verdirbt das Vertrauen in den Rechtsstaat. Seit dem 11. September 2001 ist die Politik der westlichen Welt dabei, ihre Rechtsstaaten in Präventionsstaaten umzubauen: Das Recht wird verdünnt, um so angeblich besser mit den globalen Risiken fertig zu werden.40

Wenn wir wichtige Grundrechte nicht aufgeben wollen, werden wir Terroristen weitgehend mit dem vorhandenen rechtlichen Arsenal bekämpfen und, da es hundertprozentige Sicherheit nur mit der Preisgabe der Freiheit gibt, den Terrorismus ein Stück weit hinnehmen müssen, vergleichbar einer Epidemie, die auch wieder abklingt.41


Anmerkungen:

1 Die Literatur zu Terror und Terrorismus ist unüberschaubar. Beim Verfasser kann eine unvollständige, aber dennoch in ihrer Fülle abschreckende Liste angefordert werden. Zur etwas näheren Befassung mit dem Thema seien hier nur wenige Quellen angegeben.
1. Nicht schnell und flüssig zu lesen, aber unbedingt empfehlenswert ist: Rudolf Walther, Terror, Terrorismus, in: Reinhart Koselleck u.a. (ed.), Geschichtliche Grundbegriffe, Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Stuttgart 1990, Bd. 6, 323-444. Anhand der Begriffsentwicklung seit der französischen Revolution erhält man mehr als nur einen Überblick über die europäische Terrorgeschichte. Die globale Ausweitung wird nicht ausgespart.
2. Eine sehr gute allgemeine Einführung in das Thema Terrorismus und seine internationale Geschichte und Verbreitung bietet: Charles Townshend, Terrorismus, Stuttgart 2005. Ein preiswertes Reclamheft, schnell und flüssig zu lesen.
3. Bekannt wurde David C. Rapoport mit seiner Beschreibung von »vier Wellen« des modernen Terrorismus. Wenn auch seine Schlussfolgerung über die Zukunft der vierten Welle aus heutiger Sicht falsch erscheint, so findet man in diesem Aufsatz doch einen guten Überblick über den Terrorismus seit der ersten, der anarchistischen Welle im zaristischen Russland. David C. Rapoport, The Four Waves of Rebel Terror and September 11, Department of Political Science, Anthropoetics 8, no. 1 (Spring/Summer 2002), University of California at Los Angeles, Los Angeles CA 90095-1472 http://www.anthropoetics.ucla.edu/ap0801 /terror.htm [Dienstag, 25. September 2012].
4. Einen guten Überblick über das Phänomen Islamismus gewinnt man aus der gleichnamigen Publikation des Innenministeriums mit sehr aufschlussreichen Fachartikeln. Im Netz leider nicht mehr verfügbar. Die Datei kann beim Verfasser angefordert werden. Bundesministerium des Innern (Hrsg), Islamismus, 2003.
5. Bei Clement und Jöris bekommt man zu einem geringen Preis (4,50 €) einen Eindruck über den Weg in den Terrorismus. Was bringt einen jungen Menschen dazu, als Konvertit in den Dschihad zu ziehen? Beleuchtet werden die Mitglieder der Sauerlandgruppe. Rolf Clement/Paul Elmar Jöris, Islamistische Terroristen aus Deutschland München 2010; benutzt wurde die Ausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2011.

2 Seit der jakobinischen Schreckensherrschaft der Französischen Revolution verengt sich im deutschen Sprachraum die Bedeutung des lat. Fremdworts zunehmend auf extreme Formen politisch motivierter Gewaltanwendung. Eine strikte Unterscheidung von ‹T.› und ‹Terrorismus›, die auf lexikalischer Ebene vermerkt wird (T. = Gewaltherrschaft; Terrorismus = Gewalt gegen bestehende Herrschaft) [4], ist weder im historischen noch im heutigen allgemeinen Sprachgebrauch erkennbar. Der »terroristische Imperativ« wird in klassischer Weise in einer Petition vom Dezember 1793 an den Konvent formuliert: »Par pitié, par amour pour l’humanité soyez inhumains«. (vgl. Walther, a.a.O.)

3 Nach Walther, a.a.O.

4 Nach Walther, a.a.O.

5 Auch Kriegen mit humanitären Motivationsanteilen liegt diese grundsätzlich paradoxe Strategie zugrunde.

6 Gott, der des Menschen Würde kennt/bei Adam uns dort alle nennt,/herrscht über Vieh und Feld und Wald./Ich schuf’s zu Eurem Unterhalt,/Hier liest man nichts von Sklaverei,/Gott schuf den Menschen völlig frei./Freiheit ist ihm von Gott gegeben,/Darüber lässt er Leib und Leben./Wir schreiben uns von Adam her,/Wer ist’s, der nicht von Adam wär?/Kommt her, ihr stolzen Edelleute!/Wir haben Gottes Wort zur Seite! »Ein Gedicht, das in der sächsischen Schweiz den Aufstand anheizte.« Aus: http://www.brainworker.ch/Arbeit/bauern_ und_ herren.htm [Sonntag, 23. September 2012].

7 Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen, 19725, §7, S. 19.

8 Der Regierung eines neuen Herrschers gingen in der Regel Verhandlungen voraus, bevor er zur Huldigung in die Stadt einziehen konnte.

9 Hierzu Norbert Elias, Die höfische Gesellschaft.

10 In the conflicted and mixed reactions to his death, it is easy to forget that Yasser Arafat was the fourth former terrorist to earn a Nobel Peace Prize, after Menachem Begin (a leader of the militant Irgun in Palestine in the 1940s), and Anwar Sadat and Nelson Mandela (both of whom were involved in terrorist activity.) http://www.uwosh.edu/isrvm/guesteditorials/index.php11/01/2012 [Montag, 24. September 2012].

11 Narodnaya Volya (»The People’s Will«), the first terrorist group in the first wave, inherited a world where traditional revolutionaries seemed obsolete or irrelevant. … A »new form of communication« was needed, one that would be heard and command respect. Terror filled that need; no one could ignore it, and repeated acts of terror would generate the polarization necessary for revolution. http://www.anthropoetics.ucla.edu/ap0801/terror.htm [Dienstag, 25. September 2012].

12 Die Verbindung von anarchistischen Ideen und Attentaten führte zur falschen, aber noch heute gebräuchlichen Etikettierung von Terroristen als Anarchisten. Es zählt zur Tragik der Anarchisten, dass die von ihnen angestrebte soziale Revolution mit der russischen das Ende des Anarchismus brachte.

13 Es würde den Rahmen dieses Essays sprengen, auf das Phänomen asymmetrischer Kriegsführung einzugehen.

14 Nicht zu unterschätzen ist in wohl allen terroristischen Bewegungen die Unterstützung durch jeweilige Diaspora-Gruppen, Exilrussen in der Schweiz, irische Einwanderer in den USA. Die internationale Unterstützung mancher Gruppen weitete sich in der Zeit des Kalten Krieges und der Dominanz der USA im Nahen Osten aus nach dem Prinzip der Kooperation gegen den gemeinsamen Gegner. Die militärische Ausbildung der RAF erfolgte in Lagern der PLO und die DDR bot Rückzugsmöglichkeiten. Genannt seien auch die fallweisen Kooperationen zwischen Geheimdiensten und terroristischen Gruppierungen, auch die Bekämpfung der Gruppen durch Geheimdienste, wie beispielsweise die Ermordung der Attentäter vom Olympia-Massaker durch den israelischen Mossad. Die internationalen Verflechtungen sind dermaßen vielfältig, dass ihnen hier nicht nachgegangen werden kann. Doch Terrorismus hat dadurch Möglichkeiten erhalten, denen nur Staaten vorbeugen können, die durch Good Governance und besonnene Abwehr ihre Bevölkerung hinter sich haben.

15 The Russian writer Stepniak [Russischer Revolutionär und Verfasser eines Handbuchs über den Guerillakrieg] described the terrorist as »noble, terrible, irresistibly fascinating, uniting the two sublimities of human grandeur, the martyr and the hero.« – so Rapoport.

16 So bei Rapoport.

17 Nach neueren Erkenntnissen über den Schützen wird man auch von Mord sprechen dürfen.

18 On their own soil, groups often struck targets with special international significance, especially Americans and their installations. Teams composed of different national groups cooperated in attacks; from the Munich Olympics massacre (1972) and the kidnapping of OPEC ministers (1975) to Uganda (1975) and Somalia (1977). Libya, Iraq, and Syria employed terrorists in other countries as foreign policy instruments. … Airline hijacking was the most novel tactic in this wave. … Strikes on foreign embassies began in the third wave, when the PLO attacked the Saudi Embassy in Khartoum (1973). … But it was soon apparent that hostages (especially company executives) could provide much cash. Informed observers estimate that some $350 million were gained from the practice in the period. – so Rapoport.

19 Boko Haram heißt übersetzt so viel wie »westliche Bildung ist Sünde«, in: Die Presse.com.

20 Der 11. September war nicht der Auftakt. Ihm gingen viele Aktionen und Anschläge voraus, die hier nicht einzeln aufgelistet werden sollen.

21 Karlheinz Stockhausen sprach vom größten Kunstwerk, das es je gegeben hat und zog sich damit wüste Kritik zu. http://de.wikipedia.org/wiki/Karlheinz_Stockhausen#Bemerkungen_zum_11._September_2001 [Montag, 1. Oktober 2012].

22 Knapp gefasst: Globals sind weltweite Akteure, in einer geebneten (flat) Welt, locals sind weitgehend an den Ort oder die Region ihrer Geburt gebunden, mobals sind Arbeitsmigranten (keine Flüchtlinge) zwischen Integration und kulturellem Verharren. Vgl. Harm de Blij, The Power of Place, Oxford University Press, Oxford, New York 2009.

23 Harm de Blij, 69.

24 Ernst Bloch, Tübinger Einleitung in die Philosophie, Frankfurt/M. 1965, Bd. 1, 201.

25 http://www.diewahrereligion.de/ [Sonntag, 28. Oktober 2012].

26 Strategen nehmen selten Rücksicht auf »Kollateralschäden« oder auf nur operative Verluste in den eigenen Reihen. Darin unterscheiden sich islamistische nicht von militärischen Strategen. Allerdings sprechen Strategen fast nie so offen von der Instrumentalisierung ihres Fußvolks wie Ayman al-Zawahiri, der es für wichtig hält, sich auf Märtyrereinsätze zu konzentrieren, da diese die erfolgreichste Methode sind, dem Gegner Schaden zuzufügen und in Bezug auf eigene Opfer die am wenigsten kostspielige für die Mudschahidin. Zitat bei Daniela Pisiou: http://homepage.univie.ac.at/thomas.kolnberger/Daniela_Pisiou.ppt [Montag, 29. Oktober 2012].

27 http://www.dradio.de/dlf/sendungen/hintergrundpolitik/1782218/ [Montag, 29. Oktober 2012].

28 Clement/Jöris, Islamistische Terroristen aus Deutschland.

29 Fatima Khan 2005, zit. n. Pisiou.

30 Diese Aufnahmen aus Pakistan zeigen idealtypische Formen der Implantation von Paradiesessehnsucht: http://www.spiegel.tv/filme/selbstmordattentaeter-magazin/.

31 N.N., Der Himmel lächelt, mein junger Sohn, in: Der SPIEGEL, 40/2001, 36.

32 http://www.bpb.de/politik/extremismus/ islamismus/36348/endzeitvisionen [Montag, 29. Oktober 2012].

33 Nach http://www.abendblatt.de/politik/deutschland/article1282045/ Islamist-aus-Deutschland-in-Pakistan-getoetet. html [Montag, 29. Oktober 2012].

34 Diese Lebensmetamorphose zeigt sich als Konversion zum Islam oder als Glaubensradikalisierung bei Muslimen. Es ist wie bei Konvertiten: »Da glimmt ein ähnliches Feuer, nur daß die Konversion sich innerislamisch vollzieht.« Markus Wehner: http://m.faz.net/aktuell/politik/inland/islamisten-in-deutschland-sie-sind-gekommen-um-zu-toeten-1461657.html. Manche Äußerungen der Attentäter wirken infantil bis pubertär: »So Allah will, wird er mich als Dschihadi zu sich nehmen.« Philipp Lichterbeck: http://www.tagesspiegel.de/politik/deutschland/eric-breininger-der-dschihadist-aus-deutschland/ 1351462.html.
»Zweihundert Kilogramm mit Splittern, inschallah, das macht ’nen Riesenbums«, sagt der eine. Und sein Mitfahrer stimmt ihm freudig zu: »Ja, inschallah, das wäre wie ’n zweiter 11. September.« Peter Carstens: http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/terrorbekaempfung-wie-n-zweiter-11-september-1713161.html und Peter Carstens/Reinhard Müller: http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/prozess-gegen-sauerland-terroristen-inschallah-das-macht-nen-riesenbums-1609879.html.

35 http://www.dradio.de/dlf/sendungen/hintergrundpolitik/1137102/ [Montag, 29. Oktober 2012].

36 http://de.wikipedia.org/wiki/Krieg_gegen_den_Terror [Sonnabend, 8. Dezember 2012].

37 Christian Leuprecht/Todd Hataley/Sophia Moskalenko/Clark McCauley, Narrative and Counter-narratives for Global Jihad: Opinion versus Action, in: Eelco J.A.M. Kessels (Ed.), Countering Violent Extremist Narratives, National Coordinator for Counterterrorism, July 2010, 60, zit. n. Bibi van Ginkel, Incitement to Terrorism: A Matter of Prevention or Repression? ICCT Research Paper, International Center for Counter-Terrorism (ICCT ) – The Hague, 2011, http://www.icct.nl/userfiles/file/ICCT-Van-Ginkel-Incitement-To-Terrorism-August-2011% 20%281%29.pdf.

38 Das gilt auch für alle anderen terroristischen ­»Logiken«.

39 http://www.diewahrereligion.de/jwplayer/index.html.

40 Heribert Prantl, Das Gift wirkt, INNERE SICHERHEIT I http://www.bundestag.de/dasparlament/ 2011/35-36/Themenausgabe/35483970.html [12/01/2012].

41 Francois Walter, Katastrophen, Eine Kulturgeschichte vom 16. bis ins 21. Jahrhundert, Stuttgart 2010, 243.

 

Über die Autorin / den Autor:

Dipl.-Psych. Dipl.-Theol. Dierk Schäfer, Jahrgang 1944, Studium der Theologie und Psychologie, wiss. Assistent am Institut für Christl. Gesellschaftslehre der Universität Tübingen, Polizeipfarrer, 1993-2008 Tagungsleiter an der Evang. Akademie Bad Boll.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 9/2013

2 Kommentare zu diesem Artikel
22.09.2013 Ein Kommentar von dierk schäfer Lieber Herr Adler, Ihr Kommentar hat mich nicht in Ruhe gelassen. Wenn er auch in meinem Essay allenfalls am Rande vorkommt, so steht doch systematischer Terror auch für den Terror in Kinderheimen, wie Sie ihn erlebt haben. Das Ziel des Erziehungsterrors war, die Kinder klein zu kriegen und klein zu halten – und klein gerieben und geblieben wurden viele von ihnen ins Leben entlassen. Die meisten dieser Heime waren religiös geprägt und kirchlich verantwortet. Das ist der Aspekt, der mich als Theologen und Pfarrer umtreibt. Da sind zum einen Erfahrungen, wie die Ihren. Sie wurden nicht nur um Kindheit und Jugend gebracht, jedenfalls so, wie diese Lebensphase hätte sein sollen, sondern man hat Ihre Lebenschancen massiv eingeengt, so daß Sie sich heute noch klein vorkommen – und diese Empfindung wird durch die Lektüre meines Essays verstärkt, der ein komplexes Problem entsprechend komplex behandelt. Es tut mir leid, daß ich Sie auf diese Weise beschämt haben könnte. Zum andern bewegt und verärgert mich die matte und unglaubwürdige Reaktion meiner Kollegen und der Kirchenleitungen angesichts der Vergangenheit der Einrichtungen, die immer noch als „christliche Liebenswerke“ verstanden werden, wenn auch in neuen Formaten und mit besserer Pädagogik. Doch die Theologie, die hinter der Schwarzen Pädagogik stand, ist immer noch virulent. Sie kommt zwar nicht mehr im Herrschaftsanspruch christlicher Pädagogen über ihre Schutzbefohlenen zum Ausdruck, aber darin, daß die alte Herrschaftssymbolik und der entsprechende Sprachgebrauch unreflektiert weiter am Leben erhalten werden. Das Bild von der Freiheit der Kinder Gottes ist ein schönes Bild, doch es gehört fortgeschrieben. Kinder müssen erwachsen werden, sich abnabeln und auch ihrem „himmlischen Vater“ – bei allem Respekt – auf Augenhöhe begegnen. Doch im religiösen Bereich will man klein bleiben und auf die Nachsicht des „lieben“ Gottes hoffen. Sie, lieber Herr Adler, sind größer, als Sie sich vorkommen; so groß, daß Sie sich trauen, Fragen zu stellen, wo andere ganz kluge Antworten haben, die doch nicht weiterführen. Seien Sie herzlich gegrüßt! Dierk Schäfer
19.09.2013 Ein Kommentar von Lutz Adler So nun bin ich noch kleiner und noch ungebildeter, zu mindestens hab ich einiges zum nachdenken und nachlesen gefunden. Einige versuche der Indoktrination hab ich selbst am eigenen Leibe erfahren. Und auch den Druck mit dem das ja von Staatswegen inszenieret wird und wurde auch. Bei mir hat das, ohne jeden leidlichen Erfolg zum Glück geendet, im Spezialheim. Das allerdings war dann für mich das private Martyrium, von dem ich mich bis heut nicht restlos erholt habe. Wahrscheinlich und so meine Schlussfolgerung nach der vorangegangenen Lektüre sorgen diese meine eigen Erfahrungen halt auch für so manche differenzierte Betrachtungsweise der Dinge von heut. Die und das muss ich zugeben, nicht immer auf Anhieb von Anderen verstanden oder gar gebilligt werden. Damit kann ich aber leben. Ob nun die Freiheit die Einsicht in die Notwendigkeit ist oder doch die Freiheit des anders denkenden, vermag ich nur für mich selbst zu sagen. Wie viel Staat ich benötige oder zulassen will und mit welchen Rechten, meine Freiheit einzuschränken, da wird es erheblich komplizierter. Aber da bin ich ein gebranntes Kind und sicher nicht objektiv. Mit dem Artikel Herr Schäfer werde ich mich, so denke ich noch länger befassen müssen. Das sei Ihnen versichert, haben Sie erreicht. LG Lutz Adler
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