Heute gehören die Duineser Elegien zu den absoluten Spitzenbeiträgen deutscher Sprache zur Weltliteratur. Dieter Koch versteht seine Interpretation als Spaziergang im Sprachgebirge dieser »unvergleichlichen Meditation über das Leben, die Liebe und den Tod«.

Bleiben ist nirgends – aber weil Hiersein viel ist. Diese beiden kurzen Sentenzen spannen den inneren Bogen der Duineser Elegien auf, 10 Gesänge, die Gesang für Gesang als große Meditation zu lesen, mehr noch zu hören sind, über die Grundfragen des Daseins – über das Leben, die Liebe und den Tod – und die in der Ordnung der 10 Gesänge ein einzigartiges Daseinsbild entwerfen. Rilke, von einer außergewöhnlichen Sprachkunst getragen, ist ein Denker, ein Sänger in Bildern.

Heute gehören die Duineser Elegien zu den absoluten Spitzenbeiträgen deutscher Sprache zur Weltliteratur, genauso begeistert gelesen, wie minutiös seziert, ein Dichtwerk einer ins Extrem gesteigerten Sprache, die dabei von zahlreichen Bruchlinien durchzogen ist, ein Hochgesang, aus Klageliedern geformt, der rätselhaft wirkt und doch entzückt, aus der Leere heraus in Schwingung versetzt, hinreißt, tröstet und hilft.

Die Duineser Elegien waren für Rilke selbst Gipfel und Zielpunkt seines Schaffens – als Inspiration, als Gnadenstunde erlebt, zugleich aber das Resultat einer ins Äußerste gehenden lebenslangen Suche nach dem Grund des Daseins. In zwei schöpferischen Wochen entlud sich Rilkes Anschauung, dazwischen lagen 10 Jahre qualvollen Mühens. In einem ersten schöpferischen Rausch im Februar 1912 auf Schloss Duino bei Triest entstanden die beiden ersten Elegien, Teile weiterer, insbesondere auch der Beginn der von Anfang an als Schlussgesang gedachten 10. Elegie: »daß ich dereinst, an dem Ausgang der grimmigen Einsicht, Jubel und Ruhm aufsinge zustimmenden Engeln. Daß von den klar geschlagenen Hämmern des Herzens keiner versage an weichen, zweifelnden oder reißenden Saiten. … O, wie werdet ihr dann, Nächte, mir lieb sein, gehärmte.« Im Februar 1922 im Chateau Muzot im Wallis strömten binnen weniger Tage die 7., 8. und 9. Elegie, die zusammen den gedanklichen Höhepunkt darstellen. In einem Nachsturm folgte unmittelbar vor der Übergabe der Elegien an seinen Verleger Kippenberg, die 5. Elegie, die einen anderen Text ›Gegenstrophen‹ bezeichnet, ersetzte. Der Entstehungsprozess des ganzen Werkes ist in all seinen einzelnen Schritten, seinen Variationen, seinen Fehlgängen, seinen zeitgeschichtlichen, und vor allem inneren Hindernissen aufs genaueste dokumentiert und Rilke selbst dachte einige Zeit daran, die Fülle von Texten, die im Zuge der Entstehungszeit mit dem gedanklichen Konzept der Elegien in Verbindung standen, als Fragmente den Elegien beizugeben. Er hat es – glücklicherweise – unterlassen. Heute steht ein Dichtwerk vor uns, das sich aus dem Fluss der Zeit heraushebt und in jede Zeit spricht, also auch zu uns. Es darzustellen, es zu interpretieren heißt dann zu begreifen versuchen, was uns ergreift.

Mutvolle Fahrt hinaus aufs große Meer des menschlichen Herzens

Was mich ergreift, ist der tiefe Zusammenfall einer wunderbaren Sprache mit einer mutvollen Fahrt hinaus aufs große Meer des menschlichen Herzens. Es ist eine Reise ins Innere, eine Aufdeckung unserer Schwäche und zugleich ein Zeugnis für die Kraft wahrer Gefühle, es ist eine Begegnung mit dem Land des Schmerzes und zugleich getragen vom Segen der Klage. Am Ende steht die jähe Einsicht in die Quelle der Freude. Am Ende steht Zustimmung zu unserer endlichen, begrenzten, von Schmerzen durchtönten, aber von der Liebe beglückten Existenz: Bleiben ist nirgends – aber weil Hiersein viel ist.

Rilke selber sah in seinen Duineser Elegien das Sprachwerk der großen Bejahung. In einem berühmt gewordenen Brief an seinen polnischen Übersetzer, Witold Hulewicz, vom 13.11.1925, schrieb er: »Lebens- und Todesbejahung erweist sich als Eines in den ›Elegien‹ … Der Tod ist die uns abgekehrte, von uns unbeschienene Seite des Lebens: wir müssen versuchen, das grösseste Bewußtsein unseres Daseins zu leisten, das in beiden unabgegrenzten Bereichen zu Hause ist, aus beiden unerschöpflich genährt … Es gibt weder ein Diesseits noch ein Jenseits, sondern die große Einheit.«

Hans-Georg Gadamer, dem ich die erhellendsten Nachzeichnungen des Rilkeschen Denkens verdanke, erklärt: »Der große Ernst der Duineser Elegien ist, dass sie jeden Anschluß an bestehende … Glaubenswelten radikal aufgeben und selbst das leise Gespräch mit Gott … verschweigen … diese Dichtung (ist) … das leidenschaftliche Bekenntnis zum hiesigen Dasein.« Sie verweigert sich den billigen Vertröstungen, dem moralischen Markt der Leistungen und Gegenleistungen und ruft stattdessen ins Freie. »Sie ruft in den Bezeugungen des menschlichen Herzens den Überstieg über dieses Weltsystem der aufgehenden Rechnungen auf: daher das Vorbild der Liebenden, die wahrhaft ›in einander Genügte‹ wären. Daher der Engel, das uns unendlich übertreffende Wesen.« Daher die Zustimmung zum Tod. Denn: »Der Tod macht das Hiersein in seiner Unbedingtheit erst rund und vollkommen!« (GW9, 313ff) Und Gadamer vermerkt, dass Rilke damit den tiefsten Intentionen des Christentums näher ist, als er selbst dachte: Denn »nicht durch Verhüllung seiner Bitterkeit, sondern durch völlige Selbstaufgabe wird die Überwindung des Todes in Christus vorgelebt und zugleich verheißen« (GW9, 314).

Traumhafte Geschenke eines ­Meisters der Zartheit

Die Duineser Elegien sind eine höchst subjektive Meditation über die Liebe und den Tod – Themen, die Rilke lebenslang beschäftigten. Seine Liebesgedichte sind traumhafte Geschenke eines Meisters der Zartheit. Sein Dichten ist zugleich von Anfang an ein Dichten im Angesicht des Todes, das in den Duineser Elegien sich zu einer, wie Stefan Zweig formulierte, »brüderlichen Gegenrede mit dem Tode« (Zweig, Geheimnis, 255) aufschwang. »Geboren sind sie aus dem Entschluß, wie Rainer Maria Rilke selbst einmal über sie sagt, ›das Leben gegen den Tod hin offen zu halten‹, statt es gegen ihn abzuschließen« (Sill, 146).

Schon in einem frühen Gedicht aus Rilkes Westerweder Zeit 1901 lesen wir: »Geheimnisvolles Leben du, gewoben aus mir und vielen unbekannten Stoffen, geschieh mir nur: Mein Sinn ist allem offen und meine Stimme ist bereit zu loben … Laß mich nicht sterben, ehe ich weiß, wie sich der Tod zu dir verhält? Ist er der Widerspruch der Welt? Ist er ihr Heil? Ist er ein Teil von dir, des Lebens Teil? Weil ich ihn so nur denken kann – im Leben.« (zit. n. Sill, 122) Und wer mag nicht an das Gedicht denken, das zu den allerbekanntesten und neben Hermann Hesses Gedicht »Stufen« auch zu den gebrauchtesten gehört, das Gedicht »Herbst« aus dem »Buch der Bilder«:

»Die Blätter fallen, fallen wie von weit

Als welkten in den Himmeln ferne Gärten;

Sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde

Aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.

Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen

Unendlich sanft in seinen Händen hält.«

Die Urgebärde, schreibt Bernhard Sill dazu, »ist die Gebärde des Sich-fallen-Lassens, das sich ›sanft‹ gehalten weiß« (Sill, 128). Doch was soll das heißen, wie kann das gelingen, was bedarf es dazu, dass aus der Einheit von Leben und Tod das letzte Sterben mir zum eigenen Tod werden kann, zur Frucht des Lebens? Man denke an die Bitte aus Rilkes Stundenbuch: »O Herr, gib jedem seinen eignen Tod. Das Sterben, das aus jenem Leben geht, darin er Liebe hatte, Sinn und Not«. Es wäre ein eigener Weg der Entwicklung der um den Tod kreisenden Gedanken Rilkes, insbesondere in seinen verschiedenen Requien oder im Malte-Roman, nachzugehen, heute sei im Vorraum der Elegien nur auf jene Verse gehört, die uns die entschiedene Wendung nach innen bezeugen. Ich folge dabei gerne der Stuttgarter Germanistin Käte Hamburger, die in ihrer Darstellung Rilkes die Pole der Besinnung Rilkes in den Gedichten »Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens« und »Es winkt zu Fühlung aus allen Dingen« aufwies, beide aus den Monaten August/September 1914. Schauen wir zunächst auf »Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens«:

»Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens. ­Siehe, wie klein dort,

siehe: die letzte Ortschaft der Worte, und ­höher,

aber wie klein auch, noch ein letztes

Gehöft von Gefühl. Erkennst du’s?

Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens. …

Da geht wohl, heilen Bewußtseins,

manches umher, manches gesicherte Bergtier,

wechselt und weilt. Und der große geborgene Vogel

kreist um der Gipfel reine Verweigerung. – Aber

ungeborgen, hier auf den Bergen des ­Herzens …«

Zum »erstenmal in Rilkes Dichtung erscheint hier der Begriff Bewußtsein … Bewußtsein haben, ein Wissender sein – das wird in diesem Gedicht, das mit dem Wort ›ausgesetzt‹ beginnt und es zum Thema hat, nicht als Auszeichnung, nicht als Glück empfunden, sondern als Eigenschaft, die zwar dem Menschen seine besondere Stellung gibt,… aber ihn zugleich unsicher, ungeborgen macht.« (Hamburger, Rilke,87f).

In der achten Elegie, auch Tier-Elegie genannt, wird dies wieder Thema: das Leiden am Bewusstsein. Mitten im Aufgesang des Daseins, der in der 6., der Helden-Elegie, vorbereitet, in der 7. und 9. Elegie durchgeführt wird, schafft sie eine notwendige Unterbrechung – ein Eingedenksein, dass alles wirklich Beglückende an tiefe Schwermut zurückgebunden bleibt, aus einem Leiden an der Ich-Welt-Spaltung kommt, da wir die Sorge nicht abstreifen können, sie nur, wo es glückt, verwandeln lassen können:

Hören wir in diese 8. Elegie hinein: »Mit allen Augen sieht die Kreatur das Offene. Nur unsre Augen sind wie umgekehrt … Wir haben nie, nicht einen einzigen Tag, den reinen Raum vor uns, in den die Blumen unendlich aufgehn … Dieses heißt Schicksal: gegenüber sein und nichts als das und immer gegenüber … Uns überfüllts. Wir ordnens. Es zerfällt. Wir ordnens wieder und zerfallen selbst … so leben wir und nehmen immer Abschied.«

Eine Klage, die sich nahtlos einreiht in die lange Geschichte der menschlichen Klagen, der Vergänglichkeitsaussagen, seit dem alten Ägypten. Elegien sind Klagegesänge, die Duineser Elegien auch: Klagen »um die Eingeschränktheit unseres Daseins, Erfahrungen seiner Mangelhaftigkeit an Vorbildern des Heilen und des Ganzen« (Gadamer, GW9, 277). Und doch öffnen sich Rilkes Klagegesänge auf ein noch Ungesagtes. Dahin führt uns das andere Gedicht »Es winkt zu Fühlung fast aus allen Dingen«:

»Es winkt zu Fühlung fast aus allen Dingen,

aus jeder Wendung weht es her: Gedenk!

Ein Tag, an dem wir fremd vorübergingen,

entschließt im künftigen sich zum Geschenk.

Wer rechnet unseren Ertrag? Wer trennt

Uns von den alten, den vergangnen Jahren?

Was haben wir seit Anbeginn erfahren,

als daß sich eins im anderen erkennt?

Als daß an uns Gleichgültiges erwarmt?

O Haus, o Wiesenhang, o Abendlicht,

auf einmal bringst du’s beinah zum Gesicht

und stehst an uns, umarmend und umarmt.

Durch alle Wesen reicht der eine Raum:

Weltinnenraum. Die Vögel fliegen still

Durch uns hindurch. O, der ich wachsen will,

ich seh hinaus, und in mir wächst der Baum …«

Wir »bemerken sofort: Der Beginn des Gedichts drückt das genaue Gegenteil des ›Ausgesetzt-seins‹ aus. Die Dinge verweigern sich nicht, sondern rufen nahezu zu Fühlung auf; alles, selbst ein Tag, der uns nichts zu bedeuten schien, ›an dem wir fremd vorübergingen‹, kann an einem anderen, künftigen sich noch als bedeutungsvoll für uns, als ein Geschenk erweisen.« Hier findet nicht reine Verweigerung statt, sondern diese wird überwunden. Die Dinge und Menschen tauchen in ein warmes Licht. Sie sprechen zum Gemüt, werden geliebt, »so daß die Empfindung entstehen kann, daß auch sie uns lieben: ›umarmend und umarmt‹ – Aber der Gedanke erweitert sich zu einem Äußersten solcher Verschmelzung von Innen und Außen, zum Begriff ›Weltinnenraum‹, der die Grenze aufhebt zwischen Bewußtseinsinnen und Weltaußen, erinnernd an die Verse Goethes aus dem Zyklus Gott und Welt: ›Nichts ist drinnen, nichts ist draußen: denn was innen ist, ist außen‹.« (Hamburger, Rilke, 90f)

Der Tod als lösender Schritt ins Offene

Nicht nur bleibt angesichts der Vergänglichkeit der kleine Trost der kleinen Liebe, davon wissen auch die traditionellen Elegien zu reden, allen voran so großartige wie Goethes »Römische Elegien«: »Aber die Nächte hindurch hält Amor mich anders beschäftigt«. Sondern bei Rilke ist der Tod nicht der letzte Zerstörer, sondern der Vollender. Er wächst in uns verborgen unter den Schwingen der Liebe – und wird so zur letzten Öffnung, zum lösenden Schritt ins Offene. Was Rilke begrifflich mit »Weltinnenraum« fasste, kommt aus einem tiefen Erlebnis der radikalen Entgrenzung. In den Texten Erlebnis I und Erlebnis II gab er davon Zeugnis. »Dieses in dritter Person berichtete Erlebnis des Dichters im Park von Duino, als er an einen Baum gelehnt stand, ›völlig eingelassen in die Natur, in einem beinah unbewußten Anschaun verweilte‹, bestand in der körperlich erfahrenen Empfindung, ›als ob aus dem Inneren des Baumes fast unmerkliche Schwingungen in ihn übergingen‹, die er mit den Worten zu beschreiben sucht: ›er sei auf die andere Seite der Natur geraten‹. Die weiteren Beschreibungen dieser Empfindung lassen verstehen, daß das Sichbefinden auf der anderen Seite der Natur meint, sie nicht mehr von außen, sondern von innen her vor sich zu haben … Der Prozeß der Verschmelzung … wird so beschrieben, daß alles in der klaren Lösung seines Herzens so vollkommen aufging, dass der Geschmack der Schöpfung in seinem Wesen war.« (Hamburger, Struktur, 138)

Nur einmal fällt das Wort Weltinnenraum, ausgeführt aber wird es in dem Bezugs-Denken, das Rilkes positive Entwürfe in den Duineser Elegien und in zahlreichen Denkversuchen dieser Jahre prägt. Bezug wird zum Gegenwort zu Besitz. Bezug steht für eine Relationalität, in der nicht Selbstständiges in einen sekundären Kontakt tritt, sondern überhaupt erst aus seiner Bezogenheit aufeinander entsteht. Man muss sich öffnen, man muss ganz, ganz weit werden, um empfangen zu können. Rilke geht es um eine radikale »Umpolung der menschlichen Existenz auf das Vernehmen, das Hören und Empfangen.« (Kuschel, 158). Das Schlüsselwort heißt: das Offene. Denken wir an die 8. Elegie, die dem Tier solches Bezogensein auf das Offene zuspricht, während die Klage spricht: »Wir haben nie, nicht einen einzigen Tag den reinen Raum vor uns, in den die Blumen unendlich aufgehn. Immer ist es Welt und niemals Nirgends ohne Nicht: das Reine, Unüberwachte, das man atmet und unendlich weiß und nicht begehrt.« Können wir Rilke hier folgen, vielleicht auch nur ein paar erste, zögerliche Schritte weit: das Reine, der offene Raum, das Unendliche im Aufgehn, ein Nirgends ohne Nicht, Atemraum, der die Subjekt-Objekt-Spaltung hinter sich lässt – ein freies, von jedem Begehren freies Wissen?

Jacob Steiner in seiner ungemein materialreichen Kommentierung der Duineser Elegien schreibt: »Das Offene ist … die ungegenständliche Welt«. Er verweist dazu auf einen Brief Rilkes vom 25.2.1926, in dem er schreibt: »Mit dem Offenen ist also nicht Himmel, Luft und Raum gemeint, auch die sind, für den Betrachter und Beurteiler, ›Gegenstand‹ und somit ›opaque‹ und ›zu‹«, und führt dann aus: »Gegenständlich wird die Welt, wo sie einem entgegensteht, wo ich mich isoliere und alles, was ich nicht als Ich statuiere, zum Anderen mache. Das Tier, die Blume, auch das Kind und der Sterbende (hingegen) sind ihrem Wesen nach im oder an der Schwelle zum Offenen, weil sie gerade nicht die Bewußtheit unserer Art haben, die Ihnen die Welt als Gegenstand gegenüberstellt. Das Offene ist für sie die reine Vielfalt, die sie walten lassen, ohne sie auf einen einzigen Brennpunkt hin zu deuten« (Steiner, 187f). Und Steiner verweist auf den Fortgang des besagten Briefes, in dem Rilke von jener »unbeschreiblich offene(n) Freiheit« spricht, »die vielleicht nur in den ersten Liebesaugenblicken, wo ein Mensch im andern, im Geliebten seine eigene Weite sieht, und in der Hingehobenheit zu Gott bei uns (höchst momentane) Äquivalente hat« (Steiner, 188).

Dieses Geheimnis des Offenen bricht überall dort auf, wo die Lebensweise des Seins anstelle des Habens tritt, und dies im weitesten Umfang. Walter Deutschmann interpretiert sehr schön: »Unendlich wissen heißt in eine Güte des Seins eingebettet sein, die eine Erfahrung des Lebens aus Urvertrauen ermöglicht, bevor es sinnvoller Weise intellektuell – wenn auch nur teilweise – verifiziert und reflektiert werden kann« (Deutschmann, 82). Dieser andere, eigentliche, reine Bezug durchzieht das ganze Dichtwerk, schon in der 1. Elegie: »Wirf aus den Armen die Leere zu den Räumen hinzu, die wir atmen; vielleicht daß die Vögel die erweiterte Luft fühlen mit innigerm Flug« – das ist grandios! Grandios auch in der 2. Elegie: »Aber das Wehende höre, die ununterbrochene Nachricht, die aus Stille sich bildet«! Oder wenn er von Weite spricht, vom Wurf ins Heitere, oder in der 7. Elegie vom Lauf, vom seligen Lauf, auf nichts zu, ins Freie, um gerade hier fortzufahren: Hiersein ist herrlich. Rilke setzt »gegen den Strom der analytischen Entzweiungsbeschreibung den Gegenstrom von Versöhntheit mit dem Dasein … Aus der Erfahrung der Entfremdung folgt bei Rilke keine Weltverachtung oder Weltflucht. Das Ziel ist nicht die Auslöschung oder Vernichtung des Seins, sondern die Erfahrung des reinen Seins, des gefüllten Da-Seins« (Kuschel, 159). Diese aber erschließt sich nur in einer mutvollen Wendung nach innen. Dafür stehen die Schlüsselworte aus der 7. Elegie: »Nirgends, Geliebte, wird Welt sein, als innen. Unser Leben geht hin mit Verwandlung.« Dies ist nur möglich im Wunder der Liebe. Programmatisch formuliert im Gedicht »Wendung« vom 20.6.1914:

»Lange errang ers im Anschaun …

Da beriets in der Luft,

unfaßbar beriet es

über sein fühlbares Herz,

und richtete:

daß es der Liebe nicht habe. (…)

Denn des Anschauns, siehe, ist eine Grenze.

Und die geschautere Welt

Will in der Liebe gedeihn.

Werk des Gesichts ist getan,

tue nun Herz-Werk

an den Bildern in dir, …

Siehe, innerer Mann, dein inneres Mädchen,

dieses errungene aus

tausend Naturen, dieses

erst nur errungene, nie

noch geliebte Geschöpf.«

Die Liebe wird aufgerufen, sie wird zur eigentlichen Möglichkeit der Seinsdurchdringung. Gemeint ist die menschliche, verstehende Liebe, aber wie weit sind wir noch von ihr entfernt. Noch ist die Liebe nicht erlernt, bestenfalls in ersten aufblitzenden Momenten da. Allzuschnell zerstören die Liebenden das Geschenk, das sie vereint, sind noch nicht reif, noch nicht weit, noch nicht offen genug.

Rilkes Duineser Elegien verwandeln den Schmerz der Vergänglichkeit im Geschenk des Liebens. In der 2. Elegie: »Liebende, euch, ihr ineinander Genügten, frag ich nach uns. Ihr greift euch. Habt ihr Beweise? Seht, mir geschiehts, daß meine Hände einander inne werden oder daß mein gebrauchtes Gesicht in ihnen sich schont. Das giebt mir ein wenig Empfindung. Doch wer wagte darum schon zu sein? Ihr aber, die ihr im Entzücken des anderen zunehmt, …; die ihr unter den Händen euch reichlicher werdet wie Traubenjahre… euch frag ich nach uns. Ich weiß, ihr berührt euch so selig, weil die Liebkosung verhält …; weil ihr darunter das reine Dauern spürt.«

Und doch, fährt er fort: »wenn ihr der ersten Blicke Schrecken besteht und die Sehnsucht am Fenster, und den ersten gemeinsamen Gang, ein Mal durch den Garten: Liebende, seid ihrs dann noch? Wenn ihr einer dem andern euch an den Mund hebt und ansetzt: Getränk an Getränk«. Die Fühlung zu allen Dingen und damit das Ja zu allem, was ist, entspringt in der Entzückung der Liebenden. »Aber solche gänzliche Hingabe, in der alles Seiende in sein inniges Sein kommt, ist für Rilke ein immer schnell verlorener Anfang der Liebe« (Gadamer, GW9, 280). In lauterem Sinn erkennt er die Gefahr, die anhebende Zerstörung der Liebe, die Zerstörung des Gefühls, die Zerstörung der Andacht. Er erkennt sie eindringlich gestaltet in der 3. Elegie in der sexuellen Triebkraft, er erkennt sie aber auch im berechnenden Geist der Zeit, in der schnelllebigen Massenproduktion, die auf die Beziehungsstrukturen durchschlägt. Er benennt den immer weiter um sich greifenden Gefühlsverlust. Die Rühmung der Liebe wird zur Klage. »Was beklagt wird, ist die Unerreichbarkeit des wahren Glücks für die Liebenden, oder besser die Unfähigkeit der Liebenden … so zu lieben, daß wahrhafte Erfüllung möglich würde … Es geht um die Unkraft des menschlichen Herzens, sein Versagen vor der Aufgabe, sich ganz seinem Fühlen hinzugeben« (Gadamer, GW9, 291f).

Ein Aufruf, die Liebe zu lernen

Rilkes Dichtung wird zum Aufruf, die Liebe zu lernen. Er ruft sich als Lernender Vorbilder auf, deren Liebenkönnen über alle Entsprechung hinaus sich bewährt. Er erinnert an die großen Liebenden, die selbst in ihrem Verlassenwerden Liebende blieben. Es läge an den wahrhaft Liebenden, das heißt den unendlich sich hingebenden, einander die gleiche Weite zu geben, wie sie die verlassenen Liebenden leisten und durch sie vorbildlich sind. Es ist keine Absage an den Glanz der echten menschlichen Liebe, sondern die Aufforderung zur Verwandlung menschlicher Zuneigung in den Bezug, in das Offene, in den heiteren Raum, frei von allem Besitz, frei von aller Gier, frei von aller wechselseitigen Ausbeutung. Etwas davon erkannte er wieder auf alten attischen Stelen. Hier erstaunte ihn »die Vorsicht menschlicher Geste – war nicht Liebe und Abschied so leicht auf die Schultern gelegt, als wär es aus anderm Stoffe gemacht als bei uns? … Diese Beherrschten wußten damit: so weit sind wirs, dieses ist unser, uns so zu berühren«. In diesem Sinne lese ich auch und gerade die berühmten Zeilen der 1. Elegie: »Ist es nicht Zeit, daß wir liebend uns vom Geliebten befrein und es bebend bestehen: wie der Pfeil die Sehne besteht, um gesammelt im Absprung mehr zu sein als er selbst. Denn Bleiben ist nirgends.«

Rilke sucht nach dem schmalen Streifen Fruchtlands zwischen Strom und Gestein und findet es in der echten Sprache des Herzens, in der Wendung nach innen, in der Bejahung des Daseins, »im reinen Wurf ins Heitere, dass« – so in den ersten Strophen der 7. Elegie – »die Freundin dich erführ, die stille, in der eine Antwort langsam erwacht und über dem Hören sich anwärmt – deinem erkühnten Gefühl die erglühte Gefühlin. O und der Frühling begriffe –, da ist keine Stelle, die nicht trüge den Ton der Verkündigung. Erst jenen kleinen fragenden Auflaut, den, mit steigernder Stille, weithin umschweigt ein reiner bejahender Tag. Dann die Stufen hinan, Ruf-Stufen hinan, zum geträumten Tempel der Zukunft –; dann den Triller, Fontäne, die zu dem drängenden Strahl schon das Fallen zuvornimmt im versprechlichen Spiel … und vor sich, den Sommer. Nicht nur die Morgen alle des Sommers –, nicht nur wie sie sich wandeln in Tag und strahlen vor Anfang. Nicht nur die Tage, die zart sind um Blumen, und oben, um die gestalteten Bäume, stark und gewaltig. Nicht nur die Andacht dieser entfalteten Kräfte, nicht nur die Wege, nicht nur die Wiesen im Abend, nicht nur, nach spätem Gewitter, das atmende Klarsein, nicht nur der nahende Schlaf und ein Ahnen, abends… sondern die Nächte! Sondern die hohen, des Sommers, Nächte, sondern die Sterne, die Sterne der Erde. O einst tot sein und sie wissen unendlich, all alle die Sterne: denn wie, wie sie vergessen. Siehe, da rief ich die Liebende … Hiersein ist herrlich«. Wir sind im Zentrum, im Herz-Werk der Duineser Elegien angekommen.

In der Bejahung des großen Ganzen fallen die trennenden Kategorisierungen, der Zeitpfeil scheint aufgehoben. Alles steht im offenen Bezug. »Die Vergänglichkeit stürzt überall in ein tiefes Sein. Und so sind alle Gestaltungen des Hiesigen nicht nur zeitbegrenzt zu gebrauchen, sondern soweit wirs vermögen, in jene überlegenen Bedeutungen einzustellen, an denen wir Teil haben … in einem rein irdischen, selig irdischen Bewußtsein gilt es, das hier Geschaute und Berührte in den weiteren, den weitesten Umkreis einzuführen. Nicht in ein Jenseits, dessen Schatten die Erde verfinstert, sondern in ein Ganzes, in das Ganze… Unsere Aufgabe ist es, diese vorläufige, hinfällige Erde uns so tief, so leidend und leidenschaftlich einzuprägen, daß ihr Wesen in uns ›unsichtbar‹ wieder aufersteht. Wir sind die Bienen des Unsichtbaren.« In diesen eindrücklichen Sätzen erläuterte Rilke seine Weltanschauung seinem polnischen Übersetzer Witold Hulewicz in dem schon erwähnten Brief aus dem Jahre 1925. Er zeigt damit, wie aus einer Bejahung heraus, wie sie nur der objektlosen Liebe möglich ist, auch unsere Weltbegegnung in ein neues Licht tritt. Davon handelt die 9. Elegie:

»Warum wenn es angeht, also die Frist des Daseins

Hinzubringen, … Warum …

Schicksal vermeidend,

sich sehnen nach Schicksal? …

Oh, nicht, weil Glück ist,

dieser voreilige Vorteil eines nahen Verlusts.

Nicht aus Neugier, oder zur Übung des ­Herzens …

Aber weil Hiersein viel ist, und weil uns scheinbar

Alles das Hiesige braucht, dieses ­Schwindende, das

Seltsam uns angeht. Uns, die ­Schwindendsten. Ein Mal

Jedes, nur ein Mal. Ein Mal und nichtmehr. Und wir auch

Ein Mal. Nie wieder. Aber dieses

Ein Mal gewesen zu sein, wenn auch nur ein Mal:

Irdisch gewesen zu sein, scheint nicht ­widerrufbar.

Und so drängen wir uns und wollen es ­leisten,

wollens enthalten in unsern einfachen ­Händen,

im überfüllteren Blick und im sprachlosen Herzen.

Wollen es werden? – Wem es geben? Ach, in den andern Bezug,

wehe, was nimmt man hinüber? Nicht das Anschaun, das hier

langsam erlernte, und kein hier Ereignetes. Keins.

Also die Schmerzen. Also vor allem das Schwersein,

also der Liebe lange Erfahrung …

Bringt doch der Wanderer auch vom Hange des Bergrands

Nicht eine Hand voll Erde ins Tal, …, sondern

Ein erworbenes Wort, reines, den gelben und blaun

Enzian: Sind wir vielleicht hier, um zu sagen: Haus,

Brücke, Brunnen, Tor, Krug, Obstbaum, ­Fenster, –

Höchstens: Säule, Turm … aber zu sagen ­verstehs …

Hier ist des Säglichen Zeit, hier seine ­Heimat …

Erde, du liebe, ich will …

Namenlos bin ich zu dir entschlossen, von weit her.

Immer warst du im Recht, und dein heiliger Einfall

Ist der vertrauliche Tod.

Siehe, ich lebe. Woraus?

Überzähliges Dasein

Entspringt mir im Herzen.«

Rilke löst ein, was er in den in einem unglaublichen Schaffensrausch fast zeitgleich mit dieser Elegie entstandenen Sonetten an Orpheus so fasste: »Nur im Raum der Rühmung darf die Klage gehen, die Nymphe des geweinten Quells, wachend über unserm Niederschlage, daß er klar sei an demselben Fels« (I,8).

Bleiben ist nirgends – aber weil Hiersein viel ist. Wir sind ein paar Schritte im Sprachgebirge der Duineser Elegien gewandert, dieser unvergleichlichen Meditation über das Leben, die Liebe und den Tod. Schließen darf ich unseren Gang mit Zeilen aus einem Brief Rilkes vom 6.1.1923 an die Gräfin Margot Sizzo-Noris-Crouy: »Ich will nicht sagen, daß man den Tod lieben soll; aber man soll das Leben so großmütig, so ohne Rechnen und Auswählen lieben, daß man unwillkürlich ihn (des Lebens abgekehrte Hälfte) immerfort miteinbezieht, ihn mitliebt – was ja auch tatsächlich in den großen Bewegungen der Liebe, die unaufhaltsam sind und unabgrenzbar, jedes Mal geschieht!« (zit. n. Sill, 153)

Literatur:

W. Deutschmann, Einführender Kommentar zur sprachlichen Gestaltung der Duineser Elegien von Rainer Maria Rilke, Essen 2000; H.G. Gadamer, Gesammelte Werke Bd. 9 Ästhetik und Poetik II; Tübingen 1993, darin: Rainer Maria Rilkes Deutung des Daseins, 271-281; Mythopoietische Umkehrung in Rilkes Duineser Elegien, 289-305; Rainer Maria Rilke nach fünfzig Jahren, 306-319; K. Hamburger, Die phänomenologische Struktur der Dichtung Rilkes in: dies. (Hg.), Rilke in neuer Sicht, Stuttgart-Berlin-Köln-Mainz 1971, 83-158; K. Hamburger, Rilke, Stuttgart 1976; K-J. Kuschel, Vielleicht hält Gott sich einige Dichter, Mainz 1991, darin: Rainer Maria Rilke und die Metamorphosen des Religiösen, 91-163; B. Sill, Ethos und Thanatos, Regensburg 1999, darin: Ein eigner Tod zu einem eignen Leben – Rainer Maria Rilkes Lehre vom Leben und vom Tod, 121-154; J. Steiner, Die Duineser Elegien, Bern 1962; S. Zweig, Das Geheimnis des künstlerischen Schaffens, Frankfurt/M. 1984, darin: Abschied von Rilke, 242-260.

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer Dr. Dieter Koch, Jahrgang 1958, Pfarrer der Evang. Landeskirche in Württemberg, seit 1991 Pfarrer in Stuttgart-Riedenberg.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 11/2011

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