Es gehört zu den Trends modernen individualisierten Lebensstils, den Zusammenhang von Christsein und Kirchenmitgliedschaft zu hinterfragen und zu lösen. Matthias Rein spürt den Zusammenhängen von Taufe, Christsein und Kirchenmitgliedschaft nach und bietet zwei Thesenreihen zur theologischen Bedeutung der Taufe und zur geistlichen Bedeutung des Kirchenaustritts an.

Gottesdienste mit Tauferinnerung, Werbeaktionen für Tauffeste, Ausstellungen zu besonderen Taufriten und -traditionen – das EKD-Themenjahr der Taufe 2011 wird in Gemeinden, Kirchenkreisen und Landeskirchen mit vielfältigen Initiativen und Aktionen begangen. Ein wesentliches Anliegen ist, Eltern, die selbst getauft und Kirchenglieder sind, ihr Kind aber bislang nicht haben taufen lassen, auf die Taufe aufmerksam zu machen, und einzuladen, ihr Kind taufen zu lassen. Die mitunter überwältigende Resonanz (im Kirchkreis Nienburg bei Hannover meldeten sich 1500 Personen zum Tauffest am 4.9.2011 an) zeigt, dass hier ein guter Anstoß gegeben wurde.

Der Studienkurs unter dem Motto »Ich kann auch ohne Kirche Christ sein! Christsein ja, Kirchensteuer nein?« im Theol. Studienseminar1 ging auf eine andere Dimension der Bedeutung der Taufe ein. Manche Getaufte und Konfirmierte entschließen sich im Laufe ihres Lebens, aus der Institution Kirche auszutreten. Dabei geben viele an, dass sie sich weiter als Christ verstehen und ihnen der christliche Glaube wichtig ist. Christsein aber, so meinen sie, kann man auch ohne Kirchengliedschaft. Damit hinterfragen sie den grundsätzlichen Zusammenhang von Taufe und Kirchengliedschaft. Der Studienkurs leistete einen Beitrag zum Jahr der Taufe, insofern er dieser Frage und ihren theologischen, juristischen und pastoral-seelsorgerlichen Dimensionen nachging.

Christsein ohne Kirche?

Die Auffassung, man könne auch ohne Kirchengliedschaft Christ sein, fügt sich in eine bestimmte gesellschaftliche Konstellation ein, die gegenwärtig in Westdeutschland begegnet. Hier gehören z.Zt. ca. 60% der Bevölkerung einer der beiden großen verfassten Kirchen an. Im Jahr 2008 wurden 27% aller in Deutschland geborenen Kinder evangelisch getauft. Nimmt man die katholisch getauften Kinder hinzu, lässt sich schließen, dass die Kindstaufe für die überwiegende Zahl der kirchlich verbundenen Familien eine lebendige Tradition darstellt. Dies sieht in Ostdeutschland auch 20 Jahre nach der staatlichen Einheit anders aus. Der überwiegende Teil der Bevölkerung gehört hier keiner Kirche an, die Kindstaufe ist gesamtgesellschaftlich gesehen eher ein Randphänomen. Die Mehrheit der Bevölkerung bezeichnet sich nicht als religiös oder christlich orientiert und würde deshalb auch nicht für sich in Anspruch nehmen, Christ zu sein, ohne der Kirche anzugehören. Wieder andere Verhältnisse begegnen z.B. derzeit in Südafrika, Heimat einer der Kursteilnehmer. Hier gibt es unzählige verfasste und freie christliche Kirchen und Gemeinschaften. Die christlichen Gruppierungen konkurrieren um die Mitglieder. Wer sich als Christ versteht, sucht sich eine Gemeinde, in der er sich spirituell, theologisch und milieubezogen zu Hause führt.

In den letzten Jahren ist zu den theologischen und juristischen Fragen von Taufe, Kirchengliedschaft, Kircheneintritt und -austritt viel gearbeitet worden. Besonders zu nennen sind eine frühe Studie der VELKD aus dem Jahr 19732 und die Studie der Theologischen Kammer der EKD aus dem Jahr 2000 zum Zusammenhang von Taufe und Kirchenaustritt.3 Das Gemeindekolleg der VELKD in Celle veranstaltete im Mai 2004 eine Konsultation zu Fragen der Kirchenmitgliedschaft.4 Die Theol. und Rechtswiss. Fakultät der Universität Greifswald lud im Juni 2007 zusammen mit der Pommerschen Evang. Kirche zu einem Symposium unter dem Motto »Kirchenmitgliedschaft. Zugehörigkeit(en) zur Kirche im Wandel«.5 Dieses Symposium fragte nach Formen von Kirchenmitgliedschaft für Menschen, die sich in bestimmten Gemeinden, Initiativen oder christlichen Gemeinschaften engagieren und sich ihnen zugehörig fühlen, ohne formell Glied der Kirche sein zu wollen. Dies betrifft vor allem die Schnittstelle zwischen landes- bzw. freikirchlich orientierten Christen. Der Göttinger Professor für Prakt. Theologie Jan Hermelink veröffentliche in den letzten Jahren eine Reihe von Artikeln, in denen er den theologischen Zusammenhängen von Kirchenmitgliedschaft und Kirchenbindung nachging.

Dimensionen des Zusammenhangs von Kirchenverständnis, Kirchengliedschaft und Kirchensteuer

»Es ist ein für mich unerträglicher Zustand, dass meine Mitgliedschaft in einer religiösen Gemeinschaft davon abhängt, dass ich für die Mitgliedschaft Steuern zahle,« schreibt ein Kirchenmitglied zur Begründung seines Austritts aus der verfassten Institution Kirche. Und er fügt ein persönliches Glaubensbekenntnis hinzu, das seinem Gottesglauben in »moderner naturwissenschaftlicher Weise« Ausdruck gibt. Einem solchen Schritt gehen Erfahrungen und Entwicklungen voraus. Enttäuschungen, Verletzungen, verlorengegangenes Vertrauen, Glaubenszweifel und -krisen, Anfragen an die sichtbare Gestalt der Institution Kirche verdichten sich zu mangelnder Bindung an die Institution. Gemeinschaft wird in der Kirche nicht (mehr) erfahren und gesucht. Solcher Gemeinschaft misst der zum Austritt Entschlossene keine Relevanz für seinen persönlichen Glauben zu. Wenn Gemeinde und Kirche nicht mit persönlichen Erfahrungen verbunden werden und sie für den eigenen Glauben keine unmittelbar evidente Bedeutung zu haben scheinen, fällt auch die formale Trennung von der Gemeinschaft nicht schwer. »Ich zahle jedes Jahr eine erhebliche Summe«, so der Austretende, »ohne die geringste Rückkopplung darüber zu erhalten, wofür das Geld verwendet wird.«

Ist Kirchenbindung soweit gelöst, werden Fragen nach dem Sinn des Kirchensteuersystems laut: das System der Steuer an sich wird hinterfragt, die Höhe der Kirchensteuer wird kritisiert, die fehlende Transparenz ihrer Verwendung, ihre vermeintlich zweckfremde Verwendung, ihre zentrale Verwaltung und Vergabe unabhängig von der Gemeinde vor Ort. Die Überzeugung, auch ohne Kirche Christ sein zu können, und die Entscheidung, die Kirchensteuer zu sparen, rangieren auf den ersten Plätzen in der Liste der Austrittsgründe. Geld bekommt in diesem Zusammenhang über seine faktische und relative Höhe hinaus symbolische Bedeutung. In einer Welt des Kosten-Nutzen-Denkens fragt man, welchen persönlichen Gegenwert die Zahlung der Kirchensteuer erbringt und begründet so für sich und für andere unmittelbar einleuchtend, warum diese Ausgabe keinen Sinn macht. Der Einsatz des Geldes bzw. seine Ersparnis stehen damit für den Wert, den Glaube, Kirche und das, was Kirche tut, für den Einzelnen hat. Geld bringt Kirchenbindung zum Ausdruck.

In diesem Diskussionsfeld steht zur Debatte, wie Kirche sich nach evangelischem Verständnis selbst versteht und definiert. Wie verhalten sich unsichtbare und sichtbare Kirche zueinander? Welche Rolle spielt die Gemeinschaft der Getauften und Glaubenden für den Glauben des Einzelnen? Wie »heilsnotwendig« ist die Mitgliedschaft in der verfassten Kirche? Inwieweit ist eine Spannung zwischen dem persönlichen Glaubensbekenntnis des Einzelnen und dem Bekenntnis der ganzen Kirche legitim? Was ist als persönliches Bekenntnis im Blick auf den christlichen Rechtfertigungsglauben vertretbar? Ist Kirche eine Dienstleisterin für die Gläubigen? Kann Kirche Verstöße gegen ihre Ordnung im Blick auf die Pflichten von Mitgliedern ahnden? Wie verhalten sich Kerngemeinde und Randsiedler zu Glaube und Kirche? Pfarrerinnen und Pfarrer sowie Kirchenvorstände und andere kirchliche Entscheidungsgremien müssen sich in diesem komplexen theologischen, seelsorglichen und gesellschaftlichen Spannungsfeld orientieren und Entscheidungen treffen. Hier geht es um inhaltliche Differenzierungen und theologische Auseinandersetzungen.

Ein weiterer Aspekt in diesem Spannungsfeld ist das Verständnis und die Bedeutung, die das gesellschaftliche Umfeld der Kirche zuschreibt. In der Gesellschaft existiert ein Wissen darum, dass Kirche mit anderen Dingen umgeht als ein Kaninchenzüchterverein, in dem man Mitglied ist oder nicht. Diese anderen Dinge nehmen Einfluss auf den Umgang mit der konkreten Gestaltwerdung von Kirche, auf den Umgang mit Eintritt und Austritt. Mancher zahlt Kirchensteuer, ohne sich als gläubiger Christen zu verstehen, weil er das gottesdienstliche Feiern der Kirche und ihr diakonisches Engagement wichtig findet. Auf die konkrete Organisation von Kirche und die Akzeptanz von Kirchenbindung wirken sich wiederum gesellschaftliche Trends wie die schwindende Bedeutung der institutionellen Verfasstheit sozialer Beziehungen und die Zunahme der organisationsförmigen Gestaltung wichtiger Bereiche der Gesellschaft aus.

Die Stichworte Erfahrungsrelevanz und -evidenz, Kirchenbindung, Geld, Glaubensinhalte, Selbstverständnis der Kirche, Relevanz der Kirche in der Gesellschaft kennzeichnen das Spannungsfeld, in dem heute über Fragen von Kirchengliedschaft, Eintritt, Austritt und Kirchensteuer diskutiert wird. Für viele Gemeindepfarrerinnen und -pfarrer stellen sich diese Fragen wöchentlich in Kasualgesprächen mit Kirchengeliedern, Nichtkirchengliedern und ihren Familien.

Die theologische Bedeutung der Taufe im Horizont des ­Kirchenaustritts

»Die Zugehörigkeit zur Kirche, ihre Grundstruktur wie ihre – institutionellen wie individuellen – Gestaltungsmöglichkeiten sind im Rekurs auf das Geschehen der Taufe zu beschreiben und praktisch zu orientieren.«6 – Im Anschluss an die Position Jan Hermelinks möchte ich folgende Thesen formulieren:

1. In der Taufe handelt Gott nach christlichem Verständnis souverän und vorgängig. Dies wird durch die Gemeinde vermittelt und vom Täufling passiv empfangen. Die Taufe vermittelt zunächst und grundlegend die bedingungslose Zuwendung Gottes.

2. Die Taufe zielt auf menschliche Aneignung der Taufgaben. Die Taufe markiert den Anfang eines lebenslangen Weges ihrer Aneignung und Entfaltung. Dieser Weg des Glaubens wird nicht nur, aber auch als Kirchenmitgliedschaft erkennbar und konkret.

3. Für die individuelle Aneignung der Taufgaben und ihre je eigene Entfaltung ist der Täufling selbst verantwortlich. Kirchenmitgliedschaft beschränkt sich deshalb nicht auf bloßes Erfasstwerden, sondern umfasst eigene Aktivität und bewusstes Wählen.

4. Kirche ist immer schon da – in sozialen und kulturellen Verhältnissen, in gemeindlicher, baulicher und pastoraler Präsenz vor Ort. Die kirchliche Zugehörigkeit des Einzelnen bezieht sich auf institutionelle Vorgaben. Die individuelle Annäherung des Einzelnen an die Kirche knüpft an diese institutionellen Vorgaben an. Dies wirkt sich auf die Gestaltung seines Tauf- und Glaubensweges aus.

5. Die Taufe gliedert den Täufling in reale soziale Verhältnisse ein, die sich als konkret ausgestaltete Institution darstellen. Der Getaufte hat Rechte und Pflichten gegenüber der Institution. Der Getaufte kann von der Kirche erwarten, dass sie seinen individuellen Taufweg, seine Bindung an Gott begleitet und unterstützt. Grundaufgabe der Kirche ist, den Einzelnen ihr je eigenes Leben aus der Taufe zu ermöglichen, zu erleichtern und ggf. neu zu eröffnen.

6. Die Taufe integriert den Getauften in soziale Beziehungen (Familie, Gemeinde, Gruppe, Öffentlichkeit). Zugleich transzendiert die Taufe alle vorgegebenen sozialen Verhältnisse. Die Taufe unterstellt den Einzelnen der Christusherrschaft, damit verlieren alle anderen Bindungen für den Täufling an Bedeutung. Keine Institution, auch nicht die Institution Kirche, kann totale Ansprüche an den Getauften erheben.

7. Die Kirche kann nach reformatorischem Verständnis dem Getauften keine Vorschriften darüber machen, wie er/sie ihren Glauben lebt. Dies gilt auch für die konkrete Form ihrer kirchlichen Bindung (z.B. im Blick auf Gemeindezugehörigkeit, Ort, Intensität und Dauer der aktiven Beteiligung am Gemeindeleben). Der Getaufte ist Glied der weltweiten Christenheit, dies übersteigt die Grenzen einer konkreten Gemeinde vor Ort.

8. Der/die Getaufte hat die Freiheit, seinen bzw. ihren Taufweg in ganz unterschiedlichen Formen der Zugehörigkeit zu gehen. Darum hat die Kirche die Pflicht, ihn/sie dabei durch vielfältige, lokale und auch ortsunabhängige Präsenz zu unterstützen.

9. »Das Ziel der Taufe ist nach kirchlicher Lehre ein Dreifaches: Die Verherrlichung des dreieinigen Gottes, Leben und Seligkeit der Getauften und der Aufbau der Kirche. Aller Dienst der Kirche an den aus ihr Ausgetretenen muss dieses Ziel vor Augen haben. Dabei kann dieser Dienst daran anknüpfen, dass, trotz der Distanzierung von der Kirche oder des mit dem Kirchenaustritt gegebenen Bruchs, durch die Taufe dennoch eine Verbindung der Kirche mit dem Getauften bestehen bleibt.«7

10. Die Kirche bleibt verantwortlich für den Taufweg der ausgetretenen Getauften. Sie sollte ihn/sie weiter über kirchliche Angebote informieren und zu ihnen einladen, um ihn/sie auf seinem/ihrem zuweilen verschlungenen und verborgenen geistlichen Weg zu unterstützen.

11. Die Kirche sollte ausgetretene Getaufte zum Wiedereintritt in die Kirche einladen, »weil ein individueller Taufweg ohne den Bezug zu einer kirchlichen Institution auf Dauer weder empirisch noch theologisch möglich ist.«8

12. Kirchliche Mitgliedschaft ist in der Taufe begründet und präformiert und stellt eine mehrdimensionale und in sich dynamische Bindung dar.

Auch die Kirche existiert als unsichtbare und verborgene Gemeinschaft des Glaubens, als Institution wie als unverfügbares Ereignis. Sie lebt vor Ort, in vielen Gemeinschaftsformen, in der weltweiten Ökumene.

Die Vielschichtigkeit des kirchlichen Lebens ist in der Dynamik des Glaubens selbst begründet. Dieser theologisch begründeten Vielschichtigkeit muss die rechtliche Regelung der Zugehörigkeit entsprechen. Sie soll die vielfältigen Formen individueller Bindung wahrnehmen und begleiten.

Die geistliche Bedeutung des ­Kirchenaustritts und seine ­gesellschaftlichen Hintergründe

1. Der Austritt Getaufter aus der Kirche stellt einen Bruch zwischen der Institution und dem Einzelnen dar. Dieser muss in seiner geistlichen Dimension wahr- und ernst genommen werden.

2. Die Motive für den Kirchenaustritt auf der individuellen Ebene sind vielfältig (Glaubensferne, Entfremdung zur Gemeinschaft der Christen vor Ort oder zur Kirche insgesamt, Kirchensteuerersparnis, Kritik an der Kirche insgesamt oder an einzelnen Personen, Äußerungen oder Entscheidungen usw.). Die Motive sollten erkundet und benannt werden.

3. Beim Kirchenaustritt von getauften Kirchengliedern spielt im Hintergrund eine Reihe von Faktoren eine Rolle:

a) Menschen gehen mit ihrer Kirchenmitgliedschaft u.U. wie mit der Mitgliedschaft in anderen Vereinen oder Verbänden um. Sie sind Mitglied, wenn Kirche für sie lebensgeschichtlich relevant ist und sie sich engagieren. Sie treten aus, wenn Kirche für sie aktuell keine wichtige Rolle spielt.

b) Zugleich haben nicht wenige Menschen das Gefühl, dass Kirche nicht in gleicher Weise organisationsförmig verfasst ist wie andere Vereine. Kirche geht mit dem ganz Anderen, dem per se Unorganisierbaren um, das sollte Konsequenzen für den Umgang mit Mitgliedern haben (Sanktionen? Ausschluss?).

c) Für viele Menschen erschließt sich nicht, welche Rolle die Gemeinschaft der Glaubenden für ihren Glauben spielt. Sie meinen, sie können ihre christlichen Überzeugungen auch ohne andere Christen entwickeln und zum Ausdruck bringen. Sie finden geistig-geistliche Gemeinschaft nicht im Rahmen kirchlicher Gemeinschaften, sondern außerhalb der verfassten Kirche (medial, virtuell, im Freundeskreis usw.).

d) In der Kirche selbst sind verschiedene Trends wirksam: Viele befürworten und befördern einen Trend von der passiven volkskirchlichen Gliedschaft hin zur Beteiligungskirche. Damit kann der Eindruck entstehen, wer in der Kirche sei, habe sich dort auch aktiv zu beteiligen. Wer passiv bleibe, solle austreten. Immer wieder wird in der Kirche auch ein Trend zur Selbstsäkularisation diagnostiziert (u.a. Wofgang Huber). Dies zeigt sich z.B. daran, dass das evangelische Profil von Veranstaltungen und Aktivitäten bewusst unscharf gehalten wird, um die Schwelle für Kirchendistanzierte zu senken.

e) Religionssoziologische Untersuchungen legen die Vermutung nahe, dass mancher bewusst oder unbewusst in Halbdistanz zur Kirche bleibt. Um dem Druck von Positionierungen und Entscheidungen auf dem religiösen Feld auszuweichen, das mitunter als Fremdreferenzierung erlebt wird, bleibt man lieber religiös indifferent und hält sich in Glaubensfragen verschiedene Optionen offen.

f) Bürgergesellschaft und Kirchenmitgliedschaft treten zunehmend auseinander. Kirchengliedschaft gehört nicht mehr selbstverständlich dazu, sondern ist etwas für die »Frommen«.

g) Menschen möchten kirchliche Angebote punktuell in Anspruch nehmen und die dabei entstehenden Kosten im Sinne einer Dienstleistung bezahlen.

h) Viele Menschen bringen Kosten-Nutzen-Überlegungen ins Spiel, wenn es um die Kirchenmitgliedschaft geht. Sie fragen: »Was habe ich davon?« Zudem wird der eigene Erfahrungszugang zu kirchlichen Angeboten zum Kriterium für die persönliche Relevanz im Sinne von: »Betrifft mich Kirche persönlich?«

4. Die Taufe des Ausgetretenen bleibt nach kirchlichem Verständnis gültig, auch wenn der Getaufte zu seiner Taufe und ihrer Bedeutung für die eigene Person in Distanz tritt. Der Tauf- und Glaubensweg des getauften Ausgetretenen endet nicht mit dem Kirchenaustritt.

5. Die Kirche sollte den Glaubensweg des getauften Ausgetretenen weiter verfolgen und begleiten. Er/sie bleibt ansprechbar auf seine/ihre Taufe.

6. Zur Kirche gehört (im geistlichen Sinn), wer sich in einem Lebensbezug zu den liturgischen Vollzügen dieser Kirche befindet. »Es gibt ein vielschichtiges Entsprechungsverhältnis zwischen Kirchenbindung und gottesdienstlicher Pluralität. So wie es verschiedene Rhythmen der Partizipation am Gottesdienst gibt – von täglich bis zu jährlich, oder vielleicht nur zweimal im Leben – so gibt es auch unterschiedliche Rhythmen von Kirchenmitgliedschaft. – Es gibt unterschiedliche Medien von kirchlicher, und ebenso von gottesdienstlicher Partizipation: leiblich und seelisch engagiert, oder interessiert zuschauend, oder finanziell – es gibt ja viele Leute, die unterstützen die Institution des Gottesdienstes ausdrücklich, ohne selbst je hinzugehen. Auch dies ist eine wesentliche Weise liturgischer Beteiligung. – Weiterhin gibt es ganz unterschiedliche Intensitäten, sich im Gottesdienst zu beteiligen, von passiven bis zu leitend verantwortlichen Rollen – auch hier sind die Analogien zu den verschiedenen Formen von kirchlicher Beteiligung keineswegs zufällig.«9

7. Die Kirche sollte deutlich machen, was es bedeutet und warum es positiv lohnt, in die Kirche zu investieren (Kirchensteuer).

Anregungen für die Praxis

Im Verlauf des Kurses im Studienseminar wurden viele theologische, kybernetische, juristische und pastoraltheologische Aspekte des Zusammenhangs von Taufe und Kirchengliedschaft bedacht. Folgende Erträge traten zu Tage:

Der Zusammenhang von Taufe und ­formaler Kirchengliedschaft

Gefragt wurde, ob die automatische Zuerkennung der formalen Mitgliedschaft in der Institution Kirche mit der »geistlichen Handlung« der Taufe besonders bei Kleinkindern verbunden sein sollte. Wäre es nicht sinnvoll, die geistlichen Symbolhandlungen Taufe, Konfirmation und Patenschaft von der formalen Mitgliedschaft zu trennen? In Südafrika muss ein getaufter junger Erwachsener beim Erreichen der Volljährigkeit seine formale Mitgliedschaft in einer Kirche per Unterschrift vor der Personenstandsbehörde des Staates bestätigen.

Die Chancen und Klärungshilfen, die eine solche Trennung bietet, sollten zumindest bedacht werden. Mindestens zwei theologische Argumente sprechen aber gegen eine solche Trennung: 1. Nach evangelischem Verständnis schafft das verkündigte Wort des Evangeliums Glauben im Menschen und die Gemeinschaft der Glaubenden untereinander. Diese Gemeinschaft versammelt Menschen zum gemeinsamen Hören auf das Wort Gottes und zur gegenseitigen Bezeugung des Wortes und macht sie zu Geschwistern, die im Geist der Liebe Gottes miteinander umgehen.10 Das Wort Gottes schafft also notwendigermaßen sichtbare Gemeinschaft von Menschen. 2. Diese Gemeinschaft wird dem getauften Kind ohne eigene Vorleistung geschenkt und dies wird sichtbar in der Zuerkennung der formalen Kirchengliedschaft. Das getaufte und damit in die Gemeinschaft der Glaubenden aufgenommene Kind wird nicht automatisch und ohne eigene Entscheidung zu einem glaubenden Christen. Seine/ihre Zustimmung ist gefragt und ihm/ihr steht frei, die Gemeinschaft der Hörenden und Bezeugenden zu verlassen.11 Die Verknüpfung von Taufe und formaler Kirchengliedschaft bringt zum Ausdruck, dass Gottes Wort Gemeinschaft will und schafft und dass Gott durch das Wirken der Gemeinschaft der Glaubenden dem getauften Kind die Mitgliedschaft vorgängig geschenkt.

Weiter nachgedacht werden sollte, wie die geistliche Bedeutung der sakramentalen Handlung der Taufe für den Einzelnen gestärkt werden kann und wie die geistliche Dimension der sich auf die Taufe beziehenden Handlungen wie Konfirmation, Taufpatenschaft und Tauferinnerung unterstrichen werden kann. Im Anschluss an die Überlegung der Kammer für Theologie der EKD und an die Ausführungen von Jan Hermelink wurde deutlich, dass die Kirche für die Begleitung des Tauf- und Glaubenswegs der Getauften verantwortlich bleibt, auch wenn diese aus der Institution Kirche formal austreten. Kirchgemeinden und die Kirche insgesamt sollten gute Formen der Kontaktaufnahme und Begleitung von getauften Ausgetretene entwickeln, die sie an ihre Taufe erinnern und zu neuem Hören auf das Evangelium und zu neuer Teilhabe an der Gemeinschaft der Getauften und zum Glauben einladen (z.B. durch Einladungen zur silbernen oder goldenen Konfirmation).

Schwierigkeiten mit dem Patenamt

In der pastoralen Praxis erweist sich die Suche nach Taufpaten, die einen engen Bezug zur Familie des Täuflings haben und zugleich Kirchenglieder sind, als zunehmend schwierig. Das Patenamt soll nach bisherigem Verständnis mehreren Anforderungen gerecht werden. Die Familien legen nach wie vor großen Wert auf die Installation eines oder mehrerer Paten für das Kind. Bei der Auswahl der Paten stehen für sie in erster Linie familiäre und freundschaftliche Beziehungen im Mittelpunkt. Aus kirchlicher Sicht soll die Patin bzw. der Pate das Kind auf seinem Lebensweg begleiten und dabei helfen, dass ihm der christliche Glaube zur Heimat wird und es sich später bewusst zur eigenen Taufe stellt.

Die Funktion eines Familienpaten, eines Glaubens- und eines Gemeindepaten kommen vielfach nicht zur Deckung. Zuweilen wird dann ein Pate/eine Patin, die die Familie wünscht, die aber kein Kirchenglied ist, zur Zeugin der Taufe erklärt. Hier besteht Klärungs- und Handlungsbedarf. Eine Möglichkeit wäre, deutlicher zwischen Familiepate und Gemeindepate zu unterscheiden.

Unterschiedliche Beteiligungsformen

Kirchenmitgliedschaft zeigt sich darin, ob und wie jemand am liturgischen Handeln der Kirche im weiten Sinn teilnimmt, so Hermelink. Dies kann sich als Teilnahme an Gottesdiensten zu Kasualien, an den christlichen Festen, im Radio oder zu besonderen Events darstellen. Kirchgemeinden und die Kirche insgesamt sollten die faktische Teilnahme von Menschen an gottesdienstlichen Vollzügen stärker als bewusste Beteiligung an Kirche und faktisches Bekennen zum Glauben wahrnehmen.

Virtuelle Glaubensgemeinschaft

In die Eintrittsstellen der Kirche kommen Menschen, die zumeist keine aktuellen Beziehungen zur Kirchengemeinde und zu Pfarrerinnen und Pfarrern vor Ort haben und dennoch in die Kirche eintreten wollen. In den Gesprächen mit diesen Menschen zeigt sich, dass sie in einem inneren Gespräch zu Glaubensfragen sind und dieses Gespräch auch mit anderen Menschen (Freunde, Familienangehörige, geistlich anregende Menschen in der Öffentlichkeit) führen. Dabei spielen auch die eigene Lektüre von Büchern zu Fragen des Glaubens und die Medien eine Rolle. Hier stellt sich die Frage, inwiefern sich diese Menschen als Teil einer virtuellen Glaubensgemeinschaft von Christen verstehen, die dazu beiträgt, dass sie sich zum Kircheneintritt entschließen. Die ekklesiologische und pastorale Bedeutung dieser Zusammenhänge sollte weiter bedacht werden.

Alternative Formen von ­Kirchenmitgliedschaft

Über alternative Formen von Kirchenmitgliedschaft über die Mitgliedschaft in der Kirche als Körperschaft öffentlichen Rechts hinaus wird derzeit wieder viel nach­ge­dacht.12 Das Grundproblem solcher Alternativformen ist jedoch, dass damit die Rechte und Pflichten der Kirchenglieder faktisch abgeschwächt werden. Verschiedentlich wird vorgeschlagen, einen besonderen Status für Katechumenen (»vorläufige Kirchengliedschaft«) einzuführen. In der Debatte über das Für und Wider zeigte sich, dass ein solcher Status nur sinnvoll ist, wenn er als bewusst gestalteter Weg auf die Taufe hin verstanden wird und zeitlich begrenzt ist (im Sinne von: »Ich bereite mich auf die Taufe vor und befinde mich im Status des Katechumenen. Dieser Status endet nach z.B. einem Jahr entweder mit der Taufe und dem Beginn der Kirchengliedschaft oder mit dem Abbruch der Taufvorbereitung«).

Hinzuweisen ist auf die vielen Angebote und Möglichkeiten, sich als Nichtkirchenglied in der Kirche zu engagieren.13 Eine gute Möglichkeit dazu ist das Engagement in Initiativen, Projekten, Vereinen und Stiftungen (z.B. Kirchbauvereine, Kulturvereine, Diakonievereine, Chöre, Klostervereine, Kunst- und Kulturstiftungen). Diese Vereine stellen ein interessantes Feld der Begegnung und des gemeinsamen Engagements von Kirchengliedern und Nichtkirchengliedern dar und sollten gerade auch im Blick auf mögliche Kirchengliedschaften im Blick von Kirchengemeinden sein. Dennoch bleibt weiter geboten, die Möglichkeiten alternativer Formen von Kirchengliedschaft auszuloten.

Alternativen zur Kirchensteuer?

Die Juristen plädierten im Rahmen des Studienkurses deutlich für die grundsätzliche Beibehaltung des Kirchensteuersystems. Es ist derzeit das fairste, billigste und »ertragsreichste« Finanzierungssystem für kirchliche Arbeit in Deutschland. Allerdings wirken sich gesellschaftliche Entwicklungen auch auf dieses System aus. Dabei spielt die demografische Entwicklung eine wichtige Rolle, aber auch die Veränderung der Stellung von Kirche in der Gesellschaft. In Ostdeutschland gehört nur eine Minderheit zur Kirche. Viele gut verdienende Menschen aus Elite- und Leistungsträgerschichten zahlen keine Kirchensteuer. Auch diese Realität trägt dazu bei, dass sich die ostdeutschen Landeskirchen mit dem System der Kirchensteuer nicht ausreichend finanzieren können. Ob sich die westdeutsche Gesellschaft in diese Richtung entwickelt, ist derzeit nicht eindeutig zu beurteilen. Fest steht aber, dass sich die Kirche neben der Beibehaltung des Kirchensteuersystems um zusätzliche Finanzierungsquellen und -modelle bemühen muss.

Anmerkungen:

1 Dieser Kurs fand vom 23.-27.5.52011 in Pullach statt. Der vorliegende Beitrag fasst wesentliche Ergebnisse des Kurses zusammen.

2 Lutherisches Kirchenamt (Hg.): Handreichung zur seelsorgerlichen Begleitung Ausgetretener, erarbeitet vom Ausschuß für Fragen des gemeindlichen Lebens der VELKD, Hannover 1973.

3 Kirchenamt der EKD (Hg.): Taufe und Kirchenaustritt. Theologische Erwägungen der Kammer für Theologie zum Dienst der evangelischen Kirche an den aus ihr Ausgetretenen, Hannover 2000.

4 Vgl. die beiden Referate: Germann, Michael: Was heißt es juristisch »zur Kirche zu gehören«? Zusagen – Pflichten – Erwartungen. Kirchenmitgliedschaft als Gegenstand rechtlicher Betrachtung, und Hermelink, Jan: Was heißt es theologisch zur Kirche zu gehören? Recht – Pflichten – Erwartungen, in Texte aus der velkd 131/2004, 5-22.

5 Vgl. dazu den Sammelband mit den Beiträgen unter dem gleichen Titel hg. von Zimmermann, J. u.a., Neukirchen 2008.

6 Hermelink, J.: Kirchenmitgliedschaft in praktisch-theologischer Perspektive, in: Zimmermann, Kirchenmitgliedschaft, 45-61, insb. 57-61.

7 Kirchenamt der EKD, Taufe und Kirchenaustritt, a.a.O., 3.

8 Vgl. Hermelink, Kirchenmitgliedschaft, a.a.O., 60.

9 Hermelink, Was heißt es theologisch zur Kirche zu gehören?, a.a.O., 21.

10 Vgl. Härle, W.: Art. Kirche VII. Dogmatisch, TRE Bd. 18 (1989), 277-317, 285.

11 Vgl. a.a.O., 283f.

12 Vgl. dazu u.a. Ennuschat, Jörg: Kirchenzugehörigkeit ohne Kirchenmitgliedschaft?, ZevKR 2010, 275-289.

13 Vgl. dazu Art. 11 der Verfassung der EKM vom 5.7.2008 mit der Überschrift »Teilnahme nicht Getaufter«: (1) 1 Nicht Getaufte sind eingeladen, am Leben der Gemeinde und der Kirche im Rahmen der kirchlichen Ordnung teilzunehmen. 2 Sie werden von der Kirchengemeinde begleitet und zur Taufe ermutigt. (2) Nicht getauften Kindern gibt die Gemeinde in der christlichen Unterweisung, im gottesdienstlichen Leben und in der Inanspruchnahme kirchlicher Einrichtungen Anteil an ihrem Leben. Vgl. unter http://www.ekmd.de/Verfassung.pdf

Über die Autorin / den Autor:

Rektor Dr. Matthias Rein, Jahrgang 1964, Promotion im NT an der Universität Halle-Wittenberg, Vikariat in Halle/S., 2001-2009 Studienleiter am Theol. Studienseminar der VELKD in Pullach, seit 2009 Rektor daselbst.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 10/2011

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13.03.2019 Ein Kommentar von Yoo-Jin Gebrauch für die mündliche Prüfung 2. Examen
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