Die aktuelle Fußballweltmeisterschaft bestätigt es erneut: Sport und Religion haben nicht nur miteinander zu tun, für viele Menschen in aller Welt wird der Sport auch zur Religion? Gerald Kretzschmar widmet sich den Fragen: Was ist eigentlich Sport? Was ist Religion? Wo liegen die Berührungspunkte zwischen beiden Bereichen? Wo liegen die Unterschiede? Und was leistet eine Verhältnisbestimmung von Religion und Sport?


1. Vordergründige Berührungspunkte zwischen Sport und Religion

»Das Unglaubliche geschieht: Der gütige Himmel schenkt Mainz 05 zwei Tore. Wenn nicht alles täuscht, bahnt sich ein Leben nach dem Tode an.« Die Pressemeldung bringt es auf den Punkt: Religion und Sport haben etwas miteinander zu tun. Ja mehr noch. Die Pressemitteilung erweckt den Eindruck, als sei der Sport eine eigene Religion. Zugleich stellen sich über die zitierte Pressemeldung hinaus schnell weitere religiöse Assoziationen ein. Da gibt es eine Fangemeinde, die zu den Spielen ihrer Mannschaft pilgert. Da wird der Fußballgott mit Ritualen und Gesängen beschworen.1 Auch in historischer Perspektive liegen Sport und Religion dicht beisammen. Aus der Vielzahl der Phänomene seien die Wettkämpfe im antiken Griechenland genannt. Sie wurden zu Ehren der Götter an den ihnen geweihten Heiligen Orten ausgetragen.2 Ferner legen die Olympischen Spiele der Neuzeit eine Beziehung zwischen Sport und Religion nahe. Insbesondere die mit machtvoller Symbolik gekoppelten Zeremonien Olympischer Spiele stellen Sport und Religion in ein Verhältnis zueinander.3 Und schließlich sind es kirchliche und theologische Verlautbarungen und Texte, die eine Beziehung zwischen Sport und Religion voraussetzen. Im Mittelpunkt steht meist die Frage: Welchen Normen und Werten sollte der Sport folgen, dass er dem christlichen Menschen- und Weltverständnis entspricht.4 Nicht selten jedoch kippt der sozialethische Blick auf den Sport und degradiert ihn zu einer modernen Ersatzreligion.5 Wenngleich auf dem Weg der Kritik und Abgrenzung, so legt doch auch der kirchlich-theologische Zugang Berührungspunkte zwischen Sport und Religion nahe.


2. Rückfragen zu einer vordergründigen Verhältnisbestimmung von Religion und Sport

Ist aus der religiösen Semantik des Fußballsports eine tatsächlich existierende Fußballreligion ableitbar? Sind zeremoniell-rituelle Phänomene bei Sportveranstaltungen automatisch religiöse Phänomene? Kann Sport wirklich eine Ersatzreligion sein? Die gestellten Fragen verlangen nach einem Zugang zu Sport und Religion, der über vordergründige Berührungspunkte hinausgeht. Was ist überhaupt Sport? Doch wohl mehr als Fußball. Und was ist eigentlich Religion? Doch sicher mehr als die kirchlich-sakralen Phänomene, auf die sich das olympische Zeremoniell bezieht.
Bevor weiter über das Verhältnis von Religion und Sport nachgedacht werden kann, sollte geklärt werden, was das eigentlich jeweils ist: Religion und Sport.


3. Was ist Sport? Was ist Religion?

Was also ist Sport? Der moderne Sport steht in der Tradition der antiken griechischen Gymnastik und Athletik. Allerdings ist der Sport, wie wir ihn heute kennen, bei aller Traditionsgebundenheit ein nahezu völlig originäres Phänomen. Um seine Wurzeln zu finden, braucht man nicht weiter zurückzugehen als in das frühe 19. Jh.6 Die Wurzeln des modernen Sports sind untrennbar mit dem Prozess der Industrialisierung verbunden.7 Konkret handelt es sich dabei – erstens – um Spiele und Wettkämpfe in England, die als sports bezeichnet wurden (Boxen und Hahnenwettkämpfe), und – zweitens – um Systeme körperlicher und erzieherischer Übungen, die unter dem Namen Gymnastik und Turnen in Deutschland und Schweden entstanden.8
Grundsätzlich ist festzustellen: Sport stellt heute kein einheitliches Gebilde dar. Vermutlich gibt es keine einheitliche Definition, die sämtliche Sportarten umfasst. Bei den Formen und Inhalten des Sports sowie den Motiven, Zugangsweisen und Sinnmustern, die mit ihm verbunden werden, handelt es sich um ein sehr komplexes und ausdifferenziertes Gefüge. Wohl haben Ringkampf und Rugby einige Ähnlichkeiten. Rugby und Fußball haben sich sogar aus der gleichen Familie von Spielen entwickelt. Aber von den grundlegenden Merkmalen des äußeren Rahmens einmal abgesehen, in dem diese Sportarten stattfinden, gibt es nicht viel, was Ringkampf und Fußball gemeinsam hätten. Bei Dressurreiten und Rugby dürfte es noch schwieriger sein, Berührungspunkte zu finden.9 Das heißt: Wo immer von Sport gesprochen wird, sollte dazu gesagt werden, was genau damit gemeint ist. Denn den Sport gibt es nicht.
Doch wie steht es mit der Religion? Was ist Religion? Aus der Perspektive der europäischen Kulturgeschichte steht für Religion zum einen die institutionelle Welt der Kirchlichkeit mit Riten, Bräuchen und eigenen Lehrgebäuden. Daneben tritt die Welt der arbiträren individuellen Glaubensvorstellungen: der individuelle Glaube als Komplementärgröße zu den kirchlich-institutionellen Vorgaben. Schließlich ist da die Welt der unsichtbaren Religion. Hier wird das eigene Denken und Handeln an übergeordnete soziale Kontexte rückgebunden, um dem individuellen Denken und Handeln einen Sinn zu verleihen.10
Um irreführende Hierarchisierungen der drei geschilderten Religionswelten zu vermeiden, sollte man Religion und ihre drei Teilwelten in Anlehnung an Joachim Matthes stets als diskursiven Tatbestand verstehen.11 Damit ist es ausgeschlossen, Religion als dinghaften Tatbestand aufzufassen, den man unter angebbaren Merkmalen in der Forschung ermitteln könnte. Im Sinne eines substantialen Religionsbegriffs ist Religion damit, genauso wie der Sport, nicht abschließend definierbar.
Was allerdings empirisch greifbar und definierbar ist, sind religiöse Phänomene, sofern man sie unter dem Gesichtspunkt der Funktion betrachtet, die sie für Menschen erfüllen können. Neben den substantialen Religionsbegriff tritt damit ein funktionaler Religionsbegriff. In der religionswissenschaftlichen und religionssoziologischen Forschung unterscheidet man psychologische und soziologische Funktionen der Religion. Bei den psychologischen Funktionen von Religion unterscheidet man:
-    die kognitive Funktion: Unbekanntes begreifbar und geistig bewältigbar machen
-    die affektive Funktion: Ermöglichung des Umgangs und der Bewältigung besonderer emotionaler Zustände
-    die pragmatische Ermöglichung der Bewältigung besonderer Krisensituationen und Bereitstellung von Mitteln zu deren Behandlung.
Als soziologische Funktionen von Religion sind zu nennen:
-    die Fundierungsfunktion: Begründung ultimativer Werte für Individuen, Gruppen und Gesellschaften
-    die Integrationsfunktion: Bereitstellung eines gemeinsamen Kerns von Werten, der Kulturen zusammenhält
-    die Legitimationsfunktion: Begründung der Herrschaft religiöser Experten oder anderer gesellschaftlicher Gruppen wie zum Beispiel des Adels
-    die Kompensationsfunktion: Ausgleich für Leiden, Mangel, fehlendes Prestige u.a. mittels der Vorstellung einer anderen Welt.12
Doch welche Konsequenz haben die Klärungen zum Religionsverständnis für die Frage nach dem Verhältnis von Sport und Religion? Da Sport und Religion im substantialen Sinn zwei jeweils eigenständige Phänomenbereiche darstellen, scheidet der Versuch einer Verhältnisbestimmung auf dem substantialen Wege aus. In dieser Hinsicht sind Sport und Religion zwei paar Stiefel. Anders dagegen die funktionale Variante: Sie bietet durchaus die Möglichkeit zu fragen, inwieweit Sport und Religion Funktionen erfüllen, die ähnlich oder deckungsgleich sind. Dieser Weg soll im Folgenden beschritten werden.


4. Berührungspunkte zwischen Religion und Sport – Beispiele

Wie also steht es um das Verhältnis von Sport und Religion? Um der Komplexität von Religion und Sport jeweils Rechnung zu tragen, sollen nun ganz konkrete Teilphänomene in den Blick genommen werden. Der Ausgangspunkt liegt jeweils auf Seiten des Sports. Von dort aus ist dann zu fragen, wie in funktionaler Hinsicht eine Verbindung zur Religion hergestellt werden kann. Der Zugang zu dem weiten Feld des Sports bezieht sich auf eine Typologie, die Hans Ulrich Gumbrecht in seinem Buch »Lob des Sports«13 vorgestellt hat. Gumbrecht geht nicht von verschiedenen Sportarten oder Sporttypen aus. Vielmehr schlägt er eine Typologie unterschiedlicher Faszinationen des Sports vor. Diese stelle, so Gumbrecht, weder die Realität dar noch bilde sie diese ab. Ihren Sinn und Zweck erfülle die Typologie, wenn es ihr gelinge, »Phänomene zu betrachten, sie zu benennen und so auf sie aufmerksam zu machen.«14
Damit trägt Gumbrechts Typologie nicht nur der gebotenen phänomenologischen Präzision Rechnung. Sie bleibt darüber hinaus ganz bei den Phänomenen selbst, wahrt sie in ihrer Eigenständigkeit und schafft damit überhaupt erst die für eine Verhältnisbestimmung zum Bereich der Religion erforderliche Basis.

»Schöne Köper vorführen«
Gumbrechts erster von insgesamt sechs Faszinationstypen setzt an in der Welt des antiken griechischen Gymnasions und dessen moderner Form, dem Fitnessstudio. Unter dem Gesichtspunkt der Faszination ist hier die Orientierung und die Arbeit an einem bestimmten Körperideal von Bedeutung. Das kann zum einen das Körperideal des Bodybuilders sein, wie es während der 70er und 80er Jahre etwa durch Arnold Schwarzenegger repräsentiert wurde. Zum anderen kann es aber auch um ein Ideal der Körperverwandlung gehen, mit einer potentiell unendlichen Zahl neuer und attraktiver Mischformen als Zielpunkt. Neben der Arbeit am eigenen Körper steht dessen Vorführen so wie das Betrachten anderer Körper. Es entsteht eine Aura erotischer Anziehung. Das Vorführen schöner Körper als Faszination des Sports im Fitnessstudio.15
Und wie steht es hier mit der Religion? Das Moment der erotischen Anziehung legt den Bezug auf eine affektive Funktion nahe. Die Wahrnehmung des eigenen Körpers löst einen emotionalen Zustand aus, der durch den Besuch des Fitnessstudios bewältigt werden soll. Daran anknüpfend kann der Besuch eines Fitnessstudios eine integrierende Funktion erfüllen. Die Besucherinnen und Besucher eines Fitnessstudios können sich vergewissern, dass sie mit ihrer eigenen Zielsetzung bezüglich der Arbeit am Körper Teil einer im Fitnessstudio konkret wahrnehmbaren Gemeinschaft sind. Schließlich kann man im Fitnessstudiobesuch eine kompensierende Funktion sehen. Sei es, dass körperliche Defizite durch Training beseitigt werden sollen. Oder dass fehlendes Prestige in anderen gesellschaftlichen Bezügen wie z.B. am Arbeitsplatz durch Trainingserfolge kompensiert werden soll.

»Dem Tod ins Auge sehen«
Ein weiterer Faszinationstyp geht von der Welt des Boxrings aus. Das Boxen kann als inszenierte Konfrontation der Kämpfer mit dem Tod betrachtet werden. Natürlich geht es beim Boxen auch um strategische Klugheit, technische Perfektion und Anmut der Körperbewegungen. Doch im Hinblick auf die Faszination, die von diesem Sport ausgeht, ist es wohl die Konfrontation des Kämpfers im Ring mit der Gefahr des Todes, die im Vordergrund steht.16 Dieser Faszinationstyp ist bei allen Sportarten anzutreffen, die eine unmittelbare Konfrontation zwischen zwei Athleten vorsehen und die auf Entscheidungsmomente zielen, in denen es angesichts einer drohenden Niederlage um Gelassenheit geht. Das gilt auch für Ringen, Fechten und Tennis.17
»Dem Tod ins Auge sehen« – auf welche religiöse Funktion deutet dieser Faszinationstyp? Dem Tod ins Auge sehen, das kann als Inbegriff für eine Krise gelten. Damit wird die pragmatische Funktion von Religion virulent. Spielerisch inszeniert, nicht real, steht der Tod im Raum. Wie kann man sich in der Krise angesichts des Todes verhalten? Wie kann man eine solche Situation bewältigen? Das sind genuin religiöse Fragen, die dieser Faszinationstyp des Sports stellt.

»Anmut und Eleganz zeigen«
Beim dritten Faszinationstyp des Sports steht die Anmut im Mittelpunkt. Von Anmut, so Gumbrecht, könne gesprochen werden, wenn das normale Wissen über die Beziehung zwischen dem menschlichen Körper und dem menschlichen Geist auf den Kopf gestellt werde. Herausragende Kurzstreckenläufer zum Beispiel vermittelten den Eindruck, dass deren Körper und Beine nicht den Anweisungen des Kopfes folgten, sondern von einer höheren Kraft bewegt würden.18 Ebenfalls zu beobachten sei das bei Sportarten wie Diskuswerfen, Speerwerfen, Hammerwerfen und Kugelstoßen; außerdem beim Eisschnelllaufen, Ski-Abfahrtslauf und beim Schwimmen. Die athletische Anmut und Eleganz rührt an die Hoffnung, der menschliche Körper könne zu einem Naturzustand zurückkehren, er könne von der Herrschaft des Geistes und Verstandes erlöst werden.19
Sportliche Anmut und Eleganz zielen auf die Überschreitung des bestehenden Ordnungsgefüges in der Beziehung zwischen Körper und Geist. Die bestehenden Regeln scheinen außer Kraft gesetzt. Eine andere Welt zieht die Zuschauerinnen und Zuschauer sowie die Sportlerinnen und Sportler in ihren Bann. Diese Art der Faszination knüpft an die Kompensationsfunktion der Religion an. Die Begegnung mit einer anderen Welt hilft, mit den gegebenen Lebensumständen umzugehen.

»Die Möglichkeit des Körpers erweitern«
Der vierte Faszinationstyp im Bereich des Sports kreist um die Verschmelzung nichtmenschlicher Elemente mit dem menschlichen Körper. Es geht um Sportarten, bei denen Pferde, Maschinen und Gewehre gemeinsam mit dem menschlichen Körper Bewegung hervorbringen. Faszinierend daran ist zum einen, wie durch die Verbindung des Körpers etwa mit einem Rennwagen oder einem Gewehr die Leistungsfähigkeit des Körpers um ein Vielfaches gesteigert wird. Der Traum des hybriden Körpers scheint Wirklichkeit zu werden. Zum anderen zielt das Interesse auf die Perfektion, mit der sich der Sportler mit der Erweiterung seines Körpers verbindet. Je perfekter sich der Sportler der Form und der Bewegung des Pferdes, des Wagens oder des Gewehrs anpasst, desto besser kontrolliert er sie und kann die Leistungsfähigkeit des erweiterten Körpers steigern.20
Dieser Faszinationstyp des Sports setzt bei alltäglichen Vollzügen wie z.B. Autofahren oder Reiten an. Gleichzeitig aber wird Sport als Bereich jenseits des Alltags erlebt, indem er die Vorgaben des Alltags überschreitet: Seien es die normale Leistungsfähigkeit des Körpers oder herrschende Gesetze und Regeln. Wie schon für den vorangegangenen Faszinationstyp ist es auch in diesem Fall die Kompensationsfunktion, die die Verbindung zur Religion herstellen kann: Der Alltag wird lebbar durch den Kontakt und das Erleben einer anderen Welt.

»Vorgegebene Formen verwirklichen«
Der nächste Faszinationstyp führt in das Feld der Sportarten, in die Punktrichter involviert sind. Das gilt etwa für Eiskunstlauf, Skispringen, Kunstspringen und Turnen. Die Herausforderung dieser Sportarten besteht darin, einen Körper zu einem bestimmten Moment und innerhalb eines vorgegebenen Zeitraums einer festgelegten Abfolge von komplexen Formen anzupassen. Außerdem soll im Hinblick auf die Punktrichter deren nicht zwingend transparenten Formerwartungen entsprochen werden. Ausnahmeathleten unter den Turnern, Kunstspringern und Eiskunstläufern gelingt es, einerseits die Komplexität ihrer Formen so zu steigern, dass die bestehenden Formen sanft überschritten werden, und andererseits damit den Punktrichtern immer noch zu gefallen.21
Vielleicht kann man bei diesem Faszinationstyp am ehesten eine Nähe zur Fundierungsfunktion der Religion sehen. Mit den Rahmenbedingungen, unter denen die Sportarten dieses Faszinationstyps praktiziert werden, werden so etwas wie Werte festgesetzt. Sie dienen sowohl den Sportlern als auch den Punktrichtern als orientierender Maßstab. Auch dem Publikum können die der jeweiligen Sportart innewohnenden Werte als Maßstab dienen. Mit deren Hilfe können die Leistungen der Sporttreibenden und die Wertungen der Punktrichter eingeschätzt werden.

»Epiphanien der Form produzieren«
Der letzte Faszinationstyp bezieht sich auf die zurzeit wohl populärste Gruppe von Sportarten, nämlich die Ballsportarten. Deren Faszination verbindet Gumbrecht mit dem Erlebnis des schönen Spielzugs. Er kann als eine Epiphanie der Form betrachtet werden. Ein in sich abgegrenztes und ganz besonderes Phänomen wird sichtbar. Ein von mehreren Spielern hervorgebrachter schöner Spielzug gelangt als komplexe Form zur Verkörperung. Und das nicht als erwartbarer Vorgang, sondern als plötzlich auftretendes Ereignis. Das ist umso erstaunlicher, als dieses Ereignis unter der Bedingung eines ständig drohenden Chaos’ passiert. So droht jeder schöne Spielzug von der gegnerischen Mannschaft zerstört zu werden. Außerdem widersetzt sich schon das Spielgerät, der Ball, auf Grund seiner runden Form ganz grundsätzlich der Kontrollierbarkeit. Wird die schöne Form im Laufe des Spiels dennoch Wirklichkeit, handelt es sich immer um ein faszinierendes Ereignis.22
Der Berührungspunkt dieses Faszinationstyps mit der Religion liegt in deren kognitiver Funktion. Es wird die Frage nach dem Begreifen und Bewältigen des Unbekannten, des Unerwarteten aufgeworfen. Im Spiel erleben Akteure und Zuschauer, wie das Unbekannte in Erscheinung tritt. Unbekannt ist es, weil es im strengen Sinne nicht vorhersehbar ist. Begreifbar und geistig bewältigbar ist es aber dennoch. Der Rahmen des Spiels fördert das Auftreten des Unbekannten, des sich ereignenden schönen Spielzugs. Und gleichzeitig wird die Möglichkeit seines Auftretens mit dem Ende des Spiels wieder aufgehoben. Mit der kognitiven Funktion berühren sich Religion und Sport in der Frage nach dem Umgang mit Kontingenz.


5. Die Frage nach dem Verhältnis von Sport und Religion als vertiefte Wahrnehmung von Sport und Religion

Bleibt abschließend die Frage: Haben Religion und Sport etwas miteinander zu tun? Ja mehr noch: Ist Sport gar eine eigene Religion? Sport und Religion haben tatsächlich etwas miteinander zu tun. Das allerdings nicht in einem so direkten Sinn, wie es z.B. das religiöse Vokabular im Fußball, die Orientierung an religiösen Ritualen bei den Olympischen Spielen oder die Rede von Sport als Ersatzreligion nahe legen. Gerade die Klärung der Fragen, was Sport und was Religion eigentlich sind, und wie man beide Bereiche in Beziehung zueinander stellen kann, haben gezeigt, dass umfassende theoretische Klärungen notwendig sind, um transparent und plausibel darstellen zu können, wie es um das Verhältnis zwischen Sport und Religion steht.
Der hier gewählte Weg über eine funktionale Bestimmung von Religion einerseits und über eine Faszinationstypologie des Sports andererseits haben in differenzierter Weise Berührungspunkte zwischen Sport und Religion vorgeführt. Es wurde erkennbar, wo es funktionale Schnittmengen zwischen Sport und Religion gibt. Abgesehen von der Legitimationsfunktion, die die Herrschaft bestimmter gesellschaftlicher Gruppen wie früher etwa des Adels begründet, konnten im Gespräch mit den verschiedenen Faszinationstypen des Sports alle Funktionen, die Religion erfüllt, auch im Bereich des Sports nachgewiesen werden. Dies jedoch nur in einem eingeschränkten Sinn. So konnten für die einzelnen Faszinationstypen des Sports jeweils nur ganz bestimmte religiöse Funktionen herangezogen werden. Einen Faszinationstyp des Sports, der alle religiösen Funktionen erfüllt, gibt es dagegen nicht.
Was heißt das für das Verhältnis von Religion und Sport? Im Hinblick auf jeweils ganz bestimmte Faszinationstypen des Sports und die dazugehörenden Sportarten einerseits und ganz bestimmte religiöse Funktionen andererseits gibt es klar benennbare Schnittmengen. Doch wo es eine Schnittmenge gibt, dort schließen sich wie bei zwei überlappenden Kreisen jeweils Flächen an, die außerhalb der Schnittmenge liegen. Diese Flächen außerhalb der Schnittmenge stehen für völlig eigenständige Bereiche.
Auf dieser Grundlage sollten Sport und Religion als jeweils autonome Größen des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens betrachtet werden. Blicke auf die Schnittmenge zeigen dann im Einzelfall spezifische Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten. Diese sollten jedoch nicht zur vorschnellen Identifikation von Sport und Religion dienen.23 Vielmehr sollte der Blick auf die Schnittmengen der vertieften Wahrnehmung von Religion und Sport in ihrer je spezifischen Eigenheit dienen. Der daraus resultierende Erkenntnisgewinn könnte etwa deutlich machen: Im gesellschaftlichen und kulturellen Leben steht Sport für mehr als körperliche Betätigung, u.a. kann er auch bestimmte religiöse Funktionen erfüllen. Und für das Feld der Religion kann durch den Blick auf die Schnittmenge mit dem Sport einmal mehr in Erinnerung gerufen werden, dass ihre gesellschaftliche und kulturelle Reichweite nicht auf Kirchenräume beschränkt ist. Religion ist Teil des Lebens in seiner ganzen Weite.


Anmerkungen:

1    Vgl. zum Thema Religion und Fußball die Beiträge in Peter Noss (Hg.), fußball ver-rückt: Gefühl, Vernunft und Religion im Fußball. Annäherungen an eine besondere Welt, Münster 2004.
2    Vgl. Peter Gerlitz, Art. »Sport, I. Religionsgeschichtlich«, in: TRE 31, Berlin/New York 2000, 717-720.
3    Für Pierre de Coubertin, den Begründer der modernen Olympischen Spiele, sollte der neue Olympismus »eine Religion mit Kirche, Dogmen, Kultus« sein; Pierre de Coubertin, Der Olympische Gedanke. Reden und Aufsätze, hg. v. CDI an der Deutschen Sporthochschule Köln, Schorndorf 1966, 107.
4    Vgl. z.B. Sport, Mensch und Gesellschaft. Eine sozialethische Studie der Kammer für soziale Ordnung der Evangelischen Kirche in Deutschland, hg. v. Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland, Gütersloh 1972; Sport und christliches Ethos. Gemeinsame Erklärung der Kirchen zum Sport, hg. v. Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD-Texte 32), Bonn und Hannover 1990; Gestaltung und Kritik. Zum Verhältnis von Protestantismus und Kultur im neuen Jahrhundert, hg. v. Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Geschäftsstelle der Vereinigung Evangelischer Freikirchen (EKD-Texte 64), Hannover und Frankfurt/M. 1999.
5    Vgl. z.B. Wolfgang Huber, Sport als Kult – Sport als Kultur, in: Ommo Gruppe/Wolfgang Huber (Hg.), Zwischen Kirchturm und Arena. Evangelische Kirche und Sport, Stuttgart 2000, 15-18, und Gestaltung und Kritik (siehe Anm. 4.), 54.
6    Vgl. Hans Ulrich Gumbrecht, Lob des Sports, Frankfurt/M. 2005, 57.
7    Vgl. Helmuth Plessner, Spiel und Sport, in: Helmuth Plessner u.a., Sport und Leibeserziehung. Sozialwissenschaftliche, pädagogische und medizinische Beiträge, München 1973, 22-27.
8    Vgl. Ommo Gruppe/Michael Krüger, Art. »Sport, II. Historisch und ethisch«, in: TRE 31, Berlin/New York 2000, 721.
9    Vgl. Gumbrecht (Anm. 6), 38f. Um dennoch eine Art Systematik für das Phänomen Sport zu Verfügung zu stellen, seien die wichtigsten Sportmodelle genannt. Am ältesten ist die Unterscheidung von Amateur- und Profisport. Eine weitere Gliederung geht von Sportarten aus und versteht Sport als Summe davon. Weiter ist das Pyramidenmodell des Sports zu nennen. Auf einer breiten Basis von Sportlerinnen und Sportlern mit durchschnittlichem Leistungsniveau baut sich eine Leistungsspitze auf. Alle Sporttreibenden sind von der gleichen Motivation geleitet, bessere sportliche Leistungen und ein höheres Leistungsniveau erreichen zu wollen. Bei den Leistungsebenen setzt ein viertes Modell an. Es unterscheidet Leistungs- und Hochleistungssport, Wettkampfsport, Breitensport, Freizeitsport und Gesundheitssport. Neuere sportsoziologische Modelle setzen schließlich bei sozialstrukturellen Faktoren wie Alter, Geschlecht, sozialer Schicht, regionaler Herkunft und kulturellem Kontext an, um das Phänomen Sport zu systematisieren. Auch wenn vielfach von einer modernen Sportkultur die Rede ist, steht dahinter kein einheitliches Gebilde. Schließlich zerfällt die sog. Sportkultur ihrerseits in eigene sportliche Teil- und Subkulturen wie z.B. die des Hochleistungssports, des Fußballs, der Sportstudios, der Surfer und Snowboarder. Schließlich steht hinter so etwas wie Sportkultur eher ein Kulturmuster, das alle Bereiche des kulturellen Alltagslebens durchdringt. Gegebenenfalls haben diese nichts oder nur wenig mit Sport zu tun. Sportlich zu sein heißt häufig einfach nur Jung-, Dynamisch-, Fit-, Beweglich-, Schnell-, Schlank-, Gutaussehend- und Fair-Sein; vgl. Gruppe/Krüger (Anm. 8)., 723-725.
10    Zu den theoretischen Prämissen der »unsichtbaren Religion« vgl. Thomas Luckmann, Die unsichtbare Religion, Frankfurt/M. 1991 (Orig. New York u.a. 1967).
11    Vgl. Joachim Matthes, Auf der Suche nach dem »Religiösen«. Reflexionen zu Theorie und Empirie religionssoziologischer Forschung, in: Sociologia Internationalis 30 (1992), 129-142, bes. 136.
12    Vgl. zu den aufgelisteten Funktionen von Religion: Hubert Knoblauch, Religionssoziologie, Berlin/New York 1999, 115-117.
13    Vgl. Gumbrecht (Anm. 6), 99-135.
14    Ebd., 99. Nicht mit der Absicht, eine Typologie zu präsentieren, wohl aber mit dem Ziel, auf dem Wege der Faszination zu einer präzisen und tiefgehenden Phänomenwahrnehmung zu gelangen, wenden sich auch die Reportagen Roland Barthes dem Sport zu; vgl. Roland Barthes, Was ist Sport?, Berlin 2005.
15    Vgl. Gumbrecht (Anm. 6), 102-105.
16    So sind die berühmtesten Boxkämpfer vor allem dann in die Geschichte eingegangen, wenn sie einmal einen dramatischen und physisch bedrohlichen Moment der unmittelbaren Todesnähe erlebt haben (z.B. Jack Dempseys Niederlage gegen Gene Tunney 1926 und Muhammad Alis knappe Siege über George Foreman und Joe Frazier).
17    Vgl. ebd., 105-111.
18    Als Beispiele für die Anmut des Sports nennt Gumbrecht die Kurzstreckenläufer Jesse Owens und Wilma Rudolph.
19    Vgl. ebd., 111-115.
20    Vgl. ebd., 115-119.
21    Vgl. ebd., 119-122.
22    Vgl. ebd., 122-129.
23    Vgl. zum Plädoyer für die Autonomie von Religion und Sport am Beispiel Fußball: Reinhold Mokrosch, Fußball- und Gottesdienstrituale. Zufällige oder konstitutive Analogien?, in: Peter Stolt u.a. (Hg.), Kulte – Kulturen – Gottesdienste. Öffentliche Inszenierung des Lebens, Göttingen 1996, 63-69, und die in interkultureller Perspektive vorgenommenen Überlegungen bei Klaus Hock, Religion und Fußball. Ein interkultureller Vergleich, in: PrTh 41 (2006), 85-90.

Über die Autorin / den Autor:

PD Dr. Gerald Kretzschmar, Pfarrer der pfälzischen Landeskirche, Privatdozent für Praktische Theologie an der Universität Bonn.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 6/2010

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