Als ein langjähriger Weggefährte von Willigis Jäger und als erfahrener Berufskollege erlaube ich mir, einige Sätze zu den Voraussetzungen, von denen aus Thiede seine Kritik ansetzt. Ich beziehe mich auf den Satz aus der Einleitung: »Mit biblisch verantwortetem Denken ist solch spiritueller Monismus bei näherem Zusehen freilich nicht kompatibel«… und auf die Abschlussbemerkung, dass »die Differenz von kirchlicher Lehre und Häresie… im Blick auf Willigis Jägers Programm erkennbar in Anschlag zu bringen ist.«
Ich verstehe diese Sätze so, dass Thiede für sich in Anspruch nimmt, das »biblisch verantwortete Denken« und »die kirchliche Lehre« vertreten zu können. Das klingt für mich so, als würde es sich bei der vorgebrachten Kritik um historisch wie theologisch unhinterfragbare Aussagen handeln. Landauf, landab gibt es freilich sehr unterschiedliche »biblisch verantwortete Denkweisen« und noch viel mehr »kirchliche Lehrmeinungen«. Indem Thiede den Anschein erweckt, seine Meinung sei identisch mit letztgültiger Wahrheit, beansprucht er für sich eine Autoritätsposition, die ihm nicht zusteht. Auch ein Privatdozent und Doktor der Theologie vertritt erst einmal eine ganz persönliche Meinung und sollte nicht so tun, als würde durch ihn irgendein verbindliches Lehramt aus dem Raum evangelischer Kirchen sprechen.  
Diesen Versuch, die eigene, sehr einseitig gefärbte, persönliche Meinung als »Wahrheit« darzustellen, empfinde ich als anmaßend, und es macht für meine Ohren ernsthaftes Gespräch sehr schwierig.
Thiede scheut sich auch nicht, die Position von Willigis Jäger als eine »Häresie« zu qualifizieren und damit ungefragt das Amt eines Inquisitors auszuüben. Seit wann ist dieses Amt in der evangelischen Kirche wieder besetzt? Wer hat Thiede beauftragt, Willigis Jäger einen Ketzerhut aufzusetzen? Mit der Etikettierung Jägers als »Häretiker« machen Thiede für mich deutlich, dass er an einem wirklichen Ringen um die Wahrheit nicht interessiert ist. So wie er argumentiert, reproduziert er in meinen Augen nur eine alte, unselige Form kirchlicher Auseinandersetzung: Hier die »Wahrheit« (im vorliegenden Fall vertreten durch PD Thiede), dort der anzuklagende Vertreter des »Irrtums« und der »Ketzerei« (»der umstrittene Theologe und Zen-Meister Willigis Jäger«). So hat noch nie ein Gespräch funktioniert – auch in unserem Fall gilt: Nur wenn jeder Gesprächspartner bereit ist, seine eigene Meinung als eine solche zu kennzeichnen und sie gegebenenfalls in Frage zu stellen, kann es zu einer sinnvollen Klärung unterschiedlicher Positionen kommen. Thiedes Ansatz ist in meinen Augen nichts anderes als der Versuch einer Wiederbelebung der Inquisition auf intellektuell-theologischer Ebene. Ich bin sehr froh, dass diese Form der Auseinandersetzung in unserer Kirche schon länger vorbei ist und vertraue darauf, dass dieses Kapitel nicht wieder aufersteht.
Aus langer, gemeinsamer Erfahrung auf dem Weg mit Pater Willigis weiß ich aus eigener Anschauung und aus vielen Gesprächen, dass es Willigis Jäger genau darum geht: Den Kern der biblischen Botschaft neu herausarbeiten und ihn – durchtränkt mit viel Wissen, aber auch ganz viel eigener Erfahrung – so den Menschen anzubieten, dass sie ihn in ihr Leben integrieren können. Dass er das mit seinen Worten, Bildern und Erfahrungen tut, wird man ihm wohl zugestehen.


(Erschienen im Pfarrerblatt 06/2007 S. 308)

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 6/2007

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