Nun wissen wir also, was von Willigis Jäger zu halten ist: Der umstrittene Benediktinerpater vertritt einen »spirituellen Monismus«, steht in »gnostischer Tradition« und lehrt eine »Substanzmystik«. All das, so Werner Thiede, ist »mit biblisch verantwortetem Denken … nicht kompatibel«. Wir haben es also in Jägers Programm, wie der verschachtelte Schlusssatz dieses Beitrags vorsichtig andeutet, mit »Häresie« in »Differenz von kirchlicher Lehre« zu tun. Und das heißt doch wohl konkret: Wer jener Lehre, über die wir in der Heiligen Schrift und den altkirchlichen Bekenntnissen verfügen, treu bleiben will, hüte sich vor Jäger und seinen »massiven Umdeutungen« des christlichen Glaubens, die mit »authentischer christlicher Spiritualität« nur noch marginal verbunden seien.
Hier wird von der Position eines fertigen, seiner selbst sicheren Glaubens aus geurteilt. Dahinter steht der Anspruch, eindeutig zu wissen, was wahr (= authentisch christlich) und unwahr (= häretisch) ist. Mit dem Anspruch des Verfügungsmonopols über die christliche Wahrheit werden Zensuren verteilt und Schubladen geöffnet: Monismus, Gnostizismus, Substanzmystik und im Hintergrund lauert der als »Paradigmenkonflikt« höflich umschriebene Häresieverdacht.
Für mich dokumentiert sich in der Argumentation Thiedes ein unhistorischer, dogmatischer Objektivismus, der mich stark an das »lehramtliche« Bescheidwissen der römischen Glaubenskongregation erinnert. Da wird nicht gefragt, was möglicherweise das Anliegen eines Willigis Jäger sein könnte und welche Anstöße zu einer besseren, weil zeitgemäßeren Hermeneutik schwer nach­vollziehbarer Glaubenssätze seinen – oft ungeschützt daherkommenden – Äußerungen zu entnehmen seien. Übersehen wird dann, dass die kirchlichen Dogmen, wie Schleiermacher sich vor fast 200 Jahren ausdrückte, das »christlich-fromme Selbstbewusstsein« ausdrücken sollen. Wenn sie dies nicht mehr angemessen tun, sind sie aber, so dieser liberale Protestant, kritisch zu prüfen und dem veränderten christlichen Bewusstsein anzupassen.
»Der Mensch ist nicht um des Sabbats willen da, sondern der Sabbat um des Menschen willen«, sagte Jesus (Mk 2,27). Gibt uns das nicht auch die Freiheit, auf dem Hintergrund eines veränderten Bewusstseins die christlichen Lehren neu und den Fragen der Menschen von heute angemessen zu deuten, ohne sie zu verraten?
Wenn man wie Thiede das Ich-Du-Verhältnis zwischen Gott und Mensch betont, wäre eine solche dialogische Grundhaltung auch zwischen Thiede und Jäger – also auf zwischenmenschlicher Ebene – angezeigt. Sie hätte dialogbereit zu fragen, was Jäger denn sagen möchte, welche berechtigten Impulse er geben will, warum seine Bücher und vor allem seine Kurse und Vorträge viele Menschen, die nach einem neuen Zugang zu christlicher Spiritualität suchen, ansprechen. Hat das nicht möglicherweise auch mit dem belehrend-spröden, erfahrungslosen und rechthaberischen Habitus der Theologie zu tun?
Stattdessen monologisiert Thiede vom sicheren Schreibtischstuhl aus und operiert selbstgewiss mit dem dogmatischem Seziermesser. Er geht mit Jäger um wie mit einem theologischen Fachkollegen, dessen Publikationen es zu rezensieren, besser: zu zensieren gilt. Doch dieses binnentheologische und um sich selbst kreisende Diskursgebaren wird Jäger nicht gerecht. Er ist nun einmal kein theoretisierender Dozent der Theologie, sondern ein »experimenteller Theologe« – gemäß dem mittelalterlichen Mystikverständnis als »theologia experimentalis«. Und zugleich steht er durch seine Tätigkeit – anders als so mancher Kirchenspezialist – in einem offenen und lebendigen Dialog mit vielen Menschen, die Fragen bewegen, auf die sie in den Kirchen keine befriedigende Antwort mehr finden, suchende Menschen – darunter auch zahlreiche kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter –, die in Jägers Holzkirchener Meditationszentrum eine spirituelle Heimat gefunden haben. Darf man sie auch so einfach in die Schublade »monistischer Mystik« stecken? Oder wäre erst einmal zu hören, was sie bewegt, statt sie auf theologische Rechtgläubigkeit hin zu examinieren?
Auf seinem spirituellen Erfahrungsweg gelangt Jäger zu ebenso tastenden wie diskussionsbereiten Deutungsversuchen, die sich nicht in der scheinbar objektiven, zu unnahbaren Position geronnenen »Es«-Sprache der Theologie artikulieren, sondern aus der Perspektive der ersten Person daherkommen. Mystikerinnen und Mystiker sind, wie der Philosoph Ernst Tugendhat beobachtete, »Ich-Sager« (vgl. ders., Egozentrizität und Mystik, München 2003). Solche »Ich-Sager« waren der Schultheologie von jeher verdächtig und wurden inquisitorisch verfolgt, weil sie sich der kalten theologischen Korrektheit entzogen. Sie werden als anstößig empfunden, weil sie Anstöße geben, die das fachtheologische Gehäuse sprengen. Zuerst erfahren und spüren sie und dann sprechen sie ungeschützt aus, dass die fixierten dogmatischen Aussagen, wie Karl Rahner es formulierte, »in das unsagbare Dunkel des heiligen Geheimnisses« zu entlassen seien (ders., Grundkurs des Glaubens, Freiburg 1976, S. 82). Paul Tillich nannte dieses unaussprechliche Geheimnis »den Gott über dem Gott des Theismus« (ders., Gesammelte Werke Bd. XI, Stuttgart 1969, S. 137), was ihm seinerzeit übrigens ebenfalls viel harsche Kritik der Theo­logenzunft eintrug.
Mir jedenfalls stehen die sich ins Offene hinauswagenden »Ich-Sager« – Martin Luther gehört für mich ebenso zu ihnen wie Willigis Jäger – näher als die ichfernen Theologiesprecher, die sich hinter ihrer Brotgelehrsamkeit verstecken. Und oft genug waren es solche der Häresie beschuldigten »Ich-Sager«, die das Christentum aus seiner Erstarrung lösten.

Über die Autorin / den Autor:

Prof. Dr. Hans-Joachim Petsch ist Pfarrer und promovierter Pädagoge. Er leitet das Evangelische Bildungszentrum Rudolf-Alexander-Schröder-Haus in Würzburg und ist nebenamtlich Honorarprofessor für Erwachsenenbildung an der Universität Würzburg.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 5/2007

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