Vor dem diesjährigen Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrertag in Kaiserslautern gab der im vergangenen Jahr neu gewählte Vorsitzende des Verbandes evangelischer Pfarrerinnen und Pfarrer im Rahmen der Mitgliederversammlung seinen ersten Vorstandsbericht. Daraus nachfolgend die wichtigsten Themen und Abschnitte.*

 

Se vogliamo che tutto rimanga com’è bisogna che tutto cambi“– auch wenn das italienisch klingt, ist es kein Ausspruch aus dem Kirchenstaat des Vatikan, sondern ein Zitat aus einem sizilianischen Roman: „Wenn wir wollen, dass alles so bleiben soll, wie es ist, muss sich alles ändern.“ Boing! Das sitzt. Der Satz entstammt dem Roman „Il Gattopardo“, zu Deutsch: „Der Leopard“, des sizilianischen Schriftstellers Giuseppe Tomasi die Lampedusa. Vielleicht erinnern sich manche noch an die Visconti-Verfilmung mit Claudia Cardinale, Burt Lancaster, Alain Delon und Terence Hill. Und dort trägt der junge, aufstrebende Held Tancredi – gespielt von Alain Delon – genau jenen Satz wie ein Mantra vor sich her: „Wenn wir wollen, dass alles so bleiben soll, wie es ist, muss sich alles ändern.“ Sehr zum Entsetzen der adligen Gesellschaft – die am liebsten die „guten alten Zeiten“ zurückhätte – oder noch lieber: diese alten Zeiten ohne jeden Abstrich mit den Vorzügen der neuen Zeiten zu würzen und zu versüßen.

Warum erzähle ich das? Warum dieser literarische bzw. cineastische Rückgriff? Nun, weil mir jener Satz immer wieder durch den Kopf geht in Anbetracht dessen, was wir in unserer Gesellschaft erleben, was wir in unserer Kirche erleben, was wir im Verband erleben. Dinge verändern sich, weil sich Gegebenheiten verändern. Und das haben wir im Verband im letzten Jahr im großen Maß erlebt. Daher müssen wir – wenn wir wollen, dass alles bleiben soll, wie es ist – uns anpassen – so manches ändern. Um das Wesentliche zu erhalten.

 

I. Ein neuer Vorstand

Turnusgemäß standen vor einem Jahr Wahlen zum Verbandsvorstand an. Etliche langjährige Vorstandsmitglieder hatten – meist aus Altersgründen – nicht erneut kandidiert. Der alte Vorstand war froh, genügend Kandidatinnen und Kandidaten aufstellen zu können. Wir konnten in Hofgeismar eine gute Wahl durchführen. In deren Ergebnis ist Dank der Vorbereitung durch den alten Vorstand ein gut gemischter neuer Vorstand entstanden: geografisch quer durch Deutschland, ausgewogen zwischen Nord und Süd, Ost und West, beinahe ausgewogen zwischen den Geschlechtern, theologisch gemischt zwischen Lutherischen und Unierten. Und wir sind im Altersdurchschnitt deutlich jünger geworden. Beinahe ein kompletter Neuanfang, wenn wir dabei noch bedenken, dass sowohl der Vorsitzende als auch acht Beisitzende von jenen zwölf neu im Vorstand sind.

 

II. Änderung in der Geschäftsstelle

Eine unserer ersten Überlegungen war die Verlegung der Geschäftsstelle. Hintergrund waren die schlechten Arbeitsbedingungen im Martin-Bucer-Haus unterm Dach. Die Geschäftsstelle in Kassel hatte sich aber auch nie zu einem Anlaufpunkt entwickelt. Die Hoffnungen, die mit den Entscheidungen 2014/15 an eine neue Geschäftsstelle auf Grundlage der Kassler Perspektiven geknüpft gewesen waren, hatten sich nicht erfüllt. Auch eine angedachte personelle Konstanz hat es durch die häufigen Personalwechsel in Kassel nicht gegeben.

Hinzu kam eine Veränderung, die dem demographischen und sozialen Wandel in unserem Land geschuldet ist: Ein wichtiges Arbeitsfeld der Geschäftsstelle, die Studienhilfe, verändert sich gerade grundlegend. Dadurch können Teile dieser Aufgaben an die Kasse nach Frankfurt abgegeben werden, wodurch auch noch eine Verschlankung der Arbeitsabläufe möglich wird. Andere Aufgaben werden zukünftig ganz entfallen, sodass der Arbeitsumfang der Geschäftsstelle von bisher 28 auf 20 Stunden gesenkt werden kann.

So haben wir uns entschlossen, die Geschäftsstelle in Kassel zu schließen. Da der Sitz des Verbands ohnehin in Frankfurt/Main liegt, werden wir die Kasse dort stärken und haben gleichzeitig ein Büro des Vorsitzenden in Dresden aufgebaut, um mehr persönlichen Kontakt zwischen Vorsitzendem und Mitarbeitenden zu ermög­lichen. Zu Gremiensitzungen wie auch der Fuldaer Runde werden wir uns aber weiterhin wie gewohnt in Kassel treffen.

Glücklicherweise haben wir relativ schnell günstige Räume im Stadtzentrum von Dresden anmieten können, im „Haus an der Kreuzkirche“, in welchem sich auch die sächsische Bischofskanzlei, die Superintendentur Dresden-Mitte, das Büro des Beauftragten der Landeskirche beim Freistaat Sachsen sowie andere kirchliche Einrichtungen befinden. Zu Fuß ist das neue Büro in zehn Minuten vom Hauptbahnhof erreichbar.

Die Stelle der Assistenz des Vorsitzenden haben wir deutschlandweit ausgeschrieben. Binnen weniger Stunden gingen 13 Bewerbungen ein. Ich habe etliche Bewerbungsgespräche geführt und mich im Vorstand beraten. Und schnell haben sich unsere Bemühungen auf Barbara Köhler konzentriert. Der Vorstand hatte mir freie Hand gegeben, zwecks guten Übergangs das neue Büro parallel zur alten Geschäftsstelle bereits am 1. Mai zu öffnen.

Das Archiv des Verbandes wollten wir eigentlich ins Pfarrhausarchiv nach Eisenach verbringen, was aber aus Platzmangel dort abgelehnt wurde. So sind wir derzeit am Verhandeln mit dem Landeskirchenamt in ­Kassel, das Archiv vorerst in den Kellerräumen dort zu belassen.

 

III. Die Stellungnahme „Klare Orientierung an biblischen Werten“

Als Motto unseres Pfarrerinnen- und Pfarrertages (der direkt im Anschluss an diese Mitgliederversammlung stattfindet) haben wir „Religion und Demokratie“ gewählt. Religion zuerst, denn das ist unsere Profession. Demokratie als Verhältnis dazu. Keinesfalls war religiöse Ausübung schon immer demokratisch geprägt. Auch ist Religion keine Voraussetzung für Demokratie. Aber wir würden diese beiden Ideale doch gern für uns verbinden. Nur müssen wir feststellen, dass auch hierbei gar nicht so schnell ein Konsens zu finden ist. Wie demokratiebeflissen darf Kirche sein? Wie demokratisch soll Kirche sein?

Diskussionen hierüber führen wir schon einige Jahre, immer wieder und immer mehr – je mehr sich die Situation in unserem Land zuspitzt, je mehr unsere Demokratie grundsätzlich hinterfragt und auch zunehmend paradoxerweise mit demokratischen Mitteln untergraben wird. Daher haben wir uns im Frühjahr zu einer Stellungnahme entschieden.

„So etwas hat es im Verband noch nie gegeben. Der Verbandsvorstand kann doch nie die Meinung aller Mitglieder gemeinsam darstellen.“ So wurde uns beschieden. Und dennoch haben wir es getan: öffentlich Stellung bezogen. Es ging ausdrücklich nicht um ein rein politisches Statement, sondern wie gesagt um die Standards unseres Berufsstandes. In Pausen zwischen anderen Sitzungen und Tagungen haben wir im Vorstand miteinander geschrieben und telefoniert und gerungen – bis wir auf einmal eine deutliche und klare Mehrheit für einen einheitlichen Text hatten. Den haben wir veröffentlicht. Wohl zum ersten Mal seit vielen Jahren eine Stellungnahme des Verbandsvorstandes. Wir haben etliches Lob hierfür bekommen, aber auch starken Gegenwind. Sogar die Rechtmäßigkeit des Beschlusses wurde von außen angefochten. Und auch inhaltlich wurden wir angegriffen: Warum wir uns zum Thema Rechtsextremismus äußern, aber nicht zur Frage von Abtreibung. Dass wir mit Stellungnahmen wie der unseren manche Menschen erst recht zum Rechtsextremismus drängen würden. Wir sollten Sündern die Gnade Gottes bezeugen, die Sünder im Evangelium versöhnt …

Das finde ich einen gefährlichen theologischen Ansatz, weil er unsere Verantwortung zu wenig in den Blick nimmt. Ja, ich predige gern einen Gott der Vergebung. Aber noch lieber versuche ich, das später eventuell zu Vergebende im Vorfeld zu verhindern. Mit Gottes Hilfe. Das letzte Jahrhundert in Deutschland und die Landtagswahlen im Herbst dieses Jahres sprechen eine deutliche Sprache. „Wenn alles so bleiben soll, wie es ist, muss sich alles ändern.“ Und zwar ziemlich gründlich.

 

IV. Besuche

Als geglückte Kommunikation empfand ich immer die Besuche im Land. Der erste wird mir immer besonders in Erinnerung bleiben: Pfarrertag in Reutlingen in Württemberg. Da war alles so herzlich. So herzlich, dass sogar einer der Redner immer vom Pult aus zurückfragte: „Hast du es verstanden, Ecki?“ – um es dann noch einmal vom Württembergischen ins Hochdeutsche für mich zu übersetzen. Köstlich. In Baden konnte ich etliche Altbekannte wiedertreffen und hatte die Möglichkeit zu wichtigen Gesprächen am Rande über Dienstrechtsfragen.

Immer noch in dieser Zwischenära vor meinem offiziellen Dienstbeginn fuhr ich dann nach Polen zum Treffen der Evangelischen Partnerhilfe, über die später noch zu reden sein wird. In Polen durfte ich ganz andere Gemeindearbeit kennenlernen: kleinste Gemeinden in der Diaspora – und dennoch Leuchttürme in einem schwierigen religiösen und politischen Umfeld im Herzen Europas (welches eben nicht an der Elbe, sondern erst im Ural endet).

Und dann war ich zur Nordschiene eingeladen. In Hamburg. Wenn es eine Nordschiene gibt, dann gibt es sicher auch eine Südschiene. Richtig. Aber beide unterscheiden sich ziemlich stark. Wahrscheinlich bin ich der erste Verbandsvorsitzende, der beide kennengelernt hat. Als Sachse – aus dem Süden – war ich schon öfters zur Südschiene. Diese trifft sich immer in Augsburg, und es wird an dienstrechtlichen Themen gearbeitet. Die Nordschiene hingegen ist eher ein Treffen zum Austausch über die aktuelle Lage in den nördlichen Landeskirchen.

Ich habe bei der Nordschiene viel gehört, viel kennengelernt (auch die so ganz andere Mentalität). Kirsten Fehrs kam zu uns, die kommissarische Ratsvorsitzende der EKD. Und sie berichtete – immer noch ziemlich mitgenommen – von der Pressekonferenz zur Veröffentlichung der ForuM-Studie, deren Ergebnisse ja fast alle sehr bestürzt haben. Gut, irgendwie hatte ich das schon als Jugendlicher selber mitbekommen: da ist irgendetwas. Mancher hat seltsame Dinge erzählt, die ihm mit kirchlichen Mitarbeitenden widerfahren waren. Aber einordnen konnte ich das erst sehr viel später.

Eine Aufarbeitung ist dringend nötig. Wenn wir wollen, dass das besser wird, als es war, müssen wir alles ändern. Erschreckend an der Studie war für mich auch die Erzählung vom Generalverdacht. Wie Kirsten Fehrs ebenfalls berichtete, von Journalisten regelrecht in die Falle gelockt worden zu sein eben bei jener Pressekonferenz. Warum? Wofür? Die Ergebnisse sind doch schrecklich genug. Wozu dann dieses Vorführen kirchlicher Verantwortungsträger*innen, die ihrer Aufgabe versuchen, gerecht zu werden?

 

V. Zwei Studien

Zu Beginn dieses Jahres wurden die Ergebnisse von zwei Studien veröffentlicht. Die bereits erwähnte ForuM-Studie – sowie kurz vorher die KMU VI, die sechste Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung. Bereits der Ansatz dieser Studie war neu: es wurden auch nicht konfessionell gebundene Menschen befragt. Aber daran lag es gar nicht, dass die Ergebnisse als so niederschmetternd empfunden wurden. Es war einfach der Mitgliederschwund quer durch alle Regionen Deutschlands. Vor allem die Kassenwarte der Landeskirchen horchten deutlich auf: weniger Mitglieder? Achtung: weniger Einnahmen! Und sofort beginnen überall Sparkonzepte. Kirchliche Einrichtungen werden geschlossen, alles Mögliche wird auf den Prüfstand gestellt. Und es wird an Stellen über Fusionen nachgedacht, wo dies noch wenige Wochen vorher vehement bestritten wurde. Plötzlich geht doch alles. In rasanter Geschwindigkeit.

Zwei Dinge haben mich besonders berührt und nachdenklich gemacht im Zusammenhang mit der KMU VI: In meiner bisherigen Gemeinde gab es viele junge akademisch gebildete Familien, welche selber oder deren Eltern in den alten Bundesländern geboren und aufgewachsen waren. Kirche gehörte da oft zum guten Ton. Aber seit ein paar Jahren erzählte man mir bei Taufgesprächen oft von der verzweifelten Suche nach Paten. Die glücklichen Eltern fanden selbst unter ihren alten Freunden kaum jemanden, die oder der Pate stehen konnte. Sie wurden im Gegenteil mit der völlig verständnislos geäußerten Frage konfrontiert: „Was, ihr seid noch in der Kirche?“ Die Austrittswelle ist längst auch im Westen angekommen. Der Osten hatte das schon ein paar Jahrzehnte eher erlebt.

Und die zweite Anmerkung: Galt es bisher als fast sicheres Mittel gegen Austritte, wenn Gemeindeglieder ihre oder auch nur irgendeine Pfarrperson persönlich kannten, scheint das jetzt kaum noch eine Rolle zu spielen. Die Beziehungen zu Pfarrerinnen und Pfarrern können sogar gut sein – und trotzdem wird ausgetreten. Ich habe es selbst mehrfach erlebt, dass gut bekannte Gemeindeglieder ihren Austritt ankündigten (und nicht wie früher üblich eher peinlich berührt verheimlichten): „Du, Ecki, was ich Dir noch sagen wollte: Ich trete übrigens nächsten Monat aus der Kirche aus. Nimm es auf keinen Fall persönlich! Aber warum soll ich für eine Institution zahlen, die ich ja doch kaum nutze.“ Der Bonus der diakonischen Arbeit von Kirche ist aufgebraucht – wenn nicht gar verspielt. Das schmerzt. Das kratzt an unserem Selbstverständnis und Selbstwertgefühl.

Sodann die ForuM-Studie: In der EKD hat man nun endlich sehr gut und behutsam versucht, die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in die Wege zu leiten. Ich bin den daran Beteiligten – auch aus unseren Reihen – sehr dankbar für ihre Arbeit, die gewiss nicht einfach und oft belastend war. Die Geschädigten sollen endlich Gehör und Anerkennung finden. Dafür soll nun auch das Disziplinargesetz geändert werden. In der Anhörung zur Gesetzesänderung wurde interessanterweise die Richterschaft mit einbezogen. Von dort kam ein völlig unerwartetes Statement zur eigentlich den Geschädigten zugewandten Möglichkeit einer Akteneinsicht: Diese Akteneinsicht könne später vor Gericht den Wert der belastenden Aussage von Geschädigten sogar entwerten. So zumindest sei die Praxis in der sonstigen Rechtsprechung. – Was also gut und fürsorglich gedacht war, könnte sich im Extremfall als kontraproduktiv für die Geschädigten erweisen. Daran sieht man, wie schwierig Recht und Gerechtigkeit sind, auch und gerade in der Kirche. Jedenfalls ist es gut und höchste Zeit, dass in der Gemeindearbeit jetzt neue Wege eingeschlagen und z.B. Schutzkonzepte erarbeitet werden. „Wenn wir wollen, dass alles so bleiben soll, wie es ist, muss sich alles ändern.“

 

VI. Die Dienstrechtliche Kommission (DRK)

Die Abkürzung „DRK“ bezeichnet jene Arbeitsgruppe, die sich gemeinsam mit der EKD als Dachverband aller Landeskirchen mit dienstrechtlichen Fragen beschäftigt. Diese Kommission ist paritätisch besetzt aus den Personal- und Dienstrechtsdezernaten der Landeskirchen und dem Pfarrerverband. Wir schlagen der EKD neben unserem Dienstrechtsberater sieben weitere Kandidat*innen vor, diese werden dann von der EKD extra berufen. Dabei gilt ein Schlüssel, der eine gute Verteilung auf Frauen und Männer, Ost und West, Nord und Süd, lutherisch, uniert und reformiert beachten soll.

Hauptanliegen sind i.d.R. Fragen zu Paragrafen des Pfarrdienstgesetzes der EKD. So haben wir letztes Jahr in der Konferenz der Pfarrvertretungen in Hofgeismar zwei Beschlüsse gefasst, die wir der EKD als Änderungswünsche nahebringen wollen. Es ging damals bei §25 um die Frage der Arbeitszeit und bei §80 um Erarbeitung von Ausführungsbestimmungen bei Versetzungsverfahren in den einzelnen Gliedkirchen der EKD. Beide Beschlüsse sind auf unserer Homepage unter „Meldungen“ auch veröffentlicht.

Dabei müssen wir bedenken, dass wir als DRK nur eine Art beratende Funktion haben. Was wir in Zusammenarbeit mit unseren EKD-Partner*innen erarbeiten, kann dann von jenen an den Rat der EKD zur Beschlussfassung gegeben werden. Daher benötigen wir für unsere Gespräche in der DRK bei aller Klarheit und Direktheit ein gutes Klima, um Gehör auf der Gegenseite zu finden. Wir sitzen da am deutlich kürzeren Hebel. Ganz anders ist das z.B. bei der VELKD: Da gibt es eine richtige Pfarrergesamtvertretung per Gesetz. Das ist eine völlig andere Rechtsgrund- und Ausgangslage. Vielleicht sollten wir auch hier bei der DRK etwas bewegen: „Wenn wir wollen, dass alles so bleiben soll, wie es ist, muss sich alles ändern.“

Trotzdem werden wir an einigen Stellen weiter klar unsere Position erläutern und auch auf Änderungen drängen. Das betrifft vor allem die umstrittenen §§79 und 80, eben jene ehemaligen Paragrafen zur sog. „Ungedeihlichkeit“ bzw. heute „nachhaltiger Störung“. Aber wir können hier nicht mit der Axt durch den Wald ­rennen, sondern müssen zwar deutlich, jedoch mit Augen­maß agieren.

 

VII. Die Evangelische Partnerhilfe (EPH)

Von meiner Reise nach Polen hatte ich schon kurz berichtet. Es war eine Reise im Rahmen der Evangelischen Partnerhilfe. Jedes Jahr besucht der Vorstand eine ­Region in Osteuropa, um sich vor Ort ein Bild von der Arbeit evangelischer Gemeinden machen zu können.

Ich kenne selbst das Glück, in einer Familie mit dem so geringen kirchlichen Einkommen des Vaters diese Hilfe „aus dem Westen“ erhalten zu haben. Das prägt tief. Vielen Dank allen, die dazu beigetragen haben! Nach dem Mauerfall war das zum Glück nicht mehr nötig. Die sächsischen Pfarrer z.B. haben sich voll Dankbarkeit daran erinnert und sofort eine vergleichbare Aktion für ihre Kollegen im Nachbarland Böhmen ins Leben gerufen. So entstand bei uns die Solidarkasse, die mittlerweile Pfarrfamilien in ganz Osteuropa unterstützt. Eine Großzahl der sächsischen Pfarrer zahlen selbstverständlich einen Teil ihres Gehaltes in die Solidarkasse ein. Und diese lädt auch jedes Jahr etliche Familien zum Urlaub nach Sachsen ein. Daher hatte ich auch in Polen sofort einige Bekannte getroffen. Aber auch in den anderen Landeskirchen hat man das Prinzip beibehalten und ebenso eigene Hilfsprogramme geschaffen. Und aus dem Bruderdienst wurde die Partnerhilfe – kein großer Bruder mehr, sondern Partner auf Augenhöhe trotz unter­schied­licher Kapitaldecke.

Als Pfarrverband spielen wir eine besondere Rolle in der EPH, denn es geht um Hilfe an Personen und deren Familien – nicht um strukturelle Hilfe und Unterstützung für Institutionen wie z.B. bei „Brot für die Welt“ oder dem „Gustav-Adolf-Werk“. Wir haben auch im Unter­schied zu anderen Mitgliedern zwei Sitze im Vorstand der EPH.

Die EPH existiert und agiert ansonsten momentan völlig unabhängig von uns. Aber wir verstehen uns als ein Teil von ihr. Das sieht man z.B. auch an Werbemöglichkeiten, welche die EPH bei uns im Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt oder hier auf dem Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrertag zu besonderen Konditionen oder gar kostenfrei erhält.

Vielleicht klingt das ein bisschen wie ein Werbeblock – aber neben dem Dank für alle Unterstützung möchte ich hier eben auch werben für dieses Anliegen der Unterstützung von Menschen und ihren Familien, denen es um einiges weniger gut geht als uns in Deutschland.

Über unsere Zusammenarbeit mit anderen Organisationen wie z.B. dem Versicherer im Raum der Kirchen (VRK) oder der Evangelischen Fachstelle für Arbeitssicherheit (EFAS) berichte ich in einem anderen Jahr.

 

VIII. Deutscher Evangelischer Kirchentag

Im nächsten Jahr findet wieder der Deutsche Evangelische Kirchentag statt. Wir treffen uns in Hannover relativ zeitig im Jahr vom 30. April bis zum 4.Mai, also nicht über Himmelfahrt wie sonst oft üblich. Als Pfarrverband sind wir dort selbstverständlich präsent mit unserem eigenen Stand. Wir haben einen guten Stand. Aber als wir ihn uns inhaltlich genauer angesehen haben, bemerkten wir, dass vieles daran inzwischen ein wenig altbacken wirkt. Seltsam, dass man dies manchmal selber gar nicht so richtig mitbekommt. Betriebsblind. Das passt nicht zu einer Kirche, die auch kommende Generationen ansprechen will. So sind wir jetzt daran, gemeinsam mit einer Werbeagentur ein neues Aussehen zu erarbeiten. Zeitgemäßer. Mal sehen, ob wir das bis Ende April schaffen. Sonst eben 2027 in Düsseldorf.

Im nächsten Jahr gibt es daher keinen Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrertag, sondern wir laden dann zu unseren eigenen Gremiensitzungen und zur Mitgliederversammlung für den 28.-31. September 2025 nach Karlsruhe ein.

 

„Wenn wir wollen, dass alles so bleiben soll, wie es ist, muss sich alles ändern.“ – „Se vogliamo che tutto rimanga com’è bisogna che tutto cambi.“ Fürst Salina sah im „Leoparden“ alles untergehen. Sein Neffe Tancredi hielt dem vermeintlichen Untergang den so oft zitierten Ausspruch entgegen. Wie sieht es aus mit unserer Kirche, unserem Berufsstand? Soll alles so bleiben, wie es war? War es überhaupt so, wie wir meinen, dass es gewesen sei? Was sollte sich alles ändern? Und was sollten wir möglichst bald ändern?

Lasst es uns gemeinsam angehen. Mit Gottes Hilfe. 

 

Anmerkung

* Vorstandsbericht vor der Mitgliederversammlung des Verbandes Evang. Pfarrerinnen und Pfarrer in Deutschland e.V. am 23. September 2024 in Kaiserslautern (gekürzte und überarbeitete Fassung).

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 12/2024

9 Kommentare zu diesem Artikel
12.01.2025 Ein Kommentar von Eberhard Steinborn . Erst die Kombination von emotionalen und rationalen Aussagen führt zum Erfolg, wie beim Musik- und Kunstunterricht. Erst die Freude über die eigene theologische Kreativität hat die Chance, dass die Kinder und Jugendlichen später bei der Stange bleiben. Drill ist da nicht hilfreich! Die Freude an der Kreativität, die die Pfarrer beim Verfassen und Vortragen der Predigt haben, sollte auf die Jugendlichen übertragen werden. Dann macht Lernen Freude und ist motivierend.
11.01.2025 Ein Kommentar von Eberhard Steinborn Die Frage ist, vergraulen wir die Jugendlichen schon, bevor sie selber über den Kirchenaustritt entscheiden? Was heißt das? Das Ziel der Gründerväter des Grundgesetzes war eine von christlichen Normen geprägte Gesellschaft! Wir brauchen neue aber nicht nur rationale Ziele sondern das Verlassen auf die Stabilität der eigenen Emotionserfahrungen für die Kinder und Jugendlichen. Alle Möglichkeiten einer emotionalen Ausdrucksweise zu den religiösen Aussagen sind besser, als die Abfrage von Faktenwissen. Erst die Kombination rationaler Aussagen mit emotionalen Darstellungsformen wird behalten. Dabei sind Kreativtechniken von Vorteil, weil ihre Umsetzung glücklich macht.
10.01.2025 Ein Kommentar von Eberhard Steinborn 1. Was mich wundert, wir haben rund jedes Jahr 3Mio. Schüler (28,5% von 11,2Mio.) im Religionsunterricht und haben 380.000 Austritte aus der evangelischen Kirche, die durch die Anzahl der Schüler, die eintreten, längst kompensiert werden sollte? Irgendetwas läuft hier grundsätzlich falsch! 2. Wir haben davon nur 140.000 Konfirmationen, bei denen Einsegnung gleich Aussegnung ist.
09.01.2025 Ein Kommentar von Eberhard Steinborn Die Hoffnung in den Prozess des bewussten (rationalen) meditativen Suchens nach Liebe und Vertrauen ist Glaube. Dabei ist Meditation ein emotionaler Vorgang mit einer Risikofehlerquote von 50%.
09.01.2025 Ein Kommentar von Eberhard Steinborn - Es ist wohl so, dass GEFÜHLE des Glaubens, Liebe und Vertrauen, wichtiger sind als Dogmen, Liturgie und Sakramente, Bibel usw. - Andererseits ist Gott nicht von meinen Gefühlen abhängig. Glaube ist Geschenk, unabhängig von meinem Befinden! - Das Geschenk des Glaubens wird durch Suchen (Meditation) nach Liebe und Vertrauen Gott abgetrotzt. Dabei ist die Gemeinde ein Hort, in der ich Menschen vertrauen kann. - Das bewusste (rationale) meditative Suchen nach Liebe und Vertrauen führt einen zu Gott und dem Glauben und weg von der modernen Beliebigkeit.
07.01.2025 Ein Kommentar von Eberhard Steinborn "10 Gründe für den Religionsunterricht" der Nordkirche „Was aber ist nun religiöse Bildung?“ Ich denke, nach dem Dreifachgebot der Liebe. 1. Ich suche stets nach Erkenntnissen über mich (Meditation), um meine emotionalen Entscheidungen (50%ige Fehlerwahrscheinlichkeit) anhand der Bibel nicht fehlzuleiten. 2. Ich suche stets nach Erkenntnissen für den Nächsten, um ihn zu stärken. 3. Ich verfolge das Prinzip der selektiven Wahrnehmung der definierten Liebe Gottes zu mir und seiner Schöpfung z.B. durch Wunder.
07.01.2025 Ein Kommentar von Eberhard Steinborn Wenn man bedenkt, was die Väter des Grundgesetzes mit dem staatlichen Religionsunterricht, mit der Dezentralisierung bewirken wollten, sind die Ergebnisse der Mitgliederverlust der Kirche, die sehr niedrigen Qualitätsstandards in manchen Bundesländern und die moderne Beliebigkeit in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Was folgen muss, ist eine Neujustierung auf die ursprünglIchen Ziele mit neuen Methoden einen religiösen Bezug zu bekommen.
07.01.2025 Ein Kommentar von Eberhard Steinborn Wenn wir fragen, wo ist die Zukunft unserer Kirche. Sie ist im kurzfristigen Erfolg im Religionsunterricht abhandengekommen. Martin Luther: „Es ist leicht mit dem Arsche eines anderen durchs Feuer fahren“. Der Religionsunterricht ist im Grundgesetz verankert und damit weitestgehend unabhängig, reformresistent. Jegliche Äußerungen zur Reform der Kirche durch Religionspädagogen sind durch diese Kenntnis zu sehen. Die Zustimmung zum Religionsunterricht der Kinder und Eltern begründet sich durch die inflationär sehr guten Zensuren. Alle sind zufrieden, die Religionslehrer, die Eltern, die Kinder, die diese Ramschstrategie zumeist durchschauen. Was auf der Strecke der kurzfristigen Versuchung des Dopamin (Glückshormon) Ausstoßes vergessen wird ist die Gewissensabhängige langfristige Nachhaltigkeit. Es ist sehr fraglich, ob mit dieser Strategie Kirchenaustritte gestoppt werden können und nicht sogar das Gegenteil bewirkt wird, also Contra Produktivität, d.h. umso mehr man macht, desto negativer die Nachhaltigkeit. Die Konsequenz aus der 6.KMU nach Prof. Dr. Werner Zager 4. Der Schwerpunkt kirchlichen Handelns muss in der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und deren Familien liegen. Denn nur wer in jungen Jahren die Relevanz des christlichen Glaubens erfährt, wird sie auch als Erwachsener wertschätzen können. Ausnahmen bestätigen diese Regel
06.01.2025 Ein Kommentar von Ralf Krüger "Du, Ecki, was ich Dir noch sagen wollte: Ich trete übrigens nächsten Monat aus der Kirche aus. Nimm es auf keinen Fall persönlich! Aber warum soll ich für eine Institution zahlen, die ich ja doch kaum nutze." - Gedanken eines Gemeindepastors zur Verbundenheit mit der Kirche und der Neigung zum Austritt - In einem westfälischen Verbund mehrerer bisher selbstständiger Kirchengemeinden gibt es 5 Pfarrpersonen und 4 Kirchen. Weil ein weiterer Pfarrbezirk hinzukommt, wird sonntags jeweils nur ein Gottesdienst angeboten, so dass in einer Kirche ein Gottesdienst im Monat stattfindet. Nachdem die EKD 2019 den Sinn und die Durchführung des Sonntagsgottesdienstes ergebnisoffen diskutieren wollte, nahm der Hannoversche Landesbischof 2023 das Thema wieder auf. Als Ergebnis der neuesten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung geben die Autoren die Parole aus, Kirche solle sich auf Aktivitäten im Bereich sozialen und solidarischen Handelns konzentrieren, weil Religion nicht mehr gefragt sei (vgl. dazu den hervorragenden Artikel von Isolde Karle, Religion am Ende?, Pfarrerblatt 11/2024). Mitarbeitende vor Ort haben permanent das Gefühl, dass die Kirchengemeinden marginalisiert und kaputtgespart zu werden. Zu Recht weist "Ecki" darauf hin, dass Gemeindeglieder sich bisher mit ihrer Kirchengemeinde verbunden wussten, wenn sie "ihre oder auch nur irgendeine Pfarrperson persönlich kannten". Die Frage in der aktuellen KMU "Hatten Sie in den letzten zwölf Monaten Kontakt zu kirchlichen Einrichtungen?“ bejahen immerhin noch 46% der Befragten evangelischer Konfession. Als Ort der Begegnung erreichen nur die eigene Kirchengemeinde (38%) und Kirchengebäude oder Orte der Stille (19%) zweistellige Prozentwerte. Alle anderen Optionen - Seelsorge in einer Klinik oder einem Seniorenheim (3%); kirchliche Bildungseinrichtung (4%); Einrichtung der Caritas oder Diakonie (8%); kirchlicher Kindergarten (7%) - sind weit abgeschlagen. Auch bei der Frage nach der Kontaktperson erzielen die Mitarbeitenden vor Ort hohe Werte: Pfarrperson (42%), Sekretär/in (25%), Kirchenmusiker/in (22%). Die Begegnung mit Mitarbeitenden "in der Jugend-, Familien-, Senioren- oder Sozialarbeit" (31%) lässt sich nicht differenzieren, weil verschiedene Arbeitsfelder zusammengefasst wurden. Wenn Kirchenleitungen nicht endlich begreifen, dass die Mitgliedschaft in der evangelischen Kirche und damit zusammenhängend die Entrichtung der Kirchensteuer auf der Verbundenheit mit der Ortsgemeinde fußt, wenn Pastorinnen und Pastoren, Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher, Pfarrvertretungen und Pfarrvereine nicht vehement auf diesen Umstand hinweisen, wenn das Pfarrerblatt nicht konsequent die Linie verfolgt, die Arbeit vor Ort in den Vordergrund zu stellen, dann muss es "Ecki" - und auch wir anderen - irgendwann doch persönlich nehmen, wenn Menschen mit Kirche nichts mehr anfangen können und austreten. - Ach ja, das darf nicht vergessen werden: Die evangelische Kirche sollte sich endlich wieder mit der Theologie beschäftigen und das verständlich und zeitgemäß in die Öffentlichkeit bringen. Das ist dann aber ein neues Thema.
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