Die folgende Auswahl geht auf ein Film-Kolleg im Januar 2024 im Haus Villigst zurück, das Thomas Groll und Tom Damm durchgeführt haben. Das gemeinsame Filme-Schauen mit Pfarrkolleginnen und -kollegen hat zu einer regen Diskussion über die Darstellung von Kirche und ihrem Bodenpersonal geführt. Auch haben wir uns angeregt über unsere pastoralen Identitäten ausgetauscht. Meine Rezensionen sind durch das Film-Kolleg motiviert und möchten selbst anregen, sich den einen oder anderen Film anzuschauen. Alle Filme sind auch für das Gemeinde-Kino zu em­pfehlen.

 

Romantische Komödie: „Glauben ist alles“ (2001)

Die gut zweistündige romantische Komödie von Edward Norton (Regie und Schauspieler) aus dem Jahr 2001 mit dem Titel: „Glauben ist alles“ („Keeping the faith“) lässt sich gut anschauen. Edward Norton gelingt es als Regisseur, witzige Verwicklungen und Szenen auf die Leinwand zu bringen.

Der Film überzeugt mich allerdings in der Konstellation zweier befreundeter Geistlicher, der eine Rabbi (Ben Stiller), der andere katholischer Priester (Edward Norton), die sich in ein und dieselbe Frau verlieben, nicht. Gerade die Lebenswelten des Rabbis und des katholischen Priesters werden nur oberflächlich berührt. Vielmehr wirkt hier alles Religiöse ausschließlich als Showeffekt und soll lediglich die Dramatik des Dreiecksverhältnisses steigern. Die Dreieckskomödie bleibt ohne Überraschungen und bietet nur an ganz wenigen Stellen Tiefgang. Auch entwickeln sich die drei Figuren nicht wirklich. Das Potential der Konkurrenzsituation der befreundeten Geistlichen wird in der Verfilmung nicht ausgeschöpft, auch die schöne Blondine (Jenna Elfman), die beiden Männern den Kopf verdreht, ist eine Karikatur ihrer selbst. Womit der Film allerdings punktet, sind seine beeindruckenden Aufnahmen von New York und die Filmmusik.

 

Leichte Unterhaltung: „Die Pastorin“ (2013)

Der Fernsehfilm „Die Pastorin“ (Christine Neubauer) von 2013 ist leichte Unterhaltung. Im Mittelpunkt steht eine geschiedene evangelische Pastorin, die einen beruflichen Neuanfang wagt, der mehr als holprig ist. Die durch Umzug und Pfarrstellenwechsel entstandene räumliche Nähe zu ihrem Ex, um der Kinder willen, lässt in ihr eine neue Hoffnung auf Weiterführung der Beziehung keimen, bis sie herausbekommt, dass seine jetzige Flamme ein Kind von ihm erwartet. Die Kinder stehen dazwischen und halten ihre Eltern für ziemlich blöd und kompliziert. Die Ältere geht ihren eigenen Weg. In der Gemeinde braut sich etwas zusammen, die Pastorin ist in einer seelsorglichen Begleitung plötzlich selbst involviert und stellt ihren Neuanfang in Frage.

Gefühlsmäßig holt mich der Film gut ab, intellektuell und ästhetisch bleibt viel Luft nach oben. „Die Pastorin“ ist einer der wenigen Filme, der eine Pastorin in der Hauptrolle zeigt. Christine Neubauer spielt die Rolle der Seelsorgerin und Predigerin gut. Dass das Drehbuch überfrachtet ist, dafür kann sie nichts. Heute wäre eine ganze Serie aus dem Drehbuch von Katrin Ammon entstanden, das Josh Broecker verfilmt hat. In die 1,5 Stunden ist einfach zu viel hineingepackt. So bleibt der Film trotz vieler existenzieller Themen ein leichtes Melodram mit Hang zur Schmonzette.

 

Thriller-Tragödie: „Am Sonntag bist du tot“ (2014)

Ein außergewöhnlich starker Film, besetzt in der Hauptrolle mit einem katholischen Priester (Brendan Gleeson), der seine Berufung in einem kleinen irischen Dorf überzeugend in Kontakt mit den Menschen vor Ort lebt. Im Beichtstuhl wird ihm von einem seiner Schäfchen angedroht, dass er ihn am Sonntag in einer Woche am Strand töten wird. Daher auch der deutsche Titel „Am Sonntag bist du tot.“ Im englischen Original trägt der Film den Titel: „Calvary“ und stellt damit eine Verbindung zu Passion und Sterben Jesu von Nazareth am Kreuz von Golgatha her. Die Sühnetodtheologie ist Vorlage für die erzählte Geschichte im Film. Hier sühnt der gute Priester für die Sünden eines anderen Priesters, der schon verstorben ist. Der als Kind durch den verstorbenen Priester mehrfach missbrauchte Mann, rächt sich mit seiner Gewalttat an dem unbescholtenen Priester für die erlittenen Übergriffe unter denen er sein ­Leben lang gelitten hat. Ein Unschuldiger leidet für die Schuld eines anderen.

Der Regisseur John Michael McDonagh schreibt hier die Passionsgeschichte Jesu fort. Recht früh (2014) greift er das Thema sexueller Missbrauch auf. Pater James geht allerdings einen anderen Weg als seine Kirche. Der unbescholtene Pater James geht wie Jesus in freien Stücken zu seiner Hinrichtung. Das ist verwirrend. Wo bleibt seine Abwehr? Sein Recht auf Leben? Oder ist sein Weg eine Mahnung an die Kirche und die Täter, endlich Verantwortung zu übernehmen? Sühne als Voraussetzung für Vergebung? „Am Sonntag bist du tot“ ist eine sehenswerte Thriller-Tragödie. Sie erzählt mit atemberaubenden irischen Landschaftsimpressionen von Schuld und Sühne.

 

Groteske pur: „Adams Äpfel“ (2005)

Der frisch aus dem Gefängnis entlassene Adam (Ulrich Thomsen) landet in einem kuriosen Resozialisierungsprogramm bei Pastor Iwan. Iwan (Mad Mikkelsen) sieht in jedem Menschen das Gute, selbst wenn dieser wie Adam Nazi ist und ihn zusammenschlägt. Adam kann die Umdeutung der Realität durch Iwan nicht ertragen und macht es sich zum Ziel, Iwans Gutmenschentum zu dekonstruieren. Das schafft er nach vielen Fehlversuchen, indem er Iwan anhand von Hiob klarmacht, dass nicht der Teufel Iwan prüft und versucht, sondern Gott selbst. Daraufhin bricht Iwan zusammen und verliert seine Antriebskraft. Der Tumor in seinem Kopf ist nicht mehr in Schach zu halten. Er wird daran schnell zugrunde gehen, wenn er nicht wieder Lebensmut bekommt. Adam erkennt voll Schrecken, dass er Iwan zwar bezwungen hat, aber in der kleinen Gemeinschaft alles aus dem Ruder zu laufen droht. Das erste Mal wird Adam empathisch und übernimmt ganz im Sinne Iwans Verantwortung für die Lebensgemeinschaft. Der Wandel Adams ist perfekt und findet seinen Höhepunkt, als er mit dem allerletzten ­Apfel einen kleinen Apfelkuchen backt und ihn gemeinsam mit Ivan genüsslich verzehrt. Der dänische Regisseur Anders Thomas Jensen erzählt in Adams Äpfel skurril die Konversion eines Nazis und von einem ­Pfarrer, der erst im Scheitern erfolgreich ist.

 

Liebeskomödie: „Italienisch für Anfänger“ (2000)

„Liebe für Anfänger“ könnte der dänische Film von Lone Scherfig auch heißen. Sie erzählt ohne viele Schnörkel und in sich stimmig, wie sechs liebenswerte, schrullige Menschen, am Ende sind es drei Paare, zueinander finden. Es sind durchweg Randexistenzen einer Stadtgesellschaft, die in ihren Familienbanden, Aggressionen und Hemmungen verstrickt sind. Gemeinsam ist ihnen die Sehnsucht nach einem anderen Leben, nach Freiheit und Liebe. Die Geschichte dreht sich um den jungen Pastor Andreas (Anders W. Berthelsen), der eine Pfarrvertretung übernimmt. Der vorherige alte Pastor ist unpässlich. Das qualvolle Sterben seiner Frau hat den alten Pastor aus der Bahn geworfen, und er verhält sich derart daneben, dass er für den Dienst nicht mehr tragbar ist. Der Vertretungspastor Andreas hat selbst vor einem halben Jahr seine Frau verloren. Er ist verzweifelt, einsam und auf der Suche, wie sein Leben weitergeht. In seiner Rolle wird er von den am Leben Leidenden aufgesucht und erweist sich als warmherziger Seelsorger, der die Menschen tröstet und ihnen einen guten Gedanken mit auf den Weg gibt. Das ist für mein Empfinden etwas soft, aber durchaus typisch für einen in Gesprächsführung geschulten jungen Pastor. Dass er nicht nur sanft kann, zeigt er in einer Szene, wo er dem alten Pfarrer die Leviten liest. Alle Protagonistinnen und Protagonisten des Films treffen sich einmal wöchentlich im Italienisch-Kurs für Anfänger. Nach einigen Verwicklungen beschließen alle, gemeinsam nach Venedig zu fahren. Hier endet der Film und alle Liebenden tafeln miteinander.

Auch wenn mir der Schluss zu süßlich ist, schafft es Lone Scherfig einen Kunstfilm nach den Regeln von Dogma 95 zu drehen, der facettenreich ist und die Liebessehnsucht heutiger Menschen mit allen Regeln einer Komödie in den Blick nimmt.

 

Tragikomödie: „Gott existiert, ihr Name ist Petrunya“ (2019)

Die 32jährige studierte Historikerin Petrunya lebt bei ihren alten Eltern in einem nordmazedonischen Dorf. Petrunya ist arbeits- und antriebslos und wird von ihrer Mutter völlig beherrscht. Mit einem intuitiven Sprung in den Fluss beim traditionell auf Männer beschränkten Kreuz-Fischen beginnt ihre Selbstwerdung. Petrunya fischt das Kreuz aus dem Wasser. Dieses soll nach alter Tradition vom orthodoxen Priester geweiht und in den Fluss geworfen ein Jahr lang Glück bringen. Die jungen Männer des Dorfes reagieren wutentbrannt und entreißen Petrunya das Kreuz. Im Gerangel ergreift sie es wieder und flieht. Die Aufregung ist groß, die Polizei fahndet nach ihr. Jetzt beginnt ein Kammerspiel in einer heruntergekommenen Polizeistation. Petrunya erwehrt sich aller Einschüchterungen, sei es vom Kommandanten, dem Priester, dem Staatsanwalt, dem wütenden Mob und auch der Journalistin, die die Story groß herausbringen will. Petrunya entdeckt ihre eigene Stärke und innere Freiheit. Auch von der Mutter, die sie besorgt in der Polizeistation besucht, grenzt sie sich entschieden ab und kann danach die leicht verwirrte Mutter in den Arm nehmen. Als der ereignisreiche Tag sich neigt und sie zuletzt gemeinsam mit dem Priester die Polizeistation verlässt, gibt sie überraschend das von allen begehrte Kreuz dem Priester mit den Worten zurück: Ich brauche es nicht. Ein Hilfsmittel zu ihrem Glück benötigt Petrunya nicht länger. Widerstandskraft und Freiheit liegen in ihr selbst.

Ein wunderbarer Film. Völlig zurecht hat dieser Film im Rahmen der Berlinale 2019 den Ökumenischen Jurypreis gewonnen. Regie führt Teona Strugar Mitevska. Petrunya wird gespielt von Zorica Nusehva.

 

Drama: „Corpus Christi“ (2019)

Leib Christi. Empfangt, was ihr seid, damit ihr werdet, was ihr seid: Leib Christi“, sagt der Priester in der Messe vor der Kommunion. „Ihr alle seid Priester“, damit eröffnet Pfarrer Thomasz seine Messfeier im polnischen Jugendknast. Sein eifriger Knast-Messdiener Daniel (Bartosz Bielenia) saugt jedes Wort des Priesters auf und hat den Wunsch, sein Abitur nachzumachen, um eine Priesterausbildung anzustreben. Priester werden das ist sein größter Wunsch. Das komme nicht in Frage, die Kirche würde nie einen schuldig Verurteilten zum Priester ausbilden, antwortet brüsk Pfarrer Thomasz. Aus dem Gefängnis entlassen stolpert der fromme ehemalige Sträfling in einem Dorf in die Priesterrolle: Er gibt sich als junger Pater auf Wanderschaft aus. Der sichtlich gezeichnete Dorfpriester vor Ort bittet ihn, ihn, während er selbst auf Kur ist, zu vertreten. Nun steht Daniel vor dem Dilemma: was nun? Eine Beichte abnehmen, eine Messe feiern, eine letzte Ölung spenden, eine Predigt halten – wie geht das? Pater Thomasz – wie er sich ab da selbst nennt – vertraut ganz seiner Intuition und findet einen unverstellten Zugang zu den Menschen im Dorf. Seine Gebete sind echt, einfache Worte, die die Situation aufnehmen und Gott ins Leben der Menschen bringen. Seinem Gerechtigkeitssinn folgend lässt er nicht locker, bevor er erfährt, was für ein Unfall im Dorf sechs junge Menschen und einen Ehemann getötet hat. Die alte Sündenbockgeschichte offenbart ihre Aktualität, da für die Eltern der sechs umgekommenen Jugendlichen ein ehemaliger alkoholsüchtiger Mann eindeutig der Schuldige ist. Er, der selbst beim Unfall ums Leben kam, wird als Mörder beschimpft, seine seitdem zurückgezogen im Dorf lebende Frau als Hure. Der Ausschluss aus der Gemeinschaft wird daran deutlich, dass sein Bild nicht an der großen Dorfgedenktafel hängt und seine Urne nach einem Jahr immer noch nicht auf dem Gemeindefriedhof beigesetzt wurde. Das wollen die Gemeinde und der mächtige Bürgermeister, der das örtliche Sägewerk besitzt, nicht. Jetzt findet der falsche, aber wahre Priester seine eigentliche Rolle und lebt trotz der hartnäckigen Widerstände auf. Wahrhaft seelsorglich und an Christus orientiert lebt er das Evangelium, auch wo es schneidet und weh tut. Wo sich langsam im Dorf etwas in Bewegung setzt, läuft auf Daniel die Katastrophe zu. Auf dem Höhepunkt seines Niedergangs kann er nur noch entblößt Mensch sein. Das priesterliche Gewand ist abgestreift, schutzlos und machtlos begibt er sich in die Hände der Polizei. Seine bleibende Botschaft: vergeben und lieben.

Das auf eine wahre Geschichte zurückgehende Drehbuch von Jan Komasa, der selbst auch Regie geführt hat, führt eindrücklich katholisch-polnische Provinzfrömmigkeit, die Verlogenheit der Institution Kirche und das wahre Priestertum in der gebrochenen und doch hoffnungsstiftenden Figur eines Straffälligen vor Augen. Jan Komasa hält allen Geistlichen einen Spiegel vor. Genial!

 

Joachim Leberecht

 

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 6/2024

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