Heinz Eduard Tödt schrieb 1967 in einem „Vorwort“, es sei „die Versuchung für den Kirchensoziologen groß, denjenigen kirchenkritischen Gesichtspunkten, die ihm besonders am Herzen liegen, mit Hilfe seines soziologischen Instrumentariums beredten Ausdruck zu geben. Diese Form der Kritik jedoch, die mit fremden Fragestellungen an die Realität der Kirchengemeinden herangetragen wird, erscheint den Verantwortlichen nicht als brauchbare Hilfe bei ihren Aufgaben. Daher ziehen sie es wiederum nicht in Betracht, ihrerseits kirchensoziologische Aufträge zu vergeben.

Aber auch die evangelische Theologie in ihren wissenschaftlichen Formen ist der kirchensoziologischen Forschung wenig geneigt. Diese Abneigung hat verschiedene, zum Teil recht tief liegende Wurzeln. Man befürchtet häufig, dass die soziologische Betrachtungsweise den unmittelbaren Anspruch der theologischen Aussage unterminiert, indem sie etwa eine spezifische Unterwürfigkeit gegenüber dem Anspruch der sogenannten Fakten erzeugt. Darüber hinaus scheut man den Konflikt zwischen den in der theologischen Wissenschaft und den in der Soziologie gebräuchlichen Methoden. Und schließlich empfindet man Unbehagen gegenüber der Art, wie Soziologie die ‚Praxis‘ der konkreten Kirchengemeinden vor dem Forum der ‚theoretischen‘, das heißt wissenschaftlichen Theologie präsentiert.

Jedoch nicht nur die wissenschaftliche Theologie und die Amtsträger der Kirche gehen der Kirchensoziologie möglichst aus dem Wege, sondern auch die Gemeinden. Es ist hierzulande nicht oder noch nicht üblich, dass Gemeinden sich über ihre eigene Situation und Struktur und über ihre besonderen Aufgaben systematisch Gedanken machen und dabei auch den Rat der wissenschaftlichen Soziologie einholen.1

Die Einführung der periodischen KMU hat in den gesamtkirchlichen Führungsebenen in dieser Sache deutliche Fortschritte ermöglicht. Bei der wissenschaftlichen Theologie vermisse ich noch immer ein stärkeres Ernstnehmen der Chancen einer Diskussion und Kooperation. Vielen Kirchengemeinden bleiben kirchensoziologische Ratschläge offenbar fremd. Über die Konsequenzen der Erkenntnisse in den Führungsebenen bin ich nicht sonderlich glücklich. Diese sind nämlich viel zu stark administrativer Natur. In der wissenschaftlichen Theologie gibt es sogar nach so vielen Jahren klarer soziologischer Aussagen – vielleicht gerade wegen dieser Klarheit – deutlich spürbare Ängste, ihre eigene Rolle als kirchliche „Leitwissenschaft“ einschränken oder gar aufgeben zu müssen. Und die einzelnen Gemeinden sind, ob das gewollt ist oder nicht, intensiv davon geprägt, ob die zuständige Pfarrperson sich mit Soziologischem entweder theoretisch oder unter eigenem Praxisdruck auseinandergesetzt hat oder nicht. Aus gut nachvollziehbaren Gründen ist dieses „nicht“ öfter der Fall. Der gemeindliche Alltag hetzt durch die Tage und hindert daran, andere als theologisch interpretierende und organisatorische Aufgaben anzugehen.

 

Gottesdienstverhalten in Erosion

Nun ist aber gerade die Kirchengemeinde der Ort, an dem die soziologischen Erkenntnisse Umsetzung erfordern. Neben allerlei anderen Beispielen lässt sich besonders an der heute spürbar zerfallenden Gottesdienstgemeinde zeigen, dass schon 1967 eigentlich wegweisendes Wissen gewonnen worden war. J.M. Lohse konstatierte nach der Auswertung aller Befragungen in einem klar umrissenen Siedlungsraum: „1. Die Struktur des Gottesdienstes setzt im Grunde einen kontinuierlichen Besuch voraus: Die laufenden Perikopentexte, die vom Altar verlesen und von der Kanzel aus zur Predigtauslegung benutzt werden, der liturgische Handlungsablauf mit Chorälen und Gebeten, selbst der spezifische Stil der Predigtsprache – zu allen diesen Elementen des Gottesdienstes bedarf es eines intensiven Verhältnisses, um sie zu verinnerlichen und nachvollziehen zu können. Der ausgesprochen meditativ geprägte Handlungsraum eines Gottesdienstes setzt eine durch den kontinuierlichen Kontakt vermittelte Einübung voraus, die dem Besucher den Geschehensablauf erst vertraut und verständlich macht. 2. Ein regelmäßiger Gottesdienstbesuch, der zu einer Verhaltensgewohnheit wird, impliziert eine Entscheidungsentlastung. Der Kirchgang ist für diese Gemeindeglieder ein integrierter und fester Bestandteil der sonntäglichen Lebensgestaltung. Für den sporadischen Gottesdienstbesucher (eine kleine Minderheit aller laut Lohses Untersuchung) dagegen fordert fallweise jeder Besuch eine neue Entscheidung. (…) In den meisten Fällen setzt ein Besuch für den sporadischen Teilnehmer eine besondere Motivation heraus“2 Lohse erkennt z.B. besondere familiäre Ereignisse als solche Motive.

 

„Egozentrisches Erbauungsbedürfnis“

Das Empfinden, ein Bestandteil einer Gottesdienstgemeinde zu sein, fehlt in städtischen Bereichen den Besuchern fast ganz. Man kennt sich nicht. Aber auch in ländlichen Gottesdiensten spielt vorwiegend die „Gemeinschaft der Heiligen“ nur in gemeinsam Gesprochenem oder Gesungenem – ganz unbewusst – eine Rolle. Lohse zitiert exemplarisch Äußerungen wie: „,Ich gehe für mich in den Gottesdienst; nicht, um auf den anderen zu achten, Kirchgang ist nicht von anderen Menschen abhängig zu machen.‘ (…) Oder: ,Ich gehe meinetwegen in die Kirche, und ob die Leute mir fremd sind oder nicht, ist mir egal. Ich möchte Gottes Wort hören. Die anderen wollen auch allein sein. Der Gottesdienst gehört in den Bereich der Intimsphäre, die man respektieren muß.‘3

Diese und unzählige sinngleiche Erhebungen bei Gottesdienstbesuchern konterkarierten damals bereits die uralte Theorie vom Sonntagsgottesdienst als „Sammlung und Sendung“. Der Gottesdienstbesuch entspringt vielmehr einem „egozentrischen Erbauungsbedürfnis“.4 Er hat so natürlich unter seelsorgerlichen Aspekten seine wichtige Berechtigung, wird aber oft fehleingeschätzt. Nur die armen zwangsrekrutierten Konfirmanden, die für die Besucherstatistik nicht unwichtig sind, haben natürlich andere Gründe zum Besuch des Gottesdienstes.

 

Alternative Gemeinschaftsveranstaltungen

Dass sich allmählich die genannten Voraussetzungen im Leben unzähliger Menschen gar nicht mehr finden lassen, weil unsere gesellschaftliche Neuorientierung zu digitalen Einflüssen auf die Einzelperson deren Erbauungserlebnisse zutiefst verändert hat, muss heute erkannt werden – und darauf adäquat reagiert. Der Gottesdienst als Zentralveranstaltung der Gemeinde hatte schon immer einen höheren Stellenwert, als ihm aus vorstehend beschriebenen Gründen zustand. Natürlich nicht unwichtig, aber überschätzt.

Heute rücken, endlich, in einer zunehmenden Anzahl von Kirchengemeinden ganz bedächtig alternative Gemeinschaftsveranstaltungen in den Vordergrund, ja sogar in die Mitte: Gesprächs- und Spielkreise, gemeinsame Mahlzeiten, Besuchsdienste, Gruppenwanderungen, andere Ausflüge und vieles mehr stärken ein Gemeinschaftsbewusstsein, das Nähe schafft, tiefer gehenden Austausch von Gedanken und Gefühlen ermöglicht und ein liebevolles Miteinander entstehen lässt. Rituale und religiöse Formeln rücken in den Hintergrund, nach vorne rückt der Mensch. Nicht immer, aber immer wieder entstehen dabei auch ernste Gespräche über Glaubensfragen. Ob stark, ob schwach, ob fröhlich, ob traurig, der Austausch dient allen auch zur für jedermann natürlich notwendigen Erbauung.

Musste erst der Mitgliederschwund als Anlass herbei, um solches – durch empirisches Erkennen und Erschrecken – in Gang zu bringen? Schon vor fast sechzig Jahren waren die kirchensoziologischen Anstöße dazu zu lesen. Nur eben nicht traditionskonform in theologischen Fragestellungen oder in rituellen Sprechweisen. Das wollte man wohl viel zu lange nicht verstehen.

 

Anmerkungen

1 In: Jens Marten Lohse, Kirche ohne Kontakte, Kreuz-Verlag 1967, 9f.

2 A.a.O., 33.

3 A.a.O., 47.

4 Ebd.

 

Gerhard Roos

 

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer i.R. Gerhard Roos, Pfarrer der EKHN, nach ca. 15 Jahren Gemeindepfarrdienst bis zum Ruhestand Berufsschulpfarrer, Autor diverser kleiner Romane.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 6/2024

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