In jahrzehntelangen und vielfältigen Gemeindeerfahrungen, in Gesprächen, im Konfirmandenunterricht, in Gemeindegruppen, in Kirchenvorständen, habe ich eine zunehmende Sprachlosigkeit wahrgenommen, wenn es um die Inhalte des christlichen Glaubens geht. Und mit solchen Eindrücken stehe ich wohl kaum allein. Mein Anliegen ist darum, eine Grund-Sprachfähigkeit zu vermitteln: Wie können Christen, und darunter auch die Konfirmandinnen und Konfirmanden, mit wenigen Worten sagen, was die entscheidenden Grund-Sätze unseres Glaubens sind? Es ist bekannt, dass Muslime mit den „5 Säulen des Islam“ eine prägnante und wohl auch prägende Zusammenfassung dessen haben, was sie glauben. So etwas vermisse ich bisher bei uns.

Nun könnte jemand einwenden, wir hätten doch das (apostolische) Glaubensbekenntnis. Und viele könnten es auswendig. Und wir hätten den lutherischen Katechismus oder den reformierten Heidelberger Katechismus. Zum ersten Einwand ist zu sagen, dass wohl kaum jemand im Gespräch oder bei Diskussionen über den Glauben das Glaubensbekenntnis rezitieren wird. Bei den weiteren Einwänden stellen sich die Fragen, wieweit denn der Katechismus überhaupt noch explizit gelehrt oder ganz oder in Teilen auswendig gelernt wird. Ich vermute, das wird weithin nicht mehr der Fall sein. Und selbst, wenn es geschähe, wäre das hier zusammengefasste Wissen über den Glauben zu umfangreich und zu wenig prägnant. Kurz und gut: Es reicht nicht aus, um den Glauben präzise und bündig auf den Punkt zu bringen!

Aus meinem Nachdenken haben sich nach und nach 1 + 5 Grundsätze christlichen Glaubens ergeben, die ich hier formulieren, begründen und auch zur Diskussion stellen möchte. Es sind deswegen 1+ 5, weil der 1. Grundsatz im eigentlichen Sinn der Hauptsatz ist, auf den die anderen 5 Sätze antworten. Aus diesen 6 Grundsätzen ließe sich auch ein religionspädagogisches Konzept entfalten. Denn jeder dieser Sätze kann mit biblischen Geschichten verknüpft werden.

 

 

1  Gott liebt mich!

Gott liebt mich – das ist die angemessene Antwort auf die zugesagte Liebe Gottes. Der „liebende Gott“, das ist bereits eine wesentliche Grundaussage des AT. Gott gibt sich als der zu erkennen, der Menschen aufsucht, ihnen nachgeht, eine Geschichte mit ihnen haben möchte und sich auch durch Ablehnung letztlich nicht irre machen lässt. Bei Hosea finden wir diese markante Aussage: Mein Volk verharrt in der Abkehr von mir. Sie rufen zu Baal, dem Hohen, doch der richtet sie nicht auf. Wie kann ich dich preisgeben, Ephraim, dich ausliefern, Israel? Wie kann ich dich preisgeben gleich Adma und dich zu richten wie Zebojim? Mein Herz wendet sich gegen mich, all mein Mitleid ist entbrannt. (Hos. 11,7- 9).1 Im Johannesevangelium wird dieser Ansatz dann zu Ende gedacht, wenn es dort in unüberbietbarer Klarheit heißt: Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben (Joh. 3,16).

So steht also am Anfang des (persönlichen) Glaubens keine Forderung, sondern eine Zusage. Und eigentlich reicht es aus, dies zu hören, es sich zu Herzen zu nehmen und zu glauben, es für sich anzunehmen und zu bejahen. Doch das ist etwas, das nicht verfügbar ist. Darum bitten wir um den Heiligen Geist, der dies bewirken kann.

 

2  Ich glaube an Gott den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist.

Dieser zweite Grundsatz beschreibt, wie sich die Überzeugung, von Gott geliebt zu sein, weiter entfaltet. „Ich glaube“wird hier verstanden als die Haltung des Vertrauens und der Bindung. So wie Luther es verstand: Was heißt: ‚einen Gott haben‘ beziehungsweise was ist ‚Gott?‘ Antwort: Ein ‚Gott‘ heißt etwas, von dem man alles Gute erhoffen und zu dem man in allen Nöten seine Zuflucht nehmen soll. ‚Einen Gott haben‘ heißt also nichts anderes, als ihm von Herzen vertrauen und glauben; wie ich oft gesagt habe, dass allein das Vertrauen und Glauben des Herzens etwas sowohl zu Gott als zu einem Abgott macht. Ist der Glaube und das Vertrauen recht, so ist auch dein Gott recht, und umgekehrt, wo das Vertrauen falsch und unrecht ist, da ist auch der rechte Gott nicht. Denn die zwei gehören zusammen, Glaube und Gott. Worauf du nun, sage ich, dein Herz hängst und worauf du dich ­verlässt, das ist eigentlich dein Gott.2

Neben die Grundhaltung des Vertrauens tritt hier noch die Aussage über das Sein Gottes, den wir Christen als Dreieinigen bekennen.

 

3  Ich bekenne mich zu Jesus Christus.

Mit diesem dritten Grundsatz wird klargestellt, dass wir zu dem dreieinigen Gott Zugang haben durch Jesus Christus. Damit nehme ich Bezug auf eine Fülle ntl. Stellen (z.B. Mt. 10,32; Röm. 10,9-11; Phil. 2,5-11; 1. Joh. 3,23), auf das reformatorische solus Christus, bis hin zur Barmer Theologischen Erklärung. Und im Bekenntnis zu Christus wird zugleich die Bewusstheit und die Ernsthaftigkeit des je eigenen christlichen Glaubens bezeugt. M.a.W.: Zu der Glaubwürdigkeit einer beanspruchten Glaubenshaltung gehört das Bekennen. Das wird auch an profanen Beispielen deutlich: Der Fußballfan bekennt sich mit Symbolen zu dem Verein, dem sein Herz gehört. Menschen, die in Liebe einander verbunden sind, bekennen sich zum Partner oder zur Partnerin. Wäre es anders, würde ihnen niemand ihr Fan-Sein oder ihre Liebe abnehmen.

 

4  Ich will Gott und die Menschen lieben.

Mit dem vierten Grundsatz wird das aufgenommen, was Jesus als die Summe des „Gesetzes und der Propheten“ bezeichnet hat (Mt. 22,36-40) und was von Paulus im Hohelied der Liebe (1. Kor. 13,1.13) prägnant entfaltet wird. Mit der Formulierung „Ich will … lieben“ wird bekundet, dass Christen darin ihre Verpflichtung sehen, sich auf diesen Weg gerufen wissen. Das beinhaltet, dass der Weg das Ziel ist. Hier findet sich auch das unverzichtbare Engagement für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung wieder.

 

5  Ich lebe meinen Glauben zusammen mit anderen Christen.

In einer Zeit, in der viele den Glauben für eine Privat­sache halten, wird betont, dass wir Christen eine Glaubensgemeinschaft sind. Unzählige Bibelstellen unterstreichen dies, angefangen bei dem Pfingstbericht in der Apostelgeschichte (Apg. 2) über das Bild vom Leib mit vielen Gliedern (1. Kor. 12) bis hin zu dem Haus aus lebendigen Steinen (1. Petr. 2). In der Gemeinschaft der Christen wird Glaube weitergegeben, gepflegt und bewahrt, kann er sich entfalten, bewähren und weiterentwickeln.

Luther hat die Notwendigkeit, dies zu betonen, wohl nicht gesehen. Damals hielten sich die Menschen ja auch weithin zur Kirche; wie auch immer. Und er wollte sich wohl auch abgrenzen von der (katholischen) Vorstellung der Kirche als Heilsanstalt (extra ecclesiam nulla salus). Darum konnte er auch bei seinen vier reformatorischen Grundprinzipien nicht noch als fünftes hinzufügen: sola ecclesia. In unserer so anderen Situation muss dies ausdrücklich hervorgehoben werden: Ich lebe meinen Glauben zusammen mit anderen Christen!

 

6  Ich glaube an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben.

Dieser sechste Grundsatz gehört unverzichtbar dazu. Denn dass dieses Leben nicht alles ist, zieht sich durch die Bibel und wird im NT grundsätzlich mit der Auferstehung Jesu von den Toten verbunden (Joh. 11,25; 1. Kor. 15, u.ö.). Auch der Hoffnungsaspekt des christ­lichen Glaubens wird hier hervorgehoben: Christen ­blicken über den Horizont!*

 

Anmerkungen

1 Alle biblischen Zitate aus der Lutherbibel, Text in der revidierten ­Fassung von 2017.

2 Großer Katechismus.

* Erstmals abgedruckt in: Das Magazin für evangelische Pfarrer:innen, Hess. Pfarrblatt 63. Jg. 5/23, 18f.

 

Friedhelm H. Wagner

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 6/2024

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