Die Krisenphänomene weltweit häufen sich; inzwischen gibt es eine eigene Wissenschaft für den planetaren Blackout: die „Kollapsologie“. Während die Folgen des allgemein gepflegten Lebensstils, insbesondere in westlichen Gesellschaften, schlaflose Nächte bereiten, könnten sie aber auch in eine alte, wiederentdeckte Kulturtechnik münden, die der heilsamen Unterbrechung, meint Christoph Lang.

 

Wir sind zu einem Filmabend mit unseren erwachsenen Kindern eingeladen: „Don’t Look Up“. In der Ende 2021 auf Netflix veröffentlichten US-amerikanischen schwarzen Komödie erzählt Regisseur Adam McKay die apokalyptische Geschichte von der Zerstörung der Erde durch einen Kometen. Wissenschaftliche Warnungen und Berechnungen der Katastrophe durch die Doktorandin Kate (Jennifer Lawrence) und deren Professor (Leonardo DiCaprio) werden von der Präsidentin (Meryl Streep) ignoriert. Als die verzweifelten Wissenschaftler sich an die Medien wenden, wird „Don’t look up“ zum Motto der Verleugner und Verschwörer. „Schau nicht hinauf!“

Nach dem viel zu späten Einlenken der Regierung und dem gescheiterten Versuch, den Kometen abzulenken, kommt es zur Katastrophe. Hier zeigt der Film die für mich wichtigste Szene: In Erwartung des Kometeneinschlags kommen die Wissenschaftler*innen, die mit ihren Prognosen Recht behalten sollten, im kleinen Kreis gleichsam zum letzten Ma(h)l zusammen. Eine quasi-eucharistische Szene voller Wärme und voller Schmerz. Sie erzählen einander, wofür sie dankbar sind. Yule ­(Timothy Chalamet), ansonsten ziemlich verpeilter Gen-Z-Freund der Doktorandin Kate, weiß überraschenderweise als einziger, wie und was man beten könnte. Er tut es mit folgenden Worten: „Dearest Father and almighty Creator, we ask for your Grace tonight, despite our Pride. Your Forgiveness, despite our Doubt. Most of all, Lord, we ask for your Love to soothe us through these dark times. May we face whatever is to come in your divine will with courage and open hearts of acceptance. Amen.“ Nach kurzer Pause fragt Professor Mindy: „Didn’t we have it all?!“ Bald danach wird die Leinwand schwarz – der Komet trifft die Erde und löscht nahezu das gesamte Leben aus.

Mittlerweile sind auch die Chips-Tüten und Erdnuss-Schälchen unserer gastgebenden Kinder leergefuttert. Eins ums andere Mal hat sich für uns beim Zuschauen in die Momente kurzer Situationskomik Trauer und Fassungslosigkeit gemischt. Der Film ist eine aufwühlende Parabel auf den Klimawandel und dessen Leugnung und über die Schwierigkeit, sich unbequemen Wahrheiten zu stellen.

 

Die Krise des Einzelnen und der Kollaps, oder: Seid nüchtern und wachet!

Beim Weg nach Hause fallen mir Szenen aus meinem Beratungsalltag ein. Als Seelsorger in einer Krisen- und Lebensberatungsstelle beobachte ich in meinen Gesprächen immer wieder die Wechselwirkung von globalen und individuellen Krisen. Neben dem Phänomen des „ecological grief“, der Umwelttrauer angesichts der maßlosen Ausbeutung der Schöpfung, manchmal manifestiert in einer handfesten Depression, sind auch Kränkungsphänomene und Angststörungen nicht losgelöst von den großen Krisen unserer Zeit. Menschen in persönlichen Krisen zu begleiten, heißt für mich darum auch, diese Wechselwirkungen wahrzunehmen. So wie es im Blick auf individuelle Krisen heilsam ist, die eigene Endlichkeit in den Blick zu nehmen, so scheint es mir auch für uns als Gesellschaft und als Kirche heilsam, immer wieder das Ende in den Blick zu nehmen.1

Zu Hause angekommen, fällt mein Blick auf das Titelthema einer Beratungs-Fachzeitschrift: „Kollaps – und dann?“2Ich kann nicht aufhören zu lesen. In gewisser Analogie zur Erforschung individueller Krisenfaktoren hat sich hier eine Metadisziplin entwickelt, die es sich zur Aufgabe macht, „den aus ihrer Sicht unvermeidlichen Kollaps möglichst genau zu berechnen. Die Kollapsologie versteht sich als Metadisziplin, die u.a. Erkenntnisse aus Agrarwissenschaften, Biologie, Mathematik, Demographie, Psychologie, Soziologie, Politik berücksichtigt und zusammenfasst. Sie arbeitet auf Basis zweier kognitiver Modelle: Vernunft und Intuition.“3 Im Sinne einer „Schule der Verantwortlichkeit“ gelte es, Lehren zu ziehen aus dem Untergang früherer Zivilisationen wie der Maya, Wikinger, Osterinsel im 18. Jh. oder auch der Sowjetunion. Drei der fünf historisch entscheidenden Faktoren für einen gesellschaftlichen Zusammenbruch seien auch heute schon erfüllt: Umweltzerstörung, Klimaveränderungen und soziopolitische Störungen – damit gemeint ist die Unfähigkeit der Gesellschaft und ihrer Eliten, auf massive Krisen/Katastrophen angemessen zu reagieren.

Die Kollapsologie, wie sie u.a. von Pablo Servigne und Raphael Stevens beschrieben wird,4 sieht die Welt so: „Egal welche Perspektive man wählt, um auf das System Erde zu schauen – ob z.B. ökologisch, ökonomisch, soziopolitisch – überall mehren sich die Krisen und Warnzeichen für eine große Katastrophe. Die Stichwortliste des Horrors umfasst: die Überschreitung von 6 der 9 planetaren Grenzen, den außer Kontrolle geratenen Klimawandel, das Artensterben, Fluten, Extremwetter, Dürren, die Meer- und Luftverschmutzung, die verheerenden Praktiken der Produktion von Öl, Gas, Lebensmitteln, Finanz- und Währungskrisen, das anhaltende Weltbevölkerungswachstum, die weltweite soziale Ungleichheit, die Migration, die Krisen der Demokratie, des Rechtsstaats, der Sozialsysteme, die politische Radikalisierung, sich brutalisierende militärische Konflikte. Wie wir wohnen, wie wir arbeiten, wie wir uns ernähren, wie wir uns bewegen – fast alles, was wir tun, zerstört unseren Planeten. Der systemische Auslöser der vielen planetenbedrohenden Krisen ist ein Wirtschaftssystem, dessen wesentlicher Zweck die endlose Vermehrung von Geld/Kapital ist. Und das deshalb immer weiter ‚wachsen‘ muss.“5 Zum Szenario gehört eine Kettenreaktion mit den möglichen Effekten einer „Implosion des Energie- und Finanzsystems, bei den fossilen Energien ist der Zenit bereits überschritten, die Erschließung wird immer teurer, der Ertrag immer geringer. Ohne verfügbare Energie kommt die Wirtschaft zum Erliegen, d.h.: keine industrielle Landwirtschaft mehr, keine schnellen Transportmittel, keine Zulieferketten, keine Kläranlagen, kein beheiztes Wohnen, auch kein Internet.“6

Jem Bendell, der Erfinder des Konzepts einer „Deep Adaptation“, einer Tiefenanpassung, formuliert als Reaktion auf diese Analyse einige unbequeme Wahrheiten, die zu einer existenziellen Umkehr auffordern: Wir müssen die Hoffnung auf die Fortsetzung unserer Lebensweise jetzt sofort aufgeben. Wir müssen das System stürzen, wo immer von Menschen verlangt wird, an der Planetenzerstörung teilzunehmen. Wir müssen unsere Beziehung zur Schöpfung neu gestalten: nicht nur nachhaltig, sondern regenerativ handeln, das bedeutet: dem Planeten mehr geben als wir von ihm nehmen. Seine Tiefenanpassungsagenda enthält vier Leitlinien. Leitlinie 1 ist die (lokale) Resilienz: lokale Kollektive müssen unterstützt und gestärkt werden. Leitlinie 2 ist Verzicht: bestimmte Vermögenswerte, Verhaltensweisen und Überzeugungen loslassen, v.a. im Blick auf das Konsumverhalten. Leitlinie 3 ist Wiederherstellung/Ökologie: Landschaften renaturieren, nachbarschaftliche Beziehungen reanimieren. Leitlinie 4 ist Versöhnung: Mit der Natur arbeiten statt gegen sie; das radikale Verbundensein erkennen und entsprechend leben.

„Die Kollapsolog*innen und die Anhänger der Tiefenanpassung sind sicher: Die alten Wirtschafts- und Lebensweisen (müssen) sterben. Der Kollaps kommt. Er ist aber nicht das Ende – sondern der Neuanfang. Fragt sich nur, welcher Art. Es geht nun darum, den Übergang ins Danach zu gestalten. Den Kollaps ernst nehmen bedeutet demnach nicht, sich als Konservendosen- und Waffenprepper einzubunkern, sondern sich selbst als politisches Wesen zu erkennen. Die empfohlene Haltung ist dabei die des katastrophenklarsichtigen Pragmatismus: Verstehen, was vor sich geht – und politische Strategien der Resilienz und des Widerstands entwerfen.“7 Zugegeben: auch diese Szenarien sind – wie der Film „Don’t Look Up“ – starker Tobak. Sie rauben mir den Schlaf.

 

Traumgesichte, Ein-Reden: Nächtliche Stimmen und Visionen

Ich nehme die Filmszenen und die Überlegungen der Kollapsologie mit in die Nacht. Es stellen sich unterschiedlichste Bilder und Stimmen ein. Ein Chor singt mit den Worten Johannes des Täufers: „Ändert Euch! Das Leben, das Ihr führt, hat doch kein Ziel! Ändert Euch! Viel zu viel steht auf dem Spiel!“ Die Stimme des persischen Theologen Al Ghazali (1055-1111) mischt sich ein: „You posess only what cannot be lost in a shipwreck!“ Und aus den USA höre ich den Franziskaner-Pater Richard Rohr sagen: „All we do is rearranging the deck chairs on the Titanic!“ Im Halbschlaf sinne ich darüber nach: „Du sollst Dich nicht gewöhnen!“ müsste ein 11. Gebot heißen. Und, weit nach Mitternacht, rumort auch diese bohrende Frage in mir: Welchen Sinn haben gut gemeinte Suizidpräventionsprogramme, für die weder Gelder noch Fachkräfte vorhanden sind, wenn es uns nicht gelingt, an den niederschlagenden Rahmenbedingungen etwas so zu verändern, dass junge Menschen selbst wieder Hoffnung und Mut zum Leben entwickeln? Auch in den kritischen Bereichen der Pflege, der Medizin, der psychosozialen Versorgung und der Schulbildung fallen mir Kollaps-Szenarien ein – so viele Fachkräfte können wir gar nicht ausbilden, um alle Nöte mit „Mehr vom Gleichen“ zu bekämpfen.

In meinen Wachträumen sehe ich Gott weinen über seine Erde. Jesaja ruft dazwischen (Jes. 30,15f): „Denn so spricht Gott der HERR, der Heilige Israels: Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen; durch Stillesein und Vertrauen würdet ihr stark sein. Aber ihr habt nicht gewollt und spracht: ‚Nein, sondern auf Rossen wollen wir dahinfliegen‘, – darum werdet ihr dahinfliehen, ‚und auf Rennpferden wollen wir reiten‘, – darum werden euch eure Verfolger überrennen.“ Nächtliche Gedanken, sie jagen wie im Fiebertraum über mich hinweg. „Unsere Art zu leben“ macht uns krank. Die Schlaflosigkeit, unter der so viele leiden, könnte ein wichtiges Signal sein, das es nicht zu betäuben, sondern zu verstärken gilt: Was bringt dich um den Schlaf? Wieso laugen wir uns selbst und unsere Welt so gnadenlos aus? Höchste Zeit, sich geistlich, spirituell zu beunruhigen. Verlängerte Öffnungszeiten im eschatologischen Büro?

 

Gemischte Allianzen: Sprechende Buchrücken im spärlich beleuchteten Arbeitszimmer

Beim nächtlich-unausgeschlafenen Blick auf mein Bücherregal fallen mir einige meiner Lieblingsbücher auf. Die Bonhoeffer-Sammlung weckt Erinnerungen an meine Studien zur Frage nach einem religionslosen Christentum. Ein 1980er-Jahre-Taschenbuch von Jim Wallis, „Bekehrung zum Leben. Nachfolge im Atomzeitalter“, lässt Bilder von einer Jugendfreizeit in Dänemark aufsteigen und in mir die Frage, wo diese radikale und revolutionäre Energie von damals hingegangen ist. Daneben spricht Michael Trowitzschs Buch „Technokratie und Geist der Zeit“ zu mir: Nimm. Lies.

Ich schlage das Buch von 1988 auf und lese, was ich mir damals angestrichen habe. Über ein vermeintlich „grünes Wachstum“ und den Hoffnungen auf technische Lösungen der Klima- und Ressourcenkrisen formulierte er damals schon weitsichtig: „Was sich unwiderstehlich, unverzichtbar, zwangsläufig gibt, hat sich furchtbarerweise zum Soteriologischen aufgeworfen. Als dringend zu überprüfen erweist sich die gängige Auskunft, die Technik sei Mittel und Werkzeug, dessen man sich in freier Entscheidung zum Guten oder zum Bösen bedienen kann, auf dessen verantwortlichen Gebrauch alles ankommt, über dessen Verwendung in Ethik-Kommissionen per Expertise zu befinden, das gesamtgesellschaftlich – durch Wertsetzung, durch Planung, durch das Ergreifen geeigneter Maßnahmen – zu regulieren ist … Das Stichwort ‚Technokratie‘ soll eine elementare und umfassende Herausforderung der Theologie bezeichnen. Es geht um mehr als um einen einzelnen Gegenstandsbereich christlicher Aktionen und Passionen. Vor den Risiken spezieller Techniken zu warnen ist vermutlich vergeblich, gleichwohl notwendig – genügt aber bei weitem nicht. Das zu Recht geforderte ‚Umdenken‘ könnte weitere Bereiche, tiefere Begründungszusammenhänge und zwingendere Selbstverständlichkeiten in Mitleidenschaft ziehen, als uns lieb ist.“8

Es ist frappierend: Alles ist bereits gedacht worden, alles ist bereits entfaltet. Der schwäbische Dichter und Landwirt Christian Wagner hat schon 1906 unter dem Titel „Schonung alles Lebendigen“ berührende Überlegungen zum Tierwohl, zum Militarismus und zur Fremdenfeindlichkeit angestellt, auch dieses schmale Büchlein in meinem Regal atmet den Geist eines erdverbundenen Einzelgängers, seiner Zeit weit voraus.9 Es steht direkt neben den Büchern von Jörg Zink, dessen Faltblatt „Die letzten sieben Tage der Schöpfung“10 aus den 1970ern noch immer aktuell ist. Aus Kurt Martis Spätsätzen lese ich nochmals von der „Heiligen Vergänglichkeit“, und daneben, untergemischt wie das Salz in der Suppe, Irvin Yaloms Bestseller „Denn alles ist vergänglich: Geschichten aus der Psychotherapie“.

Die Stimmen sind nicht mehr zu überhören. Im Angesicht eigener Endlichkeit und der Begrenztheit aller „Dinge“, die mich umgeben, angesichts der anhaltenden Ausnutzung, die der Mensch über seine Mitwelt bringt und nicht aufhört, geht mir das radikale, revolutionäre „Ändert Euch!“ des Täufers nicht mehr aus dem Sinn.

 

Innehalten, Aushalten, Umkehren: Im Morgengrauen

Mit einer starken Tasse Kaffee setze ich mich in die Küche. Nicht der schlechteste Ort für das Gespräch, auch mit mir selbst. Es scheint – fast in klösterlicher Manier – notwendig, in gewisser Abkehr von der Öffentlichkeit und im Rückzug damit anzufangen, einfach(er) zu leben, Verzicht einzuüben, das Aufhören zu probieren. Wie wäre das, in unseren Kirchen ein Jahr des Fastens und Schweigens auszurufen angesichts der dramatischen Krisen und Abbrüche? Ein Jahr lang keine (oder zumindest mal „sieben Wochen ohne“)11 Verlautbarungen, keine Stellungnahmen, keine innovativen12 Projekte? Das könnte beinhalten: Hohn, Verspottung, Kopfschütteln, Kritik. Spirituell gesprochen umfasst das auch die Dimension des Martyriums, der Glaubenszeugnisses, das mich etwas kosten wird. Die vorrangige Option für die Armen, das Loslassen von vermeintlichen Standards, der Verzicht auf Konsum in den Bereichen Mobilität, Ernährung, private Besitztümer könnte eine Form heilsam entlastender und entschleunigender Umkehr sein.

Im Blick auf die kommenden Generationen13 halte ich alle Initiativen, die hier den Blick weiten und das „Weiter so“ unterbrechen, für verheißungsvoll, für heilsam an Leib und Seele: Repair-Cafés, Urban Gardening, Tauschzirkel, Solidarische Landwirtschaft, Permakulturinitiativen, Car-Sharing sind genauso wichtig wie die kontemplativen Projekte einer „Woche der Stille“ oder die Stärkung von Einkehr- und Meditationszentren wie das von Franziskaner-Pater Richard Rohr gegründete „Center for Action and Contemplation“ in Albu­querque oder der Benediktushof bei Würzburg. Vielleicht sind diese Orte Modelle für uns Christen: Orte des Innehaltens, an denen der Schmerz und dann, aber erst dann auch der Trost ihren Platz haben. Die jährlich fast 3.000 Gespräche in unserer Krisenberatungsstelle sind für mich auch solche Räume, wo der Schmerz und die Tränen ausgehalten werden, damit Menschen in einer sie überfordernden Zeit zur Besinnung kommen können.

Wie im Film „Don’t Look Up“ könnten Bilder wie das der endzeitlichen Mahlgemeinschaft zum eschatologischen Symbol werden für ein Christentum, das im Schmerz zusammensteht und sich in der Ohnmacht nicht wegduckt. Und vielleicht würde ein „Revolutionäres Christentum“ (Jürgen Manemann)14 nach dem Durchgang durch den Schmerz auch die Sprengkraft der biblischen Zeugnisse neu aufgreifen und den ­Glauben mitten im Leben widerständig verorten.

 

Noch nicht zu Ende gedacht: Das Aufhören, das Unterbrechen

Am Ende kein Anfang. Kein: Hier ist die Chance mitten in der Krise. Am Ende ein Ende. Aushalten. Im Schmerz bleiben. Keine Lösungsorientierung. Im Schmerz die Liebe spüren. Aus Traum und Tränen sind wir gemacht, schrieb Lothar Zenetti. Komm, Heiliger Geist, und beunruhige Deine ganze Christenheit! Und fange bei mir an. Die Unterbrechung des Alltags durch den Sabbat-Gedanken, das Aufhören, scheint mir wichtiger denn je.15 Die kürzeste Definition von Religion: Unterbrechung (J.B. Metz). Vielleicht, so denke ich vorläufig, sind wir als Christen inmitten der nicht unwahrscheinlichen Kollaps-Szenarien mehr denn je herausgefordert, weniger zu reden, weniger zu publizieren (ja, wie ironisch, dass ich das hier schreibe), weniger darauf zu achten, ob und wie wir als Christen, als Kirche in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Und mehr zu leben, zu tun, zu praktizieren, was zur Umkehr anleitet. „Wir bräuchten ein Kulturmodell, in dem die Schönheit des Aufhörens den Stellenwert bekommt, der für die Fortsetzung des zivilisatorischen Projekts notwendig ist. Die Verbesserung, gar Optimierung von Prozessen, die in die falsche Richtung laufen, verschlimmert alles. Aufhören tut not, man muss es als menschliche Kulturtechnik wieder ­lernen.“16

In den Gesprächen unserer Krisenberatungsstelle wird mir Tag für Tag deutlich, dass depressive, hochsensible oder verängstigte Menschen in ihren seelischen Krisen einen hohen Preis bezahlen für „unsere Art zu leben“.17 Und da geht es längst nicht nur um Fragen des Klimas, es geht um Arbeits- und Informationsverdichtung, um Selbstoptimierung, um Mediennutzung und den Verlust an haltgebenden Strukturen, auch in unseren Kirchen. Ob und wie es uns gelingt, in unseren Kirchen gemeinsam einen neuen enkeltauglichen Lebensstil zu entwickeln? Ob wir an den richtigen Stellen in Kontakt sind mit denen, die „unterm Rad“ sind? Ich bin mir da nicht sicher … Aber vielleicht wäre es doch weise, zwischenzeitlich erweiterte Öffnungszeiten im eschatologischen Büro zu erproben.18

 

Anmerkungen

1 Ich habe diese Fragestellung, ausgehend vom Fokus auf individuelle Endlichkeit, zuvor entfaltet in: Endlich leben – endlich Kirche sein: ein personzentriert-pastoraltheologischer Zwischenruf. DPfBl 117 (2017), 89-92.

2 Journal Supervision: Inspirationsdienst der Deutschen Gesellschaft für Supervision und Coaching e.V. Köln, 1/2024.

3 Heiko Schulz, Die wichtigsten Positionen und Argumente der Denkrichtungen „Kollapsologie“ und Deep Adaptation. Journal Supervision 1/2024, 17.

4 P. Servigne/R. Stevens (2021): Wie alles zusammenbrechen kann. Handbuch der Kollapsologie, Mandelbaum Kritik & Utopie.

5 Wie Anm. 3.

6 A.a.O., 18.

7 A.a.O., 19.

8 Michael Trowitzsch (1988): Technokratie und Geist der Zeit: Beiträge zu einer theologischen Kritik, 3.

9 Vgl. dazu z.B. schon Christian Wagner, Schonung alles Lebendigen: Schriften aus dem Alltag 1901-1915, Warmbronner Schriften 27, hrsg. von A. Kuhn, Warmbronn 2014.

10 Weiterhin zugänglich auf: https://www.joerg-zink.de/die-letzten-sieben-tage-der-schoepfung/, abgerufen am 26.04.2024.

11 Vgl. das Projekt „Entschleunigung, Einkehr, Selbstreflexion“ am Karlsruher Transformationszentrum für Nachhaltigkeit und Kulturwandel KAT, mit der Verabredung, sich alle 6-7 Wochen in einer „Fokuswoche“ Zeit für vertiefte und konzentrierte Arbeit zu nehmen, möglichst ohne Ablenkung und Meetings, https://www.transformationszentrum.org/news_selbstversuch-entschleunigung.php, abgerufen am 26.04.2024.

12 Vgl. dazu auch Harald Welzer (2021), Nachruf auf mich selbst: Die Kultur des Aufhörens, Frankfurt, 27: „Dass gegenwärtig der Begriff der Innovation den des Fortschritts ersetzt zu haben scheint, ist kein Zufall: denn die Innovation braucht keine normative Referenz, sie ist ja schon erreicht, wenn etwas neuer ist als etwas anderes, unabhängig von der Frage, ob es überhaupt der Erneuerung bedurfte. Wir haben leider keine Methodik des Aufhörens, weil es dem magischen Denken unserer gegenwärtigen Sinnwelt nach ja immer weitergeht und Endlichkeitsprobleme systematisch nicht existieren.“

13 Der Verfasser dieser Zeilen hat selbst zwei erwachsene Söhne – und dankt ihnen für Austausch, Inspiration und Aktion im Blick auf diese Themenfelder!

14 Vgl. Jürgen Manemann (2022), Revolutionäres Christentum: ein Plädoyer.

15 Vgl. Abraham J. Heschel (1990), Der Sabbat: Seine Bedeutung für den heutigen Menschen. Eine weitere Frage wäre, welche Inspiration wir aus historischen Vorbildern im Zusammenhang von „Unterbrechung“ gewinnen könnten, z.B. Luthers Predigtstreik (1530) oder das „Bed-In“ von John Lennon und Yoko Ono (1969).

16 H. Welzer (2021), Nachruf auf mich selbst, 144. Und aus anderer Perspektive dazu: Byung-Chul Han (2022), Vita contemplativa oder von der Untätigkeit.

17 Vgl. Charles Eisenstein (2020), Wut, Mut, Liebe: Politischer Aktivismus und die echte Rebellion, 60: „Das soziale Klima, das Beziehungsklima, das psychische Klima und das globale Klima sind untrennbar.“

18 Vgl. dazu, ausgehend von Ernst Troeltschs legendärem Zitat, das eschatologische Bureau sei heutzutage zumeist geschlossen, den klugen Artikel von Ulrich Engel OP (2013), „Verantwortet handeln im Horizont der befristeten Zeit“, https://www.feinschwarz.net/verantwortet-handeln-im-horizont-der-befristeten-zeit/, abgerufen am 26.04.2024: „Die Zeit, die bis zum Ende noch bleibt, gilt es zu nutzen. Sie ist ‚Heute‘ und ‚Jetzt‘. In diesem Heute und Jetzt fallen alle drei zusammen: Geschichte, Gegenwart und „die Zeit, die bleibt“. Dieses Ineinsfallen der drei Zeiten nannte Walter Benjamin „Jetztzeit“. Sie, die Jetztzeit, verleiht dem Leben – vor allem dem geschundenen – erst Qualität.“

 

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer Christoph Lang, Pfarrer für Beratende Seelsorge, Personzentrierter Coach (GwG) und Supervisor (DGSv), evangelischer Leiter der ­Ökumenischen Krisen- und Lebensberatungsstelle ,brücke‘ in Karlsruhe.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 6/2024

1 Kommentar zu diesem Artikel
24.06.2024 Ein Kommentar von Beate Hübner Lieber Christoph, vielen Dank für diesen wertvollen Artikel. Ich denke, dass diese Realität uns in der Beratung mehr tangiert, als es jemals zur Sprache kam. "Don't look up" und doch spüren wir alle die Bedrohung. Bei uns in Konstanz ist der Bodensee und der Rhein über die Ufer getreten. Die Menschen schauen sich das bedächtig, leise, sprachlos an. Nur die Kinder springen freudig durch das flache Wasser auf den übergetretenen Flächen. Und jetzt? Der Klimawandel wird sichtbar, die diffuse Angst ausgeprägter. Die Abwehr braucht Energie und die Sensiblen verzweifeln mehr. Diese Gefühlslagen gehören in die Beratung. Vielen Dank dass du es so greifbar formuliert hast. Liebe Grüße Beate Hübner
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