In den letzten 20 Jahren ist ein starker Anstieg des Interesses an geistlichem Leben bei Studierenden und jungen Erwachsenen wahrzunehmen. Dem entsprechen verstärkte Angebote von evangelischen Kommunitäten und Einkehrhäusern vielerorts. Corinna Hirschberg gibt einen kleinen Einblick in Kursformate und Elemente geistlicher Einübung.

 

Seit einigen Jahren gibt es vielerorts verstärkte Bemühungen, Studierende und junge Erwachsene mit Formen des geistlichen Lebens bekannt zu machen; und dies in einer zweifachen Bewegung. Zum einen bieten vermehrt evangelische Kommunitäten Langzeit- oder Wochenendkurse für Studierende und/oder junge Erwachsene an (z.B. von 16-26 Jahren oder 20-40 Jahren), zum anderen gehen gerade Evang. Studierendengemeinden (ESGn) häufiger für ein Wochenende oder ein paar Tage in Klöster und Kommunitäten, um dort das geistliche Leben kennen zu lernen und an den Tagzeitgebeten teilzuhaben. Die Formate variieren von Auszeit- oder Einkehrwochenenden, Exerzitien im Advent, Kloster auf Zeit bis hin zu Exerzitien im Alltag.

 

Angebote und Formate

Integrierbar in das normale Leben sind die sogenannten „Exerzitien im Alltag“, für die sich eine Gruppe junger Menschen verabredet, z.B. eine Woche lang jeden Morgen, manchmal unter Zuhilfenahme einer App, ein gemeinsames geistliches Leben zu führen. Anregungen und spirituelle Impulse werden dabei miteinander geteilt, mit denen sich jede*r selbst auseinandersetzt. Eine gemeinsame Reflexionszeit am Ende der Woche ist aus meiner Sicht unabdingbar.

Ähnliche Formate finden wir in der Passionszeit, in der sich eine Gruppe von Studierenden oder jungen Erwachsenen verabredet, diese sieben Wochen gemeinsam in geistlicher Hinsicht zu gestalten. Die Gruppenmitglieder erzählen sich zu Beginn, inwiefern sie diese Passionszeit besonders erleben möchten, ob sie z.B. auf etwas verzichten oder anderen Menschen mehr Aufmerksamkeit schenken möchten. Ostern und die Auferstehung Jesu können so verstärkt erfahrbar werden. Unterstützen können dabei im geistlichen Erleben z.B. die Materialien der evangelische Fastenaktion „7 Wochen ohne“; dieses Jahr „Komm rüber – 7 Wochen ohne Alleingänge“ oder die Fastenbriefe „7 Wochen anders leben 2024“ von Andere Zeiten e.V.

 

 

Der Bundesverband der Evangelischen Studierendengemeinden fördert diese Entwicklung, dass die Suche und Sehnsucht nach Spiritualität und geistlichem Leben zunimmt und in den ESGn verstärkt gelebt wird. So bietet er seit einigen Jahren im Herbst in Kooperation mit der Kommunität Wülfinghausen (Niedersachsen) fünf Tage Kloster auf Zeit für Studierende an. Dieses Angebot ist ganz besonders auf die Bedürfnisse von Studierenden ausgerichtet: so liegt es zumeist in den Semesterferien, meistens sogar direkt vor Beginn des Wintersemesters der Universitäten. Studierende haben hier die Möglichkeit, eine Auszeit vom Alltag zu nehmen und sich in den klösterlichen, kommunitären Rhythmus einzufinden. Über die Tagzeitgebete hinaus erhalten sie Anregungen für ihr eigenes geistliches Leben, indem sie Formen wie das kontemplative Gebet, Schriftmeditation, Bibliodrama und Eutonie kennenlernen. Außerdem können sich ihnen Erfahrungsräume öffnen, indem sie im geschützten Rahmen über ihre Erfahrungen und ihr Glaubensleben mit Kommiliton*innen ins Gespräch kommen. Dabei werden Einzelgespräche aus meiner Erfahrung intensiv nachgefragt, in denen die je eigenen ­Lebens- und Glaubensthemen zur Sprache kommen.

 

Zur Akzeptanz der Angebote

In den letzten 20 Jahren ist ein starker Anstieg des Interesses am geistlichen Leben überhaupt bei Studierenden und jungen Erwachsenen wahrzunehmen. Die Ursachen dafür mögen zahlreich sein; möglicherweise hat es auch mit Phänomenen wie Selbstoptimierungszwang und Achtsamkeitsperspektiven zu tun. Die Entwicklung von geistlichen Formaten können hier einerseits als Gegenbewegung verstanden werden, manchmal siedeln sie sich aber auch an Achtsamkeitsstrategien an oder umgekehrt. Wie dem auch sei, Angebot und Nachfrage sind jedenfalls beide in den letzten Jahren und Jahrzehnten stark gestiegen.

 

 

Für die ESGn bedeutet das, dass die liturgischen und geistlichen Formate sowohl quantitativ wie qualitativ zugenommen haben und in sich ausdifferenzierter sind. Gab es vor 20 Jahren in vielen ESGn eine Andacht in der Woche, finden sich nun neben einem Gottesdienst zusätzlich auch Morgengebete oder/und Taizéandachten und Meditationsabende und, übers Semester verteilt, weitere Angebote wie Einkehrwochenenden, Dinner Church und Liturgische Nächte. Diese Angebote tragen der gestiegenen Suche nach einer Gotteserfahrung Rechnung.

Gleichzeitig lässt sich aber auch – in entgegengesetzter Richtung zur Sehnsucht nach einer Gotteserfahrung – eine Art Hemmschwelle bei Studierenden und jungen Erwachsenen erkennen, sich der Stille, Gott und dem eigenen Selbst auszusetzen. Diese Angst vor dem Zurückgeworfensein auf sich selbst, vielleicht auch vor dem horror vacui drückt sich häufig darin aus, dass vermehrt mit kurzfristigen Absagen vor einem Klosteraufenthalt o.ä. zu rechnen ist, die natürlich auch andere Gründe haben können. Sie kommt aber auch in persönlichen Gesprächen zutage. Dies zeigt sich daran, dass Studierende im Kloster vermehrt zum ersten Mal die Erfah­rung der absoluten Stille machen.

 

Elemente geistlichen Lebens

Exerzitien für junge Menschen haben zum Ziel, Studierenden und jungen Erwachsenen ein intensives Kennenlernen von verschiedenen Formen des geistlichen Lebens zu ermöglichen. Sie können das tun, in dem sie getragen sind vom Rhythmus des kommunitären Lebens und eingebunden sind in eine Gemeinschaft auf Zeit.

Als Formen des geistlichen Lebens, die in Einkehrtagen und Exerzitien kennengelernt und erprobt werden, stehen im Mittelpunkt meistens die Tagzeitgebete der Kommunität, die mit ihren Gesängen und ihrer besonderen Liturgie häufig zunächst als fremd wahrgenommen werden. Viele Teilnehmende berichten aber, dass sie mit zunehmender Dauer des Aufenthaltes sich von dem Rhythmus der Gebete tragen lassen können.

Das kontemplative Gebet, oftmals in Form des Herzensgebetes, spielt ebenfalls eine große Rolle, zumal es sich gut auch zuhause in den Alltag integrieren lässt. Aus meiner Erfahrung verändert es das eigene Lebensgefühl nachhaltig, wenn diese Gebetsform, die ohne innerlich gesprochene Worte auskommt, ins eigene Leben integriert ist. In diesem Gebet geht es darum, sich Gott mit seinem ganzen Menschsein zu öffnen und ihm in einem Vertrauensraum, sozusagen von Herz zu Herz, zu begegnen. Die Nichtwahrnehmbarkeit Gottes, muss dabei auch ausgehalten werden, wenngleich sie nichts darüber aussagt, ob Gott gegenwärtig ist oder nicht. Diese Gebetsform existiert bereits seit der Alten Kirche und verwendet ein sogenanntes Herzwort, ein kurzes Bibelwort (wie z.B. „Jesus, erbarme dich meiner“, Mk. 10,47), mit dem sich die betende Person wieder in Gottes Gegenwart einschwingen kann, sollten sich Alltagsgedanken nach vorne drängen.

Im Herzensgebet geht es darum Gottes Gegenwart in unserem Leben wahrzunehmen; das wird erleichtert, wenn wir selbst mit Leib und Seele gegenwärtig sind. Dafür können Körperübungen helfen, die den aktuellen Zustand des Leibes wahrnehmen. Die Eutonie hat sich dabei bewährt. Sie nimmt die „gute Spannung“ (griechisch: eu = gut; tonus = Spannung) im Körper wahr, ohne sie verändern zu wollen. Aber durch das Hinspüren verändert sich oftmals etwas wie von allein zum ­Positiven.

Einen anderen Zugang zum geistlichen Leben vermittelt die Schriftmeditation. In ihr wird eine Bibelstelle betend betrachtet – nicht exegetisch unter die Lupe genommen. Schon Martin Luther sagte: „Die Bibel ist ein Kräutlein: Je mehr man es reibet, desto mehr duftet es.“ In diesem Satz steckt die Erfahrung, dass Glaube Nahrung, also Begegnungsräume mit Gott braucht. So ein Raum soll in der Schriftmeditation eröffnet werden, die Textstelle wird also zum „Zelt der Begegnung“, indem ich meine Phantasie und Vorstellungskraft und mein ganzes Sein mit einbeziehe. Sinnvollerweise folgt die Schriftmeditation einem in sich schlüssigen Ablauf: In einem Gebet bitte ich Gott, dass er mir in dem Bibeltext begegnen möge. Ich lese den Bibeltext langsam Wort für Wort durch. Dabei werden Szenen und Begebenheiten lebendig, es entstehen Gerüche, Farben und Geräusche.

Ich lese den Text langsam wiederholt durch und achte darauf, was mich innerlich bewegt, berührt, anspricht und nehme alle meine (auch die negativen!) Gefühlslagen dazu wahr. Ich verweile bei dem, was mich persönlich anspricht und bewegt, bis es sich „erschöpft“ hat; dazu können Impulsfragen von außen als Angebot hilfreich sein. Die betende Betrachtung der Bibelstelle endet in einem Gebet, in dem ich Gott danke für das, was er mir gezeigt hat; ich kann ihm sagen, was mich bewegt, beschäftigt, berührt. In kurzen prägnanten Sätzen kann ich nach Abschluss der Schriftmeditation für mich festhalten, was mich bewegt hat. Wenn es die Gelegenheit gibt, kann es hilfreich sein, mit einer*m Partner*in über die eigenen Erfahrungen in der Schriftmeditation wechselweise zu sprechen.

Wieder ganz andere Aspekte des geistlichen Lebens kommen in der Umsetzung des Bibeltextes mit Hilfe von bibliodramatischen Elementen zum Tragen. Für diese Methode eignen sich am besten Erzähltexte. Hierbei versetzen sich die Teilnehmenden in eine Rolle (das können auch Dinge sein) und versuchen die Gefühle und Stimmungen in eine Haltung und in einer Art Interview in Worte zu bringen. Eigene Erfahrungen und Gefühle kommen hier zur Sprache – manchmal für die Teilnehmenden selbst ganz unerwartet.

Der eigene Lebensweg in religiöser Hinsicht steht im Mittelpunkt der glaubensbezogenen Biographiearbeit. Mit Hilfe vom ins Bild gesetzten Lebensweg werden Erfahrungen der Nacht, behütete und vertrauensvolle Wegstrecken im eigenen Leben sichtbar und für andere erkennbar. Diese Methode kann dabei helfen, herauszufinden, an welcher Stelle ich in meinem Lebensgespräch mit Gott aktuell bin, und Perspektiven für die Zukunft aufzuzeigen.

Das Gebet der liebenden Aufmerksamkeit wird am Abend gesprochen und eröffnet die Möglichkeit, alles am Tag Erlebte betend vor Gott zu bringen. Dabei können die Goldkörnchen des Tages gesammelt und dankbar vor Gott gebracht werden.

Bei einem Kloster-auf-Zeit-Aufenthalt für Studierende, erlebe ich oft junge Erwachsene, die sich intensiv mit ihrem Glauben und Leben auseinandersetzen. Auch von außen lassen sich manchmal eine intensive Suche nach einer Gottesbegegnung und das Ringen um den eigenen Lebensweg gut erkennen. Oft bedingt das eine das andere. In den Einzelgesprächen kommen so auch ganz konkrete Themen zur Sprache wie Partnerschaft, Ablösung vom Elternhaus, die eigene Lebensplanung, geistliche und andere Krisen sowie die Frage nach Möglichkeiten für ein gelebtes geistliches ­Leben im Alltag.

Oftmals lässt sich für uns, die wir die Tage geistlich begleiten, gut ein Unterschied in der Stimmung der Studierenden feststellen: Wenn sie kommen, wirken sie häufig angespannt; am Ende der Zeit wirken die meisten deutlich gelöster und befreiter.

Das Kloster auf Zeit für junge Menschen hat so mehrere Funktionen: Es handelt sich um eine Zeit der Entschleunigung, in der der Alltagsstress abgebaut werden und aus der Spirale der Selbstoptimierung ausgebrochen werden kann. An solchen Orten ist Zeit dafür da, „Dinge hoch kommen zu lassen, die ich lange Zeit verdrängt hatte und das in Gesprächen mit Euch ordnen zu können“, so teilt es eine Studentin mit. Dagegen kann in Selbstreflektion das eigene Handeln der letzten Zeit betrachtet werden. Das Kloster auf Zeit stellt auch einen Ort dar, an dem alle gesehen werden, mit allem, was sie gerade ausmacht und was sie zeigen wollen. Es ist ein Ort, an dem auch das Glaubensleben (wieder) in den Fokus rücken kann und manchmal durchaus auch ein Vertrauensverhältnis zu Gott (wieder)gefunden wird.

Eine Frage, die viele Studierende und junge Erwachsene bei Exerzitien und Einkehrtagen beschäftigt, ist, wie sie die gemachten geistlichen Erfahrungen in den Alltag transportieren können. So erzählt ein junger Mensch, dass „ich überraschend viele Anregungen und ‚Aufgaben‘ mit nach Hause nehme“. Der Aufenthalt in einer Kommunität gibt also Impulse und Anregungen für Formen des geistlichen Lebens, die sich auch im Alltag umsetzen lassen.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrerin Corinna Hirschberg, Bundesstudierendenpfarrerin und Leitung der Evang. ­Studierendengemeinden (ESG) in Deutschland, Hannover.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 6/2024

Kommentieren Sie diesen Artikel
Pflichtfelder sind mit * markiert.
Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.
Spamschutz: dieses Feld bitte nicht ausfüllen.