Kann die Kirche sich ihre Kindertagesstätten vor dem Hintergrund von Fachkräftemangel und geringer werdenden Kirchensteuermitteln noch leisten? Kann sie die Bau- und Renovierungslasten ihrer Gebäude künftig noch tragen? Sollte die Kirche sich nicht hauptsächlich um ihren Verkündigungsauftrag kümmern und die noch vorhandenen Finanzen für die Gebäude einsetzen, die sie für ihren ureigensten Auftrag benötigt? Doch Kindertagesstätten gehören zum Verkündigungsauftrag der Kirche. So hat das jedenfalls Regine Jolberg gesehen, an deren Pionierleistung Adelheid von Hauff hier erinnert.*

 

Dass die religiöse Erziehung in der frühen Kindheit beginnt, ist aus diversen Studien bekannt. Dass die religiöse Sozialisation für die spätere Kirchenbindung von immenser Bedeutung ist, zeigt die 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung1. Der Unterhalt von Kindertagesstätten gehört sowohl zum Verkündigungsauftrag als auch zum diakonischen Auftrag der Kirche. So zumindest sah das Regine Jolberg, die Gründerin der Kinderpflegen in Baden, als sie 1840 mit diakonischer, pädagogischer und religiöser Absicht die Kinder ihrer unmittelbaren Umgebung um sich scharte. Unmittelbar nach Gründung ihrer Ausbildungsstätte für Kinderpflegerinnen schrieb sie 1847 in dem christlichen Publikationsorgan „Reich Gottes“ Nr. 11: „Es gehört zu den eigenen Führungen und Erziehungsmitteln des Herrn, gerade in einer Zeit eine Anstalt zu gründen und zu vergrößern, wo die äußeren Mittel sich zu vermindern scheinen.“

 

 

Zur Biografie Regine Jolbergs

Regine Jolberg wurde am 30. Juni 1800 in Frankfurt geboren. Sie war die Tochter des Bankiers und jüdischen Gemeindevorstehers David Zimmern und der aus Frankfurt stammenden Sarah geb. Flörsheim. Ihre Kindheit verbrachte sie in einem großzügigen Barockpalais in Heidelberg.

Sie war das drittälteste Kind von elf Geschwistern und wurde zusammen mit ihren Brüdern von Privatlehrern unterrichtet. Als Kind jüdischer Eltern lernte sie Hebräisch, ohne wirklich in der jüdischen Religion unterwiesen zu sein. Vierzehnjährig besuchte sie für zwei Jahre ein christliches Pensionat und erkannte dort, „dass sie doch gar keine Religion hätte.“

Längst war auch im Hause Zimmern das orthodoxe Judentum von dem modernen verdrängt worden. Ihr Bruder Sigmund, ein bedeutender Rechtsgelehrter, war der erste im Kreis der Geschwister, der sich taufen ließ. Sie selbst trat im Jahr 1826 zusammen mit ihrem zweiten Mann Salomon Jolberg und ihren beiden Töchtern aus erster Ehe zum christlichen Glauben über. Ihr erster Mann war bereits 1825 verstorben.

Nachdem kurz nacheinander die beiden Töchter aus zweiter Ehe und im Mai 1829 auch ihr zweiter Ehemann verstarben, sah Regine Jolberg ihre wichtigste Aufgabe in der Erziehung der beiden Töchter aus ihrer ersten Ehe. Sie las die Erziehungsschriften von Pestalozzi, Rousseau und Jean Paul, schrieb jedoch an ihren Vater: „Ich will meine Kinder erziehen, und weder Rousseau noch Jean Paul noch Pestalozzi; eine Mutter soll nur Hilfsmittel suchen, aber sie selbst ist die beste Erzieherin.“

Mittlerweile lebte sie in Stuttgart, wo sie mit dem dortigen Pietismus in Berührung kam. Auf der Suche nach einem ihr entsprechenden Beruf trugen sowohl sozialpädagogische als auch religiöse Motive dazu bei, dass Jolberg im Jahr 1840 mit ihren Töchtern nach Leutesheim bei Kehl (Baden) übersiedelte und die vakante Strickschule der dortigen Pfarrfrau übernahm. Bald kamen Scharen von Kindern in das Haus und den Garten der netten Kinderfreundin. Am 16. März 1843 wurde Jolberg von der Oberschulkonferenz in Karlsruhe die Genehmigung zur Eröffnung einer Kleinkinderbewahranstalt erteilt.

Bereits ein Jahr später begann sie mit der Ausbildung von Kleinkinderpflegerinnen in einem zuvor gekauften Haus. Um die behördliche Genehmigung dieser Bildungsanstalt bat sie im Nachhinein. Die anfängliche Verweigerung derselben hinderte Regine Jolberg weder an ihrer Arbeit noch an erneuten Eingaben an das Großherzogliche Staatsministerium. Von dort erhielt sie am 24. August 1846 die Nachricht, dass es für ihre Bildungsanstalt überhaupt keiner Genehmigung bedürfe, da sie nur Mädchen in ihr Institut aufnähme, die nicht mehr schulpflichtig seien.

Regine Jolberg bildete Kinderpflegerinnen aus und begleitete diese an ihre jeweiligen Einsatzorte in ganz Baden. Sie setzte sich dafür ein, dass die jungen Frauen in geeigneten Räumen arbeiten und wohnen konnten, verhandelte mit den Gemeindevorstehern und Pfarrern über die Arbeitsbedingungen der Kinderpflegerinnen und visitierte diese auch in größeren Zeitabständen. Zu ihren Bedingungen für die Einrichtung von Kinderpflegen gehörte, dass nicht mehr als 60 Kinder in einer Gruppe sein sollten und den Frauen ein jährlicher Erholungsurlaub von sechs Wochen zugestanden wurde.

Da die „Anstalten für das zarte Kindesalter keine Schulen im eigentlichen Sinn des Wortes sein sollen“, nannte Regine Jolberg die durch sie entstandenen Einrichtungen weder Kinderschulen noch Kleinkinderbewahranstalten, sondern Kinderpflegen.

Bedingt durch die Revolution in Baden musste die Bildungsanstalt 1849 nach Langenwinkel fliehen, um dann im Jahr 1851 in einem Schlösschen in Nonnenweier bei Lahr (Baden) endgültig Heimat zu finden.

Als die Pädagogin am 5. März 1870 starb, bestanden 256 von ihr gegründete Kinderpflegen, die mit 282 von ihr ausgebildeten Kinderpflegerinnen besetzt waren. Schülerinnen aus Deutschland, der Schweiz, aber auch aus Afrika und Indien haben die Bildungsanstalt Regine Jolbergs durchlaufen.

Regine Jolbergs Anliegen war es, „dass die Anstalt eine ganz weibliche bleiben“ müsse. Dies änderte sich 1917. Nachdem das Mutterhaus für Kinderpflegerinnen dem Kaiserswerther Verband beigetreten war, wurde es gemäß den Statuten dieses Verbandes als Diakonissenhaus mit einem männlichen Vorsteher und einer weiblichen Oberin geführt. Gegenwärtig gibt es nur noch wenige Diakonissen im Mutterhaus. Die Bildungsanstalt selbst ist zur „Evangelischen Fachschule für Sozialpädagogik Regine Jolberg“ in Lahr geworden.

 

Regine Jolberg als Erzieherin ihrer Töchter

Nach dem Tod ihres zweiten Mannes bezeichnet Regine Jolberg das „Muttersein“ als ihren Beruf. Um die Kontinuität ihres pädagogischen Denkens aufzuzeigen, erscheint es mir geboten, auf ihre Erkenntnisse aus jener Zeit hinzuweisen.

Regine Jolberg geht bei der Erziehung ihrer beiden eigenen Töchter und einer Pflegetochter gezielt vor. Ein erster Versuch, schriftlich festzuhalten, was ihr für die Erziehung ihrer Töchter als wesentlich erscheint, sind „feste Regeln“, die sie für sich selbst entwirft und in ihrem Tagebuch festhält:

Feste Regeln:

1. Jede Sache, Spiel oder Arbeit, wieder an ihren Platz, wenn sie gebraucht ist.

2. Allen kleinen Verlegenheiten Emma’s muss Mathilde abhelfen. Ebenso Emma, wo sie kann.

3. Anständiges Sitzen, Gehen und Stehen. Die Kinder müssen auf der Straße, so lange wir noch in der Stadt sind, beide an meiner Seite gehen, ohne zu springen. Ich will sie im Marschieren üben, um die aufrechte, gerade Haltung und das Auswärtssetzen der Füße zu erlangen, sie sollen tanzen und singen, sie sollen kleine gymnastische Übungen machen; vom Tische springen, über ein Seil, eine Stange usw.

4. Wenn Erwachsene bei mir sind, dürfen die Kinder nur sprechen, wenn man sie fragt, und nie laut werden.

5. Die bestimmten Stunden zu ihren Arbeiten halten.

6. Ihre Sinne will ich üben a) im Sehen, b) im Vergleichen, c) im Unterscheiden, d) im Zerlegen, e) im Zusammensetzen.

Heiterkeit und Festigkeit sind die wirksamsten Erziehungsmittel bei den Kindern.“

Auch wenn nicht jeder dieser Regeln zugestimmt werden kann, so lassen sie doch Prinzipien erkennen, die zeitlos sind. In den Punkten eins und fünf legt Regine Jolberg Wert auf das Einhalten bestimmter Ordnungen. Sport hat für die Pädagogin innerhalb ihres erzieherischen Wirkens eine zentrale Bedeutung. Die soziale Komponente der Erziehung spricht sie mit der gegenseitigen Hilfe an. Das Lernen mit allen wird unter Punkt 6 angesprochen. Den von Jolberg formulierten Regeln sind Heiterkeit und Festigkeit als wirksamste Erziehungsmittel übergeordnet. Nur in einer heiteren, dem kindlichen Gemüt angemessenen Umgebung kann nachhaltig erzogen werden. Jolberg lässt sich darin mit dem von ihr hochgeschätzten philanthropischen Pädagogen Jean Paul vergleichen, für den Freudigkeit und die damit verbundene Heiterkeit unabdingbar zum Umgang mit dem Kind gehören.

Im Verlauf der Zeit formuliert Jolberg zur Wahrnehmung ihrer Aufgabe als Mutter konkrete Erziehungsziele, die sie verfolgen will:

Ich will meine Kinder zu wahren Christen erziehen suchen, ihr Herz zu echter Frömmigkeit, ihren Geist mit nützlichen Kenntnissen bereichern, ihren Sinn einfach erhalten, ohne die Eitelkeit des Lebens, frei von den vielen Bedürfnissen; sie sollen auch nur die Süßigkeit des Lebens kennen lernen, soweit sie im Stande sind, sie ohne Kampf zu entbehren; dazu muss der wahre einfache Sinn fest gegründet sein; ihre Seele, ihren Körper will ich möglichst ohne schädliche äußere Einwirkung sich entwickeln lassen, die Kräfte stärken und den Willen frei machen, dass sie ohne sich gezwungen zu fühlen, das Gute erkennen und zu wählen im Stande sind.“

Das Ziel gibt den Inhalt vor und dieser wiederum bedingt den Weg, den die Erziehung gehen muss. Der kindliche Sinn kann nur einfach erhalten werden, wenn er nicht von äußeren Einwirkungen an seiner Entfaltung gehindert wird, nur dadurch kann sich entwickeln, was im Kind selbst angelegt ist. Erziehung hat die Absicht, dem Kind zu helfen, in sich selbst gegründet zu werden. Mit anderen Worten gesagt: Jede Erziehung muss sich die Entwicklung des Selbstbewusstseins zum Ziel setzen.

 

 

Regine Jolberg macht ihren Kindern Angebote, die deren Entwicklung fördern sollen. Sie nimmt auf ihre Töchter Einfluss, ohne Druck auszuüben. Die Mittel dazu formuliert sie mit folgenden Worten: „Kinder folgen ihrem Trieb; doch müssen sie geleitet werden, Gedanken zu folgen. Das Mittel dazu: gib ihnen Denkmaterial. Beachte, ob sie ausgeführt haben, was du ihnen aufgetragen hast und überlege dir stets neue Fähigkeiten, die sie ausführen können.“

Jolberg stellt den Kindern Aufgaben, die zum Denken anregen und achtet darauf, dass sie ausgeführt werden. Verstärkung finden die Handlungen der Kinder nicht durch Strafe, sondern durch Belohnung. Die Frau, die 1857 zu ihren Kinderpflegerinnen sagen wird: „Die Liebe ist die beste Erzieherin und Lehrerin“, hat schon als junge Mutter erkannt, dass Lob das beste Erziehungsmittel ist, um bei den Kindern die angestrebten Veränderungen zu bewirken.

Zur Erziehung und Bildung gehört für die Frau, die zeitlebens von einer tiefen Religiosität geprägt ist, auch die religiöse Erziehung. Dabei ist ihr jedoch wichtig, dass den jungen Menschen keine fremde Erkenntnis aufgezwungen wird. Die Einsicht in das Wesen der Dinge soll in ihnen, ihrem Entwicklungsstand entsprechend, heranreifen. Sie formuliert dies wiederum mit Aufforderungen, die sie an sich selbst richtet:

„(…) erkennet euch und das, was Gott mit euch will; (…) ahmt nicht nach; nötigt eure Meinungen nicht auf; zwingt euren Kindern keine Empfindungen auf, die jetzt noch nicht in ihrer Seele erwacht sind, oder die vielleicht gar nicht da sein können (…)

 

Regine Jolbergs Vision einer idealen Kinderpflege

Von ihren Kinderpflegerinnen fordert Regine Jolberg zweierlei für die Erziehung des kleinen Kindes. Sie ­sollen:
 die Natur des Kindes erkennen und
 die richtigen Erziehungsmittel gemäß dem Erkannten wählen.

Um die Anlagen des einzelnen Kindes zu erkennen, ist es unbedingt erforderlich, dieses intensiv und liebevoll zu beobachten. Für die Erzieherin heißt das, sich dem Kind vollständig zuzuwenden, um es in der ihm eigenen Art wahrnehmen zu können. Die daraus resultierende Einsicht in das kindliche Wesen ist die Voraussetzung für einen „stressreduzierten“ Umgang mit den Kindern. Ihre eigenen Worte dazu lauten:

Wollen wir ein Kind kennen lernen, so müssen wir eben erst längere Zeit im Umgange mit ihm stehen, (…). Erst müssen wir seine Liebe gewinnen, damit es nicht durch Schüchternheit gebunden ist, sich uns so zu zeigen, wie es ist. Alsdann müssen wir es beobachten in seinem kindlichen Tun und Lassen, sehen, wofür es Neigung und Abneigung hat; sein Temperament, seine natürlichen Anlagen, alles tritt endlich nach und nach hervor. Da sehen wir mit Erstaunen, was wir früher nicht geahnt, wie schon ein ganzer Charakter sich vorfindet.“

Und an anderer Stelle heißt es:

Wir sollen ja bei der Erziehung nichts anderes bewirken, als die von Gott gegebenen Keime vor Schaden und Auswüchsen bewahren, und das in dem Geiste Vorhandene, von Gott Hineingelegte sich entwickeln lassen. Dann wird man finden, dass jedes Kind wieder einer anderen Behandlung bedarf: eins der größten Nachsicht, weil es schüchtern und verzagt ist und man ihm Selbstvertrauen einflößen muss, ein anderes des Ernstes wegen seiner Flüchtigkeit und Anlage zu Leichtsinn, wieder ein anderes der Strenge wegen Anlage zu Lügen und heimlichen ­Ränken.“

Nur wenn junge Menschen in ihrer Individualität gesehen werden, kann Erziehung zu dem beabsichtigten Ziel führen, denn „selbst die christliche Saat wird nicht fruchten, wenn wir nicht Rücksicht auf das ursprünglich Gegebene zu nehmen verstehen (…). Wer es leicht nimmt (…), der richtet die Kinder nur ab, erzieht sie aber nicht.“

 

Erziehung in der Kinderpflege

Der erste Ort, an dem erzogen werden soll, ist für die Vorschulpädagogin die Familie und nicht die öffentliche Einrichtung. Da soziale und wirtschaftliche Nöte im 19. Jh. aber eine die Entwicklung des Kindes fördernde Erziehung weitgehend verhindern und in vielen Familien der Umgang mit den Kleinen im Argen liegt, muss es Menschen geben, die eine derartige Aufgabe professionell übernehmen. Jolbergs Vision hat eine religiöse, intellektuelle und soziale Komponente. Der Tagesablauf in den Kinderpflegen ist entsprechend strukturiert.

Der Tag beginnt mit Gesang, Gebet und dem Erzählen einer biblischen Geschichte. Hierbei ist wesentlich, dass die Geschichte erzählt und nicht vorgelesen wird. Auch darin ist die moderne Religionspädagogik mit ihr einig. Auf den Punkt gebracht, wird die erzählte Geschichte in der Kinderpflege durch einen zur Geschichte passenden Bibelvers. Das Lernen des „Sprüchleins“ soll in einfacher und verständlicher Weise geschehen und nicht zu viel Zeit in Anspruch nehmen. Da in den Kinderpflegen alles unterbleiben soll, was dem kindlichen Gemüt entgegensteht und die Freude an seiner Entfaltung hindert, folgt auf die sprachorientierten Phasen das Spiel. Es soll in den Sommermonaten weitgehend im Freien stattfinden. Zur Vermittlung von lebenspraktischen Einsichten sollen sich die Kinder so viel wie möglich in der Natur aufhalten.

 

 

Aus Regine Jolbergs Feder existiert auch eine fragmentarische Anweisung zum Anschauungsunterricht. Ich zitiere daraus, weil die Aufzeichnungen Einblick in die methodischen Einsichten der Vorschulpädagogin geben. Drei Punkte spricht sie an:

1. Wie eine Mutter sich mit ihren Kindern unterhält, so sollen wir es auch machen. Kinder beobachten alles und fragen gerne; da bieten sie selbst den Stoff zur Unterhaltung dar. Das ist eben die Kunst, einfach belehrend ihnen zu antworten, sie zum Denken anzuregen und so ihre Tätigkeit und die Besprechung richtig zu leiten. Das Leben bringt viel Gelegenheit, mit Kindern zu reden; z.B. der Sonnenaufgang und Untergang, die Tages-, Jahres- und Festzeiten; eine Taufe, eine Hochzeit, ein Todesfall, ein Gewitter, die Ernte, ein Besuch; an alles können wir unsere Belehrungen anknüpfen. Solch ein Unterricht weckt die Geisteskräfte der Kinder und ist vielseitiger als der regelmäßige Unterricht in der eigentlichen Schule; er fesselt ihre Aufmerksamkeit viel mehr und lehrt uns ihre Gedanken verstehen.“

Regine Jolberg will sich vor allem in die Kinder einfühlen und ihre Gedanken verstehen. Sie will ihnen nicht nur Wissen vermitteln. Sowohl das Gefühl als auch das Denken des Kindes sollen stimuliert und zur Entfaltung gebracht werden. Das darf aber nicht rein verbal ­geschehen, da sonst die Phantasie des Kindes überfordert würde. Alltagserscheinungen sollen in den Kindern Bilder hervorrufen, anhand derer sich Erkenntnis entwickeln kann.

2. Kinder sehen und hören gerne etwas Schönes, sie lieben die Tiere, die Blumen, denn in ihnen lebt alles – ja die leblosen Gegenstände sind ihnen nicht tot, wenn sie an den Tisch stoßen, schlagen sie wohl den Tisch und sagen: er hat mir weh getan. Die Kleine zerbrach das Schüsselchen, da lief sie zur Mutter und sagte: Schüsselchen ist tot! Also hat es gelebt. Wir müssen ihnen schöne Blumen oder Bilder zeigen, und was wir mit ihnen reden, durch den Ton der Stimme beleben, denn alles, was trocken ist, spricht sie nicht an.“

Jolbergs Erkenntnisse korrespondieren mit dem von dem bekannten Entwicklungspsychologen Jean Piaget (1896-1980) bezeichneten Animismus. In der frühkindlichen Entwicklung ist es die Zeit des anschaulichen Denkens, in der unbelebte Gegenstände vom Kind als belebt wahrgenommen und „animistisch“ gedeutet ­werden.

Indem die Pädagogin ihren methodischen Anweisungen die eigenständige Beobachtung zugrunde legt, zeigt sie erneut, dass es ihr bei der Bildung und Erziehung des kleinen Kindes in erster Linie darum geht, dieses gemäß seiner Entwicklung anzusprechen. Sie hat damit im 19. Jh. Erkenntnisse der modernen Entwicklungspsychologie vorweggenommen.

3. Durch unsere fünf Sinne nehmen wir alle Eindrücke der sichtbaren Welt in uns auf, diese führen sie erst der Seele zu. So sollen wir denn die Sinne der Kinder zu ­bilden suchen durch anregende Fragen und ihre Ein­drücke ordnen.“

Erkenntnisse werden durch stimulierende Fragen im Kind geweckt und nicht als fertiges Produkt vermittelt. Diese Methode hat ihren Ursprung bei Sokrates (469-399 v. Chr.). Sie ist in die Geschichte der Pädagogik mit dem Namen Mäeutik oder Hebammenkunst eingegangen.

Nach Erkenntnissen der modernen Schulpädagogik ist der Weg zum eigenen Urteil ein dem Konkreten verhafteter und nicht vordergründig ein rationaler. Der Pädagoge Hilbert Meyer spricht in diesem Zusammenhang von dem Lernprozess, der vom Anschaulichen zum Unanschaulichen führt. Genau diesen Weg kennzeichnet die von Regine Jolberg praktizierte Unterrichtmethode. Und da ihre pädagogischen Einsichten immer ihren Bezug zur Religion implizieren, hat sie selbst als Unterrichtsregel formuliert: „Aller Unterricht soll auf der Erde beginnen und im Himmel enden.“

Obwohl die religiöse Erziehung für Jolberg von herausragender Bedeutung ist, geht es ihr niemals ausschließlich um die Vermittlung christlicher Inhalte. Sie hat das Kind als Ganzes im Blick und achtet in ihren Kinderpflegen stets darauf, dass dem Spiel, als dem Lebenselement des Kindes, genügend Raum gegeben wird. Dazu jedoch sind sowohl Spielsachen als auch große, helle Räume und ein Spielplatz im Freien nötig. Dies allerdings muss sie bei jeder Gründung von den Kommunen neu einfordern. Sie moniert des Öfteren, dass der Mangel an Spielsachen die Kinderpflegerinnen dazu verleitet, die Kinder mit dem Lernen von Bibelsprüchen zu traktieren. Ursache dafür ist aber nicht die Methodenarmut der Kinderschwester, sondern die Kommune, die nicht die gewünschten Spielgeräte zur Verfügung stellt.

Ihre eigenen pädagogischen Intentionen sehen anderes vor. Sie wünscht sich Kinderpflegen, die sich an den Bedürfnissen der kleinen Kinder orientieren. Dazu gehört neben kindgerechten Räumen selbstverständlich auch ein großer Garten, denn: „Die Natur ist ihr (der Kinder) Element. Da gibt es viel Stoff zum Aufmerken, zum Belehren, ganz einfach und mütterlich. Für Kinder leben alle Gegenstände, sie richten von Sand eine ganze Welt auf, bauen Gärten und Häuser mit Blumen und Hölzchen, machen Mühlen und Eisenbahnen, und üben so ihre Kräfte, wenn sie recht geleitet werden. Aber auch zum Dienen, Helfen, Tragen können wir unsere Kinder schon anleiten, und so Segensbächlein in die Familien leiten: die Größeren können lernen die Kinder zu waschen, kämmen, beaufsichtigen, kleine Spiele mit ihnen machen, sie führen, kurz mütterlich mit ihnen umgehen.“

Indem sie die größeren Kinder als Helferinnen bei den kleineren einsetzt, betont sie die soziale Komponente der Erziehung. Es geht ihr auch hierbei um eine umfassende, auf das Leben vorbereitende Ausbildung der ­Kinder.

Nicht in den Kompetenzbereich der Kinderpflege gehört das Erlernen von Lesen, Schreiben und Rechnen. Das ist Sache der Schule. Nach ihrer Überzeugung führt ein zu frühes Einüben der schulischen Fertigkeiten bei manchen Kindern zu einem Stillstand statt zu einer Förderung. Bereits erste Anweisungen zum Lesen, die einige Kinderschwestern auf Wunsch mancher Eltern und Lehrer geben, lehnt Regine Jolberg ab. Weil das isolierte Lernen von Buchstaben nicht mit der in der Schule angewandten Lautiermethode übereinstimme, soll es in den Kinderpflegen unterlassen werden. Sie sagt: „Die Schule geht uns nichts an, nur die Familien.“

Abschließend sei noch darauf hingewiesen, dass es zwischen den pädagogischen Erkenntnissen der Vorschulpädagogin Regine Jolberg auch manche Parallelen zu denen des zeitgleich wirkenden Vorschulpädagogen Friedrich Fröbel (1782-1852) gibt. Beide messen der frühzeitigen Hinführung zu einer der kindlichen Entwicklung entsprechenden Arbeit eine große Bedeutung zu. Beide stimmen darin überein, dass jeder Mensch einen Tätigkeitstrieb hat und kindliche Unarten durch einen Mangel an Beschäftigung verursacht werden können. Keine Übereinstimmung gibt es bei den beiden Protagonisten der Vorschulerziehung hinsichtlich der jeweiligen Begründung ihrer pädagogischen Konzepte. Die jeweiligen Begründungen leiten sich aus einem unter­schiedlichen Gottes- und Menschenbild ab.2

 

Regine Jolbergs Vermächtnis für die christliche Vorschulpädagogik im 21. Jh.

Manche Erkenntnisse der Vorschulpädagogin des 19. Jh. sind zeitbedingt und können nicht unreflektiert nachgesprochen werden. Andere sind ungemein modern und haben auch in der Gegenwart noch Geltung. Dazu gehört die Erkenntnis, dass eine effiziente Erziehung in den Kindergärten nur von ausgebildeten Fachkräften geleistet werden kann. Regine Jolberg hat zur Ausbildung ihrer Kinderpflegerinnen Konzepte entwickelt und eine Schule gegründet. Bereits als Mutter ihrer eigenen Kinder begann sie, sich über das Kind, seine Konstitution und seine Erziehung Gedanken zu machen. Sie hinterließ kein systematisch zusammengestelltes Erziehungsprogramm. In vielen Einzelfragen aber hat sie sich zu Themen geäußert, die den Begriffen Didaktik und Methodik der Vorschulerziehung zuzuordnen sind. Ebenso hat sie Inhalte angesprochen, die den Einzel­disziplinen Psychologie, Theologie und Diakonie zugerechnet werden können. All das soll nicht wiederholt ­werden.

Als Resümee stellt sich die Frage: Was war der Exponentin der christlichen Vorschulerziehung wichtig, was muss zeitlos gültig bleiben? Auf diese Frage antworte ich mit ihren eigenen Worten: „Wer sein eigen Leben und das des Andern im Zusammenhang überblicken kann, der wird finden, wie im Kinde schon der ganze künftige Mensch verborgen ist, und wie die Kindheitseindrücke sich durchs ganze Leben segensreich und verderblich ­ziehen.“

Aus dieser Erkenntnis leitet sie die Notwendigkeit der frühkindlichen christlichen Erziehung ab. Leitend ist die Vision von der freien Entfaltung des kleinen Kindes, dem nichts aufgezwungen werden darf, was seinem eigentlichen Wesen widerspricht. Vielmehr sollen in dem Kind die von Gott gegeben Kräfte gestärkt werden. Damit sie den je eigenen Charakter des Kindes erkennen kann, muss die Erzieherin sich jedem einzelnen abwartend und liebevoll beobachtend zuwenden. Die Hochschätzung der kindlichen Individualität kennzeichnet das Zentrum von Regine Jolbergs Pädagogik.

Es darf dabei allerdings nicht außer Acht gelassen werden, dass bereits dem kleinen Individuum Grenzen gesetzt werden müssen, die gleichfalls zur Entfaltung seiner eigenen Persönlichkeit notwendig sind. Schon in der frühkindlichen Erziehung darf Freiheit nicht mit Willkür gleichgesetzt werden. Das alles entscheidende Korrektiv innerhalb jeder Erziehung aber ist die Liebe. Sie ist der Maßstab, an dem sich alles erzieherische Wirken zu orientieren hat. Auf den pädagogischen Eros weist Regine Jolberg immer wieder hin. Alle Erziehung wird nur dann zum Ziel führen, wenn sie von der Liebe zum Kind motiviert ist. Dazu zitiere ich Worte, die Regine Jolberg ursprünglich an ihre Erzieherinnen richtete und die für jede Pädagogin und jeden Pädagogen zeitlose Gültigkeit haben: (…) Legt euer Amt nieder, wenn die Liebe erloschen ist.“ Denn: „Die Liebe ist die beste Erzieherin und Lehrerin.“

 

Anmerkungen

* Der vorliegende Text fußt auf einer Untersuchung, die ich im Zusammenhang mit meiner Dissertation gemacht habe und auf die ich im Folgenden Bezug nehme. Einzelne Passagen sind ohne weitere Kennzeichnung daraus übernommen. Vgl. Adelheid M. v. Hauff. Regine Jolberg (1800-1870). Leben, Werk und Pädagogik. „Das ganze Wesen der Kinderpflege ist Liebe“, Heidelberg 2002.

1 Wie hältst du’s mit der Kirche? Zur Bedeutung der Kirche in der Gesellschaft. Erste Ergebnisse der 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung. EKD, Leipzig 2023.

2 Einen ins Detail gehenden Vergleich dieser beiden Pädagogen habe ich in meiner Dissertation vorgenommen. Vgl. Hauff, Jolberg, 235-265.

 

Über die Autorin / den Autor:

Dr. Adelheid M. von Hauff, Jahrgang 1951, ­Diplom in Erziehungswissenschaft, 2002 Promotion zur Dr. paed. an der PH Heidelberg, seit 2007 Lehrbeauftragte für Evang. Theologie und Religionspädagogik an der PH Heidelberg.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 6/2024

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