Der niederländische Maler Vincent van Gogh kam 1853 als Pastorensohn zur Welt. Sein Werdegang ist schon so oft beschrieben worden, dass man ihn kaum wiederholen muss; mehrere Filme sind seinem kurzen Leben gewidmet, zuletzt aus dem Jahr 2018 der sehenswerte „Van Gogh. An der Schwelle zur Ewigkeit“ (im Original: „At Eternity’s Gate“) des amerikanischen Malers und Filmemachers Julian Schnabel mit William Dafoe in der Titelrolle.

In seinem kurzen Leben war der heute so berühmte Vertreter des Postimpressionismus und Wegbereiter der Moderne nur die kürzeste Zeit als Maler tätig. Es hat lange gedauert bis er seine Berufung gefunden hatte. Im Kunsthandel der Familie konnte Vincent nicht glücklich werden, an der Aufnahmeprüfung zum Theologiestudium scheiterte er und als Laienprediger im südbelgischen Steinkohlerevier Borinage wurde sein Vertrag nicht verlängert. Unter den elenden Bedingungen einer Industriegemeinde hatte sein Engagement nicht allein dem Seelenheil der Bergleute und ihrer Familien gegolten; der Prediger van Gogh verstand seinen Missionsauftrag umfassend als tätige diakonische Herausforderung – bis zur Selbstgefährdung.

 

 

Ein Ort, von dem eine schlichte Würde ausgeht

In dem Städtchen Auvers-sur-Oise unweit Paris befindet sich das Grab Vincent van Goghs auf dem örtlichen Friedhof. Später wurde sein geliebter jüngerer Bruder Theo umgebettet, sodass die im Leben so eng verbundenen Brüder nebeneinander ruhen. Eine Pilgerstätte Kunstinteressierter aus vielen Teilen der Welt und ein Ort, von dem eine schlichte Würde ausgeht.

Unterhalb des Friedhofs liegt die katholische Kirche, die van Gogh in einem seiner in Auvers in nur zwei Monaten entstandenen 75 Gemälden dargestellt hat. Ohne Uhrzeiger hat van Gogh die Kirche gemalt – an der Schwelle zur Ewigkeit? Kirche lebt in, aber nicht von der Zeit. Der damalige katholische Priester weigerte sich 1890 diesen zugereisten ausländischen Maler zu beerdigen, weil er ihm nicht nur als Selbstmörder galt – was mittlerweile angezweifelt wird, war es vielleicht ein Unfall? –, sondern zudem noch Protestant war. Vincent van Gogh war in einem evangelischen Pfarrhaus aufgewachsen, strebte eine kirchliche Laufbahn an, engagierte sich in der inneren Mission und wurde als Protestant beerdigt. Die Rezeption van Goghs hat sich von diesem evidenten evangelischen Hintergrund gelöst.

 

Universeller Maler des Lichts

Seinen Weltruhm erlangte Vincent van Gogh als universeller Maler des Lichts. Ich möchte in dem persönlichen Transformationsprozess des Sinnsuchers van Gogh ein Hoffnungsbild für unsere Kirche ausmachen. Um es bewusst plakativ zu formulieren: Das Scheitern sowohl an der klassischen Theologie als auch am Aufgehen in der diakonischen Zuwendung war nicht das Ende; es hatte sich ein vollkommen neuer, gleichsam „dritter“ Raum aufgetan. Aus dem scheinbar gescheiterten Verkündiger in Wort und Tat wurde der Verkünder des Lichts.

Eine Transformation unter schwersten inneren Kämpfen, die Vincent an die Grenze des Wahnsinns (oder auch darüber hinaus) geführt hat. Von aller Welt verlacht wurde ihm selber nicht bewusst, welches unvergleichliche Geschenk er der Welt hinterlassen würde. Es liegt bis heute eine große positive, spirituelle Kraft in den Lichtbildern des visionären Protestanten Vincent van Gogh. Davon werden Menschen unterschiedlichster kultureller Prägung angesprochen. Die Bilder des Vincent van Gogh künden von einer Wirklichkeit, die nicht von dieser Welt ist. Es geht von ihnen ein Trost aus, der sich nicht ableiten lässt.

Auch Kirche steht vor der gewaltigen Herausforderung der Transformation. Nur wer sich verändert, bleibt sich treu? Es gilt, sich verwandeln zu lassen und Abschied zu nehmen von vertrauten Formen von Kirchlichkeit – leicht gesagt, aber was tun? Wahrscheinlich werden auch wir – wie Vincent van Gogh – es selber nicht mehr miterleben, dass Gottes Licht sich neue Gefäße sucht und die Welt es erkennt. „An der Schwelle zur Ewigkeit“ öffnen sich Türen zu neuen Räumen. Gesunde Ohren werden dabei jedenfalls nicht das Entscheidende sein.

 

Thomas Mämecke

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 4/2024

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