Die unerfreuliche Post erreicht mich in der Regel auch noch zum falschen Zeitpunkt. Auch diesmal: Pünktlich zu Beginn der lang ersehnten Osterferien ist er da – der Brief einer aufgebrachten Mutter, welche mir ein fahrlässiges pädagogisches Handeln an ihrem Sohn bescheinigt. Die vernichtende Kritik richtet sich – leider schon erwartungsgemäß – auf die letzte Stunde des Religionsunterrichts, in der es um die Kreuzigung und die Auferweckung Jesu ging. Auch dieses Jahr wurden meine pessimistischen Erwartungen nicht enttäuscht. Es ist wieder da – das Unverständnis darüber, dass ich die Kinder mit einem so unschönen Thema wie der Kreuzigung belaste, während es doch so viele schöne Themen gebe, die man im Religionsunterricht behandeln könne, ohne die Schülerinnen und Schüler unnötig zu traumatisieren.

Die Rechnung, welche hier aufgemacht wird, ist recht simpel: Leid, Blut, Gewalt und Brutalität auf der Seite der Inhalte plus eine inkompetente Lehrkraft, welche diese Inhalte auch noch schlecht vermittelt, das ergibt mindestens ein traumatisiertes Kind, für dessen Albträume die entsprechende Lehrkraft dann eindeutig verantwortlich ist. Ich wüsste gerne, wie viele Lehrer*innen die Passionszeit in diesem Sinne auch am eigenen Leibe zu spüren bekommen. Mir scheint, so meine Beobachtungen der letzten Jahre, das Thematisieren der dunklen Seiten des Lebens wird für die Religionslehrer*innen immer mehr zu einem riskanten Unternehmen.

 

Unbequemer Glaube

Das hat vor allem drei Gründe. Erstens: Der Widerstand der Außenstehenden, welche durch ihre ablehnende Haltung gleichsam den Anspruch demonstrieren, die Religion sei dazu da, sie mit positiven Impulsen zu versorgen und mit den negativen Aspekten der Lebenswirklichkeit zu verschonen. Im Widerspruch zu dieser Anspruchshaltung steht der zweite Grund: Die Lehrkraft ist dazu verpflichtet, über die Inhalte des christlichen Glaubens und dessen biblische Hintergründe zu informieren. Und es ist ein Faktum, dass man selbst bei einer oberflächlichen Beschäftigung mit der christlich-jüdischen Glaubenstradition und deren biblischen Grundlagen um die negativen Sachverhalte schlicht nicht herumkommt; thematisieren die biblischen Texte doch die ganze Bandbreite der Lebenswirklichkeit. Erst und gerade angesichts dieser radikal realistischen Betrachtung der Welt erweist sich der Gott Jesu Christi als der letzte tragende Grund unserer Hoffnung. Diese negativen Aspekte auszusparen hieße also, dem christlichen Glauben einen süßlich-kitschigen Anstrich zu verpassen und seine Substanz bis zur Unkenntlichkeit zu verfälschen. Vor allem aber der Verzicht auf das Kreuz würde das Christliche am christlichen Glauben gänzlich zum Verschwinden bringen.

Der dritte Grund ist der Druck seitens des Arbeitgebers, der vor allem dort spürbar wird, wo der Religionsunterricht als freiwilliges Fach gilt. Hier werden möglichst hohe Teilnehmerzahlen erwartet. Doch da, wo die Schülerinnen die Wahl haben zwischen einer oder mehreren Freistunden und einem nicht besonders ernstzunehmenden „Laberfach“, fällt die Entscheidung erfahrungsgemäß nicht schwer. Und da, wo der Religionsunterricht auch noch unerwünschte, weil störende und verstörende Inhalte behandelt, ist für die Lehrkraft die Gefahr hoch, sich in Hinblick auf beide Fronten, zwischen denen sie sich befindet, unbeliebt zu machen. Die ausweglose Situation, in der sie es jedem recht machen soll, es faktisch aber nicht kann, ist eine wahre Zerreißprobe, die Jahre andauern kann.

 

Eine subversive Kraft gegen Glücksideologien

Dieser kurze und fragmentarische Einblick in die Realität des Religionsunterrichts stellt zugleich ein paradigmatisches Beispiel dar für die Situation, in der sich der christliche Glaube angesichts der aktuell vorherrschenden geistigen Stimmung der Gesellschaft befindet. Inmitten einer Kultur, welche sich zunehmend der Suche nach einem unbeschwerten Glück verpflichtet sieht, versucht die Kirche dem Schicksal der gesellschaftlichen Bedeutungslosigkeit weitgehend dadurch zu entkommen, dass sie die Wohlfühl- und Happiness-Tendenzen zu bedienen beginnt. Dass ihr dies nie so ganz gelingen kann, liegt, Gott sei Dank, an dem Widerstand, welchen der christliche Glaube aus sich heraus leistet. Es liegt am Kreuz, das unter keinen Umständen aus den Fundamenten des Glaubens wegzudenken ist. Es ist das Kreuz, in welchem sich der Glaube jeglichen Glättungs-, Verharmlosung- und Beschönigungstendenzen widersetzt, sie stört, ja, sie im wahrsten Sinne immer aufs Neue durchkreuzt.

Damit stellt das Kreuz Jesu Christi eine subversive ideologiekritische Kraft dar, die das unmenschliche Gesicht jeder und so auch der Glücksideologie entlarvt und sich für deren Opfer einsetzt. Traurig und ärgerlich, wenn gerade das, worin die eigentliche Bedeutsamkeit und stete Relevanz des christlichen Glaubens besteht, von Seiten vieler Prediger*innen und Religionspädagog*innen eher stiefmütterlich behandelt wird. Ja, unbequem zu sein, ist nie angenehm. Doch hier kann sogar ein simpler, von mir leicht modifizierter, Postkartenspruch kontern: Das Leben in der Kreuzesnachfolge ist gut. Von „leicht“ war nie die Rede.

Denn, auch darin besteht das Kreuz mit dem Kreuz: dass es das Unaufgebbare ist. Doch nur dieses Unaufgebbare macht uns wirklich unverwechselbar und – wenn Gott so will – auch unverzichtbar.

 

Katarína Kristinová

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 4/2024

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