Karfreitag und Ostern. Umrahmt von „Sieben Wochen ohne“ und den Ferien. Liturgisch gefeiert im Abendmahl. Herzstück des christlichen Glaubens. Wie evangelische und katholische Christen gemeinsam damit umgehen könnten, ist jahrelang vielfach diskutiert worden. Leider bis heute ohne Annäherung für ein gemeinsames Mahl. Ich möchte versuchen, mich dem Problem Abendmahl (Eucharistie) von zwei Seiten zu nähern. Ich werde dem Lebenslauf Jesu nachgehen. Wie er uns im NT überliefert ist. Ich werde zum anderen ausgehen von verschiedenen Berichten über das Abendmahl. Meine Ausführungen wollen ein Angebot zum Gespräch sein.

 

Die Wirkung jesuanischer Verkündigung

Wir haben inzwischen gelernt, dass die Bibel historisch, als ein Geschichtswerk verstanden sein will. Also nicht wortwörtlich. Vom Zusammenhang her. Bildlich und mehr dichterisch. Einzelne Worte, Erzählungen und Merksätze Jesu sind ja in unsere Umgangssprache eingegangen. Meist in Form von Bildern. Der „Balken“ (im Auge des anderen). Das „Nadelöhr“ (Kritik am Reichtum). Der „barmherzige Samariter“. Wer den „ersten Stein“ wirft u.a.m. Es ist gut, einmal hinzuhören, welchen Klang die Bilder haben. Ob scharf, mehr sanft, ironisch, laut oder leise. Pianoforte? Ihnen allen ist gemeinsam, dass Jesus anders lehrt und lebt als es in der damaligen Zeit üblich war. Statt Vorwurf Nachsicht; statt Überheblichkeit Solidarität; statt Fremdenhass gute Nachbarschaft; statt Verurteilung Recht; statt Vergangen­heit Zukunft.

Jesu Verkündigung vom Reich Gottes hört sich teilweise an wie ein einziger Rundumschlag. Sie stellt die landläufigen, gültigen Grundsätze in Frage. Sie hinterfragt alles. Sie sprengt alles auf. Die Bildgeschichte vom neuen Wein in alten Schläuchen deutet es an: Bisher nie Dagewesenes geschieht. Es will Platz greifen. Das Reich Gottes. Ein Beziehungsgeflecht von Gerechtigkeit, Liebe und Solidarität. Und das Wunderbare geschieht. Das Aufsprengen schließt auch den Tod mit ein.

Später wird man es „Auferstehung“ nennen. Diese unglaubliche Wucht und Wirksamkeit seiner Verkündigung. Aufsprengen, Umwertung, Revolte, Revolution ist angesagt. Bei jedem seiner Bilder und Gleichnisse. Bei ihm ist sie stets gegenwärtig. Die „Auferstehung“. Sie geschieht nicht erst an seinem Lebensende. „Abba“! Jesu Liebesbeziehung zu Gott. Sie wird durch die Taufe bestätigt. Da ist der bedingungslose Zuspruch zu hören: „Du bist mein geliebter Sohn“. Von diesem Angenommen-Wissen her, diesem Geist versteht Jesus sein ­Leben. Sein tägliches Aufsprengen, seine tägliche „Auferstehung“.

 

Jesus und seine Jünger

Mit dem Tod Jesu kam es für die Jünger (Schüler) zu einem Bruch alles Bisherigen. Mit seiner „Auferstehung“ begann für sie etwas Neues, Unerwartetes, zugleich Erschreckendes. Auf dem Weg nach Emmaus erkennen zwei Jünger ihn wieder. Ihn. Jesus. Am Brotbrechen. Sie sehen in dem „alten“ Jesus den „neuen“ Christus. Eine Art Brückengeschichte. Verbindung von Vergangenem und Zukunft. So wird das Brotbrechen zum Mittelpunkt des Abendmahls.

Mit dem griechischen Namen Eucharistia (Danksagung) wird es in verschiedenen Formen überliefert. Um auch hier die Verbindung zu Jesus festzuhalten, will die Tradition es verstanden wissen als das letzte Abendmahl. Es wird wohl wesentlich anders verlaufen sein als es die vielfachen Abbildungen und Gemälde durch die Jahrhunderte hindurch darbieten. Um sich die damalige, schwierige Lage und Stimmung etwas vorstellen zu können, gebe ich eine historische Deutung von Wilhelm Bruners wieder. „Jesus wollte sich offensichtlich nach dem Abendmahl in Sicherheit bringen. Er hatte die Mächtigen so provoziert, dass sie etwas gegen ihn unternehmen mussten. … Zunächst geschieht das, was in einer unklaren Situation, die unter vielfältiger Bedrohung steht, jedem Menschen geschieht: Und er begann zu erschauern und zu verzagen. Er betet, dass die Stunde, wenn es möglich wäre, an ihm vorübergehe. Er sprach: Abba, Vater, alles ist dir möglich. Lass diesen Kelch an mir vorübergehen. Doch nicht, was ich will, sondern was du willst (Markus 14,33 ff.).

 

Eine alte Abendmahlsliturgie

Was hier geschildert wird, ist kein Tatsachenbericht. Es wird ein Bild von der damaligen „Stimmung“ vorgestellt. Ein Gemälde. Diese misslichen Umstände werden das letzte sogenannte Abendmahl wesentlich mitbestimmt haben. Zu vermuten ist, dass im Mittelpunkt stand, was in der Erzählung von den Emmausjüngern festgehalten wurde. Das Brotbrechen. Paulus überliefert es so: In der Nacht, in der er verraten wurde, nahm der Herr Jesus das Brot. Er dankte Gott, brach das Brot in ­Stücke und sagte: Das ist mein Leib für euch. Tut das zur Erinnerung an mich! (1. Kor. 11,23f)

Die aramäische Grundbedeutung des Wortes „mein Leib“ bedeutet: „Das bin ich für euch“. Mit der Geste des Brotbrechens wird so unmissverständlich sein Tod symbolisch vorweggenommen.

Zugleich wird auf die Gegenwart seines „lebendig-machenden Geistes“ verwiesen (1. Kor. 15,45). Entsprechend des Auftrags Jesu: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ (Erinnerung).

Das Brot, das die ersten Gemeinden … geteilt haben, war auch das Brot, das denen fehlte, die auf den Straßen Hunger leiden mussten … Wenn christliche Gemeinden heute in ihren Liturgien im Vaterunser um das Brot bitten, vereinen sie ihr Verlangen nach dem himmlischen Brot mit dem Schrei der Armen nach dem irdischen Brot und vielem anderem (!) an dem es ihnen mangelt“ (A. Wucherpfennig, 115). Darin erfüllt sich der Sinn des Brotbrechens, wie es die beiden Emmausjünger als Umkehr und Hinkehr zum Lebensalltag erlebt haben (Lk. 4,19-24).

 

Das Abendmahl heute

Ebenso nahm Jesus nach dem Essen den Becher und sagte: Dieser Becher steht für den neuen Bund, den Gott durch mein Blut mit den Menschen schließt. Tut das zur Erinnerung an mich, sooft ihr aus diesem Becher trinkt (1. Kor. 11,25). Auffallend ist, dass Paulus nicht vom Wein spricht, sondern vom Becher. Dieser Becher ist das Symbol für den Bund Gottes mit den Menschen (Vgl. 1.Mose 6,18). Es geht also nicht um den Inhalt. Wenn man bedenkt, dass die Feiernden oft sehr arm waren, konnte es auch Wasser sein statt Wein.

Der Satz in der Abendmahlsliturgie: Das ist mein Blut des neuen Testaments, das für euch vergossen wird zur Vergebung der Sünden wird bei Markus (Mk.14,22-24) und Matthäus (Mt.26,26-28) überliefert. Eine Verbindung von Blut und Vergebung lässt sich m.E. nach dem Gedächtnis (Erinnerung) Jesu nicht belegen. Doch sie hat die Liturgie des Abendmahls entscheidend geprägt: Es wird vom Blut gesprochen. Vergossen zur Vergebung der Sünden. Vom LammGottes. Am Stamm des Kreuzes geschlachtet (unschuldig!). Es trägt die Sünde der Welt. Nimmt sie hinweg (EKG 190,1.2).

Auch wenn die Bilder vom Blut, dem Lamm und den Sünden symbolisch verstanden werden. Hier ist kein Klang der frohen Botschaft herauszuhören. Bestenfalls eine trübe, depressive Aggressivität. Ich wähne mich wie in ein Schlachthaus versetzt. Da ist sie wieder. Die alte, dunkle, schwarze Pädagogik. Der glaubende Mensch wird bei seinen Fehlern (Sünden) gepackt. Das erzeugt Schuldgefühle. Das macht Druck. Und schon kann ich den Menschen-Sünder kleinmachen und manipulieren. Ursprünglich war das Wort „Sünde“ als Bild für das gestörte Verhältnis zu Gott gemeint. Vergebung? Versöhnung? Gott ist es, der versöhnt. Er. Allein. Wie es Paulus festhält: Lasst euch mit Gott versöhnen! (2. Kor. 5,20)Vergebung der Sünde(n) durch Blut? Vergebens!

 

Der Missbrauch des Abendmahls

Die Entwicklung des Abendmahls durch die Jahrhunderte hin zeigt eine Tendenz zum Kult: die Materialisierung von Brot und Wein zu Leib und Blut Christi. Und umgekehrt. Zudem wurde das Abendmahl (Eucharistie) zum Sakramenterhoben. Sacramentum ist die lateinische Übersetzung des griechischen Wortes Mysterion. Geheimnis. Der Begriff Sakrament (Geheimnis) meint nicht Sachen oder Inhalte. Er deutet immer auf eine Beziehung hin. Ebenso das Wort „heilig“. Mir ist etwas zum Geheimnis oder heilig geworden. Es ist nichts Vorfindliches oder Festgelegtes. Letztlich kann mir alles zum Sakrament oder heilig werden. Mit der Erhebung zum „Geheimnis“ war das Abendmahl ein weiteres Stück von den Glaubenden abgerückt.

Ein weiterer Schritt hin zur Entmündigung des sogenannten Laien: die Spendung des Sakraments allein durch den Pfarrer bzw. Priester. Ein eigener, selbständiger Zugang zum Abendmahl (Eucharistie) ist damit verwehrt. Ergebnis einer verschworenen „Teamarbeit“ zwischen Kult und Kirchenmacht. Das Gedächtnis (Erinnerung) an den lebenden, lebendigen, aufreißenden, solidarischen Jesus ist im Christus-Kult aufgegangen. Einfach verschwunden. Gleichsam verdunstet.

Es triumphiert jenes altbewährte Kirchenverständnis aus dem Mittelalter: „Extra ecclesiam nulla salus“. Kein Heil außerhalb der Kirche. Dafür ist jetzt das Unheil innerhalb! Der geistliche Missbrauch. M.E. noch wesentlich grundsätzlicher, gemeiner und verwerflicher als der sexuelle.

 

Ausblick

„Evangelische und katholische Christinnen und Christen können in ihren Häusern schon jetzt gemeinsam Mahl halten. Menschen, denen die Kirchen und ihre Feiern nichts mehr sagen, können dabei sein. Mit sensiblem, gegenseitigem Respekt wird vielleicht sogar eine interreligiöse Gastfreundschaft möglich. Das ist dann keine gemeinsame Eucharistiefeier und kein gemeinsames Abendmahl, aber es wird Jesu Zusage gelten: Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen (Mt 18,20).“ (Wucherpfennig, 116)

 

Verwendete Literatur:
Wilhelm Bruners: Wie Jesus glauben lernte
Ansgar Wucherpfennig: Wie hat Jesus Eucharistie gewollt?
Basisbibel 2021
EKG-Abendmahlsliturgie

 

Jürgen Koch

 

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 4/2024

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