Kommen Tiere in den Himmel? Eine scheinbar kindlich-naive Frage. Im Gros theologisch-philosophischer Literatur fiel die Antwort negativ aus. Nicht so bei Martin Luther: Seine theologische Tierbetrachtung war aus damaliger christlicher Sicht brisant und stimmte in vielen Punkten nicht mit den Auffassungen seiner Zeitgenossen überein. Hans Jörg Staehle stellt Luthers Auffassung dar und würdigt sie theologisch und tierethisch.

 

Tiere im Himmel?

Eine heute immer wieder gestellte Frage lautet: Kommen Tiere in den „Himmel“? Im etwa 2000 Jahre alten Christentum stand diese Frage über sehr viele Jahrhunderte hinweg nicht oder nur selten zur Diskussion. Wenn sie doch einmal aufgeworfen wurde, dann wurde sie verneint. Tieren wurde aufgrund der Annahme einer fehlenden Vernunft die Fähigkeit zum Glauben an Jesus Christus abgesprochen und deshalb schien die Aussicht auf das ewige Leben eines Tieres im christlichen Sinn als absurd. Auch ausgesprochene Tierfreunde wie zum Beispiel der berühmte Franz von Assisi (gest. 1226 n. Chr.) sprachen nicht von einem ewigen Leben von Tieren. Im Einklang stand dies mit einigen uralten philosophischen Vorstellungen (zum Beispiel Aristoteles, 384-322 v. Chr.), sodass zumindest auf diesem Gebiet keine Meinungsverschiedenheiten bestanden.

Eine große, bislang weitgehend unbekannte Ausnahme machte bei dieser Thematik allerdings der Reformator Martin Luther (1483-1546). Im Jahr 1543 billigte er Tieren nicht nur ausdrücklich ein ewiges Leben zu, sondern er begründete dies auch theologisch. Wie es dazu kam, soll in diesem Beitrag, der sich unter anderem an ein kürzlich erschienenes Buch über Luthers Menschen- und Tierethik anlehnt1, aufgezeigt werden. Dabei wird auf eine lutherische Bibelauslegung über die Seele der Tiere in seiner Genesisvorlesung, eine Tischrede über Tiere im „Himmelreich“ und ein Buch über Juden Bezug genommen.

 

Lutherische Bibelauslegung über die Seele und den kosmischen Bezug der Tiere

In der Bibel kommen Tiere bekanntlich häufig vor, nicht zuletzt in den Psalmen und der Genesis. Martin Luther hat sich mit den entsprechenden Texten intensiv aus­einandergesetzt, wie unter anderem seinen Psalmen- und vor allem seinen Genesisvorlesungen zu ent­nehmen ist.

Anfangs folgte Luther bei seinen Genesis-Interpretationen (ab Mitte der 1530er Jahre) noch weitgehend den Vorstellungen seiner Zeit und bestätigte einen Unterschied zwischen Menschen und Tieren in Bezug auf die Seele (anima) bzw. den Geist (spiritus). Zur ursprünglichen Position von Mensch und Tier (vor dem Sündenfall) führte Luther Folgendes aus: „Der Mann ist die Sonne am Himmel, die Frau ist der Mond, die Tiere sind die Sterne, die von Sonne und Mond beherrscht werden“.2 Damit ordnete er Tiere zwar niedriger als Menschen ein, stellte sie aber dennoch bildhaft in eine kosmische Dimension. An einer anderen Stelle seiner Genesisvorlesung sprach er unter Bezug auf Paulus nicht nur Menschen, sondern auch Tieren eine Seele zu. Dabei unterschied er eine einfache „lebendige“ Seele (animam viventem) und einen komplexeren „lebensspendenden“ Geist (spiritum vivifacentem). Es heißt bei Luther: „Der erste Mensch, Adam, wurde eine lebendige Seele, aber der letzte Adam wurde ein lebensspendender Geist. Er nennt die lebendige Seele das tierische Leben, das essen, trinken, zeugen, sich vermehren soll, was alles auch in Tieren vorkommt. Im Gegensatz dazu sagt er, dass der letzte Adam zu einem lebensspendenden Geist gemacht wurde, das heißt zu einem Leben, das diese Bedingungen des tierischen Lebens nicht benötigt“.3

Luther differenzierte somit zwischen dem seelisch-geistigen Menschen und dem lediglich beseelten Tier. Ob und ggf. welche genauen Konsequenzen dies im Hinblick auf ein ewiges Leben von Tieren im „Himmel“ ­haben könnte, blieb dabei jedoch vorerst noch offen.

 

Tischrede Luthers über Tiere im „Himmelreich“ nach dem Jüngsten Gericht

In einer zu einem ähnlichen Zeitpunkt gehaltenen Tischrede des Jahres 1533 äußerte sich Luther zur Frage eines Lebens von Tieren im „Himmel“ bereits deutlicher. Die Tischrede wurde wie folgt wiedergegeben:

Da D. M. Luther gefragt wird, ob auch in jenem Leben und Himmelreich würden Hunde und andere Tiere sein, antwortet er und sprach: Ja, freilich, denn die Erde wird nicht so leer, wüste und einödig sein, sintemal Sankt Petrus heißt den jüngsten Tag einen Tag der Restitution aller Ding, da Himmel und Erde wird verwandelt werden. Und wie sonst anderswo klärer gesagt wird: Gott wird ein neu Erdreich und neuen Himmel schaffen, auch neue Tölpelin und Hündlin schaffen, welcher Haut wird gülden sein und die Haare oder Loden von Edelsteinen. Da wird keiner den anderen fressen, wie Kröten, Schlangen und dergleichen giftige Tier, die um der Erbsünde willen hie vergiftet und schädlich sind. Alsdenn werden sie uns nicht allein unschädlich, sondern auch lieblich, lustig und angenehm sein, daß wir werden mit ihnen spielen. Hat unser Herr Gott dies vergängliche, zeitliche Reich, nämlich Himmel und Erden und alles, was drinnen ist, so schöne geschaffen: wieviel schöner wird er jenes unverwesliche ewige Reich machen! Wiewohl die Erbsünde verdient hat, daß schier alle Tier dem Menschen Schaden tun, als Wölfe, Bären, Schlangen, Eidechsen etc., doch hat der barmherzige Gott diese Schuld und Strafe so gemildert und gelindert, daß mehr Tiere sind, die da nütze sind und dienen, denn die da Schaden tun. Denn es sind mehr Schafe und Lämmer denn Wölfe, mehr Krebse denn Skorpion, mehr Fische denn Schlangen, mehr Getreidigs und Korn denn Unkraut und Raden, mehr gute Kräuter denn Nesseln, mehr Ochsen denn Löwen, mehr Kühe denn Bären, mehr Hasen denn Füchse, mehr Hühner, Enten und Gänse denn Geier, Raben und andre schädliche Vögel“.4

 

 

Mit diesen Formulierungen, die er in einem ernsten (und nicht, wie zuweilen behauptet, spöttischen) Kontext vortrug, hätten auch Tiere ein Dasein im „Himmel“. Tiere würden nach dem Jüngsten Gericht und der Erlösung jener Menschen, die das verdienten, nur noch „lieblich“ und nicht mehr gefährlich sein, da dann die Vergebung der menschlichen Erbsünde vollzogen sei.

Eine theologische Begründung, weshalb Gott Tieren trotz ihrer „Unvernunft“ und gegen die allgemeine Auffassung seiner Zeit ein ewiges Leben im „Himmel“ zubilligte, gab Luther aber in seiner Tischrede noch nicht. Diese holte er erst in seiner Judenschrift von 1543 nach.

 

Das ewige Leben der Tiere in Luthers Judenschrift

Luthers Judenschrift von 1543 löste nach ihrer Veröffentlichung zunächst größere Dispute aus. Später geriet sie weitgehend in Vergessenheit. 2016 wurde sie allerdings gleich zweimal in die heutige Sprache übersetzt5 und fand vor allem wegen ihrer ausgeprägten Judenfeindlichkeit größere Aufmerksamkeit.

Ausgangspunkt von Luthers 1543 vorgetragener, theologischer Menschen- und Tierbetrachtung ist die Liebe zu dem Messias der Christen, der nach seiner Vorstellung das ewige Leben schenkt, und sein Hass auf den Messias der Juden, der die Menschen seinen Vorstellungen zufolge in die ewige Verdammnis führt. Luther konstatierte: „Wenn mir Gott keinen anderen Messias gegeben hätte, als den, den die Juden begehren und erhoffen, so wollte ich viel, viel lieber eine Sau als ein Mensch sein. Dafür will ich dir meine Gründe nennen. Die Juden erwarten von ihrem Messias nicht mehr, als dass er ein leuchtendes Vorbild und weltlicher König sein soll, der uns Christen totschlagen und die Welt unter den Juden aufteilen soll, sie zu Herren machen, der zuletzt auch sterblich sein soll und seine Kinder ebenso“.6

Für Luther war das Leben eines Schweines dem Leben eines Juden deshalb vorzuziehen, weil ein Schwein im Gegensatz zu einem ungläubigen und deshalb zur Verdammnis bestimmten Juden eine unsterbliche Seele hatte. Mit der Vorstellung, Tiere seien für die Ewigkeit bestimmt, stand der Reformator allerdings ziemlich alleine da. Zu Luthers Lebzeiten gab es nämlich – wie oben ausgeführt – die seit mindestens 2000 Jahren bestehende Auffassung, dass Tiere keine unsterbliche Seele hätten. Dem Theologen Eduard Kopp zufolge ist diese Haltung im Christentum bis heute bestimmend.7

 

Tiere als vom Sündenfall ausgenommene Kreaturen

Luther wies darauf hin, dass ein Tier, z.B. eine domestizierte Sau, empfindungsfähig sei und im Grunde ein ­sicheres und zeitloses Leben sehr gut genießen könne. Er schrieb, sie „liegt in ihrem Flaumfederbett, auf der Gasse oder im Mist, ruht sicher, schnarcht sanft, schläft süß, fürchtet keinen König noch Herren, nicht Tod noch Hölle, nicht den Teufel noch Gottes Zorn“. Sie begegne ihrer Umwelt mit einem ihr eigenen Stolz. Selbst beim Schlachten denke sie nicht ans Sterben, sondern meine lediglich, sie würde von einem Holz oder Stein gedrückt. Sie habe nur ein „schönes und ewiges (!) ­Leben“.

In vielerlei Hinsicht stehe ein solches Tier in seinem Selbstbewusstsein über den höchsten Menschen, so klug, hochstehend, reich, heilig und mächtig sie auch sein mochten. Luther führte dazu folgende Begründung an: „Sie hat von dem Apfel nichts gegessen (1. Mose 3), der uns elenden Menschen im Paradies die Unterscheidung zwischen Gut und Böse gelehrt hat“.8

 

 

Damit argumentierte Luther in seiner Spätschrift über die Juden von 1543 differenzierter als in seiner 1535 begonnenen Genesisvorlesung. Der Bezug auf den Sündenfall findet sich bemerkenswerterweise auch in der von Luther oben zitierten Tischrede. Luther beschrieb dort Tiere als Kreaturen, die Gottes Willen, seine Liebe, aber auch seinen Zorn umsetzten. Mit dieser neuen Charakterisierung sah Luther ein Tier nicht nur funktionell als für den Menschen nützlich oder gefährlich an, sondern er ordnete ihm auch davon unabhängige Fähigkeiten (z.B. Lebensgenuss) „um seiner selbst willen“ zu. Auch damit steht er im Gegensatz zu Theologen und Philosophen, die Jahrhunderte vor und nach ihm lebten.

Letztlich ergab sich nach Luther das ewige Leben der Kreatur „Tier“ ausschließlich durch die direkte Beziehung zum gnädigen Gottvater. Das Tier benötigte wegen seiner Schuldlosigkeit – im Gegensatz zu den sündigen und deshalb der Erlösung bedürftigen Menschen – nicht Gottes Sohn. Auch eine wie auch immer gestaltete Mensch-Tier-Interaktion hatte im Hinblick auf die Eschatologie keinen bestimmenden Einfluss. Das Tier war so gesehen weder vom Menschen noch vom Erlöser Jesus Christus direkt tangiert.

 

Theologisch relevante Merkmale von Tieren und Menschen

Luthers theologische Überlegungen zum Wesen der von Gott geschaffenen Tiere lassen sich in folgenden sieben Punkten zusammenfassen:

1. Wahrnehmungen, Empfindungen und Emotionen. Tiere können ihre Umgebung (z.B. Menschen) wahrnehmen und – wenn auch nicht immer zutreffend – einschätzen. Sie haben ein Innenleben, Empfindungen und Emotionen z.B. Ruhe und Genussfähigkeit. Es fehlen ihnen aber zum Teil bestimmte Fähigkeiten wie Zukunftsbezogenheit bzw. vorausschauende Furcht (z.B. vor der Tötung durch Menschenhand).

2. Tierwürde. Tiere sehen sich als Mitgeschöpfe Gottes hierarchisch auf gleicher Ebene wie Menschen, treten ihnen mit Selbstbewusstsein und „Stolz“ entgegen. In ihren Fähigkeiten können sie Menschen zum Teil sogar übertreffen. Sie wissen um ihre Eigenschaften, die ihnen „kein Mensch, so klug, hochstehend, reich, heilig und mächtig er auch sei, nachmachen kann“. Sie können noch beim Sterben auf ein „sicheres Leben“ vertrauen.

3. Erbsünde. Tiere wurden von Gott nicht aus dem Paradies vertrieben, da sie sich keiner Verbotsübertretung (Genuss des Apfels der Versuchung) schuldig machen konnten. Insofern gilt für sie auch nicht die Erbsünde, sie haben quasi eine „ewige Strafunmündigkeit“.

4. Gut-Böse-Relation. Tiere können im moralischen Sinn nicht zwischen Gut und Böse unterscheiden, insofern können sie auch keine Schuld auf sich laden. Dieser Punkt lässt sich allerdings in gewisser Weise relativieren, wenn man die Glaubens- bzw. Vertrauensvorstellungen Luthers, die sich bekanntlich nicht nur auf Vernunft- und Moralfähigkeiten bezogen, vor ­Augen hat.

5. Zorn Gottes. Tiere müssen wegen ihrer Entscheidungsunfähigkeit zur Sünde weder Gottes Zorn noch die „Hölle“ fürchten.

6. Gnade Gottes. Tiere haben zwar keine Fähigkeit zum freien moralischen Urteil, dennoch erwartet sie aufgrund der Gnade Gottvaters nach dem leiblichen Tod die Verheißung, nämlich ein schönes und ewiges Leben („Himmel“).

7. Rangstufe. Tiere stehen in Bezug auf die Seligkeit zusammen mit an Christus glaubenden Menschen auf einer höheren Rangstufe als Menschen, die nicht an Christus glauben.

Wenn man diesen sieben die Tiere betreffenden Punkten eine mit Luther in hohem Umfang kompatible Sicht auf die Menschen gegenüberstellt, ergeben sich Sachverhalte, die teilweise mit den Inhalten seiner Genesisvorstellung übereinstimmen, teilweise aber auch davon abweichen bzw. andere Schwerpunkte setzen:

1. Wahrnehmungen, Empfindungen und Emotionen. Dass Menschen Wahrnehmungen, Empfindungen und Emotionen haben, steht für Luther genauso außer Zweifel wie der Umstand, dass sie an manche Eigenschaften und Fähigkeiten von Tieren nicht herankommen.

2. Tierwürde. Luther begegnete (manchen) Tieren als Mitgeschöpfe Gottes auf Augenhöhe und stellte sie in mancher Weise sogar noch über die klügsten, hochstehendsten, reichsten, heiligsten und mächtigsten Menschen.

3. Erbsünde: Nur Menschen können im Hinblick auf die „Sünde“ unterschiedlich handeln, aber sie besitzen nach Luther (zumindest in entscheidenden theologischen Fragen) – ähnlich wie Tiere – keinen eigenen Willen. Gleichwohl haben sie in gewisser Weise seit der Vertreibung aus dem Paradies eine „ewige Strafmündigkeit“.

4. Gut-Böse-Relation. Menschen haben zwar im Hinblick auf Gottes Allmächtigkeit keinen eigenen Willen, können nach Luther aber dennoch im moralischen Sinn zwischen Gut und Böse bzw. Glauben (Vertrauen) und Unglauben (Vertrauenslosigkeit) unterscheiden.

5. Zorn Gottes. Menschen müssen nach Luther im Gegensatz zu Tieren beständig, auch wenn sie sich noch so intensiv um den „rechten“ Glauben bemühen, den (potentiellen) Zorn Gottes fürchten.

6. Gnade Gottes. Menschen können nach Luther lediglich auf die Gnade Gottes hoffen (vorausgesetzt sie glauben in seinem Sinn an Christus), dürfen sich aber ihrer Auserwähltheit nie ganz sicher sein (simul justus et peccator).

7. Rangstufe. Menschen, die wirklich „von Herzen“ an Christus glauben, stehen in Bezug auf die Verheißung und Seligkeit zusammen mit Tieren auf einer höheren Stufe als Menschen, die nicht oder nur nach außen hin an Christus glauben. Andersdenkende stehen so gesehen nicht nur unter der Rangstufe von Gläubigen, sondern auch unter jener von Tieren.9

 

Fähigkeit zum Glauben versus Unfähigkeit zum Unglauben

Etwas zugespitzt lassen sich Luthers vergleichende theologische Anschauungen von Menschen und Tieren wie folgt zusammenfassen:

¬ Menschen können nur wegen ihrer Fähigkeit zum Glauben in den „Himmel“ kommen.

¬ Tiere können hingegen nur wegen ihrer Unfähigkeit zum Unglauben in den „Himmel“ kommen. Sie können, anders ausgedrückt „nicht nicht-glauben“ und deshalb auch nicht den Zorn Gottes heraufbeschwören.

Auch wenn Luthers späte Vorstellungen im Hinblick auf seinen Judenhass äußerst kritisch zu betrachten sind, muss man die geschichtliche Tatsache würdigen, dass es eine Einordnung von Menschen und Tieren, die sich nicht nur auf Vergleiche von bestimmten Eigenschaften und Fähigkeiten beschränkte, sondern auch eschatologisch, d.h. im Hinblick auf eine vorhandene oder fehlende Seligkeitserwartung (Verheißung) theologisch begründet war, zuvor so nicht gab. Seine theologische Tierbetrachtung war aus damaliger christlicher Sicht brisant und stimmte in vielen Punkten (z.B. ewiges Leben von Tieren) nicht mit den Auffassungen seiner Zeit (auch nicht unter seinen Anhängern) überein. Luthers Sichtweise unterscheidet sich beispielsweise auch deutlich von dem etwa 200 Jahre später lebenden Philosophen Immanuel Kant, der Tieren – im Gegensatz zu Menschen – einen Wert für sich (Würde) absprach und sie als reine „Sache“ betrachtete.

 

Das tiertheologische Dilemma von Dietrich Bonhoeffer

In einem 2022 publizierten Artikel „‚Der Herr Wolf ist tot‘ – Mensch-Tier-Beziehungen in der kirchlichen Praxis“ zitierte Peuckmann einen 1928 geschriebenen Brief Dietrich Bonhoeffers an seinen Freund und Schwager Walter Dreß.10 Der Lutheraner Bonhoeffer berichtete, wie er durch einen 10jährigen Jungen, der über seinen toten Hund trauerte und diesen jetzt im „Himmel“ wähnte, in einen „bösen“ Konflikt geriet. Der Junge nannte seinen toten Hund „Herrn Wolf“ und fragte Bonhoeffer: „sagen Sie mir doch jetzt, werde ich den ‚Herrn Wolf‘ mal wiedersehen? Der ist doch ganz gewiss im Himmel?“ Bonhoeffer fasste die Situation wie folgt zusammen: „Da stand ich da und sollte antworten: ja oder nein; nein, das wissen wir nicht, hätte ‚nein‘ bedeutet. Da war einer der Bescheid wissen wollte, und das ist immer bös“.

Bonhoeffer wusste einerseits, dass nach gültigem kirchlichem Verständnis nur ein vernunftbegabtes Wesen, das ausdrücklich an Christus glaubte, die Gnade Gottes mit Aussicht auf Auferstehung des Fleisches und ewiges Leben erhalten konnte. So gesehen war es ausgeschlossen, dass der Hund in den „Himmel“ kam. Andererseits wollte er den Jungen trösten. Er wand sich ein bisschen heraus und gab dem Jungen keine eindeutige Antwort. Vielmehr sagte er ihm, wenn er seinen Hund auf der Erde geliebt habe (es müsse aber „wirkliche“ Liebe gewesen sein; was immer er auch darunter verstand), bleibe er mit ihm zusammen, ohne dass man wisse, wie das geschehe. Es ist aus dem Brief herauszulesen, dass Bonhoeffer bei seinem seelsorgerisch höchst einfühlsamen Trostversuch ein etwas schlechtes Gewissen hatte.

Hätte Bonhoeffer Luthers Primärquellen gekannt und die Auffassung des Reformators vermitteln wollen, wäre etwa folgende Antwort möglich gewesen: „Bei uns Menschen, die wir alle die Erbsünde in uns tragen, ist es so, dass nur solche, die ‚wirklich‘ an Christus glauben, in den ‚Himmel‘ kommen. Jene Menschen, die nicht ‚richtig‘ glauben und deshalb den Zorn Gottes hervorrufen, kommen dagegen in die ‚Hölle‘. Bei den Tieren, die gar nicht an Christus glauben können, hat Gott in seiner großen Liebe einen Ausweg gefunden. Die Tiere kommen, auch wenn sie nicht glauben, trotzdem in den ‚Himmel‘ und zwar deshalb, weil sie nicht die Erbsünde in sich tragen und nie aus dem Paradies geworfen worden sind. Auf den Tieren lastet deshalb auch nicht der Zorn Gottes. Dein Hund ist jetzt schon im ‚Himmel‘, Du kannst ihn wiedersehen, aber nur, wenn Du von innerstem Herzen an Christus glaubst und damit die Voraussetzung erfüllst, später einmal ebenfalls in den ‚Himmel‘ zu kommen“.

Bemerkenswert erscheint in diesem Zusammenhang, dass Bonhoeffer den Wunsch nach Aufdeckung heikler und widersprüchlicher theologischer Sachverhalte, auch wenn er sie als noch so berechtigt und wichtig ansah, als „immer bös“ empfand. Auf die Frage des Jungen lässt sich auf der Grundlage von Luthers Schriften eine klare Antwort formulieren, die sich von Bonhoeffer zum Teil unterscheidet. Welche konkrete Antwort heute in der Seelsorge gegeben würde und wie man dies in Anbetracht der Schriften Luthers und Bonhoeffers begründen würde, steht allerdings noch aus.

Die Rechtfertigungslehre gewinnt gleichwohl durch Luthers bisher weitgehend unbekannten, jetzt aber aus dem Wahrnehmungsschatten herausgetretenen tierethischen Betrachtungen eine neue Dimension mit vielerlei daraus erwachsenden Konsequenzen.

 

Luther – eine Leerstelle im theologischen Tierethikdiskurs

Luthers Tiertheologie lag ein halbes Jahrtausend im Dämmerschlaf. Der aktuelle Kenntnisstand dazu wurde inzwischen zwar erweitert, ist allerdings bislang in der Fachwelt noch nicht angekommen. Luther markiert nach wie vor eine Leerstelle im theologischen Tierethikdiskurs. Wenn man heute Experten aus Theologie, Philosophie oder Geschichte fragt, was sie während oder nach ihrer Ausbildung über Luthers theologisches Tierbild erfahren haben, bekommt man fast immer die gleiche Antwort: nichts!

Vor dem Hintergrund, dass die diesbezüglichen Überlegungen Luthers sehr lange Zeit ignoriert wurden, erscheint es überfällig, sie in die aktuellen Debatten der christlichen Tierethik angemessen einfließen zu lassen. Es geht dabei auch um die Frage, wie die heute lebenden Christen mit dem Glaubensvermächtnis Luthers in Forschung, Lehre und Seelsorge umgehen. Der Autor des vorliegenden Beitrags nimmt nicht für sich in Anspruch, diese Frage beantworten zu können. Er möchte aber darauf aufmerksam machen, dass es inzwischen kaum mehr einen Weg gibt, dieser Thematik auszuweichen.

 

Anmerkungen

1 H.J. Staehle, Luthers unerhörte Menschen- und Tierethik – Ein historischer Blick in die Abgründe des Glaubens, Berlin/Münster 2022, 7-134.

2 M. Luther, J. Knaake, Die Genesisvorlesung, Norderstedt 2016, 52.

3 M. Luther, J. Knaake, Die Genesisvorlesung, 65. 

4 M. Luther, Tischreden, in: J. Henkys, Hanau 1983, 75-76.

5 M. Luther, Von den Juden und ihren Lügen, Wittenberg 1543, neu bearbeitet und kommentiert von M. Morgenstern, Berlin 2016, 3-328; M. Luther, Von den Juden und ihren Lügen, Wittenberg 1543, in: K.-H. Büchner/B.P. Kammermeier/R. Schlotz/R. Zwilling, Luthers judenfeindliche Schriften, Bd. 1, Aschaffenburg 2016, 7-347.

6 M. Luther, Von den Juden und ihren Lügen, Aschaffenburg, 292f.

7 E. Kopp, Haben Tiere eine Seele und was ist das?, Glaube und Theologie 19.03.2014: Haben Tiere eine Seele - und was ist das? | evangelisch.de (abgerufen am 22.09.2023).

8 M. Luther, Von den Juden und ihren Lügen, 293-297.

9 H.J. Staehle, Luthers unerhörte Menschen- und Tierethik, 83-95.

10 N. Peuckmann, „Der Herr Wolf ist tot“ – Mensch-Tier-Beziehungen in der kirchlichen Praxis, in: Pastoraltheologie 111 (2022), 35-48.

 

Über die Autorin / den Autor:

Prof. Dr. Dr. Hans Jörg Staehle, Jahrgang 1953, Studium der Medizin und Zahnmedizin in Freiburg i. Br. (dort auch Promotionen zum Dr. med. und Dr. med. dent.), 1990-2021 Ordinarius und Ärztlicher Direktor am Universitätsklinikum Heidelberg (über viele Jahre Geschäftsführender Direktor der Heidelberger Universitätsklinik für Mund-, Zahn- und Kieferkrankheiten), Verfasser zahlreicher nationaler und internationaler Fachpublikationen auf (zahn)medizinischem Gebiet, u.a. zur Krankheitsprävention sowie Geschichte und Ethik der Medizin und Zahnmedizin, umfangreiche Vortragstätigkeit, Ausrichtung von Kongressen, Symposien und weiteren Aktionen, teilweise zu fachübergreifenden Themen, seit 2021 im Ruhestand.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 4/2024

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