Es gibt einen unerbittlichen Realismus, der im Leben nichts anderes sieht als den Tod, in einem Totenschädel nur die Vergänglichkeit, im Gekreuzigten nur das elend zugrunde gegangene Opfer. Doch der Mensch hat die Fähigkeit, noch in ein anderes Verhältnis zu den Dingen zu treten, wie Detlef Spitzbart in seinem Essay erläutert.

 

Der folgende Text ist im Februar 2023 im Kasseler Museum für Sepulkralkultur vorgetragen worden als Beitrag zur Vorbereitung eines 3. Evangelischen Bildertags, der in Zusammenarbeit mit diesem Museum in Kassel stattfinden soll. Der Bildthematik nähert er sich in drei Abschnitten.

Zunächst versteht sich die Antwort auf die Frage, was denn überhaupt ein Bild sei, in den Bildwissenschaften nicht von selbst. Hier impliziert jede Antwort theoretische Vorentscheidungen. Ich plädiere (a) für einen negationstheoretischen Bildbegriff und (b) für einen funktionsbegrifflichen: Zum einen repräsentiert jedes Bild ein Unsichtbares, das es selber gerade nicht ist. Zum anderen werden beliebige Objekte dadurch zum Bild, dass ein oder mehrere Subjekte zu ihnen in ein bestimmtes Verhältnis, die Bildfunktion eintreten, das sich von anderen Verhältnissen, etwa dem zu Werkzeugen, unterscheidet.

Der zweite Abschnitt sucht nach dem „schlechten Christus“. Dieser ist zum einen der kyrios der Karfreitagsperikopen, der kein Verderben zu fürchten braucht, weil er im figurativen Gefüge von biblischer Verheißung und Erfüllung aufgehoben ist. Aber zum anderen ist er doch auch nur eins von vielen Elendsbildern, jenen „schlechten“ Gekreuzigten der Antike, denen die Bestattung verweigert wurde, bis das verwesende Gewebe nachgab und der Körper von seinem Kreuz fiel. Der vollständige, der „schlechte Christus“ erscheint also wie ein Kipp- oder Vexierbild und ich wage die Behauptung: Nur so wohnt in ihm die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig (Kol. 2,9).

Der dritte Abschnitt erzählt von einem zufällig auf dem Friedhof gefundenen menschlichen Knochenfragment. Nun macht der Begriff des Fragments nur dann Sinn, wenn zugleich ein Ganzes, Heiles mitgedacht und mitgewusst wird, das in ihm unsichtbar anwesend ist. Damit ist keine billige Vertröstung aufs Jenseits gemeint. Vielmehr kann der Humor, wie ihn Käte Hamburger definiert hat, gerade im Inadäquaten und Unzureichenden die (unsichtbare) Präsenz des Adäquaten anerkennen und wertschätzen.

 

1: Über Bild und Bildfunktion

Negative Ikonen des schlechthin Unsichtbaren

Vermutlich im Sommer 1807 notierte Friedrich Hölderlin einige Sätze unter der Überschrift „Was ist Gott?“.1 Es war sein erstes Jahr in der Turmwohnung am Neckar und es gewitterte wohl oft über Tübingen, denn vor allem Gewittriges fällt ihm ein: „Voll Eigenschaften ist das Angesicht / Des Himmels von ihm. Die Blize nemlich / Der Zorn sind eines Gottes.“ Und später: „Aber der Donner […] ist Gottes.“ Zwischen diese Wetterszenen platziert Hölderlin eine poetisch-philosophische Sentenz. Sie soll uns zu einem negationstheoretischen Bildbegriff führen. Hier die Sentenz mit einer in der Handschrift markanten Leerstelle: 

                                        „… Jemehr ist eins 
Unsichtbar,            schiket es sich in Fremdes.“

Proportional zum Maße seiner Unsichtbarkeit [Leerstelle] schiket sich eins in Fremdes, also in Sichtbares: die Gewitterwolken, die Blitze. Vereint mit dem Fremden wird es für uns, die wir Bilder lesen und als solche verstehen können, zum Bild. So schiket sich Gott als der im höchsten Maße Unsichtbare auch am meisten in das, was er nicht ist, was ihm als Fremdes entgegensteht und Widerstand leistet.

Wenn Hölderlin Recht hat, dann finden wir ihn, den schlechthin Unsichtbaren, in seinen Verkörperungen, wir identifizieren ihn im Ikonischen, Szenischen, in den Lebensgeschichten. Muss es aber das Allerfremdeste und Widerständigste, muss es der Tod sein, dann schiket sich Gott in den Gekreuzigten. Ihn habe ich im Sinn, wenn ich vom schlechten Christus rede.

 

 

Doch hier droht ein Missverständnis: Man könnte meinen, der oder das Unsichtbare schicke sich mit dem Ziel ins Fremde, um dort sichtbar zu werden. Ganz im Gegenteil! Unsichtbares überhaupt und erst recht jenes schlechthin Unsichtbare, das Gott ist, bewahrt, bewährt und konkretisiert gerade im sichtbaren Fremden seine Unsichtbarkeit: Ein Motiv für die theologische Lehre von Gottes absconditas, seinem Verdunkelt- und Verborgensein mitten im Sichtbaren.

Das zu verstehen, erfordert von jedem, der sich mit Bildern konfrontiert, eine besondere Kompetenz: das Bildvermögen. Es besteht darin, ein raumzeitliches Ereignis auf die Weise als Bild beobachten zu können, dass dabei ein Unsichtbares oder Abwesendes mitgewusst wird, das es abbildet, aber genau deshalb nicht selber ist. William Blakes Gedicht vom Tiger beschwört seine Präsenz als die eines Abwesenden.2 Insofern enthalten alle Bilder eine „konkrete Negation“ und wir nennen einen Bildbegriff, der dieser Eigenschaft gerecht zu werden versucht, „negationstheoretisch“.3

Ich gebe noch zwei Beispiele:

Gegen Ende seiner Philosophischen Untersuchungen schreibt Ludwig Wittgenstein: „Der menschliche Körper ist das beste Bild der menschlichen Seele.“4 Was sehen wir, wenn wir einen Menschen sehen? Nicht mehr und nicht weniger als seinen Körper. Aber unser Bildvermögen verdoppelt ihn sozusagen; so wird er transparent auf seine Seele hin. Jetzt sehen wir den Körper des Anderen als bestes Bild seiner Seele, die wir nicht und niemals sehen können. Umgekehrt mag sich jemand einen „kalten“ Blick antrainiert haben, dem die lebendigen Körper unbeseelt vorkommen. In dem Fall negiert er zusammen mit der Seele auch die Menschlichkeit des Anderen.

In Joh. 20,14-18 begegnet Maria Magdalena am Ostermorgen – wem? Dem Friedhofsgärtner! Nicht alle, aber viele Malerinnen und Maler der Noli me tangere-Szene haben das auch genauso ins Bild gesetzt. Dürer (um 1510), Lavinia Fontana (1581), Rembrandt (1638) geben dem Gärtner einen großen Spaten in die Hand und setzen einen breitkrempigen Gärtnerhut auf seinen Kopf.5 Als er sie anspricht: Mariám, antwortet sie mit ihrem Glaubensbekenntnis: rabbouní! Sie braucht ihn jetzt gar nicht mehr zu berühren. Ohnehin würde ihr Versuch, Jesus anzufassen, von der verschwitzten Haut des Gärtners aufgehalten und nicht weiterkommen. Diesen aber hat sie mit dem Bildvermögen ihres Glaubens zum Bild verwandelt, und das heißt hier: für sie selbst transparent werden lassen auf den unsichtbaren Auferstandenen, auf ihren Rabbi hin. Ihn erreicht keine Berührung mehr, weil er den Seinen pròs tòn patéra, zum Vater voraus­geht.

Das Bild-Verhältnis des Subjekts zum Objekt

An den Beispielen des menschlichen Körpers und des Gärtners lässt sich sehen, dass ihr jeweiliges Bild-Werden aus der komplexen geistigen Leistung eines sich in seinem Verhältnis zum Bild auch selbst wissenden und körperlich spürenden Subjekts resultiert.6 Wollte man die Bilder nur als eine Klasse von Gegenständen mit bestimmten Eigenschaften beschreiben, die sie von anderen Objektklassen unterscheiden, dann blieben sie unterbestimmt: Eigenschaften wie die, dass sie eine konkrete Negation implizieren und auf ein bestimmtes Unsichtbares verweisen, haben sie immer nur für jemanden, das heißt für ein sie interpretierendes und verstehendes Subjekt. Grundsätzlich verstehe ich daher unter „Bild“ ein spezifisches Verhältnis, in das der Mensch als intentionales Subjekt zu beliebigen Objekten eintritt. Diese sind vielleicht ganz unscheinbar, ein zufällig entdeckter und aufgelesener schmutziger kleiner Gegenstand, der durch diese Relation für mich ein „Gesicht“ bekommt, aber dies können natürlich auch andere Subjekte sein. Irgendein Ding, ein Traum, ein Tier oder ein Mensch: im Bild-Werden wird ihnen ein „Gesicht“ anverwandelt. „Bild“ bezeichnet stets eine Relation zwischen Variablen, von denen wenigstens eine ein Subjekt sein muss. Es ist daher nach der Terminologie Ernst Cassirers eher ein Funktionsbegriff, weniger ein Substanzbegriff. Der Ausdruck „Bildfunktion“ soll das verdeutlichen.7

Diese Bildfunktion ist kein einseitiges Verhältnis, in dem nur dem Subjekt Aktivität zukäme. Freilich ist es unverzichtbar mit seiner Intentionalität, seinem Woraufhin-Gerichtetsein. Doch auch jedem Objekt, das ihm zum Bild wird, wächst eine eigene Aktivität zu: Deshalb spricht Horst Bredekamp vom „Bildakt“.8 So finden sich beide in einem Wechselverhältnis, einem spannungsvollen Mit- und Gegeneinander wieder: Intentionalität – Bildakt – gesteigerte Empfänglichkeit des Subjekts.

Dabei liefert sich das Subjekt dem Bildakt niemals so aus, dass es ihn nur noch passiv als eine „Bildmacht“ erleidet, vielmehr hält es sich in einer der Bildfunktion angemessenen Aktivität für ihn empfänglich. Als dynamisch-progredientes Verhältnis konstituiert die Bildfunktion einen besonderen relationalen Raum und eine relationale Zeit. In ihnen wird aber nicht etwa das Objekt selbst, sondern werden Distanzen gewusst und körperlich gespürt, sowohl Nähen als auch Fernen. Eine Bildfunktion ereignet sich als Kontemplation der Relationen, der changierenden Distanzen und Perspektiven. In der Tat bleibt das Bild-Objekt, z.B. Jesus als Gärtner für Maria, schlechterdings unerreichbar, unberührbar: Das „Fass mich nicht an!“ unterstreicht nur die Unmöglichkeit. Was Maria wissend und körperlich-spürend erlebt, allein erleben kann, ist der relationale Raum, der sie mit ihrem Bild-Objekt ebenso verbindet wie er sie von ihm trennt. Später einmal, wenn sie sich an die Begegnung am offenen Grab erinnern wird, geschieht es als dankbare Kontemplation ihrer durch jenes Ereignis unterbrochenen und seither qualifizierten Lebenszeit.

Wenn ein als Bild verstandenes Objekt unberührbar bleibt, weil in der Bildfunktion ausschließlich Relationen beobachtet werden, dann eröffnet sich durch diese Kontemplation das, was Aby Warburg 1920 den „Denkraum der Besonnenheit zwischen sich und dem Objekt“ genannt hat.9 In ihm ist zugleich mit der Unmöglichkeit, in das Bild „hineinzugehen“ und ihm etwas „anzutun“, auch jeglicher Handlungszwang sistiert. Wer hingegen das, was für ihn eben noch ein Bild gewesen ist, antasten und ihm etwas „antun“ wollte, der würde es sofort zerstören und damit den Prozess und progress der Bildfunktion abbrechen.10

 

2: Suche nach dem schlechten Christus

Der gekreuzigte Christus

Mit dem „schlechten Christus“ meine ich den Gekreuzigten. Als dieser wurde er den Galatern „fur die augen gemalet“, wie Luther das griechische proegráphê (Gal. 3,1) zwar nicht korrekt, dafür aber umso anschaulicher übersetzt.11 Für ihn sind die biblischen Texte grundsätzlich „auf piktorale Evidenz angelegt“.12 Dabei wird uns Christus nicht nur vorgemalt, sondern, so Luther in einer Predigt 1538: „Wo ich mir Christum also einbilde, so male ich ihn recht und eigentlich, ergreife und habe den rechten Christum, wie er sich selbst malt.“13

In einem zweiten Abschnitt will ich genauer betrachten, wer oder was in der Bildfunktion des schlechten Christus begegnet. Wieder ist es ein Doppeltes und wieder bedingt das Sichtbarsein der jeweils einen Seite die Unsichtbarkeit oder Abwesenheit einer anderen, die dennoch mitgewusst wird.

Unsere Imaginationen des Gekreuzigten werden im Normalfall geprägt von den Perikopen des NT, die am Karfreitag gelesen werden, und ihren Darstellungen in der bildenden Kunst. Aber gerade hier kommt Jesus gar nicht so „schlecht“ weg. Denn alles, was er tut und erleidet, hat Sinn und Bedeutung, alles ist geradezu bedeutungsgesättigt. Bis ins Detail bezieht sich Jesu Leidensgeschichte auf das, was aus ntl. Perspektive in der jüdischen Bibel präfiguriert ist, z.B. auf jene drei Tage, die Jona im Bauch des Fisches verbrachte, oder auf Ps. 22. Erich Auerbach hat diese Art von Literatur die „figurale“ genannt. Die Figuraldeutung, schreibt er in seinem Klassiker „Mimesis“, „stellt einen Zusammenhang zwischen zwei Geschehnissen oder Personen her, in dem eines von ihnen nicht nur sich selbst, sondern auch das andere bedeutet, das andere dagegen das eine einschließt oder erfüllt.“14

Am wenigsten muss der gekreuzigte Jesus des NT das Schicksal fast aller Menschen erleiden, ohne Bedeutung und sinnlos sterben zu müssen. Wenn er aber gar kein „schlechter“ Christus ist, wo können wir den dann ­finden?

Gekreuzigte Elendsgestalten

Weil die ntl. Texte durchweg figural angelegt sind, müssen wir uns anderswo in der Literatur der römischen Kaiserzeit umsehen. Ich schlage den Titus Petronius vor, einen der vielen Hommes de Lettres, die dem Kaiser Nero zum Opfer gefallen sind, und habe aus den Satyrica eine kleine Novelle ausgewählt, die zur Erheiterung einer Schiffsgesellschaft erzählt wird: Matrona quaedam Ephesi – Es war eine Dame zu Ephesus.15 Diese ist gerade verwitwet und hat den Leichnam ihres Mannes nach griechischer Sitte in einem hypogaeum, einer Krypta unter der Erde beigesetzt. Dort unten sitzt die Trauernde neben ihm, ist ganz untröstlich, zerkratzt sich das Gesicht, sie will nichts essen und nicht von seiner Seite weichen.

Die Gräber einer antiken Stadt säumen deren Ausfallstraßen, denn innerhalb des pomerium, der rituellen Stadtgrenze, gilt ein Bestattungsverbot. Auch die Hinrichtungsstätten befinden sich außerhalb der Stadt, wie man’s noch heute an einem erhaltenen Hochgericht im Odenwald, dem Beerfelder Galgen sehen kann. So kommt es in der Geschichte, dass nahe der Krypta einige latrones, Banditen ans Kreuz geschlagen worden sind. Ein Soldat muss vor allem nachts aufpassen, dass die Toten nicht von den Angehörigen heruntergenommen und heimlich beigesetzt werden. Er soll deren Grablege auf jeden Fall verhindern und nicht etwa das Grab eines vorzeitig von seinem Kreuz Abgelösten bewachen, wie es, für römische Ohren seltsam oder paradox genug, in Mt. 27,62-66 erzählt wird.

Während der Soldat bei den Kreuzen Wache hält, leuchtet ein Öllämpchen aus dem offenen Eingang zur Krypta. Er geht hinüber, versucht zu trösten, überredet die Witwe etwas zu essen, und so auch in den folgenden Nächten. Schließlich trösten sich beide gegenseitig, immer im hypogaeum und in Gegenwart des Leichnams. Da merken die Eltern eines der Banditen, dass die Kreuze nachlässig bewacht werden. Als die Luft rein ist, lösen sie ihren Sohn von seinem Kreuz ab und tragen ihn fort. Das ist sehr schlecht für unseren Soldaten, der sich gleich verzweifelt in sein Schwert stürzen will. Wie das Liebespaar im hypogaeum das Problem des unbesetzten Kreuzes löst? „Die Götter sollen verhüten“, ruft die Matrona, „daß ich zur selben Zeit die Leichname der beiden mir liebsten Menschen sehen muß! Lieber will ich den Toten aufhängen als den Lebenden töten.“

Zwar ist die Geschichte grausam, verrückt und nicht ohne einen Beigeschmack von Nekrophilie, doch erlaubt sie einen relativ unverstellten Blick auf die Realität der Kreuzigungsstrafe. Offensichtlich gehörte zu ihr, und zwar als integraler Bestandteil, dass der Tote erst recht noch bestraft wurde. Was die Beisetzung auf dem Friedhof den Blicken entzog, das musste ein Gekreuzigter allen Vorübergehenden präsentieren: seinen Gestank, das Angefressenwerden von Tieren, zuletzt das Unkenntlichwerden der Gesichtszüge. Jeder Christ im römischen Reich bis weit in die Spätantike kannte solche Elendsbilder: Er brauchte nur hinaus auf die Landstraßen zu gehen.

Der gekreuzigte Christus als Kippfigur

Alle diese schlechten Gekreuzigten, schlecht im Sinne von stinkend, Übelkeit erregend, verflucht, weil unbestattet, und unrein: Was haben sie mit dem figuralen, bedeutungsschweren Christus der Evangelien zu tun? Und umgekehrt dieser mit ihnen? Ich denke, man kann sie unmöglich voneinander trennen. Denn dieser eine und jene anderen bilden zusammen eine typische Kippfigur. Und erst dieses Vexierbild ergibt den ganzen, den „schlechten Christus“. Wenn das so ist, dann wird jeder, der sich auf die Bildfunktion des Gekreuzigten, also auf die Beziehung zu dieser Kippfigur einlässt, zu einem fortwährenden „Aspektwechsel“ gezwungen. Wittgenstein definiert ihn folgendermaßen: „Der Ausdruck des Aspektwechsels ist der Ausdruck einer neuen Wahrnehmung, zugleich mit dem Ausdruck der unveränderten Wahrnehmung.“16 Oder an anderer Stelle: „Wer in einer Figur (1) nach einer anderen Figur (2) sucht, und sie dann findet, der sieht (1) damit auf neue Weise. Er kann nicht nur eine neue Art der Beschreibung von ihr geben, sondern jenes Bemerken war ein neues Seherlebnis.“17

Der Aspektwechsel, zu dem die Kippfiguren nötigen, ist anfangs eine ziemlich schwierige geistige Leistung. Sie verlangt ja die Fähigkeit, sich von dem, was einer sieht und was ihm offen vor Augen liegt, zu distanzieren zugunsten einer ganz anderen, neuen Wahrnehmung, zu der er aber in dem Moment des Distanzierens noch gar keinen Zugang hat. Erst nachdem sich jemand mit beiden Seiten einer Kippfigur vertraut gemacht hat, gelingt der Aspektwechsel mit einiger Sicherheit und mit der Zeit immer leichter.

Seele / Körper; Jesus / Gärtner; schlechte Gekreuzigte / figuraler Christus: drei Kippfiguren? Freilich muss der Aspektwechsel beim „schlechten Christus“ in beide Richtungen möglich sein. Dabei wird die jeweils andere, gerade ausgeblendete und nicht fokussierte Seite dennoch mitgewusst und bleibt als „konkrete Negation“ in jeder Imagination, jedem Seherlebnis, also in jedem Bild präsent. Ein Gekreuzigter am Straßenrand gibt zu denken an den Erlöser undkyrios, den „Herrn“ an ­seinem Kreuz, der aber ist und bleibt ein Genosse aller geschändeten, unbestatteten Leichen auf der Welt.

 

3: Ausklang auf dem Friedhof

Im fortgeschrittenen Alter hat man vielleicht die Pflicht auf sich genommen, auf dem Friedhof das Grab der Eltern zu pflegen. Als ich einmal in der Erde wühlte und frische Akeleien einpflanzen wollte, fiel mir ein braunes Knochenröhrlein in die Hand, wohl das abgebrochene Stück einer menschlichen Elle. Nun führe ich auf dem Friedhof viele Gespräche, gerade wenn ich allein bin: mit den Eichhörnchen, mit mir selbst, mit meinen Toten, warum nicht auch mit einem Knochen der Person, die vor meinen Eltern die Grabstätte belegt hat? Etwa so: „Na, kleiner Knochen! Hast geduldig all die Jahre da unten in der Tiefe gewartet, bis du plötzlich Glück hattest und der Friedhofsbagger dich mit einem Schwung nach oben befördert hat, hinauf ans liebe Sonnenlicht. Keine Angst! Du darfst zwischen meinen Akeleien ­liegen bleiben.“

„Des Herrn Hand kam über mich, und er führte mich hinaus im Geist des Herrn und stellte mich mitten auf ein weites Feld; das lag voller Totengebeine. Und er führte mich überall hindurch. Und siehe, es lagen sehr viele Gebeine über das Feld hin, und siehe, sie waren ganz verdorrt. Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, meinst du wohl, dass diese Gebeine wieder lebendig werden? Und ich sprach: Herr, mein Gott, du weißt es.“ (Ez. 37,1-3) – Zwischen der grandiosen Szenerie der Auferstehung aller Toten Israels aus ihren Gräbern, wie sie sich nach dieser Stelle in den Weissagungen des Propheten entfaltet, und dem schmutzigen Fragment einer Elle in meiner Hand klafft eine Diskrepanz, ein Missverhältnis, mit dem ich irgendwie fertig werden muss. Aber wie mache ich das? Vielleicht nehme ich eine schon anderswo gut eingeübte Haltung ein, die resignierende etwa oder die ironische Haltung, am Ende die wegwerfende, falls ich, anders als versprochen, den ­armen Knochen in der Biotonne entsorge.

Im Gegensatz dazu könnte mich das Prophetenwort dazu motivieren, ein weiteres Mal ins Verhältnis der Bildfunktion einzutreten, was ja negationstheoretisch bedeuten würde, das Knochenröhrlein wertzuschätzen als Bild eines Unsichtbaren, das es gerade nicht ist. Dazu sei die Philosophin und Literaturwissenschaftlerin Käte Hamburger zu Rate gezogen. In ihrem Buch über den Humor bei Thomas Mann spricht sie vom „Inadäquaten“, vom Uneigentlichen im Verhältnis zu einem Eigentlichen.18 Dieser Knochen erscheint im Verhältnis zur ihm geweissagten Auferstehung jedenfalls als ein Inadäquates, als schlechtes, schäbiges Objekt, das keine reelle Chance hat. Wenn meine Haltung ihm gegenüber die ironische oder gar die wegwerfende ist, dann, schreibt Hamburger, „wird das Inadäquate nicht nur als inadäquat, sondern darüber hinaus als das Schlechtere beurteilt und bewertet und wird als solches verachtet oder lächerlich gemacht oder resignierend hingenommen.“

Gibt es noch eine andere Möglichkeit? Ja, es gibt sie, es ist die Haltung des Humoristen. Auch er steht nach Käte Hamburger zunächst hilflos vor der offensichtlichen Diskrepanz, dem krassen Missverhältnis zwischen uneigentlich und eigentlich, einem braunen Knochenfragment und der ihm verheißenen Auferstehung. Doch der Humorist lächelt oder fängt an zu lächeln, wenn er das Missverhältnis – als ein Bild – kontempliert, denn sein Humor befähigt ihn zum Seherlebnis „der lächelnden Spiegelung eines eigentlichen und als solchen auf irgendeine Weise werthaltigen Sinnes in einer uneigentlichen Erscheinungsform“. Er „sieht im Uneigentlichen noch das Eigentliche, oder umgekehrt das Eigentliche noch in seinen uneigentlichsten Erscheinungsformen – und dies ist der Grund dafür, daß er nicht verurteilt, sondern lächelt.“ So vermag der Humor jenem Knochen im Dreck, indem er ihn Bild oder „ikonisch“ sein lässt, ein Gesicht anzuverwandeln, von dem der humorvolle Mensch selber wieder als beseelter Körper und nicht bloß als ein Ding angeblickt wird. Denn: Wie ihr seht, so werdet ihr gesehen werden.

Fazit: Ohne Humor kommt die Hoffnung auf dem Friedhof auf keinen grünen Zweig. Mit ihm aber schon!

 

Anmerkungen

1 Friedrich Hölderlin, Frankfurter Ausgabe. Korrespondenz und Werke, chronologisch-integrale Edition, Bd. 20, D.E. Sattler (Hg.), Frankfurt/M. – Basel 2008, 430. Sowie: Dichtungen nach 1806. Mündliches, Bd. 9, Michael Franz/D.E. Sattler (Hg.), Frankfurt/M. 1983, 30f.

2 „Tyger Tyger, burning bright, / In the forests of the night […]“, in: The Complete Poetry and Prose of William Blake, David V. Erdman (Hg.), Berkeley/Los Angeles 1982, 24.

3 Malte Dominik Krüger, Das andere Bild Christi. Spätmoderner Protestantismus als kritische Bildreligion, Tübingen 2017, 313-468. Zum negationstheoretischen Bildbegriff: 429-454. Ders., Bildhermeneutische Theologie. Evangelische, hermeneutische und metaphysische Perspektiven, in: Malte Dominik Krüger/Andreas Lindemann/Arbigast Schmitt, Erkenntnis des Göttlichen im Bild? Perspektiven hermeneutischer Theologie und antiker Philosophie, Leipzig 2021, 33-160: 81-87.

4 Ludwig Wittgenstein, Schriften, Frankfurt/M. 1960, 489 (Philosophische Untersuchungen II/iv).

5 Vgl.: Jean-Luc Nancy, Noli me tangere, Christoph Dittrich (Übers.), Zürich 2019.

6 „Subjekt“ soll hier mit der Subjektphilosophie Dieter Henrichs verstanden werden. Vgl. zuletzt: Dies Ich, das viel besagt. Fichtes Einsicht nachdenken, Frankfurt/M. 2019.

7 Vgl.: Detlef Spitzbart, Ikonische Seelsorge. Bildern begegnen, Räume öffnen, Zürich 2020. Ders., Der schlechte Christus. Über die Bildfunktion des Gekreuzigten in der Seelsorge, in: Thomas Erne/Malte Dominik Krüger/Anna Niemeck (Hg.), Das Christusbild in der Gegenwart. Eine Leerstelle auf dem Weg zu neuer Anschaulichkeit?, Darmstadt 2022, 355-370.

8 Vgl.: Horst Bredekamp, Der Bildakt. Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2007. Neufassung 2015, Berlin 2015; Sabine Marienberg/Jürgen Trabant (Hg.), Bildakt at the Warburg Institute, in: Horst Bredekamp/Jürgen Trabant (Hg.), Actus et Imago. Berliner Schriften für Bildaktforschung und Verkörperungsphilosophie, Bd. XII, Berlin/Boston 2014.

9 Aby Warburg, Heidnisch-antike Weissagung in Wort und Bild zu Luthers Zeiten (1920), in: ders., Werke in einem Band, Martin Treml/Sigrid Weigel/Perdita Ladwig (Hg.), Berlin 2010, 424 -491: 485.

10 Progress spielt auf John Bunyans The Pilgrim’s Progress (1678) an. Der Verfasser träumt eine Reihe biblisch konnotierter allegorischer Bilder oder Szenen, die sein Pilger Christian durchwandern muss, um zuletzt at the Gates of Heaven, dem Tor zur Goldenen Stadt auf dem Berge anzukommen.

11 Vgl.: Angela Standhartinger, Christus als Bild Gottes. Reflexionen zur Darstellbarkeit Christi in Gal 3–4 und Phil 2,6–11, in: Das Christusbild in der Gegenwart, 371-381.

12 Ulrich Barth, Symbole des Christentums. Berliner Dogmatikvorlesung, Friedemann Steck (Hg.), Tübingen 2021, 333.

13 Ebd., 332.

14 Erich Auerbach, Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur, Tübingen – Basel 19949, 75 und öfter.

15 Petronius, Satyrgeschichten: lateinisch und deutsch von Otto Schönberger, Berlin 1992, 180-185.

16 Ludwig Wittgenstein, a.a.O., 506.

17 Ludwig Wittgenstein, a.a.O., 509.

18 Käte Hamburger, Der Humor bei Thomas Mann. Zum Joseph-Roman, München 1965, 21-23.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer i.R. Detlef Spitzbart, Jahrgang 1952, Psychiatrieseelsorger im Zentralinstitut für ­Seelische Gesundheit in Mannheim, Pastoral­psychologe und Supervisor.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 4/2024

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