Seit mehr als zwei Jahren toben die Angriffe Russlands gegen die Ukraine. Roman Soloviy, Direktor desEastern European Institute of Theology in Lviv, erlebt die Aggression hautnah mit und schildert seine Erfahrungen, Empfindungen und Eindrücke.

 

Über zwei Jahre sind inzwischen seit dem Beginn des umfassenden Krieges Russlands gegen die Ukraine vergangen. Ich schreibe diese Zeilen am frühen Morgen, zu einer Zeit, in der über einem Teil meiner Ukraine Fliegeralarm ausgerufen worden ist. Die ukrainische Luftabwehr hat bereits einige iranische Shahed-136-Drohnen abgeschossen, die von der russischen Armee vom Asowschen Meer aus über unsere Hauptstadt geflogen wurden.

Der vorstehende Satz wird für den Leser, der mit den Ereignissen in der Ukraine in den vergangenen beiden Jahren nicht vertraut ist, nicht viel bedeuten. Deshalb nehme ich ihn auseinander: Der Krieg dauert nun schon viele Monate an. Das bedeutet, dass entgegen den Vorhersagen internationaler Experten die Pläne der Russen, den ukrainischen Widerstand innerhalb weniger Tage oder Wochen zu brechen, komplett gescheitert sind. Die Ukraine hat die Welt verblüfft und versetzt sie auch weiterhin in Erstaunen, weil sie der zweitgrößten Armee der Welt erbitterten Widerstand leistet. Aber vielleicht haben wir vor allem uns selbst überrascht, denn wir haben eine unglaubliche Fähigkeit zum Widerstand, zur Selbstorganisation und zur Aufopferung entdeckt.

 

Weil es Russland nicht gelungen ist, unser Land militärisch zu besiegen, ist es zu einer offen terroristischen und barbarischen Kriegsführung übergegangen. Durch die Zerstörung der ukrainischen Infrastruktur, insbesondere des Stromnetzes, mit Raketen und Drohnen, hat Russland die ukrainische Bevölkerung zu eisiger Kälte und neuen Flüchtlingswellen verdammt. Es versucht, sozialen Unfrieden zu schüren mit dem Ziel der Kapitulation der ukrainischen Regierung.

Warum setzt Russland für den Angriff auf ukrainische Städte iranische Shahed-Drohnen ein, die es schamhaft mit dem russischen Namen „Geran-2“ bezeichnet? Der Grund ist, dass die russische Armee in den vielen ­Monaten des Krieges ihren Bestand an Raketen, die unser Land zerstören, weitgehend aufgebraucht hat. Bis zum 20. Januar 2024 hat Russland bereits mehr als 7500 Raketen auf die Ukraine abgefeuert. Diese haben in so vielen ukrainischen Städten große Zerstörungen angerichtet und der ukrainischen Wirtschaft, der öffentlichen Infrastruktur und der Kulturszene schweren Schaden zugefügt. Gemessen an der Zahl der eingesetzten Munition und dem Ausmaß der Feindseligkeiten ist der Krieg Russlands gegen die Ukraine der größte militärische Konflikt in Europa und seit dem Zweiten Weltkrieg einer der größten weltweit. Die durch den Krieg verursachte soziale und humanitäre Katastrophe ist unvorstellbar. Mehrere zehntausend Menschen wurden getötet. Mehr als sieben Millionen Ukrainer sind zu Flüchtlingen geworden und haben in vielen Ländern der Welt Asyl gesucht. Mehr als fünf Millionen sind Binnenflüchtlinge. Mehr als anderthalb Millionen Ukrainer wurden gewaltsam nach Russland deportiert und auf dessen Territorium verstreut. Bei vielen von ihnen wurden die Dokumente beschlagnahmt, und sie wurden von den Invasoren missbraucht und in Filtrationslager gesteckt. All das scheinen nur Zahlen zu sein, doch dahinter stehen zerstörte Menschenleben, zerbrochene Familien und zerrüttete Zukunftsperspektiven.

Die schreckliche soziale Katastrophe und das geistige und moralische Trauma, die der Krieg verursacht hat, wurden für die christlichen Kirchen der Ukraine zu einer großen Herausforderung. Von den ersten Stunden der russischen Aggression an begannen die ukrainischen Kirchen, den Opfern des Krieges jede erdenkliche Hilfe zukommen zu lassen: Sie beteiligten sich an der Evakuierung aus den Kampfgebieten und leisteten Hilfe für die Vertriebenen, die Verwundeten und diejenigen, die ihr Zuhause und ihre Angehörigen verloren hatten. Aber ich möchte in diesem Essay nicht so sehr den sozialen Dienst der ukrainischen Kirchen während des Krieges hervorheben, sondern meine persönlichen Überlegungen aus diesen beiden Jahren zur Sprache bringen.

 

Erschöpfung – Fatigue

Der Krieg führt zu einer Erschöpfung, die nicht von heute auf morgen eintritt, sondern sich langsam einstellt. Im ersten Moment ist man angesichts der plötzlichen Erkenntnis der Katastrophe fassungslos. Das alte Leben liegt wie in Scherben, zerbrochen in unzählige Fragmente, die niemand jemals wieder zusammensetzen kann. Zur Erinnerung: Am 24. Februar 2022 griffen die Truppen der russischen Armee unser Land gleichzeitig von Norden, Osten und Süden her an und führten im ganzen Land massive Raketenangriffe durch. Am dritten Tag der Invasion kam es zu schweren Kämpfen in den Vororten von Kiew. Die Straßen des Landes ­waren überflutet von Millionen von Menschen, die versuchten, in den sichereren westlichen Regionen der Ukraine Zuflucht zu finden oder die Grenze zu den europäischen Nachbarländern zu überqueren. Handyempfang und Internet funktionierten nur mit erheblichen Unterbrechungen.

Jeder von uns musste unmögliche Entscheidungen treffen: Was tun? Bleiben oder gehen? Kinder retten oder sich um die Eltern kümmern? Sich um sich selbst und seine Familie kümmern oder sich der Hilfe für die vielen Flüchtlinge anschließen? Diese Entscheidungen mussten in völliger Unkenntnis getroffen werden ohne auch nur ahnen zu können, was sich als richtig und was sich als falsch herausstellen würde. Der Schrecken des Kriegsausbruchs, die Notwendigkeit, Entscheidungen zu treffen, und die völlige Ungewissheit über die Zukunft führten zu Stress, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, ständiger Müdigkeit und Angstzuständen. Über viele Wochen und Monate hinweg konnte ich nicht lesen, keine Musik hören und keine Filme sehen. Die Nachrichten über die schrecklichen Gräueltaten der Russen in den besetzten Gebieten, die Luftangriffe und die Berichte von Freunden aus den besetzten Gebieten und an der Front brachten eine Stresswelle nach der anderen mit sich.

 

Am 4. März 2022 schrieb ich in mein Tagebuch: Mit dem Beginn des Krieges veränderte sich unser Leben bis zur Unkenntlichkeit. Ich merkte plötzlich, dass ich kein Buch in die Hand nehmen, es nicht öffnen und lesen konnte. Eine Woche lang konnte ich gar nichts über meine Arbeit oder meine Projekte schreiben. Tätigkeiten, die man sich früher überhaupt nicht aus seinem Alltag wegdenken konnte, werden nun innerlich als Sakrileg, als Verrat, als leichtfertige Missachtung gegenüber den Verlusten empfunden, die die Ukrainer erlitten haben.

Vielleicht um die Ukrainer zu beruhigen, schürten einige Regierungsberater und Experten in den ersten Wochen des Krieges die Erwartung der Gesellschaft, dass der Krieg mit einem schnellen Sieg und der Befreiung der ukrainischen Gebiete enden würde. Es ist schwer zu beurteilen, wie wirksam ihre fast schon rituellen Gesänge über das bevorstehende Ende des Krieges waren. Gegen Ende des Frühjahrs wurde jedoch deutlich, dass dieser Krieg noch lange andauern würde und dass sich eine neue Realität herausbildet, mit der wir noch Monate, wahrscheinlich sogar Jahre, werden leben müssen. Dies ist die Realität eines Landes, das sich im Krieg befindet, das Zehntausende von Menschenleben verloren hat, das unter massiven Raketenangriffen und Stromausfällen zu leiden hat (in meiner Nachbarschaft ist der Strom schon so oft stundenlang ausgefallen).

Dies ist die Realität eines Landes, in dem Millionen von Menschen dringend auf Hilfe angewiesen sind. Seit den ersten Kriegstagen haben viele Kirchen, Seminare und christliche Freiwillige ihre ganze Kraft darauf konzentriert, Binnenvertriebene zu versorgen, die Städte und Dörfer in den Frontgebieten mit Lebensmitteln und anderen lebensnotwendigen Gütern zu beliefern und die Menschen von dort in den Westen des Landes zu evakuieren. Dieser Dienst ist körperlich und seelisch anstrengend: täglich erlebt man das Leid der Menschen und die Frustration darüber, dass man nicht allen helfen kann; die Notwendigkeit, ein schwaches, wenn auch vorübergehendes Gleichgewicht zwischen dem Dienst am Nächsten und der Sorge um das eigene psychisch-emotionale Wohlbefinden zu finden; die Ungewissheit über die eigene Zukunft, die der Familie und die des Landes. Erschöpfung.

 

Zerbrechlichkeit – Fragility

Eine der ersten Illusionen, die der Krieg für uns gewaltsam zerstörte, ist die trügerische Vorstellung, dass wir unser Leben kontrollieren und schützen können. Sorgfältig über Jahrhunderte hinweg hat die westliche Welt Wohlfahrtsstrukturen entwickelt und aufgebaut: ein Gesundheitssystem, Sozialdienste, Renten, Strafverfolgungsbehörden, die Armee und überhaupt das ganze Regierungssystem. In der Ukraine haben wir erst allmählich erkannt, wie wichtig der Aufbau staatlicher und sozialer Einrichtungen ist: Wir hatten uns für den Fall einer Katastrophe mehr auf unsere eigene Kraft und den Kreis unserer Familie und Freunde verlassen. Oft haben wir mehr überlebt als gelebt, und da wir bereits Erfahrungen mit dem Überleben in einem korrupten Staat mit schwachen Institutionen und einer unterentwickelten Zivilgesellschaft hatten, schien es uns, dass es keine Bedrohungen geben würde, die wir nicht allein oder mit der Hilfe unserer Lieben würden meistern können.

Der Krieg hat uns jedoch mit unglaublicher Klarheit die unausweichliche Verwundbarkeit der menschlichen Existenz vor Augen geführt. Das Leben wurde uns als ein zerbrechliches Gewebe vor Augen geführt, das durch einen Granaten- oder Raketentreffer, eine Besetzung oder eine Gefangennahme in klebrige, ekelerregende Fetzen zerrissen wird. Das Leben in seiner natürlichsten Erscheinungsform – bios – mit seinen Überlebens- und Anpassungsmechanismen ist wehrlos gegenüber einer modernen High-Tech-Tötungsmaschinerie. Die Überlebensmechanismen, die uns von unseren Vorfahren überliefert wurden, sind für verschiedene Gefahrensituationen nützlich und gut. Sie sind jedoch absolut machtlos gegen den Einschlag einer tödlichen Rakete, die von einem strategischen Bomber bei Saratow oder einem Raketenträgerschiff im Schwarzen Meer abgeschossen wird. Es gibt keinen Schutz gegen die FAB-3000, eine in der UdSSR entwickelte 3000 kg schwere Sprengbombe, mit der die Russen das Hüttenwerk Asow-Stahl in Mariupol bombardierten.

Viele Gesetze und Normen aus Friedenszeiten, sowohl auf der Ebene der Gesetzgebung als auch auf der Ebene ungeschriebener, aber einflussreicher gesellschaftlicher Vereinbarungen, verlieren unter den Bedingungen des Krieges ihre Gültigkeit. Das Aufeinandertreffen von Millionen von Truppen, die Anspannung aller Kräfte des Staates und der Gesellschaft zur Verteidigung gegen den Aggressor, die Mobilisierung Hunderttausender für den Militärdienst, die Einführung des Kriegsrechts, der rasche Niedergang der Wirtschaft: Alle diese Faktoren lassen den „einfachen Menschen“ im Zustand absoluter Wehrlosigkeit und Hilflosigkeit zurück. Er ist wie eine Schraube, gefangen in einem riesigen und unerbittlichen Mechanismus, der noch nicht einmal bemerkt, dass er die Schraube zerquetscht.

Nicht nur unser „Heute“ ist verwundbar, sondern auch unser mögliches „Morgen“. Seit Monaten leben wir im Schatten von Expansionsdrohungen und Kriegseskalationen: Wird es eine neue Invasion aus Weißrussland geben? Werden die Russen taktische (oder gar nicht so taktische?) Atomwaffen einsetzen? Wird es einen totalen Stromausfall geben? Wie werden wir diesen Winter überleben, wenn es keinen Strom und keine Wärme gibt? Werden die Russen nun nach den Angriffen auf die Energieinfrastruktur zur Zerstörung unserer Erdgasförderanlagen oder unserer Bankinstitute übergehen? Werden unsere ausländischen Freunde unser Land weiterhin unterstützen? Und was wird mit uns geschehen, wenn die Unterstützung eingestellt wird?

All diese und viele andere mögliche Szenarien hängen überhaupt nicht von dem kleinen „einfachen Menschen“ ab, und offen gesagt wirken unsere Versuche, uns auf diese unmöglichen Szenarien vorzubereiten, äußerst glanzlos, ja sogar ein wenig lächerlich, vor allem, wenn wir von außerhalb unseres Landes betrachtet werden. Dennoch werden wir – wie die berühmte Figur in Jack Londons Geschichte, die nach einer Hungersnot an allen möglichen Orten ihre Vorräte an Keksen verstaut – Benzinkanister und Konserven in unseren Kellern, Chemikalienschutzanzüge in unseren Autos und überall voll aufgeladene Akkus und LED-Lampen aufbewahren. Diese Gewohnheiten werden uns bis zu unserem Tod daran erinnern, wie verletzlich das Leben ist, wie leicht es zerstört werden kann und wie schwer es ist, es zu retten.

 

Familie – Family

Die Familie ist der erste Rettungsanker während des Krieges. Gleichzeitig ist sie aber auch die erste Quelle der Angst und Sorge. Mit der drohenden Gefahr für das eigene Leben kann man sich noch irgendwie arrangieren, aber der Gedanke daran, was mit der Familie passieren könnte, wenn es den Russen gelingt, unsere Stadt zu erreichen, lässt das Blut in Wallung geraten. Deshalb haben meine Frau und ich am zweiten Tag des Krieges beschlossen, unseren Sohn und unsere Tochter aus der Ukraine zu evakuieren. Nie werde ich die kalte Nacht des 27. Februar 2022 vergessen, als meine Kinder die Grenze nach Rumänien überquerten: endlose Autoschlangen, die sich über Dutzende von Kilometern erstreckten; Menschenmassen an den Straßenrändern, die meisten von ihnen Frauen und Kinder, aber auch alleinstehende Männer, von denen die meisten nirgendwo hin konnten, weil gleich am Abend des ersten Kriegstages das Kriegsrecht im Land verhängt worden war. Nach Mitternacht lichteten sich die Warteschlangen am Fußgängerübergang ein wenig, so dass meine Frau die Kinder ins Nachbarland bringen konnte, während ich auf der ukrainischen Seite der Grenze allein zurückblieb. Meine Tochter und mein Sohn waren sich der katastrophalen und unumkehrbaren Folgen des Krieges noch nicht bewusst. Sie hatten vermutlich den Eindruck, dass ihre Eltern überbesorgt sind, als sie sie zwangen, die Ukraine, ihr Zuhause, ihre Freunde, ihre Schulen und ihre Kirche zumindest vorübergehend zu verlassen. Als sich die Lage ein wenig stabilisierte, konnten die Kinder für eine Weile nach Hause zurückkehren, aber dann mussten sie wieder zurück ins Ausland.

Millionen ukrainischer Familien, die durch den Krieg zwangsweise getrennt wurden, machen eine ähnliche herzzerreißende Erfahrung: Frauen und Kinder wurden zu Flüchtlingen in der ganzen Welt, während Ehemänner und Väter in der Ukraine blieben; je länger der Krieg dauert, desto dünner wird das Netz der Beziehungen, das sie zusammenhält. Ich schreibe diesen Beitrag im Zimmer meines Sohnes, an seinem Schreibtisch. Er lebt nun schon seit mehr als achtzehn Monaten in einem anderen Land und in einem anderen Haus, aber seine Sachen, Schulsachen und Bücher liegen noch immer unberührt auf seinem Schreibtisch und in seinem Zimmer als stille Zeichen der Hoffnung, als Ausdruck eines unausgesprochenen Traums, dass der Krieg zu Ende geht und die Kinder nach Hause zurückkehren werden.

 

Freundschaft – Friendship

Die alte Maxime hat sich bewahrheitet, dass wahre Freundschaft in harten Zeiten auf die Probe gestellt wird. Während der langen und zermürbenden Monate des Krieges konnten wir feststellen, wer ein echter Freund und wer nur ein vorübergehender Reisegenosse ist. Der Krieg hat gezeigt, wie gut die Freundschaftsbekundungen, die ich zuvor von vielen Christen aus Russland gehört hatte, tatsächlich sind. Am Karfreitag 2022 schrieb ich in mein Tagebuch: Eine flackernde Fackel vertrieb die Schatten gerade so weit, dass eine Gruppe von Menschen zum Vorschein kam. Sofort erkannte Judas das ach so vertraute Gesicht des Lehrers. Das Zwielicht des Gartens konnte die Spuren des quälenden Gebets und des erschöpfenden inneren Kampfes auf seinem Antlitz nicht verbergen. Judas zögerte einen Moment, näherte sich aber schnell und küsste Jesus. „Judas, verrätst du den Menschensohn mit einem Kuss?“ fragte Jesus ihn (Lukas 22,48).

 

Ein Kuss ist eine Berührung an der am meisten exponierten Stelle des menschlichen Körpers. Seit jeher ist er ein Ausdruck von Zuneigung, Freundschaft, Liebe und Vertrauen. Für einen Kuss muss man sich dem anderen öffnen, ihm gegenübertreten. Einerseits ist die Verletzlichkeit des Gesichts selbst schon fast eine Einladung, Gewalt und Schaden zuzufügen. Andererseits, so erinnert uns Emmanuel Levinas immer wieder, sendet uns der andere gerade dadurch, dass er seine Wangen und Lippen einem Kuss darbietet, die Frage: „Du wirst mich doch bestimmt nicht töten, du wirst mich doch nicht verletzen, oder?“ Und doch ist es der Kuss, durch den Judas Jesus verrät. In diesem Moment beginnt der erschütternde Weg des Messias nach Golgatha.

Mit diesem Kuss verriet Judas nicht nur Jesus. Er stellte das Vertrauen in Frage, das der Herr in ihn gesetzt hatte, als er ihn zum Apostel erwählte. Freundliche Gespräche, gemeinsame Gebete, fröhliche Feste und lange Reisen waren das Zünglein an der Waage. Der Kuss, der ein Zeichen der Loyalität sein sollte, wurde zu einem Symbol des Verrats. Statt der Zusicherung „Ich bin bei dir, fürchte dich nicht!“ wurde er zur Parole „Hier ist er, holt ihn euch!“ Heimtückisch wurde der älteste Ausdruck für Nähe zu einem heuchlerischen Zweck benutzt. Gleichzeitig suchte Judas wie jeder andere Verräter auch nach einer tugendhaften Rechtfertigung: Der Tod Jesu ist notwendig, um das Volk zu retten; die Hohepriester werden mir Beachtung schenken; die Obrigkeit wird sich nicht einmal daran erinnern, dass ich zu seinen Jüngern gehörte; wenn ich es nicht tue, wird es eben ein anderer tun.

Diese Geschichte hat sich unzählige Male wiederholt. Heute trocknen wir uns unsere Wangen und fragen unsere früheren Freunde: „Ist es ein Kuss, mit dem du den Menschensohn verrätst?“ Wenn ehemalige Freunde in aller Eile Nachrichten in sozialen Apps löschen, nur damit niemand im Nachbarland erfährt, dass sie Freunde in der Ukraine haben: Ist das nicht ein Judaskuss? Wenn diejenigen, die mit uns das Brot gebrochen und aufrichtig gebetet haben, jetzt, wo der Krieg monatelang wütet, keine Zeit finden, um zu fragen, ob du noch lebst: Ist das nicht ein Judaskuss? Wenn ehemalige Kollegen sehr sorgfältig formulierte Briefe schreiben, in denen sie ängstlich die Worte „Krieg“, „Aggressor“, „verurteilen“ und „verzeihen Sie uns“ vermeiden: Ist das nicht ein Judaskuss? Wenn Menschen Sicherheit, Karriere und das Wohlwollen der Behörden über die Loyalität zu Freundschaften, gemeinsamen Diensten und langjähriger Zusammenarbeit stellen: Ist das nicht ein Judaskuss?

Nur aufrichtige Küsse bringen Glück. Der Kuss des Verrats aber wurde der Anfang von Judas’ Ende: Das Blutgeld brachte ihm keine Freude, und er verdiente sich bei den Hohepriestern keinen Respekt. Wenn die wertvollsten Ausdrucksformen von Liebe und Treue auf dem Altar egoistischer Wünsche geopfert werden, wird das Leben ausgehöhlt. Das Töten durch einen Kuss ist in erster Linie eine Verletzung des eigenen Selbst.

 

Falsche Frömmigkeit – Hypocrisy

Die Ukraine ist heute wie der überfallene Reisende aus dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk. 10). Der Reisende wurde Opfer von Räubern, die ihm schwere Wunden zufügten, ihn ausraubten und zum Sterben zurückließen. Das haben russische Mörder auch mit uns gemacht. Sie haben Tausende von Söhnen und Töchtern des ukrainischen Volkes getötet, Privathäuser und wohlhabende Unternehmen geplündert und Karawanen von geplündertem Eigentum aus jeder Stadt mitgenommen, die sie verließen, als die ukrainische Armee sie vertrieb. Sie folterten Ukrainer und hinterließen in den befreiten Städten Massengräber und russische Folterkammern. Sie hofften, dass wir sterben würden, wie es die Räuber aus Jesu Gleichnis auch erwartet hatten.

Überraschenderweise richten sich die pointiert kritischen Worte Jesu nicht an die Diebe: Von ihnen kann nichts anderes kommen, denn der Teufel kommt nur, um zu stehlen, zu töten und zu zerstören. Er tut es noch immer. Der halbtote Reisende liegt am Straßenrand. Wie er da so liegt, ist er eine Herausforderung, ein Stolperstein, ein Vorwurf. Seine Verletzlichkeit, Wehrlosigkeit und Hilflosigkeit werden zur Prüfung für das ehrbare und politisch korrekte religiöse Establishment. Der Priester und der Levit dachten sich: „Wir wissen nicht, warum dieser Penner hier liegt, vielleicht hat er jemanden angegriffen und wurde verprügelt, vielleicht hat er sich selbst geschlagen oder ist geisteskrank. Wer weiß das schon? Es ist besser, so zu tun, als ob wir nichts gesehen hätten; das geht uns nichts an; wir halten uns aus der Politik heraus; wir werden einfach in der Kirche für ihn beten. Das Gebet ist das Wichtigste! Es ist wichtig, nicht zu urteilen, nicht wahr?“ Und so setzen sie ihren Weg fort.

Diese Geschichte sagt auch nichts über den Reisenden aus. Vielmehr offenbart sie die falsche Frömmigkeit der religiösen Führer jener Zeit, die mehr mit ihrem eigenen Seelenfrieden beschäftigt waren als mit der Einhaltung der Gebote Gottes. In den vielen Monaten des Krieges haben wir viele solcher religiösen Führer erlebt: Diejenigen, die so taten, als könnten sie nicht herausfinden, wer den Krieg begonnen hat, wer das Opfer und wer der Angreifer ist. Diejenigen, die schrieben: „Wir werden für euch beten“, die aber nie Teil der Antwort auf dieses Gebet wurden. Diejenigen, für die politische Korrektheit und langjährige Freundschaft mit den Räubern wichtiger waren als ein sterbender Mann am Straßenrand (und als sie die Räuber fragten, antworteten diese, dass es der Reisende war, der sie angegriffen und sich dann selbst die Wunden zugefügt hat).

Die Ukraine ist der Spiegel, in dem die weltweite Christenheit und insbesondere die internationale evangelikale Gemeinschaft ihr wahres Ich sehen kann. Viele Menschen würden sich gerne für die Propheten des AT, für den Jesus unserer Tage oder für seine Apostel halten, obwohl sie in Wirklichkeit nur der Levit oder der Priester aus dem Gleichnis sind. Die Ukrainer haben es sehr schwer: es ist beängstigend, tiefe Wunden zu erleiden; es ist schmerzhaft, allein zu sterben; es ist traurig, wenn diejenigen, auf deren Hilfe und Mitgefühl man gezählt hat, an einem vorübergehen. Aber das ist heute unsere Bestimmung: Dass wir zum Prüfstein für das Christentum weltweit werden, damit die christlichen Gemeinschaften und ihre Führer, nachdem sie über unseren blutigen Körper gestolpert sind, sich selbst mit den Augen Gottes sehen und eine Chance zur Umkehr erhalten – vielleicht die letzte Gelegenheit, ihren Leuchter vor ihmaufzustellen.

Es ist wirklich schwer für uns, und wir wären wahrscheinlich in diesem Graben gestorben, wenn der barmherzige Samariter nicht gewesen wäre. Er ist nicht an uns vorbeigegangen. Er kommt immer noch täglich zu uns mit humanitären Hilfsgütern, mit aufrichtigen Gebeten, Nahrung und Medizin, mit der Betreuung von Flüchtlingen und mit einer prophetischen Stimme gegen die Räuber. Die Rettung des Reisenden hat den Samariter tatsächlich viel gekostet: Er wurde selbst mit Blut und Schmutz aus dem Graben beschmutzt, hat Geld und Zeit investiert und musste seinen Reiseplan ändern. Wahrscheinlich kam er sogar zu spät zu einem wichtigen Termin. Gottesfürchtige Menschen hielten ihn für verrückt. „Warum macht er das?“ fragten einige. „Er weiß nicht, mit wem er es zu tun hat“, sagten andere. „Und überhaupt: Was kann man von einem Samariter schon anderes erwarten?“, urteilten dritte. „Geh hin und tu dasselbe“, sagt Jesus. Denn das ist es, was es bedeutet, ein wahrer Freund, ein Nachbar zu sein.

Und doch – ich erlaube mir diese unorthodoxen Überlegungen – scheint es mir oft, dass, egal wie gütig und mitfühlend der samaritanische Retter war, der einzige, der den unglücklichen Reisenden wirklich versteht, derjenige ist, der auch von Räubern überfallen wurde und ebenfalls in das Gesicht von Gleichgültigkeit und Tod blicken musste. Deshalb sind meine engsten und liebsten Menschen jene Freunde und Kollegen, die in der Ukraine geblieben sind, die den Schrecken und die Verzweiflung der ersten Wochen und Monate des Krieges miterlebt haben, die die Kälte der Luftschutzbunker kennen und die den Klang der Luftschutzsirenen ganz tief körperlich hassen. Das sind Menschen, die niemals die unangenehme Frage „Wie geht es dir?“ im Chat stellen. Zum einen verstehen sie, dass die Erfahrung des Krieges sich nicht in den wenigen Sätzen einer Nachricht beschreiben lässt. Zum anderen sind ihnen dein Schmerz, deine Verzweiflung und deine Erschöpfung bis ins kleinste Detail bekannt, und so brauchen sie auch nicht danach zu fragen. Denn auch sie sind vom Krieg beraubt und geschlagen worden; ihre Herzen tragen die gleichen Narben wie deines; auch sie haben am Straßenrand bei Jericho gelegen.

Der barmherzige Samariter hat uns nicht dem Tod überlassen, er hat unsere Wunden verbunden. Aber die Narben und Traumata des Krieges werden uns noch lange, vielleicht für immer, begleiten, wie für andere Menschen unsichtbare Bande, die uns in einer Beziehung der zuverlässigsten Freundschaft der Welt verbinden, wie ein Geheimcode, der für andere so schwer zu deuten ist.

 

Gemeinschaft – Fellowship

In den vergangenen Jahren habe ich wiederholt darauf hingewiesen, dass die evangelikalen Kirchen in der Ukraine trotz der positiven Dynamik immer noch zu wenig im sozialen Bereich aktiv sind und sich zudem zu sehr von der heuchlerischen Rhetorik der sog. „christlichen Werte“ beeinflussen lassen, die mit Hilfe biblischer Bilder und Metaphern dubiosen politischen Figuren hilft, ihre unersättlichen Machtambitionen zu verwirklichen. Dem ukrainischen evangelikalen Protestantismus fehlte es an ökumenischer Offenheit. Er litt bis zu einem gewissen Grad unter übermäßiger Hierarchisierung, Anti-Intellektualismus und fundamentalistischen Tendenzen. All diese Schwächen erwiesen sich jedoch als unbedeutend, als das ganze Land, wie in der bereits erwähnten Geschichte vom barmherzigen Samariter, einem heimtückischen und grausamen Verbrecher zum Opfer fiel. Diese kritischen Umstände haben das tiefe Ethos der evangelikalen Kirchen der Ukraine ans Licht gebracht, die mit unglaublicher Selbstaufopferung und Hingabe täglich die wichtigsten Gebote des Reiches Gottes verkörpern: Liebe, Barmherzigkeit und Mitgefühl.

Von den ersten Stunden des Krieges an bildeten Tausende von evangelikalen Gemeinden ohne jegliche Koordination oder Anstoß von außen ein umfassendes System der Rettung und Hilfe für die Opfer des Krieges. Zu einer Zeit, als Millionen von Flüchtlingen versuchten, die westlichen Regionen des Landes zu erreichen oder die Grenze zu den Nachbarländern mit allen möglichen Transportmitteln zu überqueren, öffneten evangelikale Christen ihre kirchlichen und privaten Räumlichkeiten für die Flüchtlinge, versorgten sie mit Unterkünften, Transportmitteln, Lebensmitteln und medizinischer Versorgung. Gleichzeitig haben sich viele Christen in die Reihen der Freiwilligen eingereiht. Sie setzten ihr Leben aufs Spiel und starben manchmal unter feindlichem Beschuss bei dem Versuch, vor allem Kranke, Kinder und ältere Menschen aus den Kampfzonen zu evakuieren oder das Nötigste an Medikamenten, Lebensmitteln, Stromaggregaten und Hygieneartikeln teils in die halb besetzten Gebiete, teils in die völlig von den russischen Angreifern besetzten Regionen zu bringen. Viele evangelikale Gläubige haben sich den Streitkräften der Ukraine angeschlossen: einige dienen als Sanitäter oder Seelsorger, andere verteidigen ihr Land mit der Waffe.

Jedes Mal, wenn ein Teil des ukrainischen Territoriums befreit wird, schicken die evangelikalen Gemeinschaften des Landes Bautrupps in die verwüsteten Städte und Dörfer zum Aufbau der zerstörten Häuser sowie Konvois mit allen notwendigen Hilfsgütern. Gleichzeitig leisten evangelikale Gläubige selbst als kleine Gruppen Vertriebener umfassende Unterstützung für ihre benachteiligten Landsleute. Insbesondere die Pfingstgemeinde in Lviv, in der ich tätig bin, bereitet alle zwei Wochen 500 Lebensmittelpakete für die Vertriebenen vor und verteilt sie, gibt wöchentlich warme Kleidung, Decken und Hygieneartikel aus und bietet medizinische, psychologische und soziale Hilfe an.

Angesichts der höllischen Realität von Zerstörung und Tod sowie der zahllosen kleinen und großen, persönlichen Tragödien erkennt die ukrainische Kirche die wahre Bedeutung der Worte aus Dietrich Bonhoeffers Gefängnisbriefen, dass Jesus in erster Linie ein Mensch für andere ist – und so Gott für den Menschen – und dass das Leben eines Christen darin besteht, Christus im „Für-andere-dasein“ nachzuahmen. Wir lernen ständig, unser Leben neu am Ideal des Evangeliums auszurichten und unsere Berufung neu zu entdecken, indem wir Schwache verteidigen und anderen kompromisslos dienen. Bonhoeffer schrieb, dass ein solches „Dasein-für-andere“ die wahre Erfahrung der Transzendenz ist, wenn nämlich unsere Beziehung zu Gott sich nicht vor allem in einer „religiösen“ Haltung ihmgegenüber als dem allmächtigen, allwissenden und allgegenwärtigen Wesen darstellt, sondern gerade in der Teilhabe am Wesen Jesu, seiner Menschwerdung, Kreuzigung und Auferstehung, sowie in der Fähigkeit, das Bild Gottes in jedem Nächsten zu sehen. Wenn die Kirche ihre wahre Berufung entdeckt, am Wesen Jesu „für-andere“ teilzuhaben, dann lernt sie, den Menschen zu helfen und zu dienen und sich nicht vor der Obrigkeit zu verneigen. So wächst sie in die Erfahrung von Aufrichtigkeit, Anspruchslosigkeit und Demut hinein und wird immun gegen politischen und religiösen Populismus.

 

Freiheit – Freedom

Als die russischen Truppen in den ersten Wochen des Krieges unsere Städte einnahmen, gingen Tausende unbewaffneter Ukrainer auf die Straße, um gegen ihre „Befreiung“ von der Ukraine zu protestieren. Sie riefen Slogans wie „Melitopol (oder Cherson, Berdiansk oder Balakleya…) ist die Ukraine!“, „Geht nach Hause“, „Wir haben euch nicht eingeladen“. Mit ukrainischen Fahnen in der Hand kletterten sie auf militärisches Gerät und stoppten feindliche Konvois mit ihren eigenen ­Körpern.

Am 6. März 2022 schrieb ich in mein Tagebuch: Es ist unmöglich, nicht in Tränen auszubrechen, wenn man den Ukrainern zusieht, die mutig zu den Kundgebungen gegen die Invasoren gehen. Es ist schade, dass wir erst in diesen Stunden der tödlichen Gefahr für unseren Staat erkannt haben, wie teuer er uns ist. Dreißig Jahre lang haben wir unsere Staatlichkeit und Unabhängigkeit nicht sehr ernst genommen, und wir haben auch nicht alle Anstrengungen unternommen, sie weiter auszubauen. Ehrlich gesagt war nicht alles gut. In den 90er Jahren erlebten wir extreme Armut, massenhafte Abwanderung von Arbeitskräften, eine tiefe sozioökonomische Krise. Unser Land wurde von Korruption, dem Verfall des Justiz- und Strafverfolgungssystems und dem Niedergang von Bildung und Wissenschaft geplagt. Doch trotz dieser und anderer Probleme blieb die Ukraine in der postsowjetischen Landschaft ein Hort der Freiheit. Hier konnte jeder seine Religion ausüben – oder gar keine; jedes Buch lesen – oder gar nichts; verschiedene politische Ansichten vertreten – oder unpolitisch sein. Dieser Imperativ der Freiheit auf metaphysischer Ebene ist in den genetischen Code der ukrainischen Staatlichkeit eingewoben worden. Der mögliche Verlust der Freiheit, des Rechts zu denken und zu glauben, zu leben, wenn auch bescheiden und in einem unvollkommenen Zustand, aber frei: das ist es, was heute die gesamte ukrainische Gesellschaft auf beiden Seiten der Kriegsfront mobilisiert. Wir stehen am Rande des Abgrunds, in dessen Dunkelheit sich die nächsten Generationen von Ukrainern für Jahrzehnte oder Jahrhunderte befinden könnten, und diese Dunkelheit von Mordor zwingt uns heute dazu, keine Mühe im Kampf für die Freiheit zu scheuen. Es geht um die Zukunft – und ich bete, dass diese klare Erkenntnis um die Kostbarkeit unserer kleinen freien ukrainischen Welt nicht zu spät kommt.

Ich weiß nicht, wie und wann dieser Krieg enden wird, welche Folgen er haben und wie viele Opfer der blutige russische Moloch noch fordern wird. Aber zwei Jahre nach dem Ausbruch des Krieges bin ich immer noch davon überzeugt, dass seine Hauptfrage die Konfrontation zwischen Freiheit und Sklaverei, zwischen der Republik (einer gemeinsamen Sache des Volkes) und dem Imperium mit seinen totalitären Übergriffen ist. Um die Mobilisierung der russischen Bevölkerung für den Krieg mit der Ukraine zu verstärken, nannte die Führung des Aggressorlandes im Herbst 2022 einen neuen Vorwand für die Fortsetzung der Feindseligkeiten in der Ukraine: Jetzt rechtfertigt sie ihren ungerechten, verbrecherischen Krieg mit der Notwendigkeit, ukrainische „Fanatiker“ zu bekämpfen, die die Werte der russisch-orthodoxen Kirche, des Islam und des Judentums aufgeben wollen. Die neue Ideologie der Invasion in der Ukraine ist die sog. „vollständige De-Satanisierung“ unseres Landes. Am 25. Oktober erklärte das Oberhaupt der Tschetschenischen Republik, Ramsan Kadyrow, der Krieg in der Ukraine sei ein Dschihad gegen den ukrainischen Satanismus. Damit deuten die Russen die unprovozierte Aggression gegen das Nachbarland als einen „Religionskrieg“, in dem die Ukrainer als metaphysisches Übel auftreten, das bedingungslos vernichtet werden muss.

Tatsächlich hat dieser Krieg eine religiöse Dimension. Aber es ist eine andere als die, die russische Führer und Propagandisten ihm zuzuschreiben versuchen. Der religiöse Charakter des ukrainischen Widerstands gegen die russische Aggression ergibt sich aus der unbedingten Bedeutung der Freiheit in den Beziehungen der Menschen zu Gott und zueinander. Der Schöpfer hat den Menschen die Freiheit gegeben, damit sie ihn aus freiem Willen suchen können. Die Freiheit ist ein Geschenk Gottes, und Gott will, dass sie von allen Menschen voll ausgeübt wird. Die Worte aus Ps. 146, dass „der Herr die Gefangenen befreit“, finden ihren deutlichsten Ausdruck im Exodus der Israeliten aus Ägypten. Seit Jahrtausenden inspiriert dieses biblische Motiv der Befreiung alle Versklavten, für ihre Freiheit von politischer, sozialer und geistiger Unterdrückung zu kämpfen. Auch die Ukrainer sehen diesen Krieg unter dem Blickwinkel des Exodus, der Erlösung von der tödlichen Macht des Imperiums und des neuen Pharaos, der von der Gier nach Macht verrückt geworden ist.

Seit Beginn des Krieges haben sich ukrainische Künstler und Dichter häufig dem Bild von Jesus zugewandt. Dieser Versuch, Jesus dem Leiden der Ukrainer näher zu bringen, ist darauf zurückzuführen, dass nicht nur Jesu Todeskampf am Kreuz und sein Tod, sondern sein ganzes Leben ein Ausdruck tiefster Solidarität mit den Gefangenen war. Indem Jesus kranke Körper von ihren Krankheiten, aufgewühlte Seelen von ihren Ängsten und aufgewühlte Gewissen von ihrer Schuld befreite, befreite er Menschen, die durch ihre Gebrechen versklavt waren. Durch seine Anwesenheit inmitten des Leidens seiner Zeitgenossen und durch seine rettenden Taten gab Jesus allen Ausgegrenzten Freiheit und Hoffnung. Die Krippenspiele, die zuletzt aufgeführt wurden, wurden oft auch auf die gegenwärtige ukrainische Realität übertragen: Maria und Josef sind dann ukrainische Flüchtlinge, und die Geburt selbst findet an einem kalten und dunklen Kontrollpunkt in der Steppe des Asowschen Meeres oder inmitten der Häuserruinen der ­Kiewer Region statt.

 

 

Zukunft – Future

Genau einen Monat nach Beginn des Krieges schrieb ich: Unser Leben wird nie wieder so sein wie früher – und ich erinnere mich, wie ich diesen klischeehaften Satz in den ersten Kriegstagen zu meiner Familie sagte: Heute ist es genau einen Monat her, dass meine Frau mich an jenem Morgen weckte und mir mitteilte, dass sie eine für diesen Tag geplante Geschäftsreise nicht antreten würde. „Krieg?“ – fragte ich sie mit einem Wort. „Ja, in der ganzen Ukraine gibt es Raketeneinschläge“, antwortete sie.

Einen Monat nach Kriegsbeginn stelle ich fest, dass wir noch nicht einmal annähernd verstanden haben, wie dieser Krieg unser Leben verändern wird. Alle Überlegungen zu diesem Thema sind vorläufig, denn der Krieg ist noch nicht vorbei; wir wissen nicht, wie lange er dauern und wann er zu Ende sein wird. Obwohl ich wusste, dass es unmöglich sein würde, in dasselbe Leben zurückzukehren, konnte ich mich in den ersten Wochen des Krieges nicht mit der neuen Realität abfinden. Ich hatte eine irrationale, unausgesprochene Hoffnung, dass ich eines Morgens aufwachen und feststellen würde, dass alles nur ein schlechter Traum war. Wie viele meiner Freunde lebte ich ein „aufgeschobenes Leben“, dessen Kern die hartnäckige Erwartung war, dass unser früheres normales Leben in naher Zukunft wiederhergestellt werden würde.

Jetzt müssen wir unter unvorstellbarem Schmerz zugeben, dass es kein Zurück in die Vergangenheit geben wird. Wir sollten nicht auf das Ende des Krieges warten, um ein wirkliches Leben zu beginnen, sondern wir sollten lernen, unter neuen Bedingungen zu leben. Dieser Übergang ist sehr schwierig. Die Anerkennung der neuen Realität wird innerlich als ein Verrat an unserem früheren Leben empfunden. Es fühlt sich an, als würde ich die Zeit verleugnen, als ich meinem Sohn morgens das Frühstück machte, ihn zur Schule brachte und wir uns am Abend mit der ganzen Familie auf eine Tasse Tee trafen – was war das doch für ein Luxus! Es fühlt sich an, als würde ich meine Freunde verleugnen, die ihre Heimat verloren haben und nun als Flüchtlinge über die Ukraine und Europa verstreut sind. Es fühlt sich an, als würde ich all die toten Ukrainer verleugnen – Kinder und Erwachsene, Soldaten und Zivilisten, die verhungert sind oder von Granatsplittern getötet wurden. Es fühlt sich an, als würde ich unsere Städte und Dörfer verleugnen, die von russischen Bomben, Granaten und Raketen zerstört wurden.

Aber dann frage ich mich: Würden unsere Verwandten und Freunde, die wir nicht sehen und nicht in die Arme schließen können, und würden unsere gefallenen Landsleute wollen, dass wir uns in Trauer zurückziehen und die neue Realität des Krieges nicht akzeptieren? Ich glaube nicht. Deshalb müssen wir – unsere Ohnmacht überwindend – zu unseren Aufgaben als Ehemänner, Väter, Theologen zurückkehren. Wir müssen lernen, von neuem zu leben. Denn, so klischeehaft es auch klingen mag: das Leben wird nie wieder so sein wie ­früher. Nie wieder.

Jetzt, wo der Krieg schon über zwei Jahre andauert, bin ich noch mehr davon überzeugt, wie wichtig es ist, dass uns der Schrecken des Krieges nicht völlig überwältigt. Wir müssen den Blick auf die Zukunft richten, die mit Sicherheit kommen wird. Das biblische Paradigma der Zeit verleitet uns nicht dazu, die Möglichkeit eines endgültigen Sieges des Bösen, der Gewalt und des Todes in Betracht zu ziehen. Jeden Tag kommen wir nicht nur dem Sieg in diesem Krieg näher, sondern auch dem Kommen des Reiches Gottes in seiner ganzen Fülle und Herrlichkeit. Heute sehen wir die Samen und Keime dieses „Lebens der kommenden Zeit“ in jedem Akt des Mitgefühls, der Solidarität und der Hilfe.

 

Über die Autorin / den Autor:

Dr. Roman Soloviy, Direktor des Eastern European Institute of Theology, Lviv (Ukraine), und Regionalredakteur für Ost- und ­Mitteleuropa und Zentralasien bei Langham Literature. Für das Deutsche Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt wurde die Erstveröffentlichung dieses Beitrags "Faith and Fear in Fragments" in ACTA MISSIOLOGIAE 10 (2022), 93-102, überarbeitet und aktualisiert. Die Übersetzung aus dem Englischen besorgte Ravinder Salooja, Tübingen.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 4/2024

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