Ohne richtiges theologisches Nachdenken, vor allem auf dem Hintergrund der Finanzen mit quasi Heilsbedeutung, ist unsere Kirche völlig im Mainstream des Liberalismus befangen. Sicher, die Kirchenzucht als Herrschaftsinstrument ist glücklicherweise abgeschafft. Auch wenn in Spuren in der Individualisierung des moralisch richtigen Verhaltens schon der Liberalismus aufscheint. Und zusammen mit betriebswirtschaftlichen Überlegungen kommt innerkirchlich der Liberalismus zu voller Blüte. Verstärkt sicher auch durch individualistische Frömmigkeitsstrukturen. Der Heiland ist für mich gestorben, das persönliche Bekenntnis und die Bekehrung wurden mit genauem Datum versehen. Es geht um das private Seelenheil. Mein Heiland und ich. Da hilft auch das Beschwören einer diakonischen Kirche nicht viel weiter. Unmenschliche Strukturen werden verwaltet, Antriebe zu persönlichem Einsatz und Aufnahme von Arbeit werden gefeiert. Und über allem thront die Moral richtigen Lebens als persönliche Anstrengung. Würden sich alle nur recht anstrengen, dann wäre die Welt zu retten – die Perversion einer Utopie.

 

„Reich Gottes“ – ein neuer Ansatz

Ob eine barthianische Theologie einen Ausweg weisen kann, bezweifle ich doch auch, bei allen Versuchen, Kirche und Gemeinde neu zu denken. Sie mag ein Gegenmodell darstellen, gegen Engführungen des Nationalismus und Faschismus, wobei zu überlegen sei, ob nicht gerade in der scheinbaren Volksgemeinschaft der Liberalismus die Spitze der Selbstverwirklichung mit Anpassungstendenzen darstellt. Und was macht dabei die Kirche aus, auch idealtypisch als Gemeinschaft in der Gefolgschaft Jesu verstanden? Werden dabei nicht nur Autoritäten ausgetauscht, müsste nicht ein anderer Denkansatz gewählt werden, ein Ansatz, der sich der Individualisierung sperrt und um eine neue Größe weiß, welche die Bibel das Reich Gottes nennt?

Das Reich Gottes sei ja nicht von dieser Welt, schaffe Distanz. Und eher missverständlich werden Bemühungen dann als obsolet oder nur als Vorschein eines anderen Lebens angesehen, quietistisch überformt, um dem zum Bekenntnis gewordenen Liberalismus nicht nur in der Ökonomie keinen Ärger zu machen. Die Ausbeutung der Welt darf beklagt werden und man hängt sich sein ökologisches Mäntelchen um, solange es sich auch pekuniär lohnt.

 

Wintergottesdienste auf Sparflamme

Nun gibt es außer moralischen Hinweisen an die Einzelnen besonders im Bereich der Ökologie keine kirchlichen Hinweise auf Nachhaltigkeit und Weltverantwortung. Man redet viel und bekennt. Sicher, im Winter geht man zu Gottesdiensten ins Gemeindehaus. Ich bin mir nicht sicher, ob nicht die Kostengründe allein ausschlaggebend sind. Ökologische Begründungen sind selten. Niemand möchte im Wintermantel und warmer Unterhose in der Kirche sitzen müssen. Ganz früher stand man auch im Gottesdienst.

Und wenig wird reflektiert, außer sicher in wichtigen ästhetischen Erwägungen, inwieweit ein Kirchenraum, und sei er noch so kalt, eine sakrale, spirituelle Qualität darstellt. Das wärmt wohl innerlich, ersetzt aber keine Heizung. Eventlocations wie bestimmte Hochzeitskirchen lassen noch etwas bei allem Missbrauch davon ahnen. Die Schönheit muss auf den Einzelnen wirken, kollektives Entzücken ist eher verdächtig. Und keine Braut in leichtem Outfit sollte doch frieren müssen, auch wenn sie das Evangelium nur noch wenig wärmt.

Wenn nun im Zusammenhang wirtschaftlicher Überlegungen gemeinsame Gottesdienst gefeiert werden, überregional natürlich und einzelne Kirchen geschlossen, verkauft oder sonst wie benützt werden, dann sind nicht nur ältere und gehbehinderte Menschen, auch Menschen ohne Auto, von den Gottesdiensten ausgeschlossen. Könnte ja auch ein Anreiz sein, den öffentliche Nahverkehr zu verstärken und ihn kirchlich heilig zu sprechen.

 

Zusammengelegte Gottesdienste und Individualverkehr

Vor allem aber wird der Individualverkehr durch die Zusammenlegung der Gottesdienste mehr als gefördert. Überörtliche Radfahrer sind selten. Nehmen wir mal an, dass, wegen des einfacheren Rechnens, etwa 500 Gottesdienstorte bestehen bleiben, dann leidet das Gemeinschaftsgefühl trotz des Kirchenkaffees im Anschluss. Die Individualisierung wird verstärkt, ein Gemeinschaftsgefühl, sowieso kaum vorhanden, wird noch mehr verhindert. Und wenn idealtypisch anstelle einer Person zwei Personen pro KFZ zur Kirche fahren, sagen wir mal jeweils 5km einfach, dann entsteht, Grüner Gockel hin oder her, eine Menge nahverkehrlicher Spritverbrauch. Nur gemäßigt durch den Segen zurückgehender Kirchenbesuche. Bei 20 überörtlich anreisenden Gottesdienstbesuchern*innen macht das schon 200km, Kurzstrecke dazu noch. Und ob Fahrgemeinschaften das Gemeinschaftsgefühl stärken, muss erst mal versucht werden. Wenn ich schon unterwegs bin, dann besuche ich bestenfalls die älteren Herrschaften gleich im Anschluss in der Seniorenresidenz im Zentralort. Und nicht alle haben einen Besuch vor, fahren lieber in die bekannte Gaststätte weiter weg. Das hemmt Fahrgemeinschaften.

500 Gottesdienste erzeugen dann nur einen Individualverkehr von 100.000 km, auf die Fahrzeuge hin betrachtet, pro Sonntag. Vorsichtshalber lasse ich mal die Ortsansässigen außen vor, die auch nicht alle zu Fuß oder mit dem Rad kommen.

Die Kosten der Gottesdienste werden noch mehr als über die Kirchensteuer hinaus privatisiert. Wir sind also auf dem richtigen Weg des Liberalismus. Mehr oder weniger abgeschirmt im Auto, da hilft auch der Christophorus am Armaturenbrett nicht zu wirklicher Gemeinschaft.

Es lebe nicht die Kirche Jesu Christi, es lebe die FDP. Der traurige Rest bleibt bei der Diakonie. Und noch etwas mag bleiben: Die Verheißung Jesu, wohl in Zeiten schon damaligen Mitgliederschwundes gegen die Mutmaßungen, dass Tausende zur Gemeinde hinzugekommen seien, formuliert: Wenn zwei oder drei in meinem Namen zusammenkommen, bin ich mitten unter ihnen. Da haben wir die Strahlkraft der Hoffnung liberaler Einzel­gänger.

Eberhard Gröner

 

Über die Autorin / den Autor:

Dekan i.R. Eberhard Gröner, Mitglied im Vorstand des Evang. Pfarrvereins in Württemberg.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 2/2024

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