Nicht nur der Theologe Dietrich Bonhoeffer war ein mutiger und entschlossener Widerstandskämpfer, gleiches kann man von seinem Bruder Klaus Bonhoeffer sagen. Bernd Vogel umschreibt dessen geistliche und geistige Grundlagen.

 

Emmi Bonhoeffer, geb. Delbrück, schrieb am 16. Januar 1945 an den ältesten Sohn Thomas (geb.1931) eine Postkarte: „Mein lieber Thomas! Ich bin grade in der Stadt unterwegs und vom Fliegeralarm überrascht worden. Jetzt sitze ich sehr gemütlich in einem öffentlichen Luftschutzkeller mit c. 300 Leuten. Nun werde ich es mal richtig im Zentrum miterleben. ‚Das Leben ist der Güter höchstes nicht, der Übel größtes aber ist die Schuld!‘1 Wenn du das einmal wirklich begriffen haben wirst, wirst Du nie mehr Angst haben. Darum ist auch Papa so ruhig und strahlend. Ich sah ihn. Er grüßt Euch innig. Wenn ich abends von der Marienburger Allee nun immer allein nach Hause gehe und der Orion so strahlend über mir steht, denke ich an Dich und an Walters Taufspruch: ‚Ihr seid teuer erkauft! Werdet nicht der Menschen Knechte!‘2 Wo man die Namen der Besten nennt, da werden die Namen Eures Vaters, Eurer Onkel auch genannt werden. Lebt wohl. – Entwarnung. Nichts passiert hier.“3

Seit der kürzlichen Veröffentlichung von bisher unbekannten, teils sehr persönlichen Dokumenten aus der Familie Bonhoeffer/Delbrück in Jutta Koslowskis Buch „Wer war Klaus Bonhoeffer“ bekommt Dietrich Bonhoeffer für uns Nachgeborene mit seinem Bruder Klaus und seiner Schwägerin Emmi, geb. Delbrück, geistig ihm verwandte und ebenbürtige Menschen des Widerstands an seiner Seite. Damit erst bildet sich für uns die Realität von damals so ab, dass die damals gemeinsam Beteiligten in ihren Bezügen zueinander und zum Widerstand deutlich werden. Dietrich Bonhoeffer verliert damit keinesfalls an Kontur – im Gegenteil: Indem deutlicher als bisher die Familienbezüge und Schicksale der ganzen Familie vor unsere geistigen Augen treten, erhält auch der Theologe der Familie seinen besonderen Platz.

 

Eine selbstverständliche Dimension von Bildung

Nun aber zu Klaus und zunächst zu Emmi Bonhoeffer: Auffallend ist der gebildete und spezifisch biblisch-theologische Duktus und Ton von Emmi Bonhoeffers Postkarte aus dem Luftschutzkeller an ihren 14jährigen Sohn Thomas sowie Aussage und Funktion des Zitats aus Friedrich Schillers „Braut von Messina“: „Das Leben ist der Güter höchstes nicht, der Übel größtes aber ist die Schuld“. Beides ist inhaltlich mit einander verknüpft. Biblische Sätze sind hier eine selbstverständliche Dimension von „Bildung“.

Wir dürfen annehmen, dass Emmi Bonhoeffer, geb. Delbrück, Tochter des Historikers Hans Gottlieb Leopold Delbrück (1848-1929), nicht bloß das Zitat kannte, sondern den inhaltlichen Zusammenhang, in dem Don Cesar sich selbst tödlich richtet, um den Mord an seinem in der Liebe zur selben Frau rivalisierenden Bruder Manuel zu sühnen.

Die Thematiken von Buße und Sühne im Zusammenhang von Schuld und Erneuerung des Lebens, die wir mit dem expliziten Theologen der Familie Dietrich Bonhoeffer verbinden, erweisen sich nicht erst seit heute, aber mehr denn je im Zusammenhang kürzlich veröffentlichter persönlicher Dokumente aus der weiteren Familie Bonhoeffer samt manchen ihrer Freunde und Weggefährten als gemeinsames geistiges Gut u.a. auch von Emmi und Klaus Bonhoeffer.4

Die halb verborgene Botschaft des Schiller-Zitats an den Sohn können wir darum so entschlüsseln: „Wenn du (wenn ihr Kinder) demnächst und höchstwahrscheinlich euren Vater durch gewaltsamen Tod verlieren werdet, dann bewahrt ihm in eurem Herzen ein ehrendes Andenken; denn er gab sein Leben als Sühne für die Schuld seines (unseres) Volkes, auch in Folge seines eigenen verantwortlichen Handelns!“

Dass dieser Auftrag für heranwachsende Kinder und Jugendliche neben allem möglichen Positiven, etwa dem Stolz auf den Vater, vor allem auch eine traumatische Dimension auf Dauer stellte und in gewisser Weise für alle Überlebenden eine Überforderung darstellte, wird aus Interviews deutlich, die Jutta Koslowski mit den drei Kindern von Klaus und Emmi Bonhoeffer führte.5

 

Der Tod des unschuldigen Opfers im Namen einer höheren Wahrheit

Nach der Ermordung ihres Mannes durch SS-Leute in den frühen Morgenstunden des 23. April 1945 hat die trauernde Witwe ihren Kindern ein lebensgroßes Porträt an der Wand des einen von ihnen allen (Mutter und drei Kinder) bewohnten Zimmers zugemutet, mit brennenden Kerzen darunter; u.a. das hat, wie Gespräche von Jutta Koslowski ergaben (in: „Klaus Bonhoeffer“), zu lebenslangen und sehr persönlichen Auseinandersetzungen der Kinder von Emmi und Klaus Bonhoeffer mit diesem Trauma und seiner Verlängerung in ein eigenes Leben danach geführt.

Aus Sicht nicht nur dieser Kinder von ermordeten Widerstandskämpfern und -kämpferinnen, auch aus Sicht von manchen ihrer (meistens) Witwen las sich das Schiller-Zitat, nun doch abgelöst vom literarhistorischen Kontext, sicherlich nicht unwidersprochen: Aus Sicht der verlassenen Überlebenden – gerade, wenn sie Kinder waren – hätte das Leben des Vaters durchaus als das weit höhere „Gut“ gegolten als – im Vergleich – dass man allzu schnell und einfach stolz gewesen wäre auf den geliebten Menschen, den man selbst dringend gebraucht hätte, den man entbehren musste, weil er sein Leben „für andere“ gab, unter dem Aspekt auch, vor allem fremde „Schuld“ zu sühnen. Aus Sicht der sie liebenden Überlebenden kann die verantwortliche Tat der Mutigen und Anständigen darum eine erneut schuldhafte oder auch tragische Dimension haben, als wiederholten sie und brächten sie zur Geltung, was in den größten griechischen Tragödien zur Aufführung gebracht wird: der Tod des unschuldig-schuldigen Opfers im Namen einer höheren, hier auf der Erde aber unerkannten und wahrscheinlich unerkennbaren Wahrheit.

Emmi und Klaus Bonhoeffer haben das Ethos vertreten und den christlichen Glauben gelebt, nach dem die Bildung und Entwicklung geistig freier Persönlichkeiten den innersten Sinn eines wahrhaft menschlichen Lebens ausmacht, welches die Verpflichtung beinhaltet, für diese Freiheit und die sie ermöglichende Wahrheit notfalls mit dem eigenen Leben einzustehen. Ihre Unbestechlichkeit im Einsatz für die selbst erfahrene persönliche Freiheit führte nicht nur den Theologen in ihrer Familie, Dietrich Bonhoeffer, zu einer sich steigernden Reihe menschlicher Haltungen und Werte: von der „Disziplin“ (Selbstbeherrschung) über das Wagnis der „Tat“ im Sinne einer „Freiheit“, die dem Göttlichen entspringt und an es rührt, in das „Leiden“ in Folge dieser Tat bis hin zur letzten „Station“ auf dem „Weg zur Freiheit“: dem gewaltsam von außen erwirkten, aber persönlich akzeptierten „Tod“ (Dietrich Bonhoeffer: Stationen auf dem Wege zur Freiheit6).

 

Eine Art Vermächtnis

Von Klaus Bonhoeffer ist der Abschiedsbrief an seine Kinder erhalten. Er wurde nach dem Krieg zur Veröffentlichung, u.a. in der Tageszeitung und in Schulbüchern, freigegeben von Karl Bonhoeffer, dem Vater von Klaus und Dietrich und Großvater seiner Enkel Thomas, Cornelie und Walter:

Ostern 1945 – Meine lieben Kinder!

Ich werde nicht mehr lange leben und will nun von Euch Abschied nehmen. Das wird mir sehr schwer; denn ich habe jeden von Euch so sehr lieb und Ihr habt mir immer nur Freude gemacht. Ich werde nun nicht mehr sehen, wie Ihr heranwachst und selbständige Menschen werdet. Ich bin aber ganz zuversichtlich, daß ihr an Mamas Hand den rechten Weg geht und dann auch von Verwandten und Freunden Rat und Beistand finden werdet. Liebe Kinder, ich habe viel gesehen und noch mehr erlebt. Meine väterlichen Erfahrungen können Euch aber nicht mehr leiten. Ich möchte Euch deshalb noch Einiges sagen, was für Euer Leben wichtig ist, wenn Euch auch manches erst später aufgehen wird.

Vor allem haltet weiter in Liebe, Vertrauen, Ritterlichkeit und Sorge fest zu Mama, so lange Gott sie Euch erhält. Denkt immer, ob Ihr ihr nicht irgendeine Freude ­machen könnt. Wenn Ihr einmal groß seid, wünsche ich Euch, daß Ihr Eurer Mutter so herzlich nahe bleibt, wie ich meinen Eltern nahe geblieben bin. So recht versteht man seine Eltern nämlich erst, wenn man selbst erwachsen ist. Ich habe Mama gebeten, bis zum Ende bei mir zu bleiben. Es waren schwere, aber herrliche Monate. Sie waren auf das Wesentliche gerichtet und von der Liebe und der starken Seele Eurer Mutter getragen. Ihr werdet das erst später verstehen.

Haltet auch Ihr Geschwister fest und immer fester zusammen. Daß Ihr so verschieden seid, ist jetzt noch manchmal der Anlaß zum Zank. Wenn Ihr erst älter seid, werdet Ihr Euch dafür umso mehr geben können. Mal ein Zank ist nicht so schlimm. Tragt ihn aber nicht mit Euch herum. Denkt dann an mich und gebt Euch schnell wieder vergnügt die Hand. Helft Euch, wo Ihr könnt. Ist einer traurig oder mißmutig, kümmert Euch, bis er wieder heiter ist. Lauft nicht auseinander. Pflegt, was Euch zusammenführt. Spielt, singt und tanzt miteinander, wie wir es oft gemacht haben. Schließt Euch mit Euren Freunden nicht ab, wenn Ihr die Geschwister teilnehmen lassen könnt. Das festigt auch die Freundschaft.

Ich trage an meiner rechten Hand den Ring, mit dem mich Mama glücklich gemacht hat. Es ist das Zeichen, daß ich ihr und auch Euch gehöre. Der Wappenring an meiner Linken mahnt an die Familie, der wir angehören, an die Vor- und Nachfahren. Er sagt: Höre die Stimme der Vergangenheit. Verliere dich nicht selbstherrlich an die flüchtige Gegenwart. Sei treu der guten Art deiner Familie und überliefere sie Kindern und Enkeln. Liebe Kinder, versteht nun diese besonderen Verpflichtungen recht. Die Ehrfurcht vor der Vergangenheit und die Verantwortung gegenüber der Zukunft geben fürs Leben die rechte Haltung. Haltet stolz zu Eurer Familie, aus der solche Kräfte wachsen.

Stellt Ansprüche an Euch und Eure Freunde. – Nach Anerkennung streben macht Euch unfrei, wenn Ihr sie nicht mit Anmut auch entbehren könnt, und das gelingt nicht jedem. Hört nicht auf billigen Beifall.

Die Menschen, die Euch sonst begegnen, nehmt, wie sie sind. Stoßt Euch nicht gleich an dem, was fremd ist oder Euch missfällt und schaut auf die guten Seiten. Dann seid Ihr nicht nur gerechter, sondern bewahrt Euch selbst vor Engherzigkeit. Im Garten wachsen viele Blumen. Die Tulpe blüht schön aber duftet nicht und die Rose hat ihre Dornen. Ein offenes Auge aber erfreut sich auch am unscheinbaren Grün. So entdeckt man bei den Menschen meist verborgene erfreuliche Seiten, wenn man sich erst einmal in sie hineinversetzt. Wer nur mit sich beschäftigt ist, hat dafür keinen Sinn. Glaubt mir aber, liebe Kinder, das Leben erschließt sich Euch erst dann im kleinen Kreise und im Großen, wenn ihr nicht nur an Euch, sondern auch an die andern denkt, sie miterlebt. Wer beim Musizieren sich nur an seine Stimme klammert oder gar nur sich selbst hören will, dem entgeht das Ganze. Wer es aber recht erfüllt, lebt auch beim edlen Verklingen seines Instruments mit den andern Stimmen. Wenn Ihr Euer Leben so einstellt, wird es von diesem weiteren Geiste ganz und gar durchdrungen. Es geht nicht nur darum, hin und wieder hilfsbereit einzuspringen. Das macht gewiß viel Freude. Wer aber herzlich dankbar annimmt, gibt oft mehr. Den Menschen gerecht zu werden, gehört dazu und wohlwollend an ihnen teilzunehmen, nie Spielverderber zu sein. Aus diesem Geiste entspringt dann ganz natürlich als Form des Umgangs auch die Höflichkeit die Euch die Menschen gewinnt. Pflegt sie als feine, lebenskluge Kunst des Herzens. – Wer es versteht, die Menschen, die von Macht und Einfluß sind, recht zu nehmen, ohne an innerer Freiheit einzubüßen, kann damit viel Gutes wirken. Es wäre töricht, seine Weltgewandtheit zu verachten. Ist sie Euch nicht gegeben, so haltet Euch in aller Unbefangenheit zurück. Doch das hast lange Zeit. Nur weil ich dann nicht mehr bin, spreche ich jetzt davon.

Hoffentlich lassen die Verhältnisse Euch die Ruhe und eine lange Zeit, einen jeden in seiner Art geistig auszuwachsen und noch viel zu lernen, damit ihr einmal an dem unerschöpflichen Glück einer lebendigen Bildung teilhabt. Sucht aber nicht den Wert der Bildung in den höheren Leistungen, zu denen sie Euch befähigt, sondern darin, daß sie den Menschen adelt durch die innere Freiheit und Würde, die sie ihm verleiht. Sie weitet Euch den Horizont von Raum und Zeit. Die Berührung mit dem Edlen und Großen veredelt Anstand, Urteil und Gefühl und entzündet die nie erlöschende Begeisterung, die kein dürftiges Alltagsleben kennt. So werdet Ihr Könige! Beherrscht nun auch Euch selbst. Entwickelt Eure Gaben aus dieser Kraft zum Können und zur Tüchtigkeit. Wenn dann die Zeit Euch hold ist, wird sie den Menschen und nicht mehr die Leistung schätzen.

Ich wünsche Euch, daß ihr, solange Ihr jung seid, recht viel im Land wandert und es in vollen Zügen und mit offenen Sinnen in Euch aufnehmt. Beim Wandern hat man noch die rechte Muße, sich der Landschaft und den Eindrücken von Menschen, Dörfern und den schönen alten Städten ganz zu überlassen. Wenn dann beim Wandern und bei Liedern die Phantasie von unseren Tagen in vergangene Zeiten schweift, entsteht vor Euch versonnen, unergründlich das Bild vom schönen, deutschen Lande, in dem sich unser eigenes Wesen findet. Dann wendet Euch nach Süden. Im nie erfüllten, sehnsuchtsvollen Drange nach besonnter Klarheit liegt unsere Kraft und unser Schicksal.

Die Zeiten des Grauens, der Zerstörung und des Sterbens, in denen Ihr, liebe Kinder, denn alle Herrlichkeit des Menschen ist wie des Grases Blume, aufwachst, führen den Menschen die Vergänglichkeit alles Irdischen vor Augen.7 Unter diesem Erlebnis führen wir unser Leben im Bewußtsein seiner Vergänglichkeit. Hier beginnt aber alle Weisheit und Frömmigkeit, die sich vom Vergänglichen dem Ewigen zuwendet. Das ist der Segen dieser Zeit. Überlaßt Euch nun nicht allein den frommen Stimmungen, die solche Erschütterungen hervorrufen oder die in der Hast und Verwirrung dieser Welt aus einem Gefühl der Leere ab und zu hervorbrechen, sondern vertieft und festigt sie. Bleibt nicht im Halbdunkel, sondern ringt nach Klarheit, ohne das Zarte zu verletzen und das Unnahbare zu entweihen. Dringt in die Bibel ein und ergreift selbst von dieser Welt Besitz, in der nur gilt, was Ihr erfahren und Euch selbst in letzter Ehrlichkeit erworben habt.8 Dann wird Euer Leben gesegnet und glücklich sein. Lebt wohl! Gott schütze Euch!

In treuer Liebe umarmt Euch Euer Papa.“ 9

 

Poesie und Frömmigkeit

Vielfältige Bezüge können mindestens wahrscheinlich gemacht werden zwischen dem expliziten und zwischen den Zeilen auch impliziten Ethos Klaus Bonhoeffers und dem, was er insbesondere im Bewusstsein der „Vergänglichkeit alles Irdischen“ aus der „Bibel“ an „Weisheit“ und „Frömmigkeit“ sich „erworben“ hat und nun testamentarisch seinen Kindern ans Herz legt.

Auch eine Hermeneutik in nuce legt er seinen Kindern in wenigen Worten vor: einen Hinweis, wie sie die Bibel lesen lernen sollten, was es also heißen könnte, in sie „einzudringen“. Um „die Bibel“ zu verstehen, sich ihre „Weisheit“ anzueignen, sei es nötig, um „Klarheit“, um das (aufgeklärte) Licht (statt Halbdunkel) zu ringen, zugleich achtsam, nicht das „Zarte“ zu „verletzen“ und das „Unnahbare“ zu „entweihen“.

Die poetische Dimension der biblischen Texte, die Schönheit und Tiefe ihrer Erzählungen, die Poesie und Lebensechtheit der Psalmen, die Pragmatik der Weisheitstexte standen Klaus Bonhoeffer offensichtlich ebenso vor Augen wie das eigentliche Geheimnis der Bibel, das sich nicht im Literarischen, im Kritischen und im Pragmatischen erschöpft, sondern über den Gehalt und die Form der Worte hinausweist auf das Geheimnis des lebendiges WORTES, auf den durch die menschlichen Worte sprechenden und sich trotz bleibender Verhüllung entbergenden und für uns leidenden und uns rettenden Gott.

 

Gottes Mitstreiter im Kampf gegen das Böse

Dieser lebendige Gott, seine Zuwendung, Hilfe und Kraft, die Freude, die das Vertrauen in diesen Gott mit sich bringt, durchdrangen für Klaus Bonhoeffer und manche seiner Mitgefangenen die Wände ihrer Gefängnismauern. Im Glauben an die Gegenwart des Gekreuzigten und Auferstandenen.

Im Hören auf das Spiel der Geige des Mitgefangenen Rüdiger Schleicher, im heimlichen Abendmahl in der Gefängniszelle, beim Lesen der Bachschen „Matthäus-Passion“ (nicht allein der Noten, die der Cellist Klaus musikalisch „lesen“ konnte, sondern ausdrücklich des Textes war für Klaus Bonhoeffer derselbe Gott spürbar und wahr wie für seinen jüngeren Bruder Dietrich.

Der ältere und der jüngere Bruder, der Jurist und der Theologe, haben dem „Bösen“ widerstanden im gleichen Geist. Auf der gemeinsamen Reise der jungen Studenten nach Rom (1924) hat sie mit unterschiedlichen Akzenten beide die Osterwoche berührt, der persönliche Gang durch das Geheimnis von Sterben und Auferstehung Jesu Christi, getragen und inspiriert von der Liturgie und der universalen Gemeinschaft der Kirche Jesu Christi als dem Ferment der erneuerten Menschheit.

Die Frage nach dem „Bösen“ und in diesem Zusammenhang nach der „Rechtfertigung“ Gottes stellte sich für beide anders als für viele: Sie traten, persönlich je anders akzentuiert, an die Seite dieses für seine Menschheit leidenschaftlich leidenden Gottes. Sie verstanden sich beide als Gottes Mitstreiter im Kampf gegen das Böse. Die „Rechtfertigung“ Gottes war weder für Klaus noch für Dietrich ein vorrangig theologisches Problem oder auch nur eine unabschließbare philosophische Frage, sondern ergab sich nicht nur, aber am Ende auch in ihrem eigenen Lebenseinsatz gegen das Böse und für das Gute, für Freiheit und die Würde jedes Menschen, für den internationalen Frieden, im Kampf für einen respektvollen und wahrhaftigen Umgang mit sich selbst, den Angehörigen, den Freunden und Freundinnen, aber ausdrücklich auch mit allen anderen Menschen, nicht nur gelegentlich selbst noch mit denen, die im Sklavendienst des Bösen10 sich an ihnen schuldig machten. – „Dann wird Euer Leben gesegnet und glücklich sein. Lebt wohl! Gott schütze Euch!“

 

Anmerkungen

1 Friedrich Schiller: Die Braut von Messina, 4. Akt, 10. Auftritt (Chor).

2 1. Kor. 7,23.

3 In: Jutta Koslowski: Wer war Klaus Bonhoeffer? Annäherungen an einen unbekannten Widerstandskämpfer, Gütersloh 2023 (nachfolgend „Klaus Bonhoeffer“), 517f.

4 Ohne die Bonhoeffer-Geschwister (wozu im aktiven Widerstand Hans von Dohnanyis Ehefrau Christine auch gehörte, während die anderen Bonhoeffer-Frauen insgesamt ihren Männern eher assistierten) über einen Kamm zu scheren und gar (nur) auf der Folie vor allem der theologischen Arbeiten und Briefe Dietrich Bonhoeffers zu interpretieren (!), können wir nach Durchsicht der neu veröffentlichten Dokumente (in: „Klaus Bonhoeffer“) sagen, dass es in den wesentlichen philosophischen (theologischen) und ethischen Fragen eine überraschend umfangreiche und detaillierte Übereinstimmung unter ihnen gab, auch im Umgang mit den fundamentalen Fragen nach der Begründung menschlicher Freiheit, dem Umgang mit Geschichtsmächten, dem Schicksal und auch dem Tragischen. In Schillers Werk hatte neben dem Pathos der menschlichen Freiheit das Tragische seinen Platz, mindestens bei der Verarbeitung klassischer antiker Stoffe. Dietrich Bonhoeffer sprach nicht gern vom Tragischen, sondern lieber vom aus seiner Sicht notwendigen persönlichen Übergang mit dem unpersönlichen „Schicksal“ hin zum Glauben an das „Du“ Gottes, von einem vom Glauben getragenen flexiblen Umgang zwischen „Widerstand“ und „Ergebung“ in Bezug auf das eigene Schicksal und das der anderen (des Volkes, der Welt). Vgl. Dietrich Bonhoeffer, Werke (DBW) 8 (Widerstand und Ergebung), 333f.

5 Wir können über die Qualität und Aussagekraft der indirekt wiedergegebenen Interviews mit Thomas Bonhoeffer, Cornelie Großmann, geb. Bonhoeffer, und Walter Bonhoeffer unterschiedlicher Auffassung sein. Dass diese Gespräche ein Geschenk für alle „Bonhoeffer“-Forscher*innen und an der deutschen Geschichte Interessierte sind, steht m.E. außer Frage.

6 DBW 8, 570-572.

7 Vgl. 1. Petr. 1,24. Ein Klaus Bonhoeffer bekannter Chorsatz in Johannes Brahms’ „Deutschem Requiem“.

8 Aus Goethe, Faust I: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, / Erwirb es, um es zu besitzen. / Was man nicht nützt, ist eine schwere Last, / Nur was der Augenblick erschafft, das kann er nützen.“

9 In: „Klaus Bonhoeffer“, 470-472.

10 Vielfältig sind die Belege nun auch in den bisher veröffentlichten Dokumenten (s. „Klaus Bonhoeffer“), dass die inhaftierten Widerstandskämpfer*innen und ihre Angehörigen nicht bloß aus taktischen Gründen (das sicher auch bis zu Bestechungsversuchen) und nicht bloß im Gestus geistiger Überlegenheit (das gelegentlich auch), sondern in echter Menschlichkeit manchen ihrer Verhörer und Bewacher entgegentreten konnten als im Grunde freie Menschen im Sinne von Emmi Bonhoeffers Pauluszitat (Taufspruch Walter Bonhoeffers) für ihren Sohn Thomas: „Ihr seid teuer erkauft! Werdet nicht der Menschen Knechte!“

 

Über die Autorin / den Autor:

Pastor Dr. Bernd Vogel, Jahrgang 1957, Studium in Erlangen, Göttingen, Heidelberg und Edinburgh, Pastor in Neuenkirchen/Lüneburger Heide, Gimte/Hann. Münden, Schulpastor in ­Lüneburg, Mentor für Studierende der Rel.pädagogik in Lüneburg, Pastor in Jesteburg, 2018 Dissertation in Hannover über Dietrich Bonhoeffers Verständnis von "glauben lernen"; Autor von ­Büchern über die Bedeutung Dietrich Bonhoeffers für uns heute, Glaubenskurs mit Dietrich ­Bonhoeffer, Werkbuch Paulus und zum ­Prädikantendienst (letztere zusammen mit ­Petra Roedenbeck-Wachsmann).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 2/2024

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