Ein beeindruckendes Glaubensvorbild im Sinne der Botschaft Jesu von einem einfachen und schlichten Leben ist Klara von Assisi, deren 770. Todestag sich im August 2023 jährte. Ihre leidenschaftliche Hingabe an Gott, ihre Lebensweise in Einfachheit und Armut sowie ihr treuer Dienst an anderen machen Klara gerade in einer Zeit, in der Konsum, Besitz und Prestige den Ton angeben, zu einer inspirierenden Frau. Babette Heidel erinnert an ihr Leben und ihr Erbe.

 

In der heutigen Welt spielt Konsum eine bedeutende Rolle. Unsere Tage sind oft hektisch, und es bleibt wenig Zeit und Raum für Besinnung. Auf sozialen Medien werden uns ständig Dinge präsentiert, die uns angeblich fehlen, um glücklich zu sein. Wir sind täglich bis zu 10.000 Werbebotschaften ausgesetzt.1 Die Akkumulation von Besitztümern scheint im Leben eine zentrale Bedeutung zu haben, und die Habgier treibt viele dazu, immer mehr zu wollen.

Jesus hingegen betonte wiederholt die Wichtigkeit von Einfachheit und den Verzicht auf übermäßigen Besitz. Ein beeindruckendes Glaubensvorbild im Sinne Jesu ist Klara von Assisi, deren 770. Todestag sich im August des letzten Jahres jährte. Ihre leidenschaftliche Hingabe an Gott, ihre Lebensweise in Einfachheit und Armut sowie ihr treuer Dienst an anderen machen sie auch heute noch zu einer inspirierenden Frau.

 

 

Wer war Klara von Assisi?

Klara (Chiara degli Offreducci) wurde vermutlich im Jahr 1193 oder 1194 in eine wohlhabende und einflussreiche Adelsfamilie hinein geboren. Obwohl ihr familiärer Hintergrund eine gut abgesicherte Ehe vorsah, spürte Klara den tiefen inneren Drang und die Berufung Gottes, ein spirituelles Leben zu führen. Sie traf auf Franziskus von Assisi, dessen Leben und Lebensweise in Einfachheit, Armut, Keuschheit, Demut, Christi Gehorsam und Nächstenliebe sie zutiefst beeindruckte und nachhaltig inspirierte.

Im Jahr 1212 verließ sie ihr Elternhaus und brach mit ihrem bisherigen weltlichen Leben. Sie setzte die Worte aus Mt. 19,21 in die Tat um, indem sie ihren Erbteil verkaufte und es den Bedürftigen gab. So soll sie sich in der Nacht des Palmsonntags zur Kirche Portiuncula begeben haben, um Franziskus zu treffen. Dort wurde Klara durch Franziskus ermutigt, ihr Leben nach seinem Vorbild in Armut zu führen. Klara war von dieser Idee fasziniert und erkannte darin ihre Berufung. Während dieser Begegnung legte Franziskus Klara und ihrer jüngeren Schwester Agnes die Ordensregel vor, die auf den Grundfesten von Armut, Gehorsam und Keuschheit basierte. Klara erklärte ihren Willen, diesem Lebensweg zu folgen und sich von materiellem Reichtum und weltlichem Ruhm zu lösen. Stattdessen wollte sie ein Leben in Einfachheit, Armut und Hingabe an Gott führen.

In der Kirche schnitt Franziskus ihr die Haare ab und sie wurde mit einem einfachen Gewand bekleidet. Diese symbolische Handlung repräsentiert Klaras Weihe in ein geistliches Leben.2 Nach diesem Vorfall begab sie sich zum Kloster San Paolo delle Abbadesse in Assisi, wo sie einige Zeit bei den dort ansässigen Benediktinerinnen verbrachte, bis Gott ihr ihren weiteren Weg zeigen würde. Trotz größtem Widerstand seitens ihrer Familie bestand Klara auf ihrem Weg und ließ sich nicht von ihrer Berufung abbringen.

Ihrem radikalen Beispiel folgten neben ihrer Schwester schnell weitere Frauen. Sie siedelten sich im durch Franziskus wiederhergestellten Kloster San Damiano in Assisi an, wo sie ein Leben in strenger Armut und im Gebet führten. Franziskus soll seine Brüder aufgefordert haben: „Kommt und helft mir beim Bau des Klosters von San Damiano; denn dort werden bald Frauen leben, durch deren heiligmäßiges Ordensleben, dessen Ruf sich verbreiten wird, unser himmlischer Vater in seiner ganzen heiligen Kirche verherrlicht werden wird.“3 Die Schwesterngemeinschaft wurde schnell bekannt und fand viele Anhänger.

Klara lebte etwa 40 Jahre im Kloster San Damiano und leitete den Orden.4 Sie wurde für ihre Weisheit, Strenge und ihren Geist der Demut und Nächstenliebe bewundert. Das Kloster San Damiano war auch Bedrohungen von außen ausgesetzt. So wurde es mehrmals von feindlichen Truppen bedroht, einschließlich der Sarazenen im Jahr 1240 und 1241. In diesen schwierigen Situationen hielt Klara gemäß den Überlieferungen durch ihr intensives Gebet und ihre feste Überzeugung an Gottes Schutz und Führung fest. Es wird erzählt, dass sie die Hostie, den Leib Christi, in einer Monstranz an die Klosterpforte hielt, um die Angreifer abzuschrecken und das Kloster zu schützen.

Klara verfasste für die wachsende Schwesternschaft eine eigene Ordensregel, die forma vitae, die durch Papst Innozenz IV. 1253 päpstlich anerkannt wurde. Herzstück dieser Regel war das Ideal der schwesterlichen Armut nach 2. Kor. 8,2.

Mit 60 Jahren verstarb Klara am 11. August 1253 und wurde in der Krypta des Klosters San Damiano beigesetzt. Nach ihrem Tod wurde der Orden in „Klarissenorden“ umbenannt. Durch Papst Alexander IV. wurde sie bereits drei Jahre nach ihrem Tod heiliggesprochen. Das Kloster San Damiano wurde zu einem Zentrum der franziskanischen Spiritualität und diente als Ausgangspunkt für die Gründung weiterer Klöster. Die armen Frauen von San Damiano legten den Grundstein für den Orden der Klarissen und trugen zur Verbreitung der Lehren des Franziskus bei. 5

 

Was zeichnet Klara von Assisi aus?

Klara zeigte eine beeindruckende Hingabe an Gott, indem sie ihr privilegiertes weltliches Leben verließ, um ein Leben der Armut und des Gebets zu führen. Ihr absolutes Vertrauen auf Gott führte sie an den richtigen Ort. Sie fühlte sich als eine geliebte und berufene Person durch Gott. Von ihr können wir lernen, unser Herz und unser Leben vollständig Gott zu widmen und eine enge Beziehung zu ihm aufzubauen. In Klaras Hinterlassenschaften finden sich immer wieder Gedanken über die Abhängigkeit des Menschen als Geschöpf von Gott, dem Schöpfer. Diesen Aspekt gilt es in unserem Alltag immer wieder präsent werden zu lassen.

Klara von Assisi kämpfte gegen viele Widerstände, darunter auch gegen ihre engsten Verwandten. Sie nahm das in Kauf, um ihren eigenen Weg zu gehen und ihre von Gott aufgetragene Berufung zu erfüllen. Ihre Berufung sah sie als Geschenk Gottes, dem sie nur mit Dank entgegnen konnte. Trotz Zurückweisung aufgrund ihrer Lebensweise hielt sie unbeirrt daran fest. Ihre Entschlossenheit und ihr Durchhaltevermögen können uns inspirieren, Gottes Ruf entgegen allen Hindernissen zu folgen, sei es im Familien-, Bekanntenkreis, am Arbeitsplatz oder in der Gemeinde.

Kernstück ihrer Lehre war die Armut. Sie verstand Armut als Zeugnis der Entäußerung Jesu für uns Menschen und wollte Jesus ebenso begegnen („umfange als arme Jungfrau den armen Christus“6). Klara bevorzugte ein Leben in Armut statt materiellem Reichtum; in Demut statt weltlichem Ruhm. Sie zeigt uns, dass wahres Glück nicht in materiellen Gütern liegt, sondern in den einfachen Freuden des Lebens und den Beziehungen zu anderen Menschen.

Eng verbunden mit dem Ideal der Armut ist ihre starke Fürsorge für die Armen und Bedürftigen. Aus der Liebe Gottes heraus kümmerte sie sich um die Bedürfnisse anderer, zeigte Mitgefühl und half, wo die Not groß war. Von ihr können wir lernen, dass es wichtig ist, unseren Blick auch immer auf unsere Mitmenschen auszuweiten und ihnen Hilfe zukommen zu lassen.

Klara betonte die Bedeutung des Gebets und der kontemplativen Einkehr. Sie ermutigte zu einem Leben in Gottes Gegenwart in Stille und innerer Sammlung. Klara zeichnete sich durch eine Beständigkeit im Gebet aus und wurde nicht müde, vor ihrem Herrn in Fürbitte zu treten. Von ihr können wir lernen, dass regelmäßiges Gebet und die Suche nach spiritueller Erfahrung uns helfen können, eine tiefere Verbindung zu Gott herzustellen. Klaras Gebetsleben ist durch den Dreischritt Schauen (intueri), Erschauen (considerare) und Beschauen (contemplari) geprägt. In einem Brief an ihre Freundin Agnes von Prag erläutert sie:

„Schau auf ihn, der um Deinetwillen verachtet worden ist, und folge Du ihm als eine, die in dieser Welt verachtet wird um seinetwillen! Deinem Bräutigam, schöner als alle Menschenkinder, der um Deines Heiles willen der Geringste der Menschen wurde, verachtet, zerschlagen, am ganzen Körper vielmals gegeißelt, in Todesnot am Kreuz verscheidend: ihn, edle Königin, blicke an, betrachte ihn, schau auf ihn, in Sehnsucht, ihm ähnlich werden.“7

Klara lebte in enger Gemeinschaft. Für sie war die Gemeinschaft ein Ort der spirituellen Unterstützung, des gemeinsamen Gebets und der gegenseitigen Ermutigung auf dem Weg der Nachfolge Christi. Liebe und Vertrauen bildeten die Basis ihrer Schwesternschaft. Sie betonte die Bedeutung von Demut, Gehorsam und Nächstenliebe innerhalb der Gemeinschaft und lebte selbst ein einfaches und bescheidenes Leben, um ihren Mitschwestern ein positives Vorbild zu sein. Die Gemeinschaft war für Klara ein Ort der Stärkung und des Glaubenswachstums. Sie setzte sich mit Leidenschaft dafür ein, dass die Klarissen eine enge Bindung zueinander hatten und als eine Einheit in ihrem Dienst für Gott und die Menschen wirkten.

Klara schöpfte Kraft und Stärke aus dem Abendmahl. Es war ein zentrales Element ihres spirituellen Lebens und ihrer Beziehung zu Christus. Klara betrachtete das Abendmahl als eine heilige Handlung, bei der Jesus Christus selbst gegenwärtig war. Sie empfand tiefe Ehrfurcht und Verehrung für die eucharistische Gegenwart Jesu im Brot und Wein. Klara praktizierte häufig die Anbetung des ihr allerheiligsten Sakraments und fand in der eucharistischen Gemeinschaft mit Christus geistliche Nahrung, Trost und Stärkung. Das Abendmahl war für sie eine Quelle der Gnade und ein Mittel, um in enger Gemeinschaft mit Christus zu leben. Sie erlebte darin spirituelle Erfüllung und eine tiefgreifende Verbindung zu ihrem Herrn. Von ihr können wir das Abendmahl als gemeinschaftsstärkende Verbindung in unseren Gemeinden wiederentdecken und ebenso die individuelle Erbauung durch das Feiern des Sakraments.

 

Worin kann sie uns heute ein Vorbild sein?

Klara von Assisi hinterließ ein Erbe des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung. Heute können wir immer noch von ihrer Lebensweise und ihren Lehren in der Gemeinde und im Alltag inspiriert werden. Daher soll sie das letzte Wort haben:

„Was du hältst, das halte fest, was du tust, das tu weiterhin, lass nicht ab, sondern eile in schnellem Lauf, mit leichtem Schritt, ohne den Fuß anzustoßen, damit auch deine Schritte den Staub nicht berühren, sicher, freudig, munter und behutsam auf dem Pfad der Seligkeit; trau keinem, stimme keinem zu, wenn er dich von diesem Vorsatz abbringen, wenn er dir ein Ärgernis auf den Weg legen will, auf dass du in jener Vollkommenheit, zu der der Geist des Herrn dich berufen hat, deine Gelübde dem Allerhöchsten entrichten kannst (vgl. Psalm 50, 14).

Umfange als arme Jungfrau den armen Christus. Sieh auf den, der um deinetwillen verachtenswert geworden ist, und folge ihm nach, verachtenswert geworden um seinetwillen in dieser Welt. Deinen Bräutigam, schöner als Menschenkinder (vgl. Psalm 45,3), um deines Heiles willen der Niedrigste der Menschen geworden, verachtet, zerschlagen und am ganzen Körper vielfältig gegeißelt, sogar in Kreuzesnöten gestorben, ihn, viel edle Königin, schaue an, betrachte, beschaue und begehre nachzuahmen.

Wenn du mit ihm leidest, wirst du mit ihm herrschen, wenn du mit ihm Mitleid empfindest, wirst du mit ihm frohlocken, wenn du mit ihm am Kreuz der Trübsal stirbst, wirst du in der Herrlichkeit der Heiligen die himmlischen Wohnungen besitzen, und dein Name wird im Buch des Lebens (vgl. Offenbarung 3,5) glorreich für die Zukunft unter den Menschen genannt werden.“8

 

Anmerkungen

1 Vgl. https://www.wiwo.de/unternehmen/dienstleister/werbesprech-nie-war-die-botschaft-so-wertlos-wie-heute/23163046.html#:~:text=Inzwischen%20gehen%20die%20Fachleute%20davon,pro%20Tag%20und%20KoKonsume%20ein (zuletzt eingesehen am 20.09.2023).

2 Das Schneiden der Haare fiel eigentlich bei einer Jungfrauenweihe in die Zuständigkeit des Bischofs. Klaras Wunsch ein Leben nach dem Vorbild des Franziskus zu führen, war jedoch für eine Frau zu damaliger Zeit undenkbar. Daher ging ihr Weg schnell hinter die Klostermauern, in ein Leben in strenger Klausur.

3 KlTest 13f, in: Schneider, Johannes/Zahner, Paul/Bohl, Cornelius u.a. (Hg.): Klara-Quellen. Die Schriften der heiligen Klara, Zeugnisse zu ihrem Leben und ihrer Wirkungsgeschichte. Im Auftrag der Provinziale der deutschsprachigen Franziskaner, Kapuziner und Minoriten, Zeugnisse des 13. und 14. Jahrhunderts zur Franziskanischen Bewegung, Bd. II: Klara-Quellen, Kevelaer 2013.

4 Das Kloster ist heute noch sehr gut erhalten und kann besichtigt werden. Im Garten soll Franziskus sein berühmtes Gebet, den Sonnengesang (Cantico della creature) abgeschlossen haben.

5 Vgl. zum Leben Klaras von Assisi: Schneider, Johannes/Zahner, Paul/Bohl, Cornelius u.a. (Hg.): Klara-Quellen. Die Schriften der heiligen Klara, Zeugnisse zu ihrem Leben und ihrer Wirkungsgeschichte. Im Auftrag der Provinziale der deutschsprachigen Franziskaner, Kapuziner und Minoriten, Zeugnisse des 13. und 14. Jahrhunderts zur Franziskanischen Bewegung, Kevelaer 2013, und Kreidler-Kos, Martina: Das Leben der Klara von Assisi. Sei gepriesen, weil du mich erschaffen hast, München 2003.

6 2 Agn 18, in: Schneider, Johannes/Zahner, Paul/Bohl, Cornelius u.a. (Hg.): Klara-Quellen. Die Schriften der heiligen Klara, Zeugnisse zu ihrem Leben und ihrer Wirkungsgeschichte. Im Auftrag der Provinziale der deutschsprachigen Franziskaner, Kapuziner und Minoriten, Zeugnisse des 13. und 14. Jahrhunderts zur Franziskanischen Bewegung, Bd. II: Klara-Quellen, Kevelaer 2013.

7 Schlosser, Marianne/Grau, Engelbert: Leben und Schriften der heiligen Klara von Assisi, Kevelaer 2001, 19f.

8 A.a.O.,101.

 

Über die Autorin / den Autor:

Babette Heidel, Jahrgang 1990, Diplomtheologin und Mutter von vier Kindern, Studium der Evang. Theologie in Leipzig und Tübingen, derzeit in ­Elternzeit.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 2/2024

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