Wie können kirchenferne Menschen (wieder) für den christlichen Glauben angesprochen werden? Eberhard Steinborn geht bei seinen Überlegungen von einer beobachteten Grundspannung aus: Wir leben in einer Zeit, in der Rationalität in verschiedenster Weise den Alltag der Menschen prägt; der christliche Glaube basiert aber wesentlich auf einem emotionalen Zugang. Beides muss also miteinander verknüpft werden, um Menschen für den christlichen Glauben zu gewinnen.

 

Abstract

Veränderungen in außenwirksamen Systemen erfolgen dual, beginnend von innen und erst dann nach außen. So bedarf es auch einer inneren Veränderung der Kirche. Auch die Vermittlung christlicher Werte geschieht immer dual: zuerst rational, um die eigene christliche Weltsicht an der Realität zu prüfen und als Wahrheit (oder den Wahrheitsgehalt darin) zu erkennen, und dann indem ein emotionaler Bezug aufgebaut wird. Das spitze Ziel der Außenänderung ist die innere Stabilisierung der akquirierten Gemeindeglieder durch ein selbstgefühlt christlich epistemisch-rational lebensbejahendes Lebensmotto.

 

Der IST-Zustand

Die meisten Überlegungen über die Krise der evangelischen Kirche beschäftigen sich mit sich selbst und unternehmen keinen Versuch, die Gedanken Kirchenferner aufzunehmen. Hier wird ein Weg gezeigt, einen Perspektivwechsel vorzunehmen: weg von dem, was man anbietet, hin zu dem Bedarf Kirchenferner. Wenn man etwas anbietet, was keinen Kirchenfernen hinter dem Ofen hervorlockt, dann wird am Bedarf vorbei angeboten. Die Krise der evangelischen Kirche wird mit Kontraproduktivität zu lösen versucht, d.h. umso mehr Aktivität man aufbringt, desto mehr wird die Krise verstärkt. Man ist sozusagen sein eigener Zerstörer. Dies kann man nur durch ein bedarfsgerechtes Angebot für Kirchenferne beseitigen.

 

Der Bedarf Kirchenferner

Der Alltag und das Denken des naturwissenschaftlich geprägten Menschen ist rational. So sollte er angesprochen werden. Zudem sind rationale Entscheidungen und Informationen besser zu behalten. Die Wahrscheinlichkeit des Behaltens hängt von der Art der Informationsaufnahme ab: Nacherzählen und Erklären 70%, Hören und Sehen 50%, Sehen 30%, Hören 20%. Für eine optimale Informationsvermittlung emotional biblischer Inhalte wären also wichtig:

1. Die rationale Einführung (Brücke) in den emotionalen Inhalt.

2. Die Erhöhung der Wahrscheinlichkeit des Behaltens durch Nacherzählen und Erklären.

Damit legt sich folgende Vermittlungsstrategie nahe:

1. Ich reduziere die Komplexität der Aussagen, um sie rational erfassen zu können.

2. Ich verquicke die emotional christliche Aussage mit einem rationalen Prozess, um die Brücke vom rein rationalen Denken zum rational-emotionalen Gemisch zu entwickeln. Erst durch die Verknüpfung von rationalem Wert und emotionaler biblischer Aussage wird sichergestellt, dass nicht nur die rationale, sondern auch die biblisch emotionale Aussage behalten wird, Grundlage für die emotionalen Entscheidungen für Liebe, Vertrauen.

3. Wenn diese Initialzündung gelungen ist, darf ich auf weiterführende Beschäftigung mit dem emotionalen Glauben hoffen.

4. Die Manifestation des Glaubens erfolgt mit selektiver Wahrnehmung des
a. eigenen epistemisch-rationalen Wertes und des davon
b. abgeleiteten emotionalen Bibelbezuges

durch die Bestätigung anderer Personen bzw. spezifischer Situationen.

Diese vier Prozessphasen sind die wesentlichen Grundlagen, um rational denkende Menschen, mit emotional christlichem Denken nachhaltig anzusprechen. Das Wissen darum fördert einerseits die zielgruppengenaue Ansprache und zeigt andererseits deren Grenzen auf.

Wenn wir davon ausgehen, dass dual erst eine rationale epistemische Brücke mit dem Wert in der Kommunikation gebaut, und schließlich die Verknüpfung von Wert mit einer biblischen Aussage dazu vermittelt wird, wird der Wert als Vermittler zur biblischen Aussage verstanden und wir werden mit Recht daran gemessen. Wenn diese Verknüpfung nicht stattfindet, wird zwar der Wert behalten, aber die biblische Aussage vergessen. Die biblische Aussage muss ständig auf den Wert bezogen werden.

 

Phasen zum Glauben

Hoffnung

Wie kann ich das Interesse Kirchenferner an einem Lebensmotto, erste Phase zum Christentum, wecken? Das Leben kann nur rückwärts verstanden, muss aber vorwärts gelebt werden (Sören Kierkegaard). Es gilt nicht der rheinische Slogan: „Et is noch immer jot jejange“. Die Hoffnung im biblischen Sinn ist ohne den Schöpfer und Erlöser nicht vorstellbar. Dies ist die Grundlage für die Hoffnung, die in der Vergangenheit gewirkt hat und nicht die Wiederholung eigener, gut gegangener Entscheidungen. Es wird darauf gebaut, dass in der Vergangenheit viele Entscheidungen mit Gottes Barmherzigkeit gelungen sind und dies auch so weitergeht. Wenn ich dem Anderen Hoffnung geben kann, stärkt es mich selber und ich bekomme Hoffnung, ins Ungewisse zu handeln. Leben heißt entscheiden. Erlebe ich mich als geliebten Menschen, kann ich andere, manchmal mutige, manchmal vielleicht auch falsche Entscheidungen treffen. Doch auch die kann ich überwinden, wenn ich ein festes Lebensfundament habe und auf Gott vertraue. Dabei sind unbewusst zielorientierte Entscheidungen noch anstrengend. Um nicht falschen Zielen nachzulaufen, folgt ständige Selbstreflexion, Meditation und die selektive Wahrnehmung seines Problems, also im Suchen.

Liebe

Ohne unbewusste Entscheidungen gäbe es keine „Liebe“, kein Vertrauen, keine zweckfreie Freundlichkeit („Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat“, Röm. 15,7) etc. Die vorwiegend versuchenden bewusst denkenden Menschen haben vor anstrengenden unbewussten Entscheidungen mit dem Risiko Kontrollverlust Angst und flüchten sich in Scheinwelten, z.B. virtuell und isolierend. Vertrauen ist die Grundlage, dass große Dinge entstehen. Dazu kommt, dass komplexe, für den Einzelnen nicht überschaubare Einflüsse in seine Privatsphäre eingreifen. Außerdem sind die sozialen Beziehungen zunehmend beliebig. Angst vor emotionalen Entscheidungen führen wiederum zu wachsender Existenzangst, Vertrauensverlust zu allen Bereichen der Gesellschaft und zur angstauslösenden Beliebigkeit, dem Fehlen sozialer Sicherheit.

Glauben

Es gilt die Angst, vor dem Zulassen emotionaler Entscheidungen zu überwinden, indem erklärt wird, dass ohne emotionale Entscheidungen und Eingehen von Risiken kein Lebenssinn erreicht werden kann. Dieses Risiko des Eingehens zur Liebe macht einen innerlich stark und reif, führt zur Orientierung und zum Dialog mit Gott im Gebet. Diese Stärke entwickelt neue positive Kontakte, Vertrauen, zweckfreie Freundlichkeit und Zukunft.

Es bleibt trotz der enorm gestiegenen Erklärungsmöglichkeiten immer ein großer Rest, den man nur glauben kann. Das fällt noch am leichtesten, wenn man am eigenen Leibe erfährt, dass das nur intuitiv erfahrbare funktioniert.“ (Julius Kuhl; Spirituelle Intelligenz; Herder 2015, 208). D.h. je mehr ich mich auf meine emotionalen Entscheidungen und daraus folgenden Handlungen verlassen kann, desto mehr werde ich im Glauben gefestigt. Die Manifestation des Glaubens erfolgt mit selektiver Wahrnehmung des abgeleiteten emotionalen Bibelbezuges durch die Bestätigung anderer Personen bzw. spezifischer Situationen.

 

Ein Fazit zu Marketing und Mission

Der Alltag und Denken des naturwissenschaftlich geprägten Menschen ist rational. So sollte er angesprochen werden. Rationale Entscheidungen und Informationen sind besser zu behalten und für eine optimale Informationsvermittlung emotional biblischer Inhalte grundlegend. Es bedarf daher der rationalen Einführung (Brücke) in den emotionalen Inhalt, der Erhöhung der Wahrscheinlichkeit des Behaltens durch Nacherzählen und/oder Erklären und einer externen Bestätigung des epistemisch-rationalen, selbstdefinierten Wertes sowie der Kombination mit dem emotionalen biblischen Bezug durch andere und spezifische Situationen. Alle emotional-christlichen Aussagen sollten zuerst über eine rationale Brücke vermittelt werden. Das Ziel ist die Annahme eines lebensbejahenden christlichen Lebensmottos zur inneren Stabilisierung unbewusster Entscheidungen durch die Verknüpfung eines rationalen Wertes mit einer biblischen Aussage. Damit wird ein Bewusstsein für Hoffnung, Liebe, Glaube (Vertrauen) geprägt. Es wird auch in der christlichen Gemeinschaft die Resilienz gegen Existenzangst und Vertrauensverlust (aufgrund komplexer Einflüsse sowie Beliebigkeit sozialer Bindungen) grundgelegt und damit gegen das Nachfolgen rechter populistischer Propheten mit menschenverachtenden Missionen wie Hass und Lüge immunisiert.

 

 

Literatur

Eine Vertiefung finden Sie in der Broschüre: Eberhard Steinborn, Rationaler Zugang zum emotional christlichen Glauben (Vergleich der Entwicklung des menschlichen Embryos mit der Entwicklung der Seele), epubli (ISBN 9783757513467), 6,99 €

 

Eberhard Steinborn

 

Über die Autorin / den Autor:

Eberhard Steinborn, Innovationsmanager, Diplomchemiker, Mitglied der evangelischen Kirchengemeinde Berlin Dahlem.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 1/2024

2 Kommentare zu diesem Artikel
16.01.2024 Ein Kommentar von Anne Simon Der Autor zeigt interessante und innovative Wege der Kommunikation des Evangeliums auf und hat dabei die Interessen und Belange derer im Blick die er erreichen möchte; Kirchenferne, die zumeist naturwissenschaftlich-rational geprägte Menschen sind. Seine Ideen und seine Vorgehensweise sind pragmatisch und klar strukturiert. Er verbleibt nicht im Ungefähren sondern zeigt konkrete Möglichkeiten auf. Nun braucht es nur noch Menschen, die seine Ideen umsetzen!
21.01.2024 Ein Kommentar von Eberhard Steinborn Die rationalen Bezüge im Text sind: Hoffnung; Wenn ich dem Anderen Hoffnung geben kann, stärkt es mich selber und ich bekomme Hoffnung, ins Ungewisse zu handeln. Liebe; Ohne unbewusste Entscheidungen gäbe es keine >>LIEBE
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