Der Religionssoziologe Detlef Pollack hat in der FAZ vom 14.11.2023 die Ergebnisse der neuen Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU VI) der EKD kommentiert. Er erkennt darin den Bankrott des liberalen Individualisierungsparadigmas, mit dem deutsche Theologen und Kirchenrepräsentanten sich über Jahrzehnte eingeredet haben, christlicher Glaube könne sich auch außerhalb der Institution Kirche entfalten. Man müsse daher, so meinten sie, angesichts der abnehmenden sozialen Bedeutung der Kirche nicht verzweifeln. Individuelle Religiosität sei auf Kirchlichkeit nicht angewiesen, trotz deren Rückgang gebe es keinen Anlass anzunehmen, der persönliche Glaube würde geschwächt. Nun kommt heraus, dass man sich mithilfe dieser liberalen Denkfigur die Situation der evangelischen Kirche, Resultat eines fortschreitenden Bedeutungsverlusts, schöngeredet hat.

 

Die eigene Situation schöngeredet

Theologen und Kirchenleitungen hätten es besser wissen können. Sie haben sich bisher darauf verlassen, dass empirische Studien ungefähr das bestätigen, was dem liberal-protestantischen Verständnis von Kirche in der Gesellschaft entspricht. Sie setzten voraus, dass christlicher Glaube in der Moderne nicht anders als in der Freiheit des autonomen, sich von traditionellen und institutionellen Bindungen lösenden Individuums gelebt werden kann. Jetzt zeigt die neue EKD-Studie: Institutionalisierte Kirchlichkeit und individuelle Religiosität bilden nicht, wie im Bann der Individualisierungstheorie angenommen, einen Gegensatz, sie müssen vielmehr korrelativ aufeinander bezogen werden.

Das Individualitätsparadigma hat sich als einseitig und nicht tragfähig erwiesen. Der persönliche Glaube verkümmert, er wird gestaltlos und diffus, wenn er nicht in einem kirchlichen Umfeld „geübt“ wird. Damit ist zugleich der bisherige kirchliche Umgang mit empirischen Studien in Frage gestellt, der auf der Selbstverständlichkeit der liberalen Denkfigur beruhte. Allein auf der Basis von Statistik und Empirie sind keine verantwortbaren Aussagen über die Kirche der Zukunft möglich. Gegen alle Prognosen, Hochrechnungen und Wahrscheinlichkeitsaussagen kann Unvorhersehbares geschehen. Wenn man Umfragen und empirische Erhebungen zur alleinigen Grundlage für das Handeln nimmt, ist manches schon zu Ende, bevor es angefangen hat, oder es werden Dinge beendet, die eigentlich weitergehen müssten, wenn Gottvertrauen eine Rolle spielen würde.

Die EKD-Studie bringt es ungeschönt an den Tag: Nicht nur kehren immer mehr Menschen der Kirche den Rücken, auch der Glaube an Gott, verstanden als Beziehung zu einem personalen Du, schwindet dramatisch. Neu ist dieser Befund keineswegs. Erschrecken muss er vor allem diejenigen, die sich so lange darüber getäuscht haben, dass christlicher Glaube ohne adäquate Kirchlichkeit nicht lebensfähig bleibt.

 

Kirche erfüllt keine religiöse Sehnsucht mehr

Einer, der schon vor 40 Jahren illusionslos die Wirklichkeit der evangelischen Kirche sah, war Martin Niemöller (1892-1984). In Gesprächen mit einem hessischen Filmteam äußerte der 91Jährige, er glaube nicht, dass in Europa noch „religiöse Sehnsucht von der Kirche erfüllt“ werde. Wo in Deutschland, so fragte er, gebe es in der organisierten Kirche „etwas davon, wo sich das religiöse Sehnen als erfüllt ansieht?“ Es erstaunt, dass Niemöller hier von der Kirche als Gegenstand und Raum religiöser Sehnsucht sprach. Für ihn sei jetzt „das Jahrhundert vor dem Ende der Kirche“ angebrochen. Bei denen, die aus einem christlichen Haus kämen, sehe er noch ein Interesse an der Kirche, aber es habe im Grunde keine Wurzeln mehr. Der Betrieb der Kirche werde aufrechterhalten, „aber der ist irgendwo im Absterben“.

Was Niemöller in seiner Altersradikalität über den „Betrieb der Kirche“ vorbringt, hat sich bei ihm schon lange vorher angekündigt. Während seiner Haft im KZ Sachsenhausen zeichnete er „Gedanken über den Weg der christlichen Kirche“ auf, die 2019 erstmals veröffentlicht wurden. Niemöller selbst hat das unvollendet abgebrochene Manuskript später nie wieder hervorgeholt. Enttäuscht von den im NS-Staat mehr oder weniger korrumpierten evangelischen Landeskirchen und der in sich gespaltenen Bekennenden Kirche notierte er 1939, die lutherische Kirche sei „abgestorben, weil sie nicht den Glaubensmut hatte, Kirche zu sein“. Selten treffe man unter lutherischen Christen einen gefestigten Glauben an. Das liege daran, „daß die Kirche fehlt, die das Wachstum im Glauben pflegt“. Niemöllers damalige Diagnose lautet: „Wo der Protestantismus fortschrittlich auftritt und handelt, kann man mit großer Wahrscheinlichkeit sagen, daß es ein ‚Protestantismus‘ ist, der sich vom christlichen Glauben längst losgelöst hat und deshalb besser als ‚Säkularismus‘ bezeichnet würde“. Über 40 Jahre danach erklärte Niemöller den jungen Dokumentarfilmern, die ihn als protestantischen Zeitzeugen befragen: „In der christlichen Welt haben wir Atheismus. Von den 92 Prozent der Bevölkerung, die Kirchenglieder sind, sind 85 Prozent Atheisten“.

 

Der christliche Gott ist für viele bereits gestorben

Hat Niemöller übertrieben? In Bezug auf die Mehrheit der Kirchenmitglieder, die an Religion kein Interesse hat, sicher nicht. Heute gehören weniger als 50% der Bevölkerung einer Kirche an. In seiner Schrift „Christsein hundert Jahre nach Nietzsche“ (2001) kam der Heidelberger Familientherapeut Helm Stierlin (1926-.2021) zu ähnlichen Ergebnissen wie der kämpferische Protestant. Stierlin untersuchte Zusammenhänge zwischen Glauben und Gesundheit und wertete dafür empirische Langzeitumfragen bei etwa 35000 Personen aus. Aus ihnen ergab sich, dass etwa 40% der Befragten agnostisch oder atheistisch und über 30% konventionell religiös eingestellt waren. In der ersten Gruppe überwogen die Männer, in der zweiten die Frauen. Weniger als 5% der Befragten, auch hier vor allem Frauen, waren demgegenüber spontan religiös und verbanden Christsein mit einer lebendigen Gottesbeziehung und Freude. Es ließ sich nachweisen, dass sie signifikant länger lebten als Angehörige der beiden anderen Gruppen. Stierlin gelangte zu dem Resultat, „daß der christliche Gott für viele, wenn nicht für die meisten Menschen unseres Kulturkreises bereits gestorben ist. Und dies gilt zweifellos auch für viele Menschen, die sich noch Christen nennen und noch Kirchensteuer bezahlen“.

 

Beispiele inspirierender Glaubenspraxis

Die Aussagen von Niemöller und Stierlin muten an wie eine prophetische Kirchen- und Religionskritik, die die unbequemen Ergebnisse der EKD-Mitgliederbefragung vorwegnimmt und zuspitzt. Sie enthüllen eine spirituelle Schwäche, die mit Reformen der Organisation nicht zu beheben ist. Es fehlt den Evangelischen an religiöser Sehnsucht, am Mut, Kirche zu sein, an Menschen, die spontan religiös sind. Dagegen helfen keine Werbemaßnahmen und Optimierungsprogramme, sondern nur geistliche Mittel, wie sie die kirchliche Tradition reichlich anbietet, wenn man sie nur zu schätzen und zu gebrauchen weiß. Dies legt die Folgerung nahe, dass die evangelische Kirche ihre Aufmerksamkeit auf kirchliche Formen richten sollte, in denen christlicher Glaube sozialisiert wird. Ganz oben auf der Aufgabenliste hat die Suche nach Beispielen sonntäglicher und alltäglicher Glaubenspraxis zu stehen, die zum Christsein in und mit der Kirche inspirieren.

Die EKD-Studie erliegt allerdings dem Fehler, den Wert von Religion und religiöser Aktivität danach zu bemessen, ob sie die Attraktivität der Kirche steigern. Sie versucht, aus der Empirie Perspektiven für das Handeln abzuleiten, und verkennt dabei, dass Religion oder Glaube nicht den Zweck haben, eine Nachfrage zu bedienen und die Institution attraktiver zu machen. Hinter den Empfehlungen der EKD-Studie steht die Vorstellung von Kirche als Dienstleistungsbetrieb, von dem hauptsächlich soziales Handeln „erwartet und eingefordert“ wird. Es käme heute aber darauf an, das zu kultivieren, was Kirche unverwechselbar und erkennbar macht: die Orientierung an der Bibel, der Glaube an Gott und Jesus Christus, ein Umgang miteinander, wo niemand sich als perfekt darstellen muss und jeder eigenes Versagen offen eingestehen kann.

Die evangelische Kirche braucht „eine profilierte evangelische Spiritualität“ (Peter Zimmerling), sie braucht liebevoll vorbereitete Gottesdienste und Gemeinden, die durch ihre kommunikative Glaubenspraxis überzeugen. Das Bewusstsein „Wir sind Kirche“ wird durch die Erfahrung gemeinsam gelebten Glaubens gestärkt. Erst auf dieser Basis wird ein soziales Handeln möglich, das vom Geist der Nächstenliebe motiviert ist. Ein Blick auf Partnerkirchen in der Ökumene könnte hilfreich sein, um zu lernen, wie man auch unter erschwerten Bedingungen Christ sein kann.

 

Ein neues Bewusstsein für Kirchlichkeit

In anderen Weltteilen, besonders der südlichen Hemisphäre, wächst die Zahl der Christen. Was in Europa zurückgeht, ist nicht „das“ Christentum. Vielmehr schwindet diejenige Form dahin, in der es sich in der Geschichte Europas inkulturiert hat: die institutionalisierte Form nationaler Volkskirchen, wo die Mehrzahl der Mitglieder nur selten an Gottesdiensten teilnimmt und für gewöhnlich religiös inaktiv ist. Diese Form verliert ihre frühere Lebensbedeutung, andere Formen dagegen, wie sie etwa in kleinen Gemeinschaften praktiziert werden, keineswegs. Wir brauchen im Protestantismus ein neues Bewusstsein für die Lebensbedeutung von Kirchlichkeit, einen Sinn dafür, dass der Glaube nur gedeihen kann, wenn man mit anderen zusammenkommt, die im Glauben leben und wachsen wollen.

Michael Heymel

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer i.R. Dr. theol. habil. Michael Heymel, Jahrgang 1953, habilitierter Praktischer Theologe und Pfarrer im Ruhestand in Limburg/Lahn, freier Autor und Dozent; letzte Veröffentlichung: ­"Woran glaubst du? Evangelischer Glaube im ­Gespräch" (EVA Leipzig 2021).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 1/2024

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