Vor rund drei Jahren hat die Hamburger Gemeinde von Jonas Goebel den Großteil ihrer Angebote „netflixisiert“: Nur noch wenige Gruppen finden einfach „immer“ bzw. fortlaufend statt. Stattdessen wird auf eine eigene Form der Projektarbeit gesetzt. Seitdem ist die Anzahl an Ehrenamtlichen stark gewachsen, das Angebot ist vielfältiger geworden und erreicht insgesamt deutlich mehr Menschen als vorher. Was dabei genau gemacht wird und was nicht, wie die Erfahrungen in den vergangenen drei Jahren sind – das beschreibt Jonas Goebel hier.

 

Die Gemeinde und der Hintergrund

Ich bin im April 2019 in die Evang.-Luth. Auferstehungskirche in Hamburg-Lohbrügge gekommen. Einzelpfarramt, meine erste Stelle. Mein Vorgänger war fast 40 Jahre im Amt. Die Gemeinde ist, nicht negativ gemeint, mit ihm alt geworden. Viele Gruppen bestanden schon seit Jahrzehnten, die Teilnehmer*innen waren vielfach schon lange dabei.

Es war nicht alles schlecht, nein: aus meiner Sicht war überhaupt nichts daran schlecht oder defizitär! Wir haben auch nichts beendet, keine Gruppe eingestellt oder dergleichen. Aber es ging uns als Gemeinde so, wie es vermutlich vielen Gemeinden und ihren Angeboten geht: Sie nähren sich aus dem Bestand der Vergangenheit. Da kommen treu seit (oft) Jahrzehnten die gleichen Stammgäste. Es gibt diese wenigen Ehrenamtlichen, die höchstverbunden und äußerst treu und hingebungsvoll dabei sind.

Meine Erfahrung hier vor Ort war ziemlich schnell: Dieses System hat keine Zukunft. Die Gruppen überaltern, die ehrenamtlichen Leiter*innen kommen früher oder später aus gesundheitlichen Gründen an ihre Grenzen. Und es wird immer schwerer, Nachwuchs bzw. Ersatz zu finden. Das liegt aus meiner Sicht nicht daran, dass die Angebote schlecht sind oder schlecht gemacht werden. Größtenteils ist es eine gesellschaftliche Entwicklung, die wir nicht aufhalten, sondern der wir uns nur anpassen können.

 

Das neue Ehrenamt und eine neue Form der Teilnahme

Dazu gehört z.B. das sog. „neue Ehrenamt“. Viele unserer klassischen Angebote in Kirche bauen auf dem „alten“ Ehrenamt auf – das sind diejenigen, die über Jahre oder sogar Jahrzehnte den Seniorenkreis oder die Jungschar leiten.

Es stimmt nicht, dass sich Menschen heutzutage weniger engagieren. Sie engagieren sich anders. Projektorientierter. Für eine bestimmte Zeit sehr gerne, aber nicht „dauerhaft“ oder ohne absehbares Ende. Gleiches gilt für die Teilnahme an Gruppen und Veranstaltungen. Immer mehr Menschen nehmen lieber punktuell oder zeitlich überschaubar an einer Sache teil, anstatt sich gleich für lange Zeit binden zu müssen. Lieber einen Vertrag, der monatlich kündbar ist, als gleich für 24 Monate gebunden zu sein. Lieber einen Kochkurs, der aus fünf festgelegten Terminen besteht, als die Kochgruppe, die sich jeden Mittwoch trifft.

 

Transformation des gemeindlichen Angebotes

Diese gesellschaftlichen Veränderungen sind schon lange vorhanden, aber je nach Milieu unterschiedlich ausgeprägt. Es ist ja hinlänglich bekannt, dass wir als Kirchen mit unseren Angeboten oft nur rund 2½ der Sinus-Milieus erreichen. „Unsere“ Milieus sind vergleichsweise konservativ auch beim Ehrenamt und dem Teilnahmeverhalten. Aber: unsere Milieus schrumpfen auch, ihr Anteil an der gesamten Gesellschaft wird immer kleiner, und auch in unseren Milieus gibt es immer mehr Menschen, die sich z.B. lieber entsprechend dem neuen Ehrenamt engagieren.

Zusätzlich kommt hinzu: Unser Missionsauftrag gilt ja so oder so allen Menschen und entsprechend auch allen Milieus. Also, ein Verweilen oder gar Konzentrieren auf diejenigen, für die unsere klassischen Angebote (noch) etwas sind, ist aus meiner Sicht spätestens theologisch nicht haltbar.

Also, was tun wir dagegen? Wie können wir unsere gemeindlichen Angebote an die gesellschaftliche Realität anpassen? Wir haben es mit einer von mir so genannten „Netflixisierung“ versucht und fahren damit seit rund drei Jahren sehr gut. Aber was verbirgt sich hinter der „Netflixisierung“?

 

Das Netflix-Zeitalter

Wir leben im Netflix-Zeitalter. Unsere Lieblingsserie hat Staffeln und Folgen. Ich habe z.B. vor einiger Zeit die erste Staffel von „Die Ringe der Macht“ auf Amazon Prime genossen. In jeder Woche kam eine neue Folge, die meine Frau und ich angesehen haben. Dann mussten wir eine Woche warten bis zur nächsten Folge. Und nach acht Folgen war erstmal Schluss mit dieser Serie. Die zweite Staffel soll wohl 2024 erscheinen. Was machen wir bis dahin? Wir schauen andere Serien. Und freuen uns schon sehr, wenn es endlich mit „Die Ringe der Macht“ weitergeht.

Dieses „Szenario“ haben wir auf den Großteil unserer Gruppen übertragen. Als Beispiel: Ein Gemeindemitglied kam mit einer Idee für ein neues Angebot auf mich zu: „Kreativnachmittage“. Unter Anleitung wird z.B. mit Acrlyfarben zu einer biblischen Geschichte etwas gemalt. Die Termine sind an Freitagen von 15-18 Uhr. Aber eben nicht jeden Freitag! Die (ehrenamtliche) Leitung hat mir in einem Zeitraum von drei Monaten sechs Termine genannt. Wir haben das dann als „Staffel 1“ der „Serie“ Kreativnachmittage bezeichnet und diese erste Staffel hatte dann sechs „Folgen“, also: es gab insgesamt sechs Termine. Nach dieser ersten Staffel war dann erstmal Pause. Pause für die Leitung, Pause für die Teilnehmer*innen.

 

Die Vorteile des Konzeptes

Wir verbinden einige Hoffnungen bzw. sehen einige Vorteile in dieser Art der Angebotsgestaltung:

¬ Mehr Ehrenamtliche engagieren sich
Es ist für die, die das Angebot gestalten, selbst gestaltbar und klar absehbar, wie groß der zeitliche Aufwand ist. Für die Leitung des Kreativnachmittages war klar: Ich habe jetzt sechs Termine, sechs Freitage von 15-18 Uhr. Und danach darf ich auch wieder aufhören.

¬ Wenige feste Gruppen – leichterer Einstieg für Teilnehmer*innen
Wenn Gruppen beständig stattfinden, dann entstehen fast immer „feste“ Gruppen. Es ist sehr schwer als Neuling dort anzukommen bzw. reinzukommen. Wenn aber ein Angebot nicht „immer“ stattfindet, dann wird dieser Gruppenprozess auf eine Art immer wieder neu gestartet bzw. mindestens teilweise aufgebrochen.

¬ Teilnehmer*innen probieren sich aus
Es fällt vielen Menschen leichter, sich zu einem Kurs bzw. einem Angebot anzumelden, wenn die Termine vorher klar und mit einem Ende versehen sind.

¬ Weniger Ehrenamtliche können ein bunteres Angebot schaffen
Die Person, die den Kreativnachmittag geleitet hat, kann theoretisch in den folgenden Monaten mit diesem Angebot pausieren und dafür ein anderes Angebot ausprobieren.

¬ Zeit für Evaluation
Das ist einer der wichtigsten Punkte und verbindet auch wieder mit Netflix. Nach einer Staffel einer Serie prüft Netflix, ob es sich lohnt, eine weitere Staffel anzubieten. Da wird auf die Kosten, die öffentliche Wahrnehmung und natürlich vor allem auf die Zuschauer*innenzahlen geschaut. Das Gleiche machen wir auch nach jeder Staffel – wir evaluieren. Lief es gut? Wie war der Aufwand? Hat es im Team geklappt? War mit den Räumen alles gut? Wurde es angemessen besucht? Das Ergebnis kann sein, dass wir – wie Netflix – nach einer Staffel eine Serie (ein Angebot) einstampfen. Oder wir lernen, was wir der nächsten Staffel anders oder besser machen wollen.

¬ Experimentierfreude
Wir erleben: Dieses Konzept ermuntert zum Ausprobieren. Gemeindemitglieder kommen mit Ideen auf mich zu und ich sage eigentlich immer: „Komm, wir probieren mal eine Staffel und dann schauen wir ­weiter“.

 

Es gibt auch Nachteile

Die Nachteile entstehen dort, wo beständige Gemeinschaft gesucht wird. Deshalb haben wir aber z.B. kein einziges Angebot gestoppt und auch niemanden gezwungen sich zu netflixisieren. Wir haben weiterhin Seniorentreffs, die sich einfach jeden Montag treffen. Wir haben einen offenen Jugendtreff, den wir in dieses System gar nicht hineinzwängen können, weil offene Jugendarbeit ja gerade davon lebt, dass zumindest verlässlich die Türen geöffnet sind und nicht nur „staffelweise“.

Wir bieten ganz bewusst Hauskreise an, die auch „dauerhaft“ laufen. Wir tun das, weil uns bewusst ist, dass Menschen verschiedene Bedürfnisse haben. Ist das inkonsequent? Vielleicht. Vielleicht ist es aber auch eher konsequent darauf fokussiert, dass wir für möglichst viele Menschen ein passendes Angebot machen wollen. Ja, vielleicht suchen immer weniger Menschen eine dauerhafte Gruppe. Aber das heißt ja nicht, dass es die anderen Menschen nicht mehr gibt.

Wir haben auch Ehrenamtliche, die sich einfach sehr viel wohler in dem „alten Ehrenamt“ fühlen. Aber wir haben eben sehr viel mehr Ehrenamtliche, die sehr gerne netflixisiert arbeiten.

 

Booster für Ehrenamtliche

Vielleicht ist es zwischen den Zeilen schon klar geworden: Wir haben sehr viele Ehrenamtliche. Aktuell sind es über 100, die sich hier in der Gemeinde ehrenamtlich engagieren. Aber: eben nicht alle dauerhaft. Manche von ihnen bringen sich einmal im Jahr zum Weihnachtsmarkt ein. Andere jedes Jahr zum Krippenspiel. Manche bieten zweimal im Jahr eine Staffel vom Kreativnachmittag an, andere bieten drei Staffeln im Jahr ein Mitbring-Abendbrot an, manche sind einfach jede Woche bei der Lebensmittelausgabe dabei.

Wir schließen mit allen Ehrenamtlichen eine „Vereinbarung“. Dort können die Ehrenamtlichen genau notieren, was sie von wann bis wann machen möchten. Die Vereinbarung wird von mir und den Ehrenamtlichen unterschrieben. Es ist der Versuch, eine hohe Verlässlichkeit für die Zeit des Engagements zu erwarten und gleichzeitig eben auch von Beginn an verlässlich zuzusagen, dass das Engagement wieder enden darf.

 

Booster in der Vielfalt

Wir haben seit der Umstellung auf das neue Konzept sehr viel mehr verschiedene Angebote. Nur eben nicht alles immer. Auch für mich gilt: Ich biete zwei- bis dreimal Mal im Jahr eine Staffel „Glaubenskurse“ an. Ich biete zwei- bis dreimal Mal im Jahr eine Staffel „Bibel & Bier“ an (da bin ich in einer Kneipe vor Ort, das Motto lautet: eine Stunde, ein Bier, ein Text. Ich bringe einen Bibeltext mit, lade auf ein Bier ein und dann sprechen wir eine Stunde in der Kneipe beim Bier über einen Bibeltext) etc. Also, auch ich bin viel breiter aufgestellt in meinen Angeboten.

 

Ist das ein pastorales Entlastungspaket?

Ich würde sagen, es ist zumindest eine Möglichkeit sich variabel mehr Freiheiten zu ermöglichen. Denn auch ich kann regelmäßig entscheiden, welche Angebote ich weitermache und welche nicht. Mein Aufwand liegt vor allem in der Koordinierung der Ehrenamtlichen, bzw. die Kommunikation, die Absprachen und auch die (seelsorgliche) Betreuung der Ehrenamtlichen – das alles steigt auch mit der wachsenden Anzahl an Ehrenamtlichen.

 

Analog und Digital

Das gesamte Konzept funktioniert übrigens auch ganz wunderbar und noch viel selbstverständlicher bei digitalen Angeboten. Wir bieten als Gemeinde z.B. ein „WhatsApp-Bibellesen“ an. Mehrmals im Jahr für vier bis sechs Wochen lesen wir gemeinsam in einer WhatsApp-Gruppe Bibeltexte. Ich poste dann alle zwei bis drei Tage einen Text und dann sprechen und diskutieren wir darüber. Dieses Angebot gibt es nicht immer, sondern hin und wieder. Man kann in der Gruppe bis zur nächsten Staffel bleiben oder auch einfach jederzeit aufhören.

Gleiches gilt für Video-Serien auf YouTube, oder Podcasts der Gemeinde. Gerade im digitalen Raum sind die meisten Menschen es gewohnt, dass ihre Lieblingsserie nicht dauerhaft neue Folgen rausbringt.

 

Feedback

Es hat eine Weile gedauert, bis das Konzept bei allen bzw. zumindest von den meisten verstanden wurde. Wir haben innen angefangen, also bei allen Mitarbeiter*innen, und uns dann langsam nach außen vorgearbeitet (also die öffentliche Kommunikation). Das hat am Anfang zu Verwirrung geführt.

Aber inzwischen wird es nach meinem Empfinden von der überwiegenden Anzahl an Menschen sehr geschätzt. Das liegt sicherlich daran, dass wir niemandem etwas genommen haben, sondern dass wir eigentlich nur dazugegeben haben. Alle Angebote, die ich hier 2019 vorgefunden habe, die gibt es noch. Aber seitdem gibt es eben sehr viel mehr Angebote drumherum. Die wenigsten davon mache ich; das liegt also nicht an mir als Person, sondern vorrangig an der netflixisierten Herangehensweise.

Ich erlebe so viele Menschen, die mit Ideen auf mich zukommen und sich freuen, dass sie sich ausprobieren können. Ich erlebe regelmäßig, dass wir Ideen nach einer Staffel auch wieder sein lassen oder dass wir sie erheblich anpassen für die zweite Staffel.

Die ehrenamtlichen Leitungen nutzen gerne und ausgiebig, dass sie auch einfach Pause machen dürfen. Und wir sehen seitdem sehr viel mehr verschiedene Menschen, die an Angeboten teilnehmen.

 

Glückstreffer und Rohrkrepierer

Es ist wirklich alles dabei. Manche Idee finde ich super, und dann kommt niemand. Und dann gibt es aber immer wieder auch unerwartete Volltreffer. Aktuelles Beispiel: Wir haben eine gehörlose Ehrenamtliche in der Gemeinde, die mich fragte, ob sie nicht einen Gebärdenkurs anbieten dürfte. Natürlich war die Antwort „Ja!“, und sie hatte gehofft, dass sich vielleicht zehn Personen anmelden. Als dann 20 Personen angemeldet waren, mussten wir die Anmeldeliste schließen, weil der Raum nicht mehr Platz bietet. Inzwischen stehen weitere 50 Personen auf der Warteliste.

 

Projektarbeit anders

Auf eine Art ist all das „nur“ Projektarbeit. Es ist aber gleichzeitig auch mehr als das. Wir bieten nicht klassisch Projekte an, die dann beendet sind. Sondern von Beginn an ist ja die Hoffnung, dass die Projekte weitergehen. Und tatsächlich hatte diese Form der netflixisierten Projektarbeit so großen Erfolg, dass wir vor etwas über einem Jahr auch unser Gottesdienstkonzept einmal auf den Kopf gestellt und auf eine eigene Art netflixisiert haben.

 

Ein neues Gottesdienstkonzept

Wir haben hier erlebt, dass immer weniger Menschen einfach so in den Gottesdienst kommen. Ohne Anlass sozusagen. Aber wir hatten auch das Gefühl, dass sich durchaus viele Menschen für einen Gottesdienstbesuch interessieren, wenn es für sie einen guten Grund (also: einen guten Anlass) gibt. Deshalb kann man bei uns seit rund einem Jahr den Gottesdienstbesuch wie einen Theaterbesuch planen. Damit meine ich: Wenn ich mal wieder ins Theater gehen möchte, dann gehe ich ja nicht einfach zum Theater und lasse mich überraschen, was da so läuft. Nein, ich schaue in das Programm und suche nach Stücken, die mich ansprechen. Und dann gibt es ja fast immer mehrere Termine, an denen das Stück gespielt wird und bestenfalls entsteht ein „Match“ zwischen einem Stück, das mir gefällt, und einem Termin, an dem ich kann.

So ähnlich funktioniert bei uns jetzt auch der Gottesdienstbesuch und dafür haben wir zunächst radikal mit einer Gottesdienstgewohnheit gebrochen.

 

Keine sonntäglich verschiedenen Gottesdienste mehr

Es gibt bei uns nicht mehr jeden Sonntag einen anderen Gottesdienst. Sondern: wie im Theater gibt es während einer Spielzeit eine gewisse Auswahl an Stücken. Bei uns konkret: innerhalb von drei Monaten gibt es vier bis fünf verschiedene Gottesdienste. Diese vier bis fünf Gottesdienste gibt es in identischer Form dann meistens jeweils dreimal. Und mit „identisch“ meine ich: gleicher Ablauf, gleiche Predigt, gleiches Team, gleiche Lieder… So wie man eben dreimal das identische Stück im Theater sieht, wenn man dreimal im gleichen Theater zur gleichen Spielzeit sich das gleiche Stück anschaut.

Konkretes Beispiel:

Von Dezember 2023 bis Februar 2024 (unsere aktuelle Spielzeit) laufen folgende Gottesdienste bei uns:

¬ EG-Wunschkonzert
am 3.12., 31.12., 28.1. und 4.2., jeweils um 11 Uhr

¬ Guiding Light. Lobpreis by MAAB
am 10.12., 7.1. und 25.2., jeweils um 17 Uhr

¬ FeierabendGottesdienst
an Freitagen am 15.12., 12.1. und 23.2., jeweils um 19 Uhr

¬ Lagerfeuer & Abendmahl
am 25.12., 1.1. und 18.2., jeweils um 17 Uhr

¬ Sister-Act-Gottesdienst
am 17.12., 21.1. und 11.2., jeweils um 17 Uhr

Wenn man also einen Gottesdienst bei uns besuchen möchte, dann hat man erstmal diese fünf Stücke zur Auswahl. Egal wann man hingeht, man erlebt den gleichen Gottesdienst.

Diese Gottesdienste werden dann im Gemeindebrief, Gottesdienst-Flyer und auf unserer Webseite genauer beschrieben und man erhält wie im Theaterprogramm genauere Infos zum Setting (Lagerfeuer z.B. draußen vor der Kirche), zur Musik (EG-Wunschkonzert z.B. klassisch und mit Orgel, Lobpreis mit Band), und es gibt auch eine Kurzbeschreibung der Predigt.

Also: Wer mal wieder in einen Gottesdienst gehen möchte, dem bieten wir in jeder Spielzeit vier bis fünf verschiedene Anlässe. In der nächsten Spielzeit gibt es dann wieder andere Gottesdienste und somit neue Anlässe.

Was aber auch wichtig ist: Wir sind wieder konsequent inkonsequent- Ähnlich wie bei der Netflixisierung gilt auch hier: Wir stülpen das Konzept nicht allem über. So gibt es z.B. einmal im Jahr einen Gottesdienst anlässlich der Goldenen Konfirmation. Oder an Ostern und Pfingsten einen „Festgottesdienst“. An Heiligabend tanzen wir bei dem Konzept auch aus der Reihe.

 

Gottesdienst folgt gesellschaftlichem Wandel

Wie bei der Netflixisierung unserer Angebote folgen wir auch hier letztlich dem gesellschaftlichen Wandel mit unserem Angebot. Und auch hier können wir fast nur Erfolgsmeldungen abgeben.

Unser durchschnittlicher wöchentlicher Gottesdienstbesuch hat sich seitdem verdoppelt. An Festtagen wie Ostern und Pfingsten kamen drei- bis viermal so viele Menschen wie sonst üblich. Wir erreichen vor allem sehr viel mehr verschiedene Menschen als vorher.

Wovon wir uns verabschiedet haben? Von der klassischen Kerngemeinde. Wir haben nicht die eine Gemeinde, die am Sonntag im Gottesdienst ist. Sondern wir haben ganz unterschiedliche Leute in den verschiedenen Gottesdiensten. Zum Gospel kommen andere als zum Lobpreis oder als zum EG-Gottesdienst.

 

Gemeinde im Umbruch und Aufbruch

Ich beschreibe uns als Gemeinde gerne als „im Umbruch und Aufbruch“. Wir sind noch nicht angekommen. Wir probieren vieles aus. Nicht alles funktioniert, ganz sicher nicht! Aber diese beiden grundsätzlichen Entscheidungen, die funktionieren bei uns sehr gut: Angebote zu netflixisieren und den Grundgedanken auch auf Gottesdienste zu übertragen.

Wir sind nur eine kleine Gemeinde. 2400 Mitglieder. 12.000 Menschen im Einzugsgebiet. Einzelpfarramt. Marode Gebäude, nicht viel Geld in der Rücklage. Vor gerade einmal fünf Jahren war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, wann man uns schließt bzw. wann wir durch Regionalisierung „verschwinden“.

Inzwischen sind wir eine sehr lebendige Gemeinde. Mit einem vielfältigen Angebot. Mit sehr vielen Ehrenamtlichen. Mit abwechslungsreichen Gottesdiensten, die wöchentlich im Schnitt von über 80 Menschen besucht werden.

Und weil das hier das Pfarrblatt ist und es ja auch immer um das Arbeitspensum geht: Ja, das alles ist kein Arbeitsvermeidungsprogramm. Aber ich arbeite wirklich nicht mehr als vorher. Ich arbeite anders. Meine Schwerpunkte haben sich verlagert. Ich schreibe pro Quartal nur noch vier bis fünf statt zwölf Predigten. Ich investiere mich mehr in Ehrenamtliche, die dann eigenständig ihre Gruppen anbieten. Ich verbringe mehr Zeit damit, mir neue Gottesdienstformate auszudenken – aber ich muss auch deutlich weniger Abläufe erstellen, weil wir ja dann mehrfach identisch den gleichen Gottesdienst feiern. Ich verbringe mehr Zeit damit auszuwerten, wie etwas läuft. Ich darf andauernd Neues starten, aber muss auch immer wieder Dinge beenden, weil sie nicht funktioniert haben.

Manchmal habe ich das Gefühl, wir haben uns als Gemeinde eher in Richtung eines jungen StartUps entwickelt. Mit Mut zum Ausprobieren und Experimentieren. Damit halten wir keine grundsätzlichen gesellschaftlichen Wandel auf. Auch wir verlieren jedes Jahr Mitglieder. Vielleicht werden wir als Standort auch in einigen Jahren nicht mehr bestehen, weil wir einfach nicht genug Geld haben, um unsere maroden Gebäude ausreichend auf Vordermann zu bringen.

Aber gleichzeitig bin ich immer wieder begeistert und dankbar, dass ich hier in der Gemeinde miterleben darf, dass da draußen mehr Menschen sind, die an unseren Angeboten und Gottesdiensten Interesse haben, als man vielleicht manchmal vermuten mag.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pastor Jonas Goebel, seit April 2019 in der Evang.-Luth. Auferstehungskirchengemeinde in Hamburg-Lohbrügge; für Rückfragen und Informationen: [email protected], die Webseite der Gemeinde findet sich unter: kap-kirche.de.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 1/2024

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