Seit einigen Jahren werden in Kirchenleitungen verstärkt Überlegungen dazu angestellt, den Pfarrdienst durch die Einbettung in die Teamarbeit mit anderen Berufen zu entlasten. Hintergrund sei – so wird oftmals argumentiert – die zurückgehende Zahl theologischen Nachwuchses. Doch was wird im Zuge dieser Transformation aus dem klassischen Pfarrberuf, fragt Frank Weyen. Wenn auch andere Professionen tun, was bis dato Kern pastoralen Handelns gewesen war, welchen Sinn und welche Bedeutung hat dann eigentlich noch dieser Dienst innerhalb der Kirche?

 

Landauf, landab können aufmerksame Beobachter*innen Bemerkenswertes notieren: Aus der Not machen Landeskirchen eine Tugend. Während bis in die 2010er Jahre hinein kaum ein Mangel an theologisch-pfarramtlichem Personal herrschte, wurden erste Töne danach laut, dass auch andere Berufsgruppen weiterer Professionen bisher dem Pfarramt zugeordnete Aufgaben übernehmen könnten.1 Doch, eines wurde dabei irgendwie vielleicht noch nicht richtig bedacht: Wenn ich andere als die theologische Profession Aufgaben übernehmen lasse, die bis dato genuin pfarramtliche waren, was wird dann eigentlich aus dem Pfarramt als Profession? Was wird aus den genuin theologischen Inhalten des Amtes, seiner theologischen, poimenischen, sowie homiletischen Qualität? Daher stellen sich nun Anfragen, die vonseiten der Kirchenleitungen dringend der Klärung für und innerhalb des theologischen Berufsstandes bedürfen. Wenn auch andere Professionen tun, was bis dato Kern pastoralen Handelns gewesen war, welchen Sinn und welche Bedeutung hat dann eigentlich noch der Pfarrberuf innerhalb der Kirche, so könnte man fragen?

 

Interprofessionelle-Pastoral-Teams

Es ist zu beobachten, dass der Teamgedanke aus den 1970er Jahren, nennen wir es nun sog. Interprofessionelle-Pastoral-Teams (IPT), derzeit hoch in Mode gekommen zu sein scheint. Da gesellen sich zu den Pfarrerinnen und Pfarrern im Lande weitere Berufsgruppen, die sicherlich immer schon innerhalb der Kirche ihren Ort hatten, um so sich besonderen Aufgaben wie der Kinder-, Jugend-, der Senioren- und Erwachsenenarbeit oder aber besonderen diakonischen Aufgaben zu widmen. Sei es in Schuldnerberatungsstellen, in der Sozialberatung oder in Fragen pädagogischer Anleitungen. Professionen nichttheologischer Art, die unverzichtbar für das Handeln an, mit und um den Menschen sind, zu denen sich die Kirche gesandt weiß. So finden sich Erzieher*innen, Sozialpädagog*innen, Gemeindepädagog*innen, Diakon*innen und andere wichtige Berufe für eine Gesellschaftskirche zusammen2. Hinzu kommen Prädikant*innen, die einen wichtigen die Pfarrpersonen unterstützenden Dienst innerhalb der Kirchengemeinden wahrnehmen, aufgrund ihrer auf Laien bezogenen Ausbildung das professionelle theologische Predigt- und Lehramt jedoch nicht werden ersetzen können. Bei dieser Aufzählung jedoch wird bereits deutlich, wo eine mögliche Gefahr zu liegen scheint, die zu einer Deprofessionalisierung (Isolde Karle) des Pfarrberufes beitragen könnte: Pastoralteams werfen dann Fragen auf, wenn vonseiten der landeskirchlichen theologiegeleiteten Rechtshermeneutik nicht klar definiert wird, was wiederum das besondere Sujet des Pfarrberufes eigentlich ist.

Dies wird weiterhin auch darin deutlich, dass es Theologiestudierenden derzeit schwerer vermittelbar ist, was denn das Proprium ihres angestrebten (Pfarr-)Berufes in Verbindung mit einer wissenschaftlichen Ausbildung an einer Universität darstellt, gegenüber einem Hochschulstudium von beispielsweise der Sozialen Arbeit, Diakon*innen und Gemeindepädagog*innen, die in einigen wenigen Landeskirchen in den gleichen Rang wie Pfarrpersonen erhoben werden sollen. Insbesondere, wenn im Pfarrdienstgesetz die §§79 und 80 den Eindruck als bösen Beigeschmack hinterlassen, dass im Zweifel immer für das Ehrenamt oder noch schlimmer, im „Zweifel für den Steuerzahler“ entschieden wird.

Warum noch Theologie studieren, mit zwei Examina, möglichen sog. Assessment-Centers noch vor der ersten theologischen Prüfung und Durchgefallenenquoten, die an die dunklen Zeiten der landeskirchlichen Examensprüfung aus den 1990er Jahren erinnern? Der Anschein vom Pfarrberuf scheint wohl auch „billiger“ zu haben zu sein, ohne Beamtenstatus und undefinierte Arbeitszeitregelungen und vor allem ohne (eine störende) Theologie? Das Pfarramt als offenes Kunstwerk?

Dieses Nebengleis der Anfragen an die Prüfungsqualifikation von rein kirchlichen Gremien weist zugleich auf die Problematik von sog. IPT’s hin: Hier werden offenkundig zunehmend Menschen ohne Kenntnisse der alten Sprachen, ohne Wissen über die dogmatischen Zusammenhänge der Kirchen- und Dogmengeschichte, ohne ausreichende exegetische Kenntnisse zum Umgang mit der Schrift und ohne ausreichende Reflexionen in praktisch-theologischen Fragen den späteren Pfarrpersonen inhaltlich und auch sozial gleichgestellt. Diese Tendenz leistet einer von Isolde Karle bereits vor Jahren schon kritisierten Deprofessionalisierung des Pfarrberufes vonseiten der Landeskirchen teils mehr, teils weniger Vorschub. So werden Pfarrpersonen zunehmend in die Fragestellung gebracht, wozu noch fünf bis zehn Jahre universitäre Theologie studieren, wenn Vergleichbares auch mithilfe eines Hochschulstudiums der Sozialen Arbeit zu erlangen ist? Ein bisschen theologische Zusatzausbildung geht immer und soll mit Blick auf den theologischen Bildungsstand von Gemeindegliedern auch ausreichen. Aber, Gemeindeglieder sind vielleicht gar nicht so theologiefern, wie manche annehmen?

 

Das Proprium des Pfarrberufes

Die Digitalisierung hat Pfarrpersonen noch weiter unter Druck setzen können. Denn nun mussten diese ihre distributive und kommunikative (R. Preul) Arbeit technisch und auch inhaltlich neu gestalten. Durch die Corona-Krise und dem damit verbundenen gesamtgesellschaftlichen Lockdown geschah dies 2020 von heute auf morgen. Diese und andere gesellschaftliche Rahmenbedingungen stellen Anfragen an das gesamte System einer kirchlichen Ausbildung zum Pfarramt. Es scheint in einigen, nicht in allen Landeskirchen, vonseiten des „Kirchenregimentes“ (Schleiermacher)3 nicht mehr geklärt zu werden, was denn das Proprium des Pfarrberufes gegenüber anderen Beschäftigten, auch im seelsorglichen Bereich, sowie Prädikant*innen und auch Ehrenamtlichen, die Verantwortung tragen wollen, noch ist, und welchen Wert der Pfarrberuf als theologischer Beruf4 eigentlich hat?

Hier ist m.E. dringend ein inhaltlicher Klärungsbedarf angezeigt, um die Attraktivität des Pfarrberufes in den Augen der nicht binnenkirchlich orientierten Öffentlichkeit zu plausibilisieren. Auch nach Innen ist daher der Pfarrberuf als Verwaltung des Heiligen5 und als herausgehobener Dienst an Wort und Sakramenten (CA VII) neu zu profilieren. Welchen Wert hat eine teils bis zu 15 Jahre andauernde Ausbildung zum Pfarrberuf, wenn andere auf privatrechtlicher Basis und einer theologischen Ausbildung im Schnellverfahren gleiches tun können sollen, was Pfarrpersonen als das Proprium ihres Berufes verstehen müssten, wie in bisher nur noch wenigen Landeskirchen zu beobachten?

Mit dem allgemeinen Priestertum aller Gläubigen argumentieren zu wollen, würde hier das Ziel verfehlen. Denn ein ehrlicher Blick in die kirchengeschichtliche und dogmatische Lehre des Protestantismus lehrt, dass es den Vorfahren dieser Lehre primär um einen Zugang zu Gott um das Seelenheil der Menschen willen ging. Es sollte seinerzeit doch schon in der Frühphase der Reformation damit Schluss gemacht werden, dass der Priester allein es war, der den Zugang zu Gott regeln sollte. Der Priester konnte mithilfe seiner qua Amt verliehenen „Schlüsselgewalt“ nach Gutdünken den Zugang zu Gott im Gebet regeln. Damit hat die Reformation gebrochen. Luther selbst hat seinerzeit die sich aus dieser Lehre ergebenden Freiheiten, selbst über alles, was die Kirchengemeinde vor Ort ausmache, als Gemeindeglied entscheiden zu können, in den Vordergrund gestellt. Sich obendrein ohne theologische Ausbildung allein auf die Kanzel zu schwingen, um das Wort Gottes zu predigen, das war ihm jedoch nicht denkbar.

 

Theologische Hermeneutik im Mittelpunkt

Nicht umsonst heißt es daher in CA VII: „… in qua evangelium pure docetur et recte administrantur sacramenta.“6 Das „pure docetur“ ist hierbei der Schlüssel, der anhand einer bei Schleiermacher schon benannten, der Theologie verwandten Profession plausibilisiert werden kann7: der Juristerei. Was kann eigentlich zwischen der Juristerei und der Theologie als parallele Verpflichtung gesehen werden: Es ist die Bindung der Hermeneutik an das Wort. Richter*innen, Rechts- sowie Staatsanwält*innen etc. sind ebenso wie Theolog*innen primär dem Wort verpflichtet. Ihr juristisch-hermeneutisches Können erst macht Rechtsprechung überhaupt möglich. Das theologisch-hermeneutische Können von Pfarrpersonen macht Wortverkündigung aber auch Kommunikation des Evangeliums erst denkbar. In dem Moment, in dem Jurist*innen wie Theolog*innen ihre Amtstracht in Ausübung ihres Amtes bzw. ihrer Funktion tragen, wechseln diese ihre Rolle und sind ausschließlich in ihrer Rechtsprechung bzw. Verkündigung dem Wortlaut des Gesetzes bzw. bei den Theolog*innen der Heiligen Schrift verpflichtet. Nur so kann in einem Rechtssaat wie dem unsrigen auch sichergestellt werden, dass das in Gesetzen sich ausdrückende Recht auch zumindest zum Zuge kommen kann. Dabei steht außer Frage, ob ein Urteil, das durch ein Gericht gefällt wird, auch gerecht ist. Wichtig ist, dass dieses auf der Grundlage des kodifizierten Rechtes gesprochen wurde und somit Recht ergeht. Jurist*innen kämen m.W. niemals auch nur annähernd auf die Idee, diese wichtige rechtsstaatliche Funktion von nicht vollumfänglich juristisch ausgebildeten Laien, die bestenfalls nur eine juristische Schnellausbildung, wie beispielsweise bei Prädikantinnen bzw. Laienprediger*innen, genossen haben, wahrnehmen zu lassen. Zwar wirken auf manchen gerichtlichen Ebenen ehrenamtliche Schöff*innen an der Urteilsfindung mit. Juristen würden aber nicht auf die Idee kommen, die Kernaufgabe ihrer Profession, die hermeneutisch fachgerechte Auslegung und Anwendung von in Gesetzen gefassten Worten, sich aus den Händen nehmen zu lassen.

Christan Grethlein stellte auf das Proprium des Pfarrberufes ab: seine theologische Qualität. Nicht der Eventmanager, der Alleinunterhalter oder Entertainer, nicht der Bauleiter, nicht der Organisationsentwickler sei in einer Kirche gefragt, die sich nicht den Marktlogiken von Angebot und Nachfrage verschreibt, sondern Pfarrpersonen, die bei ihrem Eigenen bleiben und hierin als theologische Expert*innen qualifiziert Auskunft geben können: über die letzten und die ewigen Dinge. „Bei einem ‚guten Arzt‘ erscheint es selbstverständlich, dass er zugleich ein guter Mediziner ist, sich also auf der Höhe der medizinischen Erkenntnis bewegt und entsprechend diagnostisch und therapeutisch wirken kann. Ebenfalls wird bei einem ‚guten Richter‘ erwartet, dass er mit der neuesten Rechts- und Gesetzesentwicklung vertraut, also ein ‚guter Jurist‘ ist. Anders scheint dies bei Pfarrern zu sein. ‚Gute Pfarrer‘ müssen nach Auffassung vieler Gemeindeglieder nicht unbedingt ‚gute Theologen‘ sein. Bei Pfarrwahlen in Gemeinden zählen kommunikative oder organisatorische Fähigkeiten oft mehr als vertiefte theologische Bildung. […] demgegenüber bevorzugen Wahlgremien Bodenständigkeit“8, so Grethlein.

Er legt dabei den Finger auf das Hauptproblem: Was und wem nützt es, wenn eine Pfarrperson keine Auskunft mehr über die grundlegenden theologischen Entscheidungen der Kirche geben kann und diese nicht tentativ in den Gesamtzusammenhang des Lebens einzuordnen in der Lage sei, also keiner mehr „das Leben kennt und mit mir geht“? (vgl. EG 209) Dies führt auch für Grethlein zur Anpassung von theologischen Grundaussagen an die teils vorrationalen Bedürfnisse von Gemeindegliedern, was Karl Barth schon 1916 als unmögliche Möglichkeit kennzeichnete9. Daher bemängelt Grethlein auch, ob denn die wissenschaftliche Qualifikation von Pfarrpersonen als Zugangsvoraussetzung zum Pfarrberuf aufgegeben werden dürfe und letztlich nur noch praxisbezogene Anforderungen an das Pfarramt aufgrund des gemeindlichen Aufgabenspektrums die wesentlichen Kriterien für die Eignungsbegutachtung sein können?10

 

An der Wegscheide eines Paradigmenwechsels

Es mutet so manches Mal verwunderlich an, so sehe ich mit Stirnrunzeln, wie sich Pfarrpersonen, aus welchen Gründen auch immer, ihre Arbeit abnehmen lassen. Dies kann nicht nur mit Arbeitsverdichtung und -überlastung begründet werden. Vielleicht lassen sich manche Kolleg*innen auch davon frustrieren, dass derzeit die monologische Predigt im Stimmenwirrwarr medialer Präsenzen nicht mehr so hoch im Kurs zu stehen scheint, als es möglicherweise für vorgängige Epochen unterstellt werden konnte. Doch in früheren Zeiten war es wohl auch nicht besser um das Hören des Wortes Gottes bestimmt. Aber daraus die Konsequenz zu ziehen, dass es andere Berufsstände besser richten könnten, wenn es schon der Pfarrberuf scheinbar nicht mehr vermögen könne, die Kirchenferne der Menschen zu verringern, dürfte sich als ein Trugschluss im Denken mancher in das Management und die Effizienz verliebter Kirchenleitender erweisen. Wenn dann am Ende dieser fragwürdigen Entwicklung man zurückkehren möchte zu althergebrachten Formen der von Pfarrpersonen verantworteten Theologie in der Kirche, dürfte sich dies nicht mehr realisieren lassen. Denn, wenn es dann keine Theolog*innen mehr auf einem annehmbaren beruflichen Markt geben dürfte, würde sich der jetzt eingeschlagene Weg im Rückblick als ein Irrweg erweisen.11

Wir stehen also derzeit an einer gravierenden Wegscheide mit einem damit verbundenen Paradigmenwechsel. Wir öffnen die Türen nichttheologischem Personal, damit diese pfarramtliche Aufgaben bis hin zu Kasualien, Sakramentsverwaltung und Predigt übernehmen, ohne zu klären, wofür man eigentlich noch eine so umfängliche universitäre volltheologische Ausbildung als Zugang zum Pfarramt benötigt?

 

Konflikte zwischen grundlegenden Strukturen

Hinter diesen eifrigen Reformideen zur Bildung von sog. IPT’s in manchen Landeskirchen in Deutschland steht letztlich der Konflikt zwischen dem seit dem Aachener Kapitular im Jahre 817 kodifizierten und auch über die Reformationsgeschichte hinweg bis heute unangetastet gebliebenen Parochialprinzip und dem zunehmend in den Vordergrund drängenden Aufgabenprinzip. Das Parochialprinzip hatte letztlich einen monetären und versorgungsrechtlichen Ausgangspunkt. Es sollte seinerzeit rechtlich geregelt werden, wer die Pfarrpersonen am Ort zu finanzieren hatte. Dies wurde über eine Pro-Kopf-Umlage der innerhalb eines territorial umrissenen Gebietes lebenden Seelen arrangiert. Deren Anzahl musste nach einem entsprechend festzusetzenden Hebefuß das Aus- und Einkommen der im Ort ansässigen Geistlichen finanzieren. Dies ist im Wesentlichen bis heute auch so geblieben.

Die Einrichtung der sog. IPT’s jedoch zieht eine zweite Ebene, die ich Aufgabenorientierung nennen möchte, gegenüber dem Parochialprinzip in das Organisationsprinzip Kirchengemeinde ein. Aufgaben jedoch tragen einen transparochialen Charakter, wie diesen Ernst Lange seinerzeit beschrieben hatte.12 Der Konflikt zwischen überkommener Parochial- und neu eingerichteter Aufgabenorientierung war bisher nicht als Konflikt beschreibbar. Nämlich so lange nicht, wie die Kirchenverfassungen das Parochialprinzip als grundlegendes Organisationsprinzip für eine flächendeckende kirchliche Grundversorgung festgelegt hatten. Mit der Aufgabenorientierung, in die auch Pfarrpersonen mit einbezogen werden sollen, stehen nun plötzlich zwei Organisationsprinzipien nebeneinander, die zu Streitigkeiten in der Zuständigkeit führen können. Wenn dann noch kirchrechtlich den nichttheologischen Mitgliedern der sog. IPT’s Sitz und Stimme im Kirchenvorstand bzw. Presbyterium eingeräumt werden, ist der erste Schritt zur Aushöhlung des Parochialprinzips beschritten. Und mit Verlaub, nicht einmal die liberalen Kirchenpflegen in der Schweiz gehen so weit in ihrer Mitbestimmung und Bürgernähe: Sitz und Stimme haben neben den gewählten ehrenamtlichen Mitgliedern der kirchenleitenden Gremien bestenfalls nur die Pfarrpersonen, aber das auch nicht immer und überall. Gemeindepädagog*innen, Sigrist*innen, Kirchenmusiker*innen etc. bilden dort für das Funktionieren einer Kirchgemeinde wichtige Professionen aus, aber ohne die Konsequenz von Sitz und Stimme im Leitungsgremium.

Aus einer möglicherweise zu unterstellenden Furcht vor einer Überlastung durch Arbeitsverdichtung nun beschreiten Pfarrpersonen den in manchen deutschen Landeskirchen zu beobachtenden sog. IPT-Weg willig und irenisch mit, ohne sich darüber im Klaren zu sein, dass sie damit sich und ihren theologischen Beruf ins „Off“ führen lassen. Was heute verlorengegeben wird, kann später nicht mehr zurückgeholt werden.

 

Den unsichtbaren Gott sichtbar machen

Peter Sloterdijk beschreibt das zum Vorscheinkommen einer Gottheit mit einem aus dem attischen Drama stammenden Theaterrequisit, das eine Gottheit innerhalb eines Theaterstückes, die Handlung wendend, als Bühnenepiphanie zum Auftritt bringen konnte. Diese Maschine, theologeion genannt, war in der Lage, eine Gottheit szenengerecht auf die Bühne schweben zu lassen, gleichsam als Epiphanie im Theater, im Sinne eines apo mechanes theos.13 „Wenn Personen mit einer bestimmten Identität zum Vorschein kommen, treten sie schließlich auch in einer bestimmten Haltung und mit einer entsprechenden Rolle auf. Sie handeln aus einem bestimmten Selbstverständnis heraus, weil sie es „müssen“, genauer gesagt, weil sie so sein wollen. Und weil sie gute Gründe dafür haben, an die sie sich binden. Sie leben als jemand Bestimmtes“14. Das Epiphan-Werden des die „Geschichte durchwirkenden guten Prinzips“ nun benötigt zwar keine maschinelle Hilfe. Dennoch steht das Epiphan-Werden Gottes im Zentrum der biblischen Offenbarungsgeschichten mit dem Wort als Vehikel.

Was aber ist nun der Gottesdienst? Der evangelische Gottesdienst ist sicherlich ein wortlastiges Geschehen, mit oder ohne Musik und Liturgie. Auch Gebete und Gesänge sind mit Tönen unterlegte Worte, die rhythmisch wie harmonisch tonal gesprochen werden. Im Zentrum des evangelischen Gottesdienstes steht das Wort, ebenso wie bei Jurist*innen auch. Hier das Wort der Heiligen Schrift, dort das Wort des Gesetzes. Im Gottesdienst, sei es als alles umrahmende Gebete, sei es als Schriftlesung mit ihrem Ort innerhalb der Liturgie, sei es in der Predigt als Verkündigungsgeschehen.

Der evangelische Gottesdienst ist Kommunikation des Evangeliums mithilfe von Worten und Wörtern. Worte und Wörter jedoch sind abhängig von den Hörenden. Man kann hören oder es lassen, überhören oder auch mal genau hinhören. Was man hört, sind Wörter und Worte. Und diese müssen verstanden werden. D.h. es muss mit der Sprache etwas entstehen. Sprache als Sprechakte stellen daher eine Performanz bei den Hörenden her.15 Die Kommunikation des Evangeliums also wird damit performativ in die Hörenden hineinverlegt. So wie das „est“ in der Abendmahlsliturgie etwas über das Geschehen als Konsubstantiation aussagt.

Aber, wenn der Gott, den wir als das die „Geschichte durchwirkende gute Prinzip“ verehren und anbeten, unsichtbar ist, dann dient der evangelische Gottesdienst dazu dieses unsichtbare Prinzip auf der Grundlage der Schrift (sola scriptura) sichtbar zu machen, und hat damit eine performative Kraft qua Wort.16 Musik, Gebete, Liturgie an sich, aber vor allem die Verlesung der Schrift und die prononcierte Predigt als Markenzeichen des Protestantismus, machen das die „Geschichte durchwirkende gute Prinzip“ erst sichtbar. Gottes Name wird sichtbar. Intrinsisch zwar, vielleicht wie ein „Kino im Kopf“ bei den Hörenden. Aber, wer sagt denn, dass die Menschen bei dem, was sie im Gottesdienst zu hören bekommen, sich nicht ihre eigenen Bilder, Konsequenzen, Vorstellungen und Erzählungen von dem manchen, was dargestellt, ja inszeniert17 wird?

Im Gegensatz zum antiken Griechenland braucht es im evangelischen Gottesdienst nicht einmal einer besonderen Apparatur, um die Gottheit ins Theaterstück einschweben und damit sichtbar werden zu lassen. Derartiges benötigt der evangelische Gottesdienst nicht, um einen Raum der Sichtbarwerdung zu ermöglichen, wovon geredet wird. Die evangelische Theologie vertraut der performativen Macht des Wortes. Dies ist das Theologeion des Protestantismus gemäß dem Schriftprinzip „sola scriptura“. Wirklichkeit wird durch das Wort geschaffen (Joh. 1,1). Die performative Kraft des Wortes wird in der Bibel vorausgesetzt. Die ersten Christengemeinden hatten ja nichts anderes als die verschriftlichte mündliche Überlieferung der ersten Christenjahrzehnte und die Paulinen waren schriftliche Zeugnisse mit Lehrcharakter. Wer sich danach ausrichtete und sein Leben darauf einstellte, konnte die performative Kraft des Wortes, die Sichtbarmachung der Botschaft der Bibel im Gottesdienst erleben und nachvollziehen. Kino im Kopf eben, jeden Sonntag live.

 

Zur Dignität des Pfarrberufes

Die besondere Würde des Pfarrberufes entspringt genau diesem hermeneutisch-performativen Prozess, der das Ergebnis eines langjährigen Studierprozesses in den theologischen Studierstuben während des Theologiestudiums sein sollte und möglicherweise mehrheitlich sogar ist: Das Theologiestudium befähigt in besonderer Weise zu dem, was sich in der Praxis weiter technisch verfeinern lässt, die wissenschaftlichen Inhalte zur Anwendung zu bringen und damit sichtbar werden zu lassen als Kommunikation des Evangeliums.18 So wie das Jurastudium die wissenschaftlichen Grundlagen für juristische Berufe mit rechtshermeneutischer Deutungskraft lehrt und das Studium der Medizin die wissenschaftlichen Grundlagen für medizinische Berufe vermittelt, die dann am Menschen in der Praxis zur Anwendung kommen sollten, so lehrt das Theologiestudium eben dies: Gott kann epiphan werden, sich imponieren, sich einen Namen geben, weil er im Gottesdienst mit seinen vielschichtigen Komponenten und einer kenntnisreichen theologischen Hermeneutik dem Schriftprinzip gemäß vom Unsichtbaren zum Sichtbaren durchdringen kann. Dies wäre dann als intrinsisches Geschehen bei den Hörenden im Gottesdienst als eine Form einer Kommunikation des Evangeliums zu bezeichnen.

Und hier setzt auch die Dignität des Pfarrberufes an, das über einen langen Studienweg hinweg erst zu dem ausgebildet wird, was im Namen der Kirche, im Rahmen der altkirchlichen Bekenntnisse, der Bekenntnisse der Reformationszeit sowie der Theologischen Erklärung der Bekenntnissynode von Barmen über Gott und sein Handeln am Menschen zwecks Glaubensstärkung ausgesagt werden kann. Die Dignität des Pfarrberufes erlangt damit den Charakter mit folgender Definition: Pfarrpersonen sind qua Profession und Amt Behüter*innen der Institution, des Wortlautes und des Inhaltes der Heiligen Schrift, der theologischen Lehre der Kirche, der Bekenntnisse und Gesetze der Kirche sowie der Sakramente.

Diese Funktion zugunsten der Kirche ist das Ergebnis eines langjährigen Theologiestudiums mit zweiter Ausbildungsphase und formt damit die inhaltliche Dignität des Pfarrberufes gegenüber anderen Professionen, die in der Kirche aufgabenorientiert ihren Platz haben und unverzichtbar für das Funktionieren einer Kirchengemeinde sind und bleiben werden. Aber, diese Dignität des Pfarrberufes sollte nicht verwässert werden, indem anderen Professionen das zugestanden wird, was angestammte Qualität des inhaltlich leitenden Lehramtes der Kirche ist, das Pfarrpersonen qua Amt in Verantwortung vor Gott, Kirche und Gemeinde auszuüben im Stande sind, damit Kommunikation des Evangeliums ermöglicht werde.

 

Anmerkungen

1 Vgl. den Sammelband: Kurschus, Annette/Beese, Dieter (Hg.) (2018): Der Pfarrdienst in der Dienstgemeinschaft der Kirche. Wissenschaft und Kirche im Dialog. Bielefeld: Luther-Verlag.

2 Vgl. Weyen, Frank (2016): Kirche in der strukturellen Transformation. Identität, Programmatik, organisatorische Gestalt. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht (Neukirchener Theologie), 275-284.

3 Vgl. Schmid, Dirk (Hg.) (2002): Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst: Kurze Darstellung des theologischen Studiums zum Behuf einleitender Vorlesungen (1811/1830). Berlin [etc.]: De Gruyter.

4 Vgl. Grethlein, Christian (2009): Pfarrer – ein theologischer Beruf! Frankfurt/M.: Hansisches Druck- und Verlagshaus (Edition chrismon).

5 Vgl. Josuttis, Manfred (1988): Der Prediger in der Predigt. Sündiger Mensch oder mündiger Zeuge. In: Manfred Josuttis (Hg.): Praxis des Evangeliums zwischen Politik und Religion. Grundprobleme der praktischen Theologie. 4. Aufl. München: Kaiser.

6 Vgl. Dingel, Irene (Hg.) (2014): Die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche. Vollständige Neuedition. Göttingen/Bristol (Conn.): Vandenhoeck & Ruprecht, 84ff; https://www.ekd.de/Augsburger-Bekenntnis-Confessio-Augustana-13450.htm, letzter Aufruf: 30.04.2023.

7 Vgl. Schmid, Schleiermacher, Kurze Darstellung.

8 Grethlein, Pfarrer, 23/24.

9 Vgl. Barth, Karl: Der Pfarrer, der es den Leuten recht macht (1916). Eine religiös-soziale Predigt. In: Albrecht Beutel (Hg.) (1999): Wegmarken protestantischer Predigtgeschichte. Homiletische Analysen [Festschrift für Hans Martin Müller zum 70. Geburtstag]. Unter Mitarbeit von Hans Martin Müller. Tübingen: Katzmann, 195-205.

10 Vgl. Grethlein, Pfarrer, 23-55.

11 Vgl. Kirchberg, Christian (2023): Das Pfarrdienstverhältnis der EKD (I). Parallele, Probleme, Perspektiven. In: DPfBl, 3/2023, 141-145.

12 Vgl. Lange, Ernst (1968): Zur Theorie und Praxis der Predigtarbeit. Bericht von einer homiletischen Arbeitstagung September 1967 – Esslingen. In: Ernst Lange (Hg.): Predigtstudien. Beiheft I. Unter Mitarbeit von Peter Krusche und Dietrich Rössler. Stuttgart: Kreuz-Verlag, 11-43.

13 Vgl. Sloterdijk, Peter (2020): Den Himmel zum Sprechen bringen. Über Theopoesie, Berlin, 14.

14 Engemann, Winfried (2014): Als Mensch zum Vorschein kommen. Anthropologische Dimensionen religiöser Praxis. In: Winfried Engemann (Hg.): Glaubenskultur und Lebenskunst. Interdisziplinäre Herausforderungen zeitgenössischer Theologie. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht unipress (Wiener Jahrbuch für Theologie, 10), 27-50; 28.

15 Vgl. Engemann, Wilfried (2021): Emotive Aspekte der Predigt. In: ZThK 118 (4), 471-494; vgl. Habermas, Jürgen (1998): Vorstudien und Ergänzungen zur Theorie des kommunikativen Handelns. 3. Aufl. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

16 Vgl. Nassehi, Armin (2009): Die Organisation des Unorganisierbaren. In: Isolde Karle (Hg.): Kirchenreform. Interdisziplinäre Perspektiven. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt (Arbeiten zur praktischen Theologie, 41), 199-217.

17 Vgl. Hermelink, Jan (2011): Kirchliche Organisation und das Jenseits des Glaubens. Eine praktisch-theologische Theorie der evangelischen Kirche. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus.

18 Vgl. auch: Weyen, Frank: Mehr Theologie wagen. Verkündigung als angewandte Programmatik, Ein Plädoyer für die öffentliche Rede der Predigt. In: Eberhard Hauschildt (Hg.): Pastoraltheologie, Jg. 103/10/2014, 456-467.

Über die Autorin / den Autor:

PD Pfarrer Dr. Frank Weyen, Privatdozent für Praktische Theologie und Diakoniewissenschaft an der Universität Münster mit den Schwerpunkten Kirchentheorie und Pastoraltheologie, Gemeindepastor in Haren (Ems).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 1/2024

2 Kommentare zu diesem Artikel
23.01.2024 Ein Kommentar von Michael Westerhoff Dem Autor ist es daran gelegen, die Dignität des Pfarrberufes zu wahren, was gewiss aus Sicht einer sich in ihrer Rolle oft ungewissen und angefragten Klientel sehr zu begrüßen ist. Als Ursachen für diese Verunsicherung identifiziert er die „sogenannten“ IPTs in „den Landeskirchen“ und ein Aufweichen des Parochialprinzips zu Gunsten einer „Aufgabenorientierung“. Es wird allerdings nicht deutlich welche IPTs in welchen Landeskirchen er konkret vor Augen hat. Die IPTs in der Evangelischen Kirche von Westfalen können es definitiv nicht sein bzw. scheinen dem Autor inhaltlich und strukturell unbekannt. Denn im Blick auf diese bzw. deren verbindliche Grundkonzeption für den Bereich der westfälischen Kirche sind einige seiner Annahmen schlichtweg unzutreffend. Hier ist es keineswegs so, dass genuin allein dem Pfarramt zukommende Zuständigkeiten von anderen Berufsgruppen übernommen werden. Das gilt noch nicht einmal für genuin auf das Pfarramt bezogene Aufgaben wie die Wortverkündigung oder die Sakramentsverwaltung. Diese nehmen z.B. Mitarbeitende aus dem gemeindepädagogischen Berufsfeld nicht im Rahmen ihres grundständigen Berufes, sondern ausschließlich als entsprechend ausgebildete Prädikatinnen oder Prädikanten wahr. Grundsätzlich ist es aber so, dass das westfälische Konzept der IPTs das jeweilige Profil einer Berufsgruppe dezidiert nicht aus den im Einzelnen ausgeübten Tätigkeiten ableitet, sondern aus einer spezifischen Berufsrolle. Dem Pfarramt kommt in diesem Konzept eine eigenständige Rolle zu. Dort heißt es: „Pfarrerinnen und Pfarrer übernehmen in besonderer Weise dafür Verantwortung, dass das kirchliche Handeln sich aus dem Evangelium speist und durch das Evangelium seine Orientierung erfährt (theologische Qualitätssicherung)“. Strukturell wird die Rolle der „theologischen Qualitätssicherung“ dadurch zum Ausdruck gebracht, dass es in Westfalen kein IPT ohne Pfarrperson gibt, während die anderen Berufe je nach spezifischen Anforderungen hinzutreten. Gerade die Struktur der IPTs sorgt also dafür, dass die theologische Kompetenz Grundlage des kirchlichen Handelns bleibt. Die Rückmeldungen von tatsächlich in IPTs tätiger Pfarrpersonen spiegeln das wieder: Sie berichten davon, dass sie sich in ihrer theologischen Rolle durch dieses Konzept gestärkt sehen, weil sie im Rahmen dieser Teams die Möglichkeit haben, gerade das zu tun, wofür sie „ursprünglich angetreten“ sind. Schließlich sieht der Autor die schrittweise Aufgabe des Parochialprinzips zugunsten einer sogenannten „Aufgabenorientierung“ kritisch. Dazu ist zum einen ist zu sagen, dass das Parochialprinzip historisch gesehen keineswegs das einzige war und ist, kirchliche Arbeit zu organisieren und eine Reduzierung des Gemeindebegriffes auf eine „Ortsgemeinde“ darum eine Ausblendung historischer Tatsachen ist. Darüberhinaus darf man aber wohl fragen, ob nicht das starre Festhalten am Parochialprinzip im Zusammenhang mit der zahlenmäßig großen Verfügbarkeit von Pfarrpersonal im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts nicht gerade zur Verwässerung der genuinen Stellung des Pfarrberufes beigetragen hat. Pfarrer und dann auch zunehmend Pfarrerinnen standen in hoher Zahl zur Verfügung, Kirchengemeinden wurden in immer mehr sogenannter „Pfarrbezirke“, die als identisch mit sogenannten „Gemeindebezirken“ verstanden wurden, eingeteilt, in denen all diese neuen Pfarrpersonen jeweils exklusiv für alles Mögliche zuständig waren. Dieser Wandel des Pfarrberufes zum kirchlichen „Standardberuf“ brachte häufig gerade die beklagten Unschärfen ins Pfarrbild und sorgte – nebenbei bemerkt – auch dafür, dass andere Berufsgruppen teilweise keine beruflichen Perspektiven mehr in der Kirche fanden. Ob die neuen Konzepte kirchlicher Arbeit in der Zusammenarbeit unterschiedlicher Menschen mit unterschiedlichen Rahmenbedingungen und Herausforderungen letztlich der Verkündigung des Evangeliums dienen oder nicht, bleibt offen und letztlich dem Wirken des Geistes überlassen. Eine an Tatsachen orientierte Auseinandersetzung und sachliche Diskussion dieser Entwicklung kann allerdings nicht schaden.
22.02.2024 Ein Kommentar von Johannes Haeffner Als Diakon gehöre ich wohl zu jener Kategorie, die seit Jahrzehnten von Praktischen Theologinnen wie Isolde Karle undifferenziert, vielleicht auch etwas verächtlich, in den Container "andere Berufsgruppen" geworfen wird. Als Diakon - freilich promoviert - und als Professor an der Evangelischen Hochschule in Nürnberg den Studiengang Diakonik leitend (soviel zum Etikett "nur Hochschulabschluss bei den anderen kirchlichen Berufsgruppen") kann ich durchaus die Sorge um den drohenden Verlust der "Dignität des Pfarramtes" nachvollziehen, insbesondere, da ich auch selber in einem Pfarrhaus groß werden durfte. Nachvollziehen kann ich auch, dass man wie in dem obigen Artikel, wenn auch nur implizit, den alten professionstheoretischen, aus der Soziologie kommenden Ansatz einer merkmalsgestützten Professionstheorie bemüht, und sich als Pfarrer:in gerne mit Jurist:innen oder Mediziner:innen vergleicht. Übersehen wird dabei der empirische Befund, dass der Pfarrberuf längst viele der genannten Merkmale eines "gehobenen Berufes" verloren hat: Anders als bei Ärzt:innen oder den Jurist:innen ist bei Pfarrer:innen seit langem der "gesellschaftliche Zentralwertbezug" nicht mehr gegeben. Auch sucht man in den offiziellen Rankings, in denen Berufe nach ihrem "Sozialprestige" priorisiert werden, den Pfarrberuf vergeblich. Und schon lange gibt es auch andere Berufe, die ein langes akademisches Studium voraussetzen. Die Liste der merkmalsgestützten "Defizite" ließe sich erweitern. Insofern kann ich die Perspektive nachvollziehen, auch die neu aufkommende Teamarbeit in den Landeskirchen, verstanden als "Einbettung des Pfarrdienstes mit anderen kirchlichen Berufsgruppen", als Krisensymptom wahrzunehmen und erneut nach dem Proprium oder moderner: nach dem unique selling point des Pfarrberufes, zu fragen. So sehr ich das Jammern und das Klagen um den Zerfall des Pfarrdienstes empathisch nachvollziehen kann, so wenig führt der in diese Richtung geführte Diskurs in die Zukunft. Um den Wandel zu gestalten, wird Kirche sich von der Fixierung auf die eine Berufsgruppe der Pfarrer:innen ein Stück weit lösen müssen. Der Münchner Soziologe Armin Nassehi leitet die Notwendigkeit zur interprofessionellen Arbeit und einer entsprechenden Kompetenz für unterschiedlicher Logiken direkt aus der Komplexität moderner Systeme ab. Er deutet sogar den „Abgesang alter Eliten“ an: Als „versäulte Teileliten“ von Expertinnen und Experten mit „genauem Entscheidungswissen“ werden sie der aktuellen Komplexität kaum noch gerecht. Nassehi lässt keinen Zweifel daran, dass der Interprofessionalität die Zukunft gehört – als Haltung und auch in der konkreten Form entsprechenden Teams (vgl. Nassehi 2016). Für die Kirche der Zukunft könnte es von Bedeutung sein, sich nicht mehr als Einzelkämpfer, sondern als berufsübergreifende Teams in einem Sozialraum zu bewegen. Im Angesicht einer kleiner werdenden Kirche sollte die Chance genutzt werden, manches anders zu machen, vieles auszuprobieren und Neues herauszufinden. Als professionelles Team in Kirche und Diakonie sind Pfarrer, Religionspädagogen, Diakone und Ehrenamtliche Glaubensgemeinschaft und Lerngemeinschaft in einem. Und wer doch noch einen Vergleich zur Medizin benötigt, dem empfehle ich das Buch "Kopfarbeit" von Peter Vajkoczy, einem Neurochirurgen an der Charité in Berlin. Er räumt gnadenlos mit dem Mythos eines Arztbildes auf, das meint, die Welt im Alleingang heilen zu können. Wer Spitzenleistung will, egal in welcher Branche, der muss in der Lage und Willens sein, sich als Expert:in in einem Team bestehend aus anderen Expert:innen ein- und zuzuordnen. Anders ist Spitzenleistung heute nicht mehr zu erbringen. Und nicht viel weniger wird von Kirche heute verlangt, um Menschen überhaupt noch zu erreichen.
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