Jesus – Versuch einer Annäherung ist das Ergebnis meiner gut 20jährigen Pensionszeit. Zugleich ist es der Versuch, eine Art Resümee zu erarbeiten aus etwa 70 Jahren Christsein, Pastor sein und Theologe sein. Das Motto steht auf der ersten Seite als Untertitel:

Was Christum treibet“
Mitte und Maßstab der Bibel ist Christus
Mitte und Maßstab Christi ist der historische Jesus

Dabei wird besonders die angloamerikanische Forschung zur Bibel ausgewertet. Die Bibel ist nicht mehr sui ipsius interpres (ihr eigener Ausleger), sondern wird verstanden und beleuchtet von der Umwelt, in der und in die sie in ihren Schriften jeweils spricht: Geschichte, politische und soziale Verhältnisse, religiöse und andere Gruppen, geistige Strömungen und Hoffnungen, Literatur usw. Die Gefahren, die entstehen, wenn heutige Fragestellungen die Auslegung bestimmen, und die Notwendigkeit, die biblischen Texte aus der damaligen Zeit zu erklären, führt zu der Anweisung von M.A. Powell: „It is necessary to know every thing that the text assumes the reader knows and to ‚forget‘ every thing the text does not assume the reader knows.“

Auf dieser Basis erwachsen mir z.B. folgende Ergebnisse:

Orthodoxe wie fundamentalistisch-evangelikale Träume von einer Bibel als Gottes unfehlbares Wort haben ausgespielt.

Die Orthodoxie war und ist niemals biblisch fundiert.

Was die Theologie hochgespielt hat: Sündenvergebung, Gericht und ewiges Leben, spielt in der Verkündigung Jesu allenfalls eine Nebenrolle.

Das Nicänische Glaubensbekenntnis ist der Punkt, an dem sich frei atmendes, gelebtes Christsein in eine Glaubenskonserve verwandelt und das richtige Bekenntnis ungleich höher bewertet wird als die richtige Lebensführung.

Die Geburtsgeschichten bei Mt. und Lk. werden in ihrer Zielrichtung nur erkennbar, wenn wir die damaligen Geburtslegenden über Mose und über die römischen Kaiser dagegenstellen. Alles Theologisieren über eine „Jungfrauengeburt“ ebenso wie alles psychologisierende oder feministische Fantasieren über uneheliche Geburt, Vaterlosigkeit Jesu, Patchworkfamilie usw. wird dadurch gegenstandslos.

Das Verhältnis zwischen Johannes und Jesus ist neu zu bedenken.

Die Apostelgeschichte ist nach dem Modell einer historia zu lesen, mit allen Folgerungen.

Jesus war kein Apokalyptiker.

Zwei Gegensätze ziehen sich durch die ganze Bibel: 1. domination model und partnership ways; 2. Gerechtigkeit nach dem Gesetz und Gerechtigkeit gemäß der Gnade. Im Kampffeld dieser Gegensätze positioniert Jesus sein Evangelium. Daran entscheidet sich, welche biblischen Texte „Wort des lebendigen Gottes“ sein könnten und welche ganz gewiss nicht.

Da die Messiasrolle in der Bibel weitgehend nach dem domination model gezeichnet wird (mit Ausnahme einiger Profeten), ist dieser Titel für Jesus ungeeignet und die Bezeichnung unseres Glauens als „christlich“ = „messianisch“ und unser Selbstverständnis als „Christen“ = „Messiasleute“ fraglich.

Die Schriften des NT sind überwiegend von Judenchristen geschrieben. Von daher ist der Vorwurf des Antisemitismus an vielen Stellen zu hinterfragen. Es handelt sich um innerjüdische Auseinandersetzungen. Unsere Bibelausgaben müssen das erkennbar machen.

Die deuteronomistische Reform mit ihren geradezu neurotischen Strafandrohungen verzerrt das Gottesbild zur Fratze.

Das apokalyptische Jesusbild der Offenbarung des Johannes verzerrt das Jesusbild in gleicher Weise.

Die Interpretation des Todes Jesu als „Sühnetod“ zur Sündenvergebung verzerrt ebenfalls das Gottesbild Jesu; die Verwandlung Jesu vom victim zum sacrificium ist einer der schlimmsten Irrwege der Theologie, mit schweren Folgen für alles, was in der Christenheit mit Opfer verbunden und als Opfer erwartet wird. René Girard: das „paradoxeste und kolossalste Missverständnis“.

Gerhard Gloege in RGG3 V, 924: „Die evangelische Theologie hat in allen ihren Unterdisciplinen, aufs Ganze gesehen, den Grundbegriff der Verkündigung Jesu verloren“. Otmar Schulz: „Ein neues Christentum, das sich in neuer Sprache ausdrückt, von dem Bonhoeffer hoffte, es werde sich bald zeigen, sehe ich noch nicht“.

Nach den Ergebnissen des historisch-kritischen „Jesus-Seminar“ in Kalifornien ist ein Jesus-Film gedreht worden. Die Evangelikalen kritisieren: Ein frommer Christ wird Jesus darin nicht wieder erkennen. Die Antwort darauf: In der Verkündigung weder der Evangelikalen noch der Orthodoxie wird sich Jesus wiederkennen.

Jesus – Versuch einer Annäherung: der Versuch, so gut wie möglich Jesus so zu verkündigen, dass er sich einigermaßen darin wiedererkennt.

 

Das Buch umfasst gut 250 Seiten im Format A4. Es kostet 20,– € (Selbstkostenpreis), mit Porto/Verpackung 25,– €. Anfragen und Bestellungen bitte an den Verfasser: Karsten Sohrt, Pastor i.R., Freiligrathstr. 13, 24116 Kiel, Tel.: 0431/556429, eMail: kuosohrt@gmx.de

 

Karsten Sohrt

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 9/2022

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