Es ist ein kleines Buch, nicht mal 120 Seiten schwer. Der Welt der Grundschule entstammt es in seinem Wesenskern. Pfarrer*innen haben mit ihr ja meist nur randläufig zu tun. In Stuttgart ist es entstanden. Seine Herkunft im sehr speziellen schwäbisch-pietistischen Glaubenskolorit vermag es auf manchen Seiten auch nicht zu verbergen. Und doch steckt in diesem Büchlein etwas Seltenes, ja Solitäres. Und ist somit auch für Pfarrerinnen und Pfarrer deutschlandweit durchaus der Beachtung wert.

Über zwei Jahre hinweg haben sich die Autor*innen getroffen: Judith Budwig, eine jüdische Sozialpädagogin und Familientherapeutin, Zehra Isikhan-Vieriu, islamische Religionslehrerin, Uwe Böhm, evangelischer Schuldekan, Isabelle Kraft, evangelische Religionslehrerin und meine Person, Dieter Kümmel, evangelischer Gemeindepfarrer. Was alle eint, ist interreligiöse Neugier. Alle haben über ihren eigenen religiösen Tellerrand hinausgeschaut und wollten nunmehr diese trialogischen Erfahrungen bündeln, in einem Buch konzentrieren.

Es war, das braucht man nicht zu verschweigen, ein immer wieder auch steiniger, kraftraubender Weg. Der banale äußere Grund dafür war der Virus, der manchmal nur holprige Digital-Treffen ermöglichte. Der innere Grund liegt im Wesen wirklicher Begegnung. Wenn Menschen aus ganz verschiedenen religiösen, kulturellen und biographischen Hintergründen sich treffen und wirklich begegnen wollen, ist das – entgegen aller multireligiösen Folklore – kein leichtes Spiel. Meine sichere religiöse Komfortzone zu verlassen, wenigstens einen Moment lang mit der Brille des anderen auf etwas zu schauen, immer wieder dann auch die eigene religiöses Arroganz in sich zu erahnen, mich im Tiefsten zu hinterfragen ist – jenseits von Eden – mühselige Schweißesarbeit, die dazu auch noch eine gehörige Portion Mut erfordert.

 

Der Glaube ist keine Insel

Und doch ist der steinige der wohl einzig gangbare Weg, der zu fruchtbarem Gespräch und weitender Erkenntnis führt. Denn er führt zum Herz des Glaubens, der keine Insel ist. Er ist etwas Lebendiges. Wie die Luft zum Atmen braucht der Glaube deshalb immer auch Begegnung und Gespräch, sonst stirbt er. Ob die derzeitige Glaubenslahmheit vielleicht auch damit etwas zu tun, dass wir fast nur noch um uns selbst kreiseln?

Im Laufe der Zeit wurde das Vorhaben ambitionierter. Um Praxisbeispiele interreligiösen Lernens wie etwa „Geburt Jesu in Bibel und Koran“, Vorschläge für multireligiöse Feiern wie „Ich bin einzigartig“ und Reflexionen über interreligiöses Lernen herum ist eine Art kleines Kompendium der drei großen Weltreligionen entstanden. Sehr bewusst aus je ihrer eigenen, subjektiven Perspektive heraus versuchen die Autor*innen zu umschreiben, wie Judentum, Islam und Christentum im privaten wie im öffentlichen Raum Form und Gestalt gewinnen.

 

Hochseilartistik

Das ist sicherlich ein waghalsiges Unterfangen, gleicht es doch dem Gang über ein wackeliges Hochseil, bei dem der Absturz garantiert ist. Es vermag jedoch für den, der sich darauf einlässt, immerhin ein Impuls zu sein: eine Einladung, wieder einmal grundsätzlich über den eigenen Glauben nachzudenken, was ja im Alltag oft zu kurz kommt. Und zugleich liegt auch im Scheitern ein Verweis auf die Begrenztheit und Bruchstückhaftigkeit allen religiösen Erkennens und Fixierens. Am Ende mündet das Buch dann in ein fundamentaltheologisches Nachdenken über die Frage: „Ein Gott, viele Religionen: was ist Wahrheit?“

Vielleicht lässt sich der Geist des Buches am besten in den Worten des großen (leider viel zu früh verstorbenen) systematischen Theologen Christoph Schwöbel fassen, der in einer Vorlesung einmal postuliert hat: „Für die Suche nach Wahrheit ist auf der Basis des christlichen Glaubens die eigene Position nie hinreichend, sondern der Austausch mit anderen konstitutiv. Paradigma der Wahrheitssuche ist nicht die einsame Reflexion, sondern der Dialog, der seine tiefste Form im Dialog mit Gott hat. Das Gespräch mit Gott wird so zur Basis auch des Gesprächs miteinander innerreligiös, interreligiös und über die Grenzen der Religionen hinaus“.

 

Dieter Kümmel

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 9/2022

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