Josef Guggenmos wäre in diesem Jahr 100 geworden. Grund genug, sich an ihn zu erinnern. Er wurde 1922 in Irsee im Allgäu geboren und ist zum erfolgreichsten Lyriker für Kinder im deutschsprachigen Raum, der Rilke für kleine Leute, geworden. In Irsee ist er auch am 23. September 2003 gestorben. Auf den verschiedenen Stationen meines Lebens ist mir Josef Guggenmos immer wieder begegnet. Schon der Name hat mich als Kind fasziniert: Josef Guggenmos – diese zwei Worte haben eine eigene Melodie, sie klingen nach Natur und Abenteuer, nach Freundschaft und Humor.

Das erste Gedicht, das ich in der Grundschule lernte, war – wie könnte es anders sein – von ihm. „Besuch“ – ich kann diese Zeilen heute noch auswendig aufsagen.

War ein Ries bei mir zu Gast
sieben Meter maß er fast
hat er nicht ins Haus gepasst
saßen wir im Garten … .“

Der Riese schreibt dann, „Bleistift war ein Besenstil, seinen Namen nieder. Und er schrieb an einem drum: ­MUTAKIRORIKATUM – ebenso verkehrt herum.“ Wir Grundschüler hatten großes Vergnügen an diesen „verkehrtherum“ Wörtern. Wir suchten andere weitere Beispiele wie das Wort „Otto“, „Ebbe“ und „Reittier“. Am Ende dieses kleinen Gedichts trägt der Autor den Lesern auf, bei Gelegenheit den Riesen zu grüßen. Immer wieder sucht der Dichter das Gespräch mit den kleinen Lesern und regt sie zum Nachdenken an. Seine Gedichte sind auf Dialog hin angelegt.

 

Über Unken, Tulpen, Zeisige und Krähen

Viele Gedichte von Guggenmos sind Naturgedichte. Über die Unke und die Tulpe, den Zeisig und die Krähen, die Ameisen und die Maus. Er nimmt mich mit und zeigt mir die Welt. Er nimmt mich mit ans Fenster, wie Martin Buber sagen würde, und zeigt hinaus, auf etwas, was nicht oder zu wenig beachtet wurde. Am Weg wartet die Wegwarte und schaut mich an, dass ich etwas sage. Sie bekommt diese Antwort:

Wegwarte, rauhe
du bist schön, du bist da
du bist du, ich bin ich
Was lebt, ist sich nah.“

Fast autobiographisch erscheint sein Gedicht „Wenn mein Vater mit mir geht“. Hier werden die Wurzeln ­seines Weltblicks im Elternhaus am Wald von Irsee spürbar.

Wenn mein Vater mit mir geht,
dann hat alles einen Namen
Vogel, Falter, Baum und Blume.
Wenn mein Vater mit mir geht,
ist die Erde nicht mehr stumm.
Kommt die Nacht und kommt das Dunkel,
zeigt mein Vater mir die Sterne.
Er weiß, wie die Menschen leben
weiß was recht und unrecht ist,
sagt mir, wie ich werden soll.“

Vielleicht mag es auch erlaubt sein, dieses Gedicht als Gleichnis, als Glaubensbekenntnis zu lesen. Auf jeden Fall hat es Eingang in Religions- und in Lesebücher gefunden. Über dieses Gedicht habe ich immer wieder mit Kindern gesprochen. Das war jedes Mal eine Bereicherung – nicht nur für die Kinder.

 

Beglückender Nonsens

Viele seiner Naturgedichte haben auch einen augenzwinkernden Witz und enthalten den beglückenden Nonsens, über den sich Kinder schieflachen können. Etwa von der Maus, die jeden Tag von Wurstbroten und Schinkenbroten träumt, um groß wie ein Ochse und ein Held zu werden. Klar ist: Der Katze ginge es dann schlecht. Für den Gedichtband „Was denkt die Maus am Donnerstag?“ hat Guggenmos den Deutschen Jugendliteraturpreis bekommen. Kongeniale Illustratoren machen seine Bücher auch zu einem Augenschmaus, an dem ich meine helle Freude habe.

Vielleicht ist Guggenmos für manche nicht mehr tauglich, weil seine Gedichte zu wenig problemorientiert sind. Dieser Eindruck stimmt nur teilweise. Richtig ist, dass die Themen Angst, Gewalt, Verbrechen, Tod und Bosheit sehr zurückhaltend vorkommen. Nach dem Abitur wurde er zur Wehrmacht eingezogen, erlebte Krieg und Gefangenschaft – trotzdem hat er Krieg und Entbehrung kaum thematisiert. Das sind nicht die Hauptthemen seiner Lyrik. Aber sehr subtil nimmt der Autor auch Probleme auf und nimmt die Kinder ins Nachdenken darüber hinein. In dem Gedicht „Ein Riese warf einen Stein“ werden die Schrecken der Zerstörung beschrieben, was passiert, wenn ein Riese einen Stein auf belebtes Gelände wirft. Und dann stellt sich heraus, dass es um einen Jungen geht, der zum Spiel den Stein in den Ameisenhaufen geworfen hat. Jedes Kind, das dieses Gedicht kennt, wird mit einem anderen Blick an einem Ameisenhaufen im Wald vorbei gehen.

 

Gedichte als Medizin

Und dann Guggenmos in der Weihnachtspredigt. Davon hat mir eine Kollegin erzählt, samt Weihnachts-Wirkungsgeschichte dieser Zeilen. Der Gemeindepfarrer hatte in seiner Predigt ein Gedicht von Guggenmos zitiert:

Christkind ist da
sangen die Engel im Kreise
über der Krippe immerzu.
Der Esel sagte leise: I-A
und der Ochse sein Muh.
Der Herr der Welten
ließ alles gelten.
Es dürfen auch nahen
Ich und du.“

Offensichtlich hatte der Kollege dieses Gedicht sehr eindrücklich zitiert. Beim Weihnachtsessen in der Familie der Kollegin stellte sich beim Dessert heraus, dass die Tochter beim Tiramisu Zucker und Salz verwechselt hatte. Das Mädchen, in Tränen ausbrechend, wurde vom Bruder getröstet: „es dürfen auch nahen / Ich und du.“ Gedichte als Medizin, die Tränen in Schmunzeln verwandeln können.

Von der Größe und Schönheit der Welt, im ganz Großen wie im ganz Kleinen, lässt sich Guggenmos verzaubern, zum Staunen und zum Lachen bringen. Aus diesem Zauber heraus entwickelt er eine ethische Verpflichtung, die er spielerisch und leichtversig, den Kindern zuspielt:

Ich weiß einen Stern gar wundersam,
darauf man lachen und weinen kann,
mit Städten, voll von tausend Dingen,
mit Wäldern, darin die Vögel singen.
Ich weiß einen Stern, darauf Blumen blühn,
darauf herrliche Schiffe durch die Meere ziehn.
Er trägt uns, er nährt uns, wir haben ihn gern.
Erde, so heißt unser lieber Stern!

Es geht nicht allein um Wissen von Dingen, das wäre langweilig. Es geht um die Erweckung von Dankbarkeit, von Beziehung und Mitgefühl. Die Erde ist nicht nur ein Stern, sie ist „unser lieber Stern“.

 

Wer die Augen aufmacht, kommt ins Staunen

Guggenmos will uns die Augen öffnen. Er bewegt sich daher in der Spur des biblischen „siehe“: Seht die Lilien auf dem Feld, seht die Vögel unter dem Himmel (Mt. 6) und hebt eure Augen in die Höhe und seht (Jes. 40,26). Wer die Augen aufmacht, kommt ins Staunen. Auf dieser Überzeugung gründet und von diesem Gedanken lebt die Lyrik von Guggenmos.

Schaut man genau / dann ist viel los

dann ist das Kleine schön und groß“.

Da offenbart sich die Welt in ihrer Schönheit und in ihrem Geheimnis. Wenn etwa überlegt wird, was die „Würmer, die vielen/beim Wühlen fühlen“. Das ist doch klar: „keine Sprache beschreibt es / Es ist ein Geheimnis und bleibt es“.

Oft trifft seine Lyrik das „Zauberwort“ von Eichendorff, das die Welt zum Singen bringt, und seine Augen trinken, „was die Wimper hält, von dem goldnen Überfluss der Welt“, der uns das irdische Leben schön macht, in Gottfried Kellers Abendlied.

Den Kindern gilt seine besondere Liebe. Sie will er ansprechen und erreichen. Das Ziel seiner Kinderlyrik hat er einmal selbst erklärt: „Vielleicht kann Kinderliteratur mithelfen, die Kinder wacher, lebendiger, furchtloser, fröhlicher zu machen? Damit sie später nicht aufhören Mensch zu sein. Das wäre viel.“ (Hans-Joachim Gelberg: Ein Dichter, der für Kinder schreibt. Sonderdruck zu Ehren des 70. Geburtstages von Josef Guggenmos. Beltz & Gelberg-Verlag, 1992, 5). Als Schuldekan würde ich gerne das Wort „Kinderliteratur“ durch „Religionsunterricht“ ersetzen. Das wäre dann auch ein gescheiter Satz.

Happy Birthday, lieber Josef Guggenmos zum 100. Geburtstag und danke, dass Du uns dabei hilfst, Mensch zu bleiben und uns zurufst: „Viel Gück! Nur Mut! / Mach’s gut!“

 

Hans-Georg Dietrich


 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 9/2022

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