Wir, meine Frau und ich, verbringen einige Urlaubstage im Osten. 30 km sind es bis zur polnischen Grenze. Wir besuchen auch einen Studienfreund unseres Schwiegersohnes. Er ist dort als Pfarrer tätig und hat 17 Orte mit 19 Kirchen (oder umgekehrt) zu versorgen. Er ist aber damit nicht allein. Es gibt einen älteren Kollegen, zwei Ruheständler sind in der Nähe und in Rufweite und zwei oder drei Prädikanten gibt es auch noch. Auch ich helfe mit zwei Gottesdiensten aus. Einer davon am Karfreitag, in dem ich mich bemühe, der Gemeinde das Kreuz zu deuten. In dem anderen Gottesdienst am Ostersonntag versuche ich das außergewöhnliche, wunderhafte Osterereignis zu vermitteln. So versorge ich zwei Gemeinden in zwei alten, wunderschönen Dorfkirchen. Aber was heißt hier Gemeinde? Zum Karfreitagsgottesdienst kommen acht Besucher*innen, in den Ostergottesdienst neun Gemeindeglieder.

Es hat mir sehr viel Freude gemacht dort zu predigen. Die kleine Zahl der Teilnehmer hat mich nicht geschockt. Meine Zuhörer waren ausgesprochen freundlich und mir gegenüber als fremdem Pastor außergewöhnlich offen und sehr dankbar. Das hat mir als Ruheständler, der noch hin und wieder predigt, auch gutgetan. Dennoch möchte ich behaupten und mit Verve vertreten: Die Zeit zu predigen ist vorbei – und das gilt nicht nur für mich aus Altersgründen.

 

Oft kommen nur zwei oder drei, manchmal gar keiner

Die Prediger*innen in den Gemeinden, in denen jedes Dorf stolz auf seine Kirche ist, verausgaben sich mit dem regelmäßigen „Bespielen“ ihrer Immobilien. Das ist im Westen auch nicht anders als im Osten. Dabei sind acht oder neun Besucher*innen, wie ich es erlebt habe, noch viele. Oft kommen nur zwei oder drei, manchmal gar keiner.

Pfarrer*innen erweisen sich oft nur als Knechte der Gebäude. Türme und Dächer sind zu erhalten, Renovierungen stehen an, Friedhofsmauern sind zu richten, hier oder dort droht ein Baum zu fallen. Jeder Sturm ist eine Katastrophe. Die Ziegel fallen von den Dächern wie Blätter von den Bäumen. Und alles will verwaltet sein.

Die Kirchen sollen um fast jeden Preis erhalten bleiben. Gemeindehäuser und Pfarrhäuser wurden zumeist schon aufgegeben. Sie haben sich als zusätzliche Last erwiesen. Jetzt werden in den Kirchen Winterkirchen und Gemeinderäume eingerichtet. Aber immer weniger Menschen kommen, um eine Predigt zu hören oder um am Gemeindeleben teilzunehmen. Die meisten von ihnen sind alt und werden in den nächsten Jahren wegsterben. Junge Menschen wachsen kaum nach. Die Kirchen aber werden immer noch „bespielt“, als wenn sich nichts geändert hätte. Man tut so, als gäbe es immer noch und überall eine rege Gemeinde.

Junge Theologen werden weiterhin in Homiletik ausgebildet. Das ganze Studium ist eigentlich auf dieses Institut hin ausgerichtet. Die Predigten sollen kurzweilig sein. Sie sollen mit guten Beispielen gespickt sein. Sie sind professionell gearbeitet bis hin zu literarischer Qualität gestaltet. Sehr viel Fantasie wird eingesetzt. Sehr viel Aufwand wird betrieben. Und wozu das alles? Die Zuhörerschar wird von Jahr zu Jahr trotzdem kleiner. Es ist gar keine Schar mehr. Es sind nur noch die sprichwörtlichen zwei oder drei aus dem Evangelium. Aber man tut so, als wäre noch alles im Lot und gut und richtig so.

 

Ein neues Arbeitsprogramm für Geistliche

Früher kannten die Menschen in einem Dorf oder einer Stadt, alle (!), ihren Pfarrer oder ihre Pfarrerin zumindest beim Namen. Heute müsste es die vordringlichste Aufgabe der Geistlichen sein, ihre verbliebenen Gemeindeglieder, alle (!), namentlich und persönlich kennenzulernen.

Was macht es für einen Sinn, wenn in einer Kirche immer dieselben zwei oder drei Menschen zur Predigt kommen, aber die anderen 30 oder 40 oder 300 oder 400 Gemeindeglieder nie? Was macht es für einen Sinn, wenn der Pfarrer oder die Pfarrerin ihre oder seine überwiegende Arbeitslast – neben der lästigen Verwaltung – immer wieder nur diesen zwei oder drei selben Menschen widmet und die anderen leer ausgehen, weil sie das Gebotene eben nicht abrufen?

Wäre es nicht sinnvoller, statt am Sonntag immer nur dieselbe kleine Schar zu bepredigen, drei oder vier Haushalte unter der Woche für je eine Stunde zu besuchen? Man erreichte so definitiv mehr Menschen! Die Geistlichen lernten Menschen kennen, lernten auf ihre Fragen hören und könnten auch selbst mit gebotener Vorsicht Fragen stellen.

Das Arbeitsprogramm der Zukunft für alle Geistlichen müsste heute lauten: Jeden Haushalt in der Gemeinde einmal pro Jahr besuchen und dabei versuchen zu hören, was die Menschen bewegt. Man könnte ihnen sogar auch die Frage der Fragen stellen: Ob die Menschen und sie selbst auch Gott noch suchen und sie ihn nicht doch irgendwie „brauchen“ – und wie sie ihn brauchen? Für solche Kontakte müssten die jungen Geistlichen ausgebildet werden. Sie müssten sich Fragen und Antworten überlegen, die wirklich ins Leben und auch ins Glaubensleben greifen. Sie müssten lernen, damit bei sich selbst zu beginnen, bevor sie zu den Menschen gehen.

Woher rührt jene ausgesprochene Anhänglichkeit so vieler Geistlicher an der Predigt als oft einziger Form religiöser Kommunikation? Hat es vielleicht mit Macht und Machtgefühl zu tun? Wer vor Menschen steht und unwidersprochen reden kann, was er/sie in stillen Stunden ausgearbeitet hat, besitzt und agiert Macht. Wer sitzend zuhören muss, ist zumindest für diesen Moment ohnmächtig.

Auffällig ist, dass Jesus, wenn er „predigt oder lehrt“, weniger steht als vielmehr sitzt (auf dem Berg oder im Boot). Oder er geht – über die Felder oder auf dem Weg nach Emmaus. Im übrigen sitzt er häufig als Eingeladener in Häusern zu Tisch. Dabei geschieht so Wesentliches wie die Fußsalbung oder die Bekehrung des Zachäus.

Wer aber nun einen Besuch macht, um mit Menschen auf Augenhöhe zu reden, muss jede Macht ablegen. Er oder sie kann sich sogar ohnmächtig fühlen. Man ist auf Entgegenkommen und Gesprächsbereitschaft angewiesen. Das macht ohnmächtig. Aber Demut wird so auch gelernt.

 

Weniger Gottesdienste mit größerer spiritueller Intensität

Das alles bedeutet nun nicht, dass überhaupt keine öffentlichen Gottesdienste mehr stattfinden sollten. Das Angebot muss bestehen bleiben. Aber es ist anders zu gewichten. Etwa so: Gottesdienste an erheblich weniger Orten, dafür aber mit erheblich mehr Menschen. Gottesdienste in geringerer Häufigkeit, dafür aber in größerer spiritueller Dichte und Intensität.

Es wird oft von neuen missionarischen Aufbrüchen aus einem authentischen Glaubenszeugnis heraus geredet, aber wenig davon wird praktiziert. Lieber tun wir das, was wir immer schon gerne getan haben. Wir sitzen mit einigen wenigen Restchristen in sehr leeren Kirchen und warten, dass sich etwas ändert. So aber wird sich gar nichts mehr ändern – es sei denn, die letzten Menschen verschwinden auch noch. Lange wird das alles nicht mehr dauern.

Rainer Wutzkowsky

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 9/2022

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