Gott, Macht, Sexualität und Tod scheinen im Mittelpunkt des biblischen Buches „Judit“ zu stehen. Doch auf diese Weise wird, ebenso wie in zahlreichen Darstellungen aus der Kunstgeschichte, der biblische Text verkürzt. Adelheid von Hauff liest darin vielmehr die Geschichte einer Frau, die auf spirituellem Weg ein riesiges Heer mit den „Waffen“ einer Frau kampfunfähig macht.*

 

Von vielen Malern wurde sie porträtiert: Judit, die schöne Frau, die den abgetrennten Kopf des Holofernes in ihren Händen hält. Scheinbar eine schillernde Gestalt, die einem biblischen Buch den Namen gibt. Ob die „vier Ingredienzien: Gott, Macht, Sexualität und Tod (C.A. Moore)“ tatsächlich zur Faszination des Buches beitragen1, ist eine offene Frage. Bei den literarischen Bearbeitungen des Stoffes scheint es jedenfalls so, als hätten sie vorrangig die beiden letztgenannten Begriffe im Blick. Die meisten der Texte versuchen, die Leerstellen der biblischen Geschichte mit psychologischen Erklärungen zu füllen. So thematisieren einige Bearbeitungen das herbe Schicksal einer jüdischen Frau durch Witwenschaft und Kinderlosigkeit. Es gibt aber auch Texte, die Judits erotische Ausstrahlung und ihre sexuellen Begierden herausstellen. Allen Texten gemeinsam ist Judits Begegnung mit Holofernes und der Blick auf die von ihr vollbrachte Tat. Exemplarisch verweise ich hier auf einige der literarischen Bearbeitungen.2

Der biblische Text bleibt dabei weitgehend außen vor. Um genau diesen Text und seine Protagonistin soll es im Folgenden unter friedensethischen Aspekten gehen. Als These formuliere ich: Das Judit-Buch erzählt die Geschichte einer Frau, die auf spirituellem Weg ein riesiges Heer mit den „Waffen“ einer Frau kampfunfähig macht.

 

Das Buch Judit

Das Buch Judit gehört zu den Büchern, die in der evangelischen Kirche als Apokryphen bezeichnet werden und von Martin Luther so charakterisiert wurden: „Das sind Bücher, so der Heiligen Schrift nicht gleich gehalten und doch nützlich und gut zu lesen sind.“ Sie stehen zwischen den beiden kanonisierten Teilen der Lutherbibel. In röm.-kath. Bibelausgaben (beispielsweise der Einheitsübersetzung) sind sie in den Kanon integriert, werden jedoch als deuterokanonisch (kanonisch zweiten Ranges) bezeichnet.

Das Judit-Buch ist in zwei Textformen überliefert. In einer griechischen Fassung in der Septuaginta und in einer lateinischen Fassung in der Vulgata. Es liegt, mit dieser parallel laufend, auch in mittelalterlichen hebräischen Texten vor.

In früheren deutschsprachigen Bibelübersetzungen wurden die Apokryphen – also auch das Judit-Buch – von evangelischer Seite zum Teil aus der Vulgata und zum Teil aus der Septuaginta übersetzt. Das hatte zur Folge, dass die Apokryphen auch hinsichtlich ihrer Textgestalt ein Sonderdasein führten. Für die Übersetzung der neuen Lutherbibel (2017) beschloss der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland, die Apokryphen durchgehend aus der Septuaginta übersetzen zu lassen. Das für die Apokryphen zuständige Übersetzerteam übersetzte den Text neu auf der Grundlage der sorgfältigen Durchsicht des bisherigen Textes im Duktus der Luthersprache.3

 

Zur Vorgeschichte

In den ersten sieben Kapiteln des Judit-Buches taucht die Gestalt der Judit überhaupt nicht auf. Zunächst geht es um die beiden Könige Nebukadnezar und Arphaxad, die sich die Herrschaft über das Zweistromland teilen. Beide haben schlagkräftige Heere (Judit 1,1-4). Der Konflikt zwischen den beiden Herrschern bricht aus, als König Nebukadnezar die alleinige Vorherrschaft über das Zweistromland anstrebt und sich zu einem Krieg gegen Arphaxad rüstet. Dazu fordert er alle Völker im Osten und Westen auf, ihm militärisch zu folgen und mit ihm Arphaxad zu bekämpfen (Judit 1,5-10). Dieser Aufforderung kommen die anderen Völker aber nicht nach, denn sie fürchteten ihn nicht (1,11). Tatsächlich gelingt es Nebukadnezar, seinen Gegner zu besiegen und sich seiner Städte zu bemächtigen. Als dieses Ziel erreicht ist, beschließt Nebukadnezar, sich an den Völkern, die ihm die Gefolgschaft verweigerten, zu rächen (2,1-4). Dazu bedient er sich seines Feldhauptmanns Holofernes. Er soll das grausame Vorhaben ausführen. In seiner krankhaften Selbstüberschätzung sieht Nebukadnezar sich als Herrscher der ganzen Erde (2,5).

Holofernes gehorcht seinem tyrannischen König und zieht mit einem riesigen Heer aus. Er erobert Volk um Volk und vollzieht das Strafgericht an den Menschen und Städten (2,14-28), die sich seinem König widersetzt hatten. Weil militärischer Widerstand zwecklos ist, wollen die anderen Völker sich ergeben (3,1). Das Friedensangebot trägt keine Früchte. Holofernes lässt sich nicht erweichen. Machtbesessen zerstört er auch die ihm zu Füßen liegenden Gebiete und reißt ihre Heiligtümer nieder. Längst geht es nur noch um eines: um den Machtzuwachs von König Nebukadnezar, der alle Völker beherrschen will. Aber nicht nur dies: Alle Völker sollen ihn als Gott verehren (3,8).

Nebukadnezars Größenwahn lässt auch Israel zur Zielscheibe seines ihm blind gehorchenden Feldherrn Holofernes werden. Zunächst hören die Israeliten nur von den Grausamkeiten des Holofernes und befürchten die Zerstörung der Stadt Jerusalem und des Tempels (4,1-3). Trotz ihrer Furcht sind sie jedoch nicht bereit, sich Holofernes zu unterwerfen. Sie organisieren militärischen Widerstand. Groß angelegte militärische Aktionen der Assyrer stehen dilettantisch wirkenden Maßnahmen der Israeliten gegenüber. Flankiert werden sie von Buß- und Fastenriten (4,4-15). Darauf antwortet Gott nicht unmittelbar.

Trotzdem wird Holofernes unruhig. Er hört von den militärischen Maßnahmen der Israeliten und erkundigt sich nach dem Volk, das ihm nicht huldigen will. Er fragt nach der Größe von Israels Streitmacht und nach ihrem Heerführer (5,3-4). Von Achior, dem Heerführer der Ammoniter, erfährt Holofernes von Israels außergewöhnlicher Gottesbeziehung. Die Israeliten sind unschlagbar, solange sie Gott gehorchen. Sie sind besiegbar, wenn sie sich Gott widersetzen und sündigen (5,17-20).

Israels Gottesbeziehung beeindruckt Holofernes jedoch keinesfalls. Für ihn gibt es nur einen Gott, seinen König Nebukadnezar. Das bekommt auch der Informant Achior zu spüren. Indem Holofernes ihn an die Israeliten ausliefert, erhalten diese Kenntnis von dem weiteren Plan des Holofernes. Um ihre Gefährdung wissend, erbitten sie erneut Gottes Hilfe (6,19). Anscheinend will Gott nicht eingreifen. Dass er die Not seines Volkes sieht, wissen nur die Leser und Leserinnen des Buches. Die Akteure selbst wissen davon nichts.

Holofernes hat längst beschlossen, die Israeliten militärisch anzugreifen. Als die Israeliten das große Heer des Holofernes sehen, fürchten sie sich noch mehr und rüsten weiter – wiederum mehr dilettantisch als strategisch – auf. Im Zuge seiner Kampfmaßnahmen bemächtigt Holofernes sich der israelitischen Wasserquellen. Diese Maßnahme trifft die Israeliten hart, denn in kurzer Zeit gehen ihnen die Wasservorräte aus. Das geknechtete Volk bedrängt nun seine Ältesten, sich Holofernes kampflos zu ergeben. Usija, einer der Ältesten, aber beruhigt das aufgebrachte Volk. Nun setzen die Ältesten Gott eine Frist von fünf Tagen. Greift er innerhalb dieser Zeit nicht ein, so wollen sie sich Holofernes unterwerfen und damit Nebukadnezar als Gott anerkennen.

 

Judit tritt auf den Plan

Jetzt tritt die junge israelitische Witwe Judit auf den Plan. Ihr früh verstorbener Mann hat ihr ein großes Vermögen hinterlassen, sodass sie – finanziell unabhängig – ein zurückgezogenes religiöses Leben führen kann. Zu den Kennzeichen dieser Frau gehören ihre Schönheit und ihre Gottesfurcht (8,7-8). Beides hängt untrennbar zusammen. In der biblischen Literatur ist Schönheit niemals nur äußerlich, sie ist immer Ausdruck innerer Werte.4

Judit hat von der Not ihres Volkes gehört. Sie hat aber auch von dem Ultimatum der Ältesten gehört. Mit diesem Ultimatum ist sie keinesfalls einverstanden. Ihre Gottesfurcht verbietet es, Gott eine Frist zu setzen und ihm den Tag seines Eingreifens vorzuschreiben. Darüber muss sie mit den Ältesten, also den religiös und politisch verantwortlichen Personen sprechen. Selbstbewusst lädt Judit die Männer in ihr Haus ein und begründet in einer langen Rede (8,12-17), weshalb das Ultimatum mit dem Glauben Israels nicht vereinbar ist.

Judits Sichtweise ist den Ältesten fremd. Trotzdem könnte sie ihnen nützlich sein, und so bitten sie die gottesfürchtige Frau um ihre Fürbitte. Sie soll um Regen beten. Judit aber hat andere Pläne. Geheimnisvoll kündigt sie eine Tat an, von der die Israeliten noch lange erzählen werden (8,32).

Was sie tun wird, verrät sie keinem. Nach der Konsultation der Ältesten zieht Judit sich äußerlich zurück. Innerlich setzt sie sich spirituell in Bewegung und verharrt in einem langen Gebet vor Gott. Vor ihm breitet sie die Geschichte Israels aus und erinnert ihn an sein Eingreifen in der Vergangenheit. Ihr Gottvertrauen ist grenzenlos. Dem Hochmut des auf militärische Macht vertrauenden Königs Nebukadnezar setzt sie Gottes Art zu handeln entgegen, indem sie bekennt: „Nicht in der Übermacht liegt deine Kraft, und deine Herrschaft ruht nicht auf den Starken, sondern du bist ein Gott der Erniedrigten, ein Helfer der Geringen, ein Beistand der Schwachen, ein Beschützer der Verachteten und ein Retter der Hoffnungslosen! … erhöre mein Flehen!“ (9,11-12).

Judits Gebet offenbart ihr Gottesbild. Ihr Gott setzt nicht auf militärisches Eingreifen. Seine Kraft ist in Schwachheit mächtig. Nachdem Judit sich spirituell „gerüstet“ hat, legt sie ihre Witwenkleider ab. Sie beginnt ein groß angelegtes kosmetisches Programm, zieht kostbare Kleider und Schmuck an und macht sich zusammen mit ihrer Magd auf den Weg ins feindliche Lager. Weil ihre Schönheit alle Männer beeindruckt, wird sie bereitwillig zu Holofernes vorgelassen.

 

Judit und Holofernes

Äußerst bedacht wirft sich Judit vor dem heidnischen Feldherrn nieder, umschmeichelt ihn und täuscht ihm Verehrung vor. Alsdann ergreift sie das Wort und bestätigt ihm in einer langen Rede, was er bereits von seinem früheren Informanten, dem Ammoniter Achior weiß: Israels Stärke und Schwäche korrespondieren mit seinem Gottesverhältnis.

Strategisch klug schildert sie Holofernes Israels gegenwärtige Lage. Weil die Israeliten aufgrund ihrer gegenwärtigen Notlage wieder einmal unmittelbar davor stünden, sich von Gott abzuwenden, würde Gott sich seinerseits in Kürze von Israel abwenden. Als Prophetin könne sie Holofernes jedoch den genauen Zeitpunkt von Israels Frevel voraussagen und ihn über das Gebirge nach Jerusalem führen, so dass er die Gunst der Stunde zum Kampf gegen Israel nutzen könne. Mit dieser Rede täuscht sie eindeutig den fremden Heerführer. Ihre Absicht ist es, der Gewalt zu wehren. Ihre Absicht ist es keinesfalls, dem Gegner zu helfen.

Die Täuschung gehört zu Judits Plan. Zusammen mit ihrer Magd bleibt sie während der kommenden Tage im feindlichen Lager des Holofernes. Täglich dürfen die beiden Frauen aber auch das Lager zum Beten verlassen und an einer Quelle rituelle Waschungen vollziehen. Am vierten Tag ist es dann so weit. Holofernes lädt Judit zu einem intimen Fest ein. Endlich will er mit dieser wunderschönen Frau schlafen. Judit folgt seiner Einladung. Sie weiß, dass sie sich nicht nur der Vergewaltigung aussetzt, sondern auch in Lebensgefahr begibt. Um der Gewalt ein Ende zu bereiten, muss sie sich in die Höhle des Löwen begeben.

Für den Abend haben Holofernes und Judit einen Plan. Hinter dem Plan von Holofernes stehen Gier und Machtstreben, hinter Judits Plan steht ihre Gottesfurcht. Holofernes trinkt an diesem Abend viel. Bevor Judit eingreifen wird, hat der Alkohol Holofernes seines Kopfes beraubt. Anstatt mit der schönen Judit zu schlafen, fällt er am Ende handlungsunfähig auf sein Bett und schläft tief und fest. Damit ist Judits Stunde gekommen. Keinesfalls kopflos und schon gar nicht im Affekt, sondern äußerst bedacht, breitet sie ihre Situation vor Gott aus und bittet um Kraft für ihr Vorhaben. Kurzerhand ergreift sie das Schwert des Holofernes, schlägt zweimal zu und trennt den Kopf des zuvor psychisch kopflos gewordenen Königs nun auch physisch von seinem Körper. Danach geht alles sehr schnell. Rasch übergibt Judit den Kopf ihrer Magd. Diese versteckt ihn in ihrem Proviantsack. Unauffällig verlassen die beiden Frauen dann, wie jeden Morgen, das nichts ahnende Lager. Als der Diener Holofernes wecken will, findet er nur noch dessen toten Rumpf. Erschüttert schreit er auf (14,12-19) und löst damit eine entsetzliche Panik aus. Die Soldaten fliehen in alle Richtungen.

In kürzester Zeit hat sich das riesige schlagkräftige Heer in einen „kopflosen“ und damit chaotischen Haufen verwandelt. Ohne strategisch denkenden „Kopf“ hat das Heer seine Schlagkraft verloren. Mit ihrer mutigen Tat hat Judit ihr Volk gerettet. Am Ende rekapituliert sie singend das Geschehene. Im Lied preist sie den Gott, der die Kriege zerschlägt (16,2). Nach diesem Geschehen zieht Judit sich in ihr Haus zurück und nimmt ihr spirituelles Leben wieder auf.

 

Gewalt oder Friedensethik?

Bevor ich die Judit-Erzählung einer Deutung unterziehe, frage ich mit Helmut Engel, der auf Bonhoeffer Bezug nimmt: „Ist militärische Gegenwehr oder Krieg wirklich moralisch besser oder ehrenvoller als die ganz unmilitärisch erreichte Tötung des für Unglück, Ruin und Ermordung vieler Unschuldiger Verantwortlichen, wenn sich nur so verhindern lässt, dass er weiter verwüstet und mordet und andere dazu nötigt? Gebietet der Glaube an den die Menschen liebenden Schöpfergott nur, die unter das Rad des Terrors Geratenen zu verbinden oder zu begraben, und nicht auch, diesem ‚Rad in die Speichen zu greifen‘ (Bonhoeffer 1933)?“5

Zugleich frage ich, lässt sich Judits Handeln mit nachfolgender Aussage Bonhoeffers begründen oder widerspricht ihr Handeln dieser? „Es gibt keinen Weg zum Frieden auf dem Weg der Sicherheit. Denn Friede muss gewagt werden, ist das eine große Wagnis, und lässt sich nie und nimmer sichern. Friede ist das Gegenteil von Sicherung. … Sicherheiten suchen, heißt sich selber schützen wollen … Kämpfe werden nicht mit Waffen gewonnen, sondern mit Gott. Sie werden auch dort noch gewonnen, wo der Weg ans Kreuz führt. Wer von uns darf denn sagen, dass er wüsste, was es für die Welt bedeuten könnte, wenn ein Volk – statt mit der Waffe in der Hand – betend und wehrlos und darum gerade bewaffnet mit der allein guten Wehr und Waffe den Angreifer empfinge?“6

 

Historische Wahrheit oder Fiktion?

Ist diese Geschichte tatsächlich geschehen? Gab es die historische Gestalt der Judit? Als wahre Begebenheit wäre die Geschichte kritisch zu hinterfragen. Als Fiktion erzählt sie, wie ein übermächtiges Heer seines „Kopfes“ beraubt und „kopflos“7 zugleich kampfunfähig wird.

In der atl. Forschung besteht weitgehend Übereinstimmung, dass es sich bei dem Buch Judit um eine romanhafte, antike Erzählung handelt.8 In der Geschichte sind Züge großer biblischer Frauengestalten verarbeitet9. Beispielsweise führt Judit – mit Mirjam (Ex. 15) vergleichbar – Frauen, aber auch Männer, bei der Sieges- und Dankprozession an. Die vermeintlichen Zeitangaben liegen weit auseinander. Die meisten Figuren – auch Judit – hat es in der Realität nicht gegeben. Trotzdem ist es spannend, sich mit dieser literarischen Gestalt auseinanderzusetzen und sie nach ihrem religiösen und friedensethischen Gehalt zu befragen.

Die Bibelwissenschaft eröffnet viele Wege, sich diesem Buch differenziert und reflektiert zu nähern und ihm friedensethische Aussagen zu entlocken.10 Ein Weg ist die kanonische Betrachtungsweise, bei der atl. Geschichten, in denen Krieg und Gewalt vorkommen, mit anderen Stimmen des AT wie beispielsweise der prophetischen Kriegskritik kontrastiert werden. Ein anderer exegetisch möglicher Weg ist es, die Geschichte aus ihrem historischen Kontext11 heraus zu deuten. Dieser Weg ermöglicht es, die Fiktionalität des Judit-Buches aufzuzeigen.

Von Anfang an lässt das Judit-Buch erkennen, dass es sich bei der Erzählung nicht um einen historischen Bericht handelt, wie er beispielsweise in den Königs-, Chronik- und Makkabäerbüchern vorliegt. Die im Judit-Buch verarbeiteten Inhalte entsprechen in chronologischer Hinsicht keinesfalls dem tatsächlichen Geschichtsverlauf. Vielmehr werden aus verschiedenen Epochen stammende historische und geographische Überlieferungen zu einer neuen fiktiven Erzählung verbunden. Als Entstehungszeit wird die Hasmonäerzeit vermutet.12

Die Fiktionalität kann beispielsweise an der Gestalt des Nebukadnezar (605-562 v. Chr.) verdeutlicht werden. Er ist in der jüdischen Tradition der personifizierte Feind und Unterdrücker. Als historische Gestalt ist er für die Zerstörung der Stadt Jerusalem und des Tempels sowie für die Verschleppung ins babylonische Exil verantwortlich. Entgegen den Angaben im Judit-Buch war er König der Babylonier und nicht der Assyrer. Er kann auch nicht – wie im Judit-Buch genannt – in Ninive regiert haben, denn diese Stadt war zu Beginn seiner Regierung bereits zerstört. Schon diese wenigen Angaben zeigen: Das Judit-Buch gibt keine historischen Ereignisse aus der Zeit Nebukadnezars wieder. Vielmehr verdichtet es in den geschilderten Gestalten und Ereignissen theologische Erkenntnisse aus vielen Epochen der konkreten jüdischen Vergangenheit.

 

Verherrlichung von Krieg und Gewalt?

Vielfach wird dem Buch Judit eine Verherrlichung von Krieg und Gewalt unterstellt. Diesem Vorwurf begegnet der Alttestamentler Erich Zenger mit dem Nachweis, dass es im Zentrum der Geschichte um die Gottesfrage und die Errettung Jerusalems geht.13 „Wer ist Gott?“, das ist entscheidende Frage. Während Nebukadnezar, der Gott sein will, seinen Anspruch durch Krieg und Gewalt durchsetzen möchte, muss JHWH, der Gott ist, seinen Anspruch nicht durchsetzen. Eindrücklich lässt sich dies an Judits Gebeten nachweisen. Sowohl zu Beginn ihrer Rettungsaktion als auch nach ihrer geglückten Tat rühmt sie den Gott, der auf Gewalt verzichtet: „Denn der Herr ist ein Gott, der die Kriege zerschlägt.“14 „JHWH ist ein Helfer der Schwachen, Beschützer der Verachteten und Retter der Ver­zwei­felten.“15

Das Judit-Buch öffnet die Sicht auf zwei divergente Herrschaftskonzepte.16 Das Herrschaftskonzept des Nebukadnezar zielt auf Anerkennung und Verehrung als Gott.17 Diesen Herrschaftsanspruch versucht er mit militärischer Stärke und Krieg durchzusetzen. Ganz anders zeigt sich Gott. Er muss seinen Herrschaftsanspruch nicht aggressiv durchsetzen. Er handelt, indem er sieht und hört. In ihrem Gebet charakterisiert Judit Gott so: „Denn nicht in der Übermacht liegt deine Kraft, und deine Herrschaft ruht nicht auf den Starken, sondern du bist ein Gott der Erniedrigten, ein Helfer der Geringen, ein Beistand der Schwachen, ein Beschützer der Verachteten und ein Retter der Hoffnungslosen.“18

Narrativ setzt das Judit-Buch dieses Gottesbild um. Bilderreich weist es nach, wie die Schwachen die Starken überwinden, wenn sie sich nicht auf militärische Stärke, sondern auf den Gott verlassen, der an ihrer Seite steht. Weil JHWH ein Gott der Armen und Verfolgten ist, geschieht Rettung durch die Hand einer Frau und nicht durch starke Männer.19

Zugleich setzt das Judit-Buch auch die Geschichte Israels mit all seinen Siegen und Niederlagen in Szene. Unter diesem Blickwinkel kann es als verdichtete Geschichte Israels gelesen werden. Während sich die anderen Völker dem Anspruch Nebukadnezars aufgrund seiner militärischen Übermacht unterwerfen, ist Israel beauftragt, alle Hilfe von JHWH zu erwarten. Trotzdem wiederholt sich auch in dieser Geschichte, was sich im AT immer wieder zeigt: Israel kennt seinen Gott und setzt sein Vertrauen doch so oft nicht auf ihn, sondern auf vermeintlich militärische Stärke.

 

Judit als personifiziertes Gottvertrauen

Anders zeigt sich die „Jüdin“ Judit. Ihre Gestalt ist das personifizierte Gottvertrauen. Mit ihrem Auftreten wird der Gang der Handlung angehalten. An die Stelle der Menschenfurcht tritt die Gottesfurcht.20 Kontemplation und Aktion reichen sich die Hand. Für eine altorientalische Frau ungewöhnlich und doch ihrer Stellung als wohlhabende und unabhängige Witwe angemessen lädt Judit die Ältesten des Volkes in ihr Haus ein und kritisiert deren Tun, mit dem sie Gott ein Ultimatum stellten: „Denn auch wenn er uns nicht in diesen fünf Tagen helfen will, hat er doch die Macht, uns vor unseren Feinden zu schützen oder uns zu vernichten, wann immer er will. … Darum lasst uns auf seine Rettung warten und ihn um Hilfe anrufen! Er wird unsere Stimme erhören, wann es ihm gefällt!“21 Ihre Worte zeigen Judit als scharfsinnige und theologisch profilierte Frau. Sie kennt die Überlieferungen Israels und bringt diese in einen Zusammenhang zur aktuellen Situation.

Während Judit den Ältesten gegenüber selbstsicher auftritt, verändert sich ihre Haltung beim Beten. Vor Gott wirft sie sich nieder, streut Asche auf ihr Haupt und fleht ihn an. Betend bereitet sie sich auf die Begegnung mit Holofernes vor. Sie weiß, mit ihrem Gang in das Lager des Holofernes begibt sie sich in allerhöchste Lebensgefahr und setzt sich zugleich der Vergewaltigung aus. Um der Gewalt zu wehren, geht sie dieses doppelte Risiko bewusst ein.

Sowohl ihre Schönheit als auch ihre kluge Rede an Holofernes – beides Ausdruck ihrer Gottesfurcht – retten Judit in den Stunden der Gefahr. Dass sie gegenüber Holofernes großzügig mit der Wahrheit umgeht, ist Judits Art der Schriftauslegung.

Hier stellt sich die Frage: Ist eine falsche Aussage – auch wenn sie Gutes beabsichtigt – ethisch legitim? Und wenn Helmut Engel rhetorisch fragt: „Werden hier nicht Täuschung durch doppeldeutige Aussagen (10,12f; 11,5.16-19) und die direkt beabsichtigte Tötung eines Menschen als gottgewollte Mittel zur Rettung des Volkes gepriesen?“22, so antworte ich mit Bonhoeffer, der in seinem Aufsatzfragment „Was heißt: Die Wahrheit sagen?“ schreibt: „Die Wahrheit sagen ist nicht nur eine Sache der Gesinnung, sondern auch der richtigen Erkenntnis und des ernsthaften Bedenkens der wirklichen Verhältnisse…. Das wahrheitsgemäße Wort ist nicht eine in sich konstante Größe, sondern ist so lebendig wie das Leben selbst. Wo es sich vom Leben und von der Beziehung zum konkreten anderen Menschen löst, wo die Wahrheit gesagt wird ohne Beachtung dessen, zu wem ich sie sage, dort hat sie nur den Schein, aber nicht das Wesen der Wahrheit.“23

 

Fazit: Das feindliche Heer seines Gewaltpotentials beraubt

Die eingangs formulierte These aufgreifend, halte ich fest: Das Judit-Buch schildert den spirituellen Weg einer Frau zur gewaltfreien Rettung ihres zu Unrecht angegriffenen Volkes. Judit geht ihren Weg mit der Absicht, ein übermächtiges Heer seiner todbringenden Macht zu berauben. Sie geht ihren Weg nicht mit der Absicht, einen Menschen zu töten. Die Macht des Heeres besteht im Kopf seines selbstherrlichen und tyrannischen Heerführers Holofernes. Indem Judit unter Einsatz ihres Lebens dem Herrscher den Kopf raubt, raubt sie dem Heer sein Gewaltpotential.

Das Judit-Buch erzählt, wie eine wehrlose Frau angstfrei und todesmutig einen übermächtigen Machthaber mit seiner eigenen Waffe entmachtet. Die Geschichte der literarischen Gestalt Judit schildert kein einmaliges Geschehen. Narrativ wird die sich immer wiederholende Geschichte Israels in Szene gesetzt. Judit ist die Jüdin, das heißt sie ist, wie Gottes Volk sein soll: gottesfürchtig und im Vertrauen auf Gott mutig. Der Dreh- und Angelpunkt ist das Vertrauen. Worauf setzt Israel sein Vertrauen? Setzt es sein Vertrauen auf Krieg, Gewalt und politische Bündnisse oder setzt es sein Vertrauen auf den Gott, der „die Kriege zerschlägt.“ Diese Frage ist bis heute nicht nur für Israel aktuell. Sie ist zu allen Zeiten für alle Völker und Regime aktuell. Die Gestalten des ­Judit-Buches lassen sich austauschen. In der fiktiven ­Judit-Erzählung zerschlägt Gott den Krieg, indem er der militärischen Gewalt durch den mutigen Einsatz einer Frau den Kopf raubt und somit weiterem Morden ein Ende setzt.

 

Anmerkungen

* Dieser Aufsatz ist angeregt durch die Lektüre von: Claudia Rakel, Judit – über Schönheit, Macht und Widerstand im Krieg. Eine feministisch-intertextuelle Lektüre, Berlin/New York (Walter de Gruyter), 2003, und Barbara Schmitz, Gedeutete Geschichte. Die Funktion der Reden und Gebete im Buch Judit, Freiburg 2004.

1 Vgl. Helmut Engel, Das Buch Judit, in: Erich Zenger u.a., Einleitung in das Alte Testament, hrsg. v. Christian Frevel, Stuttgart, 82012, 375.

2 Friedrich Hebbel, Judith. Eine Tragödie in fünf Akten (1841). In: Ders.: Werke. Hg v. Gerhard Fricke/Werner Keller/Karl Pörnbacher. Darmstadt 1963, Bd. 1, 7-75; Georg Kaiser, Die jüdische Witwe. Bühnenspiel in fünf Akten. In: Ders.: Werke. Hg. v. Walter Huder. Bd. 1: Stücke 1895-1917. Frankfurt/Berlin/Wien 1971, 117-198; Jean Giraudoux, Judith. Tragödie in drei Akten. Aus dem Französischen von Hans Feist und Otto F. Best. In: Ders.: Dramen. Hg. v. Otto F. Best. Frankfurt 1961, 181-270; Max Frisch, Als der Krieg zu Ende war. Schauspiel. In: Ders.: Stücke. Bd. 1. Frankfurt 1961, 247-299; Rolf Hochhuth, Judith. Mit einem Essay von Margarte Mitscherlich-Nielsen und einem Gespräch mit Jost Nolte. Reinbek bei Hamburg 1984 (rororo-Tb 5866).

3 Vgl. „… und hätte der Liebe nicht“. Die Revision und Neugestaltung der Lutherbibel zum Jubiläumsjahr 2017: 500 Jahre Reformation. Deutsche Bibelgesellschaft 2016, 11.

4 Vgl. Rakel, 202-227; Barbara Schmitz, Die Juditfigur als Modell diakonischen Handelns, in: Adelheid M. von Hauff (Hg.), Frauen gestalten Diakonie, Bd. 1: Von der biblischen Zeit bis zum Pietismus, Stuttgart (Kohlhammer) 2007, 88.

5 Engel, 375.

6 Dietrich Bonhoeffer Werke DBW 13, 298-301, aus: Horizonte der Gerechtigkeit. Auf dem Weg – Gerechtigkeit und Frieden. Materialien zum Sonntag Judika, 2. April 2017, 39.

7 Vgl. Schmitz (2007), 90 u.a.

8 Zum Buch Judit vgl. Engel., 363-375.

9 Ebd., 370.

10 Vgl. Rakel, 45-46.

11 Ebd., 68-69.

12 Vgl. Engel, 371.

13 Vgl. Rakel, 64.

14 Judit 9,7; 16,2.

15 Judit 9,11.

16 Vgl. Schmitz (2007), 81-92.

17 Judit 3,8; 6,2.

18 Judit 9,11.

19 Vgl. Rakel, 65.

20 Sie fürchtete Gott sehr (Judit 8,8).

21 Judit 8,15-14.

22 Engel, 375.

23 Aus einem im Gefängnis Tegel verfassten Aufsatzfragment, Herbst 1943; DBW 16, 619-626 (stark gekürzt).

 

Über die Autorin / den Autor:

Dr. Adelheid M. von Hauff, Jahrgang 1951, ­Diplom in Erziehungswissenschaft, 2002 Promotion zur Dr. paed. an der PH Heidelberg, seit 2007 Lehrbeauftragte für Evang. Theologie und Religionspädagogik an der PH Heidelberg.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 9/2022

Kommentieren Sie diesen Artikel
Pflichtfelder sind mit * markiert.
Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.
Spamschutz: dieses Feld bitte nicht ausfüllen.