Im Hinblick auf die Beschäftigung mit Gottesbildern und dem Theologisieren sind im praktisch-theologischen Diskurs oft Kinder und Jugendliche Gegenstand von Untersuchungen. Roland Mettenbrink will die lebensgeschichtlich älteren Personen in den Focus nehmen.

 

Die drei Bilder, die ich hier exemplarisch untersuche, sind in einer Evang. Frauenhilfe entstanden. Im November 2020 waren in treuer Verbundenheit trotz Corona-Pandemie einige Frauen zum Treffen gekommen. Sicherlich bestehen bei älteren Menschen nicht selten Vorbehalte, Bilder zu malen. Das war auch bei diesen Frauen der Fall. Das Malen war ungewohnt für sie und bei keiner von ihnen war es lebensbegleitendes Hobby. Durch meine lange Bekanntschaft mit den Frauen war es mir möglich, sie zum Malen „ihres Gottesbildes“ zu motivieren.

Ich war sehr gespannt auf die Gottesbilder. Würden die Frauen in ihren Gottesbildern eine in die Tiefe gehende Auseinandersetzung mit Glauben bzw. mit dem Leben und ihren Gottesvorstellung zum Ausdruck bringen? Würden die Bilder sie zu persönlichen theologischen Aussagen ermutigen, zum Theologisieren?

Die Einleitung habe ich möglichst offen formuliert: „Sie erinnern sich sicher, wie Sie sich als Kind Gott vorgestellt haben, vielleicht als gütigen Mann mit langem Bart. Im Laufe des Lebens verändern sich unsere Vorstellungen von Gott, auch durch unsere Lebenserfahrungen, Glücks- und Leiderfahrungen. Wie stellen Sie sich heute im Alter Gott vor?“ Damit die Frauen gleich ins Malen kamen, hatte ich für jede ein Mal-Set mit Aquarellfarben vorbereitet.

Die Zeit für das Malen betrug eine Dreivierteltunde. Nach einer anfänglichen zögerlichen Haltung wuchs mit dem Sich-Hineingeben in die Malaufgabe das innerliche Interesse. Zum Schluss hatte ich sogar den Eindruck, dass es ihnen Freude gemacht hat. Eine Gesprächsrunde über das Gemalte, in der jede Frau darlegte, was sie gemalt hatte, schloss das Frauenhilfstreffen ab. Zum Weihnachtsfest 2020 habe ich dann jeder Frau ein Plakat mit den von ihnen gemalten Bildern geschenkt. Die Bilder wurden in der Forscherwerkstatt, dem Oberseminar des Seminars für Prakt. Theologie an der Evang. Fakultät der Universität Münster unter Leitung von Frau Prof. Dr. Antje Roggenkamp, Dr. Nicola Büker und Prof. Dr. Roser besprochen. Den Teilnehmenden danke ich für ihre Interpretationen und Anregungen, die in diese Studie eingeflossen sind.

Für die Interpretation der entstandenen Bilder gehe ich nach der Bild- und Textinterpretation der „Dokumentarischen Methode“ nach Ralf Bohnsack vor. Ich folge dem Verfahren von Antje Roggenkamp und Verena M. Hartung in ihrem Buch „Theologisieren mit eigenen Gottesbildern“.1

Drei Bilder habe ich exemplarisch zur Interpretation ausgewählt. Die Deutung der einzelnen Bilder und die Textinterpretation erfolgt nach den Interpretationsschritten: 1. Formulierende Interpretation, 1.1. Vorikonographisch (Bildvordergrund/Bildhintergrund), 1.2. Ikonographisch; 2. Reflektierende Interpretation, 2.1. Formale Komposition, 2.1.1. Planimetrische Komposition, 2.1.2. Szenische Choreographie, 2.1.3. Perspektivische Projektion, 2.2. Ikonische Interpretation; 3. Textinterpretation aus dem anschließenden Gespräch, 3.1. Formulierende Textinterpretation, 3.2. Reflektierende Textinterpretation; 4. Komparative Analyse; 5. Typisierende Analyse.

 

 

 

Bild 1: „Die Sonne ist für mich wichtig, ich möchte sie mit Gott vergleichen“

1. Formulierende Interpretation

1.1. Wir schauen auf ein schwungvoll gemaltes Bild mit hellen Wasserfarbtönen. Im Bildvordergrund befinden sich am unteren Bildrand in der Mitte grüne kurze Striche, rechts unten daneben längere braune, die kreuzartig gemalt sind. Aus ihnen gehen zwei kräftig grüne etwas breitere Striche nach oben hervor. Im Bildvordergrund in der oberen Mitte steht ein Kreis, im Inneren braun-orange gemalt. Die braun-orangenen und gelben Striche führen nicht nur vom Kreis weg, sondern führen oben auch zum Kreis hin. Die sechs blauen Ovale um den Kreis herum, deren Außenlinie gewellt gezeichnet ist, scheinen eher im Bildhintergrund positioniert zu sein. Die beiden Ovale in unmittelbarer Nähe zum Kreis sind blau ausgemalt. In der Bildmitte ebenfalls im Hintergrund befinden sich verästelte grüne Striche, die unten braun beginnen. Sie sind in einem schwächeren Ton gehalten. Links im Bildhintergrund steht ein braunes Haus (innen weiß), in dem sich ein Kreuz- bzw. Pluszeichen befindet. (Vorikonographisch [Bildvordergrund/Bildhintergrund])

1.2. Das Grün in der Mitte wird eine Wiese sein. Das Braun, aus dem die grünen Striche hervorgehen, dürfte als Erde/Acker zu interpretieren sein, aus der/dem Sträuche/lebendige Natur hervorgehen. Das Kreuzförmige in der Darstellung der Erde/des Ackers kann auf Leiderfahrungen schließen (Erde zu Erde), die durch neues Leben (grüne Sträuche) überwunden worden sind. Der Kreis mit den Strichen wird eine Sonne sein, die braun-orange Farbe darin unterstreicht die Wärme, die die Sonne gibt. Dass oben gelbe und orange Striche zur Sonne hingehen, legt die Deutung nahe, dass die Sonne ihre Strahlkraft von oben, von Gott, bekommt. Die blauen Ovale sind als Wolken zu identifizieren. Die dunklen sind der Sonne am nächsten, können aber der Strahlkraft der Sonne nichts anhaben. Das Haus im linken Hintergrund dürfte eine Kirche bzw. Kapelle sein, das Zeichen darin ist ein Kreuz. (Ikonographisch)

2. Reflektierende Interpretation

2.1. Formale Komposition

2.1.1. Eine horizontale Linie teilt das Bild in eine obere und in eine untere Hälfte. Im Zentrum der oberen Hälfte steht die Sonne. Sie ist von den Wolken gleichsam umkreist. In der unteren Hälfte rechts ist Natur zu sehen mit kräftig brauner Erde und grünen Sträuchern, in der Mitte in ähnlicher Darstellung ebenfalls Natur aber im Farbton schwächer, links die Kapelle/Kirche. Die Sonne mit der Erde bzw. den Sträuchern rechts unten und die Kirche/Kapelle links unten bilden ein Dreieck, in dem die Spitze die Sonne ist und dessen dominante Scheitellinie zu den in kräftigen Farben gemalten Sträuchern mit der Erde/dem Acker besteht. Dagegen tritt die Kapelle/Kirche zurück. (Planimetrische Komposition)

2.1.2. Die Sonne befindet sich in der oberen Hälfte des Bildes genau in der Mitte und dominiert die Szene durch ihre Position. Die Wolken befinden sich in einem Oval um sie herum. Das Grün rechts und auch in der Mitte links wie in der unteren Hälfte richtet sich nach der Sonne aus. Die Kapelle/Kirche wird zwar von den Sonnenstrahlen erreicht, gehört mit ins Bild, aber bleibt im Hintergrund. (Szenische Choreographie)

2.1.3. Das Bild besteht aus mehreren Tiefen. Als nächstes sind dem Betrachter/der Betrachterin die Sonne, die Erde, die aus ihr hervorgehenden kräftig grünen Sträucher und das hellere Grün, danach folgen die Wolken und die farblich schwächeren Sträucher, schließlich die Kapelle/die Kirche. Der Betrachter/die Betrachterin steht vor dem Bild und wird von der Sonne beschienen. (Perspektivische Projektion)

2.2. Ikonische Interpretation

Die vorikonographische sowie ikonographische Interpretation und die Analyse der formalen Komposition führen zu dem Ergebnis, dass die Sonne das zentrale Element des Bildes darstellt. Die Farben der Sonne, gelb und braun, sind als warm zu interpretieren. Mit den warmen Strahlen der Sonne wächst und gedeiht die Natur. Sie erreichen unabhängig von den Wolken den Betrachter/die Betrachterin. Die Sonne repräsentiert die Nähe und Liebe Gottes. Sind die Wolken mit Leiderfahrungen zu verbinden, so ist die Kraft der Sonne und damit die Kraft Gottes doch stärker als diese. Sie lässt sogar aus Kreuzen neues Grün wachsen. Die Kapelle, die Institution der Kirche, ist zwar auf dem Bild vorhanden und wird von der Sonne erreicht, doch eher marginal. Die Bedeutsamkeit der Sonne und damit der Liebe und Nähe Gottes ist höher zu veranschlagen als die der ­Kirche.

3. Textinterpretation aus dem anschließenden Gespräch

3.1. „… Die Sonne ist für mich wichtig, ich möchte sie mit Gott vergleichen, der mir Kraft zum Leben schenkt. Es tut mir leid, dass ich die Kapelle so einfach gemalt habe und nur noch links unten für sie Platz blieb. Und die Engel, die habe ich ja vergessen. Welche Meinung haben Sie zu Engeln? …“

Die Bildmalende vergleicht Gott mit der Sonne, die Lebenskraft schenkt. Die Randstellung der Kapelle/Kirche in ihrem Bild tut ihr leid. Die Engel hat sie vergessen, die ihrer Ansicht nach dazugehört hätten. Sie fragt den Pfarrenden nach seiner Meinung zu Engeln. (Formulierende Textinterpretation)

3.2. Gott stellt sie als den Lebenskraftgeber dar. Bei der Randstellung der Kapelle, die ihr leidtut, eine Formulierung, die Fehlverhalten konnotiert, bleibt zu fragen, ob die Randstellung letztlich nicht doch ihrer eigentlichen Meinung entspricht und ihr Unbehagen darüber, dass sie es so dargestellt hat, gewissermaßen einer Pflicht geschuldet ist, dass man in einer Evang. Frauenhilfe die Kirche nicht peripher einordnet. Das Vergessen der Engel erscheint demgegenüber auf einer anderen Ebene zu liegen. Die Engel scheinen für sie in ihrer Behütungs- und Schutzfunktion zur Darstellung Gottes als Sonne dazuzugehören. (Reflektierende Textinterpretation)

4. Komparative Analyse

Bild- und Textinterpretation entsprechen einander. Gott ist die lebensschaffende und lebensbehütende Kraft in der Welt, wie für das persönliche Leben. Er kann gar Leid in neues Leben verwandeln. Gott wird in seiner Lebenskraft in der Natur erfahren. Die Kirche ist wichtig, aber in der Erfahrung der Liebe und Nähe Gottes nicht das priorisierte, geschweige denn alleinige Medium.

5. Typisierende Analyse

Der Typus Gottes als Lebens- und Kraftgeber und auch als Beschützer des Lebens, als Lebensquelle, begegnet im biblischen Kontext in der Rede von Gott als Sonne und Schild in Ps. 84, aber erinnert auch an Verse des 36. Psalms („Herr, deine Güte reicht, soweit der Himmel ist, und deine Wahrheit, soweit die Wolken gehen. (6) Denn bei Dir ist die Quelle des Lebens und in deinem Lichte sehen wir das Licht. (10)“). Die Kraft Gottes wird von der Bildmalenden eher in der Schöpfung erfahren als in der Institution Kirche.

 

 

 

Bild 2: „Gott ist der auf uns Schauende und uns Beschirmende“

1. Formulierende Interpretation

1.1. In diesem Bild sehen wir kräftige Farben. In der unteren Bildhälfte befindet sich links ein schwarz/grau umrandetes Haus mit Tür und zwei kleinen violetten Quadraten mit einem X bzw. Kreuz, im Giebel mit einem violetten Kreis ebenfalls mit einem X bzw. Kreuz. Daneben steht eine hellbraune Figur, an den Füßen schwarze Stiefel, in der Hand ein Werkzeug. Es folgt ein grün ausgemaltes Rechteck, aus dem zwei Stiele hervorgehen, oben in Orangetönen umkränzt. In der unteren rechten Hälfte befindet sich eine grüne baumähnliche Formation mit gelben kleinen Kringeln, die auch darunter zu sehen sind. Über den gelben Kringeln liegt ein ovalartiges schwarzes Gebilde mit kleinen zackigen Strichen. Vom Haus geht eine schwarze Linie aus nach rechts, die Figur steht nicht auf ihr, wohl aber das grüne Rechteck und die Baumformation. Das grüne Rechteck mit den Stilen, die oben orange umrandet sind, befindet sich im Bildvordergrund, so auch die Baumformation und das Haus, ein wenig dahinter liegend die Figur. In der oberen Hälfte im Bildhintergrund sehen wir auf der oberen Linie einen gelben Kreis mit kleinen Strichen, darunter ein tiefblaues ovalartiges Gebilde, drei Kreuze befinden sich daneben, daran schließt sich eine hellblaue zackige Linie an, darunter wiederum sind zwei dunkelblaue ovalartige Gebilde zu sehen, ein gelbes O folgt und rechts oben „etwas“, wie ein Schirm geformt, mit zwei Punkten. (Vorikonographisch (Bildvordergrund/Bildhintergrund))

1.2. Der Kreis links oben ist die Sonne, das Oval darunter eine Wolke, die regenspendend, aber nicht bedrohlich wirkt. Die gelben Kreuze sind die Sterne, das zackige Blau das Himmelsblau, darunter die schwarzblauen Ovale sind bedrohliche Wolken, das gelbe O wird der Mond sein und das Schirmartige links oben interpretiere ich als Gott, die beiden Punkte darin als Augen Gottes. Das Haus wird die Kapelle/die Kirche sein. Die Figur ist eine Frau, darauf deuten die langen Haare hin. In der Figur wird sich das Ich der Bildmalenden verbergen, die in ihrem Garten arbeitet. Das grüne Rechteck stellt einen Blumenkasten dar, rechts unten sehen wir einen Baum mit gelben kleinen Kringeln, die nicht nur als Blätter, sondern als Früchte zu interpretieren sein werden. Ihr Gelb korrespondiert mit dem Gelb der Sonne, der Sterne, des Mondes und des Schirmes Gottes, es ist positives Symbol des Lichtes und des Lebens. Das kleine schwarze Oval repräsentiert dagegen das Dunkle. (Ikonographisch)

2. Reflektierende Interpretation

2.1. Formale Komposition

2.1.1. Das Bild teilt sich in eine obere und eine untere Bildhälfte. Oben sind der Himmel mit Sonne, Sterne, Mond, Himmelsblau, Wolken und Gott abgebildet, in der unteren Bildhälfte das auf der Erde Befindliche. Ein Dreieck durch die Farbe Gelb hervorgerufen, ist erkennbar: Gottes Schirm – Sonne mit Sternen – Baumformation. Die Geraden gehen zu den Eckpunkten des Bildes, ausgenommen links unten. Das schwarze Oval mit den Stacheln bleibt ein Irritationspunkt. Von Gott und dem Mond führt eine direkte Linie zu der Figur. Die Kirche ist nicht auf dieser Linie. Die untere Teillinie bilden Figur (Ich der Bildmalenden) und der Blumenkasten, wobei der Blick der Figur (Ich der Bildmalenden) auf den Kasten mit den Blumen geht. (Planimetrische Komposition)

2.1.2. Die Figur geht zur Kirche aber ihr Blick geht auf den Kasten mit den Blumen. In den Blumen erfährt die Figur Lebenskraft. Gott schaut sich von oben das Geschehen an – mit einer gewissen Entfernung. Der Schirm in der Gottesdarstellung weist auf das Behütende. Die untere Bildmitte bilden Figur und Blumenkasten, wobei der Kasten mit den Blumen für die Figur, dem bildmalenden Ich, die höchste Relevanz hat. (Szenische Choreographie)

2.1.3. Der Betrachter/die Betrachterin schaut auf die Szenerie. Zentral sind Figur und der Kasten mit den Blumen, die auf den Betrachter/die Betrachterin die höchste Aufmerksamkeitswirkung haben. (Perspektivische Projektion)

2.2. Ikonische Interpretation

Die vorikonographische sowie ikonographische Interpretation und die Analyse der formalen Komposition führen zu folgendem Ergebnis: Gott schaut sich das Geschehen vom Himmel fürsorglich an und hat auch das bildmalende Ich in seinen wachenden Augen. Die zentrale Gottesbegegnung erfährt die Bildmalende in den Blumen, in der blühenden Natur. Die Kirche ist da, aber hat nicht das Lebenskraftgebende wie die Blumen. Sind die beiden schwarzblauen bedrohlichen Wolken oben umgeben von Sonne, Mond, Sternen, Himmelsblau und dem Schirm Gottes, so ist das Schwarz-Ovale auf dem gelben Laub das Irritierende, es ist das letztlich noch nicht wirklich Integrierte im Leben der Bildmalenden.

3. Textinterpretation aus dem anschließenden Gespräch

3.1. „Auf dem Bild können wir sehen: Sonne, Sterne, Wolken, Mond, eine Kapelle, …, einen schwarzen Igel auf dem Laub.“ Ich frage: „Könnte der schwarze Igel das Leidvolle in Ihrem Leben sein?“ „Ja (mit einem Nachdenken)“. „Was ich da oben links gemalt habe, das weiß ich auch nicht.“ Ich frage: Für mich erscheint es wie ein Schirm mit zwei Augen. Könnte das Gott in Ihrem Bild sein? „Das kann sein. Gott ist der auf uns Schauende und uns Beschirmende.“ Die Bildmalende definiert die von ihr gemalten Bildobjekte. Durch „darüber Nachdenken“ wird der schwarze Igel mit dem Leid in Verbindung gesetzt. Die Identifizierung des gelben Schirmes mit den zwei Punkten mit Gott erfolgt nachträglich. (Formulierende Textinterpretation)

3.2. Das Leid und Gott bleiben zunächst von der Bildmalenden unartikuliert. Reflektieren wir ihre Äußerungen, stellt sich die Frage: Hat sie bewusst das Leid durch einen schwarzen Igel ausdrücken wollen oder ist dieses im Unbewussten geschehen. Die gleiche Frage stellt sich natürlich auch bei der Gottesdarstellung. Oder ist das anfängliche Schweigen dazu nur Ausdruck, dass sie meinte, Gott zu einfach, nicht adäquat genug, unzureichend, dargestellt zu haben? (Reflektierende Interpretation)

4. Komparative Analyse

Vergleichen wir Bild und Äußerungen, so wird gerade bei dieser Bildmalenden deutlich, dass für sie im Bild-Malen mehr möglich war, zu „Leid“ und „Gott“ auszudrücken, als sie von sich aus es in einem Gespräch getan hätte.

5. Typisierende Analyse

Gott ist der behütende Schirm, der Typus Gottes als Beschützer und Behüter kommt zur Darstellung, was an Ps. 91,1 erinnert: „Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, …“. Bei den Augen Gottes kann an Ps. 139,5 gedacht werden: „Ich gehe oder liege, so bist Du um mich und siehst alle meine Wege.“ Gottes Schauen wird von der Bildmalenden nicht angstauslösend und als Kontrolle empfunden wie bei Tilmann Moser in „Gottesvergiftung.“2 Es ist der behütende Gott, der wie bei Friedrich Schillers „An die Freude“ über den Sternenzeltzelt als lieber Vater wohnt. Dass die Bildmalende das Leid mit der Figur des Igels in Verbindung bringt, wird an dessen Stacheln liegen (1. Kor. 15,55: „Tod, wo ist dein Stachel?“). Der Ort der Gotteserfahrung ist für die Bildmalende eher die blühende Natur mit ihren Blumen als die Kirche.

 

 

 

Bild 3: „Jesus ist für mich Gott, sein Kreuz und seine Auferstehung“

1. Formulierende Interpretation

1.1. In diesem von hellen Farben dominierten Bild befinden sich unten grüne breite Striche, unterbrochen von einer gelben Figur mit einer über Kopf und Schulter braunen/rötlich-violetten Umhüllung. Im Kopfbereich dieser Figur sind zwei blaue Punkte zu erkennen, ein kleiner und unter diesem einem größerer. Im Rumpfbereich befinden sich drei blaue Punkte. Die gelbe Figur steht im Bildvordergrund. Das schwarze Kreuz links daneben im Bildhintergrund. Über dem Kreuz befindet sich ein bedrohlicher braunschwarzer Kreis, dann folgen zwei weitere blaue Kreise, davon direkt über der Figur ein in der Mitte heller, nicht ausgemalter. Es schließen sich im Viertelkreis ein gelber Ball (über hellrötlicher Farbe) mit Strichen, eine grüngelbe Baumformation und ein blumenartiges Gebilde, das oben in der Mitte orange ist und rot umkränzt wird, an. (Vorikonographisch (Bildvordergrund/Bildhintergrund))

1.2. Die breiten grünen Striche stellen eine Wiese dar. Das Kreuz steht für das Kreuz Jesu, die gelbe Figur für den auferstandenen Jesus, die braune/rötlich-violette Umhüllung sind seine Haare. Die blauen Punkte im Gesicht Auge und Mund. Aber wofür stehen die blauen Punkte auf dem Gewand? Weisen sie auf die Wundmale Jesu hin (Hände, Seite, Füße)? Oder sind es die Knöpfe der Strickjacke, die der Mann der Bildmalenden immer so gerne trug (Beobachtung/Wahrnehmung des Verfassers)? Die blauen Kreise sind Wolken, wobei die Wolke über dem Kreuz durch das in ihr befindliche Dunkelbraune bedrohlich wirkt. Die Wolke über Jesus ist hell. Der gelbe Ball mit den Strichen stellt die Sonne dar. Das unter dem Gelb liegende Hellrötliche lässt sie warm leuchten. Die Baumformation ist in der Tat ein blühender Baum und das blumenartige Gebilde eine blühende Blume. (Ikonographisch)

2. Reflektierende Interpretation

2.1. Formale Komposition

2.1.1. Eine Linie bilden das Kreuz und die dunkle Wolke. Die andere geometrische Figur dieses Bildes ist der Viertelkreis. Die Wolke mit der weißen Mitte, die blaue Wolke, die Sonne, der blühende Baum mit der blühenden Blume sind in einem Viertelkreis um den auferstandenen Jesus angeordnet. (Planimetrische Komposition)

2.1.2. Das Bild gliedert sich in zwei Teile, den kleineren Bildteil mit Kreuz und dunkelbrauner Wolke und den größeren Bildteil mit dem auferstandenen Jesus, den Wolken, der Sonne und der Natur. Der auferstandene Jesus bewegt sich vom Kreuz weg, er überwindet das Dunkle. Jesus, die Wolken, die Sonne und die blühende Natur repräsentieren die lebensschaffende Macht. (Szenische Choreographie)

2.1.3. Der im Bildvordergrund sich befindliche auferstandene Jesus lädt die/den vor dem Bild stehende/n Betrachter/in mit geöffneten Armen ein, wobei der Blick ein wenig an ihm/ihr vorbeigeht, das verleiht der Einladung im positiven Sinne den Charakter von Unaufdringlichkeit. Die Sonne leuchtet warm auf den Betrachter/die Betrachterin. (Perspektivische Komposition)

2.2 Ikonische Interpretation

Gott ist in diesem Bild in dem auferstandenen Jesus, aber auch in der lebensstiftenden Natur repräsentiert. Bildbeherrschend ist der auferstandene Jesus. Jesus überwindet das Leiden des Kreuzes. Ist in der bedrohlichen braunblauen Wolke schon etwas vom nahen Tod des Ehemannes der Bildmalenden ausgedrückt oder ist die Wolke nur auf den Kreuzestod Jesu zu beziehen? Wenn die drei blauen Punkte auf dem Gewand des auferstandenen Jesus die drei Knöpfe der Jacke des Mannes der Bildmalenden darstellen, sieht sie dann ihren Ehemann schon im ewigen Leben?

3. Textinterpretation aus dem anschließenden Gespräch

3.1. „… ich habe mich schwergetan, ein Bild von Gott zu malen, heißt es doch in der Bibel, dass wir uns kein Bildnis von Gott machen dürfen. Nun steht in der Bibel, dass Jesus das Bild Gottes ist, deswegen habe ich Jesus dargestellt. Jesus ist für mich Gott, sein Kreuz und seine Auferstehung, er ist mir wichtig.“

Die Bildmalende drückt ihr Bedenken aus, ein Gottesbild zu malen. Sie begründet dies vom biblischen Gebot her, sich kein Gottesbild zu machen, aber kann dann wiederum von der Bibel her ihr Malen rechtfertigen als Malen von Jesus, dem Bild Gottes. Dieser ist ihr wichtig. (Formulierende Textinterpretation)

3.2. Die Bildmalende zeigt durch ihre Äußerungen, dass sie sich bewusst an die Bibel halten will. Für sie ist Jesus, sein Kreuz und seine Auferstehung, die Offenbarung Gottes in dieser Welt. Das nicht nur theoretisch, sondern für sie persönlich, er ist ihr wichtig. (Reflektierende Textinterpretation)

4. Komparative Analyse

Ist in der sprachlichen Äußerung der Bildmalenden Jesus in priorisierender Weise die Offenbarungsquelle Gottes, so entspricht dieses ihrem Bild, wobei sie in ihrem Bild auch die blühende Natur mit ihrer Lebenskraft in Verbindung zu Jesus setzt und als lebenskraftgebend darstellt.

5. Typisierende Analyse

Für die Bildmalende ist Jesus das eine Wort Gottes, an das wir uns zu halten haben (vgl. Heidelberger Katechismus, Frage 1). Die Denksprüche in dem früheren Gemeindehaus der Kirchengemeinde haben diesen Typus aufgenommen. „Jesus Christus, gestern, heute und derselbe auch in Ewigkeit. Hebr. 13,8“ und „Wir wollen beim Evangelium von Jesus Christus leben und sterben“. Diesem theologischen Denken fühlt sich die Bildmalende verpflichtet und ist ihr Lebensquelle.

 

Ertrag/Fazit

Lars Charbonnier schreibt in seiner Dissertation „Religion im Alter. Eine empirische Studie zur Erforschung religiöser Kommunikation“3: „In der pastoralen Praxis wird das Singen traditioneller Kirchenlieder und Verlesen biblischer Texte in Verbindung mit einem ordentlichen Stück Kuchen und vielleicht noch einem Bericht über die letzte Urlaubsreise des Pastors oder eines Gemeindeglieds nicht selten als ausreichendes Angebot für die alten Menschen der Gemeinde angesehen. Damit werden nicht nur die Menschen des ,dritten Alters‘ in ihrem sehr differenzierten und vielgestaltigen Bedürfnissen der Lebensgestaltung zu wenig berücksichtigt, sie werden in ihren eigenen biographisch-religiösen Sinndeutungsbedürfnissen und -kompetenzen tendenziell unterschätzt. Die Ergebnisse dieser Studie zeigen, dass es nicht nur die Frage nach dem Sinn des Alters ist, die alte Menschen bewegt, sondern dass auch religiöse Sinndeutungsprozesse in Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben und Sterben im Alter durchaus gesucht werden. Gerade im Alter, insbesondere im Übergang zum ,vierten Alter‘ sind Angebote der Auseinandersetzung mit religiösen Lebensdeutungen deshalb von hoher Relevanz.“

Was hier Lars Charbonnier als ein Ergebnis seiner Arbeiten darstellt, trifft sich mit der in dieser kleinen Studie vorgelegten Untersuchung von drei Gottesbildern von Frauen aus einer evangelischen Frauenhilfe. Die Bilder zeigen: Die Frauen setzen sich intensiv und differenziert mit Gott, ihrem Leben und ihren Leiderfahrungen auseinander. Ihre Auseinandersetzung spiegelt hohe religiöse Kompetenz (insbesondere in der Frage der Sinndeutung von Leid). Sie treffen persönliche theologische Aussagen. Das Gottesbilder-Malen ist zum Theologisieren hin anschlussfähig. Bei allen drei Frauen offenbart sich in je eigener Weise ein Transzendenzbezug.

In der Darstellung Gottes wählen sie in der Regel Bilder aus der Natur, was auch ihrem eher ländlichen Lebensraum entspricht. Die lebenskraftgebende Wirkung Gottes wird in der Natur erlebt, bei einer sehr vom christlichen Glauben geprägten Frau in Jesus erfahren. Dagegen tritt die Institution der Kirche zurück. Die Frage des Leides taucht in jedem Bild auf. Die Auseinandersetzung mit dem Leid erfolgt dabei nicht abstrakt, sondern persönlich, es geht nicht um das Leid der Welt, sondern um das persönlich erfahrene Leid. Jede Frau hat eine unterschiedliche Antwort darauf. So drückt eine Frau in ihrem Bild aus, dass Gott als Sonne in seiner Liebe und seiner Nähe ihr Leid überwindet. Das Leid verliert durch die Gegenwart der Sonne seinen lebensbestimmenden nachhaltigen Schrecken. Dass das Leid das Irritierende des Lebens bleibt, kommt in einem anderen Bild zum Ausdruck. Entsprechend ihrem Gottesbild sieht eine Frau in Jesus Christus den Überwinder ihres Leides.

Lars Charbonnier folgend lässt sich resümierend für die pastorale Arbeit festhalten, die älteren Menschen in ihrer Lebens- und Glaubensgeschichte ernst zu nehmen und mit ihnen auf einer Augenhöhe wie mit allen anderen Alltagsgruppen von den Kindern an über Lebens- und Glaubensfragen zu kommunizieren. Dabei erweist sich das Malen von Gottesbildern als guter Türöffner aber auch als gewinnbringend für vertiefende Gespräche. In der inhaltlichen wie auch Frequentierungskrise von kirchlicher Arbeit im Alter erscheint das Sich-Beschäftigen mit Gottesbildern und das Theologisieren mit Senior*innen als zukunftsweisende Möglichkeit. Zumal es eine nicht marginal anzusetzende, sondern immens wichtige seelsorgliche Dimension beinhaltet: die Auseinandersetzung mit den im Leben erfahrenden Leiderfahrungen.

Die Bilder entstanden am Anfang der zweiten Welle der Corona-Pandemie, Ende 2020. Eine in die Tiefe gehende Auseinandersetzung mit Leben und Glauben bei den Frauen ist nicht erst durch die Corona-Pandemie bewirkt worden. Bei einer Befragung der Frauen im Herbst 2021 war übereinstimmende Meinung, die Corona-Pandemie habe an ihrer Einstellung zum Glauben bzw. zum Leben und an ihrer Gottesvorstellung nichts grundlegend geändert, nur sie vielleicht in ihrer Lebensstimmung etwas nachdenklicher gemacht.

 

Anmerkungen

1 Antje Roggenkamp/Verena M. Hartung, Theologisieren mit eigenen Gottesbilder. Brüche und Spannungen in Gottesdarstellungen von Kindern und Jugendlichen, Berlin 2020.

2 Tilmann Moser, Gottesvergiftung, Frankfurt/M. 1980.

3 Lars Charbonnier, Religion im Alter. Eine empirische Studie zur Erforschung religiöser Kommunikation, Berlin/Boston 2014, 495f.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer Dr. Roland Mettenbrink, Jahrgang 1962, Pfarrer in Pr. Ströhen und Rahden (EKvW), Studium der Evang. Theologie in Münster, Heidelberg und Bethel, Promotion bei Christian Grethlein, seit 2019 Lehrbeauftragter für Prakt. Theologie an der Uni Münster.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 9/2022

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