Aus dem „Freizeit-Monitor 2021“ der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen geht hervor, dass bei den Freizeitbeschäftigungen der Deutschen der Gottesdienstbesuch auf Rang 79 steht. Wenn das „Wie“ und das „Was“ von Gottesdienst und Predigt gelingt, lassen sich wieder mehr Menschen einladen, Gottesdienste mitzufeiern – davon ist Volkmar Gregori überzeugt. Ein Anliegen seines Beitrages ist es, Anstöße zu geben, wodurch die Krisenzeit unserer Kirche zu einer Lernzeit werden kann.

 

1. „hausgemacht“

Die Stimmen werden mehr und lauter, die sagen, dass die kirchliche Verkündigung selbst zur Krise der Kirchen beiträgt. Die Geringschätzung des Gottesdienstes vieler evangelischer Christen sei „hausgemacht“. Prof. W. Huber hat den Begriff der „Selbstsäkularisierung“ geprägt. Sie vollziehe sich durch die Reduktion des Evangeliums auf eine moralische Botschaft oder eine Zusammenstellung von ethischen Normen und Werten. Der bayerische Landesbischof H. Bedford-Strohm beklagt die „hölzerne Weitergabe dogmatischer Richtigkeiten.“ Prof. R. Frisch, theologischer Referent der Landessynode der Evang.-Luth. Kirche in Bayern, sagt es so: „Gutgemeinte Appelle an den Menschen, die Erde zu einem menschlicheren Ort zu machen und ein wenig netter zueinander zu sein, dafür braucht die Kirche allerdings niemand“.

Andere beklagen: „leer gepredigte Kirchen von Pfarrern, die keinen Glauben mehr haben“ (S. Reiche), „Predigtsprache der Vorsicht, ja der Angst, die Klarheit meidet und Verantwortung verdeckt. Die Folge: Beruhigende, ausweichende Floskeln werden ganz groß. Alle müssen irgendwie ‚mitgenommen‘, ‚angenommen‘ und ‚abgeholt‘ werden“ (J. Feddersen und P. Gessler), „persönliche Bekenntnis-Hemmung von Pfarrern und Pfarrerinnen“ (G. Engelsberger), „blumige Sonntagsreden“ (Dr. M. Spieker), „Moralisierung und Trivialisierung des Evangeliums“, „das Sündersein wird nicht mehr ernst genommen“ (Prof. U.H.J. Körtner), „wie man in den Himmel kommen kann, sagen sie den Menschen nicht. Dadurch machen sie sich überflüssig wie ein Kropf“ (U. Holmer).

Die Präses der EKD, A.-N. Heinrich, ruft im „heute-journal“ mit Blick auf die Sonntagsgottesdienste dazu auf: „Sucht euch neue Formate!“ Aber welche „Formate“ das sein sollen, das sagt sie nicht. Ein Schlag ins Gesicht derer, denen das „Format“ Sonntagsgottesdienst eine Herzensangelegenheit ist.

Die evangelische Kirche muss gerade in Gottesdienst und Predigt besser werden, mehr Leidenschaft entwickeln und es zeigen, dass sie das Evangelium für die Menschen zeitgemäß und von existentieller Bedeutung verkündigen kann. Gottesdienste brauchen die Hingabe der Herzen derer, die mitwirken. Kirche erreicht mit keinem anderen Angebot so viele Menschen, wie mit den Sonntagsgottesdiensten.

 

2. Gesamtkunstwerk

In der Wirtschaft sind Qualitätssicherung und Erfolgskontrolle zentrale Arbeitsbereiche, für die viel Geld ausgegeben wird. Darauf wird in der Kirche erschreckend wenig wert gelegt. Feedbackkultur und Evaluierung sind im kirchlichen Bereich, gerade bei Gottesdienst und Predigt, kaum ausgeprägt. Auf Synoden, in Pfarrkonferenzen und in Kirchenvorstandssitzungen wird über so vieles geredet und diskutiert, aber kaum einmal über die Inhalte von Gottesdiensten und darüber, wie sie geleitet werden, wie und was verkündigt wird.

Das „Gesamtkunstwerk Gottesdienst“ muss stimmig sein und wie aus einem Guss. Alles muss passen, z.B. auch Raumtemperatur, Kirchenschmuck, Sauberkeit in der Kirche, Lautsprecheranlage, Schuhe des Pfarrers/der Pfarrerin, wie die Lesungen vorgetragen werden, mit welcher Haltung jemand zum Altar geht, eine Sakristei, die nicht als Rumpelkammer verwendet wird, Pflege der Grünanlagen um die Kirche, Gestaltung des Schaukastens vor der Kirche und anderes mehr. Sehr vieles muss bedacht und beachtet werden, damit der Gottesdienst das Herz für die Gottesliebe öffnen, es gleichzeitig für den Nächsten aufschließen, gut tun und im Glauben stärken kann.

 

3. Das „Wie“ des Gottesdienstes

Wenn im Folgenden einiges genannt wird, was bei Gottesdiensten erlebt werden kann, wird deutlich, wie weit der Weg zum „Gesamtkunstwerk Gottesdienst“ ist.

¬ Beim Betreten des Vorraumes einer Kirche ist unklar, ob und wo Gottesdienstordnungen und/oder Liedblätter ausgelegt sein könnten. Jemanden, der begrüßt, ein Liedblatt und bei Bedarf ein Gesangbuch überreicht, gibt es nicht.

¬ Schade, dass während des Glockenläutens noch viele Besucher und Besucherinnen, zum Teil unüberhörbar, in Unterhaltungen vertieft sind. Sie halten davon ab, zur Ruhe zu kommen und sich einzustimmen.

¬ Die Mesnerin ist darauf hingewiesen worden, dass an der Anstecktafel Liednummern falsch oder unvollständig sind. Sie ergänzt und korrigiert während des Glockenläutens. Bei der Musik zum Eingang bringt sie dem Pfarrer das Ansteckmikrophon. Der allerdings signalisiert ihr wort- und gestenreich, dass er es nicht verwenden will.

¬ Das Orgelvorspiel beginnt. Eine gute Organistin sitzt auf der Orgelbank. Das ist sehr erfreulich. Kein Gottesdienst kann auch nur in Ansätzen „Gesamtkunstwerk“ werden, wenn der Organist oder die Organistin schlecht ausgebildet oder unvorbereitet ist. Musik und Wort im Gottesdienst, ob im Wechsel gesprochen oder gesungen, verlangen Partnerschaft und Teamgeist von den Ausführenden. Kirchenmusiker und Theologen sind gleich wichtig für das Gelingen eines Gottesdienstes.

¬ Die Musik zu Beginn ist lange noch nicht zu Ende, da hat sich der Pfarrer bereits ans Lesepult geschlichen und fängt an, die Gekommenen anzugrinsen und vielen zuzunicken. Sehr ärgerlich! Die Aufmerksamkeit kann jetzt nicht mehr der Musik allein gelten.

¬ Das erste Wort am Lesepult ist „Ich“. So darf kein Gottesdienst beginnen, auch nicht mit „Wir“ oder „Unser“. Jeder Gottesdienst beginnt „Im Namen Gottes …“

¬ Die Wort für Wort abgelesene Begrüßung ist angefüllt mit Belanglosigkeiten und überflüssigen „Regieanweisungen.“ Sie wird ellenlang.

¬ „Unser Pfarrer spricht zu leise, zu schnell und zu undeutlich. Vieles kann ich nicht verstehen. Ich habe es ihm schon ein paar Mal gesagt. Es hat sich nicht geändert. Soll ich überhaupt noch in die Kirche gehen?“ Hörbarkeit und Verständlichkeit sind das A und O in jedem Gottesdienst.

Probleme mit Schuld und Sünde

¬ Die Scheu der Liturgen und Liturginnen den Gottesdienstbesuchern das Sündenbekenntnis „zuzumuten“ ist groß. Die Wörter „Sünde“ und „Sünder“ sind anstößig geworden. „Gott, sei mir Sünder gnädig“ (Lk. 18,13)! Nichts rührt Gottes Herz mehr an, als so angesprochen zu werden. „Gott ist einsam geworden, es gibt keine Sünde mehr“, schrieb der Theologe Paul Schütz. Wenn wir das Sündersein nicht mehr ernst nehmen, verharmlosen wir Gott und unsere menschliche Existenz. Das Confiteor verkommt dann zur Nennung möglicher Befindlichkeiten der Gottesdienstbesucher und von Missständen jeglicher Art und überall auf der Welt. Werden die Gläubigen als Menschen angesprochen, die gesündigt haben, muss auch gesagt werden, dass sie Sünde und Schuld anderer erlitten haben. Jeder Mensch hat Anteil an der Verflechtung mit der komplexen Schuld- und Schicksalsgemeinschaft der Menschheit. Niemand kann ruhigen Gewissens in der Kirchenbank sitzen und meinen, er wäre ohne Sünde.

¬ Die Vergebungsbitte bleibt weg, folglich auch die Gnadenzusage. Kein Mensch kann sich selbst freisprechen. Jede/r bedarf des Zuspruchs der Vergebung. Es wäre jedoch falsch zu glauben, dass mit dem Zuspruch der göttlichen Vergebung auch die Schuld zwischen Menschen erledigt sei. Vergebung ohne Reue kann es nicht geben. Ohne Aussprache, ohne den Vorsatz zur Besserung und ohne das Bemühen um Wiedergutmachung ist Umkehr nicht möglich. Absolution und Gnadenzusage sind die Zusage von Gottes Nähe im Angesicht von Schuld. Sie ermutigen, Verantwortung für Schuld zu übernehmen.

¬ Freilich, die „conditio humana“ und die Beziehung zu Gott sind nicht allein von Schuld bestimmt. Der Mensch ist mehr als Schuld. Deshalb ist das Sündenbekenntnis zu erweitern, so dass auch Freude und Dank für viel Leben zum Ausdruck kommen können. Damit werden zu Beginn des Gottesdienstes Gelingen und Scheitern, Traurigkeit und Hoffnung, Sorge und Tatkraft Gott in die Hände gegeben, ihm anvertraut und losgelassen. Das Confiteor ist Herausforderung und Weichenstellung in jedem Gottesdienst.

¬ Schön, wenn der Introitus im Wechsel zwischen Liturg*in oder Kantor*in und Gemeinde gesungen wird, genau wie auch das Kyrie und das Gloria. Allerdings wird oft nicht beachtet, dass es sich um liturgisches Singen, um Sprechgesang also, handelt und nicht um den Vortrag einer Arie mit der Tempovorgabe „adagio“.

¬ Eine Mitarbeiterin geht an das Lesepult und will die erste Lesung vortragen. Das Lektionar liegt nicht auf dem Ambo. Sie muss es unter dem Ambo hervorholen. Es ist nicht aufgeschlagen. Sie weiß nicht, wo sie aufschlagen soll. Sie blättert lange hin und her. Schließlich kommt der Pfarrer und schlägt ihr die Stelle auf. Wie sie die Lesung dann vorträgt, zeigt deutlich, dass sie sehr aufgeregt ist.

Der Unterschied von „privat“ und „persönlich“

¬ Auch auf der Kanzel heißt das erste Wort „Ich“. Kein Kanzelgruß, nicht die Lesung des Bibelabschnittes für die Predigt, keine Aufforderung zu einem stillen Gebet um rechtes Reden und Hören, kein Gebet des Predigers, sondern: „Liebe Gemeinde! Ich muss Ihnen gestehen, dass ich mich mit dem Predigttext für heute sehr schwergetan habe. Aber ich bin dennoch nicht auf einen anderen Text ausgewichen…“ Respekt, Herr Pfarrer! Noch einige Male redet der Pfarrer in der Predigt von sich, von seinen Urlaubsplänen, von seiner Enkelin, von seiner Überlastung. Diese „Ichs“ sind peinliche Nabelschauen. Privatangelegenheiten gehören nicht auf die Kanzel! Privat predigen – nein, persönlich predigen – ja, nämlich dann, wenn der Prediger von seinem Glauben erzählt, damit an den Bibelabschnitt für die Predigt anknüpft, ihn mit seinem Erleben illustriert und so ermutigt, vom eigenen Glauben zu reden.

¬ Der Predigende würdigt die Hörer keines Blickes. Während der ganzen Predigt „würdigt“ er nur sein Manuskript. Mit beiden Händen hält er sich an der Kanzelbrüstung fest und liest gesenkten Hauptes ab. Satz an Satz, Aussage an Aussage, Behauptung an Behauptung reihen sich aneinander. Gedankenfortschritte gibt es kaum. Predigt ist keine Vorlesung und kein Monolog, sondern Wortwechsel Gottes mit der Gemeinde. Die Stimme des Predigers ist monoton und einförmig. So vieles kann man mit der Stimme machen. Er tut es nicht. Dazu könnte er Gestik und Mimik einsetzen. Auch das macht er nicht. An Pausen, die absolut unverzichtbar in jeder Rede sind, denkt er nicht. Das Repertoire für die Rhetorik und den Vortrag der Predigt ist groß. Leidenschaft, Emotionalität, Begeisterung, Glaubenszweifel, Humor, Ärger, Freude – davon ist nichts zu hören, nichts zu spüren und nichts zu sehen. Die Predigt plätschert dahin. Nach acht, neun Minuten verabschieden sich innerlich immer mehr Hörer und Hörerinnen und klinken sich bis zum erlösenden „Amen“ aus. Wie sehr es beim Predigtauftritt um Sprache, Körperhaltung, Mimik, Gestik und Präsenz geht, wird oft nicht hinreichend beachtet. Mit dem „Wie“ ihrer Predigt bringen sich viele Predigerinnen und Prediger um den Lohn der Mühe, die sie sich mit ihrer Predigtvorbereitung gemacht haben.

¬ Im Rahmen der „Mitteilungen aus dem Gemeindeleben“ wird die Gemeinde dreimal aufgefordert, Applaus zu spenden: der Organistin für ihren Dienst an der Orgel, der Kirchnerin für den Blumenschmuck auf dem Altar und allen, die beim Verteilen der neuen Gemeindebriefe mithalfen. Ganz gleich, wie man über Beifallsbekundungen im Gottesdienst denkt, wenn sie inflationär werden, verlieren sie ihren Wert.

¬ Beim Fürbittengebet wird die Gemeinde zum stillen Gebet eingeladen. Schon nach wenigen Sekunden beendete der Liturg die Stille. Er ließ kaum Zeit, eigene Gebetsanliegen still zu nennen. Hat er selbst Gott in der Stille etwa nichts zu sagen?

¬ Der aaronitische Segen wird so schnell und undeutlich gesprochen, dass es kaum zu hören ist, wer der Adressat der Segensbitte ist: „Deer segne euch…Deer lasse sein Angesicht…Deer erhebe…“ Der „Herr“ wird „verschluckt“.

¬ Noch ist das Orgelnachspiel nicht zu Ende und schon ist die Kirche leer. Niemand hat nach dem Segen noch einmal Platz genommen, um zuzuhören. Der Kirchner hat die Altarkerzen bereits gelöscht. Wertschätzung des Organisten/der Organistin kommt dadurch nicht zum Ausdruck.

¬ Am Ausgang liegt die Predigt in gedruckter Form zum Mitnehmen, Nachlesen und Weitergeben aus. Darauf wurde in den Abkündigungen hingewiesen. Dieser Service wird gerne angenommen.

¬ Der Pfarrer verabschiedet die Gemeinde an der Kirchentür. Blickkontakt hält er nicht mit denen, denen er gerade die Hand gibt, sondern schaut, wer als nächstes kommt.

¬ In der Gemeinde gibt es zwei Pfarrer, je mit einer ganzen Stelle, und eine Pfarrerin mit einer halben Stelle. Meistens feiert nur der Pfarrer oder die Pfarrerin den Gottesdienst mit, der/die ihn auch leitet. Von den beiden anderen ist nichts zu sehen. Sie bringen zum Ausdruck: Ich brauche den Gottesdienst nicht und stehe nur dann am Altar und auf der Kanzel, wenn ich „Dienst“ habe. Wenn ich „frei“ habe, dann mache ich alles andere, als in einen langweiligen Gottesdienst in unserer Gemeinde zu gehen. Solche Pfarrer und Pfarrerinnen sind keine Vorbilder für ihre Gemeinde.

Schöne Gottesdienste? Gesamtkunstwerke?

 

4. Entlastung

Es ist Gott selbst, der dafür sorgt, dass Gottesdienst und Predigt zur vollmächtigen, wirksamen Verkündigung seines Wortes werden. Den Weg von Auge und Ohr zum Herzen und in die Seele eines Menschen kennt nur der Heilige Geist. Was Menschen dazu tun können, ist es, den Geist Gottes nicht zu behindern, wenn er diesen Weg gehen will. Gott möchte durch Menschen hörbar und sichtbar werden. Sie dürfen damit rechnen, dass sie nicht alleine vor der Gemeinde stehen, sondern dass Gott ganz real neben der Predigerin und dem Prediger steht. Sie müssen es sich aber auch stets neu bewusst machen, dass sie der anschaulichste Teil des Gottesdienstes und die ersten Hörer der Predigt selbst sind, ob sie das wollen oder nicht.

 

5. Das „Was“ der Predigt – Glaube und Seligkeit

Entscheidend für den Glauben eines Menschen ist das Hören der Predigt des Evangeliums: „So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi“ (Röm. 10,17). Verkündigung, die Glauben weckt, gründet in der Verkündigung Jesu. Der Glaube aber ist die Voraussetzung für Seligkeit und ewiges Leben, die allein Jesus Christus schenkt: „Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig“ (Apg. 16,31)! Dass alles an der Glaubensbereitschaft des Menschen hängt, ist wie ein „cantus firmus“ im NT: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“ (Joh. 3,16). „Dein Glaube hat dir geholfen“ (Lk. 18,42 u.a.). „Aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben“ (Eph. 2,8). „Die ihr aus Gottes Macht durch den Glauben bewahrt werdet zur Seligkeit, die bereitet ist, dass sie offenbar werde zu der letzten Zeit“ (1. Petr. 1,5). „Ohne Glauben ist’s unmöglich, Gott zu gefallen“ (Hebr. 11,6). Jesus selbst erklärt im Gespräch mit Nikodemus den Glauben zum alleinigen Heilskriterium.

Der Zusammenhang, dass der Glaube aus der Predigt kommt und selig macht, wird vernachlässigt oder gar verschwiegen. Er muss aber ein zentrales Anliegen für das „Was“ der Predigt sein. Der Glaube ist der Schlüssel zum Heilwerden in diesem Leben und zur Seligkeit im Himmel. Ohne Kirche, Gottesdienst und Predigt aber kann dieser Schlüssel nicht gefunden werden. Es gibt keinen Glauben ohne die Kirche als die ihn tragende Institution. Das ist wie mit der Eisenbahn. Wenn einmal die Gleise abgebaut sind, fährt kein Zug mehr. Hier fehlt es in vielen Predigten an Deutlichkeit und Klarheit.

 

6. Das „Was der Predigt“ – Himmel und Hölle

Die Kernbotschaft Jesu lautet nicht: „Ich bin o.k.! Du bist o.k.“ Hinter einem derart glattgebügelten, soften Jesus steckt handfester Betrug. Luther und Calvin sagten: „Gott liebt dich, obwohl du bist wie du bist.“ Sie sagten nicht: „Gott liebt dich, so wie du bist.“ Das wäre ein Missverständnis, weil es zur Annahme einer „billigen Gnade“ führt, wie Bonhoeffer sie genannt hat. Jesus ist gekommen, uns zu retten. Deshalb ruft er dazu auf: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium“ (Mk. 1,15)!

Viele Predigten sind derzeit vor allem von der Rede vom lieben und gütigen Gott bestimmt. Prediger tilgen den Zorn Gottes aus dem Gottesbild der Bibel. Der Gott der Bibel ist aber kein tauber, hilfloser Greis, der zu allem „Ja und Amen“ sagt. Er ist der Allmächtige, der Ewige, der Heilige. Er erschreckt und erschüttert. Er kennt Wut und Strafe. Schuld, Gericht, Verdammnis, Hölle, Gnade, Auferstehung, ewiges Leben – was in der Mitte unseres Glaubensbekenntnisses seinen Platz hat – ist an den Rand gerückt. Diese großen Wörter des Christentums müssen in unsere Zeit übersetzt werden, damit ihre Orientierungskraft neu gewürdigt werden kann. Predigende machen sich auf die Suche und investieren große Sorgfalt in den Prozess der sprachlichen Transformation, damit Menschen sich in den zentralen Begriffen des christlichen Glaubens mit ihrem Weltverständnis wiederfinden können. Bei allem Umbau und Abbau im Bereich von Finanzen, Immobilien und Personaleinsatz, den kirchliche Mitarbeiter derzeit bewältigen müssen, sind die Suche nach neuen Wegen zum Verstehen des christlichen Glaubens und der Veränderungsprozess „der Sprache Kanaans“ die vielleicht dringlichsten Aufgaben.

Die Fragen der Menschen bleiben: Was kommt nach dem Tod? Wer kommt in den Himmel, wer kommt in die Hölle und warum? Sind wir im Himmel wieder mit geliebten Menschen zusammen oder auch mit Ungeliebten? Und überhaupt, wie kann man sich das alles vorstellen? Diese Fragen und die Antworten darauf sind in der Botschaft Jesu zentral. Der strafende, der richtende, der zornige und unbegreifliche Gott darf bei dem „Was“ der Predigt nicht unterschlagen werden. An der Gerichtspredigt Jesu geht kein Weg vorbei. Bei Jesus gibt es kein Heil ohne Gericht. Es gibt keine Versöhnung und keine Erlösung ohne Wahrheit. Wer nicht mehr das Gericht Gottes predigt, muss sich sagen lassen, dass er nicht auf der Seite der Zukurzgekommenen steht. Auf deren Seite steht Jesus. Mit dem Gericht Gottes kommt die Gerechtigkeit so zu ihrem Recht, wie es in der Welt nie der Fall ist. So wie diese Kirchenvorsteherin denken viele: „Ich bin mir sicher, dass es ein Gericht nach dem Tod geben wird. Dass ‚Gericht‘ kein Thema mehr in der Kirche ist, hat dazu beigetragen, dass der Glaube an Gott keinen Stellenwert mehr hat und so auch der Kirchgang ‚unnütz‘ geworden ist.“ In dem Satz von Bischof Cyprian von Karthago, „extra ecclesiam nulla salus“, spiegelt sich diese Haltung auf problematische, womöglich unevangelische, Weise wider. Heute hat sich Cyprians Satz allerdings in sein Gegenteil verkehrt und Massen von Menschen kehren der evangelischen Kirche den Rücken. Sie erleben es und sind der Meinung, „intra ecclesiam nulla salus“.

Fürchten Theologen den Vorwurf, sie würden ihr „Geschäft mit der Angst“ der Menschen betreiben, wenn sie das Gericht Gottes verkündigen? Hüten sie sich deshalb davor, „klaren Wein einzuschenken?“ Die Heilige Schrift ist Grundlage und Maßstab für unser Predigen. Wir dürfen darum Gott nicht als den verkündigen, der allen alles verzeiht. Gott respektiert es, wenn wir uns selbst aus der Gemeinschaft mit ihm und der Kirche ausschließen. Dieser Selbstausschluss geschieht nicht aus Unkenntnis oder irrtümlich. Er geschieht wider besseres Wissen oder bewusst. C.S. Lewis sagt zu den Folgen dieses Ausschlusses: „Alle, die in der Hölle sind, erwählen sie selbst.“

 

7. Fortbildungen – ein leidiges Thema!

Das Angebot an Fortbildungsmaßnahmen ist groß. Es scheint jedoch regelrecht Angst davor zu herrschen, Fort- und Weiterbildungen in Homiletik und Liturgik zu besuchen. „Über alles können Kollegen und Kolleginnen mit mir reden, aber was meine Predigt und meinen Gottesdienst angeht, da lasse ich mir von niemandem etwas sagen.“ Die Predigt ist für viele Theologinnen und Theologen das Wichtigste ihres Berufes. „Wie predigt er/sie denn?“ Das ist eine Frage, die oft gestellt wird, wenn über einen Pfarrer oder über eine Pfarrerin gesprochen wird. Fortbildungen in Sachen „Predigt“ sollten die dringlichsten und am meisten besuchten Fortbildungsmaßnahmen sein.

Weil das „Wie“ und das „Was“ von Gottesdienst und Predigt für den Glauben von Menschen und für die Relevanz von Kirche so bedeutsam sind, muss die Bereitschaft, hier bis zum Ende der Dienstzeit weiter zu lernen, eingefordert und gefördert werden. Der Dienstgeber stellt dafür den Einsatz von Finanzmitteln zur Verfügung. Er macht jährlich eine einwöchige Fortbildung in Gottesdienst und Predigt für alle Pfarrerinnen und Pfarrer verpflichtend. Dienstliche Beurteilungen sind zu selten und geben nicht die Zeit her, in der nötigen Intensität über den Gottesdienst zu reden.

 

8. Fragen

1. Wie können Pfarrerinnen und Pfarrer ermutigt und gestärkt werden, zu ihrem Auftrag zu stehen?

2. Wie kann insgesamt ihre Rolle in der Kirche wertgeschätzt werden?

3. Welche Unterstützung benötigen sie, um aus dem „Hamsterrad“ systeminterner Fragestellungen herauszutreten?

4. Wer kann ihnen – und wie – ein gutes Gewissen machen, dass ihr Beruf ein geistlicher Beruf ist, der eigene Zeiten der Stille, des Gebets, der Schriftlektüre, der Meditation braucht?

5. Was kann dazu beitragen, dass Pfarrer und Pfarrinnen ihre „persönliche Bekenntnis-Hemmung“, vor allem im Kreis von Kollegen und Kolleginnen, ablegen?

6. Wie kann die „Gemeinschaft der Ordinierten“ gepflegt werden, so dass sie stützt und bereichert?

 

9. Lust auf Gottesdienstbesuch?

Was macht Lust dazu, Veränderungen im Bereich Gottesdienst und Predigt beherzt und leidenschaftlich anzupacken, stetig, Schritt für Schritt. Not lehrt nicht nur beten, Not macht auch erfinderisch. Mit dem Lied „Sonne der Gerechtigkeit“ (EG 262) bitten wir Gott: „Weck die tote Christenheit aus dem Schlaf der Sicherheit, dass sie deine Stimme hört, sich zu deinem Wort bekehrt. Erbarm dich Herr.“ Freilich: Die Krise von Gottesdienst und Predigt ist auch eine Krise des Gebets. Beten wir inständig um Erweckung in unserem Land.

Mit einem Zitat aus der Regel des Vaters aller Mönche, Benedikt von Nursia, 6. Jh., ist diese Abhandlung überschrieben: „Dem Gottesdienst soll nichts vorgezogen werden“. Die Verantwortlichen in Kirche und Gemeinden werden weiterhin nüchtern zählen, analysieren, kalkulieren und vorausschauend planen. Unser Herz aber hängt nicht an Zahlen, Strukturen, Gebäuden und „guten, alten Zeiten“. Leidenschaft und Hingabe für den Gottesdienst haben zum Ziel, ihn so zu gestalten, dass er anziehend ist. Da zählt nicht die Zahl der Mitfeiernden als erstes. Martin Luther erinnert uns: „Der Glaube ist ein steter und unverwandter Blick auf Christus.“ Wir vertrauen dem, was Gott uns mit Jesus geschenkt hat und sind gewiss, dass wir selig werden. Wir sind nicht bekümmert, „denn die Freude am Herrn ist eure Stärke.“ (Neh. 8,10).

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer i.R., Dekan a.D. Volkmar Gregori, Jahrgang 1953, ­Studium der Evang. Theologie in Neuendettelsau, München und Erlangen, Pfarrer der bayerischen Landeskirche, 1991-2004 ­Dekan in der fränkisch-thüringischen Rennsteigregion in Ludwigsstadt, 2004-2014 Dekan am bayerischen Untermain in Aschaffenburg, seit 2019 im Ruhestand in Bayreuth.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 9/2022

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