Die Vorliebe des „säkularen Protestantismus“ für den Buddhismus in ehemals protestantisch geprägten Ländern ist unübersehbar. Diese Sympathie erstreckt sich weit in den Neuprotestantismus hinein. Sie manifestiert sich in der bevorzugten Behandlung des Buddhismus in Lehrplänen für Evang. Religionslehre in der Mittel- und Oberstufe von Gymnasien und Realschulen. Während der katholische Lehrplan gleichgewichtig die Behandlung von Hinduismus und Buddhismus vorschreibt, entfällt der Hinduismus in evangelischen Lehrplänen ganz. Weitere Beispiele könnten angeführt werden. Säkularisierte Ex-Protestanten wenden sich bevorzugt dem Buddhismus zu. Daher habe ich 28 Gründe für diese Affinität zusammengestellt – in leichtem Duktus zur bessern Anschaulichkeit.

 1. Der säkulare Protestant ist gottfroh, dass es im Buddhismus keinen absoluten Gott gibt. Erst recht keinen Gott-Vater. So etwas mag der säkulare Protestant nicht. Wenn, dann gibt er sich selbst Rechenschaft.

 2. Er ist auch froh, dass es dort kein so „katholisches Zeug“ von Riten gibt, wie im Hinduismus.

 3. Er ist zufrieden, dass es dort nicht so heidnische Vorstellungen gibt, wie die „Seele“. Damit weiß der Neuprotestant nichts Rechtes anzufangen. Für seine Gefühle braucht er keine „Seele“. Deshalb überträgt er die „Seelen“-Vorstellung, wie anderes zauberhafte, auf seine Frauen, die er „Seele“ nennt, wenn sie ihm hold gesonnen sind.

 4. Andererseits ist der säkulare Protestant beruhigt, dass der Buddhismus doch ein bisschen Leben über den Tod hinaus lehrt, in Form von Reinkarnation.

 5. Dem säkularen Protestanten gefällt auch, dass man im Buddhismus durch tugendhaftes Leben eine bessere Wiedergeburt erlangt. Solchen ethischen Ehrgeiz kennt er von zuhause. Dass das belohnt wird, gefällt ihm.

 6. Dass Gautama Buddha selbst von Himmel und Hölle gesprochen hat, hält der säkulare Protestant für einen funktionslosen Traditionsbestand. Schließlich hat der Buddha gelehrt, dass alles Illusion sei.

 7. Strukturell fühlt er sich im Buddhismus zuhause. Alle religiöse Energie wird auf den Heilsbringer gerichtet.

 8. Dass dieser Gautama Buddha heißt, und nicht Jesus Christus, gefällt ihm. Buddha hat nicht ständig von „Liebe“ geredet, was für den säkularen Protestanten viel zu rührselig ist, und ihn zuweilen überfordert, sondern von „Mitleid“. Nun, das kann man haben, ohne dass es mit der Verpflichtung einhergeht, alle lieben zu müssen, die man lieber auf Distanz hält.

 9. Der säkulare Protestant mag es auch, dass in buddhistischen Versammlungen die Lehre des Buddha gepredigt wird. Das kennt er von zuhause oder von den Großeltern zu Weihnachten. Der säkulare Protestant predigt ja selbst gerne.

 

Bilder von Bodhisattvas erinnern zu sehr an den Katholizismus

10. Ihm gefällt auch, dass man in Zen-Klöstern keine Bilder von Bodhisattvas sieht. Die erinnern ihn zu sehr an den Katholizismus.

11. Dass der Buddhismus ein ziemlich polytheistisches Pantheon hat, hält er für Rückstände in der Volksfrömmigkeit. Sowas hat auch der Katholizismus nicht ausgemerzt.

12. Deshalb ist für den säkularen Protestanten Zen die höchste Form des Buddhismus. Dort muss man einfach nur still sitzen und den Mund halten, bis die Erleuchtung kommt. Das hat er in der Schule gelernt. Das kennt er.

13. Dass die Zen-Meister stets betonen, dass sie keine Dogmen haben, gefällt ihm sehr. Dogmen hasst er.

14. Dass die Zen-Meister das – wie vieles andere – nicht ganz ernst meinen, sondern als eine Art Koan ausgeben, entgeht dem säkularen Protestanten. Für ihn ist eine Religion nur seriös, wenn dort keine Witze gemacht werden.

15. Für den säkularen Protestanten endet der Raum der Vernunft am Rio Grande, an den Pyrenäen und den Karpaten. Mit Verblüffung hat er daher entdeckt, dass die Birmanen auch ganz Vernünftiges von sich geben. Die reden von „Achtsamkeitsmeditation“. Aufpassen hat er schon im Kindergarten gelernt und fokussiert Arbeiten an der Uni. Tüchtige Lebens­philoso­phie!

16. Mit ihn selbst befremdender Faszination hat der säkulare Protestant Tibet entdeckt. Dass auf Thangkas tantrische Paare in sexueller Vereinigung dargestellt sind, gefällt ihm. Schließlich hat er in den 1960er Jahren entdeckt, dass Sex ein probates Mittel zur Rebellion ist und ein prima Ausgleich zu seiner sonstigen Disziplin.

 

Zum Glück muss man nicht beichten

17. Außerdem entlastet es ihn, wenn sein Privatleben nicht ganz ordnungsgemäß abläuft. Beichten muss er ja nicht. Das machen nur Katholiken. Und vögeln dann trotzdem weiter, querbeet – sorry: queer – sogar. Im Tantra ist das Teil der Religion. Das ist schon seriöser. Darauf kann man sich berufen.

18. Im Übrigen gibt der Dalai Lama so vernünftige Ansichten von sich, dass der säkulare Protestant sie jeder­zeit unterschreiben würde.

19. Dass der Gautama Buddha gelehrt hat, dass Frauen nicht anzubeten seien – weder im Himmel noch auf Erden –, beruhigt den säkularen Protestanten auch. Für ihn ist das Weibliche nicht heilig.

20. Dass seine ehemalige Kirche, der er sich wegen ihrer politischen Ansichten und ihrem öffentlichen Engagement immer noch etwas verbunden fühlt, Pfarrerinnen hat, gefällt ihm: Die sind ja nicht heilig, sondern tüchtig. Außerdem kümmern sie sich besser um Kinder und das Gemeinschaftsgefühl.

21. Dass der Buddhismus mit der Frauenquote ein ­gewisses Problem hat, entgeht dem säkularen Protestanten. Bei aller Gleichheit der Rechte, die er vertritt, ist er, religionspsychologisch betrachtet, ja ­patriarchal geprägt geblieben. Das entgeht ihm ganz, weil er an solch mystische Sachen wie Tiefenpsychologie nicht glaubt.

22. Es erlöst den säkularen Protestanten, dass der Buddhismus nicht einmal an seine eigene Seele glaubt. „Identität“ ist ja nur eine Setzung, die auf „Gott“ als Grenzbegriff beruht, wie Kant widerstrebend gelehrt hat.

23. Es erleichtert den säkularen Protestanten, dass man im Buddhismus nicht Etwas werden muss – im Gegenteil, Nichts werden. Besonders im Alter.

24. Schließlich spricht der Pessimismus des Buddhismus ihn an, wie schon Schopenhauer, der auch ein säkularer Protestant war.

25. Im Jenseits hat man nach protestantischer Lehre nichts zu erwarten, als den „Seelenschlaf“, bis zum Jüngsten Gericht, und das kann dauern.

26. Im Diesseits kann der Protestant „nur von der Gnade leben“, selbst wenn er tüchtig ist. Das bleibt auch beim säkularen Protestanten noch haften. Fröhlich ist das nicht. Das hat Gautama Buddha richtig erkannt.

27. Weshalb er zum erfolgreichsten Aussteiger der Weltgeschichte wurde, was dem säkularen Protestanten doch imponiert.

28. Außerdem bliebt Gautama Buddha Realist, und vermied es, sich für irgendetwas aufzuopfern und dafür am Kreuz zu enden. Solche geschmacklosen Extreme liebt der säkulare Protestant wirklich nicht.

 

Ullrich R. Kleinhempel


 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 7/2022

Kommentieren Sie diesen Artikel
Pflichtfelder sind mit * markiert.
Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.
Spamschutz: dieses Feld bitte nicht ausfüllen.