Rabindranath Tagore – Dichter, Erzähler, Dramatiker, Komponist, Erzieher, Sozialreformer und philosophierender Zeitgenosse – steht für eine von universalem Bewusstsein bestimmte Spiritualität, die getragen ist von Güte, Liebe und Freude. Immer wieder begegnen Sentenzen Tagores, bis hinein in das Evangelische Gesangbuch. Doch das innere Gefüge seiner Gedankenwelt ist wenig vertraut. Dieter Koch stellt Tagores Werk vor.*

 

I   Hinführung

Als reife Gestalt seines immer neuen Nachdenkens über die religiöse Erfahrung gab Rabindranath Tagore (1861-1941) mit seinem Buch „Die Religion des Menschen“ aus dem Jahr 1931 (deutsch 1962), noch einmal Kunde von dem, was ihn ein Leben lang inspirierte. Dieses Werk ging hervor aus seinen Hibbert-Lectures in Oxford im Jahr 1930. Tagores gesamtes Wirken als Dichter, Erzähler, Dramatiker, Komponist, Erzieher, Sozialreformer und dabei philosophierender Zeitgenosse ist durchdrungen von einer durch und durch persönlichen Verbindung von Natursinn, tiefer Musikalität und echtem religiösem Geist. Er führt uns ein in die Hallen einer von universalem Bewusstsein bestimmten Spiritualität, die getragen ist von Güte, Liebe und Freude. Tagore ist ein Meister darin, die besten Saiten der menschlichen Seele anzuschlagen und in vielen den Jubel des Seins auszulösen.

Tagore ist die große Stimme Bengalens, ja des indischen Subkontinents. Seine Lieder, weit mehr als 2000, sind tief eingedrungen in den Geist seines Volkes. Er, der Goethe Indiens, wurde zum Autor zweier Nationalhymnen, der Indiens und der Bangladeshs. Er gilt noch immer als die Stimme Asiens, seit er 1913 überraschend den Nobelpreis für Literatur für seine in englische Prosa übersetzten bengalischen Lieder in dem Werk „Gitanjali“ erhielt.

Immer wieder begegnen uns Sentenzen Tagores – bis in das Evangelische Gesangbuch hinein. Aber ein Blick auf das innere Gefüge seiner Gedankenwelt wird selten geworfen. Im Wiederlesen seiner Werke „Die Religion des Menschen“ und „Sadhana“ möchte ich hier meine Begegnung mit Tagore teilen. Es kann dabei nur ein erstes Tasten in eine ferne, faszinierende und doch so nahe Welt sein.

 

II   Die Musik des Lebens

Beginnen will ich mit dem Eröffnungsgedicht aus Gitanjali: „Du hast mich nicht enden wollend erschaffen, dir zum Wohlgefallen. Wieder und wieder leerst du dies zerbrechliche Gefäß, und füllst es stets mit neuem Leben. Über Hügel und Täler hast du diese zierliche Flöte aus Schilfrohr getragen und ihr mit deinem Hauch ewig neue Melodien entlockt. Unter der unsterblichen Berührung deiner Hand sprengt mein kleines Herz freudig seine Grenzen und gebiert unsagbare Worte. Deine unendlichen Gaben empfange ich allein mit meinen ach so kleinen Händen. Zeitalter vergehen, doch der Strom deiner Gaben hält an, und noch immer gibt es Raum zum Füllen“ (Gi, 21), so in der Übertragung aus dem Englischen von Axel Monte, während die Schlusszeile in der Übertragung von Marieluise Gothein lautet: „immer ist Raum, um erfüllt zu werden“ (HL, 7) – womit?

Das Gedicht wendet sich an Gott. ER ist der Dichter des Lebens. ER stimmt die Musik des Lebens an. Der Sänger Tagore ist eine der Flöten, durch die ER die Noten des Lebens zum Klingen bringt. Unendlichkeit bildet den Horizont. Die Ewigkeit ist Ziel. Der Weg ist Jubel.

Man kann, man darf sich „das Weltall nicht so irrsinnig vorstellen, daß Verlangen ein unendlicher Gesang ohne Finale sein sollte“, führt Tagore in der „Religion des Menschen“ (RM, 127) aus und meint „Die letzte Freiheit des Geistes … liegt jenseits aller Grenzen der Persönlichkeit, … Sie ist das reine Bewußtsein des Seins, die letzte Wirklichkeit, die von Glückseligkeit unendlich durchstrahlt wird“ (RM, 125, bliss).

Und die Musik? Musik, der Rhythmus der Harmonien, ist ihm „der unmittelbarste Ausdruck der Schönheit. Ja, wir empfinden die Offenbarung des Unendlichen in den endlichen Formen der Schöpfung selbst als Musik, als stumme, sichtbare Musik. Der Abendhimmel, der unermüdlich seine Sternbilder wiederholt, … der Geruch des feuchten Grases und der nassen Erde … alles sind Töne … Es ist seine Freude selbst, die darin nie endend Gestalt annimmt. Es ist das Herz aller Herzen selbst, das sich in Musik durch das All ergießt. In jedem einzelnen Ton dieser Musik ist eine Vollkommenheit, die die Offenbarung des Vollkommenen im Unvollkommenen ist.“ (Sa, 111ff)

„Es ist die Aufgabe des Menschen, die Musik des Geistes mit allen Noten, die er in seiner seelischen Anlage besitzt, zu erzeugen, und die durch Unaufmerksamkeit und Perversität nur zu leicht ein furchtbarer Mißklang werden können“ (RM, 84). Alle unsere Fähigkeiten und Leidenschaften sind „Noten, die an der falschen Stelle falsch klingen. Unsere Erziehung soll sie in Akkorde zusammenfügen, die mit der großartigen Musik des Menschen (man) zusammenklingen können“ (RM, 83). Rhythmus, Harmonie, das heißt für Tagore vor allem wechselseitige Beziehungen, a consciousness of inter-relationship (RM, 92), in einem ontologischen Basissatz dahin formuliert: „Die Wirklichkeit gründet nicht in der Substanz der Dinge, sondern in der wesenhaften Beziehung“ (RM, 88).

 

III   Die Religion des Menschen

Und die Religion? Was sollte sie anderes sein als der Lobgesang des Alls aus dem Munde derer, in denen Gott sich eine endliche Wohnstätte schafft. In der „Religion des Menschen“ gibt Tagore eine weit gefasste Darstellung seiner Sicht der Religion. Das Buch besteht aus 14 Kapiteln und einer kurzen Conclusion. In drei Bögen lässt sich das Werk in einem ersten Gang gliedern: Die ersten fünf Kapitel geben eine Sicht auf das weite Feld der Religionsgeschichte und suchen darin ein Grundverständnis der Religion aller Zeiten aufzustellen. Dieser Gang findet im 5. Kapitel mit einer Würdigung Zarathustras, als des ersten Propheten eines universalen Verständnisses des Menschen seinen Ziel- und Höhepunkt.

Der zweite Bogen umfasst die Kapitel 6-10, die nun ganz bestimmt sind von der Wiederholung des zuvor Vorbereiteten durch seine Prüfung an und weitere Erhellung in der persönlichen religiösen Erfahrung des Dichters Tagore. Das 6. Kapitel, überschrieben „Die Schau“, ist das zentrale Kapitel schlechthin, und man könnte sich ganz darauf konzentrieren. Dafür steht auch, dass Tagore bei einem Vortrag in Marburg im selben Jahr 1930 wie die Hibbert-Lectures im Wesentlichen genau dieses Kapitel als die Summe seiner Religionsauffassung dargeboten hat. Dieser Vortrag „Meine Religion“ wurde von Rudolf Otto zeitnah zum 70. Geburtstag des Dichters veröffentlicht in einem kleinen Büchlein „Rabindranath Tagore’s Bekenntnis“. Die Kapitel 7-9 beinhalten, darauf aufbauend, die darstellende Dimension des religiösen Geistes, die zu gestaltende Verinnerlichung, der Sinn von Feier, Fest, Kunst und Musik, endend im 10. Kapitel mit einer Zusammenfassung unter dem Titel „Die Natur des Menschen“, die zugleich auch den ersten Bogen mit umgreift. Das Finale der Ausführungen bis hierher bilden Gedanken Laotses, eines der großen maßgebenden Menschen in der Sicht Tagores.

Der Schlussgang mit den Kapiteln 11-14 und dem Beschluss zeigt dann exemplarisch auf, was die indische Überlieferung, aber auch Tagores Schulprojekt in Santiniketan für die Begegnung von Ost und West fruchtbringend einbringen könnten. Mehrere äußerst wertvolle Anhänge (wie zu den Baül-Sängern Bengalens und indischen Mystikerpoeten) runden das Buch ab.

Ausgehend von Kapitel 10 lassen sich die Grundelemente der religiösen Anthropologie Tagores nachzeichnen. Die phylo- wie ontogenetische Menschwerdung und damit das Wesen des Menschen hängen für Tagore ganz entscheidend an der Bewusstwerdung der Einheit, der tiefen Verbundenheit miteinander wie mit dem All. Des Menschen Geist (mind) weiß sich durchweht vom göttlichen Geist (spirit). Das gedankliche Konzept spricht dann von Gott, dem Einen, dem Höchsten, dem Urquell allen Seins. „Des Menschen ehrfürchtige Treue gegenüber diesem Geist der Einheit findet seinen Ausdruck in seiner Religion. In den Namen seiner Gottheiten wird sie Symbol … Religion besteht in dem Bestreben des Menschen, diejenigen Eigenschaften zu pflegen und auszudrücken, welche der Natur des ewigen Menschen eigen sind und an sie zu glauben“ (RM, 96).

Tagore zielt darauf ab, dass in allen Menschen eine Vision der Vollkommenheit angelegt ist, ein Sinn für ein Leben in Wahrheit, Güte und Liebe. Diese „Schau des höchsten Menschen wird von unserer Einbildungskraft verwirklicht, aber nicht von unserem Geist geschaffen“ (RM, 95). Wir rühren an eine super-personality, in indischer Sprache als purusha gefasst, ein „selbstbewußtes Prinzip transzendentaler Einheit im Menschen“ (RM, 79). Hieße dies in unserer Sprache der kosmische Christus, von dem gilt: Nicht ich lebe, Christus lebt in mir?

Konkret ereignet sich diese belebende geistige Schau in unserem Gespür für Werte. Diese werden in Kunst, Wissenschaft, Dichtung, Feier und Musik zur Darstellung gebracht. Religion gibt es nur als Kultur, nur in der Bereitschaft zur Kulturarbeit. Nur sie kann das wilde Tier, das noch immer in uns ist, zähmen und zur wahren Freiheit des Geistes befreien. Es ist der Überschuss Geist, der den Menschen zum Menschen macht und ihn das Unendliche ahnen, schauen, dann in einer umfassenden Communio leben lässt. Die großen, echten Religionen zeigen sich in ihrer Fähigkeit, die Fesseln der dämonischen Kräfte, die Fesseln der dumpfen Mythologeme zu sprengen und die Menschen in das innerste Herz zu führen, sie zu anbetender Liebe zu befreien und zur Hingabe für das Wohlergehen aller (s. RM, 48). Religion, das heißt: „durch die innere Konzentration des Geistes die Heiterkeit des Unendlichen in unserem ­Wesen erlangen“ (RM, 58).

 

IV   Die religiöse Erfahrung

Im zentralen 6. Kapitel seines Buches „Die Religion des Menschen“ gibt Tagore nun Einblicke in seine persönlichen religiösen Erfahrungen. Gott erfahren, das heißt Berührtwerden von einem grenzenlosen Geheimnis voller Seligkeit. Als transzendentale Erfahrung wäre dies buchstabierbar, als vernunfthelle, existentielle Mystagogie praktizierbar, ist doch das Woraufhin der Transzendenz das absolute Sein oder das Seiende absoluter Seinsfülle, für Tagore der höchste Liebende, the ­Supreme Lover, oder nach Upanishaden-Art indisch gefasst: „advaitam ist anandam. Das unendliche Eine ist unendliche Liebe“ (RM, 46).

Tagore berichtet: „Als ich 18 Jahre alt war, drang plötzlich zum erstenmal ein Frühlingsausbruch religiöser Erfahrung in mein Leben und verwehte wieder, in meinem Gedächtnis eine unmittelbare Botschaft geistiger Wirklichkeit hinterlassend. Als ich nämlich eines Tages im ersten Morgendämmern beobachtete, wie die Sonne ihre Strahlen hinter den Bäumen emporsandte, fühlte ich plötzlich, wie wenn irgendein uralter Nebel sich in einem Augenblick von meinen Augen gehoben hätte, und das Morgenlicht über dem Angesicht der Welt offenbarte mir ein inneres Strahlen der Freude“ (RM, 63). Folge ich hier Tagores Marburger Vortrag „Meine Religion“, wo er dasselbe entscheidende Erlebnis darlegt, lese ich dort: „das morgendliche Licht offenbarte auf dem Angesicht der Welt einen seltsamen Widerglanz entzückter Freude“ (Be, 12).

Wir begegnen hier dem innersten Kern der Tagoreschen Gedankenwelt. Er weiß sich berührt. Eine unendliche Schönheit ging ihm auf. Sein Bewusstsein erfuhr sich als grenzenlos geweitet. „Die Schöpfung ist ein Rhythmus von wunderbarer Schönheit, kein Zufallsspiel“ (Sa, 78), oder mit den Worten eines der wunderbaren Lieder aus Gitanjali (Nr. 57): „Licht, mein Licht, weltfüllendes Licht, augenküssendes, herzbesänftigendes Licht! Ha, das Licht tanzt, mein Liebling, im Herzen meines Lebens … Die Falter breiten die Segel über das Meer von Licht; Jasmin und Lilien sprießen empor in die Wogen des Lichts“ (HL, 72), um dann in die Schlusszeile zu münden: „maßlose Freude. Der Himmelsstrom ist über die Ufer getreten und eine Freudenflut überschwemmt das Land“ (Gi, 76). Ist das nur der Gefühlsüberschuss eines romantischen Träumers oder öffnen sich uns hier Pforten in eine Welt von Sinn über Sinn?

Für Tagore war es jedenfalls seine persönliche Erweckung zum Dichter der Göttlichkeit des Seins. „Ich erfuhr mit starker Freude eine tiefe innere Lösung meines ganzen Wesens … Ich fühlte, dass ich jetzt meine Religion gefunden hatte. Eine Religion, sich schließend um die Menschenidee, in der das Unendliche sich selbst bestimmt zu seiner Erscheinung und zugleich mir so nahe kommt, daß es meine Liebe und meine Mittat fordert“ (Be, 15).

Das erste, entscheidende Gedicht floss ihm in die Feder: „Das Erwachen des Wasserfalls“ – daraus der Eingang, aus der Übertragung von Satyabrata Sarkar: „Früh am Morgen – Sonnenstrahlen/ Dringen tief in meine Seele,/ Es klingt die Musik der Morgenvögel/ Hier im Dunkel der Bergeshöhle!/ Oh Wunder! Hätte ich je gedacht,/ Dass meine Seele so jäh aufwacht?// Aufgewacht ist meine Seele,/ Aufgewühlt die Wassermassen,/ Mein Seelenschmerz, mein Herzensdrang/ Will heute nicht sich fesseln lassen“, dazu gegen Ende: „So viel Hoffnung, so viel Gelingen/ Bewegt das Herz in mir// Ich weiß nicht, wie nach so langer Zeit/ Wacht mein Herz plötzlich auf!/ Der Ozean, ach so fern und weit,/ Tröstet und fordert mich auf.//… (So, 7f). In Tagores eigener Deutung: „Der Wasserfall, dessen Seele in seiner im Eis gefesselten Vereinsamung schlief, wurde von der Sonne berührt, und fand, in einen Sturz von Freiheit ausbrechend, seinen letzten Sinn in einem unendlichen Opfer, in einer dauernden Vereinigung mit dem Meer“ (RM, 63). Dabei ist klar: „Der Fluss kann zum Meer werden, aber er kann nie das Meer zum Teil seiner selbst machen“ (Sa, 121).

Wie ereignet sich Sinn? Wie erfährt der Mensch tiefe Geborgenheit? Warum stellt er sich dem Ruf, der ihn in Verantwortung weist? Tagore führt aus: „Unser Gefühl der Freude, unsere Phantasie erkennt eine tiefe organische Einheit mit dem All, welche das menschliche Denken begreift … Die Einzelheiten der uns umgebenden Wirklichkeit und ihre Unterschiede muß die Wissenschaft erforschen, aber sie kann nie die Eigenart der sie durchdringenden großartigen Einheit der Verwandtschaft erkennen … Ich will meinen Glauben bekennen, indem ich sage: Diese Welt, die, wie wir sagen, aus beseelten und unbeseelten Dingen besteht, hat ihre Gipfelhöhe, ihren besten Ausdruck im Menschen gefunden. Der Mensch als eine Schöpfung vertritt den Schöpfer, und eben darum ist es unter allen Geschöpfen dem Menschen möglich geworden, diese Welt in seiner Erkenntnis zu erfassen und in seinem Gefühl und seiner Vorstellung, in seinem Einzelgeist eine Einung mit einem allgegenwärtigen Geist zu verwirklichen“ (RM, 68f).

Kehren wir an den Anfang der „Religion des Menschen“ zurück, so begegnen uns auf den ersten Seiten schon entscheidende Grundthesen. Da ist gleich der Eingangssatz: „Das Licht ist die strahlende Kraft der Schöpfung“ (RM, 13). Und kurz darauf: Das Geheimnis des Seins, das göttliche Grundgesetz der Einheit ist „immer das einer inneren Wechselbeziehung (inner inter-relationship) … Das Bewußtsein dieser Einheit ist geistig, und unser Bemühen, ihr zu entsprechen, ist unsere Religion. Sie wartet stets darauf, in unserer Geschichte in immer vollkommenerer Beleuchtung offenbar zu werden in den mannigfachen Offenbarungen des Wahren, Guten und Schönen … Die Gottheit in ihm, das ist sein Menschentum!“ (RM, 14f leicht umgestellt).

 

V   Das innere Gefüge des Religionsverständnisses Tagores

Vieles ist schon angeklungen, vieles auch konnte nicht aufgenommen werden und doch wartet alles bisher Dargelegte darauf, noch einmal entlang von vier Schlüsselsentenzen der indischen Überlieferung ausgebreitet zu werden. Denn wie Rudolf Otto so fein bemerkte: „Tagore weiß und bekennt sich frei von fremder aufgedrängter und nur übernommener Fühlensweise. Dennoch beruft er sich auf das Blut seiner vedischen Vorfahren, das in seinen Adern fließt, und auf die gleiche Weise des Erfahrens und Deutens der Welt mit jenen“ (Be, 6). Ob zu Recht ist dabei eine andere Frage. Denn auf jeden Fall begegnet uns in Tagore ein aufgeklärtes, gedankenhelles Verständnis der Wirklichkeit, eine hohe Sensibilität für die Harmonie der Wechselbeziehungen, ein Mitschwingen im Sein, das völlig frei ist von irgendwelchen mythologischen Resten oder Verdunkelungen. Und doch sind es ganz bestimmte Verse, auf die Tagore immer wieder zurückkommt, die für das innere Gefüge seines Religionsverständnisses stehen. Es sind dies:

1. Der Gayatri-Vers aus brahmanischer Tradition in der Aufnahme Tagores: „Lass mich den anbetungswürdigen Glanz dessen betrachten, der die Erde schuf, die Luft und die kreisenden Sterne und der die Fähigkeit des Begreifens in unser Denken legte“ (RM, 62, Sa, 13)
2. Der Auftakt der Isha-Upanishad 1,1: „Du musst wissen, dass alles, was sich in der bewegten Welt bewegt, in Gott eingehüllt ist“ (RM,157; Sa, 20, 114)
3. Der wunderbare, alle seine Ausführungen tragende Vers aus der Taittiriya-Upanishad 3,6: „Aus der Freude werden alle Wesen geboren, durch Freude werden sie erhalten und in Freude gehen sie ein, wenn sie von hinnen scheiden“ (Sa, 66; 83, auch 92, dazu RM, 71, auch 153f).
4. Wer Brahmavihara, die Freude des Lebens in Brahma erreichen will, dem gilt Buddhas Rat: „niemanden betrügen, keinen Hass gegen irgendjemanden hegen und nie im Zorn jemandem Böses zufügen wollen. Er soll unbegrenzte Liebe zu allen Geschöpfen haben“ (Sa, 86).

Gehen wir entlang dieser vier Sentenzen noch einmal durch Tagores Welt.

Lass mich den anbetungswürdigen Glanz dessen betrachten, der die Erde schuf, die Luft und die kreisenden Sterne und der die Fähigkeit des Begreifens in unser Denken legte“

Es ist ein Staunen in Tagore, das einfach beglückt. Das Licht, die strahlende Kraft der Schöpfung, das Licht des ewigen Ja, ein Geist tiefer Bejahung, ein Sinnkreis aus Licht-Leben-Liebe durchströmt fast alle seine Zeilen. Der von sich selbst befreite Mensch stimmt ein in den Jubel des Seins. Da ist ein Ahnen, das zu einer Tiefenschau der großen Harmonie sich verdichten kann. Durch Meditation und Gottesdienst, durch das Sich-Einlassen in die All-Präsenz im Geist verstehender Liebe die „Gegenwart des Unendlichen in allen Dinge sich vorstellen und bejahen“ (Sa, 20) – das benennt und besingt Tagore eins um andere Mal. Die Kraft und zugleich die Schlichtheit seiner Worte berühren. Frieden stellt sich ein dank des Glanzes, der dem bewusst gewordenen Geist aufleuchtet. Stellvertretend zitiere ich hier noch einmal aus einem Lied aus den Gitanjali (Nr. 67): „Da kommt der Morgen mit goldenem Korbe, in seiner Rechten trägt er den Kranz der Schönheit, schweigend die Erde zu kränzen. Und da kommt der Abend über die einsamen Wiesen, … er trägt kühle Lüfte des Friedens in seinem goldenen Schlauch … Aber dort, wo der unendliche Himmel sich breitet, in den sich die Seele zum Fluge hebt, dort herrscht der fleckenlose Glanz“ (HL, 85). Die Erfüllung liegt in unserem Einklang mit allen Dingen. „Freiheit nur im Sinne von Unabhängigkeit ist inhaltsleer und deshalb bedeutungslos. Vollkommene Freiheit liegt in einer vollkommenen Harmonie der Bezüge, die wir in dieser Welt nicht dadurch verwirklichen, daß wir mit Wissen, sondern mit unserem Wesen antworten … durch die Vereinigung vollkommener Sympathie“ (RM, 112).

Du musst wissen, dass alles, was sich in der bewegten Welt bewegt, in Gott eingehüllt ist“

Klar, dass ihm die Isha-Upanishad so wichtig ist, mittels der er in jungen Jahren schon durch den Vater zur regelmäßigen Meditation angeleitet worden war. Da ist das Urgefühl, teilzuhaben am Sein, eingewoben zu sein in den großen Sinn. Ich bin Teil des Universums, „ein Mitklang in der Wesen Harmonie“ (J.G. Herder). Bei Tagore verbindet sich dies nun mit sehr wertvollen Gedanken zur weiteren Beschreibung dieser Teilhabe, genauer Teilgabe. Hier gilt der Grundsatz: homo capax infiniti, non per se, sed per infinitum. Das göttliche Geheimnis des Seins zeigt sich gerade in der „wunderbaren Eigenschaft verwickelter gegenseitiger Bezogenheit.“ (RM, 13) Die Schöpfung in ihrer inneren Vielgestalt, ihrem bunten Wechselspiel ist ihm die Selbstmitteilung des Höchsten, des Einen, Unendlichen, Ewigen, der gerade nicht bei sich selbst sein will, sondern sich im Anderen, im Endlichen setzt. Einheit ist nicht als monolithischer Block zu verstehen, sondern als Beziehung, „Einheit, die die Vielheit in sich schließt“ (Sa, 27).

In der „Religion des Menschen“ führt Tagore aus: Der Eine, Unendliche besteht „in einer vollkommenen Einheit, in welcher der Inbegriff der Vielheit nicht wie in einem äußeren Behälter, sondern wie in einer Vollkommenheit (inner perfection) ist, die ihre Inhalte durchdringt und übertrifft, ähnlich der Schönheit in einer Lotosblume, die unaussprechlich mehr ist als alle Bestandteile der Blume. Nicht die Größe der Ausdehnung, sondern eine intensive Qualität der Harmonie erweckt in uns den positiven Sinn für das Unendliche“ (RM, 45f). In Sadhana hat er es eindrücklich formuliert: „Gottes Schöpfung hat ihren Ursprung nicht in irgendeiner Notwendigkeit; sie entspringt aus der Fülle seiner Freude, seine Liebe ist es, die schafft, daher ist die Schöpfung seine eigene Offenbarung“ (Sa, 66).

Aus der Freude werden alle Wesen geboren, durch Freude werden sie erhalten und in Freude gehen sie ein, wenn sie von hinnen scheiden“

So sind wir bei der dritten Sentenz angekommen. Freude, das Daseinselixier, das göttlich-menschliche Existential, so oft schon angeklungen. „Das unsterbliche Wesen offenbart sich in Gestalt der Freude … Es ist die Natur dieser überquellenden Freude, sich in Form, die Gesetz ist, zu verwirklichen“ (Sa, 84), Gottes „Schöpfung ist die unaufhörliche Selbsthingabe seiner Freude“ (Sa, 105). Ja: „Wer könnte atmen und leben, wenn der Raum nicht mit Freude, mit Liebe gefüllt wäre?“ (Sa, 86, Zitat aus der Taittiriya-Upanishad 2,7,1).

„Nicht der Zwang, sondern die Freude ist der endgültige Appell an den Menschen. Und die Freude ist überall; sie ist im grünen Gras der Erde und im heitern Blau des Himmels; in der sorglosen Üppigkeit des Frühlings und in der strengen Enthaltsamkeit des Winters; in den pulsierenden Adern unseres Körpers, in der edlen, aufrechten Haltung der menschlichen Gestalt … In der Freude gelangt die Einheit zu ihrer Verwirklichung: die Einheit unserer Seele mit der Welt und die Einheit der Welt mit der ewigen Liebe.“ (Sa, 94)

Immer wieder gelingen ihm herrliche einfache Formulierungen, wie diese: „Freude ohne das Spiel der Freude ist keine Freude“ (Sa, 104). Freude ist ihm zugleich das eine, entscheidende Kriterium aller Wahrheit, die ins Leben führt: In „Religion des Menschen“ führt Tagore aus: „Bloße Unterrichtung über Tatsachen, bloße Entdeckung von Macht gehört zur Außenseite und nicht zur inneren Seele der Dinge. Freude ist der eine Maßstab für die Wahrheit, und wir erkennen sofort, ob wir die Wahrheit berührten – an der Musik, die sie uns schenkt, an der Freude des Grußes, den sie der Wahrheit in uns sendet. Das ist die wahre Grundlage der Religion. Wir empfangen das Licht nicht als Ätherwellen, der Morgen wartet nicht auf irgendwelche Wissenschaftler, um sich uns vorstellen zu lassen. Ebenso berühren wir die unendliche Wirklichkeit unmittelbar in uns nur dann, wenn wir die reine Wahrheit von Liebe und Güte wahrnehmen“ (RM, 71).

Niemanden betrügen, keinen Hass gegen irgendjemanden hegen und nie im Zorn jemandem Böses zufügen wollen … unbegrenzte Liebe zu allen Geschöpfen haben“

Damit sind wir beim vierten Ankerpunkt angekommen, Buddhas Einweisung in die große Liebe, die selbstlose Liebe (disinterested love): „Täuscht nicht untereinander, verachtet niemals irgendeinen, niemals wünscht einem im Zorn, dass er durch euren Leib, eure Worte oder Gedanken leide. Wie eine Mutter ihren einzigen Sohn mit ihrem eigenen Leben erhält, so erhalte dein unermesslich liebendes Denken für alle Geschöpfe. Über dir, unter dir, auf allen Seiten um dich schenke aller Welt dein Mitleid und unermesslich liebende Gedanken, die ohne Hindernisse sind, ohne jeden Wunsch zu verletzen, ohne Feindschaft“ (RM, 47f).

In Sadhana führt er aus: „Vollkommen gut sein heißt, sein Leben im Unendlichen verwirklichen“ (Sa, 52). Das ist die Lehre Buddhas. Das ist auch die Vision Christi vom Himmelreich: „diese sittliche Kraft bis zum höchsten Grad auszubilden, zu wissen, dass das Feld unserer Tätigkeit sich nicht auf die Sphäre unsres engen Ichs beschränkt … Wenn wir zu dem Leben im All, welches das sittliche Leben ist, gelangen, so werden wir befreit von den Banden der Lust und des Schmerzes, und an Stelle des Ich-Gefühls tritt eine unaussprechliche Freude, die grenzenloser Liebe entspringt. In diesem Zustand ist die Tätigkeit der Seele nur um so mehr erhöht, nur sind nicht Begierden die Triebkraft, sondern die aus der Liebe geborene Freude … Wirken in selbstloser Güte“ (Sa, 52).

Wie er in der „Religion des Menschen“ auf Buddha zu sprechen kommt, da deutet er Buddha einmal mehr dahin, dass dessen „Schau des Unendlichen nicht die Idee eines Geistes unbegrenzter kosmischer Tätigkeit war, sondern das Unendliche, dessen Bedeutung im positiven Ideal der Güte und Liebe liegt, die nicht anders als menschlich sein können. Indem du wohltätig, gut und liebevoll bist, denkst du nicht an das Unendliche in Sternen oder Felsen, sondern an das im Menschen offenbarte Unendliche. Buddhas Lehre spricht vom Nirwana als höchstem Ziel. Um sein wirkliches Wesen zu verstehen, müssen wir den Weg kennen, wie man es erlangt: nicht nur durch Verneinen böser Gedanken und Taten, sondern durch Ausschalten aller Begrenzungen der Liebe. Nirwana muß die Erhöhung der Liebe in eine Wahrheit bedeuten, welche die Liebe selbst ist, die an ihrem Herzen alle diejenigen vereint, denen wir unser Mitgefühl und unseren Dienst anbieten müssen … Gott im Menschen hängt für die Erfüllung seiner Liebe vom Dienst der Menschen und von der Liebe der Menschen ab“ (RM, 48f), Nirwana in der Sicht Tagores „der höchste Gipfel der Liebe“ (Sa, 65).

 

VI   Schluss

Wie den Schlusspunkt setzen? Mit den Zeilen eines Gebets aus Sadhana? „O Du, der Du dich unaufhörlich selbst hingibst! Wenn du dich uns als Freude offenbarst, lass unsre Seelen zu dir emporflammen wie das Feuer, dir zuströmen wie der Fluss, dein Wesen durchdringen wie der Duft der Blume! Gib uns Kraft, unser Leben zu lieben, ganz zu bejahen, mit seinen Freuden und Leiden … Gib uns Kraft, Augen und Ohren deinem Weltall offen zu halten und mit voller Freudigkeit darin zu wirken“ (Sa, 106). Oder mit dem Schlussgedicht aus Gitanjali (Nr. 103): „Als einen einzigen Gruß an dich, Gott, lass all meine Sinne sich entfalten und diese Welt zu deinen ­Füßen berühren … Lass all meine Lieder ihre Melodien zu einem Strom vereinen und in das Meer der Stille münden – als einen einzigen Gruß an dich. Wie ein Schwarm an Kranichen, die krank vor Heimweh Tag und Nacht zu ihren Nestern in den Bergen zurückfliegen, so lass mein ganzes Leben eine Reise sein zu seinem ewigen Heim – als einen einzigen Gruß an dich“ (Gi, 122).

Oder um wieder in Europa anzukommen mit Zeilen von William Wordsworth (1770-1860)? Tagore zitiert sie in der „Religion des Menschen“ zum Abschluss einer Reihe von Zitaten indischer Mystikerpoeten, gleichsam als Referenz an den Westen und dessen eigene Quellen der metaphysischen Dichtung und der philosophischen Mystik: „Wir leben durch Bewußtsein, Hoffen, Lieben, und immer, wenn sie echt und rein geblieben, erheben wir uns in die Heiligkeit des Seins“ (RM, 75). Was Tagore dann in eigenen Worten so fasst: „Nach dieser Würde des Seins streben wir durch die Erweiterung unseres Bewußtseins in eine große Wirklichkeit des Menschen, der wir zugehören. Wir verwirklichen sie durch Bewunderung und Liebe, durch Hoffnung, die sich über das Tatsächliche aufschwingt, über unsere eigene Lebensspanne hinaus in eine endlose Zeit, in der wir das Leben aller Menschen leben … Religion bezieht sich unvermeidlich auf das Menschentum, das unsere Vernunft erleuchtet, unsere Weisheit inspiriert, unsere Liebe befeuert, unseren einsichtigen Dienst beansprucht“ (RM, 75f). – „Der Gott des Menschentums ist vor die Tore der zerstörten Stammestempel gekommen“ (RM, 106).

 

Zitierte Literatur von Rabindranath Tagore

Die Religion des Menschen: Freiburg 1962 (RM), die englischen Verweise folgen der Ausgabe: The Religion of Man, New Delhi 2012

Sadhana: Heidelberg 2009 (Sa)

Hohe Lieder: Heidelberg 2005 (HL)

Gitanjali: Köln 2013 (Gi)

Die Sonne des Tages: Kirchentellinsfurt 2012 (So)

dazu: Rudolf Otto, Rabindranath Tagore’s Bekenntnis, Tübingen 1931 (Be)

 

Anmerkung

* Vortrag bei der Tagung „Die Kirche und der kosmische Christus“ in Venedig am 4.11.2021.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer Dr. Dieter Koch, Jahrgang 1958, Pfarrer der Evang. Landeskirche Württemberg, derzeit auf einer Gemeindepfarrstelle in Korb bei ­Stuttgart.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 7/2022

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