Angesichts gegenwärtiger Beobachtungen und Erfahrungen sehen sich Kirchenleitungen mehr und mehr dazu herausgefordert, Zukunft zu inszenieren und Zukunftsprozesse zu deren Erfüllung zu generieren. Dabei wird jedoch eine wesentliche Dimension der Zukunft verkannt: dass sie nämlich unerkennbar und damit auch ungestaltbar ist. Stattdessen geht es darum, die Bezugsprobleme der Gegenwart angemessen zu identifizieren und auf sie zu reagieren.*

 

0. Der Prozess „#Kirche2030 – Gemeinsam mehr sehen!“

Die Landessynode der Evang.-luth. Landeskirche Hannovers hat auf ihrer Herbsttagung 2021 einen Prozess beschlossen, der unter dem Titel „#Kirche 2030 – Gemeinsam mehr sehen!“ innovative Ideen zur Kirchenentwicklung sammelt. Die Beschreibung ist in den Aktenstücken 25, 25 A und 25 B der 26. Landessynode nachzulesen1, sodass wir hier von einer detaillierten Schilderung absehen. Für unseren Beitrag genügen folgende exemplarische Hinweise:

Der sog. Zukunftsprozess soll alle bisherigen und momentan laufenden Prozesse der Landeskirche zusammenführen und erweitern.2 Die sachliche Struktur des Prozesses ist an der Dreiecksbeziehung von Auftrag, Ressourcen und Umfeld ausgerichtet3: „Die zentrale Frage lautet: Wie können wir den Auftrag der Kirche, bezogen auf die gegenwärtigen und absehbaren Umfeldbedingungen, mit den künftig vorhandenen Ressourcen erfüllen?“4 Mit dem Aufruf zur Beteiligung aller sowie mit der Einrichtung zusätzlicher Arbeitseinheiten wie Koordinierungsrat und Zukunftsprozess-Team, welche sich mit den vorhandenen, kirchenleitenden Gremien vernetzen sollen, erhält der Prozess seine soziale Struktur. Die Terminierung auf die Jahre 2021-2024 ergibt seine zeitliche Struktur.

Unser Beitrag nimmt die Position einer Problembeschreibung aus systemtheoretischer Perspektive ein. Er geht zwei Fragen nach: Was passiert in einem Zukunftsprozess? Und: Wie kann er verlaufen? Die Antworten darauf ergeben die beiden Thesen:

1. Ein Zukunftsprozess stellt die Kommunikation von Nichtwissen dar.

2. Ein Zukunftsprozess verläuft als strukturierte Selbstbeobachtung einer Organisation.

Die erste These diskutieren wir unter dem Stichwort „Zukunft“, die zweite unter dem Stichwort „Prozess“. In einem dritten Abschnitt resümieren wir die gewonnenen Einsichten unter der Frage: „Welchen Unterschied kann ein Zukunftsprozess machen?“

 

1. Zukunft

Seit rund 300 Jahren ist die „Zukunft“ ein bestimmendes Thema. Die Gesellschaft orientiert sich nicht mehr an ihrer Vergangenheit, sondern sie befragt nunmehr ihre Zukunft, um Wissen über sich zu erlangen. Sowohl die Renaissance mit ihrem Wahlspruch „ad fontes“, (zurück) zu den Quellen, als auch die Reformation mit ihrem Rückgriff auf die Heilige Schrift orientierten sich an der Vergangenheit. Mit Beginn der Moderne scheint hingegen alle Weisheit in der Zukunft zu liegen. Die Ursachen dafür sind offenbar auf einen veränderten Zeitbegriff zurückzuführen.5

Zukunft ist und bleibt unbekannt

Allerdings gilt hierbei: Die Zukunft ist unerreichbar und unbekannt. Das einzige Wissen, das man über die Zukunft haben kann, ist Nichtwissen. Die Kommunikation über Zukunft wird folglich zur Kommunikation von Nichtwissen und auch ein Zukunftsprozess wird dann zur Kommunikation von Nichtwissen. Aber wie geht man mit Nichtwissen bzw. mit der Unterscheidung von Wissen und Nichtwissen um?

Eine Möglichkeit besteht darin, Wissen in Form von Prognosen zu konstruieren.6 Dem hannoverschen Zukunftsprozess dient die sog. „Freiburger Projektion 2060“ als Wissen.7 Solches Wissen ist selbstredend spekulativ und folgt in der Regel der Unterscheidung von wahrscheinlich bzw. unwahrscheinlich.8 Mithin ist wahrscheinlich, dass die Mitgliederzahlen der evangelischen Kirchen in Deutschland um das Jahr 2060 die Hälfte des jetzigen Standes betragen werden und sich, in Folge davon, die Kirchensteuern halbieren werden. Beide Prognoseteile setzen allerdings derart viele Wenn-dann-Annahmen voraus, dass diese weder einberechnet noch dargestellt werden können. Aus Prognose-Prosa wird schnell einmal Prognose-Poesie.

Aber auch dann, wenn man diese Prognose ernst nimmt, falls es also „genau“ so kommen sollte, wie die Freiburger Studie zu beschreiben versucht, eröffnen sich mehr Fragen als Antworten. Das liegt am Wort „genau“, denn nur genaues Wissen ist verantwortbares Wissen. Wie aber die kirchliche Situation 2060 „genau“ sein wird, vermag niemand zu prognostizieren.

Es bleibt eine Fülle an Fragen: Stimmen die angebotenen Zahlen? Welche Mitglieder genau werden es sein? Werden diese weniger oder vielleicht sogar mehr Gelder einbringen? Kommt es auf das Geld an? Existiert die Kirchensteuer künftig überhaupt noch? Wie werden die Sinnangebote der Kirche wahrgenommen? Usw. usf.

Die Ungreifbarkeit von Prognosen liegt darin begründet, dass sich diese auf mehr oder weniger wahrscheinliche Möglichkeiten beziehen, aber nicht auf Verwirklichungen. So bleibt es auch mit Prognosen über die Kirche beim Nichtwissen.

Aus Prognosen Ziele formulieren

„Aber wie kann man sein Handeln anderen damit plausibel machen, daß man nicht weiß, was dabei herauskommt?“9 An dieser Stelle hilft die Unterscheidung von Prognose und Ziel. Eine Prognose kann kein Ziel sein, aber Ziele können sich auf Prognosen berufen. Ziele sind nur innerhalb bestimmter Korridore möglich, aber letztlich nicht von ihnen abhängig. Auch im (engen) Rahmen bestimmter Trends, die eine Prognose zu zeichnen mag, bleibt eigenes, zielgerichtetes Handeln möglich.

Auch die hannoversche Landeskirche kann sich gegenüber prognostizierten Entwicklungen entweder im Sinne einer Abweichungsverstärkung, also eines „Mehr“ im Sinne der Prognose, oder einer Abweichungsverminderung, also eines „Weniger“ der Prognose, verhalten – und daraus eigene Ziele formulieren, die unterschiedlich, ja sogar gegensätzlich formuliert sein können. Vor rund zehn Jahren hieß die EKD-weite Losung noch „Wachsen gegen den Trend“10, nun scheint sie zum „Schrumpfen mit dem Trend“ mutiert zu sein. Wenn aber diese beiden gegensätzlichen Ziele bei gleichbleibenden Prognosen möglich sind, dann können auch ganz andere Wege beschritten werden.

Zukunftsprozess als gegenwärtige Beschreibung von Kirche

Die Zukunft ist weder eine Prognose noch ein Ziel; sie bleibt unerreichbar und unbekannt, sie lässt sich weder vorwegnehmen noch hinausschieben. Wenn ein Zukunftsprozess durchgeführt wird, dann findet er in der Gegenwart statt. Wenn er hingegen in zehn Jahren stattfindet, findet er in der Zukunft statt, und sowohl die Umstände als auch der Prozess selbst werden (dann) andere sein, denn allein schon die quantitative Dimension der Zeit verändert den Sinn einer Handlung qualitativ. Die Zukunft mag in Prognosen oder Szenarien simuliert werden – aber das ist nicht die zukünftige Gegenwart, sondern bleibt gegenwärtige Zukunft.11

Wenn die Zukunft also sein wird, wie sie sein wird, was kann dann ein Zukunftsprozess bewirken? Soll er die Zukunft an die Kirche oder die Kirche an die Zukunft anpassen? Soll er die Prognose erfüllen oder davon abweichen? Soll es von einer self-fulfilling prophecy zu ­einer self-fulfilling prognosis kommen?12

Jeder Zukunftsprozess handelt ausschließlich in der Gegenwart, genauer: in der gegenwärtigen Gegenwart. So sagt auch der hannoversche Zukunftsprozess wenig über die Zukunft, aber viel über die gegenwärtige Selbstbeschreibung der Kirche aus. Die These des zweiten Abschnitts lautet daher: Ein Zukunftsprozess strukturiert die Gegenwart – und auch das kann natürlich hilfreich sein.

 

2. Prozess

Die unbekannte und unerreichbare Zukunft wird zum Kommunikationsprozess. „Daß man die Zukunft nicht kennen kann, kommt in der Gegenwart als Kommunikation zum Ausdruck.“13 Es wird also kommuniziert – nichts als kommuniziert, und es wird dazu aufgerufen, miteinander zu kommunizieren.

Allumfassende Partizipation und Innovation

Der Prozess soll eine allumfassende Partizipation ermöglichen. Deshalb wird er in die Interaktionen, also in die Kommunikationen unter Anwesenden, auf den unterschiedlichen Ebenen der Kirche eingespielt. Auch das Umgekehrte wird intendiert: bereits laufende Kommunikationen in Gruppen und Kreisen, Gemeinden und Kirchenkreisen, diakonischen Einrichtungen und Werken können und sollen (!) sich in den Zukunftsprozess einbringen.

Für den Prozess selbst bleibt es völlig unerheblich, ob sich bereits bestehende Interaktionen, z.B. die Kinderkirche oder der Männerkreis, die Beratungen über die besondere Nutzung kirchlicher Räume oder die vernetzte Stadtteilarbeit, innerhalb des Zukunftsprozesses verorten oder ob sich – veranlasst durch den Prozess – ganz neue Interaktionen bilden. Für den Prozess geht es in allen Fällen ausschließlich um die Hervorbringung eines möglichst großen Variationsspielraumes, den die Interaktionen für die weitere Kommunikation erarbeiten und bereitstellen sollen. Dies ist deshalb möglich und gewünscht, weil die angesprochenen Interaktionen in keiner Weise strukturell in die Entscheidungsprozesse der Kirche eingebunden sind. Allein deshalb ist im Prozess nahezu „alles Mögliche“ möglich. Die Phantasie möge tanzen, wie sie mag, innovative Gedanken mögen quellen, sprudeln und ins Fließen kommen. Dahinter steht der richtige Gedanke: Innovationen, also neue Ideen und Semantiken, kommen generell nur durch Interaktionen in den organisatorischen oder gesellschaftlichen Umlauf.

Interaktionen bewegen sich aber nicht in strukturfreien Räumen. Sie sind an bestimmte Erwartungen und Entscheidungen gebunden. Irgendwann ist genug diskutiert, dann muss etwas geschehen – oder eben nicht. So kommen Interaktionen, wenn sie nicht nur gesellig bleiben wollen, unter Erwartungs- und Entscheidungsdruck. Dafür steht der Begriff der Struktur. Die These lautet: Ein Zukunftsprozess benötigt bzw. bildet selbst Gegenwartsstrukturen aus.

Zukunftsprozess versus Leitungsstruktur

Ein Zukunftsprozess formalisiert bzw. strukturiert die zum Mitmachen aufgerufenen Akteure in zweierlei Weise: Zum einen sind ihre Interaktionen in das übergreifende Vorhaben eingebunden, sich an der Veränderung der kirchlichen Organisation zu beteiligen. Zum anderen nutzen sie die bereits vorhandenen Strukturen (wie Dienstwege, Gremien, Ressourcen usw.), um Veränderungen anzubahnen oder herbeizuführen. An dieser Stelle begegnet uns ein Paradox: Innovationen sollen ausgerechnet von denen hervorgebracht werden, die der Innovation bedürfen. Die Kirche will das, was sie verändern möchte, mit Hilfe dessen, was sie verändern möchte, verändern. Mit anderen, der Grammatik entliehenen Worten: das Subjekt ist das Objekt. Das aber ist paradox und bedarf einer brauchbaren Auflösung.

Zukunftsprozesse lösen dieses Paradox in der Regel durch die Unterscheidung zweier Strukturebenen auf, was man exemplarisch auch am Zukunftsprozess der Landeskirche Hannovers beobachten kann:

Zum einen erhält der Zukunftsprozess selbst eine eigene Struktur, innerhalb derer die Interaktionen miteinander vernetzt werden. Dazu gehören gesonderte Gremien, ein erhebliches Budget sowie neue Personalstellen, die nach Abschluss des Prozesses entweder wieder aufgelöst oder in die bestehenden Strukturen überführt werden. Auch die Interaktionsstrukturen selbst – im Falle des hannoverschen Zukunftsprozesses sind dies: Auftaktveranstaltung, Erkundungsworkshops, Anliegen- und Ideenportal, Forschungsteams, Zukunftsprozess-Klausuren – verschwinden mit dem Ende des Prozesses wieder.

Zum anderen bleiben die Organisationsstrukturen vor und nach dem Zukunftsprozess selbstverständlich bestehen. Die etablierten Leitungsstrukturen haben die Aufgabe, die innovativen Ergebnisse aus dem Zukunftsprozess in Entscheidungen der Organisation zu überführen. In Wahrheit sind es jedoch allein die Leitungsgremien der hannoverschen Landeskirche, die darüber entscheiden, welche Auswahl an neu entstandenen Ideen und Semantiken in Entscheidungen überführt werden. Zu diesem Zwecke freilich werden die Innovationen mehrfach neu bewertet und umgearbeitet.

Zukunftsprozess als Entlastung von Entscheidungen?

Obwohl man wissen kann, dass die Entscheidungen eines Interaktionssystems aus dem Prozess selbst heraus erwachsen und getroffen werden müssen, halten kirchliche Zukunftsprozesse diejenigen Entscheidungen, die in den Interaktionen, und jene, die in den Leitungsgremien der Organisation fallen, streng voneinander getrennt. Denn die Entscheidungen der Kirche für die Kirche fallen ausschließlich in den Leitungsgremien, die am Prozess nicht teilgenommen haben. Auf diese Weise dividieren sich die Beteiligten in Entscheider und Betroffene.14

Die Trennung von Prozess und Entscheidungen bzw. die Aufspaltung in Betroffene und Entscheider wirkt sich auf die genannte „Kommunikation von Nichtwissen“ aus. Wenn man davon ausgeht, dass die Interaktionen des Zukunftsprozesses eine Kommunikation von Nichtwissen darstellen, dann setzen die Entscheidungsgremien anschließend mit erneuter, anderer Kommunikation von Nichtwissen an.

Für die Entscheider kann dies bedeuten, dass sie ihre Entscheidungen mit Blick auf die Ergebnisse des Prozesses nun auf veränderte Weise treffen. Es kann aber ebenso bedeutet, dass sie mit Verweis auf den (noch laufenden oder bereits abgeschlossenen) Zukunftsprozess gar nicht entscheiden oder sich gegenüber ihren eigenen Entscheidungen imprägnieren. Die Entscheidungsgremien bleiben also weiterhin völlig frei und unabhängig. Auch darüber hinaus tragen sie einen Gewinn davon: Sie werden durch den Zukunftsprozess erheblich entlastet, indem sie weder für ihre Entscheidungen noch für deren Folgen einstehen müssen.

Der zentrale Aspekt lautet: „Die Kommunikation von Nichtwissen stellt von Verantwortung frei.15 Wer ­Wissen kommuniziert, absorbiert Unsicherheit und muß folglich die Verantwortung dafür übernehmen, daß sein Wissen wahr und nicht unwahr ist. Wer Nichtwissen kommuniziert, ist schon dadurch entschuldigt.“16

Ping-Pong der Entscheidungen

In diesem Lichte erscheint ein Zukunftsprozess als unverantwortliche Kommunikation, die innerhalb von Organisationen als Kommunikation von Unzuständigkeit zutage tritt. Damit geschieht das genaue Gegenteil von dem, wie sich Zukunftsprozesse selbst beschreiben. Unverantwortlichkeit und Unzuständigkeit sind selbstverständlich nicht als personale Zuschreibungen an die – auf den unterschiedlichen Ebenen des Prozesses – Beteiligten gemeint. Vielmehr treten sie als (notwendige) Folge der organisatorischen Strukturen auf. Denn die Entscheidungen einer Organisation werden durch die Initiierung eines Zukunftsprozesses auf den Umweg einer Fülle zwischengeschalteter Interaktionen gelenkt. Die Kommunikation von Nichtwissen wird also zum Zwecke der Gewinnung von Innovation in die Interaktionen des angestoßenen Zukunftsprozesses externalisiert, um deren Ergebnisse anschließend wieder vergewissernd in die vorhandenen Leitungsstrukturen der Organisation einzuführen und sie von diesen dann erneut bewerten und umarbeiten zu lassen Auf diesen langen Umwegen werden jedoch die Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten für die zu treffenden Entscheidungen bis zur Unkenntlichkeit zwischen den Betroffenen und den Entscheidern immer wieder hin- und hergeschoben.

 

3. Welchen Unterschied kann ein Zukunftsprozess machen?

Der Prozess der hannoverschen Landeskirche „#Kirche2030 – Gemeinsam mehr sehen!“ ist ein aktuelles Beispiel für die „Kommunikation von Nichtwissen“. Da alle Kommunikationen gegenwärtig stattfinden, können sie die Zukunft (als zukünftige Gegenwart) weder erreichen noch durch kreative Kognitionen – im Sinne neuer Ideen und Semantiken – bekannter oder greifbarer machen. Ein Zukunftsprozess findet in der Gegenwart statt und er tut das, was die Kirche ansonsten auch tut: Er befördert die kommunikative Selbstthematisierung der Kirche. Von daher stellen wir abschließend die Frage, welchen Unterschied ein Zukunftsprozess machen könnte.

Von Prognosen zu Problemen und Zielen

Zu Beginn könnte ein Kopfstand helfen, der dazu anregt, dass sich die Kirche nicht weniger, sondern mehr mit sich (selbst) beschäftigt. In dieser kontra-intuitiven Formulierung ist die Erkenntnis enthalten, dass sowohl Interaktionen als auch Organisationen selbstbezüglich arbeiten. In Interaktionen beziehen sich Kommunikationen auf Kommunikationen, in Organisationen beziehen sich Entscheidungen auf Entscheidungen. In beiden Fällen weiß die Kirche nicht, was daraus werden wird. Sie bleibt sich selbst – bereits in der Gegenwart – unberechenbar. Dazu bedarf sie weder der Zukunft noch der Prognosen darüber. Aber woran kann sich eine selbstbezügliche Kommunikation orientieren? Eine mögliche Antwort liegt in der Unterscheidung von Prognose und Problem.

Ein Zukunftsprozess kann einen Unterschied machen, insofern er sich nicht länger auf zukünftige Prognosen, sondern auf gegenwärtige Probleme bezieht. Prognosen sind etwas Fremdes, sie liegen außerhalb einer Organisation, Probleme sind etwas Eigenes, sie stellen sich innerhalb der Organisation. Mit der Umstellung auf ein Bezugsproblem ist gewährleistet, dass eine Organisation ihre eigenen Probleme bearbeitet. Zugleich bringen mögliche Lösungen andere eigene Probleme hervor. Aber wenn sich eine Organisation auf ein von ihr (selbst) gestelltes Problem bezieht, kommt es zu einem konstruktiven Kreislauf und es findet eine gezielte Selbstbeobachtung und Selbstorganisation statt.

Zugespitzter formuliert: Organisationen sind nicht dazu da, Probleme zu lösen, sondern zu finden, ja zu erfinden. Die erste Aufgabe eines Zukunftsprozesses würde daher lauten: „Erfinde ein Problem.“ In der Folge ergeben sich daraus zirkuläre Dynamiken selbstgewählter Probleme und selbstgewählter Lösungen, die zur Stabilisierung der Organisation beitragen.

Dieser notwendige Problem- und Lösungsbezug einer Organisation lässt sich alternativ mit dem Begriff des Ziels umschreiben, sodass wir erhalten: „Organisationen sind nicht Ziele realisierende sondern Ziele suchende Systeme. Sie sind mit einer ständigen Interpretation (Beobachtung) ihrer eigenen Operationen befaßt und suchen nach Zielen, gegebenenfalls nach neuen Zielen, die verständlich und entscheidbar machen, was geschieht oder geschehen ist.“17

Religion als leitende Bezugsgröße der Kirche

Der Problembezug der Kirche ist selbstredend ein religiöser. Ihre Kommunikationen finden in einem spezifischen Sinnzusammenhang statt, der sich aus der leitenden Unterscheidung von Immanenz und Transzendenz ergibt. Insbesondere Niklas Luhmann hat sich in seiner soziologischen Religionstheorie auf diese Leitunterscheidung bezogen, die im Effekt eine sinnhaft-paradoxe „Realitätsverdoppelung“ hervorbringt, die anhand programmatischer Bereiche zu entfalten ist.18 Der Vorteil seines Ansatzes liegt darin, dass sich die religiöse Botschaft der Kirche mit anderen spezifischen Sinnangeboten der Gesellschaft vergleichen lässt, insofern beispielweise die Erziehung, die Politik oder die Wissenschaft ebenfalls besondere und darin je eigene Probleme bearbeiten, die sich an deren leitenden Unterscheidungen wie lernen/nicht-lernen, regieren/opponieren und wahr/unwahr ausrichten.

Von der Organisation des Nichtorganisierbaren

Von daher werden Zukunftsprozesse, unabhängig davon, ob sie im Bereich der Erziehung, der Politik, der Wissenschaft oder eben der Religion stattfinden, zwei Dimensionen auseinanderhalten (müssen): auf der einen Seite ihr spezifisches Bezugsproblem, auf der anderen Seite die organisationalen Bedingungen.19 Das Verhältnis dieser beiden Dimensionen zueinander ist am besten so zu beschreiben, dass die organisationalen, äußeren Verhältnisse als Bedingung der Möglichkeit der sinnbestimmten Kommunikationen begriffen werden. Allgemeiner formuliert: Das Organisierbare ist vom Nicht-Organisierbaren zu unterscheiden. Das Nicht-Organisierbare aber ist der „eigentliche“ Sinn von Erziehung, Politik, Wissenschaft oder Religion. Soziologisch könnte man von der Funktion sprechen, theologisch von dem Unverfügbaren und phänomenologisch vom jeweils einzigartigen Sinn, der kommunikativ aufgerufen wird.

Selbstverständlich muss es Ressourcen im umfassenden Sinne von (bspw.) Personal und Gebäuden geben, um erzieherische oder religiöse Kommunikation durchführen zu können, aber eine Orientierung allein an ökonomischen-prognostischen Zahlen wird das Besondere der Schule und ihrer Aufgabe bzw. der Kirche und ihrer religiösen Botschaft verdecken. Das Organisierbare ist die Bedingung der Möglichkeit des Nicht-Organisierbaren, aber wer letzteres meint organisieren zu können, begeht einen Kategorienfehler. Eine Organisation kann nur sich selbst organisieren, nicht aber den dauerhaft neu zu findenden Sinn.

Hier mag ein vergleichender Blick auf den Bereich der Erziehung hilfreich sein, zumal er reichhaltige Erfahrungen mit Zukunftsprozessen, die dort Reformen heißen, vorweisen kann. Bei jeder Schulreform, die vom Kultusministerium in Gang gesetzt wird, verfallen die Lehrer*innen in eine wohlbegründete Abwehr, da sie merken, dass die nicht-organisierbare Erziehung organisiert werden soll. Und erneut: Sicherlich muss es Lehrpläne und Besoldungsstufen geben, aber das Lernen (oder Nicht-Lernen) lässt sich nicht vorschreiben. Das „Eigen(tlich)e“ aller pädagogischen und didaktischen Maßnahmen findet im unberechenbaren und insofern nicht-organisierbaren Unterricht hinter der Klassen­tür statt.

Dies gilt auch für die religiösen Bemühungen der Kirche. Weder der Sinn der Predigt noch des Glaubens lässt sich anordnen, auch wenn die äußeren Bedingungen organisatorisch zu klären sind. Religiöser Sinn liegt eben nicht im Schrank bereit. Er kann auch nicht hinreichend attraktiv in ein Schaufenster gestellt werden. Religiöser Sinn entsteht im Moment. So gesehen ist religiöse Kommunikation weder planbar noch prognostizierbar. Sie findet gegenwärtig statt.

M.a.W.: Der Unterschied, den ein Zukunftsprozess machen kann, besteht darin, ihn in der Gegenwart stattfinden zu lassen und die vielen innovativen Ideen und Projekte als „eigentliche“ religiöse Kommunikation für sich wirken zu lassen. Wenn aber versucht wird, zukünftige Kommunikationen daraus abzuleiten, werden Organisierbares und Nicht-Organisierbares verwechselt. Religiöser Sinn lässt sich nicht vorwegnehmen, sondern ist stets in der Gegenwart einzulösen – und der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Die Zukunft wird ihre Religion finden, wie auch immer die Kirche organisiert sein wird.

Was die Religion bzw. die Kirche sinnhaft kommuniziert, folgt anderen Kriterien und basiert nicht auf der Art und Weise ihrer Organisation. Der Zukunftsprozess könnte daher die Chance nutzen, für diejenigen ökologischen Nischen zu sorgen, in denen prinzipiell, aber auch im spezifisch religiösen Bereich Variationen und Selektionen stattfinden, die an der gesellschaftlichen Evolution mitwirken. Das wäre wohl der beste Effekt einer ecclesia reformata, von der gilt, dass sie stets „reformanda“ ist. So könnte sie die gesellschaftliche Kommunikation wieder mitgestalten, anstatt nur auf ihre Akzeleration zu reagieren.

Der Zukunftsprozess der hannoverschen (aber auch anderer) Landeskirche(n) könnte zu seinem Ziel kommen, wenn die Kirche von ihren Prognosebezügen zu ihrem Bezugsproblem religiöser Kommunikation kommen würde. Damit aber ginge zugleich ein Wechsel von der Zukunft auf die Gegenwart einher. Unsere These von der „Kommunikation von Nichtwissen“ trifft in religiösem Sinne bereits auf die Gegenwart zu. Von daher wäre die „Kommunikation von Nichtwissen“ im Bezug auf die Zukunft zu vermeiden, aber im Hinblick auf die Gegenwart zu fördern. Vielleicht wird daraus dann, nicht zuletzt religiös betrachtet, so etwas wie eine wissende Kommunikation von Nichtwissen bzw. – nach ­Nikolaus von Kues – eine „docta ignorantia“20.

 

Anmerkungen

* Der folgende Beitrag ist aus Diskussionen im „Arbeitskreis für Theologie und Systemtheorie“ mit Dr. Eberhard Blanke, Stephan Feldmann, Fabian Gartmann, Dr. Georg Raatz und Dr. Frank Albrecht Uhlhorn hervorgegangen.

1 Siehe www.landeskirche-hannovers.de/evlka-de/wir-ueber-uns/landessynode/Aktenstuecksammlungen/aktenstuecksammlung_26LS (Aufruf am 28.01.2022).

2 Derzeit gibt es allein auf der Ebene der Landeskirche Hannovers drei weitere sog. „Innovationsprozesse“, die unabhängig voneinander ablaufen: a. „Visions for tomorrow – Beteiligungsprozess zur Zukunft der Jugendarbeit“, b. „Der neue Fonds missionarische Chancen“ (FMC) und c. „Welle 2.0. Verkündigungsberufe 2030. Raus ins weite Mehr“. Neben der hannoverschen Landeskirche sind die evangelischen Kirchen in Baden, Bayern, Hessen und Nassau, Kurhessen und Waldeck sowie die Nordkirche mit Zukunftsprozessen befasst. Die Zahl der Reformprozesse auf den Ebenen der Kirchenkreise und Gemeinden ist Legion.

3 Vgl. Aktenstück 25 B, S. 5.

4 Aktenstück 25 B, S. 4. Zu den Umfeldbedingungen werden gerechnet, a.a.O., S. 6f: Mobilität und Urbanisierung, Individualisierung und Diversität, Digitalisierung, Globalisierung, Leistungsgesellschaft, Ökologie-Bewusstsein, Demographische Entwicklung/„Silver Society“, Säkularisierung und religiöse Pluralisierung, Sozialstrukturen im Wohnumfeld, Ausbildungs-, Berufs- und Lebenspfade sowie diverse Familienstrukturen, Arbeitswelt und Freizeitverhalten; und zu den Ressourcen, a.a.O., S. 8f: ehrenamtlich und beruflich Tätige, Fachkräftemangel, Finanzen, Immobilien, Prägekraft, Image und Vertrauen.

5 Vgl. Hölscher, Lucian (1999): Die Entdeckung der Zukunft, Frankfurt/M.; sowie Luhmann, Niklas (2009): Temporalstrukturen des Handlungssystems. Zum Zusammenhang von Handlungs- und Systemtheorie. In: Niklas Luhmann: Soziologische Aufklärung 3. Soziales System, Gesellschaft, Organisation, 5. Aufl. Wiesbaden, 143-171.

6 Von einer anderen Möglichkeit, die von der EKD seit Jahrzehnten aufwändig und solide erhobenen „Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen (KMU I bis V)“ konstruktiv auszuwerten, wird in diesem Zukunftsprozess kein erkennbarer Gebrauch gemacht.

7 #projektion2060 – Die Freiburger Studie zu Kirchenmitgliedschaft und Kirchensteuer. Analysen – Chancen – Visionen. Hrsg. von David Gutmann und Fabian Peters. Neukirchen-Vluyn, 2021.

8 Vgl. exemplarisch Luhmann, Niklas (2006): Ökologie des Nichtwissens. In: Niklas Luhmann (Hrsg.): Beobachtungen der Moderne, 2. Aufl. Wiesbaden, 187.

9 Luhmann, Niklas (2006): Ökologie des Nichtwissens, 186.

10 Vgl. Kirche der Freiheit. Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert. Ein Impulspapier des Rates der EKD. Hannover 2006, 7.

11 Zur Unterscheidung von „zukünftiger Gegenwart“ und „gegenwärtiger Zukunft“ vgl. Luhmann, Niklas/Baecker, Dirk (2006): Einführung in die Systemtheorie. Heidelberg, 213. Für die Theologie siehe Blanke, Eberhard (2012): Überlegungen zu einem theologischen Zeitbegriff. In: Blanke, Eberhard: Systemtheoretische Beobachtungen der Theologie. Marburg, 159-183.

12 Vgl. hierzu Luhmann, Niklas (2006): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, 1. Aufl., [Nachdr.]. Frankfurt/M., 439f.

13 Luhmann, Niklas (2006): Ökologie des Nichtwissens, 154.

14 Vgl. Luhmann, Niklas (2003): Soziologie des Risikos. Unveränderter Nachdruck der Ausgabe von 1991. Berlin, 111ff.

15 Im Original folgt an dieser Stelle Fußnote 31: „Dasselbe gilt, mutatis mutandis, für Kommunikation von Unzuständigkeit. In Organisationen müßte es allerdings eine Stelle geben, die über Kompetenzkompetenz (Odo Marquardt würde sagen: Inkompentenzkompensationskompetenz) verfügt. Aber diese Stelle ist, wie Erfahrung zeigt, nicht leicht zu finden, nicht leicht anzusprechen, nicht leicht zu aktivieren. Insofern kann man von einer Parallele zwischen gesellschaftlicher Legitimation der Kommunikation von Nichtwissen und organisatorischer Legitimation der Kommunikation von Unzuständigkeit ausgehen […].“

16 Luhmann, Niklas (2006): Ökologie des Nichtwissens, 178-179.

17 Luhmann, Niklas (2006): Ökologie des Nichtwissens, 205-206.

18 Luhmann, Niklas/Kieserling, André (2002): Die Religion der Gesellschaft, 1. Aufl. Frankfurt/M., 53-114.

19 Vgl. Nassehi, Armin (2009): Die Organisation des Unorganisierbaren. Warum sich Kirche so leicht, religiöse Praxis aber so schwer verändern lässt. In: Isolde Karle (Hrsg.): Kirchenreform. Interdisziplinäre Perspektiven. Leipzig, 199-218.

20 Vgl. Kues, Nikolaus von (2002): Philosophisch-theologische Werke in 4 Bänden. Lateinisch-Deutsch. Hamburg.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pastor Dr. Eberhard Blanke, Jahrgang 1961, Pastor und Kommunikationsmanager (GEP), berufliche ­Tätigkeiten in württembergischen und hannoverschen Kirchengemeinden sowie in der kirchlichen Presse- und Öffentlichkeitsarbeit; Veröffentlichungen zu Kommunikationskampagnen, Public Relations und zum Verhältnis von Theologie und Systemtheorie.

 

Pastor Stephan Feldmann, Jahrgang 1971), seit 2017 Klinikseelsorger in Osnabrück; seit 2021 ­Mitglied der Pfarrvertretung der Landeskirche ­Hannovers.

 

Pastor Fabian Gartmann, Jahrgang 1983, Pastor und Organisationsentwickler (M.A. organization studies), seit 2017 in der kirch­lichen Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sowie als Theol. Referent in der hannoverschen Landeskirche tätig.

 

Dr. theol. Georg Raatz, Jahrgang 1976, seit 2013 Theol. Referent im Amtsbereich der VELKD im Kirchenamt der EKD für Bildung, Seelsorge und Generalsynode.

 

Pastor Dr. theol. Frank A. Uhlhorn, Jahrgang 1966, Pastor und Kommunikationsmanager (GEP), seit 2021 Superintendent des ­Kirchenkreises Göttingen.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 7/2022

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