Welche Bedeutung hat die Ordination für eine evangelische Pfarrerin, einen evangelischen Pfarrer oder auch für eine Gemeinde? Könnte es Gründe geben, einen Jahrestag oder ein Jubiläum der Ordination besonders zu feiern? Und wäre eine solche Würdigung vergleichbar oder verschieden von anderen Berufsjubiläen? Annette Mehlhorn hat einen Gottesdienst zu ihrem Ordinationsjubiläum gefeiert und teilt hier ihre Überlegungen und Erfahrungen mit.

 

Seit nun mehr fast neun Jahren wirke ich als evangelische Pfarrerin der ökumenischen deutschsprachigen Gemeinde in Shanghai in enger kollegialer und geistlicher Gemeinschaft mit einem katholischen Bruder und Kollegen. Viele dieser Jahre waren geprägt vom mühevollen Ringen um Streitfragen, bei denen im Hintergrund oft das sehr unterschiedliche Verständnis unserer Berufung und Beauftragung eine Rolle spielte. Zugleich hat unsere wachsende geistliche Gemeinschaft als kollegiales Hirtenteam uns, insbesondere durch die Intensivierung der Zusammenarbeit während der Corona-Krise, viel voneinander lernen lassen. Einblicke gibt ein Dokumentarfilm zum 20. Jubiläum der DCGS, der unter www.ekd.de/video-shanghai abrufbar ist und die Homepage der Gemeinde unter www.dcgs.net.

Die „Insellage“ als deutschsprachige christliche Gemeinde fern der Heimat im als atheistisch erklärten und auf jeden Fall eher durch andere als christliche Traditionen geprägten Reich der Mitte eröffnete uns ein sehr eigenes Experimentierfeld. In dieser einzigartigen Konstellation wurde ich im Sommer 2021 Zeugin der Feier zur Silber-Primiz bzw. des 25. Weihejubiläums meines Kollegen. Ein wahrlich unvergessliches Ereignis. Bei diesem Anlass fiel mir auf, dass ich selber ebenfalls in diesem Jahr mein 25. Ordinationsjubiläum begehen würde.

 

Liturgische Formen für ein Ordinationsjubiläum? – Fehlanzeige

Hätte ich das Jubiläum ansonsten übersehen oder übergangen? Wahrscheinlich nicht, denn ich hätte (mindestens bei Wohnort in Deutschland) einen schriftlichen Glückwunsch der Kirchenleitung meiner Heimatkirche und eine Einladung zu einer gemeinsamen Feier mit allen Silberjubilar*innen des Jahres erhalten. Für eher unwahrscheinlich halte ich, dass ich das Ereignis mit einem besonderen Gottesdienst begangen hätte. So aber fragte ich mich und die für gottesdienstliche Feiern zuständige Einrichtung meiner Landeskirche, in welchen liturgischen Formen ein Ordinationsjubiläum angemessen gefeiert werden könnte. Allseitige Ratlosigkeit war die Antwort.

Und so machte ich mich auf die Suche nach einer glaubwürdigen, theologisch begründeten und authentischen Weise, dieses Jubiläum zu begehen. Bevor ich davon erzähle, was ich dabei erkannte und entdeckte, möchte ich auf die Beunruhigung eingehen, die die gemeinsame Ratlosigkeit, der ich durch meine Frage begegnete, bei mir auslöste. Meine Gedanken dazu sollen als Diskussionsbeitrag verstanden werden, der kritisch hinterfragt und weitergehend entfaltet werden kann.

Die Ordination ist ein einzigartiger Moment in der Berufsbiografie eines Pfarrers/einer Pfarrerin. Sie ist weit mehr, als ein Examen, die Ernennung in einen besonderen Status (z.B. den des Beamten) oder der glückliche Beginn einer aussichtsreichen Karriere. Zwar unterscheidet sie sich in ihrem theologischen Verständnis fundamental von der katholischen Priesterweihe, steht dieser aber in keiner Weise nach. Vielmehr kommt in ihr der ganz eigene evangelische Zugang zu Berufung und Beauftragung in den geistlichen Dienst zum Ausdruck. Hier wird ein Mitglied der Gemeinschaft der Heiligen und ihrer getauften Priester*innen im Vertrauen auf Gottes Beistand und unter Herabrufung des Heiligen Geistes zu einem besonderen Dienst beauftragt, ­ermächtigt und gesegnet. Im besten Fall trägt dieser ­Segen durch alle Höhen und Tiefen der beruflichen Tätigkeit und hilft, im Glauben und in der Berufung zu wachsen. Dafür, dass ich dieser Gnade teilhaftig werden durfte, bin ich dankbar.

Wieso aber wird diese geistliche Prägung unseres Berufes in den Traditionen und Gepflogenheiten der evangelischen Kirche(n) oft so wenig gewürdigt? Diese Frage habe ich mir im Laufe meines beruflichen Lebens mehr als einmal gestellt. Zum ersten Mal war das der Fall, als ich zu Beginn meiner beruflichen Laufbahn für eine Fasten-Retraite Fortbildungsurlaub beantragte und darauf von Seiten meiner vorgesetzten Stellen die Antwort bekam: „Meditationsseminare sind nicht fortbildungsfähig“. Da ich schon damals wegen meines engen Kontakts mit katholischen Kolleg*innen wusste, wie wichtig in deren Ausbildung und Berufsweg die Förderung und Begleitung durch spirituelle (Pflicht!)Angebote ist, war ich sehr erstaunt (und freue mich natürlich, dass sich die Wertigkeit geistlicher Stärkung in der evangelischen Kirche inzwischen geändert hat).

Rückblickend wurde mir dabei auch deutlich, wie wichtig eine solche geistliche Begleitung während des Studiums gewesen wäre, um mir durch die Durstzeiten des Zweifels zu helfen, die ein wissenschaftliches Theologiestudium nun mal mit sich bringt, wenn man es ernst nimmt. Schon in den ersten Amtsjahren suchte ich mir darum selbst geistliche Begleitung. Über viele Jahre fand ich sie vorwiegend in Spiritual*innen katholischer Konfession. Erst sehr viel später fasste ich auch zu Menschen in meiner eigenen Kirche genug Vertrauen, um dort, wo ich zu Hause bin, Boden zu finden, aus dem ich geistlich wachsen und Dürrezeiten überstehen kann.

 

Hoher Respekt vor einem geistlichen Dienst

In den letzten neun Jahren enger Zusammenarbeit mit meinem katholischen Kollegen im gemeinsamen Shanghaier Hirtenteam erlebte ich, mit welchem hohen Respekt der geistliche Dienst eines katholischen Priesters sowohl von Seiten seiner Kirche als auch aus der Gemeinde begleitet wird. Einiges davon gehört meiner Meinung nach eindeutig in die Mottenkiste überholter Pfarrherrlichkeit. Gelegentlich erfasste mich allerdings auch der Neid, wenn ich erlebte, wie sehr dem katholischen Bruder allüberall der Teppich ausgerollt, er mit Liebesdiensten und Entlastungsangeboten überhäuft wird, während ich als evangelische Pfarrerin von kaum einem Anspruch auf „Selber machen“ ausgenommen werde. Dies selbst dort, wo dieser Anspruch eindeutig meine Eignung und Ausbildung überfordert (wie beispielsweise beim Thema Finanzen und Verwaltung).

Keine Frage: Das Priestertum aller Getauften lässt auch einen Pfarrer/eine Pfarrerin bestenfalls zu einem/r Primus/Prima inter pares werden. Mehr noch: Nach biblischer Weisung (Mk. 10,23; Joh. 13), sind wir in besonderer Weise Diener*innen aller. Doch gerade in einer Zeit, in der wir zunehmend einen Mangel an hauptamtlichem geistlichen Personal verzeichnen, sollte die Frage erlaubt sein, wie viel Energie wir in nicht-geistliche Aufgaben fließen lassen (wollen/dürfen/sollten/müssen), wenn die Kräfte für den geistliche Dienst erhalten bleiben sollen. Es könnte darüber hinaus gute Gründe geben, Anlässe zur (liturgisch gestalteten) geistlichen Stärkung für diesen Dienst wahrzunehmen. Das Jubiläum der Ordination scheint mir dafür gut geeignet.

 

Geistliche Würdigung einer kirchlichen Beauftragung

Bei meiner eigenen Ordination im Jahr 1996 erlebte ich, wie dieses Ereignis sowohl für mich als Ordinandin als auch für Gemeinde und übergemeindliche Strukturen Wegmarken setzt. Für mich war es wichtig, das zum Ausdruck zu bringen, was von mir als Kern meiner Berufung oder Mission empfunden wurde: der Dialog, auch zwischen sehr Verschiedenem, scheinbar Gegensätzlichem. Dieses Anliegen kam damals sowohl in der Auswahl der Mitwirkenden (interreligiös, interkonfessionell, interkulturell) als auch in der Formensprache der Predigt (szenische Anteile) zum Ausdruck. Gemeinde(n), Dekanat und Pröpstin wollten Zeichen für eine anstehende Gemeindefusion setzen, deren Vorbotin ich mit jeweils einer halben Stelle in den beiden Gemeinden war. So kam es zur Aufteilung des Festgeschehens auf zwei Kirchen mit dazwischen führendem Pilger­weg.

Sowohl die Anspannungen, die dieses Fest im Vorfeld begleiteten, als auch der tiefe Frieden und die Fülle, die ich dabei dennoch erleben durfte zeigen, wie sehr sich bei dieser Gelegenheit Irdisches und Himmlisches, Weltliches und Geistliches verbinden, und wie wichtig eine Ordination sowohl für die zu Ordiniernde als auch für die sie begleitende Gemeinde ist. Dabei wird meinem evangelischen Verständnis nach deutlich, was der Ordination trotz aller Unterschiede einen der Priesterweihe ebenbürtigen Stellenwert gibt, nämlich eine geistliche Würdigung dieser Beauftragung, in der zugleich ein eigenes Kirchen- und Gemeindeverständnis zum Ausdruck kommen.

 

Himmelsstaub“ für die Gläubigen

Die Silberprimiz meines katholischen Kollegen wurde im Sommer 2021 zu einem sakramental zelebrierten zeremonialen Akt unter Mitwirkung dreier weiterer Priesterkollegen, bei dem die besondere Bedeutung des Priesteramtes und der Weihe den Fokus bestimmte. Von einer zu jener Zeit bei mir gastweise lebenden Österreicherin erfuhr ich, dass eine Primiz zu den üblichen Gepflogenheiten katholischer Kirchenkultur gehört und in katholischen Gegenden manchmal mit weißgekleideten Jungfrauen oder einer „Primizbraut“ begleitet wird. Inszeniert wird dabei ein heiliges „überirdisches“ Ereignis und seine Protagonisten, die durch ihre aus dem Ewigen heraus legitimierte Existenz auch „Himmelsstaub“ auf die Gläubigen abwerfen.

In der Tat waren viele unserer treuen katholischen Gemeindeglieder von diesem Gottesdienst hingerissen. Für mich persönlich gab es dabei einen Moment, der mich sehr berührte: Im Anschluss an die mit reichlich Elevation und Wandlung ausführlich zu viert zelebrierte Eucharistiefeier kniete mein Kollege vor dem Altar und wurde im Rücken von zwei seiner Priesterkollegen gestützt. Er, der sonst keine deutsche Liedzeile sauber singen kann, sang dabei auf lateinisch und betete anschließend frei in deutscher Sprache für Gemeinde und Kirche. Dieses Bild erinnerte mich an die Szene aus Ex. 17,8ff, in der Mose, gestützt durch seine Mitstreiter, mit seinem Gebet hilft, die Feinde Israels abzuwehren. Ein Bild, das mich schon als Kind beeindruckt hat. Der Wunsch, wie Mose für den weiteren Dienst gestärkt und gestützt zu werden, bestimmte darum die Entwicklung von Liturgie und Feier des Gottesdienstes zu meinem Ordinationsjubiläum.

 

Bestandteile einer evangelischen Ordinationsjubiläumsfeier

Die Überlegungen zur liturgischen Gestaltung dieses Gottesdienstes wurden durch vier Anliegen geleitet: 1. Liturgisch wäre der Bogen zur Liturgie der Ordination zu schlagen. In einer Vorlage der Rheinischen Kirche fand ich hierfür Anregungen. 2. Stärkung/Erneuerung bedarf des Rückblicks und der Reinigung (Buße). Daraus entwickelte sich ein Dank- und Bittgebet vor der eigentlichen „Konfirmationsliturgie“. 3. Anschließend an den Fokus meiner Ordination vor 25 Jahren war mir der Dialog zentral wichtig. Darum bemühte ich mich um etwas, was in China offiziell nicht erlaubt und darum nur sehr schwer zu erreichen ist: eine Mitwirkung chinesischer Glaubensgeschwister an unserem deutschsprachigen Gottesdienst. In der Tat stellte sich dieses Element als der komplizierteste, aber am Ende auch besonders fruchtbare Aspekt der Feier heraus. 4. Entsprechend der Anknüpfung an die Liturgie der Ordination sollte ein Bestandteil der Feier eine Form der Erneuerung/Bekräftigung der Beauftragung sein. Diese konnte liturgisch konsequent nicht von mir selbst geleitet werden. Da ich mir angesichts des fundamental unterschiedlichen Kirchenverständnisses und der damit verbundenen Divergenzen in den Vorstellungen zur Beauftragung nicht vorstellen konnte, diese Aufgabe meinem katholischen Bruder/Kollegen zu übertragen, suchte ich dafür nach einem evangelischen Amtsbruder/-schwester. Diese konnte wegen den unter 3 genannten Schwierigkeiten nicht in der chinesischen Kirche gefunden werden.

Wegen dieser komplexen Herausforderungen und der außerdem höchst komplizierten Rahmenvorgaben unter Corona-Bedingungen und im Advent nach Beginn der schulischen Winterferien kosteten die Vorbereitungen für dieses Fest viel Kraft, Mut und Gottvertrauen. Am Ende fand außer einem die Gemeinde und die Pfarrerin stärkenden und den Dialog bekräftigenden Gottesdienst eine über weitere sieben Tage dauernde Festzeit statt, die mich überrascht und überwältigt hat. Dies vor allem deshalb, weil mir dabei von allen Seiten das zuteil wurde, von dem ich sonst oft meinte, es selten zu erleben: eine hohe Würdigung meines geistlichen Auftrags durch Gemeinde und Geschwister in der Ökumene, in deren Verlauf sich alle gleichermaßen beschenkt sahen. Für diese besondere Gnade bin ich sehr dankbar. Etwas nachdenklich gemacht hat mich dabei höchstens, dass die Gemeinde als Teil einer Überraschungsparty mich mit Kelch und Patene beschenkte. Da ich hier in China mit ziemlich „selbstgestricktem“ Abendmahlsgeschirr herumreise, hatte mich das zunächst nicht verwundert. Als ich aber mitbekam, dass es sich dabei um das übliche Geschenk zur Primiz handelt, war ich doch etwas verwirrt.

Auf jeden Fall empfehle ich eine solche liturgisch vollzogene Feier des Ordinationsjubiläums mit Nachdruck. Einzelheiten zur Liturgie stelle ich gerne zur Verfügung. Im Zuge der zunächst vermuteten „Not“, dass wegen der komplexen Gemengelage kaum Gemeinde in den Gottesdienst kommen würde und nach den bereichernden Erfahrungen mit digitalisierten Gottesdiensten/Andachten während der Corona-Zeit wurde darüber hinaus mit einer befreundeten Dokumentarfilmerin eine eigene digitale Variante des Festgottesdienstes erstellt, für die Möglichkeiten zur Mitwirkung gegeben waren. Sie ist unter folgenden Links einsehbar:

¬ TROST: https://vimeo.com/661410705

¬ FREUDE: https://vimeo.com/661413034

¬ HOFFNUNG: https://vimeo.com/661415698

Kennwort für alle drei: 25 Jahre




 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrerin Dr. Annette Mehlhorn, Jahrgang 1958, Theologin, Theaterpädagogin, Fundraiserin (F.A.), Dozentin, Studienleiterin, Gründerin ökumenischer, interreligiöser und interkultureller Initiativen und Kulturprojekte, 2013-2022 evangelische Pfarrerin der ökumenischen Deutschsprachigen Gemeinde Shanghai (DCGS), seit Sommer 2022 Pfarrerin in der Evang. Kirche in Hessen und Nassau.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 7/2022

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