Nach langer Zeit wird nun auch den Letzten in der Kirche klar: Bei den Vorfällen sexuellen Missbrauchs geht es um Menschen; es geht um menschliche Schicksale und es geht um ein System, ein systemisches Verhaltensmuster, ein menschenverachtendes systemisches Verhalten in der Kirche. Alexander von Oettingen sieht darin zugleich eine ökumenische Herausforderung.

 

Die Pressekonferenz zur Übergabe des Gutachtens der Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl zu sexuellem Missbrauch im Erzbistum München-Freising am Donnerstag, 20.1.2022, sowie die weitere Pressekonferenz mit Erklärungen des Leiters des Erzbistums Reinhard Kardinal Marx am Donnerstag, 27.1.2022, sind durch einen einzigen Begriff gekennzeichnet: Erschütterung. Kardinal Marx hatte mehrfach mit der Formulierung „ich bin erschüttert“ seine Reaktion auf das Gutachten beschrieben, und die Reaktionen in der Öffentlichkeit nahmen diesen Begriff in breiter Front auf.

Was die „Erschütterung“ ausmacht, wird aus den Äußerungen der beteiligten Kirchenvertreter und ganz ebenso aus denen der Vertreter der medialen Öffentlichkeit deutlich. Es ist das von der einen wie von der anderen Seite her angesprochene Verhaltensmuster des „Vertuschens“, das in den gutachtlichen Schilderungen des Umgangs der Kirche mit den ihr bekannt gewordenen Missbrauchs„fällen“ deutlich wird. Das „Vertuschen“ besteht darin, einen kirchlichen Mitarbeiter aus dem Blickfeld zu nehmen, wenn bekannt wird, dass er in der einen oder anderen Form Menschen sexuell missbraucht hat. Das ist keineswegs ein lässliches Vorgehen, wie es der Begriff „vertuschen“ gelegentlich nahelegen kann, sondern es wird nunmehr auch in der kirchlichen Hierarchie deutlich, dass es sich jeweils um einen gravierenden und dramatischen und je nach Einzelfall auch strafbaren Vorgang handelt.

Nach langer Zeit wird nun auch dem Letzten in der Kirche klar, und es wird öffentlich gesehen und ausgesprochen: Es geht um Menschen, es geht um menschliche Schicksale; und vielleicht beginnt es manchem allmählich zu dämmern, dass den menschlichen Tragödien auf Seiten der Opfer menschliche Verkümmerungen auf Seiten der Täter vorausgehen. Und es geht um ein System, ein systemisches Verhaltensmuster, ein menschenverachtendes systemisches Verhalten in der Kirche. Die Erschütterung, von der die Rede ist, signalisiert, dass im Zusammenhang der Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in der Kirche der Begriff „Fehlverhalten“ schon beinahe wie ein Euphemismus klingt und bei weitem nicht ausreicht, die Inhumanität und die Verletzungen zu beschreiben, die beim sexuellen Missbrauch zugefügt werden. Die Rede von der Erschütterung bringt zum Ausdruck, dass hier etwas grundlegend Falsches am Werke ist, das allen Maßstäben christlicher Nächstenliebe zuwider läuft.

 

Kirche am „toten Punkt“

Kardinal Marx hatte bei seinem Rücktrittsgesuch im Mai 2021, das dann allerdings abgelehnt wurde, von einem „toten Punkt“ gesprochen, an dem die Kirche angelangt sei. Diese Rede wird nun noch einmal verstärkt, wenn „Vertuschen“ nicht nur bedeutet, über Menschen hinwegzusehen, sondern wenn man erleben muss, dass ein vormaliger Papst und/oder seine vatikanischen Berater den Versuch unternommen haben, unbestreitbare Beteiligung am systemischen Versagen zu leugnen. Dass man einen (vormaligen) Stellvertreter Christi mit Begriffen wie „vertuschen“ in Zusammenhang bringen könnte, erschien bislang eigentlich undenkbar.

Die Rede von der Erschütterung zeigt an, dass eine Fehlentwicklung „mit voller Wucht ins Gebälk der Kirche“ eingeschlagen ist, wie es der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer ausdrückte. Und das geht nicht allein die katholische Kirche etwas an, denn die Wurzeln der in der Erschütterung sichtbar werdenden Fehlentwicklungen reichen bis in die Anfänge des Christentums zurück. Es ist ein Erbe, das auch in den Kirchen der Reformation noch nachwirkt, und darum könnte und müsste die „Erschütterung“ auch ein Weckruf sein, sich im ökumenischen Miteinander um eine Befreiung von diesem Erbe zu bemühen.

 

Patriarchalismus

Schon im Frühstadium der Entstehung des Christentums zeigt sich ein Streben nach patriarchaler Strukturierung des Gemeindelebens. Die Frau steht anthropologisch nicht auf gleicher Stufe mit dem Mann, sondern eine Stufe darunter; der Mann ist Abglanz Gottes, die Frau Abglanz des Mannes (Eph. 11,7ff); deshalb hat sie in der Gemeinde zu schweigen (Eph. 14,34), und ihr ist untersagt zu lehren (1. Tim. 2,11). Die Briefe des NT übernehmen damit zeitgenössische Kulturmuster und bezeugen zugleich einen inneren Widerspruch zu dem emphatischen Ausspruch des Paulus, in Christus sei weder Jude noch Grieche, weder Herr noch Knecht, weder Mann noch Frau (Gal. 3,28). Für lange Zeit waren damit in den Kirchen die Weichen für den Ausschluss von Frauen von organisatorischen und geistlichen Leitungsämtern gestellt.

Hinzu traten seit der ersten Generation der Jünger und Apostel religiöse Vorstellungen von Sexualität und Ehe, die zu zölibatären Ordnungen (Enthaltsamkeits-Zölibat bzw. Ehelosigkeits-Zölibat) für Priester führten. Die Kirchen des Ostens gingen in dieser Frage allerdings einen anderen Weg als die des Westens, indem Priesteranwärter heiraten und verheiratet bleiben können, wenn die Eheschließung vor der Weihung zum Priester erfolgt ist.

Nicht zuletzt diesem Umstand ist es geschuldet, dass in der Kirche ein Bewusstsein davon erhalten blieb, dass das Zölibat nicht die einzige evangeliumskonforme Lebensweise für Priester sei. Martin Luther konnte daran anknüpfen, und für die Kirchen der Reformation wurde das die Pfarrfamilie bergende Pfarrhaus stilbildend.

Der Zustand, dass Frauen die Übernahme kirchlicher Leitungsämter verwehrt blieb, dauerte bis ins 20. Jh. an. Nach ersten Anläufen in den 1920er Jahren öffneten sich die Kirchen der Reformation nach dem Zweiten Weltkrieg, indem sie auch Frauen zum Pfarramt ordinierten. Der Vorgang illustriert die Langlebigkeit tradierter soziokultureller Rollenmuster. Das betrifft nicht nur die Kirchen, sondern generell gesellschaftliche Einrichtungen. Für die Kirchen bedeutet dies, sich immer erneut der Frage zu stellen, ob ihre je und je gewachsene Gestalt und Praxis sich noch in Übereinstimmung mit jenen spirituellen Impulsen befindet, von denen sie ihren Ausgang nahmen.

Es wird zu fragen sein, inwieweit die skizzierten Entwicklungen als historische Lernprozesse verstanden und von den Kirchen der Reformation in die ökumenische Gemeinschaft der Kirchen eingebracht werden können.

 

Hierarchie

Ein anderer Aspekt des Patriarchalen ist das hierarchische Denken. Die „Ältesten“ (presbyteroi) werden verglichen mit „Hirten“, die die als „Herde“ verstandene Kirche „weiden“ oder auch „hüten“. Es sind die „Führungspersonen“ (haegoumenoi; davon: Hegemon), die der Gemeinde das Evangelium verkündigt haben (Hebr. 13,11). Als „Aufseher“ (episkopos, daraus: Bischof) werden die angesprochen, die die „Herde“ zu „hüten“ haben (Apg. 20,28).

In der Kirchengeschichte hat sich diese Hierarchie erfolgreich etabliert und eine absolutistische „top down“-Führung gebracht. Der Reformator Martin Luther brach mit dieser Auffassung, als er den Gedanken ins Spiel brachte, es sei allein Sache der Gemeinde, die Pfarrer zu wählen und über rechte und falsche Lehre zu entscheiden. Allein, die römisch-katholische Kirche wies diese Auffassung zurück, und der Gang der Reformationsgeschichte führte dazu, dass in den lutherischen Kirchen für mehrere Jahrhunderte nicht die gemeindliche Selbstbestimmung prägend wurde, sondern der obrigkeitliche „Summepiskopat“. Es mag wohl sein, dass sich der hierarchisch verfasste Klerus in der römischen Kirche bis hin zu Bischöfen und Papst jeweils als „wohlmeinender Hegemon“ verstanden hat oder versteht, aber eine bleibende Bevormundung der nicht für mündig gehaltenen Christenmenschen ist unbestreitbar. Die Kirchen der Reformation haben sich zwar synodale Prinzipien zu eigen gemacht, aber bislang bleibt ein struktureller Widerspruch beobachtbar, der darin besteht, dass zwar von einem Aufbau der Kirche „von unten nach oben“, also von der Gemeinde her, ausgegangen wird, gleichwohl aber viele Ordnungsbestimmungen und insbesondere die Finanzverfassung von oben nach unten konstruiert sind.

Der aus der Erschütterung hervorgehende Weckruf könnte und müsste dahin gehen, Kirche von der Gemeinschaft der Gläubigen her zu verstehen und zu organisieren. Könnte die Vorstellung mehr als nur eine ökumenische Utopie sein, kirchliche Formen von Organisation und Führung zu entwickeln, die auf einem gemeinsamen Verständnis von „mündigem Christsein“ (Bonhoeffer) aufruhen?

 

Heiligkeitsverklärung

Hand in Hand mit der Etablierung eines patriarchalisch-hierarchischen Klerus ging der Prozess der Dogmatisierung in Gestalt der verklärenden „Vergöttlichung“ Jesu und der „Heiligerklärung“ kirchlicher Riten und Strukturen. Der Rabbi und Wanderprediger Jesus bekommt göttliche Züge, die Zweinaturenlehre, die Jesus als „wahrer Mensch und wahrer Gott“ beschreibt, wird Glaubenslehre. Die Kirche wird als „heilig“ qualifiziert zum Glaubensgegenstand. Die Geburt ebenso wie der Tod Jesu werden mit Wundern (Jungfrauengeburt bzw. Auferstehung und Himmelfahrt) umgeben, um zeitgenössische Konkurrenzerzählungen übertrumpfen zu können.

Das Passahmahl wird seiner überlieferten Bedeutung als aktualisierende Erinnerung an die Befreiung Israels aus der Knechtschaft in Ägypten entkleidet und umgeformt zu einem „heiligen Mahl“, zur Eucharistie, der Selbsthingabe Jesu als gute (Opfer-)Gabe zur Befreiung Israels (und der Völker) von aller Sündenschuld.

Die Kirche wird durch das Pfingstnarrativ der Ausgießung des heiligen Geistes mit einem Gründungsmythos ausgestattet, der sie als Gestalt des göttlichen Geistes ausweist, ergänzt von dem Narrativ der Felsengestalt des Petrus, demzufolge sich in der vorhandenen Gestalt der Kirche der Wille und Auftrag Jesu widerspiegeln.

Mit diesen Gestaltungselementen wird eine Institution geschaffen, die ausgestattet mit der magischen Aura des „Heiligen“ im Imperium Romanum das Erbe der antiken Priesterreligion anzutreten vermag. In ihrer monotheistischen Grundlegung polytheistischen Religionsgestalten überlegen entwickelt sich die Kirche innerhalb von 300 Jahren zu einer gesellschaftlichen Macht, die selbst Strukturen eines Machtapparates annimmt.

Nach der Konstantinischen Wende im 4. Jh. n.Chr. entwickelt sich eine wachsende Teilnahme des Papstes an politischen Machtkämpfen in Europa, die nach der Bildung des Kirchenstaates im 8. Jh. durch die Pippin’sche Schenkung und weitere Zugewinne wie etwa durch die Konstantinische Schenkung in den nächsten Jahrhunderten zu einer monarchischen Struktur des Papsttums führte. Damit gelangte die Kirche mit ihren Aufsehern und Hegemonen auf jenes Niveau von Macht – politischer Macht und Macht über die Seelen –, das ihr erlaubte, die Geschichte Europas und der Welt bis in die Neuzeit mit zu prägen.

Die Kirchen der Reformation haben sich von dem theologischen Selbstverständnis als „heilige Institution“ in zentralen Punkten gelöst. Aus einer „Priesterkirche“ wurde eine „Pastorenkirche“, an die Stelle der (mystisch-sakralen) „Weihe“ trat die (seelsorglich-organisationspraktische) „Ordination“, das Abendmahlverständnis als „Opferfeier“ wurde aufgegeben und ersetzt durch das Verständnis als „Gedächtnismahl“. Zugleich lebt in ihnen das Bekenntnis der alten Kirche zu der „heiligen christlichen Kirche“ (Apostolikum, reformatorische Fassung) sowie der „Gemeinschaft der Heiligen“ fort. Zwar hat die Reformation die Vorstellung von der Heilsnotwendigkeit der Kirche aufgegeben, aber im Begriff des „Priestertums aller Gläubigen“ schwingt weiterhin ein Element des „Heiligen“ mit. Damit sind nicht nur die Kirchen der Reformation dazu herausgefordert, die Dimension des „Heiligen“ in der Weise aufzunehmen, dass es die Glaubens- und Lebenswelt der Menschen inspiriert, nicht aber zur Selbstlegitimierung und Immunisierung der Institution umgenutzt wird. So könnte etwa Luthers Auslegung des Abendmahls als das „tiefste Erlebnis der sichtbar gewordenen Gnade Gottes“ als ein Versuch in diese Richtung verstanden werden.

 

Diesseitigkeit von Religion und Kirche

Im abendländischen Europa ist die Macht der Kirchen im Schwinden. Damit sieht sich die landläufige Säkularisierungsthese bestätigt, dass die Entwicklung der modernen Gesellschaft getragen und begleitet wird von zunehmender Individualisierung und abnehmender Bedeutung von Religion. In dieses Deutungsbild passt allerdings nicht das fortwährende Bestehen religiöser Bedürfnisse, Empfindungen und Ausdrucksformen. Das Schwinden kirchlicher Macht und Bedeutung ist offenbar nicht gleichzusetzen mit dem Schwinden von Religion. Es legt sich vielmehr die Annahme nahe, dass die von den Kirchen verkörperte und vertretene Gestalt von Religion an Ausstrahlung verliert. Es kann an dieser Stelle offen bleiben, inwieweit sich die Natur dieser religiösen Bedürfnisse im Einzelnen als vor- oder nachaufklärerisch darstellt. Aber die Kirchen müssen sich fragen, ob ihnen eine Religionsgestalt möglich ist, die ohne Anleihen an kultisch-magische Züge und damit verknüpfte soziokulturelle Strukturmuster auskommt. Dietrich Bonhoeffers Formulierung von der Gotteserfahrung „in tiefer Diesseitigkeit“ könnte dazu einen Schlüssel bieten.

Als Einstieg mag die Einladung Jesu „komm, folge mir nach“ dienen. Indem die Evangelien des NT von den Wegen und Reden Jesu erzählen, sprechen sie eine Einladung aus zum Zuhören und Mittun, zum Nachdenken und Nacheifern. Es geht niemals um Glaubenslehren oder deren Aneignung. Es geht um Hingehen und Heilen, um Diskussion und Auseinandersetzung, um Beschäftigung mit dem richtigen und dem falschen Leben. Immer steht der Mensch im Mittelpunkt, seine Gottesbeziehung, die Annahme seiner Schwächen und die Fruchtbarmachung seiner Gaben als von Gott geliebte Kreatur.

Von diesem Mittelpunkt her sind die Weisungen, d.h. die Normen und Regeln der Thora auszulegen. Die Bergpredigt bietet die Essenz eines Nachdenkens über das, was für ein gelingendes Zusammenleben von Menschen gebraucht wird. Man muss die Seligpreisungen nicht „glauben“, denn es handelt sich um die Formulierung von Einsichten, von denen man sich selbst überzeugen, die man diskutieren, prüfen, für tauglich halten oder ablehnen kann, kurz: anhand derer und mit denen man sich darüber verständigen, auseinandersetzen oder streiten kann, wie das, was die Evangelien Reich Gottes nennen, herbeigeführt und gestaltet werden kann. Es geht um „Nachfolge“, um ein „Beten und Tun des Gerechten“ (Bonhoeffer), in dem sich die verheißene Glückseligkeit erweisen und erschließen kann. Sich in die Nachfolge Jesu zu begeben ist ein existentieller Vorgang, eine Entscheidung über die eigene persönliche Lebensführung, die auf einer ganz anderen Ebene liegt als die Entscheidung, ob ich mir etwa die Lehrmeinung, dass Jesus „wahrer Mensch und wahrer Gott“ sei, zueigen mache.

 

Neuer Aufbruch

Die im Zuge der Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in der Kirche manifestierte Erschütterung hat Themen auf die Agenda gesetzt, die auf problematische Grundentscheidungen der Kirche verweisen: Macht der klerikalen Hierarchie, mangelnde Beteiligung der Laien, Zölibat, Zulassung von Frauen zu Weiheämtern, Sexualmoral. In allen diesen Themenfeldern wurden in den frühen Jahren des Christentums die Weichen gestellt, aus dem einen oder anderen heraus bildeten sich im Lauf der Kirchengeschichte immer wieder Widerstands- und Reformbewegungen. Immer ging es darum, Verkrustungen aufzubrechen und Wucherungen zu beseitigen, die den evangelischen Kern bis zur Unsichtbarkeit überlagert und verdeckt hatten.

Eine der wohl bedeutungsvollsten dieser Bewegungen, die Reformation im 16. Jh., sticht dadurch hervor, dass sie zentrale Strukturen dieser Verkrustung und Überwucherung adressiert und in unterschiedlichen Maßen zu überwinden vermocht hat. Die Reformatoren haben in zum Teil vergessener Weise alte und älteste Quellen aufgesucht, um Grund- und Leitlinien für Gottesdienstgestaltung, Gemeindestruktur und Bekenntnisfragen so schriftgemäß wie möglich zu fundieren. Ähnliches kann man beobachten in den Bemühungen der Vertreter der Dialektischen Theologie in den 1920er Jahren. Die Rückbesinnung ging bis hin zu der Frage, inwieweit die dogmatischen Beschlüsse der Ökumenischen Konzilien gegenwärtig noch verständlich, nötig oder verbindlich seien.

Der bekannte Satz des französischen Theologen Alfred Loisy (1857-1940), „Jesus hatte das Reich angekündigt, und dafür ist die Kirche gekommen“, bringt das Problem auf den Punkt. Denn auf die These, dass unter den gegebenen historischen Rahmenbedingungen in und mit der Herausbildung der Kirche die einzige Möglichkeit bestanden habe, der Perspektive des Reiches Gottes treu zu bleiben, kann man in zweifacher Weise reagieren: Man könnte zum einen fragen, ob die Kirche, z.B. durch die jüngeren sozialkritischen und feministisch-kritischen Forschungen, in der Theologie etwas dazugelernt habe und gleichsam mündiger geworden sei, um jenen soziokulturellen Mustern von Patriarchat und Herrschaft, die einst die Oberhand gewannen, nunmehr zu entgehen. Und man könnte zum anderen fragen, welche spirituellen Erfahrungen und Ermächtigungen in den letzten Dezennien in den christlichen Lebensalltag Einzug halten und also gefördert und eingeübt werden können, um jene soziokulturellen Prägungen zu verändern, die der Nachfolge entgegenstehen.

Die Erfahrungen der Kirchen der Reformation im Umgang mit überlieferten kirchlichen Anschauungen (Dogmen und Lehren) und Strukturen (Gottesdienst- und Kirchenordnung) könnten als Schritte derartiger (historischer) Lernprozesse verstanden und in eine gemeinsame ökumenische Bemühung eingebracht werden. Es könnten miteinander neu die befreienden Impulse entdeckt werden, die mit den biblischen Bildern und Erzählungen vom Reiche Gottes verbunden sind. Mit dem Stichwort vom Reich Gottes fassen die ntl. Zeugen eine Welt ins Auge, die Menschen und Völker in Frieden und Gerechtigkeit zusammenleben lässt, und die je näher heranrückt, je mehr Menschen in sich Fähigkeiten wie Barmherzigkeit, Mitleid, Friedensbereitschaft, Gerechtigkeitssinn, Demut wachsen lassen und zur praktischen Entfaltung bringen. Dabei gilt es sich zu lösen von einem religiösen (Selbstmiss-)Verständnis als Jenseitsreligion, das schon früh auch in das Christentum Einzug gehalten und christliches und kirchliches Leben mitgeformt hat. Damit wäre auch der klerikalen Hierarchie, wie sie einer Priesterreligion fundiert ist, der legitimierende Boden entzogen.

 

Alexander von Oettingen

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer em. Dr. Alexander von Oettingen, ­promovierter ­Theologe und ausgebildeter Jurist, Auslandsdienst in Teheran, ÖRK-Referent im Kirchenamt der EKD, Beisitzer im Kirchl. Verfassungsgericht (EKHN), Herausgeber und freier Autor; Schwerpunkte: Dialog der Religionen, Politische Ethik (insbesondere Friedensfragen), Kirchen- und Staatskirchenrecht, Kirche im ­Nationalsozialismus und in der Kaiserzeit, Dietrich Bonhoeffer.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 6/2022

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