Deutscher Pfarrerinnen- und Pfarrertag 2022 in Leipzig

 

Wenn vom 26.-28. September 2022 Leipzig seine Tore für den nächsten Deutschen Pfarrertag öffnet, dann wird die Evang.-Luth. Landeskirche Sachsens gemeinsam mit dem Sächsischen Pfarrverein Gastgeber sein. Sie stellt sich hier vor.

Sachsen ist ein Land mit vielen Traditionen und auch die sächsische Landeskirche pflegt und bewahrt kirchliche Traditionen bis heute – von der Lausitz im Osten bis ins Vogtland im Westen, vom Erzgebirgskamm im Süden bis nach Leipzig im Norden. Als Kirche in Sachsen haben wir aber schon lange damit umzugehen, dass insbesondere christliche Traditionen an Bedeutung verlieren. Hier in Sachsen gehören aktuell ca. 20% der Bevölkerung einer der beiden großen Kirchen an, der Anteil evangelischer Kirchenmitglieder an der Bevölkerung in Sachsen liegt bei 17%.

Noch aus der Zeit der DDR hat sich in den sächsischen Kirchgemeinden die Tradition der Christenlehre und damit eine weit vor der Konfirmation beginnende Arbeit mit Kindern und eine lebendige Jugendarbeit erhalten. In den letzten 30 Jahren ist eine bunte Vielfalt evangelischer Kindertagesstätten und Schulen hinzugekommen, die – getragen von viel Engagement vor Ort – zu guten Orten des Lernens und evangelischer Bildung für Kinder und Jugendliche geworden sind. Sachsen hat mit 92 evangelischen Schulen die höchste Dichte von evangelischen Schulen in Deutschland. Und dennoch sind wir keine junge Kirche, denn die Mehrzahl unserer Gemeindeglieder sind ältere Menschen.

Damit stehen wir als sächsische Landeskirche – ähnlich wie viele andere Landeskirchen – vor großen Herausforderungen: Wie können wir das Evangelium lebensnah und zeitgemäß kommunizieren in einer immer säkularer werdenden Welt? Wie gehen wir mit den sinkenden Gemeindegliederzahlen um und welche Schlüsse sind daraus zu ziehen? Wie können wir den weniger werdenden Christinnen und Christen Seelsorgende in erreichbarer Nähe an die Seite stellen? Wer engagiert sich in immer größeren Strukturen für ein lebendiges Gemeindeleben vor Ort? Wie können wir die aufgrund der demografischen Lage in Sachsen dringend notwendigen diakonischen Einrichtungen angesichts des Fachkräftemangels zukunftsfähig machen? Welche Wege der Nachwuchsgewinnung für Verkündigungsberufe sind einzuschlagen? Welche Aufgabe kommt der Kirche angesichts der Spaltungen in der Gesellschaft zu, die auch vor den Gemeinden nicht halt machen?

In Sachsen gibt es eine große Vielfalt an Traditionen, Prägungen und Einflüssen. Möchte man verstehen, was die sächsische Landeskirche bis heute ausmacht, muss man diese unterschiedlichen regionalen Traditionen, aber auch die geschichtlichen Einflüsse und theologischen Prägungen erwähnen, die ihre Wirkung bis heute noch entfalten.

 

Ein Kernland der Reformation

Die christlichen Wurzeln Sachsens reichen bis in das 10. Jh. zurück, wo die Missionstätigkeit unter den Slawen begann und das Bistum Meißen gegründet wurde. Im Schutz der Burgen wurden die ersten Kirchen errichtet. Aus Marktsiedlungen entstanden Städte wie Meißen, Leipzig, Chemnitz, Zwickau oder Bautzen. Geistlicher Mittelpunkt war der Dom zu Meißen, der auch heute noch Bischofskirche ist.

Ausgehend von der Lehre Martin Luthers und den Anfängen der Reformation im Ernestinischen Sachsen (Wittenberg) kam die Reformation 1539 auch in das Albertinische Sachsen. Damit wurde Sachsen ein Kernland der Reformation und des Luthertums. Mit der Leisniger Kastenordnung (1522) hatten schon vorher reformatorische Gedanken ihre prägende Wirkung in Sachsen entfaltet. Im Folgenden wurden Kirchen und Schulen visitiert und Superintendenten eingesetzt. Der Augsburger Religionsfrieden (1555) bestätigte das Landesherrliche Kirchenregiment, nach dem die Landesherren den Bekenntnisstand für sich und ihre Untertanen bestimmten. Dadurch waren die Untertanen evangelischer Fürsten mit ihrem evangelischen Glaubensbekenntnis geschützt. Seit 1613 gab es das Amt des Oberhofpredigers, das für die sächsische Landeskirche selbst, aber auch für die lutherischen Kirchen von großer Bedeutung war.

Auf der Basis der Kirchen- und Synodalordnung kam es 1868 erstmals zur Bildung von Kirchenvorständen, die eine breite Beteiligung von Kirchenmitgliedern an Leitungsaufgaben ermöglichten. 1871 konstituierte sich die 1. Landessynode für das Königreich Sachsen. Das Ende der Monarchie führte nach dem Ersten Weltkrieg zur Trennung von Kirche und Staat. 1922 wurde eine neue Kirchenverfassung verabschiedet, mit der die kirchliche Verwaltung und die synodalen Strukturen neu geordnet wurden. Ludwig Ihmels wurde zum ersten Landesbischof gewählt.

 

Kirche in politischen Umbrüchen

Diese neugewonnene Souveränität der Kirche geriet in der Zeit des Nationalsozialismus in Gefahr. Gegen die nationalsozialistische Vereinnahmung der Kirche und die deutschchristliche Kirchenleitung – ein dunkles Kapitel unserer Landeskirche – regte sich Widerstand, der vor allem von Mitgliedern der „Bekennenden Kirche“ ausging. Erfahrungen des Kirchenkampfes in der Zeit des Nationalsozialismus flossen daher nach dem Krieg in die neue Verfassung der Evang.-Luth. Landeskirche Sachsens ein.

In der DDR nahm die Kirche eine herausfordernde Mittlerrolle ein: Als religiöser Gegenpol zum atheistisch geprägten Staat war sie auf stete Verhandlungen angewiesen, um ihre Mitglieder vor Ausgrenzung zu bewahren und sich gesellschaftlich einzubringen. Unter dem Dach der Kirche versammelte sich unter dem Motto „Schwerter zu Pflugscharen“ eine christlich motivierte Friedens- und Umweltbewegung. Von dort kamen wichtige Impulse für den gewaltfreien Umbruch 1989. Die Demonstrationen hunderttausender Leipziger Bürger im Herbst 1989, im Anschluss an die montäglichen Friedensgebete in der Nikolaikirche, trugen wesentlich dazu bei, dass die Staatspartei auf ihre Macht verzichten musste.

Nach der politischen Wende übernahm die Landeskirche vielfältige Aufgaben im sozialen und Bildungsbereich: evangelische Schulen, Kindergärten und diakonische Einrichtungen entstanden. Bei der Aufnahme und Begleitung von Geflüchteten engagieren sich viele Kirchgemeinden bis heute stark. Neben dem interreligiösen Dialog zählt auch der Einsatz für Demokratie und Menschenrechte zu den Arbeitsfeldern, in denen sich Christen engagieren. Trotz des Mitgliederrückgangs infolge der demografischen und gesellschaftlichen Entwicklungen ist die Landeskirche eine wichtige gestaltende Kraft in Sachsen und ein gefragter Ansprechpartner für zivilgesellschaftliche Akteure, Politik und Verwaltung.

 

Regionale Vielfalt

Sachsen besteht neben den drei Metropolregionen Dresden, Leipzig und Chemnitz vor allem aus ländlichen Regionen, was die Rahmenbedingungen kirchlicher Arbeit entscheidend prägt.

Die Stadt Dresden – früher Residenzstadt und jetzt Landeshauptstadt – liegt an der Elbe und ist berühmt für ihre barocke Innenstadt-Silhouette. Dazu tragen auch Kirchtürme bei: der Turm der Dresdner Kreuzkirche und, seit ihrem Wiederaufbau 2005, auch die unverwechselbare Kuppel der Dresdner Frauenkirche. Neben Kultur und Tourismus prägt auch ihre Geschichte Stadt und Kirchen bis heute. Besonders deutlich wird dies bei den Kirchen, die der Nagelkreuzgemeinschaft angehören und somit Orte des Erinnerns an die Schuld und Zerstörung des Zweiten Weltkrieges, aber auch Orte des Friedens und der Versöhnung sind.

Das Elbtal und die Region um Radebeul und Meißen herum sind bekannt für ihre Weinhänge inmitten der wunderschönen Flusslandschaft. Es ist das nördlichste Weinanbaugebiet Deutschlands. In Meißen findet man einen der ältesten kirchlichen Orte in Sachsen. Der Dom zu Meißen und der Klosterhof St. Afra bewahren eine jahrhundertealte Kirchengeschichte, die noch heute von Besuchern zu erleben ist.

Die Sächsische Schweiz ist ein beliebtes Urlaubsziel für Naturliebhaber, Wanderer, Kletterfreunde, Radwanderer und kulturinteressierte Touristen. Dazu gehört die St. Marienkirche in Pirna, die Stadtkirche in Hohnstein oder die Lohmener Kirche. Radtouristen können an der Radwegekirche in Wehlen Rast machen.

In Kirchgemeinden der Oberlausitz sind evangelische Sorben beheimatet. Diese slawische Volksgruppe spricht eine eigene Sprache und pflegt noch heute die Bräuche ihrer Tradition. Bautzen ist ein wichtiges politisches und kulturelles Zentrum des sorbischen Volkes. Das Losungsheft und der Adventsstern machten den kleinen Ort Herrnhut in der Nähe von Zittau weit über Sachsen hinaus bekannt. Der Herrnhuter Stern (25 Zacken) entstand in der ersten Hälfte des 19. Jh. in einer Bildungsanstalt der Brüder-Unität. Jährlich werden in Handarbeit über 240.000 Original Herrnhuter Sterne in verschiedenen Papier- und Kunststoffausführungen gefertigt.

Chemnitz ist eine Industriestadt am Rand des Erzgebirges. Die meisten Chemnitzer Gotteshäuser stammen aus dem 19. und beginnenden 20. Jh., als die Bevölkerungszahl der Stadt dank der Industrialisierung rasant anstieg. Viele Gemeinden im Erzgebirge sind durch die Erweckungsbewegung im 19. Jh. geprägt. Bis heute bereichern sie mit ihrer besonderen Frömmigkeit und dem regionalen Brauchtum die Landeskirche. Weit über die Grenzen der Region hinaus bekannt ist die erzgebirgische Holzkunst – Pyramiden, Nussknacker, Schwibbögen, Räuchermännchen und Engelfiguren sind für viele Menschen eng verbunden mit der Advents- und Weihnachtszeit.

Im Vogtland begegnet eine große kulturelle Vielfalt: Die Kurbäder Bad Brambach und Bad Elster prägen das obere Elstertal, der Musikwinkel um Markneukirchen blickt auf eine reiche Tradition des Instrumentenbaus.

 

Weltoffener und liberaler Lebensstil – Leipzig

Leipzig ist eine sich rasant entwickelnde Großstadt, die als Universitäts- und Messestadt einen weltoffenen und liberalen Lebensstil verkörpert. Die Leipziger Kirchen zeugen von der bewegten architektonischen, historischen und kulturellen Vergangenheit der Stadt und einer etwa 1000jährigen christlichen Siedlungs- und Kulturgeschichte. Untrennbar mit der Musikstadt Leipzig verbunden sind Johann Sebastian Bach und der Thomanerchor. Sie machen die Thomaskirche im Zentrum der Stadt zu einem Anziehungspunkt für Musikliebhaber und Bachverehrer aus aller Welt.

Die Nikolaikirche war im Herbst 1989 ein entscheidender Ausgangspunkt für die friedliche Revolution in der ehemaligen DDR. Seit September 1982 sind die montäglichen Friedensgebete in der Nikolaikirche Tradition.

Am Leipziger Neuseenland und am Lausitzer Seenland kann man erleben, wie sich aus vom Braunkohletagebau schwer gezeichneten Landstrichen junge Urlaubsregionen entwickeln können, die sowohl als Naherholungsraum als auch als Lebensraum neue Attraktivität gewinnen. Pilgerwege wie der Lutherweg führen entlang des Sächsischen Burgen- und Heidelandes und ermöglichen Rad- und Wandertouristen den Blick in viele offene Kirchen.

 

Das Evangelium verkündigen – eine gemeinsame Aufgabe

So unterschiedlich die Regionen sind, gibt es doch eine Konstante in den Kirchgemeinden in Stadt und Land: Neben dem Pfarrdienst gehören auch die Berufsfelder der Kirchenmusik und der Gemeindepädagogik zum Verkündigungsdienst in Sachsen dazu. Das sog. „Dreigespann“ dieser drei Berufsgruppen ist in den sächsischen Kirchgemeinden bis heute als verbindliche „Gemeinschaft der Dienste“ erhalten geblieben und soll dies auch weiterhin bleiben. Die Zusammenarbeit vor Ort zu stärken und darauf zu achten, dass in allen Berufsgruppen auskömmliche Stellen im Verkündigungsdienst zur Verfügung stehen, ist das Ziel der aktuellen Strukturanpassung. Ebenso ist aber auch deutlich, dass die Gewinnung, Qualifizierung und Begleitung von Ehrenamtlichen stärker als bisher zu einem wichtigen Bestandteil der Aufgaben aller Berufsgruppen im Verkündigungsdienst werden muss.

Neben den Ortsgemeinden sind andere Kontaktflächen zur Gesellschaft notwendig. Ob in den evangelischen Kitas, Schulen oder den Jugendkirchen, in den Pflegeeinrichtungen der Diakonie oder der Bahnhofsmission, ob in der Kantorei vor Ort oder beim Konzert des Leipziger Thomanerchores oder des Dresdner Kreuzchores, ob bei der Radioandacht, dem Fernsehgottesdienst oder im Friedensgebet – unsere Kirche wird an vielen Stellen in Sachsen wahrgenommen und wertgeschätzt.

 

Tabea Köbsch
Pressesprecherin, Leiterin der Stabsstelle für ­Kommunikation und Koordination

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 6/2022

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