Zum 150jährigen Bestehen des Evang. Pfarrvereins in Württemberg wurde zwischen 2014 und 2016 das Archivmaterial zur Geschichte des Pfarrvereins erneut erforscht. Dabei fiel die sogenannte „Hesselberg“-Rede von Hermann Göring von 1935 und deren Wirkung in den süddeutschen Kirchen und bei deren Pfarrern auf. Christian Buchholz hat hierzu recherchiert.*

 

In die Auseinandersetzungen um die Souveränität von Kirche und christlichem Glauben hinein hält Göring – als eine der „Größen“ des NS-Regimes – bei der Sonnwendfeier am 23. Juni 1935 auf dem Hesselberg in Franken (auf dem sich heute ein Bildungszentrum der Evang.-Luth. Kirche in Bayern befindet) vor vielen Tausend Menschen eine berüchtigte und kirchengeschichtlich äußerst wirkungsvolle Rede. Wenige Monate vorher hatte er sich im Berliner Dom in Gegenwart vieler führender NS-Persönlichkeiten mit allem liturgischen Pomp mit seiner zweiten Frau durch Reichsbischof Ludwig Müller kirchlich trauen lassen. Von einer anschließenden Hochzeitsreise auf den Balkan war ­Göring gerade zurückgekehrt. Und nun erfolgen hasserfüllte Tiraden, nachdem Julius Streicher, Gauleiter und Herausgeber des antisemitischen Hetzblattes „Der Stürmer“, die Zuhörer eingestimmt hatte: Schreit es hinaus in alle Welt: Hier steht die deutsche Jugend, wir hassen jenes Volk, von dem Christus einst sagte, es sei vom Teufel … schon vor Jahrtausenden lebten unsere Vorfahren in diesem Land. Sie verließen ihre Dörfer, um hier Gott zu suchen … heute versucht der Jude aufs neue, die Völker gegen uns in einen Krieg zu treiben … wenn noch einmal ein Krieg kommen sollte, kann es nur ein Kreuzzug sein gegen den Todfeind in allen Völkern, gegen den ewigen Juden.

Und dann sprach Göring: Wenn hier auf solch einer alten Kultstätte Sonnwendfeuer entzündet werden … so ist dies eine heilige Handlung. Wir haben zurückgefunden zu den Stimmen unseres Blutes, die geheimnisvolle Stimme des Blutes … neues Heidentum … man wirft uns vor, daß wir einen neuen Glauben wollten … wenn wir Sonnwendfeuer entzünden … haben wir zurückgefunden zur Stimme des Blutes (Beifall!!) … für uns ist nicht entscheidend ‚Heide‘ oder ‚Christ‘, für uns ist entscheidend, ob sie das gleiche nordische Blut haben wie wir (Jubelnder Beifall!!) ... Mögen sie das Heidentum nennen, wenn wir wallfahren zu einer alten Kultstätte unserer Vorfahren. Aber sie mögen es uns nicht verübeln, wenn wir wieder in die Geschlossenheit unseres Volkes hier zusammenströmen, unsere Herzen hochzuheben zu der Idee unseres Führers, anstatt das Geschwätz zänkischer Pfaffen anzuhören (brausender Beifall!!) … so gewaltig … ist noch nie eine Kirche erbaut worden, wie der Dom Gottes, der sich hier über dem Berg … offenbart … Sie sagen, wir hätten den Glauben abgestreift … wo ist jemals in Deutschland tiefer und leidenschaftlicher geglaubt worden, wie heute geglaubt wird an das Höchste? … Wann ist jemals ein Glaube stärker wieder erweckt worden, wie der Glaube unseres Führers? Wer hat in das mutlos verzagende deutsche Volk einen neuen Glauben eingepflanzt? … Es ist besser im Glauben an sein Volk stark zu sein, wie manches im Katechismus vergessen zu haben … Wir fragen die Diener am Wort, die ein Volk glaubenslos werden ließen. Wenn heute die Kirche uns mahnen will zum Glauben, dann fragen wir sie: Wo wart ihr denn in der schweren Zeit des Kampfes? Wo wart ihr denn, als der Drache des Marxismus Deutschland vernichten wollte? Wo wart ihr denn, als Deutschland am Unglauben zu ersticken drohte? ... Der Glaube an die Zukunft meines Volkes steht nicht im Widerspruch zu Gott, denn der Allmächtige hat dieses Volk geschaffen … damit es an seine gottgewollte Zukunft glaubt. Wenn ein Volk den Glauben an sich selbst verloren hat, dann nützt auch der Glaube an die Gotteshäuser nichts mehr … wenn der heilige Schwur von Treue wieder Geltung haben soll, dann müssen wir erkennen, daß Adolf Hitler alles für Deutschland ist … Indem ich an mein Volk und seine Zukunft glaube, glaube ich an den Allmächtigen. Das größte Wunder ließ der Allmächtige durch Adolf Hitler geschehen … Das Wunder der Auferstehung des deutschen Volkes … Adolf Hitler ist alles, ist Deutschland, ist unser Glaube, ist unsere Bewegung, ist unsere Zukunft (minutenlange stürmische Heilrufe).

 

Anmerkungen zur Rede Görings

Auffallend ist der Anklang an Wesenselemente der katholischen Messliturgie und an katholische Volksfrömmigkeit. Sein religiös klingender Sprachgebrauch ist in der NS-Dramaturgie zuhause. So äußert sich Göring schon 1934: Das deutsche Volk hat zahllose Leidensstationen auf seinem Passionsweg nach Golgatha erreicht … entweder Untergang oder Auferstehung … das deutsche Volk ist auferstanden.

Das zeigt sich auch an den mythologischen Bildern: vom Drachen ist die Rede, das Heidentum wird beschworen, der Berg wird als heiliger Ort stilisiert. Bei der Einladung zum Hesselberg-Tag 1935 hieß es deshalb auch sehr prägnant: … es ist, als ob ein Raunen durch Franken ginge … Hesselberg! Du heiliger Berg Germaniens, deutsche Bauernerde, Thingstätte des Nationalsozialismus … Ein unsichtbares Band wird das Volk auf dem Berg umgeben, wenn es hinauf jauchzt in das deutsche Land der Franken: Sieg Heil dem Führer und Vaterland!

Kirchenkritik ist anhaltender Begleiter auch der Kirchengeschichte. Hierin begegnen sich die Ideologen der Deutschen Christen und die Linke der Bekennenden Kirche! Bei Göring ist die Kirchenkritik aber unreflektiert getragen von Demagogie, von Vorurteilen und Schmähungen gegen Kirche, gegen christliche Kultur und Religion. Die rhetorische Frage „Wo wart ihr …“ greift ein altes Muster Görings auf: In einem Buch von 1933 über das Ringen des deutschen Volkes um Freiheit und Ehre fragt Göring suggestiv: Wo war in Deutschland der Mann, den gleichzeitig Genie und Tatkraft auszeichnete …?

Die Kritik an (den) Pfarrern ist wohlfeil – immer schon üblich an Stammtischen, in den Niederungen der Kirchengeschichte, auch im Vorfeld der Reformation. Judenpfarrer, Dogmengezänk, Theologengezänk, Geschwätz zänkischer Pfaffen – all diese negativen Stilisierungen und Projektionen kulminieren andernorts in herablassenden, unwürdigen Bezeichnungen wie (unter der Kanzel sitzende) alte Weiber und winselnde Pfarrer. Damit sind die beginnenden Verfolgungen von Pfarrern angedeutet, deren ganzer Berufsstand später auch strukturell infrage gestellt wird.

Der Vorwurf, die evangelische Pfarrerschaft habe gegen die Zersetzung in der Zeit nach 1918 nichts getan, greift eine bereits gängige Kritik auf: So wehrt sich das Deutsche Pfarrerblatt schon im Frühjahr 1935 gegen derartige „Unterstellungen“: Die evangelischen Pfarrer haben in der genannten Zeit in einem harten und aufreibenden Kampf gegen die Religion und christliche Sitte zersetzenden Bestrebungen gekämpft.

 

Reaktionen I: Nationalsozialistisches Echo

Die NS-Lokalpresse (Fränkische Zeitung/Ansbacher Morgenblatt) berichtet gleich am folgenden Montag ­unter dem Titel Göring über den Konfessionsstreit und ­zitiert den Redner: So wird z.B. der herabsetzende Vorwurf von den zänkischen Pfarrern zwar erwähnt, aber nicht gesondert hervorgehoben – dagegen stehen die neuheidnischen (nicht die antisemitischen!) Äußerungen fettgedruckt im Vordergrund: entscheidend ist, daß sie (die Vorfahren) gleichen germanisch-nordischen Blutes waren wie wir entscheidend ist, wie stark der Glaube eines Volkes an seine Zukunft ist … Es ist besser, daß wir hier in Gottes freier Natur die Einheit unseres Volkes bezeugen, als daß wir über den Konfessionsstreit dieses Volk auseinandertreiben lassen.

Auch das „Deutsche Sonntagsblatt“die zweiwöchentlich erscheinende DC-Zeitung, herausgegeben vom Stuttgarter Pfarrer Dr. Immanuel Schairer – berichtet unter der Überschrift Ein Dom Gottes im Frankenland. Ebenso referiert der „NS-Kurier“ die Göring-Rede samt den einführenden Worten von Streicher – ohne ausführliche Kommentierung und ohne weitere Berichterstattung.

 

Reaktionen II: Entrüstung in der Kirchenleitung

In Kirchenleitungen und Pfarrerschaft erhebt sich ein Sturm der Entrüstung nach der Rede Görings: Vom Überschreiten des Rubikon ist die Rede … von frontaler Kampfansage … Später wird der Rede eine hohe Bedeutung und weitreichende Wirkung in der Geschichtsdarstellung des „Kirchenkampfes“ beigemessen: So interpretiert der Kirchengeschichtler Heinrich Hermelink, führender BK-Vertreter, 1949 im Rückblick: … am aufreizendsten … unter den Reden führender Persönlichkeiten in Partei und Staat … zur Kirchenfrage … wirkte die Rede Hermann Görings.

Im Landeskirchenamt in München wird zunächst abwartend beraten: Die Rede enthalte mit einer Ausnahme (Pfaffengezänk) keine diffamierenden Äußerungen und keine Angriffe auf die Bekenntnisfront … eine Reaktion sei aber mit Rücksicht auf die Jugend notwendig … man wolle mäßigend auf die Gemeinden einwirken, damit keinerlei Bitterkeit entstehe … an dem uns von Gott befohlenen Gehorsam gegen die Obrigkeit irre machen zu lassen, sich vielmehr um so ernstlicher in die Fürbitte treiben zu lassen … An alle Kirchenvorstände schickt das Landeskirchenamt eine nüchterne Mitteilung: Göring habe eine Rede gehalten, in der er auch auf das Christentum, Kirche und Pfarrerschaft zu sprechen kam … Weil es in den fränkischen Gemeinden zu einer starken Erregung gekommen sei, soll der Kirchenvorstand die Gemeinde entsprechend unterrichten, damit nicht die Meinung entsteht, als habe es die Kirchenleitung versäumt, der ihr befohlenen Wächterpflicht nachzukommen.

Landebischof Hans Meiser meldet sich direkt in einem persönlichen (mit devoter Anrede – Hochverehrter Herr Ministerpräsident, Herr General! – versehenen) Brief an Göring zu Wort: Ihr Hinweis auf das ‚Geschwätz von zänkischen Pfaffen‘ bedeutet für mich persönlich wie für meine geistlichen Amtsbrüder eine schmerzlich empfundenen Kränkung unserer Ehre … (hat) in der Gegend des Hesselbergs und Altmühltals, die zu den Kerngebieten des evangelischen Frankens gehören, eine tiefgehende Beunruhigung hervorgerufen … jeder Angriff auf die Kirche wird von der Bevölkerung als ein Angriff auf unaufgebbare Güter empfunden … die Staatstreue der fränkischen Bauern … ist bekannt … mit der gleichen deutschen Männlichkeit und Treue stellen sich aber diese Bauern schützend vor das Heiligtum des ewigen Auftrages, der der Kirche anvertraut ist. Christentum und Volkstum sind ihnen keine Gegensätze. Es geschieht daher auch im Interesse des Staates, wenn ich Sie eindringlich, ehrerbietig und ernstlich bitte, in Zukunft davon Abstand zu nehmen, christliche, deutsche Volksgenossen in einen so schweren Widerstreit der Pflichten zu bringen … In der Bewertung des Christentums aber kann die Kirche, ohne daß sie damit die Bedeutung von Blut und Rasse verkennen wollte, von ihrem Anspruch nicht abgehen, daß es als göttliche Heilsgabe allen natürlichen Gaben übergeordnet bleiben muß … die beiden Gewalten, des Staates und der Kirche, dürfen nicht gegeneinander ausgespielt, sondern in ihrer gottgewollten Bezogenheit in den Herzen unseres Volksgenossen tief verankert werden … wird versucht, unserem Volk die Treue zur Kirche zu nehmen, so wird dem Staat sein stärkstes Fundament entzogen. Mit vielen deutschen und evangelischen Christen hoffe ich zu Gott, daß dieses Verhängnis niemals eintreten wird.

 

Reaktionen III: Ansätze zur Verteidigung

In einer Aktennotiz des Landeskirchenamtes wird das Dekanat Wassertrüdingen (dem damals die meisten der Hesselberg-Gemeinden angehören) informiert, dass von einem Schreiben an Herrn Gauleiter Streicher ausdrücklich abgesehen worden sei. Auch wird darauf hingewiesen, dass jene Gegend des Frankenlandes zum eigentlichen Kerngebiet des Nationalsozialismus ebenso zu den treuesten Gebieten unserer Landeskirche gehört, weshalb die Bevölkerung fest auf dem Boden des Evangeliums steht und Angriffe auf das reformatorische Erbe der Väter als eine schwere Kränkung empfindet.

Beschwichtigend meldet sich das Evang. Gemeindeblatt für den Kirchenbezirk Dinkelsbühl: … Die Kirche steht immer im Kampf gegen Unglauben und Heidentum … Niemals aber steht sie im Gegensatz zum Nationalsozialismus … Gott läßt sich in Natur und Volk nicht unbezeugt. Aber der Christus Gottes, unser Erlöser, will uns in seinem Wort und Sakrament begegnen … Die Diener am Wort haben einst mit den Wort Gottes gegen die marxistische Irrlehre gekämpft und kämpfen jetzt wieder mit dem Wort gegen die Irrlehren des deutschen Glaubens. Nur so bleiben sie ihrem eigentlichen Beruf treu.

Landebischof August Marahrens/Hannover schreibt später im Namen der Vorläufigen Leitung der DEK einen persönlichen Brief an Göring. Marahrens beklagt mit Beschämung und Schmerz … Es kann Sie nicht ehren und unserem Volk nicht dienen, wenn deutsche Männer öffentlich geschmäht werden, die ihre Lebenskraft durch Jahrzehnte ihren Brüdern gewidmet haben und von denen ein anerkannt großer Teil Blut und Leben für unser Volk im Kriege und danach in der Niederkämpfung der roten Räterepublik eingesetzt hat ... die verantwortlichen Männer unseres Volkes möchten doch Gelegenheit nehmen, das große geschichtliche Gewicht der Kirchenfragen zu erkennen. Die Diener am Wort waren in jenen Jahren auf dem Posten … Die Aufgabe evangelischer Pfarrer ist der Dienst in Predigt und Seelsorge, in kirchlicher Unterweisung der Jugend und in den Werken der Liebe und Barmherzigkeit … Unsere Pfarrer haben durch diesen Dienst an ihrem Teil entscheidend (geholfen) …, unser Volk vor der völligen marxistischen Zersetzung zu bewahren und seine völkische Lebenskraft … zu erhalten … Unzählige Pfarrer haben in unzähligen Versammlungen diese Abwehr der Gottlosenbewegung durchgeführt.

 

Reaktionen IV: Stimmen aus dem Bund der Pfarrvereine

Der Reichsbund der deutschen evangelischen Pfarrervereine („Reichsleiter“ Friedrich Klingler) reagiert sehr rasch: Die öffentliche Anfrage darf die deutsche Pfarrerschaft nicht unbeantwortet lassen, da sonst der Anschein entstehen könnte, als ob der Pfarrerstand in der großen vaterländischen Not unseres Volkes wirklich vollkommen versagt hätte … Klingler avisiert eine ausführliche Darstellung, die erkennen läßt, in welcher Weise das deutsche evangelische Pfarrhaus in seiner treudeutschen Haltung im Krieg und bei der Erhebung nach dem Krieg mitgewirkt hat … Dann zählt Klingler die bayrischen Zahlen auf und schließt: Hier, wo es gilt, die Liebe zum Vaterland mit Blut und Leben, mit dem Tode zu besiegeln, steht unsere evangelische Pfarrerschaft an der Spitze, ein leuchtendes Vorbild dem ganzen Volk … Wenn wir uns heute gegen das Neuheidentum zur Wehr setzen … dann bezeichnet man diesen unseren notwendigen und berechtigten Kampf als ‚Pfaffengeschwätz und Pastorengezänk‘ … Wir legen Verwahrung ein gegen die Verächtlichmachung und Herabwürdigung der evangelischen Pfarrerschaft. Wir bitten, … Anstand nehmen zu wollen, … immer und immer wieder unsere Ehre in den Schmutz zu ziehen und unsere vaterländische Gesinnung anzuzweifeln … Wir wollen nicht müde werden, für unser Vaterland und seinen Führer vor unserem Gott und Herrn zu treten … wenn das Vaterland uns ruft, werden wir … zu jedem Opfer bereit sein.

Wenige Wochen danach referiert Klingler in seinem Jahresbericht vor der „Reichsführertagung“ in Wernigerode: … alle deutschen Geistlichen waren von Anfang an von dem gemeinsamen Willen beseelt, unserem deutschen Volke in einer geeinten Deutschen Evangelischen Kirche zu dienen … Pfarrer sind der Willkür preisgegeben … Geistliche werden diffamiert und kommen in Schutzhaft, ohne daß es gelingt, in einem Rechtsverfahren Schuld oder Unschuld der Betreffenden festzustellen … Es hat bisher kaum eine Zeit gegeben, in welcher der evangelische Pfarrstand so skrupellos und leichtfertig in aller Öffentlichkeit verleumdet und verächtliche gemacht wurde … Warum fragt man nicht nach anderen Ständen, die damals für das geistige Leben mitverantwortlich waren.

 

Reaktionen V: Protest aus Württemberg

Beim Pfarrverein in Württemberg wirkt die Rede von Göring wie ein Stich in eine immer noch offene Wunde: Der Pfarrverein war 1933/34 wegen der politischen Ereignisse völlig durcheinander gewirbelt worden: Adolf Schnaufer/Pfarrer in Schmiden (bei Bad Cannstatt) war im Juli 1935 zum 6. Vorsitzenden des württembergischen Pfarrvereins gewählt worden, nachdem Otto Beßler/Pfarrer und Mitglied im NS-Pfarrerbund aus vermeintlich gesundheitlichen Gründen zurückgetreten war. Beßler hatte im Herbst 1934 den DC-Pfarrer Friedrich Hilzinger abgelöst, der – gefördert durch den DC-Führer Wilhelm Rehm (der ein scharfer Gegner von Landesbischof Wurm war) – sich 1934 für wenige Wochen den Vorsitz im Pfarrverein erstritten hatte. Otto Beßler gelingt es, die Selbstständigkeit des Vereins zu erhalten – auch dank der Unterstützung durch den Verband der deutschen Pfarrvereine – und die (bis heute existierende) Krankenkasse sowie die Wohlfahrtspflege vor dem Zugriff des Reichsbischofs zu retten. Im neuen Vorstand gab es nun nach den großen strukturellen und parteipolitisch bedingten Auseinandersetzungen von 1933 keinen Vertreter des sog. NS-Pfarrerbundes mehr. Der vereinsinterne Streit mit den „NS-Brüdern“ schien beendet zu sein. Und jetzt diese beleidigende Rede von Göring, die auch in Württemberg mit großer Entrüstung zur Kenntnis genommen wird.

Eine der ersten Aktionen von Schnaufer als Vorsitzender ist sein öffentlicher und insofern äußerst mutiger Brief an Göring. Darin wehrt er sich engagiert gegen dessen Vorwurf der Drückebergerei durch die Pfaffen: Die Pfarrerschaft Württembergs habe im Ersten Weltkrieg einen hohen „Blutzoll“ erbracht. Schnaufer erwähnt dann indirekt auch die sog. Gedenktafel für die Opfer des Krieges, die der Pfarrvereinsvorstand schon vorher beschlossen hatte, und listet detailliert die Opferzahlen (Blutsopfer … der christliche Glaube macht den Menschen in besonderer Weise fähig und bereit zum Opfer, auch zur Hingabe des Lebens für das Vaterland) des Ersten Weltkrieges auf, die das Pfarrhaus erbracht hat, belehrt Göring stolz über die nationalistisch orientierte Frömmigkeit Württembergs (die Eltern und Vorfahren blieben dem Glauben und der Kirche ihrer Väter treu … praktische Liebesarbeit im Sinne eines positiven Christentums vom Opfersinne des evangelischen Kirchenvolks getragen), bringt dabei das viel beschworene Parteiprogramm der NSDAP von 1920 ins Spiel, wo das sog. positive Christentum als Grundlage der Partei bezeichnet wird, und beschwört den gemeinsamen Kampf gegen den Marxismus: 129 evang. Geistliche haben bei der Niederwerfung der kommunistischen Unruhen in Württemberg gekämpft … Dort standen die Diener am Worte, als der Drache des Marxismus Deutschland verschlingen wollte … trotz der jahrelangen Hetze des marxistischen Freidenkertums, der Gottlosenbewegung … (ist es nicht gelungen) den Glauben der Väter aus dem Herzen zu ­reißen.

 

Kritiker – und doch zugleich Steigbügelhalter

Schnaufer befindet sich in einem Zwiespalt: Einerseits kritisiert er Görings Attacken gegen die Kirche belehrend und stolz sowie mit großer Schärfe (in Württemberg gibt es keine Pfaffen, sondern evang. Pfarrer, die in ihren Gemeinden stehen und arbeiten, gehorsam dem Worte des Neuen Testamentes und darum untertan der Obrigkeit, die Gewalt über sie hat … Die Hauptarbeit gegen die Verhetzung des deutschen Volkes … geschah … besonders auch durch die stille und stetige Arbeit des Pfarrers in seiner Gemeinde und Seelsorge). Andererseits wird Schnaufer zum ideologischen Steigbügelhalter der NS-Interpretation der Nachkriegsgeschichte: Die Schmach von Versailles werden wir nicht auf unserer Heimat sitzen lassen: Wir sind bereit und fähig, jedes Opfer für das Vaterland zu bringen, das Gott uns geschenkt hat, das er durch den Führer in neuer Hoffnung hat wieder erstehen lassen … Heil Hitler! Gez. Schnaufer.

Der Pfarrverein äußert sich 1935 öffentlich in seinen „Neujahrsgedanken“: ... Das ist kein Theologengezänk … der Staat bleibt für uns die von Gott gegebene Ordnung ... die ganze Wirklichkeit steht unter dem Herrschaftsanspruch Gottes … Kirche muss im reformatorischen Sinn Kirche sein und bleiben und ebenso: dass es wirklich eine Kirche im 3. Reich sei ... wer bleibt Sieger ... Gott hat uns einen Führer von einzigartiger Kraft und Größe geschenkt ... die neue Zeit wird nur dann zum Ziel einer deutschen Erneuerung führen, wenn Christus ihr Herr wird ... es ist von jeher ein Ruhmestitel unserer württembergischen Pfarrerschaft gewesen, dass sie auch bei starker Gegensätzlichkeit in brüderlicher Gemeinschaft um die letzten Erkenntnisse evangelische Frömmigkeit rang ... das Ziel des Kampfes muss der Friede sein.

 

Versuch einer Korrektur des Pfarrbildes

Eine späte deutschlandweite Reaktion war, 1939 entworfen und dann 1940 im Berliner Eckart-Verlag von dem Lyriker Siegbert Stehmann herausgegeben, „Der Pfarrerspiegel“, der sich mit den Anwürfen von Göring im konkreten und mit den allgemeinen vom NS-Parteiapparat geschürten Vorurteilen den Pfarrern gegenüber auseinandersetzt und dies zu korrigieren versucht: Schriftsteller (u.a. Jochen Klepper), Gelehrte (so z.B. Eduard Spranger), Journalisten (u.a. Theodor Heuss!), Politiker (August Winnig u.a.) äußern sich, um die echte Gestalt des evangelischen Pfarrers vor die Zeit zu stellen, zumal die gegenwärtige Gestalt eine groteske Entleerung und ein Zerrbild ist. Stehmann wendet sich gegen eine einseitige Diskriminierung des geistlichen Standes und verlässt sich auf die eindrucksvollen und sehr persönlich gefärbten Analysen und Beobachtungen seiner Laienautoren. Die Bedeutung des deutschen Pfarrers für das Volksganze durch ein ganzes Jahrtausend hindurch besteht in der Stärkung der Herzkraft, der Liebeskraft, der Kraft der Gemeinschaft.

Verwirrend sind die Ausführungen von Jochen Klepper, der über den Wert des deutschen Pfarrhauses schreibt und dabei ausgerechnet Horst Wessel erwähnt! Frances Magnus von Hausen, neben Elly Heuss-Knapp die zweite Frau in der Autorenrunde, beschreibt die Grenzen des Amtes und fundiert dessen Souveränität: Der Pfarrer muss Angriffe aushalten, weil er im Besitz des stärksten Bundesgenossen ist. Ob diese theologisch-geistliche Zentrierung die angemessene Gegenposition hätte sein können? Paul Althaus sieht – ganz im Sinn des jüngst entfesselten Krieges – den Geist der Kriegsfreiwilligen: Er hat die Gewalt, die werbende und zeugende Macht lebendigen, gewagten und gelebten Bekenntnisses zu Jesus Christus im Geisteskampf der Zeit, zur Zukunft Jesu Christi in deutschen Landen.

Jedenfalls gilt die positive Beurteilung des Werkes von Stehmann durch Günter Brakelmann: In dem Klima der ‚Pfaffenhatz‘ im Gegensatz zum offiziellen Zeitgeist einen solchen ‚Pfarrerspiegel‘ herauszugeben, kann nur als mutige Leistung … verstanden werden.

 

Verteidigung der Berufsehre

Kurz nach der Veröffentlichung des „Pfarrerspiegels“ spricht der bayrische Landesbischof Meiser 1941 bei der 50-Jahrfeier des württembergischen Pfarrvereins und streift dabei auch das Werk von Stehmann und vor allem die ideologischen Angriffe auf den Pfarrstand: Wir wissen um den Haß der Kreise in unserer Zeit, die sich ihr Urteil über den Pfarrerstand mit Vorliebe aus dem ‚Pfaffenspiegel‘ holen … Wir sind dem deutschen Volk geistigen Führungsdienst schuldig.

Wieder ist es die „Ehre“ des Berufsstandes, mit der argumentiert wird – auch später etwa bei der Debatte um die Eidverpflichtung und den damit verbundenen Entzug des Religionsunterrichts. Ähnlich äußert sich nochmals der „Reichsbund“ der deutschen Pfarrervereine – auch namens der bayrischen Pfarrerschaft: Er spricht von: treudeutsche Haltung … größtes Blutopfer … Opferbereitschaft fürs Vaterland bis zum letzten Einsatz von Blut und Leben … Spartakisten haben Pfarrer Hans Meiser/München im Frühjahr 1919 eingesperrt … unerschütterliche Vaterlandstreue, welche die evangelische Pfarrerschaft unserer bayrischen Kirche beseelt … tiefer Schmerz … wie von höchster Stelle der deutsche evangelische Pfarrer … verächtlich gemacht wird vor allem Volk … Wir seien Hilfstruppen des Judentums … Drückeberger … im Namen des Reichsbundes … dagegen lege ich bei aller Ehrerbietung, die wir unserer Obrigkeit entgegenbringen, Verwahrung ein gegen die Verächtlichmachung und Herabwürdigung der evangelischen deutschen Pfarrerschaft … wir wollen uns durch keinerlei Bitterkeit an dem uns von Gott befohlenen Gehorsam gegen die Obrigkeit irre machen lassen … wir wollen nicht müde werden, für unser Vaterland und für seinen Führer vor unseren Gott und Herrn zu treten und zu bitten, daß ihnen die höchste Kraft, die Kraft von oben geschenkt werde.

Das Landeskirchenamt München verfasst nach den Hesselberg-Ereignissen eine Zusammenstellung über die Beteiligung der bayrischen Pfarrerschaft am Weltkrieg. Dort heißt es u.a. das evangelische Pfarrhaus ist zu allen Zeiten vaterländisch und volkstreu … eine einflußreiche Pflegestätte echten Deutschtums … von den heute … im Amt stehenden Pfarrern ist ein gutes Drittel … im Feld gestanden … eine kriegsstarke Kompagnie(!) … wenn die Hälfte der Frontsoldaten unter den jungen Theologen nach dem Kriege noch einmal in den Reihen der Freikorps stand … ist ein schlagender Beweis für die unerschütterliche Vaterlandstreue … der Geist der Opferbereitschaft fürs Vaterland bis zum letzten Einsatz von Blut und Leben.

Im November 1935 hält Klingler vor dem Reichskirchenausschuss in Berlin einen Vortrag, in dem er offen auch auf die durch den NS-Staat infrage gestellte Berufsehre eingeht: Ein besonderer Schmerz ist es uns, daß die Ehre des Pfarrerstandes immer wieder in den Schmutz gezogen wird … weil die Ehre des Pfarrerstandes aufs engste mit der Wirksamkeit des Dienstes der evangelischen Kirche am Volk zusammenhängt … wenn die Mannesehre im nationalsozialistischen Staat als besonders wertvolles Gut geachtet wird, so dürfen wohl auch wir Pfarrer als Staatsbürger, Offiziere und Kriegsteilnehmer erwarten, daß kein Beamter und Vertreter der Presse unsere Ehre angreifen darf, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden. Wir verlassen uns auf das Wort unsres Führers und Volkskanzlers Adolf Hitler, daß es gelte, einen jeden Stand im Volk zu schützen und zu pflegen, beides fordern wir auch für unseren Pfarrstand … wo die Ehre eines Geistlichen … angegriffen wird, muß ihm die Möglichkeit gegeben werden, sich … zur Wehr zu setzen. Wo die Ehre … geschändet wurde, muß sie wieder hergestellt werden.

 

Eine „Gedenktafel“ für den Pfarrstand in Württemberg

Als direkte Konsequenz und als Beweis gegen Görings irreführende Geschichtsklitterung beschließt der Vorstand des württembergischen Pfarrvereins nun endgültig eine offizielle Umfrage zum Thema „Pfarrhaus in und nach dem Weltkrieg“ – es gehe um die Ehre des Pfarrstandes, so im rückblickenden Vorstandsbericht von 1936! Die Umfrage wird als Gedenktafel für die Kriegsopfer des Württ. Pfarrhauses und Pfarrstandes zum Totensonntag 1936 öffentlich vorgestellt. Im Zentrum sollen dabei weniger die Opfer stehen, vielmehr soll deutlich werden, dass Treue bis in den Tod das Pfarrhaus auszeichnet.

Die Gedenktafel findet verschiedene Würdigungen – zunächst durch den Vorsitzenden in seinem Geleitwort: In selbstverständlicher Treue gegen ihr Volk und Vaterland, im Gehorsam gegen ihren Herrn und Heiland sind 1055 evangelische Theologen und Pfarrersöhne der württembergischen Landeskirche in den Weltkrieg gezogen. 423 von ihnen haben ihr Leben für das Vaterland hingegeben. Unvergessen sollen uns und dem kommenden Geschlechte ihre Namen sein! ... Zeugnis und Unterpfand sei dieses Ehrenmal, dass das evangelische Pfarrhaus in Württemberg aus innerster Glaubenshaltung in unerschütterlicher Treue zu seinem Volk und Vaterlande stand und steht.

Die „Ehrenliste der Gefallenen“ wird als Verteilheft gedruckt. Wie und ob dieses Heft in die Pfarrhäuser kam, ist unbekannt: Im Landeskirchlichen Archiv sowie in der jetzigen Geschäftsstelle des württembergischen Pfarrvereins ist die (auf dem Deckblatt mit Kreuz, den Jahreszahlen des Ersten Weltkrieges und der Bibelstelle von 1. Kor. 15,55 gestalteten) Broschüre einsehbar. Die Idee zu einer solchen Gedenk- oder Ehrentafel kam schon Ende der 1920er Jahre auf: 1929 enthüllt der Verband der Pfarrervereine in Wittenberg in Anwesenheit von 16 Kriegervereinen eine Tafel für die im Krieg gefallenen Pfarrer.

Die „Reichsführertagung“ der deutschen Pfarrervereine plant 1935/1936 eine vergleichbare Schrift Das deutsche evangelische Pfarrhaus im Weltkrieg und in der nationalen Erhebung unseres Volkes. Im Tätigkeitsbericht des „Reichsführers“ für 1935 wird das Vorhaben ausführlich vorgestellt: … wir sind es dem Gedächtnis unserer Gefallenen, aber auch der Ehre unseres Pfarrerstandes und des Pfarrhauses schuldig. Es folgt ein Hinweis auf die bürokratischen Schwierigkeiten – etwa mit einem Formblatt der Frontkämpferschaft, das es nötig macht, ein einheitliches Formblatt für die Erhebungen herauszugeben. Dieses Formblatt wird dann im späten Jahr 1935 im Deutschen Pfarrerblatt veröffentlicht – mit der Aufforderung, u.a. auch die Beteiligung am Ruhrkampf sowie die Anzahl der Söhne im Pfarrhaus anzugeben. 1938 erwähnt Reichsbundesführer Klingler dieses (offensichtlich immer noch nicht abgeschlossene) Unternehmen im Zusammenhang mit dem geplanten Ehrenbuch der deutschen Pfarrerschaft, das symbolträchtig in einer Ehrenhalle des neu zu gestaltenden Lutherhauses in Wittenberg aufgelegt werden soll.

Nach 1945 ist der ganze Vorgang in der historischen und emotionalen Erinnerung immer noch sehr aktuell und wird als einschneidend empfunden: Schnaufer erinnert in seinem Vorstandsbericht 1948 daran: schmähliche Kritik sei es gewesen.

 

Die Gedenktafel und ihre Akzeptanz und Würdigung

Der Vorstand verschickt 1936/1937 sein „Gedenkblatt“ an verschiedene Persönlichkeiten des Dritten Reichs – wohl mit der Absicht, jene unsäglichen Vorwürfe von Göring zu entkräften. Danach erfolgen viele (im Archivbestand befindliche) Rückmeldungen – einige mit ausführlichen Dankesschreiben, viele sehr formell. Für Pfarrerschaft und Kirche ergeben sich aus diesen Rückmeldungen keinerlei direkte positive Folgen. Eine gewisse Anerkennung und gebührender Respekt, ja – aber es erfolgt keine Änderung der aggressiven Kirchenpolitik des NS-Staates und dessen primitiver Kritik an der Pfarrerschaft.

Ephorus Karl Fezer/Tübingen schreibt an den Pfarrvereinsvorsitzenden: Es besteht kein Zweifel, dass dies (sc. die hohe prozentuale Gefallenenziffer bei den Theologiestudenten) damit zusammenhängt, dass christlicher Glaube zum Opfer, auch zum Opfer des Lebens bereit und fähig macht. Mit hochachtungsvoller Begrüßung und Heil Hitler!

Die unterschiedliche Einschätzung der Funktion der Gedenktafel spitzt die theologische Auseinandersetzung mit Pfarrer Schairer zu: Dieser mahnt eine gegenwärtige auf die jetzige Situation bezogene Stellungnahme zur Bedeutung des Pfarrstandes an – nicht eine rückwärtsgewandte: Dieser möge doch heute nicht auf vergangenen Verdiensten aufbauen sondern durch heutige Leistung seine Bedeutung wiedergewinnen. Für Schairer selbst hat dessen grundsätzliche Kritik negative Folgen: Am Ende des langen inhaltlichen Streits wird er wegen Verletzung der Standesehre ... aus der Liste der Pfarrvereinsmitglieder (gestrichen) … ohne dass er deswegen aus der Krankenkasse ausgeschlossen werden soll.

Im Jahresbericht 1936 wird von Schnaufer wieder das Gedenkblatt für die Kriegsopfer des württ. Pfarrhauses und Pfarrstandes erwähnt – mit großem Dank an Pichler als Verfasser. Nur, es gab auch interne Kritik: Selbstlob sei es gewesen. Aber – so der Vorstand – das Blatt war doch der Nachweis des Pfarrstandes auf jene Frage: Wo wart ihr Diener des Wortes in der Zeit der Not? Noch 1938 notiert der Vorstand mit Hinweis auf die Gedenkblatt-Initiative: Es sei ein Lügenwort, dass kein einziger Pfarrer an der Front gefallen sei.

Eine weitere Konsequenz wurde dann 1940 – ein Jahr nach Kriegsbeginn – beschlossen: Die Namen der jetzt gefallenen und unter Waffen stehenden Pfarrsöhne sollen gesammelt werden, damit es nach Beendigung des Kriegs möglich ist, ihre Zahl, ihre Auszeichnungen und ihre Leistungen der Öffentlichkeit gegenüber namhaft machen zu können.

Im Kirchlichen Anzeiger 1941 (vom Pfarrverein herausgegeben) ergehen sich einige Autoren in der Würdigung der Leistungen von Pfarrsoldaten, weil es (erneut) Beschwerden gebe, wo denn die Pfarrer im Kriege seien – etwa an der Front? Und dann werden akkurat die aktuellen Zahlen festgehalten: Bis jetzt sind gefallen 157 Angehörige des Pfarrstandes und 232 Pfarrsöhne. Landesbischof Wurm betont in einem Brief an Statthalter Wilhelm Murr nach dessen Kirchenaustritt: … hat vielleicht Kirche und Pfarrstand im Krieg ihre Pflicht nicht erfüllt?

Im Archivbestand des Pfarrvereins von 1945 befindet sich diese Karteikartensammlung aller gefallenen Pfarrer, Pfarrsöhne und Theologiestudenten des verlorenen Krieges. Sie besteht aus unzähligen handgeschriebenen Karten – gut verschnürt und katalogisiert – mit detaillierten z.T. sehr persönlichen Angaben – vermutlich aus der Hand von Hermann Seeger.

 

Disziplin oder Opposition?

In der Nachkriegszeit wird der Streitpunkt innerhalb des Pfarrvereins nochmals aufgegriffen. Dort wird immer noch die „alte“ und nicht ausgetragene Debatte um Disziplin oder Opposition in der NS-Zeit geführt: Der Pfarrverein hätte zu sehr Disziplin eingefordert. Das war aber der Ruf zur Geschlossenheit, der angesichts der Bedrängnis durch Staat und Partei notwendig war – so der damalige Vorsitzende. Und schließlich wird – nun aber aus seelsorgerlicher Motivation heraus und um die „Gemeinschaft der Ordinierten“ zu dokumentieren – in den Vorstandsberichten nach dem Krieg regelmäßig der Gefallenen und Gefangenen gedacht. 1961 wird die erwähnte Kartei abgeschlossen und 1966 – ergänzt durch die Gefallenen Pfarrsöhne – veröffentlicht.

Was ist das Fazit dieser Recherche? Anpassung, Anbiederung, Unterwürfigkeit, Kriecherei paaren sich mit notwendigem Selbstbewusstsein, historischer Vergewisserung sowie mit nationalem Stolz: Sie waren das weltliche Gerüst pastoraler Existenz – neben theologischer Bildung und praktizierter Frömmigkeit als geistlichem Fundament. Durchgängig verstecken sich die Akteure hinter dem erbrachten Blutzoll, hinter einer dauerhaften Obrigkeitsorientierung, hinter der Treue zum Vaterland – hinter ihrer „Berufsehre“.

 

Anmerkung

* Dieser Aufsatz ist die sehr komprimierte Fassung eines Artikels, der – mit weiteren Erkenntnissen und Beobachtungen, detaillierten Literaturangaben und ausführlichen Anmerkungen – 2022 in den „Blättern für württembergische Kirchengeschichte“ erscheinen wird.

 

Über die Autorin / den Autor:

Schuldekan i.R. Christian Buchholz, zunächst Pfarrer in Stuttgart, dann Studienleiter an der Evang. Akademie Bad Boll, Schuldekan für mehrere Kirchenbezirke, ehemaliger Vorsitzender des Pfarrvereins Württemberg.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 6/2022

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