Das in der sächsischen Oberlausitz, heute unmittelbar an der Grenze zu Polen und Tschechien, gelegene Herrnhut feiert in diesem Jahr sein 300jähriges Stadtjubiläum. Zusammen mit anderen Orten der Brüdergemeine in Europa und Nordamerika hat es mittlerweile den Antrag auf Anerkennung als UNESCO-Weltkulturerbe gestellt.
Peter Zimmerling porträtiert die Gemeinschaft von ihrer Entstehung bis zur Gegenwart.

 

Im Herrnhuter Losungsbuch wird in jedem Jahr am 17. Juni daran erinnert, dass an diesem Tag der Zimmermann Christian David den ersten Baum für den Bau der neuen Siedlung gefällt hat. Die Voraussetzung dazu hatte Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf (1700-1760) geschaffen, indem er böhmischen Glaubensflüchtlingen erlaubte, sich auf seinen Gütern anzusiedeln.1 Herrnhut wurde in den Folgejahren zur Muttergemeinde zahlreicher weiterer Neugründungen, die noch zu Lebzeiten des Grafen auf allen damals bekannten Kontinenten entstanden. Es handelte sich dabei um Experimentalsiedlungen, in denen die Mitglieder der Herrnhuter Brüdergemeine den in der Geschichte des Protestantismus bis dahin beispiellosen Versuch unternahmen, das gesamte gesellschaftliche Leben vom persönlichen Christusglauben her zu organisieren.2 In den Statuten von 1727 bekam Alt-Herrnhut eine evangelische Sozialordnung,3 worin es für alle anderen Brüdergemeinorte vorbildlich wurde.4

 

Herrnhut – Kristallisationspunkt gemeinsamen Lebens

Herrnhut und die anderen weltweiten Brüdergemeinorte stellten Kristallisationspunkte gemeinsamen Lebens dar. Sie waren Lazarett und Aussendungsanstalt in einem – vergleichbar mit den großen Klöstern des Mittelalters. Zinzendorf verstand ihre Einwohner als Streiterinnen und Streiter Jesu Christi. „Mein Zweck bei den Ortsgemeinen […] war, ein Asyl für die Geradheit und Wahrheit zu schaffen, daß alles menschliche Elend erscheinen dürfte, wie es ist, und ein jedes seinen Jammer in ein treues Ohr ausschütten dürfte, ohne deswegen etwas zu befahren [=befürchten]. Manches andere Schöne und Selige, das herausgekommen ist, hat meine Erwartung übertroffen.“5 Missionare und Diaspora-Arbeiter, aber auch hilfesuchende Besucherinnen und Besucher kamen in diese Seelsorgezentren zur geistlichen und körperlichen Regeneration.

Die Gemeindediakonie wurde groß geschrieben. Bereits sehr früh existierte in Herrnhut eine Unterstützungskasse.6 Wahrscheinlich hat der kommunale Haushalt sogar in dieser Form begonnen. Wöchentlich wurde von sog. Almosenpflegern und -pflegerinnen ausgeteilt, was die Gemeinde für die Armen zusammengelegt hatte.7 Christian David, der Erbauer Herrnhuts, hielt fest: „Zu Almosenpflegern sind solche genommen, die eine unparteiliche und erbarmende Liebe haben, die aber auch häuslich und Marthen sein. Die zu Kassenhaltern genommen werden, müssen ein gut Zeugnis haben, daß sie treu und redlich sein, von allen Brüdern.“8

Neben den Almosenpflegern gab es von Anfang an eine geregelte Krankenpflege. Es sollte keine unversorgten Kranken geben. Schon in den Statuten wurde von Krankenpflegern und -pflegerinnen gesprochen.9 Beispielhaft war die Bestimmung über die psychisch Kranken. Sie zeigt das Bemühen, niemanden zum diakonischen Hilfsobjekt zu degradieren und damit aus der Gemeinschaft auszuschließen. „Sollte jemand durchs Verhängnis Gottes und eigene Schuld in Wahnsinn verfallen, soll an ihm Gottes Barmherzigkeit bewiesen, und er sehr freundlich getragen, den Verständigsten untergeben, von ihnen nach Leibe und Seel gepflegt, im Übrigen aber davon nicht geredet, und so er wieder zurechtkommt, vom vorigen nicht gesprochen werden.“10 In Herrnhut wurde die moderne Sozialstation vorweggenommen, ja sogar noch übertroffen, weil sich die Krankenpfleger und -pflegerinnen auch um die spirituellen Bedürfnisse der Besuchten kümmern sollten.11

Die Solidarität untereinander bewährte sich auch in vorbildlichen kommunalen Einrichtungen, die ihrer Zeit z.T. weit voraus waren. In Bethlehem (Pennsylvania, USA) wurde bereits 1754/55 eine Wasserleitung gebaut. Sie war die erste ihrer Art in Pennsylvanien und hat später dem Wasserwerk in Philadelphia als Muster gedient. In der gleichen Gemeinde erfolgte 1763 der Ankauf der ersten Feuerspritze in den Vereinigten Staaten überhaupt. In diesen Zusammenhang gehörten auch Ordnung und Sauberkeit. So mussten in Herrnhut die Hauswirte die Straßen – besonders das Pflaster der Fußsteige – sauber halten und bei Glatteis streuen, aber nicht mit Asche, sondern mit Sand. Die Brennholzvorräte waren hinter die Häuser zu setzen. Die Aborte durften nicht vor 23 Uhr ausgefahren werden. Ferner sollten keine Hunde und Katzen, Hühner und Gänse gehalten werden oder wenigstens nicht zum Vorschein kommen. Herrnhut erhielt dadurch in der Folgezeit eine gewisse städtische Vornehmheit.

 

Praktische Umsetzung des allgemeinen Priestertums

In Herrnhut kam es erstmals im Protestantismus zur praktischen Verwirklichung der reformatorischen Forderung des allgemeinen Priestertums. Das Gemeindeleben wurde nicht länger ausgehend vom monarchischen Pfarramt strukturiert. Stattdessen war es von den unterschiedlichsten Ämtern her geprägt, die von Laien – zunächst allesamt ehrenamtlich – ausgeübt wurden. Zinzendorf meinte: „Wenn nur vier Seelen miteinander verbunden sind, sehen die Gaben aneinander und setzen jeden dazu, wozu er soll, so ist eine Gemeine.“12 Flankierende Maßnahme, um das allgemeine Priestertum auf Dauer zu verwirklichen, war neben der Berücksichtigung der Erkenntnis, dass Menschen unterschiedliche Begabungen haben, die Einsicht, dass ein Mensch im Lauf seines Lebens eine Begabung auch wieder verlieren kann. Von hier aus wird der häufige Ämterwechsel in der frühen Brüdergemeine verständlich. Zinzendorf meinte: „Wenn jemand seine Gabe verliert, soll er ein anderes Amt bekommen, und wenn er sich zur Zeit zu nichts schickt, pro emerito gehalten werden, auf kurz oder lang, bis ihn das Lamm [=Jesus Christus] wieder durch seinen Geist begabt.“13

Das Leitbild des allgemeinen Priestertums behielt seine Kraft vor allem in den ersten Jahrzehnten der Brüdergemeine. Dass es sich schon zu Lebzeiten des Grafen nicht uneingeschränkt durchhalten ließ, wird an einem Ausspruch Zinzendorfs von 1754 erkennbar: „Es ist in unserer Kirche der Pfaffenstand aufgekommen, der Unterschied zwischen Laientum und Klerisei, zwischen Pfarrern und Eingepfarrten. Wir wussten damals [in der Frühzeit Herrnhuts] auch schon, was Priester und Liturgi waren, aber das war nicht der Kompaß der Arbeiter. Wollte Gott, ich bliebe dabei, dass alles Volk weissagte und der Herr seinen Geist über sie gäbe: Das ist der Ressort worauf meine ganze Maschine gehen muß.“14

Schon bald kam es auch zur verantwortlichen Mitarbeit von Frauen. Sie erhielten eine eigene Ämterordnung.15 Es gab das Amt der Ältestin, der Helferin, der Lehrerin, der Bandenhalterin, der Aufseherin, der Ermahnerin, der Dienerin, der Almosenpflegerin, der Krankenwärterin.16 Die meisten dieser Ämter waren seelsorglich ausgerichtet. Ältestinnen- und Helferinnenamt bildeten die leitenden geistlichen Ämter. Lehrerinnen waren verantwortlich für den Konfirmationsunterricht der Mädchen und für den Unterricht solcher Frauen, die neu in die Brüdergemeine aufgenommen werden wollten. Aufseherinnen wachten darüber, dass die Gemeindeordnungen eingehalten wurden. Ermahnerinnen sollten Gemeindemitgliedern, die unangenehm aufgefallen waren, wieder zurechthelfen. Die Dienerinnen waren zuständig für die weiblichen Gäste und Neuankömmlinge in der Brüdergemeine.

Um die Belange der weiblichen Gemeindegruppen zu vertreten, erhielten Frauen Sitz und Stimme in den Gemeindeversammlungen und wirkten in den gemeindeleitenden Gremien mit. Als die Brüdergemeine in den 1740er Jahren kirchlich selbstständig und außerhalb Sachsens Freikirche geworden war, traten die Frauen noch stärker hervor. Die Brüdergemeine übernahm von der alten Böhmischen Brüderunität deren Ämterordnung. Es gab die dreifache Weihe zum Diakon, Presbyter und Bischof und als eine Art Hilfspredigerstatus die Annahme der Akoluthie, den Altardienst.17 Mit Ausnahme des Bischofsamtes waren sämtliche Ämter auch Frauen zugänglich. 1758, zwei Jahre vor Zinzendorfs Tod, wurden insgesamt vierzehn Presbyterinnen, also Pfarrerinnen, in der Brüdergemeine ordiniert. Der Graf wollte, dass Frauen neben den verschiedenen Frauenversammlungen auch die allgemeine Singstunde leiteten.18 Die expandierende Diasporaarbeit und Missionstätigkeit der Brüdergemeine erforderte weitere Mitarbeiterinnen. In den ersten Jahrzehnten wurden sogar ledige Frauen zum Reisedienst in die Diaspora entsandt, eine Aufgabe, die neben der Seelsorge auch öffentliche Redetätigkeit mit einschloss.19

 

Überspielen der Standesschranken

Für die Welt des 18. Jh. bedeutete die weitgehende Aufhebung der damals noch strengen Standesschranken in Herrnhut eine unerhörte Neuerung.20 Hier wagte es eine kleine Gemeinschaft, an den als gottgegebenen gesellschaftlichen Strukturen zu rütteln. Dies geschah nicht aufgrund eines revolutionären Programms, wie es Jahrzehnte später die Französische Revolution durchzusetzen suchte. Vielmehr wurden die gesellschaftlichen Schranken aufgrund der gemeinsamen Erfahrung des Glaubens an Jesus Christus unwesentlich. Obwohl formal unangetastet, traten sie im gemeinsamen Leben in den Hintergrund.

Ursache für die Angleichung der Lebensweise der verschiedenen Stände in Herrnhut ist für den Grafen Jesus Christus selbst. Weil Christus alle Menschen gleichermaßen lieben kann und auch liebt, ist die „Egalität“ der Seelen, ihre Gleichheit, vorgezeichnet. „[…] es kommt bei Ihm keines zu kurz, Er ziehet auch keines dem andern vor, Er liebt mit einer unaussprechlichen und inimitablen [unnachahmlichen] Egalität.“21 Zinzendorf bewegt sich hier in unmittelbarer Nähe zu Überlegungen der Aufklärung. Vor dem menschenfreundlichen Gott ist jeder Mensch gleich. Allerdings sind diese Gedanken bei ihm christologisch ausgerichtet. Der Graf will über Gott ausschließlich von dessen Offenbarung in Jesus Christus her sprechen. Gott ist für ihn allein aufgrund von Jesu Versöhnungstod am Kreuz als der menschenfreundliche Gott erkennbar.

Die Tatsache, dass die Standesunterschiede nicht prinzipiell abgeschafft, aber in der Praxis bedeutungslos wurden, ist der Grund für die scheinbare Zwiespältigkeit von Zinzendorfs Aussagen zu diesem Thema: Einerseits will er die ständische Ordnung nach außen hin gewahrt wissen.22 Andererseits ist sie für ihn im Blick auf den Glauben jedoch unwesentlich und kann schädlich sein, wenn sie dem Hochmut Vorschub leistet. Zinzendorfs „sehnlicher Wunsch und Verlangen, [...] die Egalisirung, die Gleichmachung aller Seelen“23 steht unter eschatologischem Vorbehalt: Gegenwärtige Unterschiede, z.B. aufgrund der von Einzelnen bekleideten Ämter, werden erst in der Ewigkeit bedeutungslos.24 Zinzendorf wäre sich aber untreu geworden, wenn sich sein Streben nach Anschaulichkeit des Glaubens nicht auch im Hinblick auf die Gleichheit der Gläubigen bereits in dieser Welt gezeigt hätte: In der Brüdergemeine wurden Bauern zu Ältesten gewählt und Handwerker zu Bischöfen berufen.

 

Die Wirtschaftsethik Herrnhuts

Auch ihre Wirtschaftsethik zeigt, dass die Brüdergemeine aus dem Christsein sozialethische Konsequenzen für das Zusammenleben zog. Herrnhuter Handwerker und Handelsunternehmer fassten ihren Beruf als Dienst am Nächsten auf. Sie waren bereit, an bestimmten Wirtschaftsgrundsätzen auch dann festzuhalten, wenn sie sich geschäftsschädigend auswirkten.

Äußere Voraussetzung der Handelsunternehmungen Herrnhuts waren die internationalen Verbindungen der Brüdergemeine. Die positive Beurteilung des Handels war nicht unumstritten. Dass die Bedenken zurückgestellt wurden, lag vor allem an der Einsicht, dass das Zusammenleben der Brüdergemeinmitglieder eine gemeinsame Arbeit in eigenen Fabriken erforderte. Von großer Bedeutung für die zukünftige Entwicklung in Europa insgesamt wurde das Prinzip der festen Preise, nach dem der Herrnhuter Handel arbeitete. Es beruhte auf einem Beschluss des Herrnhuter Gemeinrats von 1734, „daß man nicht handeln solle beim Kauf und Verkauf, noch jemand etwas abzudringen“.25 Die Herrnhuter Firma Abraham Dürninger Co. war das erste Handelshaus auf dem europäischen Kontinent, das zu festen Preisen verkaufte. Das Handelshaus ist eines der ältesten noch bestehenden Unternehmen Sachsens, das heute vor allem durch die Produktion der Herrnhuter Sterne weltbekannt ist.

Neben dem Grundsatz der festen Preise trat die Preiskontrolle, die von den Gemeinbehörden in Herrnhut, insbesondere von der Handwerkerkonferenz, geübt wurde. Ziel war, die Preise möglichst niedrig zu halten, damit die Käufer keine überzogenen Preise zu zahlen hatten. „Es wäre allemal das Beste, wenn man um des Gewissens willen einen billigen Preis nehme.“26 Unter anderem aufgrund der kontrollierten Preise und Löhne konnten die Handwerker Herrnhuts nur mit Qualitätsware konkurrenzfähig sein. Dies führte zur Warenkontrolle, die durch die Gemeinbehörden ausgeführt wurde. Grundsätzlich wurde festgelegt: „Die Brüder sollen ihre Waren just vor das ausgeben, was sie sind, eher für schlechter als besser. Das Eigenlob […] der hiesigen Waren und Arbeit tauge gar nichts, und doch pflegen es manche sehr stark zu tun.“27 Deshalb wurden auch die bescheidensten Anfänge der Reklame als unangemessen zurückgewiesen. Dem Grundsatz, mit seinem Handel Gott und dem Nächsten zu dienen, entsprach der verhältnismäßig geringe Gewinn, mit dem Dürninger sich bei seinem Handel begnügte. So arbeitete er z.T. mit nur 2% Rendite, obwohl er wusste, dass nur wenige Kaufleute auf der Welt damit zufrieden wären.28

Neben dem festen Preis und der Warenqualität war Zuverlässigkeit ein Hauptgrundsatz des Herrnhuter Handels: Man sollte sich auf das Wort des Kaufmanns verlassen können.29 Ziel war ein offenes und vertrauensvolles Verhältnis zu den Geschäftsfreunden inner- und außerhalb der Brüdergemeine.

Dass der Zweck der Fabriken in Herrnhut nicht der Profit des Unternehmers war, sondern den Einwohnerinnen und Einwohnern Unterhalt und Arbeit verschaffen sollte, prägte Dürningers Verhältnis gegenüber den Arbeitern. Er wollte, dass der Lohn seiner Arbeiter nicht allein deren Existenzminimum sicherte, sondern einen angemessenen Lebensstandard ermöglichte. Nicht immer ließ sich dieses Ziel erreichen. Bisweilen empfand man in Herrnhut die Übermacht der allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnisse gegenüber dem guten Willen des einzelnen Unternehmers sehr schmerzlich.

 

Erziehung „ohne Schlag“

In ihren Erziehungsanstalten durchbrach die Brüdergemeine aufgrund ihrer neuen theologischen Erkenntnisse auch die herkömmlichen Erziehungsgrundsätze. Zinzendorf gehört zu den großen Entdeckern des Kindes. Aufgrund des Wissens, dass der Heilige Geist ein geduldiges, ein mütterliches Wesen hat, suchten die brüderischen Pädagogen die Prügelstrafe zu vermeiden. „Unsere neueste methode ist seine [des Heiligen Geistes] alte art, kinder zu ziehen, ohne schlag, wenns möglich ist, den kindern nachwarten, den kindern nachgehen, sie über hundert dingen nicht straffen, damit wenn er sie einmal über dem hundert und ersten straft, sie gewiß wissen, sie habens verdient, und mit ihrer zucht zufrieden und selig dabey sind.“30

Ein konsequentes Durchdenken der Menschwerdung des Gottessohnes führte zu einer im 18. Jh. beispiellosen Hochschätzung der menschlichen Geschlechtlichkeit. Wenn Jesus Christus selbst als wahrer Mensch Teil an der männlichen Sexualität gehabt hat und seine Mutter Maria ihn wie jedes andere Kind ausgetragen hat, konnte die menschliche Sexualität nicht etwas an sich Schlechtes sein. Zinzendorf entdeckte sie als von Gott durch Jesus Christus geheiligte Schöpfungsgabe. Das hatte Auswirkungen im Hinblick auf die Sexualerziehung in den Schulen: Diese ging von der Sexualität als positiver Grundkraft des Menschseins aus. Darum forderte der Graf, dass die Lehrpersonen die Schülerinnen und Schüler vor Beginn der Pubertät aufklären sollten. Vor allem legte er Wert darauf, dass ein Vertrauensverhältnis zwischen den Heranwachsenden und ihren Erzieherinnen und Erziehern bestand. Die Jugendlichen sollten ihre Fragen gerade auch im sexuellen Bereich in völliger Offenheit stellen, um mit ihren Lehrpersonen während der schwierigen Pubertätszeit im Gespräch zu bleiben. Dass diese seelsorgerlich orientierte Konzeption vielen modernen sexualpädagogischen Vorstellungen, die von diesem Vertrauensverhältnis absehen, überlegen ist, liegt auf der Hand.

 

Entdeckung des „fernen Nächsten“

Die erneuernde Kraft des Evangeliums bewährte sich schließlich auch in der Hinwendung zum „fernen Nächsten“ außerhalb der Grenzen der eigenen Konfession, ja sogar außerhalb der christlichen Konfessionen. Da sich Menschen aus verschiedenen Konfessionen und mit unterschiedlicher geistlicher Prägung in den Brüdergemeinen zusammenfanden, war von Anfang an die Frage nach ökumenischer Toleranz gestellt. Die Brüdergemeine wurde zu einem für das 18. Jh. einzigartigen Ökumenikum. Sie lernte, den Blick von den trennenden Lehrunterschieden weg auf die gemeinsame Glaubensverbindung mit Jesus Christus zu richten. Schon der Apostel Paulus schrieb: „Unser Wissen ist Stückwerk“ (1. Kor. 13,9). Zinzendorf erkannte, dass in dieser Welt selbst zwischen Christen eine Übereinstimmung im Denken nur selten zu erreichen ist.

Die weltweite Dimension der Gemeinde Jesu Christi trat ins Blickfeld. Zinzendorf sagte: „Meine Parochie [= Gemeinde] ist die Welt.“ „Die Liebe Christi dringet uns“ (2. Kor. 5,14) wurde zur Parole der Herrnhuter. Die Hinwendung zu den Armen und Hilfsbedürftigen in der ganzen Welt – der Graf wollte, dass die Brüderboten zu den Menschen gingen, die sonst niemand aufsuchte – war vom Evangelium her motiviert.

In Herrnhut wurden, inspiriert vom Geist Jesu Christi, neue Formen menschlichen Zusammenlebens erprobt. Es sollte keinen Lebensbereich geben, der nicht als Dienst am Nächsten in die Lebensordnung der Gemeine einbezogen wurde. Bis heute versetzt in Erstaunen, wie viele, vor allem junge Menschen, sich von diesem Experiment gemeinsamen Lebens angezogen fühlten.

 

Anmerkungen

1 Viele der folgenden Überlegungen finden sich breiter entfaltet und belegt in meinen Büchern: Ein Leben für die Kirche. Zinzendorf als Praktischer Theologe, Göttingen 2010; Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf und die Herrnhuter Brüdergemeine. Geschichte, Theologie, Spiritualität, Holzgerlingen 1999.

2 Dietrich Meyer spricht deshalb von einer „Theokratie“ (4.1.6 Herrnhut und Herrnhaag, in: Pietismus Handbuch, hg. von Wolfgang Breul, Tübingen 2021, 233).

3 „Herrschaftliche Gebote und Verbote“ und „Brüderlicher Verein und Willkür“, wieder abgedruckt in: Hans-Christoph Hahn/Hellmut Reichel (Hg.), Zinzendorf und die Herrnhuter Brüder. Quellen zur Geschichte der Brüder-Unität von 1722-1760, Hamburg 1977, 70-80.

4 Vgl. im Einzelnen die immer noch grundlegende Untersuchung von Otto Uttendörfer, Alt=Herrnhut. Wirtschaftsgeschichte und Religionssoziologie Herrnhuts während seiner ersten 20 Jahre (1722-1742), Herrnhut 1925 (Uttendörfer, Alt-Herrnhut, 1. Teil) und ders., Wirtschaftsgeist und Wirtschaftsorganisation Herrnhuts und der Brüdergemeine von 1743 bis zum Ende des Jahrhunderts [Alt=Herrnhut, 2. Teil], Herrnhut 1926, (Uttendörfer, Alt-Herrnhut, 2. Teil), beide wieder abgedruckt in: Nikolaus Ludwig von Zinzendorf, Materialien Reihe 2, hg. von Erich Beyreuther und Gerhard Meyer, Bd. 22: Schlesien und Herrnhut, Hildesheim 1984.

5 Zit. nach Heinz Renkewitz, Zinzendorf, 2., erg. Aufl., Herrnhut 1939, 98.

6 Hanns-Joachim Wollstadt, Geordnetes Dienen in der christlichen Gemeinde, dargestellt an den Lebensformen der Herrnhuter Brüdergemeine in ihren Anfängen (Arbeiten zur Pastoraltheologie, Bd. 4), Göttingen 1966, 280.

7 Uttendörfer, Alt-Herrnhut, 1. Teil, 107.

8 Christian David, 1729, zit. nach a.a.O., 115.

9 „Brüderlicher Verein und Willkür“, §§27f, abgedruckt bei Hahn/Reichel, Zinzendorf und die Herrnhuter Brüder, 78.

10 „Herrschaftliche Gebote und Verbote“, §29, abgedruckt bei a.a.O., 73.

11 Zit. nach Uttendörfer, Alt-Herrnhut, 1. Teil, 120.

12 R 2 a 2, 1 b, 20f, zit. nach Otto Uttendörfer, Zinzendorfs Weltbetrachtung, Berlin 1929, 282.

13 R 2 a 6, 1 b, Sept. 1741, zit. nach a.a.O., 272.

14 Jüngerhausdiarium, 12.05.1754, zit. nach a.a.O., 282.

15 Wollstadt, Geordnetes Dienen, 209-211.

16 A.a.O., 211-222.

17 Otto Uttendörfer, Zinzendorf und die Frauen. Kirchliche Frauenrechte vor 200 Jahren, Herrnhut 1919, 29.

18 Rede vom 7.11.1753, R 2 A 33 B 1, 552f, zit. nach a.a.O., 53.

19 Belege bei a.a.O., 27f.

20 Vgl. im Folgenden Uttendörfer, Jugend, 119-124, und Hahn/Reichel, Zinzendorf und die Herrnhuter Brüder, 312-319.

21 Nikolaus Ludwig von Zinzendorf, Gemeinreden, 2. Teil, 1749, 311, abgedruckt in: ders., Hauptschriften Bd. 4, hg. von Erich Beyreuther und Gerhard Meyer, Hildesheim 1963 (GR 2, Hauptschriften).

22 Vgl. hier und im Folgenden Uttendörfer, Alt-Herrnhut, 2. Teil, 103 (zit. bei Hahn/Reichel, Zinzendorf und die Herrnhuter Brüder, 315f); Nikolaus Ludwig von Zinzendorf, Teutsche Gedichte, 2. Aufl., Barby 1766, 69, abgedruckt in: Hauptschriften Erg.-Bd. 2.

23 GR 2, 309.

24 GR 2, 309f.

25 Uttendörfer, Alt-Herrnhut, 1. Teil, 49.

26 Uttendörfer, Alt-Herrnhut, 2. Teil, 120.

27 A.a.O., 121.

28 A.a.O., 161.

29 A.a.O., 162.

30 Nikolaus Ludwig von Zinzendorf, 32 Homilien, Neudruck 1746, Rede vom 10.01.1746, 22f, abgedruckt in: Hauptschriften Erg.-Bd. 10, Hildesheim 1970.

 

Über die Autorin / den Autor:

Prof. Dr. Peter Zimmerling, Jahrgang 1958, 1990 Promotion zum Dr. theol. bei Jürgen ­Moltmann, 1999 Habilitation an der Universität Heidelberg, seit 2005 Prof. für Prakt. Theologie an der Universität Leipzig.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 6/2022

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