Wir vertragen den Krieg einfach nicht mehr“

In seinem berühmten Brief an Albert Einstein vom September 1932 hat Sigmund Freud geschrieben: „Wir sind Pazifisten“ – d.i. „der Hauptgrund, weshalb wir uns gegen den Krieg empören.“1 Was Freud damals, kurz bevor er nach London fliehen musste, für sich und einen anderen der großen Köpfe seiner Zeit in Anspruch nahm, gilt heute für den Großteil der Europäer: Wir sind Pazifisten, weil wir uns den Krieg im Atomzeitalter nicht mehr vorstellen können und wollen. Weil wir der vernünftigen Meinung sind, „dass ein zukünftiger Krieg infolge der Vervollkommnung der Zerstörungsmittel die Ausrottung eines oder vielleicht beider Gegner bedeuten würde“ – so noch einmal Freud. Der Krieg ist für uns mit einem Tabu belegt, und der Imperator aus Moskau hat dieses Tabu gebrochen – wie das andere auch, dass mit der Gefahr atomarer Verseuchung nicht gespielt werden darf. So ist er selbst „tabu“ geworden, wie es die weltweite emotionale Kritik zeigt, die weltweite Solidarität mit den Ukrainern. „Wir vertragen … [den Krieg] einfach nicht mehr“ (286), schrieb Freud, weil er die Kultur zerstört, von der und aus der wir leben, die Kultur auch der Worte, die durch Propaganda entstellt sind – die Kultur der offenen, freien, ehrlichen Worte. Und der klaren Gedanken, in denen Imre Kertesz, dem Holocaust-Überlebenden, zufolge „immer schon ein wenig Trost liegt“.

Wie lange hat es gedauert, ein nach 1945 in Schutt und Asche liegendes Deutschland wieder aufzubauen, Kontakte zu anderen Völkern und Nationen zu knüpfen, denen in deutschem Namen unermessliches Leid angetan worden ist? Wie lange hat es gedauert, bis Freundschaften gefestigt, Städtepartnerschaften stabil und internationaler kultureller Austausch gepflegt worden sind? Wir haben uns in Deutschland an den letzten Satz von Freuds Brief gehalten: „Alles, was die Kulturentwicklung fördert, arbeitet auch gegen den Krieg.“ (286)

 

Wo waren die Demos gegen den Syrienkrieg?

Damit sind wir gut gefahren, auch als anderswo, scheinbar weit weg, unaufhörliche Kleinkriege geführt worden sind, ohne dass wir in Sorge um einen großen Krieg geraten wären: Tschetschenien, Syrien, Jemen, Aserbaidschan, um nur einige zu nennen. Man kann mit Recht fragen: Wo waren in unserem demonstrationsfreudigen Land die Demos über den immerhin acht Jahre währenden Syrienkrieg, in dem die Bombardierung der Stadt Aleppo durch russische Bomber schon ein Beispiel der Zerstörung hätte geben können, die nun ukrainische Städte dem Erdboden gleichmacht? Niemand rief: „Russki, go home“, nirgends; mir jedenfalls ist davon nichts zu Ohren gekommen. Die Kleinkriege nahmen wir hin, auch wenn sie gewaltige Flüchtlingsströme hervorriefen. Sie schienen weit genug weg, um uns nicht tiefer zu erschüttern.

Und so haben wir zwar die eine Einsicht Freuds in bewundernswerter Weise beherzigt, dass die Kulturentwicklung dem Krieg widersteht, wie der Krieg die Kultur zerstört. Die andere Einsicht aber haben wir verdrängt: „Solange es Reiche und Nationen gibt, die zur rücksichtslosen Vernichtung anderer bereit sind, müssen diese anderen zum Krieg gerüstet sein“ (285) – auch das hat Freud, der Pazifist, an Einstein geschrieben. In unserer Gesellschaft ist das Recht an die Stelle der rohen Gewalt getreten, und darauf sind wir stolz bis hin zu der Meinung, man könne auch realpolitisch Frieden schaffen ohne Waffen. Mit Blick auf die Polizei gestehen wir zu: „das Recht … [kann] noch heute der Stützung durch die Gewalt nicht entbehren.“ (280) Das ist der Stoff, an dem all die ­Krimis sich abarbeiten, die unsere Fernsehprogramme füllen.

Aber dass es zum Schutz von Menschen- und Völkerrecht auch das Militär braucht, das ist vielen in unserem Land zu einer abstrakten Einsicht geworden, als wäre das angesichts unserer bis vor ganz Kurzem so sicheren Lebensverhältnisse ein zu vernachlässigendes Detail. Kirchlicherseits haben wir uns einige Jesusworte angeeignet, ohne vielleicht ihren Doppelsinn zu bemerken: Der Satz: Wer das Schwert nimmt, soll durch das Schwert umkommen, gesprochen zu Petrus, der einem Soldaten bei der Festnahme Jesu das Ohr abhieb, muss keine Forderung sein, in jedem Fall auf das Schwert zu verzichten. Es kann auch als ein beschreibender, ein analytischer Satz gelesen werden, der sich in der Geschichte der Menschheit noch an fast jedem großen Diktator bewährt hat. Noch jeder Gewaltherrscher hat Gegengewalt hervorgerufen, die ihm irgendwann zum Verhängnis wurde. Doch leider hat seine Gewaltherrschaft oft lange, allzu lange gedauert.

 

Pazifismus als Quintessenz der Lehre Jesu

Den Satz vom Schwert als Weiterführung des anderen Satzes Jesu zu lesen, Wer dich auf die rechte Backe schlägt, dem biete auch die andere dar, kann allerdings wohl auch nicht gemeint sein. Denn das wäre unverantwortlich den Opfern rohester Gewalt gegenüber, die starken Beistand und starken Schutz nötig haben: die darum bitten, eine Meile mitzugehen – und schon Jesus empfahl als Antwort auf eine solche Bitte, zwei Meilen mit ihm zu gehen, also auf eine großzügige Weise Solidarität zu zeigen und Hilfe zu leisten. Ja, notfalls dem Rad in die Speichen zu fallen, um mit Dietrich Bonhoeffer zu sprechen, der sich dem Widerstand gegen Hitler angeschlossen hatte.

Auch wir sind Pazifisten, und das nicht nur, weil wir gar nicht mehr anders könnten, sondern weil der Pazifismus die Quintessenz von Jesu Lehre ist. In der Bergpredigt hat er manche Forderungen dramatisch überspitzt, um jeder Eskalation der Gewalt zu wehren – und das ist bis heute die Herausforderung für gute Politik. Auch die Ukrainer, die sich zu Beginn des Krieges unbewaffnet den Panzern entgegenstellten, um ihre Angreifer mit Sprechchören zur Einsicht in den Widersinn ihres Tuns zu bringen, haben in Jesu Sinn deeskaliert. Doch direkt lassen sich seine Worte nicht auf unsere heutige Situation anwenden, auch wenn sie bis heute als Korrektive wirken in einer extremen Situation, in der Sicherungen durchbrennen und die emotionale Betroffenheit zu Überreaktionen führen kann.

Der Pazifismus war auch schon der Zielpunkt der prophetischen Liebe zur Gerechtigkeit, an die Jesus direkt anschließt. Von diesen Hoffnungen her ist er zu verstehen, auch gerade in seinen markigen Sätzen aus der Bergpredigt. Zusammengefasst sind diese Hoffnungen aber in dem Psalmwort, dass Gerechtigkeit und Friede sich küssen werden. Wir sind Pazifisten in der Überzeugung, dass Gerechtigkeit zum Frieden führt. Sie ist die Bedingung für ihn. Ein Friede ohne Gerechtigkeit wäre eine faule Frucht, die vom Baum der Gewalt fällt, die nicht das Recht gelten lässt, sondern nur den eigenen Willen zur Macht kennt. Angesichts eines Machtwillens, der vor apokalyptischen Zerstörungen nicht zurückschreckt, brauchen wir eine Ethik des Widerstands gegen die Unmenschlichkeit. Denn durchaus inhuman ist ein Krieg, der gegen die Bevölkerung geführt wird, der Krankenhäuser, Säuglingsstationen, die Wasserversorgung und Nahrungsmitteldepots bombardiert. Ein Widerstand gegen die Unmenschlichkeit muss aber immer an seinem humanen Zweck gemessen werden – dies muss das Kriterium sein und bleiben. Dieser Ethik folgend können, um ein Lutherwort zu variieren, auch Kriegsleute in seligem Stande sein. Wir würden heute sagen: Soldatinnen und Soldaten, die unseren Respekt und unsere Unterstützung verdienen, weil sie für die Verteidigung der Freiheit, der offenen Gesellschaft, der Demokratie eintreten. Wollen wir beten um einen Frieden, der aus dem Boden gerechter Verhältnisse, gerechter Verhandlungen wächst.

Hans Martin Dober

 

Anmerkung

1 Sigmund Freud, Studienausgabe Bd. IX, hg. v. A. Mitscherlich u.a., Frankfurt/M. 1982, 271-286, 285.

 

Über die Autorin / den Autor:

Prof. Dr. Hans Martin Dober, Pfarrer der württ. Landeskirche, Dissertation über Franz Rosenzweig (Die Zeit ernst nehmen. Studien zu Franz Rosenzweigs "Der Stern der Erlösung" [Würzburg 1990]), Mitglied der Internationalen Rosenzweig-Gesellschaft.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 5/2022

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