„Frieden schaffen – ohne Waffen“ – unter diesem Zeichen sind wir jahrelang an Ostern „marschiert“. Vielleicht sollte ich genauer sagen: wir sind spaziert. Der Ostermarsch war unser Osterspaziergang. „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche durch des Frühlings holden, belebenden Blick; im Tale grünet Hoffnungs-Glück … Sie feiern die Auferstehung des Herrn; denn sie sind selber auferstanden.“ Ja, genau so war es. Und wir hofften, dass die Zeit des „Dr. Faust“ zu Ende geht. Jene Zeit, in der ein rastlos männliches Individuum sich grenzenlos selbst vergöttert und dabei nach und nach alles zerstört: Wissenschaft, Geliebte, ein eigenes Kind, dann die Natur, unsere Lebensgrundlagen, also die Zukunft. Eine neue Zeit werde beginnen, so hofften wir. Und wir wollten ihr als „Vortrupp des Lebens“ entgegengehen.

 

Zeitenwende oder Kehrtwende?

Jetzt hat die Regierung eine „Zeitenwende“ ausgerufen, keineswegs freudestrahlend, sondern eher mit zusammengebissenen Zähnen, denn diese Zeitenwende sei uns aufgezwungen, abgetrotzt. Nun gelte es schleunigst, Waffen zu kaufen, wird gesagt. Wir müssten uns, weil wir den Frieden wollen, für den Krieg rüsten und unsere Pflugscharen zu Schwertern umschmieden. Vielleicht schmerzt dieses Ansinnen einige der politisch Verantwortlichen. Denn mit einer stillen Sympathie hatten sie uns Osterspaziergängern zugesehen, wie wir „aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht“ die Botschaft des Jesus von neuem ans Licht brachten: Kriege sollen nach Gottes Willen nicht sein, sie sollen aufhören, nie mehr sein. Denn sie sind Instrumente des Todes, nicht des ­Lebens.

Doch jetzt plötzlich, die angesagte „Zeitenwende“: Der Krieg in der Ukraine scheint kriegerische Gewalt (notgedrungen) wieder akzeptabel gemacht zu haben. Seit der russische Machthaber völkerrechtswidrig in die Ukraine einmarschiert ist und die Existenz dieses Staates infrage stellt, schwenkt unsere Regierung um und lässt sich – von der bedrohten ukrainischen Regierung genötigt – auf das Konzept ein: Gewaltbereitschaft sei das Gebot der Stunde. Verteidigungsfähigkeit und Wehrertüchtigung seien alternativlos, also zwingend geboten. In dieser Situation muss die Frage gestellt werden: Ist das vielleicht nichts weiter als eine mächtige Regression? Eine Aufforderung zu einer Kehrtwende zurück ins „Faustische“, zurück in die selbstzerstörerische Weltbemächtigung?

 

Den Osterspaziergang auf bessere Zeiten vertagen?

Die Botschaft von Jesus lautete: „Ihr wisst, dass immer galt: ‚Wie du mir, so ich dir.‘ Aber ihr wisst auch, dass dadurch nichts besser wurde, im Gegenteil. Darum hört, was künftig gelten soll: Wenn euch jemand etwas Böses antut, dann verzichtet auf Vergeltung. Wenn euch jemand auf die rechte Backe schlägt, dann bietet ihm auch die linke an. Euer ewiger Vater ist Einer für alle, für Gute wie für Böse. Seid wie er!“ Wie können wir das leben?

Wir haben es ja versucht, Schrittchen für Schrittchen: zu werden wie er. Wir haben gehofft, dass Güte und Geduld Wirkung zeigen würden, vielleicht nicht sprunghaft, aber eben wie die österliche Frühlingssonne, die der ewige Vater über den Bösen und über den Guten aufgehen lässt als ein Zeichen seiner Güte und Geduld, um die Welt vom Eis zu befreien. Doch was geschieht stattdessen jetzt? Das Eis wächst sprunghaft, erstickt das Leben, tötet Kinder und Alte, Menschen und Vieh. Das Eis kriegerischer Gewalt, das Menschen über andere Menschen und sich selbst bringen.

Man könnte daraus den Schluss ziehen: Bleiben wir also zuhause, kein Osterspaziergang! Ostern muss ausfallen, auf bessere Zeiten vertagt werden. Doch um deutlich zu sein: Wer das sagt, treibt uns unseren Glauben aus. Er zwingt uns – um an die frühen Christen der ersten Jahrhunderte zu erinnern –, dem Kaiser mit Weihrauch und Kniefall Opfer zu bringen, uns selbst und unsere Religion zu verleugnen, zu werden wie die Kaiserlichen, die Gefolgschaft des Zaren. Wollen wir das? Dürfen wir das? Dürfen wir Jesus abschwören und zu den Mächtigen überlaufen, von denen er sagte, dass sie ihre Völker unterjochen?

„Werdet wie er!“, sagte Jesus. „Werdet seine Söhne und Töchter! Betet für eure Verfolger! Liebt sie, auch wenn sie euch feindselig begegnen!“ Die Christen der Frühzeit seien ihren Mitmenschen als Sonderlinge und Eigenbrötler erschienen, heißt es. Heute sind wir wieder Narren, Traumtänzer, Illusionisten, Blödmänner und -frauen, gutmeinende Umnachtete. Wie kann ein vernünftiger Mensch einem Panzer mit ausgebreiteten ­Armen entgegenlaufen, um ihn zum Stehen zu bringen, fragt man uns. Welchen Sinn soll es haben, Bombenflugzeuge mit Gebeten zur Umkehr zu bewegen? Warum soll man jemanden lieben, der Krankenhäuser und Kindergärten in die Luft sprengt mitsamt den Menschen dort? Ich versuche eine Antwort: Unsere Gegner zu lieben, muss ja nicht heißen, sie sympathisch zu finden. Es heißt einfach nur, ihnen uneingeschränkt das Recht zu leben zuzubilligen. An uns selbst und auch an sie zu appellieren: „Wir wollen in euch unsere künftigen Freunde und Freundinnen sehen. Wir wollen euch so begegnen, dass ihr das spüren könnt. Wir wollen euch nicht bedrohen oder einschüchtern. Wir warten darauf, dass ihr uns das glaubt.“

 

Die Kraft zu lieben, zu segnen, zu beten

Wenn wir die Hände in den Schoß legten, wenn wir aufhörten zu lieben, dann wäre es, als ob man uns das Herz aus dem Leib risse. Unser Glaube steht und fällt mir unserer Kraft zu lieben, zu segnen, zu beten. Wie könnten wir den Dingen einfach ihren Lauf lassen, Panzer, Flugzeuge, Raketen einfach geschehen lassen oder gar noch mehr davon in Marsch setzen? Notgedrungen gewiss, aber eben doch. Erwartet Jesus das heute von uns? Wäre es so, dann bräuchten wir ihn nicht mehr. Er hätte ausgedient. Und wir müssten überlaufen zur Gefolgschaft des Zaren, der die Völker unterjocht. Nein, das kann nicht sein. Das werden wir nicht tun. Jesus wollte Veränderung und Frieden. Dazu hat er uns einberufen, rekrutiert als seine Truppe, die jetzt mehr als je gebraucht wird, um zu lieben, zu segnen und zu beten.

Ich spüre eine große Unsicherheit, ja Zerrissenheit: Die „Zeitenwende“ der neu sich aufschäumenden Gewalt, weil sonst nichts zu helfen scheint, empfinde ich als eine tiefe Erschütterung, eine Art Erdbeben. Mein Glaube, dass Friede nur werden kann, wenn die Gewalt aufhört, scheint fragwürdig.

Ich muss alles noch einmal prüfen. Vielleicht dachte Jesus tatsächlich nicht „in politischer Verantwortung“. Er hatte vor sich seine kleine Anhängerschar. Er sah sich und seine Freundinnen und Freunde unterwegs auf dem Weg in eine immer heller werdende Zukunft, die nach seiner Überzeugung bereits begonnen hatte. Eine kleine Schar war das, die er einlud, nicht länger dem alten Gesetz des „Wie du mir, so ich dir“ zu folgen. Mag ja sein, dass Jesus sich bewusst war, dass dieses Gesetz noch allenthalben gilt. Aber er erlaubte uns, es als vergänglich, als überholbar zu betrachten und entsprechend zu leben.

Solange Menschen sich feindselig begegnen, solange einer vom anderen wünscht, es sollte ihn eigentlich nicht geben, er sollte verschwinden, am besten tot sein oder sich wenigstens unterwerfen und selbst aufgeben. Solange Menschen so miteinander umgehen, kann kein Friede sein. Wir müssen verlernen, Feinde zu sein und einander wie Feinde zu begegnen. Wir müssen stattdessen lernen: Auch unser Gegner ist ein Mensch und bleibt ein Mensch, mit dem man reden kann, der sich wandeln kann. Mag ja sein, dass Jesus nicht an den Kaiser in Rom dachte, nicht einmal an dessen Statthalter Pontius Pilatus. Aber seine Grundannahme, dass jeder Mensch als „Ebenbild Gottes“, als Repräsentant des Ewigen Anteil hat an dessen schöpferischer Potenz, wird dadurch nicht widerlegt. „Hier stehe ich – ich kann auch anders“, lehrte er uns denken. „Werdet wie euer Vater!“, sagte er. Und warum sollte das nicht auch für unsere Gegner gelten, die Menschen sind wie wir, gut und böse, gerecht und ungerecht?

 

Ein Weg in eine gemeinsame Zukunft

Als ich vor mehr als 60 Jahren meine Weigerung, Soldat zu werden, in einem Anerkennungsverfahren begründen musste, berief ich mich darauf, dass durch die Erfindung und Erprobung von Atomwaffen eine weltgeschichtlich vollkommen neue Situation entstanden sei. Konnte man bisher Kriege führen in der Hoffnung auf Sieg, also darauf, den Gegner zum Frieden zu zwingen, seien solche Kriegsziele inzwischen unmöglich geworden. Im Zeitalter der Atomwaffen seien Konflikte nur mehr durch Ausgleich und Verständigung zu lösen. Ich habe mich damals nicht grundsätzlich zum Pazifismus bekannt, sondern nur zu einem situationsbezogenen Verzicht auf Rüstung. Ich wusste ja, dass meine Freiheit zur Kriegsdienstverweigerung von den damaligen Alliierten mit Waffengewalt gegen die Hitler-Diktatur erkämpft worden war. Aber was wäre geschehen, wenn dieser Diktator über Atomwaffen verfügt hätte?

Trotzdem sehe ich das heute kritischer. Das Militärische muss vom Polizeilichen her gedacht werden. Es geht darum, in der „noch nicht erlösten Welt nach dem Maß menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens unter Androhung und Ausübung von Gewalt für Recht und Frieden zu sorgen“, wie es in der Barmer Erklärung von 1934 heißt. Aber das ist vielleicht noch zu statisch gedacht. Dass es im äußersten Fall der Androhung und Ausübung von Gewalt bedarf, scheint hingenommen zu werden, weil nur so Recht und Frieden erreichbar seien. Recht und Frieden scheint hier als ein Zustand vorgestellt. In Wirklichkeit aber geht es um einen stetigen Prozess, um die immer wieder neu zu bewährende Bereitschaft zu Gespräch und Kompromiss. Diese Bereitschaft erfordert es, dass die Konfliktparteien ihr Gesicht wahren können. Der Ausgleich von Interessen, nicht Sieg und Niederlage muss das Ziel sein – auch im Konflikt mit einem skrupellosen Diktator. So etwa denke ich mir den Anspruch von Jesus, den Feind zu segnen, statt ihn zu demütigen. Wie wir ja auch selbst nicht gedemütigt, sondern als Partner anerkannt werden wollen. „Liebe deinen Nächsten wie deinen Feind – er ist wie du!“, hat Martin Buber das Liebesgebot der Bibel übersetzt.

Praktisch scheint mir dazu erforderlich, dass wir immer wieder zuerst in unserem Sprachverhalten abrüsten. Pauschale Vorverurteilungen von „Russen“ allgemein sind unangebracht. Auch die unkritische Übernahme von kriegerischen Parolen der Konfliktparteien, die selbst mediale Kampfhandlungen sind, ist nicht hilfreich. Sanktionen mögen nützlich sein, um einen Gegner zum Nachdenken zu bringen. Aber es muss darauf geachtet werden, dass solche Sanktionen nicht am Ende die Ärmsten treffen. Wir müssen uns dessen bewusst sein, dass die Völker und Staaten Europas und der Welt nach Beendigung der Konflikte miteinander und nicht gegeneinander weiterleben werden. „Vertraut den neuen Wegen, auf die uns Gott gesandt! Er selbst kommt uns entgegen. Die Zukunft ist sein Land“ – lehrte uns Klaus Peter Hertzsch zu singen. Eine Zukunft, die nur über einen Ausstieg aus der Gewaltspirale erreichbar ist, d.h. über recht verstandene „Feindesliebe“.

Friedrich Eras

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 5/2022

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