Am 18. Mai jährt sich der Geburtstag des britischen Philosophen und Mathematikers Bertrand Russell zum 150. Mal. Russell ist in Deutschland vor allem durch sein religions- und christentumskritisches Buch „Warum ich kein Christ bin“ bekannt geworden. Thomas Schleiff widmet ihm einige seinerseits kritische und humorvolle Gedanken.

 

Bertrand, glaubst du das wirklich?

„Ich glaube, dass ich verrotten werde, wenn ich einmal sterbe, und dass nichts von meinem Ich überlebt“, schreibt Russell in „Warum ich kein Christ bin“.

Bertrand, glaubst du das wirklich? Oder dürfen wir dich in aller angelsächsischen Höflichkeit ermahnen: „Wenn du glaubst, du glaubst, dann glaubst du nur, du glaubst …“ Denn irgendwie hat der Tod in seiner ganzen Absurdität ja doch etwas Unglaubliches an sich. Ich habe immer so empfunden, wie ich es einmal ausgedrückt fand: Die Auferstehung mag unglaublich sein. Sie ist aber immer noch glaublicher als der Tod. Mir geht das auf, wenn ich etwa an das German-Wings-Unglück von 2015 denke. Ein Flugzeug voller Schüler, Kinder und zumeist junger Erwachsener. Wie viel Leben, wie viel Liebe, wie viele Pläne, wie viel Freude ist da in dieser Flugzeugkabine versammelt! Und dann eine knappe Minute Panik. Und in einer Zehntelsekunde alles zerfetzt in Blut und Knochensplitter. Und das soll „glaublich“ sein? Mir hat einmal ein sterbenskranker Medizinprofessor gesagt: „Wenn man sich ein Leben lang mit der wunderbaren Organisation des menschlichen Körpers beschäftigt hat, dann kann man einfach nicht glauben, dass der Mensch spurlos zerfällt. Da muss etwas ganz Großes dahinterstecken.“ Ja, droben überm Sternenzelt, da muss ein lieber Vater wohnen!

 

Angst

Der tiefere Grund für alle Religion ist nach Bertrand Russell die Angst: die Angst vor Niederlagen, die Angst vor den Menschen, die Angst vor dem Tod. Aus dieser Angst sucht der Mensch Hilfe von Gott. Es kann dahingestellt bleiben, ob die Angst die einzige und wesentliche Quelle des Glaubens ist. Für mich selbst und meine Biografie kann ich das aber durchaus zugeben. Die Angst vorm Versagen und der Blamage hat in meinem Leben von Kind auf eine große Rolle gespielt, die Angst vor Hänseleien, vorm Scheitern und vorm Tod. Aus dieser Angst heraus habe ich Halt und Hilfe gesucht. Und ich wüsste nicht, wie ich sonst durchs Leben gekommen wäre. Ich „brauche“ den Glauben, dass da jemand „auf mich aufpasst“, wie Russell es etwas ironisch ausdrückt. Russell hält das für unwürdig. Auch vor dem Tod hat ein anständiger Mensch nicht zu schlottern: „Ich fände es unwürdig, beim Gedanken an die Vernichtung vor Schrecken zu zittern.“ Mag Russell das für unwürdig halten. Ich meinerseits halte es für bloßes Gerede, vor der „Vernichtung“ den Helden zu spielen. Dann schon lieber: ängstlich, aber einigermaßen ehrlich.

(Wenn der Tod meine „Vernichtung“ ist, dann ist der Tod ja das strikte Nein zu meinem Leben und zu meiner Person. Kann ich denn zu dieser meiner Verneinung „Ja“ sagen? Kann ich meine Verneinung bejahen? Russell war doch ein berühmter Logiker. Aber ist es nicht immerhin „logischer“, vor meiner Vernichtung zu erschrecken, als sie tapfer hinzunehmen? Natürlich ist es schön, wenn Menschen Widerwärtiges tapfer hinnehmen. Aber mit dem Sterben muss „ich“ nichts hinnehmen – ich werde mir ja selbst weggenommen. Dass ich mir selbst weggenommen werde – das kann ich nicht hinnehmen. Das steht gänzlich außerhalb meines Vermögens. Das ist absurd und liegt im Grunde auch jenseits meines Vorstellungsver­mögens.)

 

Der Atheist im Himmel

Einer Anekdote zufolge wurde Russell einmal von Studenten gefragt, was er denn sagen würde, sollte er nach dem Tod wider Erwarten Gott von Angesicht zu Angesicht sehen. Russell antwortete: „Ich würde zu Gott sagen: Herr, du hättest uns ein bisschen deutlichere Hinweise (Evidenz) geben sollen.“

An dieser Anekdote könnte etwas dran sein. Ich könnte mir diese Frage der Studenten durchaus vorstellen und erst recht die witzige Antwort Russells. Aber Spaß hin, Spaß her. Russell war ja, philosophisch betrachtet, eigentlich kein Atheist, sondern Agnostiker. Das heißt: Er hat die Existenz Gottes nicht schlechthin bestritten, sondern nur gesagt: Die Gottesfrage muss für unsere Erkenntnis offenbleiben, aber ich halte es für höchst „unwahrscheinlich“, dass es Gott doch „gibt“. Ich kann mir gut vorstellen, dass Russell sich das gelegentlich gefragt hat: Wenn es denn Gott doch gibt, was sage ich ihm dann? Und das, was er sich dann überlegt hat, wird sicher in etwa in die Richtung gehen, die Russell der Anekdote zufolge formuliert hat. Ich könnte mir Russells Antwort noch etwas genauer und umfangreicher vorstellen – und ich bin sicher, dass Gott in seiner Ewigkeit sich genug Zeit nehmen würde, Russell aufmerksam zuzuhören.

 

Russells mögliche Rede an den lieben Gott

Ich denke, Russell würde in etwa sagen: „Lieber Gott, ich war auf der Erde nur meinem Gewissen verpflichtet. Und auf der Erde ist es nun mal so, dass wir alles genau prüfen müssen, bevor wir etwas beurteilen. Und ohne ausreichende Hinweise und Beweise dürfen wir da nichts behaupten. Und deshalb habe ich eben auch genau geprüft, ob es dich gibt. Ich habe das ja aus Respekt vor der Wahrheit getan. Da bin ich ehrlichen Herzens zu dem Schluss gekommen, dass es dich nicht gibt. Ich habe auch immer zugegeben, dass ich mich irren könnte – und du vielleicht doch existierst. Aber nach Abwägung aller Argumente bin ich zu dem Schluss gekommen: es gibt dich nicht. Und nun einfach aus Angst trotzdem an dich zu glauben, das fand ich unanständig. Eigentlich muss dir meine Haltung doch gefallen. Du magst doch, wenn sich Menschen Mühe geben und nicht einfach etwas nachplappern.“

Ich kann mir – nun durchaus im Ernst – vorstellen, dass Russell in seinem langen Leben auch einmal solch einen Gedanken gefasst hat. Und der ist ja nicht einmal abwegig. Der Mensch ist in seinem Denken der Wahrheit verpflichtet. Er darf nur das als wahr anerkennen, was er solches verstanden hat. Wenn er denn die Existenz Gottes als unwahrscheinlich erkannt hat, darf er auch nicht an Gott glauben. Er müsste Atheist (oder Agnostiker) werden: ad majorem gloriam veritatis – um der Wahrheit die Ehre zu geben. Und da ja Gott die Wahrheit selber ist, könnte man sogar von einem Atheismus „ad majorem gloriam dei“ sprechen – um Gott die Ehre zu geben.

 

Die Bibel des Atheismus

Diese Gedanken sind nicht herbeigesucht. Im 19. Jh. schrieb der Däne Jens Peter Jacobsen seinen Roman „Niels Lyhne“, den man damals die „Bibel des Atheismus“ genannt hat. Da findet sich dieser Gedanke, dass Gott doch eigentlich jenen Atheisten, der aus Überzeugungsgründen seinen Atheismus bis in den Tod durchhält, eher in den Himmel lassen müsste als den Menschen, der aus bloßer Angst an ihn „geglaubt“ hat. Wie es eine witzige alte Dame in meiner früheren Gemeinde in Heide so listig gesagt: „Wer weiß schon, ob es Gott gibt. Aber sicher ist sicher. Ich glaube mal an ihn. Dann kann er mir später keinen Vorwurf machen.“ Das hat Russell also immerhin riskiert, dass Gott ihm mal diesen „Vorwurf“ machen könnte. Aber er hätte dann eben auf eine höhere Instanz hinweisen können: auf die Wahrheit und auf die Verpflichtung zur viel beschworenen intellektuellen Redlichkeit. Ob es allerdings ohne Gott überhaupt so etwas „Wahrheit“ gibt, ist eine Frage für sich.

 

Keine Teleologie

In Russells Buch „Warum ich kein Christ bin“ finden sich viele der gängigen atheistischen Argumente. Dazu gehört auch die Bestreitung, dass die Welt nach einem Plan geschaffen ist. Kausalität, Zeit und Zufall erklären alles. Russell wiederholt, was man immer und immer wieder lesen kann, zuletzt bei Richard Dawkins im „Gotteswahn“: Bei der riesigen Gesamtmenge von Materie und der schier unendlichen Menge an Zeit konnte das Leben nach dem Gesetz des Zufalls leicht entstehen. Denn eines schönen Tages mussten sich nach dem Zufallsgesetz die Atome zusammenfinden, die zum Leben führten.

Zufall hin, Wahrscheinlichkeit her! Ich stelle mir Aber- und Abermilliarden Murmeln vor. Ich stelle mir vor, dass sie Aber- und Abermilliarden Jahre durcheinander trudeln, meinetwegen unendlich lange. Jeder unverbildete Mensch wird mit mir übereinstimmen: Daraus entsteht nie ein Organismus! Ein Organismus kann nur entstehen, wo die Einzelteile aufeinander bezogen sind. Im Universum fliegt eben nicht nur in Trilliarden Einzelteilen etwas herum. Sondern in der Welt ist alles aufeinander bezogen. Nur weil die Atome und die Moleküle aufeinander bezogen sind, können sie sich zum Leben organisieren. Man kann also die Argumentation mit „Zeit und Zufall“ gerne akzeptieren. Aber wenn Zeit und Zufall zum Leben führen sollen, dann setzt das eine sinnvolle Beziehung der Elemente des Kosmos aufeinander voraus. Und diese Beziehung haben sich die Atome ja nicht selbst ausgedacht. Da denkt das „H“ ja nicht: Wo ist denn mein „O“, weil es … bilden will? Die Beziehung ist das Werk einer höheren Vernunft: des „Wortes“, des Geistes, Gottes.

 

Nur keine Schmeicheleien

Wenn da jemand zu mir kommt und sagt: „Oh, Sie sind aber ein kluger Kopf. Und dabei sehen Sie auch noch glänzend aus“, dann höre ich das natürlich gerne. Aber es ist ja eine handfeste Schmeichelei. Und Schmeicheleien gegenüber soll man misstrauisch sein.

Nach Russell schmeichelt die Religion dem Menschen. Da steht der Mensch im Mittelpunkt der Schöpfung. Der Mensch ist „Ebenbild“ Gottes, er ist Sinn und Ziel der Schöpfung. Die Menschen sind nach christlicher Überzeugung. keine armseligen Würmer. Sie interessieren den Schöpfer der Welt. – Das hat Russell gut erkannt. Aber misstrauisch dreht er das sogleich um: Das Christentum schmeichelt dem Menschen. Es gaukelt ihm eine Bedeutung vor, die er nicht hat. In Wahrheit sei der Mensch ein „Parasit“ auf einem winzigen Stern im riesigen und gefühllosen Kosmos, ein „armer Wurm“. Mir scheint diese Bagatellisierung des Menschen eine intellektuelle Künstlichkeit. Jede Mutter, die ein Kind auf dem Schoß hat, weiß es doch besser. Sie kommt gar nicht auf den Gedanken, ihr Baby für eine kosmische Randerscheinung zu halten. Für sie ist dieses Kind mehr als Sonne, Mond und Sterne zusammen: „mein ein und alles“.

 

A rose is a rose is a rose …“?

Nun könnte man darüber vielleicht streiten. Ist der Mensch eine Null im Kosmos? Oder ist er Ziel und Sinn der Schöpfung? Aber ich habe hier doch einen Verdacht. Ich habe das Gefühl, dass Russell das, was er hier behauptet, selbst nicht glaubt. Selbst ein „Atheist“ hat doch ein Gefühl für „Sinn“. Und er würde das doch gefühlsmäßig ohne weiteres einsehen: Wenn es im Universum nur bewusstlose Sternhaufen und Mondlandschaften gäbe, dann wäre dieses Universum schlicht und einfach sinnlos. Es wäre egal, ob es dieses Weltall gäbe oder nicht gäbe.

Erst wenn jemand da ist, der dies alles wahrnimmt und zu schätzen und zu würdigen weiß, bekommt das Universum einen Sinn. Diese Wahrnehmung beginnt aber erst mit dem Leben. In gewissem Sinne beginnt sie mit dem Leben der Tiere und Pflanzen: „Weißt du, wie viel Mücklein spielen in der heißen Sonnenglut; wie viel Fischlein auch sich kühlen in der hellen Wasserflut?“ Aber man muss doch wohl nicht erst umständlich erklären, dass die menschliche Erfahrung, Wahrnehmung und Wertschätzung der Welt eine unendliche höhere und tiefere ist. Wenn es in der Welt nur Mücken und Fische gäbe, die ja nicht einmal selber wissen, dass es sie gibt – dann würde eben fehlen, was der Welt einen Sinn gibt. Erst durch die Erfahrung des Menschen, durch seinen „Geist“ bekommt die Welt Sinn. Es ist nicht übertrieben zu sagen: Die Rose als solche hat keinen Sinn. Sie bekommt ihren Sinn dadurch, dass sich „jemand“ an ihrem Duft und ihrer Schönheit erfreut. Zwar gilt: „A rose is a rose is a rose …“ (Gertrude Stein) Sie ist eine Rose auch unabhängig von allem anderen. Aber seine Tiefe und seinen Sinn bekommt sie erst durch den Geist des Menschen, der dieses grandiose In-sich-selbst-Sein“ der Rose wahrnimmt und davon überwältigt wird. Gewiss: „A rose is a rose is a rose ...“ Aber das weiß die Rose ja selbst nicht. Das weiß der menschliche Geist.

Erst durch die Wahrnehmung der Welt im menschlichen Geist bekommt die Welt ihren Sinn. Das ist so evident, dass es künstlich wäre, es zu bestreiten. Und das müsste auch Russell wissen. Die Herabsetzung des Menschen zu einem unwesentlichen Teil der Natur, gar zu einem „Parasiten“, ist eine intellektuelle Spielerei, die der Philosoph sich selbst nicht glauben kann. Er nimmt eine interessante „Attitüde“ ein. Er gibt vor, etwas zu meinen, ohne es wirklich zu meinen. Und das ist Heuchelei. Nicht die Heuchelei der Pharisäer. Aber die Heuchelei der Philosophen.

Um es schlicht zu sagen: Jeder Mensch spürt am eigenen Leibe, wie ungeheuer wichtig er sich ist. Normalerweise zuckt man schon zusammen, wenn der Vorgesetzte einem sagt: „Das haben Sie nicht ganz richtig gemacht.“ Und nun kommt das Urteil des Philosophen: „Du bist, letztgültig gesehen, eine absolute Null.“ Das ist nicht wirklich das Gefühl, das der Mensch von sich selber hat. Er hat das Gefühl, er ist irgendwie „wichtig“. Und das ist nicht nur ein Gefühl. Es hat seinen tiefen Grund in der Gottebenbildlichkeit des Menschen.

 

Orientierung für Agnostiker

Das Buch „Warum ich kein Christ bin“ habe ich 1968 kennengelernt. Es lag bei meinem sechs Jahre älteren Bruder auf dem Nachttisch, es hat ihn in seiner Lebensphilosophie stark beeinflusst. Ich ehre Russell, weil er kein Blatt vor dem Mund nimmt. In manchem pflichte ich ihm bei. Das mit dem „Heulen und Zähneklappern“ aus dem Munde Jesu tut weh. Ich habe es als Pastor in den Lesungen der Evangelien lieber immer ausgelassen – und dann doch in der Predigt erwähnt, wo man es erklären konnte. Russells Reserven gegen das „Heulen und Zähneklappern“ kann ich gut verstehen. Aber die Gesamttendenz der Russellschen atheistischen Propaganda scheint mir doch eher verheerend. Wenn mein Bruder auf ein anderes Buch als das von Russell gestoßen wäre, wäre das für sein Leben vielleicht ein Segen gewesen.

Nun ist das Buch 2017 wieder erschienen. Es ist mit einem feinen Vorwort von Martin Walser versehen, in dem mir allerdings die Bewunderung für Russells Denken und Schreiben überzogen erscheint. Wunderbar hingegen ist das Schlusswort von Sebastian Kleinschmidt. Es schließt mit Sätzen, die ich gerne als Postwurfsendung in die deutschen Haushalte schicken würde: „Orientierung braucht der Mensch, auch wenn er Agnostiker oder Atheist ist. Er ist das einzige Geschöpf auf Erden, das sie braucht. Die Tiere haben den Instinkt. Sie wissen nicht, dass sie nichts wissen. Der Mensch, das sokratische Tier, weiß, dass er nichts weiß. Und über allem – so glauben die einen und bestreiten die anderen – thront einer, der weiß, dass er weiß.“

 

Die Moritat vom Leben des Herrn Ratio

Schon gleich am Anfang – Ratio
war eben noch ein Embryo –,
da wollte er am liebsten nicht
auf diese Welt ans Tageslicht.

Er sprach bei sich im Mutterleibe:
„Am bestens ist’s, wenn ich hier bleibe.
Für Sinn und Zweck der Lebensreise
hab ich ja keinerlei Beweise.“

Doch wurde er dann trotz Protest
bei der Geburt herausgepresst
und plärrte an der Nabelschnur:
„Was soll denn diese Ochsentour?“

Er ließ sich nur mit Widerwillen
und viel Protestgeschreie stillen –
und dann vorm ersten Teller Brei
ertönte seine Litanei:

„Was, diesen Brei soll ich verputzen??
Wo liegt der Sinn, wo liegt der Nutzen?
Und überhaupt: Schmeckt denn die Speise?
Ich will dafür vorher Beweise.“

Auch auf der Schule ging es so.
Dort sprach der kleine Ratio:
„Ich will es wissen, was ich mache.
Beweist mir erst den Sinn der Sache!“

Ein Mädchen wollte ihn verführen,
die Liebe mit ihm zu probieren,
und hätt ihm gern in seinem Leben
den allerersten Kuss gegeben.

Sie sprach: „Mein Schatz, ach glaub mir dies,
mein Kuss ist heiß und zuckersüß.“
Doch Ratio sprach kalt wie Eis:
„Wie krieg ich vorher den Beweis?“

So hielt sich Ratio für schlau
und blieb sein Lebtag ohne Frau,
erfuhr auch niemals den Genuss
von einem allerkleinsten Kuss.

Er wurde älter und bejahrt.
Die Skepsis hat er sich bewahrt
und fragte mürrisch noch als Greis
bei allem erst nach dem Beweis.

Als dann die letzte Stunde kam
und Gott der Herr ihn zu sich nahm,
ist Ratio doch sehr verblüfft,
als er auf Gott den Vater trifft.

Er hat gemeint, Gott gäb es nicht,
und sieht ihm nun ins Angesicht.
Gott lebt – das ist doch nicht zu fassen –
und hat sich nicht beweisen lassen!

So spricht Herr Ratio deswegen
nun äußerst ratlos und verlegen:
Ich hätte dich bestimmt gepriesen,
doch niemand hat dich mir bewiesen.“

 

Epilog

Am 18. Mai 1872 wurde Bertrand Russell geboren. Er hätte jetzt seinen 150. Geburtstag. Den hat er denn doch nicht ganz geschafft. Aber auf 97 Jahre hat es dieser hagere Gelehrte immerhin gebracht. Schlank sein zahlt sich also offenbar doch aus. Russell hatte nie Übergewicht. Darüber beneide ich ihn mächtig. Und ich beneide ihn auch wegen seiner mathematischen Begabung. Russell war Mathematiker und Philosoph. Er war politisch sehr engagiert. Er war lange Zeit radikaler Pazifist und Atheist. Durch das Buch „Warum ich kein Christ bin“ ist seine Religionskritik auch in Deutschland sehr einflussreich geworden.

Um noch einmal auf die Anekdote von oben zurückzukommen: „Du hättest mir klarere Hinweise (evidence) geben müssen.“ – Diese Situation wird in den Schlussstrophen des Gedichtes aufgenommen. Allerdings in einer anderen Hinsicht hat Russell sich entschieden anders verhalten als der „Herr Ratio“: Er hat sich den ersten Kuss nicht vermiesen lassen. Er war mehrfach verheiratet und hatte viele Liebschaften. Ja, einmal schreibt er sogar, dass er in der liebenden Vereinigung eine Vorahnung des Himmels sehe. Eben des Himmels, an den er nach seinen sonstigen Äußerungen definitiv und radikal nicht geglaubt hat!

 

Über die Autorin / den Autor:

Pastor Dr. Thomas Schleiff, Jahrgang 1950, von 1979 bis 2015 Pastor an der St.-Jürgen-Kirche in Heide, humoristisch-theologischer Autor ("Der Vogel mit dem Doktorhut", "Verse über die Ferse", "Ein Uhrmacher im Himmel" (alle im Steinkopf-Verlag).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 5/2022

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