Veränderungen im Bereich der verfassten Kirche führen dazu, dass sich die Frage nach Präsenz und Relevanz der Kirche für Menschen in unserer Gesellschaft verschärft stellt. Zugleich sieht sich die Kirche – wie alle gesellschaftlichen Organisationen – durch die Anforderungen des Klimaschutzes vor erhebliche Veränderungsnotwendigkeiten gestellt. Hans Höroldt stellt hier ein neues Instrument vor, um diese Entwicklungsprozesse zielführend und ressourcenschonend gestalten zu können.

 

A. Zielperspektive – Zusammenfassung

Die Kirche ist – wie andere gesellschaftliche Organisationen auch – vor die Herausforderungen der sog. dritten „Großen Transformation zur Nachhaltigkeit“1 gestellt und benötigt die Weiterentwicklung des eigenen Organisationsprofils. Zur Gestaltung und Bewältigung dieser einzigartigen Herausforderung und Chance bedarf es eines neuen Instruments, um die erforderlichen Entwicklungsprozesse zielführend und ressourcenschonend gestalten zu können. Das im Folgenden vorgestellte Modell der Regionalen-Transformations-Agentur (RTA) kann ein solches Instrument sein, um

a) evangelische Kirche in einer definierten Region sichtbarer und anschlussfähiger an örtliche und regionale Entwicklungen zu machen bei gleichzeitig geringer werdendem Eigenmittelanteil und klarem nachhaltigem Profil;

b) sich als Institution in der Gesellschaft aktiv und gestalterisch-kreativ einzubringen in die gesamtgesellschaftliche Herausforderung eines massiven Umbruchprozesses auf vielen Ebenen, der mit dem Begriff bzw. der Erzählung der „Großen Transformation“2 beschrieben wird;

c) im Blick auf vorhandene kirchliche Immobilien wirtschaftlich wie fachlich sinnvolle und nachhaltige neue Strukturen entwickeln und realisieren zu können, die die Relevanz von Kirche vor Ort im sozialen Nahraum anders und neu erfahrbar machen;

d) vorhandene kirchliche Infrastruktur ökologisch nachhaltig und wirtschaftlich auskömmlich für kommende Generationen verfügbar halten zu können;

e) im Blick auf Gemeindekonzepte Anstöße zu geben, sich stärker dem Umfeld (Quartier, Nachbarschaft, Dorf) und seinen Wünschen, Erfordernissen und Bedarfen zu öffnen und Formen wie Formate der Gemeindearbeit darauf auszurichten;

f) dafür entsprechende Entwicklungsprozesse in Kirchengemeinden und Kirchenkreisen zu initiieren und qualifiziert begleitet vor Ort umsetzen zu können.

Im Folgenden wird ein solches Modell dargestellt und entfaltet im Blick auf die Verhältnisse in drei Landeskirchen im Westen der Bundesrepublik (Rheinland, Westfalen und Lippe).

 

B. Ausgangslage und Herausforderung

Aktuelle Entwicklungstrends im Bereich der verfassten Kirche sind u.a.:

¬ Die Entwicklung des Kirchensteueraufkommens: auch wenn es trotz ständig sinkender Gemeindegliederzahlen seit 2005 weiter gewachsen ist, gleicht dieses Wachstum lange schon mehr nicht den tatsächlichen Kaufkraftverlust aus.

¬ Der Rückgang an Gemeindegliedern in beiden Volkskirchen geht ungebremst weiter. Bereits bis zum Jahr 2019 war dies deutlich erkennbar. Die Entwicklungen im Zusammenhang mit der Covid 19-Pandemie werden aller Wahrscheinlichkeit nach den Trend noch deutlich verschärfen.

Im Blick auf die volkskirchlichen Strukturen im Bereich der EKiR, der EKvW und der Lippischen Landeskirche wird erkennbar, dass die über weite Bereiche noch vorhandene räumliche Präsenz seit Jahren immer weiter zurückgebaut wird. Die Notwendigkeit, mit immer weniger werdenden Mitteln haushalten zu müssen, entsprechende Abbau- und Umbauprozesse durchzuführen, Kräfte zu bündeln und zu konzentrieren, Gemeindebezirke, Kirchengemeinden und Kirchenkreise zusammenzuführen, ohne dabei allzu viel an wirtschaftlichem, organisatorischen und motivationalen „Kapital“ zu verlieren – all das bestimmt vielerorts die Situation. Konzeptionell wird deutlich, dass die Kirchengemeinde in der seit dem frühen 20. Jh. vertrauten Form der Parochialgemeinde3, die nach dem Zweiten Weltkrieg großflächig umgesetzt wurde, mit der überlagerten Form der funktionalen Differenzierung erkennbar an ihre Grenzen kommt.

Diese skizzierte Entwicklung betrifft alle Bereiche verfasster kirchlicher Arbeit. Sie hat auch Auswirkungen im Bereiche kirchlicher Grundstücke und Immobilien. Die vorhandene Gebäudesubstanz stammt überwiegend aus den 1950-80er Jahren. Sie entspricht an vielen Stellen weder der Entwicklung der Zahl der Gemeindeglieder, noch ist sie angesichts der zurückgehenden Kirchensteuermittel dauerhaft finanzierbar. Ebenso wenig genügt sie an den meisten Orten zeitgemäßen Ansprüchen auf Nachhaltigkeit und Klimaneutralität. Entwicklungen wie etwa die Beschlüsse der 13. EKD-Synode zum Thema Klimaneutralität oder der Synode der EKiR im Januar 2022 erhöhen den Veränderungsdruck mit der Forderung der zeitnahen Bestandsaufnahme und einer treibhausgasneutralen Umgestaltung der verbleibenden Gebäude bis 20354.

So wie die Generation unserer Mütter und Väter, die aufgewachsen ist in einer Zeit der Trümmer, zu ihrer Zeit diesen Ausbauprozess an kirchlichen Immobilien gestaltet haben, sind wir, die wir in und mit diesen Gebäuden groß geworden sind, heute vor die Aufgabe gestellt, für diese heute vorhandenen Immobilien einen nächsten Umbauprozess verantwortlich zu gestalten. Dabei sind die Interessen der nächsten und kommender Generationen, die in und mit digitalen Räumen heranwachsen und die in ganz anderer Weise als wir bereits jetzt mit den Folgen des Klimawandels konfrontiert werden, entsprechend mitzubedenken.

Mit der Gestaltung solcher Umbauprozesse sind Kirchengemeinden und Kirchenkreise intensiv befasst; sie binden Ressourcen und Motivation über längere Zeiträume. Für eine solche Aufgabe sind Kirchengemeinden und Kirchenkreise allerdings oft unzureichend ausgestattet. Ergebnisse sind oft abhängig von Zufällen (Wer bringt sich im Presbyterium ein? Welche Interessen verfolgen Schlüsselpersonen?), Prozesse werden teilweise übereilt, zu spät oder ohne konstruktive Perspektive angestoßen und durchgeführt. Die Ergebnisse sind aber in jedem einzelnen Fall von strategischer Bedeutung für die einzelne Gemeinde und den Kirchenkreis über unsere Generation hinaus. Auch werden diese Prozesse zumeist parallel in den Kirchengemeinden und Kirchenkreisen durchgeführt; ein Prozess des wechselseitigen Lernens findet nur selten statt.

Dabei ist auch eine emotionale und theologische Dimension relevant: Für viele Menschen vor Ort sind die vorhandenen Gebäude emotional hoch besetzt (Ort der Heirat, Taufe …) und ein Stück des „Erbes der Väter und Mütter“. Theologisch gesehen sind diese Immobilien nicht nur (auch materiell relevante) Werte, sondern eine Gabe und „Begabung“ (im Sinne des biblischen Charismenbegriffs), die unserer Generation anvertraut ist und mit der wir zu „wuchern“ haben (vgl. das Gleichnis von den anvertrauten Talenten, Mt. 25,14ff).

 

C. Theologische Einordnung

Theologisch gesprochen kommen hier die beiden Aspekte Grundlage und Auftrag von Kirche zusammen. Was Kirche ist und werden kann, bestimmt sich nicht durch ihre aktuelle historische Gestalt. Kirche versteht sich selber von dem Auftrag her, den sie sich nicht selbst gegeben hat, sondern der ihr anvertraut ist: „Der Grund für die Existenz der Kirche [liegt] in Gottes versöhnendem Handeln in Jesus Christus, und ihr Ursprung im worterschließenden Handeln des Geistes Gottes. Der Geist wirkt in Menschen Glauben, der mit sozialer Gemeinschaft einhergeht, die nicht umhinkommt, sich institutionell … zu verfassen, will sie ihrem Wesen und ihrer Bestimmung nachkommen“5. Von daher allein bestimmt sich als die Aufgabe der Kirche: „Sie hat die Bestimmung, vorläufige Darstellung des Reiches Gottes zu sein.“6

Die Liebe Christi schafft eine besondere Verbundenheit in der Kirche, eine Geistgemeinschaft, und damit eine im Christusverhältnis begründete neue Form der Liebe (Agape). In dem Anderen begegnet dem von Christus angesprochenen Mensch nicht jemand, mit dem/für den/in dem ich etwas anderes sehe (z.B. einen möglicherweise noch zu bekehrenden Menschen), sondern in diesem Du erfahre ich Gottes Anspruch7.

Nächstenliebe ist der Wille des Menschen zum Willen Gottes mit den anderen Menschen als Ausdruck der Liebe Gottes, die in dem Menschen wirkt, ausgegossen vom heiligen Geist in unsere Herzen8. Insofern ist in dem durch Christus gesetzten Miteinander von Gemeinde und Gemeindeglied ein Füreinander mitgegeben. Dieses Füreinander ist zu aktualisieren durch die Tat der Liebe: a) als tätige, entsagungsvolle Arbeit für den Nächsten, b) als Fürbitte, c) als Spende der Sündenvergebung im Namen Gottes9.

Aus theologischen Gründen erscheint es mir von daher geboten, die Frage, wie dieses „Füreinander“ heute und morgen Gestalt gewinnen kann, intensiv weiterzubearbeiten. Für mich bedeutet das: Die Frage nach der zukünftigen Präsenz der evangelischen Kirche in unserer Gesellschaft ist eine der Gestaltungsaufgaben unserer Generation.

 

D. Strategische Perspektive

Diese Aufgabe kann in den bestehenden Strukturen und mit den hier zur Verfügung stehenden Instrumenten, wie beschrieben, oft nur unzureichend und im jeweiligen Einzelfall unverhältnismäßig aufwändig bearbeitet und entwickelt werden. Dies liegt nicht an den handelnden Personen oder Institutionen. Vielmehr sind diese auf solche Umgestaltungsprozesse kaum vorbereitet oder ausgerichtet. Mit der RTA wird nachfolgend ein mögliches Instrument beschrieben, das einerseits der eigenen Struktur und Kultur von Kirchengemeinden Rechnung trägt und neue Perspektiven für die Weiterentwicklung des gemeindlichen Profils aufzeigen und ermöglichen kann, andererseits den sachlich, fachlich und strategischen Rahmenbedingungen für eine wirksame und aufwandsarme Bearbeitung der dabei anstehenden komplexen Aufgaben gerecht wird.

Was hier beschrieben wird, kann auch dazu beitragen, Brücken zu bauen zwischen den verschiedenen Formen kirchlicher Arbeit unter dem Dach der evangelischen Kirche einerseits und zwischen Kirche und Gesellschaft andererseits, und so Kirche in die Lage versetzen, im örtlichen Kontext zu „Pionieren des Wandels“ zu werden10.

Dazu greifen hier verschiedene Dimensionen ineinander. Am Ende eines durch die RTA gesteuerten Prozesses können

¬ vorhandene Immobilien und Grundstücke im Rahmen von individuell zu erstellenden (Um-)Nutzungskonzepten weiterentwickelt worden sein. Diese entsprechen in der neuen Form zeitgemäßen Ansprüchen nachhaltigen und klimaneutralen Bauens.

¬ Kirchengemeinden sich dabei als Nutzer im Rahmen eines gemeinsam zu entwickelnden Gesamtkonzepts weiter vor Ort einbringen und damit ein für das lokale Umfeld sichtbareres Profil ausbilden, das ihre anhaltende Bedeutung und Relevanz für die Menschen vor Ort erkennen lässt.

¬ neue und bekannte Projekt- und Arbeitsansätze11 ermöglicht werden, die unter absehbaren und leistbaren Rahmenbedingungen eine weitergehende Profilentwicklung und Anschlussfähigkeit gemeindlicher Arbeit in ihrem Umfeld leisten.

¬ diakonische und andere Akteure im Rahmen der Weiterentwicklung ihrer Arbeit diese Ressourcen nutzen und so zum kirchlichen Profil beitragen.

Diakonische Einrichtungen und Kirchengemeinden sind von Herkunft, Art und Ausrichtung ihrer Arbeit strukturell und „kulturell“ sehr unterschiedliche Formen der Organisation von Kirche. Ein konstruktives Gespräch über die hier skizzierte engere Form des Zusammenwirkens und der gegenseitigen Abstimmung braucht den Rückbezug auf den gemeinsamen und verbindenden Auftrag in dieser Zeit und Gesellschaft, um eine gemeinsame Perspektive in unterschiedlichen Rollen zu entwickeln und umzusetzen.

Eine weitere Nutzung der Grundstücke und Immobilien wird zu neuen Nutzungskonzepten und entsprechenden Umgestaltungsaufgaben führen. Damit werden sich auch Rolle und Gewicht der Kirchengemeinde verändern. Diese Prozesse sollten im Blick auf die Frage des Gemeindeselbstverständnisses und -aufbaus bewusst geführt und reflektiert werden, damit eine Basis für Unterstützung erhalten und möglichst ausgebaut wird.

Hier stellt sich die Frage, ob und wie sich dabei auch das Selbstverständnis der Gemeinde verändert: Bleibt die Kirchengemeinde im Wesentlichen bei ihren bestehenden „klassischen“ Aufgaben überwiegend für Gemeindeglieder? Bleibt es bei der Ausrichtung, möglichst viele Menschen „zu sich nach innen“ in gemeindliche Angebote einzuladen und dort einzubinden? Oder versteht sich die Kirchengemeinde stärker auch als ein wichtiger Akteur im Sozialraum/Quartier, geht sie dorthin, also „nach draußen“ und organisiert eine entsprechende aktive Beteiligung? Wie verändert sich dadurch Rolle und Aufgabenprofil der Kirchengemeinde? Nach meiner Überzeugung gibt es hier die Chance, dieses Profil zeitgemäß so weiterzuentwickeln, dass Relevanz, Ausstrahlungskraft und Potential von Kirchengemeinden vor Ort stärker erkennbar werden. Die im Rahmen des „Netzwerks Gemeinwesendiakonie und Quartiersarbeit RWL“ gesammelten Erfahrungen von Kirchengemeinden belegen dies eindrücklich.

Jedenfalls wird, so hoffe ich, deutlich, dass die hier beschriebene Aufgabe und Herausforderung deutlich weiter reicht als die Frage nach einem alternativen Nutzungskonzept für vorhandene kirchliche Immobilien. Aber auch dafür lohnt es, verantwortungsvolle und zukunftsweisende Perspektiven aufzeigen, entwickeln und umsetzen zu können. Wie kann der Weg dahin aussehen?

 

E. Anforderungen an Umgestaltungsprozesse – Aufgaben im Blick auf die Umsetzung

a. Erkundung

Wie eine neue Perspektive für die weitere – auskömmliche – Nutzung der Immobilien aussieht, hängt jeweils an vielen lokalen Faktoren und ist nicht zu verallgemeinern. Von daher gesehen gibt es nicht das „eine“ Modell, das man mehr oder weniger einheitlich umsetzen kann, sondern eine Vielzahl von Optionen (z.B. Ausbau als Kita, Senioreneinrichtung, Stadtteilzentrum, geförderter Wohnungsbau …), die im Einzelfall geprüft und entwickelt werden müssen. Ebenso sind die Vorstellungen und Möglichkeiten der Kirchengemeinden zu erfragen und zu berücksichtigen. Darüber hinaus ist die Information, Einbindung und, wo möglich, auch organisierte Beteiligung der örtlichen Wohnbevölkerung von Anfang an einzuplanen. Bereits jetzt vorhandene und potentiell weitere „Stakeholder“ und Kooperationspartner sind zu identifizieren und zu erfragen auf ihre jeweiligen Vorstellungen, Interessen und Möglichkeiten.

b. Planung von konkreten Modellen

Im Blick auf die Entwicklung konkreter Modelle sind so die jeweiligen lokalen Bedarfe zu berücksichtigen. Hier sind auch die Perspektiven der jeweiligen Kommune sowie die Entwicklung der Fördermittellandschaft von Bedeutung.

Im Blick auf die Frage der Finanzierung des Umbaus und der zukünftigen Nutzung kirchlicher Immobilien auch unter dem Gesichtspunkt der Refinanzierung der entstehenden Um- und Ausbaukosten ist von Beginn an eine mittel- bis langfristige Finanzplanung, eine entsprechende Abwicklung und ein starkes Controlling erforderlich. Die Aufgabe der Umgestaltungsplanung ist anspruchsvoller professioneller Art, an der unterschiedliche Disziplinen (BWL, Architektur, Stadtplanung, Ökologie) beteiligt sind. Weiter spielen Fragen der Gemeindeentwicklung und -organisation hier eine ebenso ­wichtige Rolle wie fachliche Gesichtspunkte, etwa der relevanten diakonischen Aufgabenfelder wie z.B. der Alten­hilfe.

Eine Bearbeitung all dieser Fragestellungen muss nicht im Rahmen einer Agentur selber gewährleistet werden; hier kann auf vorhandene Fachfirmen und auf bestehende kirchliche Strukturen und Träger zurückgegriffen werden. Auch wurde dieses Aufgabenfeld bereits von einer Vielzahl anderer Akteure entdeckt und wird von ihnen bearbeitet.

Die Steuerung solcher Prozesse muss aber zentral gewährleistet werden und sollte nicht von Partikularinteressen geleitet sein. Allein von daher erscheint eine „neutrale“, an kirchliche Leitungsstrukturen angebundene Struktur (wie es eine RTA ist) richtig und sinnvoll.

Die Entwicklung konkreter Modelle auf der Grundlage einer gründlichen Erkundung ist nur auf der Basis eines entsprechenden Vertrags und einer differenzierten schriftlichen Vereinbarung möglich, die mit den beteiligten Körperschaften zu schließen sind. Am Ende sollten ein oder mehrere Projektvorhaben entwickelt worden sein, die den jeweiligen Leitungsorganen vorgestellt werden und von ihnen beschlossen werden können.

c. Durchführung von Projekten

Die Durchführung entsprechender größerer Umbauprozesse (Dimension 5 bis 30 Mio. €) ist im Blick auf die fachlichen Erfordernisse zur Steuerung der damit verbundenen Prozesse eine anspruchsvolle, aber wie die Beispiele aus anderen Landeskirchen zeigen12, im Rahmen einer dafür qualifizierten Organisation verantwortlich und erfolgreich leistbare Aufgabe.

Eine vergleichbare Struktur gibt es m.W. im Bereich der Rheinischen, Lippischen oder der Westfälischen Landeskirche bisher nicht oder nur vereinzelt in Ansätzen. Entwicklung und Aufbau einer solchen Organisation stellen eine eigene Aufgabe dar. Dabei kann und sollte an vorhandenen Ressourcen etwa in Bereichen der kirchlichen Verwaltung (z.B. Finanz- oder Bauabteilungen), kirchlicher Wohnungsbau- und Immobiliengesellschaften oder diakonischer Träger angeknüpft werden. Ebenso sind die relevanten innerkirchlichen Ressourcen wie Institut für Kirche und Gesellschaft (Villigst), die Evang. Hochschule Bochum oder das Zentrum Gemeinde- und Kirchenentwicklung mit einzubinden. Die an anderer Stelle gemachten Erfahrungen (vgl. Endnote 12) legen es nahe, eine solche Organisation unter dem Dach der verfassten Kirche zu verorten.

Die Ausarbeitung einer dafür passenden, den Verhältnissen der EKiR, der EKvW oder der Lippischen Kirche angepassten landeskirchweiten Struktur kann auf der Grundlage der RTA als zusätzliche Aufgabe definiert und in die Bearbeitung gebracht werden.

 

F. Umsetzungsvorschlag RTA

a. Ausrichtung

Diese Einrichtung arbeitet in einer zu definierenden Region. Für die Kirchengemeinden und Kirchenkreise bietet diese Agentur folgende Dienstleistungen an:

¬ Beratung der Leitungsorgane und Schlüsselakteure im Blick auf Entwicklungsmöglichkeiten von kirchlichen Immobilien und Grundstücken als Alternativen zu Rückzug und Schließung;

¬ mit den Leitungsorganen vertraglich vereinbarte Aufträge zur Konzeptentwicklung bei einer beabsichtigen ökologischen wie wirtschaftlich nachhaltigen Weiterentwicklung von Immobilien;

¬ Begleitung bei Prozessen der Gestaltung und Weiterentwicklung organisierter gemeindlicher Arbeit, besonders bei neuen Formen des sozialraumbezogenen Engagements von Kirchengemeinden im Gemeindegebiet;

¬ Initiierung und Entwicklung von quartierbezogenen Projekten in Trägerschaft der Kirchengemeinde, diakonischer oder anderer Träger.

b. Aufgabenspektrum

Der Ausgangspunkt der Arbeit liegt in der Beratung der Leitungsorgane der beteiligten Körperschaften. Hier ist durch entsprechende Veranstaltungen (z.B. „Kirchen schließt man nicht“ – Wuppertal 2017) für diesen Ansatz zu werben, und Schlüsselpersonen sind anzuregen, sich für eine solche Perspektive zu öffnen.

Weiter sind Kontakte aufzubauen und zu pflegen zu den relevanten diakonischen Trägern in der Region und den im Landesverband und in den Landeskirchen in den relevanten Fachbereichen Verantwortlichen. Dann ist für die Akquise von Fördermittel eine stabile Arbeitsbeziehung zur entsprechenden Abteilung des Verbands besonders wichtig13.

Ebenso sind die in den Kommunen Verantwortlichen über diese neue Orientierung der Weiterentwicklung kirchlicher Arbeit in der Region fortlaufend zu informieren und im Rahmen der örtlichen Gegebenheiten und Möglichkeiten einzubinden.

Bei Planung und Entwicklung sind die Rahmenbedingungen der anstehenden ökologischen Transformation von Anfang an mit zu berücksichtigen und systematisch einzubeziehen14.

c. Anforderungsprofil

In dieser Einrichtung arbeiten Theologen, Sozialarbeiter und Ökonomen, sowie Experten für Architektur und Stadtentwicklung und auch Klimawandel zusammen (vgl. etwa das Modell der „multiprofessionellen Crews“15).

d. Umsetzungsschritte

Ausgangspunkt ist die Bereitschaft von einer oder mehreren kirchlichen Gebietskörperschaften (Kirchenkreise), eine solche Agentur über einen Zeitraum von mehreren Jahren hinweg aufzubauen. Dazu bilden diese Kirchenkreise aus ihren Reihen ein gemeinsames Steuerungsgremium als Gegenüber zu einer zu etablierenden Geschäftsführung. Weiter sollte aus dem Raum der Hochschulen ein fachliches Begleitgremium eingerichtet werden. Schließlich ist das Team für die erste Entwicklungsphase zu definieren und einzustellen.

Nach der Schaffung einer solchen Agentur sollten in einem ersten Schritt von den Leitungsorganen jeweils bezogen auf den eigenen Kirchenkreis konkrete Ansatzpunkte für Entwicklungsprozesse identifiziert und zusammengetragen werden. Hierfür sind entsprechende differenzierte Aufträge (Beratung/Konzeptentwicklung/Umsetzungsbegleitung) zu definieren und zu vereinbaren.

Schwerpunkte dafür sind:

1. Fördermittelberatung

2. Vermittlung zwischen verfassten kirchlichen und diakonischen Trägern und Einrichtungen in der Region, ggf. auch Kommunen und Kreisen

3. Akquise von Projektaufträgen bei den Kirchengemeinden.

e. Finanzierung

¬ Grundförderung aus Mitteln der beteiligten Kirchenkreise

¬ Modellentwicklung aus Mitteln der Landeskirche

¬ Förderung aus Mitteln wie dem Programm „Klimaanpassung in sozialen Einrichtungen“ für die Modellaufbau- und für die Umsetzungsphase

¬ Projektförderung bei erfolgreich abgeschlossenen Projekten.

Modelle wie die Gesellschaft „bauwerk“ zeigen, dass die Entwicklung einer solchen Arbeit einen komplexen Projektentwicklungsprozess darstellt und nur über einen Zeitraum von mehreren Jahren sinnvoll möglich ist. Rahmenbedingungen und Finanzkonzept sollten dies berücksichtigen. Im Rahmen einer fünfjährigen Anschubförderung erfolgt ein wachsender Anteil an der Finanzierung durch Projektakquise und Akquise von Fördermitteln. Eine Skalierbarkeit, d.h. die Übertragung auf andere Regionen, sollte von vorneherein mitbedacht werden.

 

G. Abschluss

Die hier vorgestellten Überlegungen und Planungen binden Erfahrungen und Erkenntnisse, die in den vergangenen Jahren an verschiedenen Stellen von mir gesammelt wurden, ein und stellen sie in einen stringenten Zusammenhang mit einer klaren strategischen Ausrichtung. Diese nimmt im Besonderen die Weiterentwicklung des kirchlichen Gebäude- und Grundstückbestandes in den Blick. Ein solches Instrument wie eine RTA vermag eine Weiterentwicklung kirchlicher Arbeit auf den verschiedenen Ebenen zu ermöglichen, befördern und erleichtern, die den oben darstellten Herausforderungen der Transformation auf gesellschaftlicher und organisatorischer Ebene angemessen begegnen und sie konstruktiv aufgreifen kann.

Die hier verfolgte Perspektive geht aber darüber hinaus; sie ist gespeist von der Hoffnung und Erwartung, dass die Wahrnehmung des kirchlichen Auftrags gemeinsam mit vielen zu neuen, relevanten und überzeugenden wie ermutigenden Formen und Gestalten kirchlicher Arbeit im eigenen Umfeld und damit zu neuen zeitgemäßen Formen der Verkündigung in dem unten beschriebenen Geist führt.

Lasst uns Gottes versammelte Großzügigkeiten werden
und seine Artisten sein,
die Welt überwinden,
nicht mit Leichtigkeit gewiss,
aber mit Zuversicht,
Geduld und Freundlichkeit …“          
(Hanns-Dieter Hüsch)

 

Anmerkungen

1 „Welt im Wandel“ – Hauptgutachten des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), 2011, 89.

2 Vgl. Uwe Schneidewind, Die Große Transformation, 11 et al.

3 Vgl. Steffen Schramm, Kirche als Organisation gestalten I, 180 et al.

4 Vgl. LS_75_2022_DS27 (https://landessynode.ekir.de/inhalt/ls2022-drucksachen/ (16.2.2022).

5 Schramm, Organisation I, 34.

6 Ebd., 35.

7 Vgl. Dietrich Bonhoeffer, Sanctorum Communio, 109.

8 Ebd., 111.

9 Ebd., 121.

10 Schneidewind, Transformation, 312.

11 Vgl. u.a. etwa das Modell der Vesperkirche im Kirchenkreis Niederberg/EKiR.

12 Etwa die rechtlich unselbstständige Gesellschaft „bauwerk“ des Kirchenkreises Hamburg-West-Südholstein; vgl. https://www.kirche-hamburg.de/wir-ueber-uns/kirchenkreis-hamburg-westsuedholstein/weitere-einrichtungen/bauwerk.html (12.4.2021).

13 Diakonie RWL – Zentrum Drittmittel und Fundraising – Leitung: Pfarrer Ulrich T. Christenn.

14 Ein gelungenes Modell für Konzeptentwicklung und konkrete Umsetzung transformatorischer Prozesse im Rahmen eines fünfjährigen transdisziplinären Forschungsprojektes war etwa die Klimaagentur der Stadt Essen.

15 Schramm, Organisation I, 629ff.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer Hans Höroldt, zuletzt Diakoniepfarrer und Leiter des Diakonischen Werks im Kirchenkreis Leverkusen, seit April 2022 Projektleiter "Entwicklung kirchlicher Immobilien im Bergischen Land", Sprecher des "Netzwerks Gemein­wesen­diakonie und Quartiersentwicklung in Rheinland, Westfalen und Lippe".

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 5/2022

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